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Arthur Schopenhauer
Die Kunst, recht zu behalten
Reclam, 2014
Was ist drin?
Schopenhauers ebenso lehrreiche wie amĂŒsante Techniken, um in Wortgefechten stets die Oberhand zu behalten.
- Philosophie
- Moderne
Worum es geht
FĂŒr Schlaumeier und Besserwisser
Schopenhauer war sich sicher: Der Mensch ist von Natur aus rechthaberisch und eitel. In Diskussionen geht es ihm nicht um die Wahrheit, sondern allein darum, am Ende Recht zu behalten. Wie das gelingt, erklĂ€rt der Philosoph in seinem schmalen Ratgeber, der 38 rhetorische Kniffe enthĂ€lt. TĂ€uschung und Suggestion, spitzfindige Wortverdrehungen, Scheinargumente und bewusste FehlschlĂŒsse, alles ist erlaubt â wenn man Schopenhauer beim Wort nimmt. Je weiter man aber in der LektĂŒre ist, desto klarer wird, warum viele Schopenhauers Werk ironisch verstehen; gut möglich, dass die teils ĂŒberspitzten Anweisungen eher dazu dienen, die verbreitete Diskussionstechnik seiner Zeitgenossen vorzufĂŒhren.
Take-aways
- Schopenhauers Die Kunst, recht zu behalten aus dem Jahr 1830 ist ein Klassiker der Rhetorik.
- Inhalt: In StreitgesprĂ€chen geht es nicht um Wahrheitsfindung, sondern allein darum, Recht zu behalten. Dazu kann man sich verschiedener Kunstgriffe bedienen, von TĂ€uschung und Suggestion ĂŒber spitzfindige Wortverdrehungen, Scheinargumente und bewusste FehlschlĂŒsse bis hin zu persönlichen Beleidigungen des Gegners.
- Schopenhauer beschreibt 38 rhetorische Kunstgriffe und stĂŒtzt sich dabei vor allem auf Aristoteles.
- Die Schrift ist möglicherweise ironisch gemeint: Nach dieser Lesart fĂŒhrt Schopenhauer die Diskussionstechnik seiner Zeitgenossen vor und gibt damit indirekt zu verstehen, wie man es gerade nicht machen soll.
- Grundlegend ist Schopenhauers pessimistisches Weltbild, wonach der Mensch von Natur aus rechthaberisch und eitel ist.
- Der Autor selbst war fĂŒr seine Streitlust und Kritiksucht bekannt.
- RĂŒckblickend behauptete er, seine Schrift mit dem Originaltitel Eristische Dialektik widere ihn an.
- Die Kunst, recht zu behalten erlebte viele Auflagen und wird bis heute in Rhetorikratgebern zitiert.
- Die unvollstÀndig gebliebene Schrift erschien 1864 aus dem Nachlass.
- Zitat: âEristische Dialektik ist die Kunst zu disputieren, und zwar so zu disputieren, dass man recht behĂ€lt (âŠ)â
Zusammenfassung
Der rechthaberische Mensch
Der Mensch an sich ist rechthaberisch. Wenn jemand eine Meinung Ă€uĂert, die der andere nicht teilt, so wird jener nicht seinen eigenen Standpunkt ĂŒberdenken, sondern den Fehler beim anderen suchen. Um seine Ansicht zu verteidigen, bedient er sich einer bestimmen Art von Dialektik, der âEristischen Dialektikâ. Deren Ziel ist es, in einem StreitgesprĂ€ch am Ende Recht zu behalten â egal ob man objektiv betrachtet im Recht oder Unrecht ist.
âEristische Dialektik ist die Kunst zu disputieren, und zwar so zu disputieren, dass man recht behĂ€lt (âŠ)â (S. 10)
Die Ursache fĂŒr dieses Verhalten liegt darin, dass der Mensch von Natur aus schlecht ist. Es geht ihm nicht darum, in einem GesprĂ€ch zur Wahrheit vorzudringen oder richtig zu urteilen. Vielmehr treiben ihn seine angeborene Eitelkeit, GeschwĂ€tzigkeit und Unehrlichkeit dazu, auf seinem Standpunkt zu beharren. Der Grundsatz, erst zu denken und dann zu reden, liegt ihm fern.
