Zusammenfassung von Die Kunst, recht zu behalten

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Die Kunst, recht zu behalten Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Für Schlaumeier und Besserwisser

Schopenhauer war sich sicher: Der Mensch ist von Natur aus rechthaberisch und eitel. In Diskussionen geht es ihm nicht um die Wahrheit, sondern allein darum, am Ende Recht zu behalten. Wie das gelingt, erklärt der Philosoph in seinem schmalen Ratgeber, der 38 rhetorische Kniffe enthält. Täuschung und Suggestion, spitzfindige Wortverdrehungen, Scheinargumente und bewusste Fehlschlüsse, alles ist erlaubt – wenn man Schopenhauer beim Wort nimmt. Je weiter man aber in der Lektüre ist, desto klarer wird, warum viele Schopenhauers Werk ironisch verstehen; gut möglich, dass die teils überspitzten Anweisungen eher dazu dienen, die verbreitete Diskussionstechnik seiner Zeitgenossen vorzuführen.

Take-aways

  • Schopenhauers Die Kunst, recht zu behalten aus dem Jahr 1830 ist ein Klassiker der Rhetorik.
  • Inhalt: In Streitgesprächen geht es nicht um Wahrheitsfindung, sondern allein darum, Recht zu behalten. Dazu kann man sich verschiedener Kunstgriffe bedienen, von Täuschung und Suggestion über spitzfindige Wortverdrehungen, Scheinargumente und bewusste Fehlschlüsse bis hin zu persönlichen Beleidigungen des Gegners.
  • Schopenhauer beschreibt 38 rhetorische Kunstgriffe und stützt sich dabei vor allem auf Aristoteles.
  • Die Schrift ist möglicherweise ironisch gemeint: Nach dieser Lesart führt Schopenhauer die Diskussionstechnik seiner Zeitgenossen vor und gibt damit indirekt zu verstehen, wie man es gerade nicht machen soll.
  • Grundlegend ist Schopenhauers pessimistisches Weltbild, wonach der Mensch von Natur aus rechthaberisch und eitel ist.
  • Der Autor selbst war für seine Streitlust und Kritiksucht bekannt.
  • Rückblickend behauptete er, seine Schrift mit dem Originaltitel Eristische Dialektik widere ihn an.
  • Die Kunst, recht zu behalten erlebte viele Auflagen und wird bis heute in Rhetorikratgebern zitiert.
  • Die unvollständig gebliebene Schrift erschien 1864 aus dem Nachlass.
  • Zitat: „Eristische Dialektik ist die Kunst zu disputieren, und zwar so zu disputieren, dass man recht behält (…)“
 

Zusammenfassung

Der rechthaberische Mensch

Der Mensch an sich ist rechthaberisch. Wenn jemand eine Meinung äußert, die der andere nicht teilt, so wird jener nicht seinen eigenen Standpunkt überdenken, sondern den Fehler beim anderen suchen. Um seine Ansicht zu verteidigen, bedient er sich einer bestimmen Art von Dialektik, der „Eristischen Dialektik“. Deren Ziel ist es, in einem Streitgespräch am Ende Recht zu behalten – egal ob man objektiv betrachtet im Recht oder Unrecht ist.

„Eristische Dialektik ist die Kunst zu disputieren, und zwar so zu disputieren, dass man recht behält (…)“ (S. 10)

Die Ursache für dieses Verhalten liegt darin, dass der Mensch von Natur aus schlecht ist. Es geht ihm nicht darum, in einem Gespräch zur Wahrheit vorzudringen oder richtig zu urteilen. Vielmehr treiben ihn seine angeborene Eitelkeit, Geschwätzigkeit und Unehrlichkeit dazu, auf seinem Standpunkt zu beharren. Der Grundsatz, erst zu denken und dann zu reden, liegt ihm fern.

Wortstreit als Kampf

Den wenigsten Menschen mangelt es an der Fähigkeit zu logischem Denken. Die richtigen Schlüsse zu ziehen, fällt kaum jemandem schwer. Allerdings weisen die meisten einen Mangel an dialektischem Vermögen auf. Sie lassen sich leicht durch falsche Argumente verwirren oder überzeugen. Argumente schlau und gewandt darzulegen, ist einem bestenfalls angeboren, aber durch Übung lässt sich die Dialektik auch erlernen.

