Zusammenfassung von Die Verdammten dieser Erde

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Die Verdammten dieser Erde Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Politik
  • Moderne

Worum es geht

Manifest der Dekolonisation

Die Verdammten dieser Erde ist eine breit angelegte Analyse der Unabhängigkeitskämpfe in Afrika. Frantz Fanon vertritt in seinem Hauptwerk die Auffassung, dass die alten Kolonialstrukturen nur dann nachhaltig vernichtet werden können, wenn die Völker sich ihre Freiheit aus eigener Kraft gewaltsam erkämpfen. Seine sozialpsychologische Sicht auf Unterdrückung und Entmenschlichung geht mit einer grundlegenden Kritik an Kolonialismus und Imperialismus einher. Fanon untersucht die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und der Nation und stellt Lumpenproletariat und Bauern als treibende revolutionäre Kräfte ins Rampenlicht. Die Neuverteilung von Reichtum ist für ihn die wichtigste Aufgabe der Menschheit. Mit seinen hellsichtigen Beschreibungen von kolonial geprägter Globalisierung war er seiner Zeit voraus. Fanons Manifest der Dekolonisation ist bis heute eine lehrreiche Lektüre für alle, die verstehen wollen, wie Afrika durch die Verbrechen des Kolonialismus geprägt wurde und welche Folgen immer noch zu spüren sind.

Take-aways

  • Die Verdammten dieser Erde ist das Hauptwerk des karibisch-französischen Schriftstellers Frantz Fanon.
  • Inhalt: Der Weg der Kolonien in die Unabhängigkeit ist zwangsläufig gewaltsam, als Reaktion auf die Gewalt der Kolonialherrscher. Durch den Kampf gegen die Unterdrücker entstehen neue Nationen. Hauptakteure der Revolution sind die Bauern und Arbeiter, die manchmal auch gegen die eigenen Eliten kämpfen müssen. Die Dekolonisation schafft einen neuen Menschen, der der Unabhängigkeit bedarf, um zu leben.
  • Der Titel stammt aus dem kommunistischen Kampflied Die Internationale. Dessen erste Zeile lautet: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“.
  • Das polemische Vorwort von Jean-Paul Sartre trug dazu bei, dass Die Verdammten dieser Erde vielfach als Gewaltverherrlichung gelesen wurde.
  • Fanon wurde auf Martinique geboren und erlebte den Rassismus der Franzosen am eigenen Leib.
  • Er war von Sartre und Marx beeinflusst. Vom Sozialismus erhoffte er sich eine neue Gesellschaft und ein neues Menschenbild.
  • Fanon sah seinen Platz im politischen Kampf und schloss sich der algerischen Befreiungsbewegung an.
  • Er starb mit nur 37 Jahren an Leukämie. Das Buch schrieb er in einem Wettlauf gegen die Zeit. Er erlebte gerade noch die Veröffentlichung.
  • Fanon beeindruckte viele Freiheitskämpfer weltweit – von Malcolm X bis Che Guevara.
  • Zitat: „Nationale Befreiung, nationale Wiedergeburt, Rückgabe der Nation an das Volk, Commonwealth, wie die verwendeten Rubriken und neu erfundenen Formeln auch heißen mögen – die Dekolonisation ist immer ein Phänomen der Gewalt.“
 

Zusammenfassung

Dekolonisation ist Gewalt

Dekolonisation schafft eine neue Weltordnung und eine neue Menschlichkeit. Die Gegner dieser Konfrontation kennen sich gut: Der Kolonialherr hat den Kolonisierten ja selbst geschaffen und hält ihn mithilfe einer zoologischen Sprache auf dem Niveau von Tieren. Seinen unermesslichen Wohlstand verdankt der Kolonialherr der Ausbeutung. Marxistische Analysen der Besitzverhältnisse müssen hinsichtlich der Kolonien abgewandelt werden, denn hier bedingen sich Ursachen und Folgen – reich sein und weiß sein – gegenseitig. Zum Gestus der Erniedrigung gehört eine Sprache der nackten Gewalt, die der Unterdrücker in die Lebenswelt der Unterdrückten einführt. Dass sie nur die Sprache der Gewalt verstünden, diesen Satz der Kolonialherren wenden die Kolonisierten nun gegen ihre Beherrscher. Dass alle Menschen gleich sind, gibt ihnen revolutionäre Sicherheit; auf dieser Basis werden sie den Unterdrücker besiegen. Die angestaute Spannung entlud sich bisher in Träumen, in Ritualen, in Tanz und Besessenheit und manchmal auch in Aggression gegenüber den eigenen Leuten. Der Befreiungskampf führt jedoch dazu, dass solche alten Praktiken an Wirksamkeit verlieren. Mehr und mehr kanalisiert man die Spannung in Gewalt gegen die Unterdrücker.