Wortstreit als Kampf
Den wenigsten Menschen mangelt es an der FĂ€higkeit zu logischem Denken. Die richtigen SchlĂŒsse zu ziehen, fĂ€llt kaum jemandem schwer. Allerdings weisen die meisten einen Mangel an dialektischem Vermögen auf. Sie lassen sich leicht durch falsche Argumente verwirren oder ĂŒberzeugen. Argumente schlau und gewandt darzulegen, ist einem bestenfalls angeboren, aber durch Ăbung lĂ€sst sich die Dialektik auch erlernen.
âUm die Dialektik rein aufzustellen, muss man, unbekĂŒmmert um die objektive Wahrheit (welche Sache der Logik ist), sie bloĂ betrachten als die Kunst, recht zu behalten, welches freilich um so leichter sein wird, wenn man in der Sache selbst recht hat.â (S. 17)
Der Wortstreit ist eine Art Fechtkampf. Sie mĂŒssen lernen, die eigenen Behauptungen zu verteidigen und gegnerische Angriffe abzuwehren. Ob das letztlich der Wahrheitsfindung dient, ist Nebensache. Deshalb ist es aus zweierlei GrĂŒnden wichtig, die Kunstgriffe der Dialektik zu kennen. Nicht nur können Sie sie bei Bedarf selbst anwenden. Sie erkennen sie auch beim GegenĂŒber und können sie so bei tatsĂ€chlichen Debatten sofort als solche entlarven.
âDer wahre Begriff der Dialektik ist also der aufgestellte: geistige Fechtkunst zum Rechtbehalten im Disputieren (...)â (S. 19)
GrundsĂ€tzlich gibt es zwei Arten, die Behauptungen des Gegners zu widerlegen: zum einen âad remâ, wobei man zeigt, dass das, was der andere sagt, nicht der objektiven Wahrheit entspricht; zum anderen âad hominemâ, wobei man dem anderen nachweist, dass seine Behauptungen nicht mit anderen Aussagen des Gegners ĂŒbereinstimmen. Mit einer Widerlegung âad remâ greift man die GrĂŒnde einer These an und zeigt damit, dass die These nicht wahr ist. Mit einer Widerlegung âad hominemâ greift man hingegen die Folgen der These an und beweist so, dass sie nicht wahr sein kann.
Wahre, falsche und versteckte PrÀmissen
Ein Kunstgriff, der schon bei Aristoteles zu finden ist, besteht darin, die Behauptung des Gegners ins Allgemeine zu erweitern und zu ĂŒbertreiben. Dadurch bietet sie eine gröĂere AngriffsflĂ€che. Eigene Behauptungen sollten Sie dagegen möglichst einschrĂ€nken und auf den Einzelfall, das Spezielle begrenzen. Dies kann Sie auch vor einem entsprechenden gegnerischen Angriff retten â wenn Sie etwa im Nachhinein Ihr Argument verfeinern und so Recht behalten, obwohl Sie diese Nuancierung zuvor nicht bedacht haben. Eine Möglichkeit, das Argument des Gegners auszuweiten, ist die Homonymie. Dabei werden zwei Dinge, die mit demselben Namen bezeichnet werden, aber eigentlich nichts miteinander zu tun haben, als gleichbedeutend behandelt. Indem Sie die eine Bedeutung desselben Begriffs widerlegen, können Sie also formal auch die andere widerlegen. Abgesehen davon können Sie etwas, das der Gegner relativ gemeint hat, auch ins Absolute erweitern und so seine Behauptung ins Leere laufen lassen. In all diesen FĂ€llen hat der Gegner etwas Wahres behauptet und Sie selbst decken nur scheinbare WidersprĂŒche auf, statt Gegenbeweise zu liefern.
Ein anderer bewĂ€hrter Trick ist es, den Gegner im GesprĂ€ch ganz nebenbei und quasi unbemerkt dazu zu bringen, dass er einzelne PrĂ€missen zugibt. Sie können auch, ohne sich an eine logische Reihenfolge zu halten, die PrĂ€missen der PrĂ€missen anfĂŒhren und den Gegner immer wieder einzelne bestĂ€tigen lassen. Er wird verwirrt sein und nicht bemerken, dass er schlieĂlich alle notwendigen PrĂ€missen zugegeben hat. Weigert der Gegner sich allerdings, die PrĂ€missen zuzugeben, können Sie auch PrĂ€missen anfĂŒhren, die per se falsch, aber in Bezug auf die Folgen wahr sind. Wahre Behauptungen können auch auf falschen Voraussetzungen beruhen â allerdings nicht umgekehrt.