„Um die Dialektik rein aufzustellen, muss man, unbekümmert um die objektive Wahrheit (welche Sache der Logik ist), sie bloß betrachten als die Kunst, recht zu behalten, welches freilich um so leichter sein wird, wenn man in der Sache selbst recht hat.“ (S. 17)

Der Wortstreit ist eine Art Fechtkampf. Sie müssen lernen, die eigenen Behauptungen zu verteidigen und gegnerische Angriffe abzuwehren. Ob das letztlich der Wahrheitsfindung dient, ist Nebensache. Deshalb ist es aus zweierlei Gründen wichtig, die Kunstgriffe der Dialektik zu kennen. Nicht nur können Sie sie bei Bedarf selbst anwenden. Sie erkennen sie auch beim Gegenüber und können sie so bei tatsächlichen Debatten sofort als solche entlarven.

„Der wahre Begriff der Dialektik ist also der aufgestellte: geistige Fechtkunst zum Rechtbehalten im Disputieren (...)“ (S. 19)

Grundsätzlich gibt es zwei Arten, die Behauptungen des Gegners zu widerlegen: zum einen „ad rem“, wobei man zeigt, dass das, was der andere sagt, nicht der objektiven Wahrheit entspricht; zum anderen „ad hominem“, wobei man dem anderen nachweist, dass seine Behauptungen nicht mit anderen Aussagen des Gegners übereinstimmen. Mit einer Widerlegung „ad rem“ greift man die Gründe einer These an und zeigt damit, dass die These nicht wahr ist. Mit einer Widerlegung „ad hominem“ greift man hingegen die Folgen der These an und beweist so, dass sie nicht wahr sein kann.

Wahre, falsche und versteckte Prämissen

Ein Kunstgriff, der schon bei Aristoteles zu finden ist, besteht darin, die Behauptung des Gegners ins Allgemeine zu erweitern und zu übertreiben. Dadurch bietet sie eine größere Angriffsfläche. Eigene Behauptungen sollten Sie dagegen möglichst einschränken und auf den Einzelfall, das Spezielle begrenzen. Dies kann Sie auch vor einem entsprechenden gegnerischen Angriff retten – wenn Sie etwa im Nachhinein Ihr Argument verfeinern und so Recht behalten, obwohl Sie diese Nuancierung zuvor nicht bedacht haben. Eine Möglichkeit, das Argument des Gegners auszuweiten, ist die Homonymie. Dabei werden zwei Dinge, die mit demselben Namen bezeichnet werden, aber eigentlich nichts miteinander zu tun haben, als gleichbedeutend behandelt. Indem Sie die eine Bedeutung desselben Begriffs widerlegen, können Sie also formal auch die andere widerlegen. Abgesehen davon können Sie etwas, das der Gegner relativ gemeint hat, auch ins Absolute erweitern und so seine Behauptung ins Leere laufen lassen. In all diesen Fällen hat der Gegner etwas Wahres behauptet und Sie selbst decken nur scheinbare Widersprüche auf, statt Gegenbeweise zu liefern. 

Ein anderer bewährter Trick ist es, den Gegner im Gespräch ganz nebenbei und quasi unbemerkt dazu zu bringen, dass er einzelne Prämissen zugibt. Sie können auch, ohne sich an eine logische Reihenfolge zu halten, die Prämissen der Prämissen anführen und den Gegner immer wieder einzelne bestätigen lassen. Er wird verwirrt sein und nicht bemerken, dass er schließlich alle notwendigen Prämissen zugegeben hat. Weigert der Gegner sich allerdings, die Prämissen zuzugeben, können Sie auch Prämissen anführen, die per se falsch, aber in Bezug auf die Folgen wahr sind. Wahre Behauptungen können auch auf falschen Voraussetzungen beruhen – allerdings nicht umgekehrt.

„Denn das Wahre kann auch aus falschen Prämissen folgen: wiewohl nie das Falsche aus wahren.“ (S. 33)

Möglich ist auch, die falschen Vorstellungen des Gesprächspartners mit anderen falschen Sätzen zu kontern, die er für richtig hält. Wenn er zum Beispiel einer Sekte angehört, deren Ideen sie selbst ablehnen, ist es möglich, die Vorstellungen dieser Sekte gegen ihn zu verwenden.

