Zusammenfassung von Die Schlafwandler

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Die Schlafwandler Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Moderne

Worum es geht

Eine zerfallende Wirklichkeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg, scheint die Welt im Chaos zu versinken. Alte Werte haben ihre Gültigkeit verloren, Logik und kalte Rationalität bestimmen das Handeln – sei es in der Wirtschaft oder im Krieg. Ohne Halt oder Hoffnung, orientierungslos und einsam taumeln Brochs Protagonisten durch ihr Leben. Ihre Ängste sind diffus und münden nicht selten in Gewalt. Militärische Ordnung, Glaube und kaufmännische Gesetze reichen ihnen nicht aus, um dem rasanten Wandel Sinn zu geben. In dieser unwirklich gewordenen Welt hungern die Menschen nach klaren Zielen und nach Führung. Prophetisch nimmt Broch am Vorabend des Dritten Reiches die Ereignisse in Deutschland vorweg. Der letzte Teil von Brochs Romantrilogie erschien 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung Hitlers. Vieles darin wirkt beklemmend aktuell: ungezügelter Kapitalismus, rasender technischer Fortschritt, Misstrauen gegenüber anderen Religionen, Hass auf Homosexuelle – in Die Schlafwandler sind das die Zeichen einer Gesellschaft am Abgrund. So ist Brochs Werk nicht nur eine historische Analyse mit literarischen Mitteln, sondern eine Mahnung für die Zukunft und ein Aufruf zur Menschlichkeit.

Take-aways

  • Hermann Brochs Trilogie Die Schlafwandler zählt zu den einflussreichsten deutschsprachigen Romanen der Moderne.
  • Inhalt: Drei Männer aus unterschiedlichen Schichten – der Offizier Pasenow, der Kleinbürger Esch und der Kaufmann Huguenau – suchen um die Jahrhundertwende nach Halt in einer unüberschaubar gewordenen Welt. Ihre Wege kreuzen sich im letzten Kriegsjahr 1918.
  • In jedem der drei Romane steht eine andere Hauptfigur im Mittelpunkt.
  • Die erzählte Zeit umfasst das Wilhelminische Zeitalter von 1888 bis 1918.
  • Die Figuren werden von irrationalen Motiven wie Angst, Wut oder Lust getrieben. Broch ging es darum, das Irrationale mit den Mitteln der Literatur zu erfassen.
  • Der Zerfall der alten Werteordnung spiegelt sich im Aufbau der Trilogie wider, die gegen Ende ins Fragmentarische zerfällt.
  • Broch wurde 1938 von den Nazis kurzzeitig verhaftet und floh dann in die USA.
  • Er stand in Kontakt mit zahlreichen Geistesgrößen seiner Zeit wie Thomas Mann, Albert Einstein und James Joyce, der großen Einfluss auf sein Schaffen hatte.
  • Er selbst beeinflusste unter anderem Elias Canetti, Michel Foucault und Milan Kundera.
  • Zitat: „Das Rationale des Irrationalen: ein anscheinend absolut rationaler Mensch wie Huguenau vermag Gut und Böse nicht zu unterscheiden. In einer absolut rationalen Welt gibt es kein absolutes Wertsystem, gibt es keine Sünder, höchstens Schädlinge.“ 
 