âDenn das Wahre kann auch aus falschen PrĂ€missen folgen: wiewohl nie das Falsche aus wahren.â (S. 33)
Möglich ist auch, die falschen Vorstellungen des GesprĂ€chspartners mit anderen falschen SĂ€tzen zu kontern, die er fĂŒr richtig hĂ€lt. Wenn er zum Beispiel einer Sekte angehört, deren Ideen sie selbst ablehnen, ist es möglich, die Vorstellungen dieser Sekte gegen ihn zu verwenden.
Verwirrung stiften und Emotionen nutzen
Ein weiterer Kniff besteht darin, Argumente zu verstecken und zu tarnen. Was eigentlich zu beweisen wĂ€re, wird einfach als Voraussetzung formuliert, etwa indem man einen anderen Begriff verwendet â eine âpetitio principiiâ. Beispielsweise können Sie statt von âJungfernschaftâ allgemeiner von âTugendâ sprechen. Oder Sie entlocken dem anderen durch weitschweifige Fragen ZugestĂ€ndnisse und reihen diese dann schnell als Argumente zur BeweisfĂŒhrung aneinander. Wenn der andere etwas begriffsstutzig ist, wird er logische Fehler nicht bemerken. AuĂerdem kann es hilfreich sein, die Fragen nicht in der sinnvollen Reihenfolge zu stellen. Das bringt den anderen durcheinander, ebenso wie viele Fragen auf einmal zu stellen. Wenn Sie merken, dass der Gegner Sie durchschaut und die Fragen, von denen Sie möchten, dass er sie bejaht, gerade deshalb verneint, können Sie ihn einfach das Gegenteil so fragen, als erwarteten Sie eine Bejahung.
Auch Emotionen eignen sich dazu, im StreitgesprÀch die Oberhand zu gewinnen. Wer dem anderen ungerechterweise Dinge unterstellt oder ihm unverschÀmt kommt, reizt ihn. In seiner Wut ist er nicht mehr in der Lage, ein Urteil zu fÀllen oder das GesprÀch zu seinen Gunsten zu wenden. Wenn Sie merken, dass ihn etwas besonders zornig macht, sollten Sie darauf beharren; ziemlich sicher ist das die Schwachstelle seiner Argumentation.
TĂ€uschung und Suggestion
Bei der Methode der Induktion prĂ€sentieren Sie dem Gegner verschiedene FĂ€lle, aus denen Sie eine allgemeine Wahrheit ableiten möchten. Wenn der andere Ihnen nun im Hinblick auf die einzelnen FĂ€lle Recht gibt, mĂŒssen Sie so tun, als habe er auch das, was sich daraus ergibt, anerkannt. Am Ende wird er selbst glauben, er habe es getan. Oder Sie lassen ihn ein paar PrĂ€missen zugeben und ziehen daraus selbst den Schluss, ohne ihn eigens danach zu fragen.
Einen anderen Kunstgriff findet man bei verschiedenen Institutionen: Je nachdem, welche Position man vertritt, verwendet man positive oder abwertende Begriffe. Indem man beispielsweise âKultusâ statt âöffentliche Glaubenslehreâ oder âGlaubenseiferâ statt âFanatismusâ sagt, suggeriert man schon durch die Worte, was eigentlich erst zu beweisen wĂ€re.
âEs gilt vom Namen der Sachen auch, wo sie mehr eigentlich sind: z. B. hat der Gegner irgend eine VerĂ€nderung vorgeschlagen, so nenne man sie âNeuerungâ: denn dies Wort ist gehĂ€ssig. Umgekehrt, wenn man selbst der VorschlĂ€ger ist.â (S. 40)
Damit der andere Ihre These annimmt, ist es auch hilfreich, das Gegenteil ĂŒbertrieben darzustellen. Wollen Sie beispielsweise, dass der andere den Satz akzeptiert, dass Kinder ihren Eltern unbedingt gehorchen sollen, können Sie ihn umgekehrt fragen: Meinst du etwa, dass Kinder ihren Eltern in keinem Fall gehorchen sollten? Um nichts Unsinniges zu sagen, wird er Ihnen beipflichten.
Frech kommt weiter
Wenn alles nichts hilft und der Gegner unsicher oder dumm ist, können Sie auch einfach lautstark proklamieren, die eigene These sei damit bewiesen. Sie mĂŒssen nur unverschĂ€mt genug sein und eine laute Stimme haben. Sind Sie sich selbst Ihrer Argumente nicht ganz sicher, können Sie auch einfach eine Aussage machen, die man sowohl verwerfen als auch beweisen könnte. Wird sie vom Gegner negiert, können Sie sie ad absurdum fĂŒhren und gewinnen so die Oberhand. BestĂ€tigt der Gegner sie allerdings, gibt er damit auch zu, dass Sie etwas Richtiges gesagt haben. Besonders dreist sind Sie, wenn Sie behaupten, dass damit die eigene These bewiesen sei.