Revolution und Kapitalismus: der Kämpfer als Arbeiter

Durch die Rivalität zwischen den Ideologien im Kalten Krieg werden lokale Vorgänge in einen globalen Kontext gehoben. Aufstände und deren Niederschlagung hallen international wider, was den Revolutionären den Eindruck vermittelt, Teil einer großen Bewegung zu sein. Vor dem Hintergrund des Kampfes zwischen Kapitalismus und Sozialismus bilden sie ihre nationale Identität aus. Der kapitalistische Imperialismus erkennt das gefährliche Potenzial sozialistischer Propaganda – dass sich die kolonisierte Bevölkerung der feindlichen Ideologie öffnet, will er um jeden Preis verhindern. Darum setzt er sich dafür ein, die Kolonien im Rahmen friedlicher Koexistenz abzuschaffen. Die Kolonien sind im globalen Kapitalsystem ein Markt, und die Wirtschaft in den Mutterländern einer Kolonie will vermeiden, dass die kolonisierte Bevölkerung – potenzielle Kunden – dezimiert wird. So treten Kapitalismus und die Aufständischen in der Kolonie in Komplizenschaft. Schon Friedrich Engels wusste: Gewalt ist kein bloßer Willensakt, sondern bedarf der Waffen. Wer die besseren Waffen herstellt, ist im Vorteil, und hier steht Machete gegen Maschinengewehr. Die Kämpfenden verstehen sich als Arbeiter. Ihre Arbeit ist der Tod der Herrscher. Gewalt befreit die Menschen von ihren Minderwertigkeitskomplexen und ist ein gesellschaftlicher Kitt. Jeder will seinen Teil beitragen. Diese Mobilisierung läutet das Ende der Regionalismen und Stammesstrukturen ein und führt zur Bildung von Nationen.

Eine Nation neuer Menschen

Europäische Nationen konnten während ihrer Entstehung auf ein dynamisches, wohlhabendes Bürgertum setzen. Die afrikanischen Nationen entstehen unter viel ungünstigeren Bedingungen. Ihnen fehlt es an Industrie und Infrastruktur, die politische Lage ist instabil, es herrscht Hunger. Die alten Herrscher überlassen die Dritte Welt ihrem Schicksal, obwohl sie doch ihren skandalösen Überfluss der Ausbeutung der Kolonien verdanken. Es ist perfide, wenn die Kolonialherren sich einfach zurückziehen und die Kolonie willentlich dem Elend überlassen. So kann das Volk kaum eine gesunde Wirtschaftslage schaffen und muss sich vielleicht erneut in Abhängigkeitsstrukturen fügen. Ein Neuanfang muss radikal sein: Es braucht andere Güter, andere Exportländer. Die übermenschlichen Anstrengungen werden nur Erfolg haben, wenn sich Arbeits- und Produktionsbedingungen ändern und die Nationen nicht weiter alte koloniale Handelsbeziehungen bedienen müssen. Hier verspricht der Sozialismus eine schnellere Entwicklung: Er vereint das Volk und wertet den Menschen auf, den der Imperialismus zum Tier erniedrigt hat. Das große sozialistische Projekt können die unterentwickelten Länder nur mithilfe der proletarischen Massen in Europa vollbringen, deren Passivität in der Vergangenheit einer Komplizenschaft mit den Herrschern gleichkam. Sie müssen aufwachen, um gemeinsam mit Afrika „den ganzen Menschen zur Welt zu bringen“.