Über den Autor

Hermann Broch wird am 1. November 1886 in Wien als Sohn einer jüdischen Textilindustriellenfamilie geboren. Den Weisungen des Vaters folgend, macht er eine Ausbildung zum Textilingenieur. Um 1908 beginnt er, erste schriftstellerische Arbeiten zu veröffentlichen; dabei verfasst er von vornherein sowohl philosophisch-wissenschaftliche als auch dichterische Texte. 1909 wird er Direktor in den Fabriken seines Vaters; im selben Jahr heiratet er die Industriellentochter Franziska von Rothermann, deren Familie zuliebe er zum Katholizismus übertritt. 1910 wird sein einziger Sohn geboren. Während des Ersten Weltkriegs leitet Broch ein Garnisonskrankenhaus. Obwohl er nach dem Krieg seine Fabriken zu modernisieren versucht, gerät er in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Auch seine Ehe scheitert. 1923 lässt er sich scheiden, vier Jahre später verkauft er die Firma und beginnt ein neues Leben als freier Schriftsteller. Nebenbei studiert er Mathematik, Philosophie und Psychologie. Sein erstes Hauptwerk, die Romantrilogie Die Schlafwandler, erscheint 1930/31 und schildert an drei Hauptfiguren und drei Zeitabschnitten exemplarisch das Ende der Wilhelminischen Epoche. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten kommt Broch im März 1938 wegen seiner Schriften für drei Wochen in Haft. Danach flieht er erst nach England, um im Oktober 1938 in die USA zu emigrieren; Thomas Mann besorgt ihm ein Visum. In ständigen Geldsorgen und auf Stipendien angewiesen, verbringt er seinen letzten Lebensabschnitt überwiegend in New Haven, Connecticut. Seine Hauptprojekte in den USA sind Der Tod des Vergil (1945) sowie diverse Studien zur Massenpsychologie. Der Roman Die Schuldlosen (1950) handelt vom Mitläufertum im Faschismus und fasst elf Erzählungen aus früheren Jahren zusammen. Hermann Broch stirbt am 30. Mai 1951 in New Haven.

 

Zusammenfassung

1888 – Pasenow oder die Romantik

Leutnant Joachim von Pasenow bekommt in Berlin Besuch von seinem Vater und geht mit ihm ins Jägerkasino in der Friedrichstraße. Der alte Herr flirtet mit einer Animierdame, Ruzena. Joachim ist das Verhalten seines Vaters peinlich. Überhaupt mag er die Unordnung des zivilen Lebens nicht und fühlt sich nur in Uniform wohl. Nach der Abreise seines Vaters trifft Joachim einen alten Bekannten, Eduard von Bertrand, der aus dem Militär ausgeschieden und nun als Händler erfolgreich ist. Joachim stattet auch der Baronin Baddensen einen Besuch ab – er soll deren Tochter Elisabeth heiraten. Trotzdem beginnt er eine Affäre mit Ruzena. Als Joachims älterer Bruder bei einem Duell stirbt, wird Joachim Haupterbe und muss das Gut in Stolpin übernehmen. Er fährt zur Beerdigung nach Hause. Seine Eltern sind von dem Verlust schwer mitgenommen. Bertrand verschafft Ruzena unterdessen eine Stelle beim Theater.

„Mochte man es Trägheit des Gefühls nennen: nein, er war nicht feig und er würde sich ruhig vor die Pistole des Gegners stellen oder gegen den französischen Erbfeind ins Feld ziehen, aber die Gefahren des zivilistischen Lebens waren von fremder und dunkler, unfaßbarer Art. Da war alles in Unordnung, ohne Hierarchie, ohne Disziplin und wohl auch ohne Pünktlichkeit.“ (über Joachim, S. 68)

Elisabeth versucht, sich damit anzufreunden, dass sie Joachims Frau werden soll. Joachim lädt Bertrand ein, ihn auf dem Gut zu besuchen. In Stolpin verbringt Bertrand viel Zeit mit dem alten Herrn von Pasenow, und Joachim bereut, den Freund eingeladen zu haben. Er hat das Gefühl, dass Bertrand sein geordnetes Leben aus den Fugen bringt. Bei einem Ausritt kommen Bertrand und Elisabeth, deren Eltern in der Nähe wohnen, ins Gespräch. Weil er ohnehin bald abreist und deswegen frei von der Leber reden kann, macht Bertrand Elisabeth Komplimente und erklärt ihr schließlich seine Liebe. Er rät ihr, sie solle ihrem Herzen folgen.