Stellt der Gegner eine These auf, mĂŒssen Sie schauen, ob sie vielleicht im Widerspruch zu seinen frĂŒheren Behauptungen oder zu den Prinzipien von Denkschulen oder Sekten, denen er bereits zugestimmt hat, steht. Sie können auch seine Behauptung seinem Handeln gegenĂŒberstellen und hier vermeintliche WidersprĂŒche aufdecken. Wenn der Gegner etwa den Selbstmord verteidigt, fragen Sie ihn am besten gleich lautstark, warum er sich nicht umbringt.
âOder er behauptet z. B., Berlin sei ein unangenehmer Aufenthalt: gleich schreit man: warum fĂ€hrst du nicht gleich mit der ersten Schnellpost ab?â (S. 45)
Ein weiterer Kunstgriff besteht darin, dem Gegner die SÀtze im Mund zu verdrehen und ihm zu unterstellen, er habe abwegige oder sogar gefÀhrliche Auffassungen vertreten, auch wenn er das gar nicht getan hat. Das ist eine Art der indirekten Widerlegung: Wenn sich aus seiner These solche AbsurditÀten ableiten lassen, dann ist diese selbst absurd.
Angriffe parieren
Sind Sie selbst in die Defensive geraten und merken, dass die eigenen Argumente nicht ziehen, kann es hilfreich sein, von der Sache abzulenken, das GesprÀch ins Allgemeine, Unverbindliche auszuweiten oder es einfach abzubrechen. Sie können auch ganz plötzlich das Thema wechseln und so tun, als sei das ein Argument gegen die Behauptung des anderen. Erkennen Sie ein gegnerisches Argument als Scheinargument, können Sie es einerseits auflösen oder Sie begegnen ihm mit einem Argument auf derselben Ebene und fertigen ihn so ab.
Greift der Gegner mit einem wirklich guten Gegenargument an, das Ihre eigene These sofort widerlegen wĂŒrde, behandeln Sie es einfach so, als sei es eine petitio principii und wĂŒrde damit nicht greifen. Die Zuschauer werden den Unterschied nicht bemerken.
Durch Widerspruch können Sie den Gegner dazu bringen, dass er seine an sich richtige Aussage so weit steigert und ĂŒbertreibt, dass sie schlieĂlich absurd erscheint und er sie damit selbst widerlegt. Sie mĂŒssen sich aber vorsehen, nicht selbst in diese Situation zu geraten. Auch Versuche des Gegners, Ihre Argumente zu ĂŒbertreiben und damit zu widerlegen, mĂŒssen Sie von Anfang an abschmettern und klarstellen, was Sie gesagt haben und was nicht.
âDer Widerspruch und der Streit reizt zur Ăbertreibung der Behauptung.â (S. 52)
Vorsicht ist auch bei sogenannten Instanzen geboten. Dies sind Beispiele, die der Gegner nennt, um Ihre Theorie zu falsifizieren. Meist braucht es dazu nur eine einzige Instanz: Der Satz âAlle WiederkĂ€uer sind gehörntâ etwa lĂ€sst sich allein mit der Instanz des Kamels widerlegen. Es gilt aber, genau zu prĂŒfen, ob es sich dabei um einen tatsĂ€chlichen oder nur scheinbaren Widerspruch handelt, was oft der Fall ist.
Publikum und AutoritÀten
Wenn Ihnen die Argumente ausgehen, können Sie sich eines weiteren Mittels bedienen: des Publikums â sofern es kein profundes Wissen von dem Gegenstand der Diskussion hat. Dann nĂ€mlich können Sie einen Einwand machen, der ungĂŒltig ist und die Aussage des anderen ins LĂ€cherliche zieht, was das Publikum besonders gern mag. Um die AbsurditĂ€t Ihres Einwurfs nachzuweisen, mĂŒsste der Gegner ins Detail gehen und wissenschaftliche Fakten anfĂŒhren, worauf das Publikum aber keine Lust hat.
