Zusammenfassung von Die Orestie

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Die Orestie Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Tragödie
  • Griechische Antike

Worum es geht

Von der Blutrache zur Gerichtsbarkeit

Auch wenn man vielleicht nicht so weit gehen möchte wie der Dichter Algernon Swinburne, der Aischylos’ Orestie als „die größte Schöpfung des menschlichen Geistes“ bezeichnete, so sind es doch drei starke Stücke Dramenliteratur. Mit mythischer Wucht stellen die ersten beiden Tragödien der Trilogie den Kreislauf aus Mord, Rache und erneutem Mord dar. Deutlich wird, dass diese ewige Wiederholung zermürbt: Orestes begeht seinen Muttermord zögernd, mit Skrupeln und ist hinterher ein von Rachegöttinnen Getriebener. Und staunend steht man im dritten Stück vor der Revolution, die diesen Kreislauf durchbricht: der Einsetzung eines Bürgergerichts – auch wenn es am Ende nicht ganz ohne göttliche Hilfe geht und auch wenn das entscheidende Argument der Götter für den Freispruch des Muttermörders – die Mutter sei als bloßes Gefäß für den zeugenden Samen zu vernachlässigen – patriarchalisch verblendet und biologisch freilich falsch ist. Dennoch: Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie Blutrache sich in ordentliche Gerichtsbarkeit verwandeln kann, und verständlich, dass auch moderne Regisseure, vor dem Hintergrund aktueller politischer Umwälzungen wie etwa der Perestroika, sich die antike Trilogie vornehmen.

Take-aways

  • Die Orestie des Aischylos ist eine der bedeutendsten antiken Tragödien.
  • Inhalt: Der aus dem Krieg um Troja heimkehrende Agamemnon wird von seiner Frau Klytaimestra und ihrem Geliebten Aigisthos erschlagen. Agamemnons ebenfalls heimkehrender Sohn Orestes rächt den Tod seines Vaters, indem er seine Mutter und deren Geliebten ermordet. Daraufhin wird er von Rachegöttinnen verfolgt, bis ein Bürgergericht und die Göttin Athene ihn freisprechen.
  • Aischylos trat mit der Trilogie 458 v. Chr. in Athen zum Dichterwettstreit an und gewann.
  • Die Orestie ist die einzige vollständig erhaltene tragische Trilogie der griechischen Antike.
  • Ursprünglich handelte es sich um eine Tetralogie, mit dem Satyrstück Proteus als komischer Ergänzung. Dieses ist jedoch nicht erhalten.
  • Die Trilogie entstand kurz nach der Entmachtung des Adels in Athen. Dieser Umsturz führte zur weltgeschichtlich ersten Demokratie.
  • Über zwei Jahrtausende nahezu vergessen, wurde die Trilogie ab 1900 immer wieder sowohl komplett als auch in Teilen aufgeführt.
  • Oft wird sie als Gleichnis für die Entwicklung von einer archaischen Gesellschaft hin zur Demokratie verstanden.
  • Aischylos gilt als Vater der Tragödie. Er hat seine Nachfolger Sophokles und Euripides maßgeblich beeinflusst.
  • Zitat: „Sucht ihr Gerechtigkeit oder Rache?“
 

Zusammenfassung

I Agamemnon

Das Ende des Trojanischen Krieges

Der Wächter des Königshauses von Argos bittet die Götter um ein Ende seiner Mühsal. Seit zehn Jahren hält er Ausschau nach dem Fackelzeichen, das die Eroberung von Troja verkünden soll, also das siegreiche Ende des Trojanischen Krieges. So hat Klytaimestra es ihm befohlen, die Ehefrau des im Krieg kämpfenden Herrschers Agamemnon. Und tatsächlich, es scheint, als würden die Bitten des Wächters erhört werden: Das Fackelzeichen erscheint am nächtlichen Himmel. Der Chor der Ältesten beklagt unterdessen die blutige Vergangenheit, zum Beispiel, dass Agamemnon seine Tochter Iphigenie geopfert hat, als zu Beginn des Krieges um Troja kein Wind ging und deshalb die Kriegsflotte nicht ausfahren konnte. Auch der Herold, der die freudige Nachricht bestätigt und Agamemnons Rückkehr ankündigt, spricht von viel Leid im Krieg, von den vielen Toten und Verwundeten. Er berichtet zudem, dass Menelaos vermisst wird, der Bruder von Agamemnon. Sein Schiff und vielleicht noch weitere wurden in einem schlimmen Sturm von der Flotte getrennt. Klytaimestra lässt Agamemnon über den Herold ausrichten, dass sie ihn freudig erwarte. Alles sei wie vorher, sie sei ihm die ganze Zeit treu gewesen.

