Zusammenfassung von Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen

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Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Wirtschaftstheorie
  • Moderne

Worum es geht

Klassiker der Wissenschaftstheorie

Kuhns Essay gilt als Klassiker der Wissenschaftstheorie. Er ist nicht nur überaus spannend zu lesen, die Erkenntnisse, die Kuhn in minutiöser Kleinarbeit aus dem Studium der naturwissenschaftlichen Entwicklung gewinnt und didaktisch geschickt diskutiert, lassen sich - mit Einschränkungen, die er selbst nennt - auch auf die Sozial- bzw. Geisteswissenschaften übertragen. Sogar in Politik und Wirtschaft hat der Begriff des Paradigmenwechsels, eine Erfindung Kuhns, Eingang gefunden. Das Hauptverdienst von Kuhns Buch besteht in der Erkenntnis: Die eigene Sicht auf die Welt ist meist von Einflüssen geprägt, die uns längst nicht mehr bewusst sind - deshalb ist sie sehr beschränkt. Das erklärt einerseits, warum die Vertreter verschiedenartiger Wirklichkeitsmodelle fast notwendigerweise aneinander vorbeireden, und das nicht nur in den Wissenschaften. Andererseits gibt es Aufschluss darüber, warum ausgerechnet wissenschaftliche Gemeinschaften sich oft derart erbittert dagegen stemmen, die gewohnte Wahrnehmungs-, Denk- und Arbeitsweise aufzugeben. Auch wenn Kuhn seine Erkenntnisse aus dem Wissenschaftsbetrieb bezieht und sein Buch von wissenschaftlichen Revolutionen (Kopernikus, Newton, Einstein etc.) handelt, bestätigt der amerikanische Autor en passant etliche Einsichten der zeitgenössischen Psychologie und Philosophie.

Take-aways

  • Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen ist ein bahnbrechendes Werk der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts.
  • Thomas S. Kuhn legt darin ein neues Erklärungsmodell des wissenschaftlichen Fortschritts vor.
  • Das Bild, das sich Wissenschaftler vom Fortschritt ihrer Disziplin machen, wird durch die jeweilige wissenschaftliche Gemeinschaft, ihre Lehrbücher, Denkweisen und Arbeitsmethoden geprägt.
  • Zusammen bilden diese Faktoren das, was Kuhn ein Paradigma nennt.
  • Frühere, verworfene Theorien kommen darin kaum vor. Dadurch werden die radikalen Umbrüche - die Revolutionen - in der Geschichte der Wissenschaften unsichtbar.
  • Kuhn unterscheidet zwischen normaler Wissenschaft, außerordentlicher Wissenschaft und wissenschaftlichen Revolutionen.
  • Die normale Wissenschaft geht immer von einer Vorstellung aus, wie die Welt beschaffen und erklärbar sein könnte.
  • Wie bei einem Puzzlespiel stellt sie sich daher ausschließlich solchen Problemen, die sie für lösbar hält.
  • Treten gehäuft Phänomene auf, die sie nicht erklären kann (Anomalien), gerät die Wissenschaft in eine Krise.
  • Meist entwickeln dann Außenseiter eine revolutionäre Theorie, die die bisherigen Grundlagen der normalen Wissenschaft erschüttert - ein Paradigmenwechsel steht an.
  • Allerdings setzt sich das neue Paradigma erst durch, wenn es besser mit den Fakten übereinstimmt, einen gültigen Ersatz für das alte bietet und von der Mehrheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft akzeptiert wird.
  • Kuhns Begriff des Paradigmenwechsels hat weit über die Naturwissenschaften hinaus Karriere gemacht.
 