Das revolutionäre Potenzial auf dem Land

Parteien und Gewerkschaften machen den Fehler, sich nur an einen winzigen, politisch geschulten Teil der Gesellschaft zu wenden: an das städtische Proletariat, an Beamte und Handwerker. Diese quasibürgerliche Schicht tickt nicht wirklich revolutionär. Den ländlichen Massen hingegen misstrauen die Parteien. Die Bauern leben traditionell, viele überkommene Strukturen sind noch erhalten – daran ließe sich anknüpfen, doch missachten die städtisch geprägten Nationalisten die Dorfkultur, statt sie produktiv in die gewaltsame nationale Befreiung einzubinden. Die Bauern sind empfänglich für die urbane nationalistische Propaganda. Schnell kommt es auf dem Land zu bewaffneten Aufständen, und letztlich schaffen die Bauernguerillas ein Klima des Umsturzes, in dem die Kolonialherren entweder aufrüsten oder verhandeln.

„Nationale Befreiung, nationale Wiedergeburt, Rückgabe der Nation an das Volk, Commonwealth, wie die verwendeten Rubriken und neu erfundenen Formeln auch heißen mögen – die Dekolonisation ist immer ein Phänomen der Gewalt.“ (S. 29)

Doch selbst in dieser Lage bleiben die Fraktionen innerhalb der Nation getrennt, was nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ der jeweiligen Kolonialmacht nützt. Insofern als politische Aktivisten in die Illegalität gezwungen werden und sich auf dem Land verstecken, übt die Bauernschaft entscheidenden Einfluss auf den nationalen Kampf aus. Dank der Bauern werden die Intellektuellen wahre Partisanen: Sie lernen das Land kennen, sehen die Probleme, hören die Geschichten. Sie begreifen, dass der Impuls aus den Städten immer zu schwach sein wird. Die ländlichen Massen dagegen lösen ihre Probleme – auch das Problem ihrer Befreiung – mit Gewalt. Sie sind bereit, sich für die Nation zu opfern. Die Städter geben der Landbevölkerung eine politische und militärische Ausbildung, so radikalisieren sich beide Gruppen gegenseitig, bis es schließlich zum bewaffneten Kampf kommt.

Das Lumpenproletariat trägt den Aufstand in die Städte

In den Vorstädten und Slums lebt das Lumpenproletariat: landlos gewordene Bauern, Verlierer des Systems. Sie können durch Militanz und Gewalt in die Nation integriert werden und den Krieg zum Feind bzw. in die Städte tragen. Koloniale Truppen, die aufs Land ausgeströmt sind, müssen nun über Stadt und Land verteilt werden, was ihre Schlagkraft schwächt. Die Massen sind berauscht, der Kult der Spontaneität regiert. Die Idee der Nation ist überall gegenwärtig. Krieg und Politik fallen zusammen. Doch die Euphorie hält nicht lange an. Der Feind schlägt zurück, arbeitet mit subversiven Taktiken, lullt mit Gesten der Menschlichkeit ein. Die traditionellen Kollaborateure, die um ihren Einfluss bangen, die Häuptlinge oder Medizinmänner, laufen schnell über. Auch das Lumpenproletariat ist nicht ideologisch gefestigt. Physisch und mental verelendet, hängt es sein Fähnchen nach dem Wind und gibt im Zweifelsfall ein Söldnerheer für die alte Kolonialmacht ab. Die anfangs so großartige nationale Einheit zerfällt. Die Aufständischen brauchen einen langen Atem, denn der Feind hat die besseren Reserven. Die Politisierung der Massen wird jetzt eine historische Notwendigkeit, denn diese dürfen sich nicht durch billige Almosen beschwichtigen lassen. Der Kolonialismus macht keine Geschenke. Ohne Kampf ist alles nur Show und Augenwischerei. Die neue revolutionäre soziale Realität entsteht nur in der Aktion, und nur vom Volk ausgeübte Gewalt eröffnet den Massen den Zugang zu dieser Realität.