„Ein gottverhasstes, götterhassendes Haus. / Ja! Mitwisser von vielerlei: / Verwandtenmord, durchschnittene Kehlen – / ein Menschenschlachthaus, / und sein Boden schwimmt im Blut.“ (Kassandra über das Haus der Atriden, S. 64)

Dann ist Agamemnon wieder da. Vor ihm und dem Chor bekundet Klytaimestra wortreich, wie sehr sie ihn liebe, wie große Sorgen sie sich gemacht habe, weil oft Gerüchte von seinem Tod zu ihr gedrungen seien, wie groß nun ihre Freude sei und wie viel Ehre sie ihm erweisen wolle. Agamemnon ist von ihrer Rede befremdet: Er findet sie zu lang, zu verzärtelnd, zu huldigend, zumal sie ihm Purpurgewänder auslegen lässt, auf denen er den Weg in den Palast beschreiten soll. Er will wie ein Mann behandelt werden, nicht wie ein Gewaltherrscher und auch nicht wie ein Gott. Es kommt zum Streit zwischen den Eheleuten. Klytaimestra will unbedingt gewinnen, und so lenkt er ein und tritt barfuß auf den Purpurstoff.

Die Seherin, der keiner glaubt

Kassandra, Agamemnons Kriegsbeute aus Troja, sitzt noch im Wagen. Klytaimestra fordert sie auf, hereinzukommen, und der Chor schließt sich der Aufforderung an. Kassandra reagiert nicht. Klytaimestra geht wieder ins Haus, und der Chor fragt sich, ob Kassandra überhaupt dieselbe Sprache spricht. Da ruft Kassandra: „Apollon!“, und weissagt Unheil, eine blutige Tat. Der Chor hat Angst, versteht nicht. Kassandra sagt, „sie“ werde „ihn“ im Bad töten. Sie beklagt ihr eigenes Schicksal, denn sie selbst werde mit „ihm“ sterben. Der Chor zeigt sich sehr beunruhigt. Zum Beweis ihrer Seherfähigkeiten zählt Kassandra die vergangenen Untaten des Hauses Argos auf: Angefangen hat es mit Thyestes, der die Frau seines Bruders verführte, was eine lange Kette von Morden und auch Inzest nach sich zog.

„Sie wagt es wirklich: / Die Frau erschlägt den Mann / Wie soll ich dieses Untier nennen?“ (Kassandra, S. 72)

Der Chor ist beeindruckt davon, dass eine Fremde diese Geschichte kennt, und fragt Kassandra nach ihrer eigenen Vergangenheit. Sie erzählt: Apollon hat ihr die Sehergabe geschenkt, weil er sie liebte. Aber dann hat sie sich ihm verweigert und deshalb machte er, dass niemand ihren Weissagungen glaubt. Kassandra prophezeit nun, dass Agamemnon noch am selben Tag ermordet wird. Der Chor schreckt zurück, sagt ihr, sie solle schweigen, gibt sich dann begriffsstutzig und fragt, wer der Mörder sei und wie die Tat geschehen werde. Kassandra sieht sich durch diese Fragen darin bestätigt, dass ihr nie Gehör geschenkt wird. Sie zerstört ihren Stab und die Seherbinde. Sie sieht auch schon die Rache für Agamemnons Tod voraus: Der Sohn wird die Mutter töten. Kassandra schickt sich an, hineinzugehen, ihrem Tod entgegen. Der Chor wendet ein, warum sie ihren Tod nicht verhindere, wenn sie ihn doch vorhersehe. Sie antwortet, es gebe kein Entrinnen.