„Das Papier roch nach dem Parfum, das er ihr geschenkt hatte, und Joachim atmete den Duft der ungeordneten Intimität ihres Beisammenseins. Ja, dort gehörte er hin, dort wollte er sein, fühlte sich freiwillig verbannt aus der Gesellschaft und verstoßen, fühlte sich Elisabeths unwürdig.“ (über Ruzena, S. 105)

Joachims Vater erleidet einen Nervenzusammenbruch und ist fortan ans Bett gefesselt. Joachim ist hin- und hergerissen zwischen Ruzena, die für ihn das städtische Leben verkörpert, und der Vision von einer Zukunft mit Elisabeth, die für ihn der Inbegriff von Reinheit ist. Während Joachim in Stolpin ist, besucht Bertrand Ruzena, die ihm die Schuld an der gespannten Beziehung zu Joachim gibt. Sie schießt mit einem Revolver auf ihn und verletzt ihn dabei am Arm. Dann flieht sie. Joachim erfährt bei seiner Rückkehr davon und befürchtet, dass sie sich das Leben nehmen werde. Er findet Ruzena, doch die will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Über einen Rechtsanwalt klärt er ihre Versorgung.

„Gott thront in absoluter Kälte und seine Gebote sind erbarmungslos, sie greifen ineinander wie die Zahnräder der Maschinen bei Borsig und all dies war so zwingend, daß Joachim beinahe befriedigt war, bloß einen einzigen Weg zur Erlösung zu sehen, den geraden Weg der Pflicht, mochte er auch selber daran verbrennen.“ (S. 158)

Joachim sucht Elisabeths Vater auf und bittet um ihre Hand. Der gibt seine Zustimmung. Derweil besucht Elisabeth Bertrand im Krankenhaus. Sie liebt Joachim nicht, kann sich aber dennoch vorstellen, ihn zu heiraten. Bertrand beteuert ihr noch einmal seine Gefühle, sie küssen sich leidenschaftlich, doch es ist ein Abschied. Danach willigt sie in Joachims Antrag ein. Die frisch Verlobten sprechen über Bertrand, der nicht wie sie klare Verhältnisse braucht. Die Hochzeit findet im kleinen Rahmen statt. In der Hochzeitsnacht erscheint Joachim seine Frau fremd und viel zu rein für ihn. Er bietet ihr an, sie freizugeben. Sie erklärt ihm, dass sie erst vertraut miteinander werden müssen. Sie schlafen nebeneinander ein. 18 Monate später wird ihr erstes Kind geboren.

1903 – Esch oder die Anarchie

August Esch verliert seine Stelle als Buchhalter bei der Weinhandlung Stemberg & Co in Köln. Er besucht das Lokal von Mutter Hentjen, um sich abzulenken. Die Witwe verabscheut die Männer, die sie Tag für Tag versorgen muss. Esch hasst sie ein bisschen weniger, weil der ihre Küche lobt. Er trifft sich mit dem Gewerkschaftler Martin Geyring, einem Krüppel, der versucht, ihn für seine Organisation zu gewinnen. Martin weiß, wo Esch nach einer Stelle fragen könnte. Tatsächlich findet der eine Anstellung bei der Mittelrheinischen Reederei in Mannheim. Die wird von Präsident Bertrand geführt. Esch muss im Hafen eingelagerte Waren kontrollieren und mit den Lieferlisten vergleichen. Er freundet sich mit dem Zollbeamten Balthasar Korn an, der ihm ein Zimmer in seinem Haus anbietet. Der Junggeselle Korn lebt mit seiner unverheirateten Schwester Erna zusammen. Diese zeigt Interesse an Esch. Als Erna und Esch zusammen ins Varieté gehen, lernen sie dort dessen Direktor Gernerth kennen. Während der Show hat Esch Mitleid mit dem Mädchen, das auf der Bühne dem Messerwerfer assistieren muss. Er wird den Artisten wenig später vorgestellt: Herr Teltscher und seine Assistentin Ilona finden sich nun ebenfalls zum Essen bei den Korns ein.