Verwirrung stiften und Emotionen nutzen

Ein weiterer Kniff besteht darin, Argumente zu verstecken und zu tarnen. Was eigentlich zu beweisen wäre, wird einfach als Voraussetzung formuliert, etwa indem man einen anderen Begriff verwendet – eine „petitio principii“. Beispielsweise können Sie statt von „Jungfernschaft“ allgemeiner von „Tugend“ sprechen. Oder Sie entlocken dem anderen durch weitschweifige Fragen Zugeständnisse und reihen diese dann schnell als Argumente zur Beweisführung aneinander. Wenn der andere etwas begriffsstutzig ist, wird er logische Fehler nicht bemerken. Außerdem kann es hilfreich sein, die Fragen nicht in der sinnvollen Reihenfolge zu stellen. Das bringt den anderen durcheinander, ebenso wie viele Fragen auf einmal zu stellen. Wenn Sie merken, dass der Gegner Sie durchschaut und die Fragen, von denen Sie möchten, dass er sie bejaht, gerade deshalb verneint, können Sie ihn einfach das Gegenteil so fragen, als erwarteten Sie eine Bejahung.

Auch Emotionen eignen sich dazu, im Streitgespräch die Oberhand zu gewinnen. Wer dem anderen ungerechterweise Dinge unterstellt oder ihm unverschämt kommt, reizt ihn. In seiner Wut ist er nicht mehr in der Lage, ein Urteil zu fällen oder das Gespräch zu seinen Gunsten zu wenden. Wenn Sie merken, dass ihn etwas besonders zornig macht, sollten Sie darauf beharren; ziemlich sicher ist das die Schwachstelle seiner Argumentation.

Täuschung und Suggestion

Bei der Methode der Induktion präsentieren Sie dem Gegner verschiedene Fälle, aus denen Sie eine allgemeine Wahrheit ableiten möchten. Wenn der andere Ihnen nun im Hinblick auf die einzelnen Fälle Recht gibt, müssen Sie so tun, als habe er auch das, was sich daraus ergibt, anerkannt. Am Ende wird er selbst glauben, er habe es getan. Oder Sie lassen ihn ein paar Prämissen zugeben und ziehen daraus selbst den Schluss, ohne ihn eigens danach zu fragen.

Einen anderen Kunstgriff findet man bei verschiedenen Institutionen: Je nachdem, welche Position man vertritt, verwendet man positive oder abwertende Begriffe. Indem man beispielsweise „Kultus“ statt „öffentliche Glaubenslehre“ oder „Glaubenseifer“ statt „Fanatismus“ sagt, suggeriert man schon durch die Worte, was eigentlich erst zu beweisen wäre.

„Es gilt vom Namen der Sachen auch, wo sie mehr eigentlich sind: z. B. hat der Gegner irgend eine Veränderung vorgeschlagen, so nenne man sie ‚Neuerung‘: denn dies Wort ist gehässig. Umgekehrt, wenn man selbst der Vorschläger ist.“ (S. 40)

Damit der andere Ihre These annimmt, ist es auch hilfreich, das Gegenteil übertrieben darzustellen. Wollen Sie beispielsweise, dass der andere den Satz akzeptiert, dass Kinder ihren Eltern unbedingt gehorchen sollen, können Sie ihn umgekehrt fragen: Meinst du etwa, dass Kinder ihren Eltern in keinem Fall gehorchen sollten? Um nichts Unsinniges zu sagen, wird er Ihnen beipflichten.

Frech kommt weiter

Wenn alles nichts hilft und der Gegner unsicher oder dumm ist, können Sie auch einfach lautstark proklamieren, die eigene These sei damit bewiesen. Sie müssen nur unverschämt genug sein und eine laute Stimme haben. Sind Sie sich selbst Ihrer Argumente nicht ganz sicher, können Sie auch einfach eine Aussage machen, die man sowohl verwerfen als auch beweisen könnte. Wird sie vom Gegner negiert, können Sie sie ad absurdum führen und gewinnen so die Oberhand. Bestätigt der Gegner sie allerdings, gibt er damit auch zu, dass Sie etwas Richtiges gesagt haben. Besonders dreist sind Sie, wenn Sie behaupten, dass damit die eigene These bewiesen sei.