âDie Nichtigkeit des Einwurfs zu zeigen, mĂŒsste der Gegner eine lange Auseinandersetzung machen und auf die Prinzipien der Wissenschaft oder sonstige Angelegenheiten zurĂŒckgehn: dazu findet er nicht leicht Gehör.â (S. 57)
Eine weitere Möglichkeit, die bei den meisten Menschen Wirkung zeigt, besteht darin, sich auf AutoritĂ€ten zu berufen, die der andere anerkennt. Besonders bei einfachen Leuten ist die AutoritĂ€tshörigkeit stark ausgeprĂ€gt. Haben Sie keine passende AutoritĂ€t zur Hand, reicht es auch, sich auf eine zu berufen, die nur scheinbar passt. Zur Not erfinden Sie AutoritĂ€ten oder Zitate â es wird Ihnen ohnehin niemand etwas nachweisen können. Gerade Ungebildete haben groĂen Respekt vor AutoritĂ€ten, die sie nicht verstehen. Wenn der Gegner Sie oft Dinge sagen hört, die er nicht nachvollziehen kann, ist es leicht, ihm mit gelehrt klingendem Quatsch zu imponieren.
âKurzum, denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen Alle haben: was bleibt da anderes ĂŒbrig, als dass sie solche, statt sie sich selber zu machen, ganz fertig von Andern aufnehmen?â (S. 64)
Eine spezielle Art von AutoritĂ€t bilden Vorurteile. Eine Ansicht kann noch so absurd sein â sobald man den Menschen eingeredet hat, dass sie allgemein vorherrscht, werden sie auch davon ĂŒberzeugt sein, da sie nicht selbst denken, sondern nur ĂŒbernehmen. Was man als öffentliche Meinung bezeichnet, ist im Grunde nur die Meinung von ein paar Personen, die allgemein als klug gelten. Statt ihre Aussagen zu prĂŒfen, ĂŒbernimmt man sie unhinterfragt, und so steigt die Zahl der Leute, die daran glauben. Wenn es erst genĂŒgend AnhĂ€nger dieser Theorie gibt, nimmt man an, sie sei begrĂŒndet. Die wenigen Menschen, die ĂŒber genĂŒgend Urteilskraft verfĂŒgen, schweigen, denn sie wollen nicht als Besserwisser oder Unruhestifter dastehen.
Interessenkonflikte und persönliche Beleidigungen
Sofern Sie beim Publikum höher angesehen sind als der andere, können Sie auch auf Ironie zurĂŒckgreifen, um gegnerische Argumente zu entkrĂ€ften. Wissen Sie auf eines keine Antwort, können Sie etwa ironisch behaupten, das, was der andere gesagt habe, ĂŒbersteige Ihr Auffassungsvermögen. Sie können die Behauptung des Gegners auch leicht abtun, indem Sie sie als irgendeinen unbeliebten â-ismusâ abstempeln, etwa Spinozismus, Idealismus oder Rationalismus. Oder Sie geben zu, sie sei vielleicht in der Theorie gĂŒltig, aber in der Praxis nicht umsetzbar. Ein hocheffizienter Kunstgriff, der alle anderen ĂŒberflĂŒssig macht, ist, dem Gegner zu verdeutlichen, dass seine Aussage im Widerspruch zu seinen Interessen oder denen der Institution steht, der er und bestenfalls das Publikum angehören. GlĂŒck haben Sie auch, wenn der Gegner zwar mit seiner Position Recht hat, aber ein schlechtes Argument dafĂŒr wĂ€hlt, das sich leicht â und stellvertretend fĂŒr seine Position â zerschlagen lĂ€sst.
âKann man dem Gegner fĂŒhlbar machen, dass seine Meinung, wenn sie gĂŒltig wĂŒrde, seinem Interesse merklichen Abbruch tĂ€te; so wird er sie so schnell fahren lassen, wie ein heiĂes Eisen, das er unvorsichtigerweise ergriffen hatte.â (S. 71)
Wenn Sie allerdings feststellen, dass das Spiel verloren ist, können Sie zu persönlichen Beleidigungen ĂŒbergehen â ein sehr beliebtes und einfach anzuwendendes Mittel. Grobheiten, HĂ€me â alles ist erlaubt. Hauptsache, es hat nichts mit der Sache zu tun, denn dort hat der Gegner die Oberhand.
âBeim Persönlichwerden aber verlĂ€sst man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also krĂ€nkend, hĂ€misch, beleidigend, grob. Es ist die Appellation von den KrĂ€ften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit.â (S. 75)
Damit Sie selbst vor solchen Situationen bewahrt bleiben, sollten Sie nur mit solchen Leuten diskutieren, die Ihnen hinsichtlich ihres Verstandes und Ihres Wissens ebenbĂŒrtig sind, die Wahrheit schĂ€tzen und zuhören können â was auf die wenigsten zutrifft. Dann aber können Dispute durchaus von Nutzen sein und dazu fĂŒhren, dass beide GesprĂ€chspartner ihre Ideen korrigieren und zu neuen Ansichten gelangen.