„Der 2. März 1903 war ein schlechter Tag für den 30jährigen Handlungsgehilfen August Esch; er hatte mit seinem Chef Krach gehabt und war entlassen worden, ehe sich noch Gelegenheit ergeben hatte, selber zu kündigen.“ (S. 183)

Esch verbringt seine Freizeit gern im Laden des Zigarrenhändlers Josef Lohberg, den er zwar für einen Idioten hält, aber unterhaltsam findet. Lohberg ist Vegetarier und warnt vor den ungesunden Folgen des Rauchens. Er hat ebenso wenig Freude an seinem Beruf wie Mutter Hentjen an dem ihren. Eines Abends besucht Esch Erna in ihrem Zimmer. Sie macht deutlich, dass sie nur mit ihm schlafen wird, wenn er ihr einen Antrag macht. Darauf will sich Esch nicht einlassen. Die beiden beginnen einen Kleinkrieg. Unterdessen fängt Ilona, die von Esch idealisiert wird und die dieser gern von ihrem Schicksal als Messerwerfergehilfin erlösen möchte, eine Affäre mit Korn an.

„Der Mann, der in weiter Ferne nach seiner Frau sich sehnt oder auch nur nach der Heimat seiner Kindheit, steht am Beginn des Schlafwandelns.“ (S. 328)

Martin Geyring ist anlässlich einer Versammlung in Mannheim und besucht Esch. Die beiden unterhalten sich über Bertrand, den Martin – anders als Esch – für einen hochanständigen Mann hält, obwohl er das Militär verlassen hat. Die Versammlung verläuft chaotisch und wird von der Polizei aufgelöst. Martin wird verhaftet. Esch gibt Bertrand die Schuld, der bestimmt gemeinsame Sache mit der Polizei gemacht hat, um den unbequemen Gewerkschaftler loszuwerden. Esch überlegt, nach Amerika auszuwandern. Dafür bräuchte er Geld. Zusammen mit Gernerth und Teltscher will er eine Damenringkampfshow auf die Beine stellen. Erna und Lohberg investieren in die Geschäftsidee.

„Das Rationale des Irrationalen: ein anscheinend absolut rationaler Mensch wie Huguenau vermag Gut und Böse nicht zu unterscheiden. In einer absolut rationalen Welt gibt es kein absolutes Wertsystem, gibt es keine Sünder, höchstens Schädlinge.“ (S. 597)

Esch geht die Rechnung für seine Erlösung im Kopf durch: Er verzichtet auf Erna und rettet stattdessen Ilona vor den Messern. Wenn er Martin gegenüber seine Pflicht tun will, darf er nicht mehr für Bertrand arbeiten. Er kündigt und macht sich auf nach Köln, um das Geschäft mit den Ringkämpfen aufzubauen. Er pachtet das Alhambra-Theater und sucht und findet Mädchen für die Kämpfe. Unter ihnen ist auch Ruzena, die unter Tränen die Probe abbricht. Esch schreibt einen Artikel, um Martin freizubekommen und Bertrand anzuklagen. Vom Redakteur erfährt er, dass Bertrand homosexuell sein soll.

„Es war damals, als würde der Sommer überhaupt kein Ende nehmen: Tage von vergoldeter zitternder Stille folgten einer dem anderen in gleichem strahlendem Licht, als wollten sie vor ihrer süßen Ruhe die blutigste Periode des Krieges doppelt sinnlos erscheinen lassen.“ (S. 592)

Esch fährt mit Mutter Hentjen zu einer Weinauktion, um für sie gute Preise auszuhandeln. Auf der Fahrt kommen sie sich näher, obwohl sie sich vor ihm ekelt. Mutter Hentjen nimmt die Entwicklung resigniert hin und widersetzt sich nicht. Bei ihr findet Esch Erlösung. Sie träumen gemeinsam von Amerika. Mutter Hentjen müsste die Kneipe verkaufen. Eschs Streifzüge bringen ihn auch in Lokale, in denen er sich nach Bertrands Affären erkundigen kann. Er trifft den jungen Harry Köhler, der Bertrand liebte und von ihm verlassen wurde. Die Ringkämpfe starten erfolgreich, doch die Einnahmen lassen bald nach. Esch ist wütend – auf seine Kompagnons und auf Bertrand, weil Martin noch immer in Haft ist.