Zusammenfassung

Das übliche Bild von Wissenschaft und Fortschritt

Wissenschaftliche Lehrbücher und die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses vermitteln ein vereinfachtes Bild: Wissenschaftler beobachten Phänomene in ihrem Fachbereich und stellen Gesetze und Theorien zu deren Erklärung auf. Die Voraussetzungen allerdings, unter denen man wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnt, werden in der Regel nicht thematisiert. Frühere Vorstellungen finden allenfalls als Kuriosa noch Erwähnung. Die wissenschaftlichen Umbrüche, die den gegenwärtigen Entwicklungsstand erst möglich gemacht haben, sind unsichtbar. Mit anderen Worten: In den Publikationen, die Generationen von Wissenschaftlern - und bis zu einem gewissen Grad auch die öffentliche Meinung - prägen, wird immer nur der neueste Stand einer Wissenschaft dargestellt. Die Auseinandersetzungen, die zu diesem Stand geführt haben, werden verschwiegen. So entsteht der Eindruck, wissenschaftlicher Fortschritt verdanke sich einer allmählichen Anhäufung zusätzlicher Fakten und die daraus gewonnenen Einsichten würden dann schrittweise eine Erweiterung von bereits bestehendem Wissen erlauben.

Eine neue Art, Wissenschaft zu sehen

Betrachten wir nun einmal die wissenschaftliche Arbeit im Kontext der jeweils vorherrschenden Ansichten einer bestimmten Zeit und deren wissenschaftlicher Gemeinschaft (scientific community), so kommen wir zu einem ganz anderen Befund:

Die normale Wissenschaft als die Betätigung, mit der die meisten Wissenschaftler zwangsläufig fast ihr ganzes Leben verbringen, gründet in der Annahme, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft weiß, wie die Welt beschaffen ist.“ (S. 19 f.)

Die für einen Fachbereich und dessen wissenschaftliche Gemeinschaft geltenden Vorstellungen über die Beschaffenheit von Welt und Wirklichkeit sind nämlich genau festgeschrieben, und zwar in den Lehrbüchern. Sie finden sich in der jeweiligen Ausbildung wieder, die die Studierenden auf ihre fachliche Tätigkeit vorbereitet. Die angehenden Wissenschaftler erlernen deshalb nicht nur Begriffe zur Beschreibung von Phänomenen und Methoden spezifischer Problemlösung. Sie verinnerlichen gleichzeitig ein bestimmtes Verständnis ihres Fachbereichs, in dem mögliche Probleme und entsprechende Lösungen wie selbstverständlich vorgegeben sind. Dieses Selbstverständnis eines Fachs und seiner Vertreter - ihr "stillschweigendes Wissen" - ist also durch zahlreiche Vorannahmen geprägt, die im normalen Wissenschaftsbetrieb niemand mehr hinterfragt.

Normale Wissenschaft oder die Herrschaft eines bestimmten Paradigmas

Normale Wissenschaft beruht auf bestimmten Vorstellungen, Arbeitsweisen und Leistungen, die als Grundlagen für die weitere Forschungsarbeit anerkannt sind. Sie bilden zusammen das wissenschaftliche Paradigma für einen bestimmten Fachbereich. Einerseits sind diese Vorstellungen neuartig genug, dass Anhänger sich um sie versammeln, die vorher mit anderen Annahmen gearbeitet haben; andererseits liefern sie der wissenschaftlichen Gemeinschaft eine durchaus erwünschte Menge zu lösender Probleme. Bekannte Beispiele dafür, dass ein Paradigma irgendwann durch ein neues ersetzt wurde, sind die Ptolemäische vs. die Kopernikanische Astronomie, die Aristotelische vs. die Newton'sche Dynamik vs. die Einstein'sche Relativitätstheorie und die Korpuskular- vs. die Wellen-Optik.