Stellt der Gegner eine These auf, müssen Sie schauen, ob sie vielleicht im Widerspruch zu seinen früheren Behauptungen oder zu den Prinzipien von Denkschulen oder Sekten, denen er bereits zugestimmt hat, steht. Sie können auch seine Behauptung seinem Handeln gegenüberstellen und hier vermeintliche Widersprüche aufdecken. Wenn der Gegner etwa den Selbstmord verteidigt, fragen Sie ihn am besten gleich lautstark, warum er sich nicht umbringt.

„Oder er behauptet z. B., Berlin sei ein unangenehmer Aufenthalt: gleich schreit man: warum fährst du nicht gleich mit der ersten Schnellpost ab?“ (S. 45)

Ein weiterer Kunstgriff besteht darin, dem Gegner die Sätze im Mund zu verdrehen und ihm zu unterstellen, er habe abwegige oder sogar gefährliche Auffassungen vertreten, auch wenn er das gar nicht getan hat. Das ist eine Art der indirekten Widerlegung: Wenn sich aus seiner These solche Absurditäten ableiten lassen, dann ist diese selbst absurd.

Angriffe parieren

Sind Sie selbst in die Defensive geraten und merken, dass die eigenen Argumente nicht ziehen, kann es hilfreich sein, von der Sache abzulenken, das Gespräch ins Allgemeine, Unverbindliche auszuweiten oder es einfach abzubrechen. Sie können auch ganz plötzlich das Thema wechseln und so tun, als sei das ein Argument gegen die Behauptung des anderen. Erkennen Sie ein gegnerisches Argument als Scheinargument, können Sie es einerseits auflösen oder Sie begegnen ihm mit einem Argument auf derselben Ebene und fertigen ihn so ab.

Greift der Gegner mit einem wirklich guten Gegenargument an, das Ihre eigene These sofort widerlegen würde, behandeln Sie es einfach so, als sei es eine petitio principii und würde damit nicht greifen. Die Zuschauer werden den Unterschied nicht bemerken.

Durch Widerspruch können Sie den Gegner dazu bringen, dass er seine an sich richtige Aussage so weit steigert und übertreibt, dass sie schließlich absurd erscheint und er sie damit selbst widerlegt. Sie müssen sich aber vorsehen, nicht selbst in diese Situation zu geraten. Auch Versuche des Gegners, Ihre Argumente zu übertreiben und damit zu widerlegen, müssen Sie von Anfang an abschmettern und klarstellen, was Sie gesagt haben und was nicht. 

„Der Widerspruch und der Streit reizt zur Übertreibung der Behauptung.“ (S. 52)

Vorsicht ist auch bei sogenannten Instanzen geboten. Dies sind Beispiele, die der Gegner nennt, um Ihre Theorie zu falsifizieren. Meist braucht es dazu nur eine einzige Instanz: Der Satz „Alle Wiederkäuer sind gehörnt“ etwa lässt sich allein mit der Instanz des Kamels widerlegen. Es gilt aber, genau zu prüfen, ob es sich dabei um einen tatsächlichen oder nur scheinbaren Widerspruch handelt, was oft der Fall ist.

Publikum und Autoritäten

Wenn Ihnen die Argumente ausgehen, können Sie sich eines weiteren Mittels bedienen: des Publikums – sofern es kein profundes Wissen von dem Gegenstand der Diskussion hat. Dann nämlich können Sie einen Einwand machen, der ungültig ist und die Aussage des anderen ins Lächerliche zieht, was das Publikum besonders gern mag. Um die Absurdität Ihres Einwurfs nachzuweisen, müsste der Gegner ins Detail gehen und wissenschaftliche Fakten anführen, worauf das Publikum aber keine Lust hat.