Der Mord am Ehemann

Aus dem Palast hört man Agamemnon schreien. Der Chor folgert, dass die Tat geschehen ist. Klytaimestra tritt triumphierend mit den Leichen von Agamemnon und Kassandra vor den Chor. Dieser äußert Abscheu im Namen aller Bürger, verflucht Klytaimestra und verbannt sie aus der Stadt. Klytaimestra rechtfertigt den Mord damit, dass Agamemnon die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert habe. Außerdem habe er sie, Klytaimestra, schwer beleidigt, indem er mit Troerinnen geschlafen habe, unter anderem mit Kassandra. Klytaimestra droht dem Chor: Sie werde herrschen. Der Chor prophezeit Blutrache. Klytaimestra antwortet, sie habe keine Angst, solange ihr Geliebter Aigisthos im Haus sei und sie beschütze.

Der Mittäter Aigisthos offenbart sein eigenes Motiv: Er hat mit dem Mord an Agamemnon Rache vollzogen. Denn Agamemnons Vater Atreus jagte Aigisthos’ Vater Thyestes, seinen Bruder, im Streit um die Macht in die Verbannung. Als Thyestes Schutz suchend zurückkam, richtete Atreus ein heuchlerisches Fest für ihn aus und setzte ihm das Fleisch seiner eigenen Kinder vor. Thyestes durchschaute die Tat, erbrach sich, verfluchte den ganzen Stamm und prophezeite dessen Ende. Aigisthos überlebte als jüngstes von 13 Kindern und wurde mit seinem Vater verbannt. Von früher Kindheit an schmiedete er Rachepläne. Jetzt will er herrschen und jeden unterjochen, der sich ihm nicht beugt. Der Chor gibt heftige Widerworte, es droht eine Revolte, und Klytaimestra verhindert knapp einen Kampf. Sie glaubt Recht und Gesetz auf ihrer Seite. Gemeinsam mit Aigisthos will sie herrschen.

II Choephoren

Der verbannte Sohn kehrt zurück

Orestes, der als Kind zu einem Onkel nach Phokis gebracht worden war und dort aufwuchs, ist nach Argos zurückgekehrt und steht nun mit seinem Freund Pylades am Grab seines Vaters Agamemnon. Der Chor der Frauen tritt in Trauerkleidung hinzu, und Orestes erkennt seine Schwester Elektra unter ihnen. Die Frauen bringen Opferspenden zum Grab und klagen. Elektra will Rache für den Tod ihres Vaters nehmen. Sie lebt jetzt wie eine Sklavin unter der Herrschaft von ihrer Mutter und Aigisthos, die das von Agamemnon hinterlassene Geld verprassen. Sie wünscht sich ihren Bruder Orestes herbei.

Da entdeckt sie eine abgeschnittene Locke auf dem Grab – das Haar gleicht ihrem eigenen. Nun gibt Orestes sich ihr zu erkennen. In ihrer Verlassenheit und ihrer Trauer um den Vater fühlen sie sich vereint. Durch einen Orakelspruch hat Orestes von Apollon den Auftrag erhalten, seinen Vater zu rächen und seine Mutter und Aigisthos zu töten. Dieser göttliche Befehl, seine eigene Trauer und die Tatsache, dass er nicht über sein Geld und die ihm zustehende Macht verfügen kann, dass stattdessen die Bürger der Stadt den verhassten Königsmördern unterworfen sind, machen die Tat für ihn unausweichlich. Die Geschwister erbitten Unterstützung vom Geist des Vaters. Orestes fragt, warum Klytaimestra die Frauen mit Opferspenden zum Grab schickt, da sie ihrem ermordeten Mann doch selbst ein Begräbnis verweigert hat. Der Chor kennt die Antwort: Klytaimestra war durch Träume beunruhigt; sie träumte, einen Drachen zu gebären. Aus Angst vor drohendem Unheil schickte sie die Grabspenden. Orestes deutet den Traum so, dass er zu dem Drachen geworden ist, der sie töten wird.