Die normale Wissenschaft unterdrückt zum Beispiel oft fundamentale Neuerungen, weil diese notwendigerweise ihre Grundpositionen erschüttern.“ (S. 20)

Die beiden genannten Merkmale - Neuartigkeit des Ansatzes und spannende, sich daraus ergebende Probleme - machen Paradigmen auch für Anfänger attraktiv. Schließlich ist das Studium des herrschenden Paradigmas Vorbereitung auf und Voraussetzung für die Beteiligung in einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, und die künftigen Wissenschaftler wollen natürlich etwas Sinnvolles zu tun haben. Paradigmen bilden so die konkrete wissenschaftliche Praxis, die Gesetze, Theorie, Anwendung und Hilfsmittel einschließt. Sie geben Vorbilder ab, aus denen bestimmte Traditionen wissenschaftlicher Forschung hervorgehen. Anders gesagt: Weil Antworten immer von den gestellten Fragen abhängen und die möglichen Fragen wiederum vom jeweiligen Paradigma, stellt die normale Wissenschaft Fragen, die sie bereits kennt. Entsprechend sucht sie nach Antworten, die sie erwartet.

Die Entstehung von Paradigmen

An der Geschichte z. B. der physikalischen Optik vor Newton oder der Erforschung der Elektrizität vor Franklin zeigt sich allerdings, dass es - je nach Fachbereich - eine vor-paradigmatische Wissenschaft gegeben hat: ein mehr oder minder ungerichtetes, durch keine übergeordnete Theorie systematisiertes Sammeln von Beobachtungen, Daten und Interpretationen. In solchen Epochen kämpfen konkurrierende Schulen für ihre jeweiligen Erklärungsmodelle. Sie grenzen alles, was nicht in ihr Modell passt, als später zu lösende Probleme aus.

Um als Paradigma angenommen zu werden, muss eine Theorie besser erscheinen als die mit ihr im Wettstreit liegenden, sie braucht aber nicht - und tut es tatsächlich auch niemals - alle Tatsachen, mit denen sie konfrontiert wird, zu erklären.“ (S. 32)

Erst eine übergreifende Theorie, die frühere Forschungsergebnisse zusammenfasst bzw. entkräftet und einen Großteil der bekannten Phänomene erklären kann, schafft eine Übereinkunft bezüglich der Wahrnehmungs- und Arbeitsweise. So entsteht eine durch das Paradigma geordnete Wissenschaft. Gleichzeitig bildet sich eine zunehmend spezialisierte wissenschaftliche Gemeinschaft, die aus ihrem neu begründeten Fachgebiet ihr Weltbild und ihre Identität herleitet. Dies hat allerdings zur Folge, dass die Wissenschaftler einerseits ihr eigenes Wahrnehmungsfeld erheblich eingrenzen und sich andererseits nicht mehr an die Öffentlichkeit richten, sondern an ihre Fachgenossen. Denn nur dort können sie die Kenntnis des Paradigmas voraussetzen. Je weniger hinterfragbar das Paradigma wird, desto selbstverständlicher gehen die Spezialisten damit um. Anders gesagt: Sie betreiben normale Wissenschaft.

Normale Wissenschaft als das Lösen von Puzzles

Das Geschäft der normalen Wissenschaft besteht darin, die Natur in das vorgeformte und relativ enge Korsett des jeweiligen Paradigmas zu zwängen. Immerhin erfordert die Anstrengung, Phänomene und Paradigma in immer bessere Übereinstimmung zu bringen, experimentelle Genauigkeit und Forschungsausdauer. Dadurch lassen sich Konstanten oder Gesetze finden, die ohne ein interesselenkendes und problemdefinierendes Paradigma unentdeckt geblieben wären. Entscheidend für die normale Forschungstätigkeit ist, dass es für die Probleme, die sich der wissenschaftlichen Gemeinschaft stellen, entsprechende Regeln und voraussehbare Lösungen gibt, ähnlich wie bei einem Puzzle.