„(…) und aus der schwersten Finsternis der Welt (…) tönt die Stimme, die das Gewesene mit allem Zukünftigen verbindet, (…) es ist die Stimme des Menschen und der Völker, die Stimme des Trostes und der Hoffnung und der unmittelbaren Güte: ,Tu dir kein Leid! denn wir sind alle noch hier!‘“ (S. 716)

Esch fährt nach Mannheim, um Erna und Lohberg ihre Einlage auszuzahlen – den versprochenen Gewinn hält Gernerth zurück – und um Martin zu besuchen. Erna und Lohberg sind so gut wie verlobt. Nun endlich ist sie bereit, die Nacht mit Esch zu verbringen. Er berichtet Martin, dass er auf dem Weg zu Bertrand ist, um ihn wegen Martins Inhaftierung zur Rede zu stellen. Martin versucht vergebens, ihm den Plan auszureden. Wie in Trance reist Esch mit dem Zug nach Badenweiler und sucht Bertrand in seiner Villa auf. Der empfängt ihn und sie sprechen über die Schuld, die Liebe und den Tod. Esch kehrt zurück nach Mannheim und verabschiedet sich von seinen Freunden dort. Er ist jetzt entschlossen, Mutter Hentjen zu heiraten. Zurück in Köln zeigt er Bertrand wegen dessen „unzüchtigen Beziehungen“ an. Auf einem seiner Streifzüge erfährt er, dass Harry Köhler sich das Leben genommen hat, nachdem er Bertrands Todesanzeige in der Zeitung gelesen hatte. Bertrand selbst soll sich erschossen haben. Gernerth ist derweil mit den restlichen Einnahmen verschwunden. Der Traum vom neuen Leben in Amerika ist damit endgültig geplatzt. Mutter Hentjen nimmt eine Hypothek auf die Wirtschaft auf, um das Geld in Teltschers neues Theatergeschäft zu investieren. Als Gegenleistung fordert Esch, dass die Messerwerfernummer aus dem Programm genommen wird. Von Lohberg erfährt er, dass Erna ein Kind erwartet. Einige Zeit später verkaufen sie die Kneipe und verlieren das bei Teltscher investierte Geld, doch Esch findet einen neuen, besseren Job als Oberbuchhalter.

1918 – Huguenau oder die Sachlichkeit

Der Händler Wilhelm Huguenau desertiert gegen Ende des Krieges aus einem belgischen Schützengraben und schlägt sich in ein kleines Städtchen an der Mosel durch. Er sucht die lokale Zeitung von August Esch auf und schlägt vor, ihm das Blatt abzukaufen. Schnell findet Huguenau Unterstützer und Geldgeber, nachdem er sich mit dem Kommandanten des hier stationierten Militärs, Major Joachim von Pasenow, gut gestellt hat. Huguenau macht dem Major weiß, er sei im Auftrag des Heeres unterwegs und solle das „bedenkliche“ Blatt übernehmen. Esch ist durch eine Erbschaft an die Zeitung gekommen und hatte tatsächlich schon mehrfach Probleme mit der Zensur. Er erklärt sich bereit, an Huguenau zu verkaufen, und bleibt als Angestellter im neuen Unternehmen. Joachim von Pasenow schreibt den Leitartikel für die erste Ausgabe unter neuer Führung. Die Ordnung des Heeres, die ihm früher so viel Halt gab, gibt es nicht mehr. Er sucht jetzt Zuflucht im Glauben.

Im Ort befindet sich das Bezirkskrankenhaus. Hier werden Soldaten wie Jaretzki behandelt, dessen Arm amputiert werden muss und der nicht weiß, ob er je in ein bürgerliches Leben zurückfinden kann. Er beginnt zu trinken. Der Alkohol ist für ihn – wie der Patriotismus – nur ein Rauschmittel. Auch der Maurer Ludwig Gödicke, der nach einem schweren Unfall langsam ins Leben zurückkehrt, ist hier Patient.