„Die Nichtigkeit des Einwurfs zu zeigen, müsste der Gegner eine lange Auseinandersetzung machen und auf die Prinzipien der Wissenschaft oder sonstige Angelegenheiten zurückgehn: dazu findet er nicht leicht Gehör.“ (S. 57)

Eine weitere Möglichkeit, die bei den meisten Menschen Wirkung zeigt, besteht darin, sich auf Autoritäten zu berufen, die der andere anerkennt. Besonders bei einfachen Leuten ist die Autoritätshörigkeit stark ausgeprägt. Haben Sie keine passende Autorität zur Hand, reicht es auch, sich auf eine zu berufen, die nur scheinbar passt. Zur Not erfinden Sie Autoritäten oder Zitate – es wird Ihnen ohnehin niemand etwas nachweisen können. Gerade Ungebildete haben großen Respekt vor Autoritäten, die sie nicht verstehen. Wenn der Gegner Sie oft Dinge sagen hört, die er nicht nachvollziehen kann, ist es leicht, ihm mit gelehrt klingendem Quatsch zu imponieren.

„Kurzum, denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen Alle haben: was bleibt da anderes übrig, als dass sie solche, statt sie sich selber zu machen, ganz fertig von Andern aufnehmen?“ (S. 64)

Eine spezielle Art von Autorität bilden Vorurteile. Eine Ansicht kann noch so absurd sein – sobald man den Menschen eingeredet hat, dass sie allgemein vorherrscht, werden sie auch davon überzeugt sein, da sie nicht selbst denken, sondern nur übernehmen. Was man als öffentliche Meinung bezeichnet, ist im Grunde nur die Meinung von ein paar Personen, die allgemein als klug gelten. Statt ihre Aussagen zu prüfen, übernimmt man sie unhinterfragt, und so steigt die Zahl der Leute, die daran glauben. Wenn es erst genügend Anhänger dieser Theorie gibt, nimmt man an, sie sei begründet. Die wenigen Menschen, die über genügend Urteilskraft verfügen, schweigen, denn sie wollen nicht als Besserwisser oder Unruhestifter dastehen.

Interessenkonflikte und persönliche Beleidigungen

Sofern Sie beim Publikum höher angesehen sind als der andere, können Sie auch auf Ironie zurückgreifen, um gegnerische Argumente zu entkräften. Wissen Sie auf eines keine Antwort, können Sie etwa ironisch behaupten, das, was der andere gesagt habe, übersteige Ihr Auffassungsvermögen. Sie können die Behauptung des Gegners auch leicht abtun, indem Sie sie als irgendeinen unbeliebten „-ismus“ abstempeln, etwa Spinozismus, Idealismus oder Rationalismus. Oder Sie geben zu, sie sei vielleicht in der Theorie gültig, aber in der Praxis nicht umsetzbar. Ein hocheffizienter Kunstgriff, der alle anderen überflüssig macht, ist, dem Gegner zu verdeutlichen, dass seine Aussage im Widerspruch zu seinen Interessen oder denen der Institution steht, der er und bestenfalls das Publikum angehören. Glück haben Sie auch, wenn der Gegner zwar mit seiner Position Recht hat, aber ein schlechtes Argument dafür wählt, das sich leicht – und stellvertretend für seine Position – zerschlagen lässt.

„Kann man dem Gegner fühlbar machen, dass seine Meinung, wenn sie gültig würde, seinem Interesse merklichen Abbruch täte; so wird er sie so schnell fahren lassen, wie ein heißes Eisen, das er unvorsichtigerweise ergriffen hatte.“ (S. 71)

Wenn Sie allerdings feststellen, dass das Spiel verloren ist, können Sie zu persönlichen Beleidigungen übergehen – ein sehr beliebtes und einfach anzuwendendes Mittel. Grobheiten, Häme – alles ist erlaubt. Hauptsache, es hat nichts mit der Sache zu tun, denn dort hat der Gegner die Oberhand.