Verunsicherung, Anpassung und Krise

Ungewöhnliche, innerhalb des herrschenden Paradigmas nicht zu erwartende Entdeckungen, wie etwa die des Sauerstoffs, der Röntgenstrahlen oder der Leidener Flasche (einer Art Kondensator), führen zunächst zu Anpassungen des Paradigmas; es wird durch viele spekulative Teiltheorien ergänzt. Dabei spielt der gewohnheitsbedingte Widerstand gegen eine Veränderung des bestehenden Paradigmas eine durchaus produktive Rolle. Er zwingt die Wissenschaftler nämlich zu immenser Präzision in Beobachtung, Einordnung und Theoriebildung. Die wäre ohne die Notwendigkeit, das bestehende Paradigma zu verteidigen, gar nicht denkbar. So wird die bewusste und vermehrte Wahrnehmung von Anomalien überhaupt erst möglich.

Gerade die Tatsache, dass eine bedeutende wissenschaftliche Neuheit so oft gleichzeitig in mehreren Laboratorien auftaucht, ist ein Hinweis sowohl auf die stark traditionsbewusste Natur der normalen Wissenschaft wie auch auf die Vollständigkeit, mit der jene traditionelle Einstellung den Weg für ihre eigene Veränderung bahnt.“ (S. 78)

Anomalien sind Phänomene, die aufgrund des bestehenden Paradigmas und der ihm entsprechenden Experimente und Apparaturen weder erwartet noch erklärt werden können. Häufen sie sich, führt dies zur Verunsicherung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und schließlich zur Krise. Der Fachbereich gerät in eine Sackgasse. In einer gewaltigen Anstrengung "außerordentlicher Forschung" versuchen dann einige Wissenschaftler, das bestehende Paradigma bis an seine Grenzen auszureizen - und erreichen dadurch nichts als eine weitere Verschärfung der Krise. Andere wenden sich der philosophischen Analyse der Grundlagen des Paradigmas zu, um herauszufinden, was daran unangemessen sein könnte.

Wissenschaftliche Revolutionen und ihre Wirkungen

Hilft all das nichts, beginnt das bestehende Paradigma zu bröckeln. An historischen Beispielen lässt sich aufzeigen, dass in solchen Situationen meist einzelne junge und im entsprechenden Fachbereich noch wenig erfahrene Wissenschaftler eine neue Theorie aufstellen, die die Grundlagen des Fachbereichs und das Selbstverständnis seiner Vertreter erschüttert. Dies ruft heftigen Widerstand seitens der wissenschaftlichen Gemeinschaft hervor. Eine wissenschaftliche Revolution, ein radikaler Wechsel in den Grundannahmen und den davon abhängigen Methoden steht bevor: vom neuen Verständnis der Luft oder der Elektrizität bis zur veränderten Vorstellung vom Aufbau des Universums.

Ein Paradigma ablehnen, ohne gleichzeitig ein anderes an seine Stelle zu setzen, heißt die Wissenschaft selbst ablehnen.“ (S. 92)

Jede wissenschaftliche Revolution zwingt die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu, eine vertraute Theorie zugunsten einer neuen aufzugeben. Zudem verschiebt sie die Maßstäbe, nach denen definiert wird, was innerhalb der Fachdisziplin ein zulässiges Problem bzw. eine legitime Problemlösung ist. Solche Prozesse sind deshalb mit leidenschaftlichen Kontroversen verbunden. Schließlich wirkt sich eine neue Theorie nicht nur auf die Regeln für künftiges Forschen aus: Weil früher gewonnene Daten einer Neubewertung unterworfen werden, resultiert aus der neuen Theorie auch die Umarbeitung oder gar Verwerfung bestehender wissenschaftlicher Erkenntnisse. Der wichtigste Effekt wissenschaftlicher Revolutionen jedoch - und wohl auch der Grund dafür, dass sie sich letztlich durchsetzen - ist einerseits der Umstand, dass sie vertraute, bisher ungeklärte Probleme lösen. Andererseits stellt eine solche Revolution eine Fülle neuer Probleme bereit, die bis dahin gänzlich unbekannt waren, wie es z. B. bei der Quantentheorie der Fall war.