Die Welt ist unüberschaubar geworden. Auf der Suche nach Halt verlangen die Menschen nach Führung. Der Geist der Epoche zeigt sich in einem Baustil, der keine Ornamente kennt. Es gibt keine universellen Werte mehr. Die Welt zersplittert in abstrakte Wertgebiete – das des Krieges, das des Handels, das der Kunst –, die jeweils nach einer eigenen, radikalen Logik funktionieren. Das führt zu rücksichtlosem Handeln, das innerhalb des abgesteckten Bereiches logisch und zwingend erscheint. Das theologische Wertgebäude, das alles auf Gott als letzten Grund ausrichtete, ist in der Renaissance zerstört worden und in den späteren Jahrhunderten völlig verloren gegangen. Der Protestantismus mit seinem abstrakten, autonomen Gotteserlebnis hat der Religion die Inhalte und den festen Bezug genommen. Was bleibt, ist das einsame und orientierungslose Individuum. Gut und Böse verlieren ohne ein absolutes Wertesystem ihre Bedeutung.

Huguenau beobachtet Esch und sendet dem Major einen Bericht, in dem er mutmaßt, Esch treffe sich mit subversiven Elementen. Der Major ignoriert den Brief. Als Huguenau ihn darauf anspricht, macht der Major klar, dass er die Verdächtigungen nicht teilt. Esch tritt, beeindruckt vom Glauben des Majors, zum Protestantismus über und hält Bibelkreise ab, zu denen auch Gödicke und später sogar der Major kommen.

Im Gefängnis der Stadt kommt es zu einem Aufstand. Die Häftlinge fordern mehr Essen. Der Krieg erreicht seinen grausamen Höhepunkt. Der Major erhält eine Liste, die Huguenau als Deserteur ausweist. Der Kaufmann kann ihn aber davon überzeugen, dass es sich um ein Missverständnis handelt.

Anfang November bricht die Front zusammen. Es kommt zu einem Aufstand in der örtlichen Papierfabrik. Der Stadtkommandant lässt die Bürger bewaffnen. Die Aufständischen ziehen gegen das Gefängnis und die Kommandantur. Der Major wird bei einem Unfall mit seinem Wagen schwer verletzt. Esch rettet ihn aus dem brennenden Fahrzeug und bringt ihn in seinem Haus in Sicherheit, bevor er sich wieder in die Stadt aufmacht, um Pasenows Leute zu informieren. Huguenau holt ihn auf der Straße ein und sticht ihn mit einem Bajonett hinterrücks nieder. Er bietet an, den verletzten Major nach Köln zu begleiten, und entkommt so. Er hebt das restliche Vermögen der Zeitung ab und kehrt in seine Heimat Colmar zurück. Über den Mord denkt er nicht viel nach – die irrationale Tat hat in seiner kaufmännischen Logik keinen Platz. Er heiratet, wird reich, kriegt einen Bauch und nötigt die Witwe Esch, ihm seine Anteile an der Zeitung abzukaufen. 

Zum Text

Aufbau und Stil

In drei Romanen auf gut 700 Seiten taucht Hermann Brochs Werk ab in die innersten Gedanken seiner drei Protagonisten, die nicht nur für drei unterschiedliche Schichten, sondern auch Denkmodelle stehen. Diese werden in den Titeln der Romane angedeutet: 1888 – Pasenow oder die Romantik, 1903 – Esch oder die Anarchie und 1918 – Huguenau oder die Sachlichkeit. Die Erzählhaltung folgt dem zerfallenden Ordnungsgefüge der Welt: Der erste Roman bleibt eng bei seiner Hauptfigur, selbst wenn die Perspektive von Pasenow zu Ruzena oder Bertrand wechselt, und folgt einem stringenten Aufbau. In Eschs Teil zerfasert die zunächst konsequent erzählte Handlung. Gegen Ende bleibt unklar, wie Bertrand tatsächlich ums Leben gekommen ist. Der dritte Roman verlässt den Rahmen des bürgerlichen Romans endgültig und nutzt Mittel der Montage, um filmhaft Episoden aneinanderzureihen und das Geschehen nur noch sporadisch zu beleuchten. Es gibt 15 Einschübe eines Ich-Erzählers, die teils in Gedichtform verfasst sind; eine Szene zwischen Esch, seiner Frau und Huguenau inszeniert Broch als Theaterstück. Dazu kommen zehn philosophische Essays über den Zerfall der Werte, die die Einzelbiografien in einen höheren Zusammenhang stellen. Der Stil ändert sich je nach Protagonist; mitunter wechselt Broch unvermittelt vom Perfekt ins Präsens. Der Text ist durchsetzt von Anspielungen und Bildern, die immer wieder aufgegriffen werden.