„Beim Persönlichwerden aber verlässt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist die Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit.“ (S. 75)

Damit Sie selbst vor solchen Situationen bewahrt bleiben, sollten Sie nur mit solchen Leuten diskutieren, die Ihnen hinsichtlich ihres Verstandes und Ihres Wissens ebenbürtig sind, die Wahrheit schätzen und zuhören können – was auf die wenigsten zutrifft. Dann aber können Dispute durchaus von Nutzen sein und dazu führen, dass beide Gesprächspartner ihre Ideen korrigieren und zu neuen Ansichten gelangen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Arthur Schopenhauers Die Kunst, recht zu behalten unterteilt sich nach einer kurzen Einleitung in 38 Abschnitte, in denen jeweils ein rhetorischer Kunstgriff vorgestellt wird. Manche dieser Abschnitte umfassen nur wenige Sätze, andere sind mehrere Seiten lang. Immer wieder führt der Autor Beispiele aus der Praxis an. Sie reichen von naturwissenschaftlichen über religiöse bis hin zu ethisch-moralischen Themen, wie etwa der Frage, ob Selbstmord erlaubt sei. Die Beispiele sind lebensnah und scheinen alltäglichen Gesprächen entnommen zu sein. In einer Anmerkung führt Schopenhauer dazu aus, ausgedachte Beispiele seien meist nicht treffend, weshalb sie aus der tatsächlichen Erfahrung stammen sollten. Anfangs scheint das Buch durch den Bezug auf antike Lehre der Rhetorik noch sehr ernsthaft. Je weiter das Buch fortschreitet, desto heiterer und amüsanter wird der Tonfall.

Interpretationen

  • Bereits in der Einleitung zu seinem Buch nimmt Schopenhauer Bezug auf Aristoteles und dessen Topik. Er grenzt sich von ihm ab und wirft Aristoteles vor, er vermische Logik und Dialektik, wenn er als Zweck des dialektischen Disputs die Wahrheitssuche nenne. Dialektik habe nichts mit objektiver Wahrheit zu tun, sondern es gehe allein darum, Recht zu behalten. Bei der Erörterung der einzelnen Kunstgriffe bezieht sich Schopenhauer jedoch immer wieder positiv auf Aristoteles.
  • Zu den wesentlichen Techniken der Eristik, also der Lehre vom Streitgespräch, zählen Scheinargumente und bewusste Fehlschlüsse, die Schopenhauer abschätzig als „Sophismen“ bezeichnet. Damit nimmt er Bezug auf die Sophisten, eine Gruppe griechischer gebildeter Männer, die im fünften Jahrhundert v. Chr. gegen Bezahlung Philosophie und Rhetorik unterrichteten.
  • Schopenhauer lässt sich scheinbar nicht von ethischen, sondern allein von rhetorischen Grundsätzen leiten. Jedes Mittel scheint ihm recht zu sein, um im Gespräch die Oberhand zu behalten. Spätestens im letzten Kapitel des Ratgebers wird aber deutlich, dass das Ganze ironisch gemeint ist, wenn der Autor Unverschämtheit und persönliche Beleidigung empfiehlt oder wenn er betont, dass tatsächlich gute Gespräche mit intelligenten und wahrheitsliebenden Menschen stattfinden können.
  • Schopenhauers Kunstgriffe richten sich vor allem an die halbgebildeten Bürger, die in den Salons des 19. Jahrhundert gepflegte Konversation betrieben. Ganz nebenbei führt der Autor den Diskussionsstil seiner Zeitgenossen vor und liefert Beispiele für spitzfindige Argumentationen und dadurch verursachte Fehlschlüsse.
  • Die Grundlage für Schopenhauers Buch bildet sein pessimistisches Menschenbild. Mit Bezug auf Thomas Hobbes erklärt Schopenhauer, der Mensch sei eitel und ziehe seine größte Befriedigung aus dem Vergleich mit anderen. Der Disput gebe ihm Anlass, sich anderen geistig überlegen zu fühlen. Der Durchschnittsmensch, den Schopenhauer auch als „Fabrikware der Natur“ bezeichnet, bedarf zur Selbsterhaltung Illusionen und lebensbejahender Weltanschauungen, die die öffentliche Meinung bilden.