Zum Text
Aufbau und Stil
Arthur Schopenhauers Die Kunst, recht zu behalten unterteilt sich nach einer kurzen Einleitung in 38 Abschnitte, in denen jeweils ein rhetorischer Kunstgriff vorgestellt wird. Manche dieser Abschnitte umfassen nur wenige SĂ€tze, andere sind mehrere Seiten lang. Immer wieder fĂŒhrt der Autor Beispiele aus der Praxis an. Sie reichen von naturwissenschaftlichen ĂŒber religiöse bis hin zu ethisch-moralischen Themen, wie etwa der Frage, ob Selbstmord erlaubt sei. Die Beispiele sind lebensnah und scheinen alltĂ€glichen GesprĂ€chen entnommen zu sein. In einer Anmerkung fĂŒhrt Schopenhauer dazu aus, ausgedachte Beispiele seien meist nicht treffend, weshalb sie aus der tatsĂ€chlichen Erfahrung stammen sollten. Anfangs scheint das Buch durch den Bezug auf antike Lehre der Rhetorik noch sehr ernsthaft. Je weiter das Buch fortschreitet, desto heiterer und amĂŒsanter wird der Tonfall.
Interpretationen
- Bereits in der Einleitung zu seinem Buch nimmt Schopenhauer Bezug auf Aristoteles und dessen Topik. Er grenzt sich von ihm ab und wirft Aristoteles vor, er vermische Logik und Dialektik, wenn er als Zweck des dialektischen Disputs die Wahrheitssuche nenne. Dialektik habe nichts mit objektiver Wahrheit zu tun, sondern es gehe allein darum, Recht zu behalten. Bei der Erörterung der einzelnen Kunstgriffe bezieht sich Schopenhauer jedoch immer wieder positiv auf Aristoteles.
- Zu den wesentlichen Techniken der Eristik, also der Lehre vom StreitgesprĂ€ch, zĂ€hlen Scheinargumente und bewusste FehlschlĂŒsse, die Schopenhauer abschĂ€tzig als âSophismenâ bezeichnet. Damit nimmt er Bezug auf die Sophisten, eine Gruppe griechischer gebildeter MĂ€nner, die im fĂŒnften Jahrhundert v. Chr. gegen Bezahlung Philosophie und Rhetorik unterrichteten.
- Schopenhauer lÀsst sich scheinbar nicht von ethischen, sondern allein von rhetorischen GrundsÀtzen leiten. Jedes Mittel scheint ihm recht zu sein, um im GesprÀch die Oberhand zu behalten. SpÀtestens im letzten Kapitel des Ratgebers wird aber deutlich, dass das Ganze ironisch gemeint ist, wenn der Autor UnverschÀmtheit und persönliche Beleidigung empfiehlt oder wenn er betont, dass tatsÀchlich gute GesprÀche mit intelligenten und wahrheitsliebenden Menschen stattfinden können.
- Schopenhauers Kunstgriffe richten sich vor allem an die halbgebildeten BĂŒrger, die in den Salons des 19. Jahrhundert gepflegte Konversation betrieben. Ganz nebenbei fĂŒhrt der Autor den Diskussionsstil seiner Zeitgenossen vor und liefert Beispiele fĂŒr spitzfindige Argumentationen und dadurch verursachte FehlschlĂŒsse.
- Die Grundlage fĂŒr Schopenhauers Buch bildet sein pessimistisches Menschenbild. Mit Bezug auf Thomas Hobbes erklĂ€rt Schopenhauer, der Mensch sei eitel und ziehe seine gröĂte Befriedigung aus dem Vergleich mit anderen. Der Disput gebe ihm Anlass, sich anderen geistig ĂŒberlegen zu fĂŒhlen. Der Durchschnittsmensch, den Schopenhauer auch als âFabrikware der Naturâ bezeichnet, bedarf zur Selbsterhaltung Illusionen und lebensbejahender Weltanschauungen, die die öffentliche Meinung bilden.