Interpretationsansätze

  • Brochs Thema ist die Macht des Irrationalen. Existenzielle Angst, Mystik, Erotik, Wut – das Leben aller Hauptfiguren ist durchzogen von irrationalen Gefühlen, die ihr Handeln bestimmen. Das Feld des Dichters ist gemäß einem Kommentar von Broch der Bereich des Erlebens, „in dem der Mensch bloß gesteuert von Uraffekten, kindlichen Haltungen, Erinnerungen, erotischen Wünschen, tierhaft und zeitlos dahintreibt.“
  • Im Hintergrund des Geschehens bestimmt eine vierte Hauptfigur das Leben der Protagonisten: Eduard von Bertrand. Im ersten Teil tritt er konkret in Erscheinung, es wird sogar aus seiner Perspektive erzählt; im zweiten bleibt er als schwer greifbare, mächtige Figur im Hintergrund; im dritten wirkt er nur durch die Spuren, die er im Leben der anderen hinterlassen hat und klingt im Vornamen des Ich-Erzählers nach.  
  • Immer wiederkehrendes Motiv der Romane ist das Streben nach Erlösung. Ausgehend vom Titel der Trilogie ist diese Erlösung mit einer Erweckung gleichzusetzen. Die Figuren trachten nach etwas, das kaum greifbar ist und durch den Zerfall der Wertordnungen nur noch verschwommener wird.  
  • Bei aller Düsterkeit endet die Trilogie mit einem hoffnungsvollen, utopischen Ton. Das moralische Dogma, vor allem vertreten durch den Katholizismus, kann keinen Halt mehr geben, seit es vom Protestantismus aufgeweicht wurde. An die Stelle der alten Wertordnungen tritt die Autonomie des Einzelnen, die eine neue Ethik möglich und notwendig macht. Bis diese da ist, bis die Wissenschaft das Irrationale erfassen kann, ist es Aufgabe der Dichtung, die Lücke zu schließen.
  • Das Werk steht in der Tradition des realistischen Romans und übernimmt Elemente des Naturalismus, bricht jedoch auch bewusst mit den stilistischen Formen. Der Zerfall äußerer Ordnung in der Erzählung findet seine Entsprechung in der Auflösung literarischer Konventionen

Historischer Hintergrund

Deutschland zur Jahrhundertwende

1888 starb Kaiser Wilhelm I. Dessen Sohn blieb als Friedrich III. nur 99 Tage auf dem Thron, den nach seinem frühen Tod sein erst 29-jähriger Sohn als Wilhelm II. übernahm. Konflikte zwischen diesem und dem altgedienten Reichskanzler Otto von Bismarck endeten 1890 mit Bismarcks Entlassung. In dieser kurzen, wirtschaftlich angespannten Phase wurden zahlreiche Interessenverbände gegründet, die nicht nur zur Diskriminierung politischer Gruppierungen, sondern vermehrt auch zur Ausgrenzung jüdischer Bürger führte. Ab 1890 sorgten die Wirtschaftssektoren Großchemie, Elektrotechnik und Maschinenbau für einen Aufschwung, der Deutschland als industriellen Vorreiter und Handelsgroßmacht etablierte. Vor allem durch den wachsenden Einfluss der Gewerkschaften verbesserte sich das Leben der Arbeiter. Wilhelms Prestigebewusstsein trieb ihn zur Aufrüstung der Flotte, was ihm den Unmut Englands zuzog. Durch ein Bündnis zwischen Frankreich und Russland wurde Deutschland zusätzlich isoliert. Ein Gefühl der Bedrohung durch die es umgebenden Mächte machte sich breit und gipfelte im Kriegsrat von 1912, in dem General von Moltke zu verstehen gab, dass ein Krieg unvermeidbar sei und der Beginn vorangetrieben werden müsse.