Paradigmenwechsel: Ersatz eines alten durch ein neues Paradigma

Damit es nach einer wissenschaftlichen Revolution zu einem eigentlichen Paradigmenwechsel kommen kann, muss die neue Theorie

  1. mit den (z. T. ebenfalls neuen) Experimenten übereinstimmen,
  2. einen gültigen Ersatz für das alte Paradigma anbieten und
  3. von der Mehrheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft akzeptiert sein.
Die Studierenden akzeptieren aber Theorien wegen der Autorität des Lehrers und des Lehrbuches, nicht aufgrund von Beweisen. Welche andere Wahl hätten sie auch oder welche Qualifikation?“ (S. 93 f.)

Die Schwierigkeit besteht nun darin, dass - wie bei politischen Revolutionen - sowohl die Vertreter des alten als auch die des neuen Paradigmas ausschließlich von ihrem eigenen Standpunkt her argumentieren können, d. h. sie befinden sich notwendigerweise auf verschiedenen Ebenen. Weil es keine wissenschaftlich neutrale Sprache gibt und die widerstreitenden Systeme jeweils andere Grundlagen haben, ist ein sachbezogenes Gespräch auf Basis von genügend gemeinsamen Annahmen und gleichbedeutenden Begriffen von vornherein unmöglich. Die Wissenschaftler reden unvermeidlicherweise aneinander vorbei. Das bedeutet, dass es bei der Entscheidung für oder gegen ein Paradigma keine höhere Instanz als die jeweilige wissenschaftliche Gemeinschaft gibt. Was sie billigt, gilt. Überspitzt formuliert: Auch in der Wissenschaft kommen die Methoden der überredenden Argumentation zum Tragen.

Fast immer waren die Männer, denen diese fundamentale Erfindung eines neuen Paradigmas gelang, entweder sehr jung oder auf dem Gebiet, dessen Paradigma sie änderten, sehr neu.“ (S. 103)

In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass von einer Verifikation bzw. Falsifikation von Theorien, d. h. deren Überprüfung auf Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung mit den Fakten, nicht die Rede sein kann, weil ja auch bisher alle geschichtlich bedeutsamen Theorien mit den Fakten übereingestimmt haben - wenn auch immer nur bis zu einem gewissen Grad. Es kann also lediglich danach gefragt werden, welche Theorie besser zu den Fakten passt und im Idealfall exaktere Voraussagen erlaubt.

Widerstand und Anpassung

Nach einer wissenschaftlichen Revolution, mit der ein Paradigmenwechsel einhergeht, sind es in der Regel zunächst nur wenige Wissenschaftler, die den Wandel konsequent vollziehen. Sie tun dies meist im Glauben, das neue Paradigma werde viele Probleme lösen können. Oder sie sind von dessen Eleganz angetan oder haben andere, nicht auf Beweisen fußende Gründe. Jedenfalls sind es meist diese Wissenschaftler, die durch hartnäckige Arbeit das neue Paradigma so lange ausweiten und verfeinern, bis es schließlich auch experimentell bewiesen werden kann. Dies ist oft genug ein langer Prozess, dessen Ergebnis - die Übernahme des neuen Paradigmas durch die Mehrheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft - u. a. dadurch möglich wird, dass jene, die sich dagegen stemmen, im buchstäblichen Sinn wegsterben. Trotzdem verlangt ein Paradigmenwechsel nicht zwingend, dass eine alte Theorie durch eine neue vollständig außer Kraft gesetzt werden muss: Das belegt z. B. der Wechsel von der Newton'schen Dynamik zur Einstein'schen Relativität. Für bestimmte Bereiche kann die alte Theorie durchaus ihre Geltung und praktische Bedeutung bewahren. Dies ist mit ein Grund dafür, warum es häufig so lange dauert, bis sich ein neues Paradigma vollständig durchsetzt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Kuhns Essay ist in 13 Kapitel gegliedert. Innerhalb der Kapitel verweist Kuhn immer wieder nach vorn oder nach hinten und schafft so einen Eindruck von Kohärenz und argumentativer Geschlossenheit. Zur Untermauerung seiner Thesen führt er eine Fülle leicht nachvollziehbarer Beispiele aus der Geschichte der Naturwissenschaften an, die seine Ideen verdeutlichen. Kuhn pflegt - bei seiner Vorliebe für Literatur und Philosophie nicht verwunderlich - einen eleganten, subtil differenzierenden Schreibstil, dessen Klarheit und Verständlichkeit Diagramme und grafische Darstellungen überflüssig machen. Um die beschriebenen Mechanismen wissenschaftlicher Revolutionen überhaupt in den Blick zu bekommen und Verallgemeinerungen treffen zu können, betrachtet Kuhn die Stationen eines bestimmten Fachbereichs aus der Sicht eines historischen Paradigmas, bewegt sich dann aber - als Historiker - nach außerhalb und blickt vom Stand späterer Paradigmen aus darauf zurück. Dies ermöglicht ihm, die tatsächlichen Umbrüche in der scheinbar kontinuierlich verlaufenden Geschichte zu sehen und für andere sichtbar zu machen: eine Leistung, die der normale Wissenschaftler, der innerhalb des geltenden Paradigmas denkt und arbeitet, kaum zu erbringen vermag.