Historischer Hintergrund

Dialektik als Dialogtechnik

In der antiken Rhetorik bildete die Dialektik eine eigene Disziplin, die der Wahrheitsfindung dient. Erstmals taucht der Begriff „dialektikê“ in Platons Politik auf. Darauf aufbauend entfaltete Aristoteles in seiner Schrift Topik seine Theorie der dialektischen Argumentation. Als „dialektisch“ bezeichnet er Schlüsse und Argumente, die nicht von wissenschaftlichen Prämissen, sondern von Meinungen ausgehen. Die dialektische Argumentation vollzieht sich als eine Disputation, bei der die Kontrahenten entgegengesetzte Auffassungen vertreten. Dabei übernimmt einer die Rolle des Angreifers, der die Auffassung des anderen zu widerlegen sucht. Dieser wiederum hat die Aufgabe, seine Ansicht zu verteidigen und möglichst widerspruchsfrei zu vertreten. Im Zentrum stehen formale Kriterien und es geht unter anderem darum, Sätze aufgrund unzureichender Definitionen zu widerlegen. Ferner gilt es zu prüfen, ob spezifische Aussagen im Widerspruch zu allgemeineren Sätzen stehen oder umgekehrt allgemeinere Behauptungen auf alle Einzelfälle zutreffen. Aristoteles bietet den Disputanten Regeln und teilweise praktische Tipps, die sie beachten sollten, um ein gutes Streitgespräch zu führen.

Der Begriff „Eristik“, der sich von Eris, der griechischen Göttin der Zwietracht und des Streits herleitet, bezeichnet bei Platon und Aristoteles den wissenschaftlichen Meinungsstreit, aber auch das von beiden eher negativ bewertete Streiten, nur um Recht zu haben. Dabei beziehen sie sich insbesondere auf die von den Sophisten entwickelte Dialogtechnik, mit der eigentlich alles bewiesen oder widerlegt werden kann, weil es eben nur um das Rechthaben geht, nicht um die Wahrheit.

Bis weit ins Mittelalter stellte der dialektische Disput einen wichtigen Bestandteil der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung und Begriffsbildung dar. So war die Kunst des Disputierens auch Teil der im Mittelalter so beliebten Scholastik. Im Zuge der Aufklärung im 18. Jahrhundert erlebte die sogenannte ars disputatoria eine neue Blütezeit, nicht nur auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft, sondern auch im Bereich der Philosophie und Theologie. In den Lexika jener Zeit finden sich zahlreiche Artikel zur „Disputierkunst“, womit eine ausgefeilte rhetorische Technik gemeint war. Immanuel Kant allerdings betonte die Nähe von Dialektik und Rhetorik, Sophistik und Eristik, die in seinen Augen nicht der Wahrheitsfindung dienten, sondern eine „Logik des Scheins“ darstellten, eine „sophistische Kunst, seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsätzlichen Blendwerken den Anstrich der Wahrheit zu geben“.

Entstehung

Bereits als Schüler fiel Arthur Schopenhauer durch seine Kritiksucht auf. Seine Mutter Johanna Schopenhauer unterhielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Weimar einen literarischen Salon, der von prominenten Denkern wie Johann Wolfgang von Goethe und Christoph Martin Wieland besucht wurde. In einem Brief bat sie ihren Sohn, er möge seinen „Disputiergeist“ auf ihren Veranstaltungen zu Hause lassen. Sie warf ihm vor, er sei „zu absprechend, zu verachtend“ gegenüber Andersdenkenden, und forderte ihn zu mehr Toleranz auf.

Auch beim Studium in Göttingen, wo Schopenhauer 1809 zunächst Medizin, später Philosophie studierte, war er für seine rücksichtslose Art des Diskutierens bekannt. Ein Mitstudent schrieb über den jungen Schopenhauer: „Sein Disputieren ist rauh und eckig und sein Ton trotzig wie seine einzige Stirn, sein Absprechen im Eifer und seine Paradoxie furchtbar.“ Goethe gehörte zu den ersten Lesern von Schopenhauers Schriften, kannte er ihn doch noch aus dem Salon von dessen Mutter. Schopenhauer begann allerdings bald, Theorien zu entwickeln, die der Farbenlehre, an der Goethe aktuell arbeitete, widersprachen, und der Kontakt löste sich. In den 1810er-Jahren besuchte Schopenhauer in Dresden regelmäßig einen literarischen Zirkel. Ein Zeitzeuge berichtet von regelrechten Kampfgesprächen, in denen Schopenhauer das Publikum mit seinen Sarkasmen und gelehrten Zitaten beeindruckte.