Der Muttermord

Als Reisende verkleidet, einen fremden Dialekt nachahmend, kommen Orestes und Pylades zum Palast. Nachdem sie ans Tor geklopft haben, sagt Orestes, er habe eine Nachricht für die Herrscher des Hauses. Klytaimestra erscheint, und ihr Sohn – den sie nicht erkennt – erzählt ihr, Orestes sei in der Fremde gestorben. Klytaimestra beklagt dessen Tod zunächst. Dann bietet sie ihre Gastfreundschaft an und schickt die einstige Amme von Orestes zu Aigisthos, um diesen herbeizuholen. Die Amme durchschaut die heuchlerische Trauer ihrer Herrin und ist verzweifelt über Orestes’ Tod und den Niedergang des Königshauses, den sie damit besiegelt glaubt. Als Aigisthos eintrifft, erschlägt ihn Orestes, vom Chor und von Pylades ermutigt. Ein Diener meldet Klytaimestra Aigisthos’ Tod. Sie will sich gerade bewaffnen, da tritt Orestes ihr entgegen. Sie fleht ihn an, sie zu verschonen, zeigt ihm ihre Brust, die ihn genährt hat. Er wirft ihr vor, ihn ins Elend gestoßen zu haben, worauf sie entgegnet, sie habe ihn nur in das Haus eines guten Freundes geschickt. Dann tötet er seine Mutter unter dem Beifall des Chors. Doch Orestes triumphiert anschließend nicht. Er ist verstört und gequält, denn er weiß: Von nun an muss er umherirren und Entsühnung suchen.

III Eumeniden

Auf der Flucht

Verfolgt von Rachegöttinnen, den Erinyen, gelangt Orestes nach langer Wanderschaft zum Tempel Apollons in Delphi. Apollon sichert Orestes seine Unterstützung zu. Er lässt die Erinyen einschlafen und fordert Orestes auf, zu fliehen, auch wenn sie ihn weiterjagen, bis nach Athen. Dort werden sich Richter finden, die ihn von seiner Last befreien. Orestes tut, wie ihm befohlen. Da taucht der Schatten Klytaimestras auf, beklagt den Muttermord und weckt die Erinyen auf. Apollon jedoch jagt diese aus seinem Tempel. Sie werfen ihm daraufhin vor, er sei schuld an dem Mord, weil er ihn befohlen habe. Sie streiten mit Apollon darüber, welcher Mord schlimmer war: der Mutter- oder der Gattenmord. Apollon verweist auf Athene, die das Recht prüfen werde.

„Zahlen musst du, / Schlag um Schlag, Mord um Mord, / Recht um Recht, Schuld um Schuld.“ (Chor zu Klytaimestra, S. 84)

Orestes gelangt zur Athene-Statue in Athen und bittet die Göttin um Hilfe. Athene fliegt herbei und fragt, wer die Anwesenden seien. Die Erinyen tragen ihre Sicht vor. Dann ist Orestes an der Reihe, der vorausschickt, dass der Mord schon eine Weile her sei. Orestes sei auch schon nach dem alten Brauch entsühnt, indem er von einem dazu berechtigten Mann mit dem Blut eines frisch geschlachteten Ferkels übergossen worden sei. Dann erzählt er, was er getan hat und warum. Er erwähnt auch, dass Apollon ihm unter Androhung von Unheil diese Taten befohlen hat. Athene antwortet, dass nicht einer allein es wagen könne, hier zu richten, denn bei jeder Entscheidung drohe Böses. Die Erinyen könnten ihr Gift über das Land ergießen, wenn sie nicht Recht bekämen. Deshalb beschließt sie, Richter aus der Stadt zu ernennen. Die beiden Streitparteien sollen Zeugen und Beweise vorbringen. Der Chor der Erinyen verurteilt diese Neuerung und äußert Bedenken: Die Menschen könnten in Zukunft leichter Verbrechen begehen, wenn sie nicht mehr den eigenen Tod per Blutrache fürchten müssen.

Das erste Gericht

Der Chor der Richter verkündet gemeinsam mit Athene, dass dies eine neue Satzung sei, die für alle Zeiten gelten soll. Die Gerichtsverhandlung findet öffentlich statt, vor den Athener Bürgern. Apollon tritt als Zeuge und als Anwalt von Orestes auf, weil er selbst den Muttermord veranlasst hat; der Chor der Erinyen hat die Funktion des Strafverfolgers. Sie befragen Orestes. Er schildert, wie er seiner Mutter mit dem Schwert die Kehle durchgeschnitten hat, und sagt aus, er sei von Apollons Seherspruchs beeinflusst worden. Auf Orestes’ Frage, warum die Erinyen nicht Klytaimestra nach ihrem Mord an Agamemnon gehetzt haben, antworten diese, dass diese Tat hier nicht zur Debatte stehe und dass Klytaimestra nicht mit dem von ihr Ermordeten blutsverwandt war. Orestes fordert Apollon auf, für ihn zu sprechen, und Apollon beruft sich auf Zeus: Der höchste Gott selbst habe ihn geheißen, Orestes den Muttermord zu befehlen, und niemand könne weiser sein als Zeus. Apollon führt auch detailliert aus, wie heimtückisch Klytaimestra ihren Mann ermordet hat. Schließlich hätte sie sich von ihrem Mann lösen können, ohne ihn zu töten. Auf die Frage der Erinyen, wie er mit diesem Argument für den Muttermörder Freispruch verlangen könne, entgegnet Apollon, dass die Mutter nur der nährende, nicht aber der zeugende Teil sei. Zum Beweis führt er an, dass man auch Vater ohne Mutter sein kann, wie man an Athene sehen könne, die eine Kopfgeburt des Zeus war.