Interpretationsansätze

  • Kuhns Essay ist in erster Linie eine Anleitung zum Umdenken. Der Autor entwickelt seine Thesen Schritt für Schritt und berücksichtigt die etwaigen Widerstände der Leser in seiner Argumentation. Überzeugend zeigt er auf, dass die Mitglieder einer wissenschaftlichen Gemeinschaft in ihrer Wahrnehmungs- und Interpretationsweise vorgeprägt sind und ein weitgehend ahistorisches Bild von Wissenschaft pflegen.
  • Das Funktionieren wissenschaftlicher Gemeinschaften beschreibt Kuhn nicht erschöpfend. Er geht beispielsweise nicht auf den Einfluss hierarchischer Strukturen und nur gelegentlich auf externe Faktoren wie politische oder wirtschaftliche Interessen ein.
  • Obwohl Kuhn manchmal den Eindruck erweckt, dass zu einer bestimmten Zeit ausschließlich ein bestimmtes Paradigma herrsche, leugnet er keineswegs, dass verschiedene Paradigmen gleichzeitig wirksam sein können. In dieser Situation könnte man entweder von einem vorparadigmatischen Zustand oder aber von Paradigmen "zweiter Ordnung" innerhalb eines umfassenderen, oft noch gar nicht ausformulierten Paradigmas reden. Die von Einstein lebenslang gesuchte "einheitliche Theorie" oder "Theorie von allem" wäre ein geeignetes Beispiel für ein solch umfassendes Paradigma.
  • Gewisse Schwierigkeiten entstanden daraus, dass Kuhn sowohl die wissenschaftliche Gemeinschaft als auch das von ihr hochgehaltene wissenschaftliche Weltbild und die ihm entsprechenden Arbeitsweisen unter einen einzigen Begriff fasst - und dennoch Paradigma immer wieder lediglich im Sinn von Vorstellungs- und Methodensystem verwendet.
  • Kuhns Essay ist gegen den Kritischen Rationalismus und dessen Hauptvertreter Karl Popper gerichtet. Popper hatte in seinem berühmten Werk Logik der Forschung gezeigt, dass der wissenschaftliche Fortschritt über Hypothesenbildung und Falsifikation sehr methodisch verläuft. Kuhn hält dem entgegen, dass auch irrationale und soziale, mithin außerwissenschaftliche Aspekte mit hineinspielen.