Als am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet wurde, war das ein willkommener Anlass, die Pläne in die Tat umzusetzen. Einen Monat später erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, Anfang August folgten die deutschen Kriegserklärungen gegen die mit Serbien verbündeten Staaten Frankreich und Russland. Deutsche Truppen marschierten in Belgien ein und provozierten so den Kriegseintritt Englands. Der Erste Weltkrieg erfasste, befeuert von der Kriegsbegeisterung weiter Teile der Bevölkerung, binnen weniger Tage ganz Europa. In den nächsten vier Jahren verloren rund 17 Millionen Menschen ihr Leben. Der Erste Weltkrieg endete am 11. November 1918.

Entstehung

Broch begann wahrscheinlich 1928 mit der Arbeit an der Trilogie. 1929 arbeitete er erste Novellenfassungen zu Romanen aus. Als Titel für die Trilogie verwarf er „Bertrand“, „Huguenau“ und „Historischer Roman“, bevor er sich für Die Schlafwandler entschied. 1930 reichte er das Manuskript beim Fischer Verlag in Berlin ein, wo man ihm zu verstehen gab, dass nur der erste Teil Hoffnung auf Veröffentlichung habe und er die anderen Teile im Stil anpassen müsse. Broch wechselte daraufhin zum Rhein Verlag. Der erste Teil, Pasenow, ging Ende des Jahres nach umfangreichen Überarbeitungen in den Druck und erschien noch im Dezember. Esch folgte im Januar 1931, Huguenau – nun deutlich länger und um einige Essays ergänzt – wurde im April 1932 veröffentlicht.

Den wohl größten Einfluss auf Brochs literarisches Schaffen hatte sein späterer Freund James Joyce, doch auch André Gide und Robert Musil prägten ihn. In deren Romanen sah Broch die Aufgabe des Dichters verwirklicht, das Irrationale im menschlichen Leben und Erleben zugänglich zu machen. Früher war dies die Domäne der Philosophie, die jedoch im Zuge des Positivismus ebenfalls zur Wissenshaft geworden war. So verwundert der überall spürbare Einfluss der Philosophie in den Romanen nicht: Verweise auf Kant, Hegel, Augustinus, Calvin, Erasmus durchziehen insbesondere die Essays im dritten Teil.

Wirkungsgeschichte

Brochs Werk und die Heilssuche der Hauptfiguren sollten sich für die politische Entwicklung in Deutschland als prophetisch erweisen. „Der soziale Querschnitt, der in den drei Bänden gezogen ist, offenbart fast in allen Charakteren sich als Nazi-Nährboden“, sagte Broch selbst später. Die in der modernen Welt orientierungslos gewordenen Protagonisten suchen nach Führung, im dritten Roman auch als Suche nach einem Führer ausbuchstabiert: „Deshalb wohl sehnen wir uns nach dem ‚Führer‘, damit er uns die Motivation zu einem Geschehen liefere, das wir ohne ihn bloß wahnsinnig nennen können.“

Während Autoren wie Thomas Mann, Hermann Hesse, Aldous Huxley, Hannah Arendt oder Milan Kundera Brochs Werk lobten und Elias Canetti und Michel Foucault seinen Einfluss auf ihr eigenes Werk betonten, blieb die Trilogie bis nach dem Tod ihres Autors einem größeren Publikum unbekannt. In der Forschung waren es vor allem Parallelen zu Autoren wie Robert Musil und Alfred Döblin, die ab den 1950er-Jahren zahlreiche Abhandlungen anregten. Der Politologe Eric Voegelin und der Historiker Gordon Craig unterstrichen den Beitrag, den Brochs Trilogie zum Verständnis der Geschichte Europa leistete.

Zwischen 2007 und 2009 wurde die Trilogie vom Bayerischen Rundfunk als Hörspiel in zwölf Teilen produziert. Anspielungen auf Brochs Werk finden sich in zahlreichen Filmen und Romanen.


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