„Jetzt liegt er da, mir zur Freude, / und büßt für die tückischen / Verbrechen seines Vaters.“ (Aigisthos über Agamemnon, S. 91)

Dann bittet Athene die Richter, ihre Stimmsteine in die Urnen zu werfen. Die Auszählung ergibt die gleiche Stimmenzahl für beide Seiten, also muss Athene entscheiden. Weil sie als Mutterlose dem männlichen, väterlichen Prinzip den Vorzug gibt, spricht sie Orestes Recht zu. Orestes dankt ihr für die Rettung seines ganzen Hauses und schwört, dass sein Land niemals Krieg gegen Athen führen werde. Der Chor der Erinyen ist entrüstet und fühlt sich entehrt. Er droht mit schlimmen Plagen. Athene versucht die Rachegöttinnen zu besänftigen: Sie seien gar nicht besiegt, schließlich habe der Prozess Stimmengleichheit ergeben. Sie bietet ihnen an, bei ihr als angebetete Gottheiten heimisch zu werden, Wohltaten zu spenden und zu empfangen. Nach langem Zögern nehmen die Erinyen das Angebot an: Sie sollen ab jetzt von den Menschen verehrt werden und denen, die ihnen opfern, Wachstum bringen. Athene ist froh, dass ihr die Überzeugung gelungen ist und sie so Übel von ihrem Volk abwenden konnte.

Zum Text

Aufbau und Stil

Jede der drei Tragödien ist in sich geschlossen und kann auch einzeln aufgeführt werden. Sie unterscheiden sich in Länge und Tempo. Die mittlere, Choephoren, ist die kürzeste, mit der kompaktesten Handlung. Es gibt, wie im antiken Drama üblich, keine Einteilung in Akte oder Szenen. Zwei Drittel des Textes entfallen auf den Chor, der verschiedene Rollen einnehmen kann: Im dritten Stück, Eumeniden, gibt es zum Beispiel den Chor der Erinyen und den Chor der Richter. Agamemnon und Choephoren, die ersten beiden Stücke der Trilogie, sind vom Thema und der Struktur her parallel angelegt: In beiden gibt es am Anfang die Heimkehr nach langer Zeit und den hinterlistigen Mord, bei dem der Mörder anschließend über den Leichen der Opfer steht – eine eindrucksvolle, geradezu visuelle Parallele.

Die vorliegende Ausgabe folgt der Übersetzung des Theaterregisseurs Peter Stein, der diese für seine sehr erfolgreiche Inszenierung im Jahr 1980 anfertigte. Er versucht nicht, das griechische Versmaß nachzubilden, und vereinfacht die komplizierten Satzstrukturen des Originals. Zudem splittet er den Chor teils in Einzelstimmen auf. Andererseits variiert er die Übersetzung bestimmter Begriffe, um deren Bedeutungsnuancen möglichst gerecht zu werden.