Historischer Hintergrund

Wissenschaftstheorie im 20. Jahrhundert

Die Anfänge der Wissenschaftstheorie reichen zurück bis in die Antike, doch als eigenständige philosophische Disziplin gilt sie erst seit den 1920er Jahren. Damals wurde der Wiener Kreis um Moritz Schlick gegründet, von dem der Neopositivismus ausging. Auch Karl Popper stand diesem Kreis nahe, setzte sich mit seinem Kritischen Rationalismus jedoch von ihm ab. Vor Popper herrschte die Ansicht, reines Anhäufen von Beobachtungen führe zu wissenschaftlichem Fortschritt. Popper widersprach dem entschieden und rückte den kreativen Akt ins Zentrum. Eine Theorie ergibt sich demnach niemals automatisch aus Beobachtungen, es braucht den schöpferischen Akt der Hypothesenbildung. Zu Beginn kann dies ein bloßes Hirngespinst sein, das der Forscher durch Experimente zu testen (falsifizieren) versucht. Kann dieses Hirngespinst nicht falsifiziert werden, muss man es als vorläufig gültige Theorie akzeptieren.

Popper war der Erste, der mit der Vorstellung eines kontinuierlichen Fortschritts der Wissenschaften brach. Was er jedoch nicht berücksichtigte, war die starke soziale Dynamik der Hypothesenbildung. Hier liegt das Verdienst Kuhns - und einiger Vorläufer: Der Chemiker und Linguist Benjamin Lee Whorf etwa vertrat die These, dass unsere Weltsicht durch die Sprache, die wir sprechen, beeinflusst wird. Und bereits 1935 erschien Ludwik Flecks Monografie Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Die genannten Wissenschaftler waren auf die eine oder andere Weise Vorläufer und Ideengeber für Thomas S. Kuhn und seine Theorie der wissenschaftlichen Paradigmenwechsel.

Entstehung

Spätestens mit Beginn seiner Studienzeit im Jahr 1940 interessierte sich Thomas S. Kuhn für Literatur und Philosophie und deren Geschichte. Jedenfalls schrieb er Artikel dazu in der Campus-Zeitung. Das war für einen Studenten der Physik einigermaßen ungewöhnlich und ließ den damaligen Rektor der Universität, einen Wissenschaftshistoriker, auf Kuhn aufmerksam werden. Er bot ihm an, als Doktorand einen Kurs in Wissenschaftsgeschichte zu erteilen. Kuhn nahm an - und widmete sich von da an der Geschichte der Naturwissenschaften. Zuerst als Mitglied der Society of Fellows in Harvard, dann als Assistenzprofessor und Ordinarius im renommierten Berkeley verfasste er eine Reihe von Vorträgen und Aufsätzen, in denen er sich mit historischen Revolutionen in der Physik beschäftigte.

Als besonders befruchtend erlebte er das Jahr 1959, das er am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences in Stanford verbringen konnte. Mit Erstaunen nahm er zur Kenntnis, dass es bei den Sozialwissenschaftlern - anders als bei den Naturwissenschaftlern - offenbar üblich war, verschiedene Ansichten darüber zu haben, welche wissenschaftlichen Probleme und Methoden sinnvoll sind, und darüber auch offen zu diskutieren. Es war vor allem die Erfahrung dieser Unterschiedlichkeit, die ihn zum Begriff des Paradigmas hinführte.

Kuhns Essay Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen war ursprünglich als ein Band der International Encyclopedia of Unified Science geplant, aber weil das Manuskript in der Zwischenzeit zu umfangreich geworden war, konnte es nicht mehr in diesem Rahmen publiziert werden. Die Veröffentlichung als Buch 1962 war insofern ein Glücksfall, als dadurch Kuhns Werk einem breiteren Publikum bekannt wurde.