Historischer Hintergrund
Dialektik als Dialogtechnik
In der antiken Rhetorik bildete die Dialektik eine eigene Disziplin, die der Wahrheitsfindung dient. Erstmals taucht der Begriff âdialektikĂȘâ in Platons Politik auf. Darauf aufbauend entfaltete Aristoteles in seiner Schrift Topik seine Theorie der dialektischen Argumentation. Als âdialektischâ bezeichnet er SchlĂŒsse und Argumente, die nicht von wissenschaftlichen PrĂ€missen, sondern von Meinungen ausgehen. Die dialektische Argumentation vollzieht sich als eine Disputation, bei der die Kontrahenten entgegengesetzte Auffassungen vertreten. Dabei ĂŒbernimmt einer die Rolle des Angreifers, der die Auffassung des anderen zu widerlegen sucht. Dieser wiederum hat die Aufgabe, seine Ansicht zu verteidigen und möglichst widerspruchsfrei zu vertreten. Im Zentrum stehen formale Kriterien und es geht unter anderem darum, SĂ€tze aufgrund unzureichender Definitionen zu widerlegen. Ferner gilt es zu prĂŒfen, ob spezifische Aussagen im Widerspruch zu allgemeineren SĂ€tzen stehen oder umgekehrt allgemeinere Behauptungen auf alle EinzelfĂ€lle zutreffen. Aristoteles bietet den Disputanten Regeln und teilweise praktische Tipps, die sie beachten sollten, um ein gutes StreitgesprĂ€ch zu fĂŒhren.
Der Begriff âEristikâ, der sich von Eris, der griechischen Göttin der Zwietracht und des Streits herleitet, bezeichnet bei Platon und Aristoteles den wissenschaftlichen Meinungsstreit, aber auch das von beiden eher negativ bewertete Streiten, nur um Recht zu haben. Dabei beziehen sie sich insbesondere auf die von den Sophisten entwickelte Dialogtechnik, mit der eigentlich alles bewiesen oder widerlegt werden kann, weil es eben nur um das Rechthaben geht, nicht um die Wahrheit.
Bis weit ins Mittelalter stellte der dialektische Disput einen wichtigen Bestandteil der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung und Begriffsbildung dar. So war die Kunst des Disputierens auch Teil der im Mittelalter so beliebten Scholastik. Im Zuge der AufklĂ€rung im 18. Jahrhundert erlebte die sogenannte ars disputatoria eine neue BlĂŒtezeit, nicht nur auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft, sondern auch im Bereich der Philosophie und Theologie. In den Lexika jener Zeit finden sich zahlreiche Artikel zur âDisputierkunstâ, womit eine ausgefeilte rhetorische Technik gemeint war. Immanuel Kant allerdings betonte die NĂ€he von Dialektik und Rhetorik, Sophistik und Eristik, die in seinen Augen nicht der Wahrheitsfindung dienten, sondern eine âLogik des Scheinsâ darstellten, eine âsophistische Kunst, seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsĂ€tzlichen Blendwerken den Anstrich der Wahrheit zu gebenâ.
Entstehung
Bereits als SchĂŒler fiel Arthur Schopenhauer durch seine Kritiksucht auf. Seine Mutter Johanna Schopenhauer unterhielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Weimar einen literarischen Salon, der von prominenten Denkern wie Johann Wolfgang von Goethe und Christoph Martin Wieland besucht wurde. In einem Brief bat sie ihren Sohn, er möge seinen âDisputiergeistâ auf ihren Veranstaltungen zu Hause lassen. Sie warf ihm vor, er sei âzu absprechend, zu verachtendâ gegenĂŒber Andersdenkenden, und forderte ihn zu mehr Toleranz auf.
Auch beim Studium in Göttingen, wo Schopenhauer 1809 zunĂ€chst Medizin, spĂ€ter Philosophie studierte, war er fĂŒr seine rĂŒcksichtslose Art des Diskutierens bekannt. Ein Mitstudent schrieb ĂŒber den jungen Schopenhauer: âSein Disputieren ist rauh und eckig und sein Ton trotzig wie seine einzige Stirn, sein Absprechen im Eifer und seine Paradoxie furchtbar.â Goethe gehörte zu den ersten Lesern von Schopenhauers Schriften, kannte er ihn doch noch aus dem Salon von dessen Mutter. Schopenhauer begann allerdings bald, Theorien zu entwickeln, die der Farbenlehre, an der Goethe aktuell arbeitete, widersprachen, und der Kontakt löste sich. In den 1810er-Jahren besuchte Schopenhauer in Dresden regelmĂ€Ăig einen literarischen Zirkel. Ein Zeitzeuge berichtet von regelrechten KampfgesprĂ€chen, in denen Schopenhauer das Publikum mit seinen Sarkasmen und gelehrten Zitaten beeindruckte.