Als Schopenhauer um 1830 seine Eristische Dialektik verfasste, lebte er in Berlin, wohin er gezogen war, um eine Dozentenstelle anzutreten. Allerdings wurde seine Vorlesung mangels Interesse der Studenten nicht fortgesetzt. Schopenhauer erlebte eine existenzielle Krise: Seine Universitätskarriere war ebenso gescheitert wie seine Affäre mit der Tänzerin Caroline Medon, sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung wurde kaum wahrgenommen. Vergeblich versuchte er, an Übersetzungsaufträge zu gelangen, und verfasste nebenbei kleinere Schriften. Das Manuskript der Eristischen Dialektik wurde in seinem handschriftlichen Nachlass gefunden und 1864 von Julius Frauenstädt, dem Herausgeber von Schopenhauers erster Gesamtausgabe, veröffentlicht.

Wirkungsgeschichte

Schopenhauer erlebte nicht mehr, wie sein kleines Buch vom Publikum aufgenommen wurde. Er selbst distanzierte sich bereits 1851 von dem unvollendet gebliebenen Buch. In Parerga und Paralipomena schrieb er dazu: „Die Beleuchtung aller dieser Schlupfwinkel der mit Eigensinn, Eitelkeit und Unredlichkeit verschwisterten Beschränktheit und Unfähigkeit widert mich jetzt an.“

Die Kunst, recht zu behalten – so lautete der ursprüngliche Untertitel der Eristischen Dialektik, der später zum Haupttitel wurde – erlebte viele neue Auflagen und war bald schon ein moderner Klassiker. Im 20. Jahrhundert wurde das Buch immer wieder in Schriften zur Rhetorik erwähnt, zuerst im Werk des Sprachwissenschaftlers Karl Otto Erdmann aus dem Jahr 1924, das denselben Namen trug wie Schopenhauers kleine Schrift. Bis heute berufen sich rhetorische Ratgeber auf sie, ohne allerdings auf den ironischen und teilweise polemischen Charakter des Werkes hinzuweisen.

Über den Autor

Arthur Schopenhauer wird am 22. Februar 1788 in Danzig geboren. Als er fünf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Hamburg um. Sein Vater gehört zu den königlichen Kaufleuten der Handelsstadt Danzig. Wie er soll auch der Sohn Kaufmann werden. Nach dem Unfalltod des Vaters 1805 wird das Familiengeschäft aufgelöst. Schopenhauer macht zu dieser Zeit noch eine Kaufmannslehre, geht aber dann seinen geistigen Interessen nach und studiert ab 1809 Philosophie in Göttingen, wo er sich unter anderem mit antiken Denkern und mit Kant beschäftigt. 1811 geht er nach Berlin und wird Schüler von Friedrich Schleiermacher und Johann Gottlieb Fichte, von denen er sich jedoch bald abwendet. Zwei Jahre später stellt Schopenhauer seine Dissertation Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde fertig. Er zieht nach Weimar und schließlich nach Dresden und beschäftigt sich mit Goethes Farbenlehre, die er in einem Essay würdigt (Über das Sehen und die Farben, 1816). Neben dem Studium Kants und Platons setzt sich Schopenhauer auch mit indischer Philosophie auseinander. In Dresden erscheint 1819 der erste Teil seines Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung. Nach einer Italienreise beginnt er, an der Berliner Universität zu lehren. Seine Feindschaft mit Hegel verleitet ihn dazu, jede seiner Vorlesungen zeitgleich mit denen seines Rivalen abzuhalten – was dazu führt, dass Hegels Vorlesungen voll, Schopenhauers jedoch weitgehend leer sind. Hegel fällt in Berlin einer Choleraepidemie zum Opfer, der Schopenhauer knapp entkommt, indem er nach Frankfurt am Main reist. Er widmet sich der Verfassung weiterer Schriften und dem tieferen Studium der buddhistischen und hinduistischen Philosophie sowie der Mystik. 1844 erscheint der zweite Teil von Die Welt als Wille und Vorstellung. Arthur Schopenhauer stirbt am 21. September 1860 in Frankfurt am Main.


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