Interpretationsansätze

  • Die symmetrische Struktur von Agamemnon und Choephoren zeigt die beiden Rachemorde als Glieder einer langen Kette, ohne dass ein Ende absehbar wäre. Denn das alte Prinzip der Vergeltungsgerechtigkeit („Auge um Auge, Zahn um Zahn“) macht die Täter im Anschluss zu Opfern, und die Rache an den Tätern läuft ironischerweise nach genau demselben Muster ab, nach dem sie zuvor ihre Opfer getötet haben.
  • Es gibt jedoch auch deutliche Unterschiede zwischen Agamemnon und Choephoren: Während Klytaimestra mit schamloser Lust mordet, hat Orestes Skrupel und braucht im entscheidenden Moment Bestärkung. Außerdem handelt er nicht nur aus eigenem Antrieb, sondern auch auf Befehl eines Gottes. Am Ende triumphiert er nicht, sondern flieht, gejagt von den Erinyen, während Klytaimestra sich anschickt, Herrscherin zu werden.
  • Die Erinyen und Apollon – die Anklägerinnen und der Verteidiger – verkörpern zwei Rechtsauffassungen, eine ältere und eine neuere, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Ihre Radikalität macht eine vermittelnde Entscheidung notwendig. Deshalb ist es folgerichtig, dass Athene sich direkt nach dem Freispruch für Orestes um die Erinyen bemüht und versucht, sie zu versöhnen und sie in die neue Ordnung zu integrieren.
  • Am Ende der Trilogie steht die Verwandlung der Erinyen in Eumeniden (griechisch: Wohlmeinende): Durch Athenes kluge Überzeugungsarbeit werden die Rachegöttinnen zu Segen bringenden Schutzgöttinnen für die Stadt Athen und ihre Bürger.
  • Am Ende wird durch die Einsetzung eines neutralen Gerichtsverfahrens der unentrinnbare Kreislauf des Vergeltungsrechts durchbrochen. So zeigt die gesamte Trilogie den langen Weg von der Blutrache zur Einsetzung eines Bürgergerichts und ist damit ein mythisches Gleichnis für die Entwicklung der archaischen Gesellschaft hin zur Demokratie.

Historischer Hintergrund

Athen im fünften vorchristlichen Jahrhundert

In den Perserkriegen im fünften Jahrhundert v. Chr. behaupteten sich die griechischen Staaten erfolgreich. Damit ging im Jahr 478 v. Chr. die Gründung des Attischen Seebunds einher, dem Athen vorstand. Als Folge dieser Ereignisse verschoben sich in Athen die Machtverhältnisse, und es kam ein Prozess in Gang, im Zuge dessen es dem Politiker Ephialtes im Jahr 462 v. Chr. gelang, den Areopag genannten Adelsrat zu entmachten, der bisher alle entscheidenden Ämter unter Adligen verteilt und kontrolliert hatte. Diese Befugnisse gingen jetzt auf den Rat der Fünfhundert über, und die strafrechtliche Kontrolle kam in die Hand von Volksgerichten. Damit entstand in Athen die weltweit erste demokratische Staatsordnung. Deren Führer wurde, nach Ephialtes’ Ermordung, Perikles.

Auf den Friedensschluss mit dem Perserreich folgten für Athen eine Phase der inneren und äußeren Stabilität und ein bis dahin beispielloser Aufschwung im wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bereich. In dieser Zeit prosperierten insbesondere die Dichtkunst (Sophokles, Aischylos und Euripides), die Geschichtsschreibung (Herodot), die bildende Kunst (Phidias), die Medizin (Hippokrates von Kos) und die Philosophie (Sophisten). Prächtige Bauten wie der Parthenon wurden errichtet. Bei den alljährlich stattfindenden Festen der Großen Dionysien wurden die neusten Dramen aufgeführt und – je nach Publikumserfolg – ausgezeichnet.

Politisch folgten bald wieder unruhige Zeiten: In den Jahren ab 431 v. Chr. kam es im Peloponnesischen Krieg immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten, vor allem mit Sparta. Im Inneren setzte sich aber die Blütezeit fort: Athen wurde im kulturellen Bereich zum Vorbild für ganz Griechenland und blieb bis zum Aufstieg Roms das bedeutendste geistige Zentrum der westlichen Welt.

Entstehung

Der Atriden-Stoff, die Sage über das fluchbeladene Geschlecht, in dem sich die Morde von Generation zu Generation fortsetzen, wurde in der griechischen Literatur seit ihren Anfängen immer wieder behandelt. Schon die Odyssee des Homer (achtes und siebtes Jahrhundert v. Chr.) erzählt mehrfach davon.

Aischylos begann mit der Arbeit an seiner Orestie vermutlich knapp ein Jahr nach der Entmachtung des Areopags und lieferte mit seiner Version des Atriden-Stoffs einen mythologischen Kommentar zu diesem revolutionären Geschehen.