Als Schopenhauer um 1830 seine Eristische Dialektik verfasste, lebte er in Berlin, wohin er gezogen war, um eine Dozentenstelle anzutreten. Allerdings wurde seine Vorlesung mangels Interesse der Studenten nicht fortgesetzt. Schopenhauer erlebte eine existenzielle Krise: Seine UniversitĂ€tskarriere war ebenso gescheitert wie seine AffĂ€re mit der TĂ€nzerin Caroline Medon, sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung wurde kaum wahrgenommen. Vergeblich versuchte er, an ĂbersetzungsauftrĂ€ge zu gelangen, und verfasste nebenbei kleinere Schriften. Das Manuskript der Eristischen Dialektik wurde in seinem handschriftlichen Nachlass gefunden und 1864 von Julius FrauenstĂ€dt, dem Herausgeber von Schopenhauers erster Gesamtausgabe, veröffentlicht.
Wirkungsgeschichte
Schopenhauer erlebte nicht mehr, wie sein kleines Buch vom Publikum aufgenommen wurde. Er selbst distanzierte sich bereits 1851 von dem unvollendet gebliebenen Buch. In Parerga und Paralipomena schrieb er dazu: âDie Beleuchtung aller dieser Schlupfwinkel der mit Eigensinn, Eitelkeit und Unredlichkeit verschwisterten BeschrĂ€nktheit und UnfĂ€higkeit widert mich jetzt an.â
Die Kunst, recht zu behalten â so lautete der ursprĂŒngliche Untertitel der Eristischen Dialektik, der spĂ€ter zum Haupttitel wurde â erlebte viele neue Auflagen und war bald schon ein moderner Klassiker. Im 20. Jahrhundert wurde das Buch immer wieder in Schriften zur Rhetorik erwĂ€hnt, zuerst im Werk des Sprachwissenschaftlers Karl Otto Erdmann aus dem Jahr 1924, das denselben Namen trug wie Schopenhauers kleine Schrift. Bis heute berufen sich rhetorische Ratgeber auf sie, ohne allerdings auf den ironischen und teilweise polemischen Charakter des Werkes hinzuweisen.
Ăber den Autor
Arthur Schopenhauer wird am 22. Februar 1788 in Danzig geboren. Als er fĂŒnf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Hamburg um. Sein Vater gehört zu den königlichen Kaufleuten der Handelsstadt Danzig. Wie er soll auch der Sohn Kaufmann werden. Nach dem Unfalltod des Vaters 1805 wird das FamiliengeschĂ€ft aufgelöst. Schopenhauer macht zu dieser Zeit noch eine Kaufmannslehre, geht aber dann seinen geistigen Interessen nach und studiert ab 1809 Philosophie in Göttingen, wo er sich unter anderem mit antiken Denkern und mit Kant beschĂ€ftigt. 1811 geht er nach Berlin und wird SchĂŒler von Friedrich Schleiermacher und Johann Gottlieb Fichte, von denen er sich jedoch bald abwendet. Zwei Jahre spĂ€ter stellt Schopenhauer seine Dissertation Ăber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde fertig. Er zieht nach Weimar und schlieĂlich nach Dresden und beschĂ€ftigt sich mit Goethes Farbenlehre, die er in einem Essay wĂŒrdigt (Ăber das Sehen und die Farben, 1816). Neben dem Studium Kants und Platons setzt sich Schopenhauer auch mit indischer Philosophie auseinander. In Dresden erscheint 1819 der erste Teil seines Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung. Nach einer Italienreise beginnt er, an der Berliner UniversitĂ€t zu lehren. Seine Feindschaft mit Hegel verleitet ihn dazu, jede seiner Vorlesungen zeitgleich mit denen seines Rivalen abzuhalten â was dazu fĂŒhrt, dass Hegels Vorlesungen voll, Schopenhauers jedoch weitgehend leer sind. Hegel fĂ€llt in Berlin einer Choleraepidemie zum Opfer, der Schopenhauer knapp entkommt, indem er nach Frankfurt am Main reist. Er widmet sich der Verfassung weiterer Schriften und dem tieferen Studium der buddhistischen und hinduistischen Philosophie sowie der Mystik. 1844 erscheint der zweite Teil von Die Welt als Wille und Vorstellung. Arthur Schopenhauer stirbt am 21. September 1860 in Frankfurt am Main.
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