Wirkungsgeschichte

Das Buch war auf Anhieb ein Bestseller. Es hat sich in den USA über eine Million Mal verkauft, was für ein Sachbuch ein unerhörter Erfolg ist. Kuhn hat weder den Begriff der Revolution in die Wissenschaftsgeschichte eingeführt noch den Begriff des Paradigmas erfunden - der war und ist auch in der Sprachwissenschaft gebräuchlich. Zudem hat Kuhn die Bedeutung des Worts "Paradigma" so stark erweitert, dass diese etwas schwammig wurde und sogar ihn selbst immer wieder zu Einschränkungen nötigte. Neben der breiten Rezeption des Buches ist seine Erweiterung ins (fast) Bodenlose mit ein Grund dafür, warum sich das Wort in allen möglichen Bereichen durchgesetzt hat.

Merkwürdigerweise ist Kuhns Text trotz seiner stringenten Argumentation und der fein unterscheidenden sprachlichen Form weit häufiger von Naturwissenschaftlern missverstanden und kritisiert worden als von Vertretern anderer Disziplinen. Ein Hauptkritiker Kuhns war der Wissenschaftstheoretiker Imre Lakatos. In seinem Nachwort von 1969 ging Kuhn im Einzelnen auf die Kritik ein. Unter anderem schlug er vor, Paradigma durch "disziplinäres System" zu ersetzen. Da war aber das Wort "Paradigma" schon derart weit verbreitet, dass der neue Begriff keine Chance mehr hatte. Beispielsweise ist in Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen (1996) von "Zivilisationsparadigmen" die Rede.

Durch sein Beharren auf der Ersetzbarkeit von Paradigmen hat Kuhn wesentlich dazu beigetragen, die Denk- und Arbeitsweisen innerhalb naturwissenschaftlicher Gemeinschaften zu verändern. Es ist ihm gelungen, den Geltungsbereich wissenschaftlicher Modelle zu relativieren, ohne einer totalen Beliebigkeit das Wort zu reden, wie es etwa Paul Feyerabend tat.

Über den Autor

Thomas S. Kuhn wird am 18. Juli 1922 in Cincinnati (USA) geboren. Sein Vater ist Ingenieur, seine Mutter Korrektorin. 1940 beginnt er in Harvard Physik zu studieren, beschäftigt sich nebenher mit Philosophie und Literatur und schreibt für die Campus-Zeitung Harvard Crimson. Nach dem Bachelor-Abschluss 1943 arbeitet er in einem Radioforschungslabor und wird als Angehöriger der US-Streitkräfte in England und Frankreich als Radartechniker eingesetzt. Nach dem Ende des Krieges nimmt er das Studium der Physik in Harvard wieder auf und wird 1949 promoviert. Kuhns Interesse an Philosophie und Literatur ist allerdings ungebrochen, auch für den Harvard Crimson schreibt er noch immer. So wird James B. Conant, der Rektor von Harvard, auf ihn aufmerksam, und lässt Kuhn bereits vor seiner Promotion einen Kurs in Wissenschaftsgeschichte abhalten. 1956 wird er zunächst Assistenzprofessor in Berkeley, dann Ordinarius für Wissenschaftsgeschichte. In Berkeley schreibt er seinen Essay The Structure of Scientific Revolutions (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen). Weitere Werke Kuhns sind u. a. The Copernican Revolution (Die kopernikanische Revolution, 1957) und The Essential Tension (Die Entstehung des Neuen, 1977). Ab 1964 lehrt er in Princeton, von 1979 bis zu seinem Ruhestand 1991 am MIT (Massachusetts Institute of Technology). Kuhn stirbt am 17. Juni 1996 in Cambridge, Massachusetts. Ihm zu Ehren verleiht die International Academy of Science, die er mitbegründet hat, den Thomas Kuhn Award.


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    J. E. vor 6 Jahren
    welche Zusammenfassung ? - das ist doch nur Müll !!
  • Avatar
    J. K. vor 6 Jahren
    Tut mir leid:
    Schon diese Zusammenfassung ist viel zu verschwurbelt ...
    Papierkorb.
    mfg
    J.k.