Die Orestie ist die einzige vollständig erhaltene tragische Trilogie der Antike. Das ursprünglich noch dazugehörende Satyrspiel Proteus ist verloren. Zum jährlich stattfindenden Dichterwettstreit musste man nämlich immer mit drei Tragödien und einem Satyrspiel (vergleichbar einer Komödie) antreten. Aischylos gilt als Erfinder der Inhalts-Tetralogie, das heißt, er gestaltete die vier geforderten Dramen als thematische Einheit. Proteus handelte davon, dass Agamemnons Bruder Menelaos in Ägypten dem Meergott Proteus begegnet – ein lustiges, folgenloses Abenteuer als Kontrast zum tragischen Schicksal des heimkehrenden Agamemnon.

Wirkungsgeschichte

Aischylos gewann mit seinem Beitrag den Dichterwettstreit des Jahres 458. Die Stücke sind auch nach seinem Tod zwei Jahre später noch mehrere Male gespielt worden, was durchaus nicht üblich war. Seine beiden Konkurrenten und Nachfolger Sophokles und Euripides wurden von Aischylos zu eigenen Gestaltungen des Atriden-Mythos angeregt.

Danach wurde die Trilogie mehr als zwei Jahrtausende lang nicht aufgeführt – zumindest sind keine Inszenierungen bezeugt, weder für die Antike noch für die europäische Neuzeit. Als Lesetext hat die Orestie jedoch weitergewirkt. Der englische Dichter Algernon Charles Swinburne bezeichnete das Werk als „die größte Schöpfung des menschlichen Geistes“.

Die Wirkungsgeschichte auf der Theaterbühne wurde erst 1900 fortgesetzt, mit der Inszenierung von Hans Oberländer in Berlin. Von da an war die Orestie in den Kanon der Bühnenliteratur aufgenommen, und viele der wichtigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts haben sich an diesem Mammutwerk versucht. Besonders großen Erfolg hatte die Inszenierung von Peter Stein (1980), für die der Regisseur auch die Übersetzung angefertigt hat. Nachdem Steins Orestie in Berlin als epochal gefeiert worden war, gastierte sie in Paris, Caracas, Warschau, Rom und Athen und wurde schließlich in leicht veränderter Form mit russischen Schauspielern 1994 in Moskau gezeigt, wobei die politische Deutung der Orestie als „Gründungsmythos des Rechtsstaats“ (Peter Stein) hier eine besondere Brisanz erhielt.

Über den Autor

Aischylos zählt mit Sophokles und Euripides zu den drei großen antiken Tragödiendichtern. Wie bei vielen antiken Persönlichkeiten ist über sein Leben nur wenig Verlässliches bekannt. Einige Details sind aus den Komödien des Aristophanes bekannt, dessen Anekdoten höchstwahrscheinlich aber überzogen oder gar frei erfunden sind. Aischylos wird 525 v. Chr. als Sohn des Adligen Euphorion in Eleusis geboren. Im Alter von 25 Jahren nimmt er erstmals mit einer Tragödie an den Großen Dionysien teil. Insgesamt verfasst er rund 90 Stücke für den Dichterwettstreit, den er mindestens fünfmal gewinnt. Die Arbeit des Tragödiendichters geht weit über die eines Autors hinaus: Aischylos ist Dichter, Regisseur, Choreograf und nicht selten auch selbst Schauspieler. Sieben seiner Stücke sind vollständig erhalten: Die Perser, Sieben gegen Theben, Die Schutzsuchenden, Der gefesselte Prometheus, Agamemnon, Die Choephoren und Die Eumeniden. Aischylos wird häufig als der erste wahre Tragödiendichter angesehen. Laut Aristoteles hat er das Theater revolutioniert, indem er zwei Schauspieler statt wie zuvor nur einen einsetzte, wodurch er dynamischere Dialoge ermöglichte. Neben seiner Arbeit als Dramatiker bringt sich Aischylos auch in staatlichen Belangen ein: Er nimmt 490 v. Chr. an der Schlacht bei Marathon und 480 v. Chr. an der Seeschlacht von Salamis teil. In beiden Schlachten kämpfen die Griechen gegen die Perser. Ab 468 v. Chr. tritt in Athen Aischylos’ wichtigster Konkurrent Sophokles auf den Plan, der ihm einige Niederlagen bereitet. Aischylos bringt seine Stücke auch außerhalb von Athen zur Aufführung. Bei einer solchen Reise stirbt er 456 v. Chr. in Gela in Sizilien – der Legende zufolge wird er von einer Schildkröte erschlagen, die ein Raubvogel fallen lässt, um sie auf seinem kahlen Schädel zu zerschmettern.


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