Verweichlichte Eliten

Der Prozess wird dadurch erschwert, dass die einheimischen Eliten mit den revolutionären Massen nicht verbündet sind. Sie standen den bürgerlichen Kreisen des Kolonialsystems zu nahe und sind geistig verweichlicht. Ihre abendländisch geprägten Werte sind für den Befreiungskampf unbrauchbar. Gewalttätig sind sie nur in ihren Reden, ansonsten verfolgen sie aber eigene Interessen. Auch die Bourgeoisie ist unterentwickelt: Es fehlen Industrielle und Finanzleute; innerhalb des Kolonialsystems war ein finanzstarkes Bürgertum ein Ding der Unmöglichkeit. Gerade aus dieser Lage heraus müsste sich eine wahrhaft nationale Bourgeoisie in den Dienst der nationalen Sache und des „revolutionären Kapitals“ stellen.

„Der Kolonisierte (…) lacht, wenn er in den Worten des anderen als Tier auftritt. Denn er weiß, dass er kein Tier ist. Und genau zur selben Zeit, da er seine Menschlichkeit entdeckt, beginnt er seine Waffen zu reinigen, um diese Menschlichkeit triumphieren zu lassen.“ (S. 36)

So weit die Theorie. In der Praxis kann sich das Bürgertum nach der Unabhängigkeit nicht frei entwickeln und bleibt in vorwiegend handwerklichen Wirtschaftsaktivitäten verhaftet. Es übernimmt einfach nur die Vorrechte der ehemaligen Kolonialherren und wird zu Geschäftsvertretern der westlichen Wirtschaftsmächte. Auch Großgrundbesitzer auf dem Land verweigern sich jedem Risiko. Statt nationaler Einheit entstehen föderalistische Strukturen, und es gibt einen Rückfall in alte Stammesstrukturen. Regionale Unterschiede existieren fort. Die afrikanische Einheit kann darum nur im Kampf gegen die Bourgeoise entstehen. Auch die religiöse Diversität entpuppt sich als Schwäche der Bewegung. Spannungen zwischen Islam und Christentum äußern sich in Rassismus, der demjenigen der Kolonialherren gleicht: Ein weißes Afrika gehöre zum Dunstkreis des mediterranen Europa und habe an seiner tausendjährigen Kultur Anteil, während das schwarze Afrika träge, wild und brutal sei.

Diktatur und Führerkult

Der Staat, den die Bourgeoisie schafft, basiert auf einer Einheitspartei mit einem starken Führer, einer moralischen Autorität, unter deren Schutz sich die schwindsüchtige, unbrauchbare Bourgeoisie bereichert. Der neokolonialistischen Korruption sind Tür und Tor geöffnet, und die neuen, einheimischen Eliten zeigen sich in einer überraschenden Wendung ebenso rassistisch gegenüber ihren Landsleuten wie zuvor die Kolonialherren. Die Massen haben Hunger und wenden sich enttäuscht von der Nation ab, die für sie keinen Platz zu bieten scheint. Diese Dynamik führt zu einer Diktatur der habgierigen Bourgeoisie. Aus der revolutionären Befreiungspartei ist eine antidemokratische Hülle geworden, die die Massen und deren Führung voneinander trennt. Armee und Polizei sind willige Helfer des Regimes, das sich von ausländischen Experten beraten lässt. Die früheren Kolonialherren üben also auf zwei Wegen – Bürgertum und Armee – weiterhin Einfluss aus.

Nationale Kultur

Eine nationale Kultur gehört zum Streben der Menschen nach Würde und Legitimität. Die Intellektuellen suchen daher den Kontakt zur alten, vorkolonialen Kultur des Volkes. Im Rückgriff auf eine vergangene Kultur entwickeln sie ein Programm für die Zukunft. So wie die Kolonialherren Afrika als Ganzes für primitiv erklärt haben, besitzt auch der neue kulturelle Ehrgeiz eine kontinentale Dimension. Das Konzept der Négritude, das kulturelle Schwarzsein, stellt dem alten Europa das junge Afrika gegenüber: Vernunft gegen Poesie, Logik gegen Natur. Andererseits steht auch hier ein negro-afrikanisches Lager gegen ein arabisch-islamisches; zudem gibt es Differenzen innerhalb der Gruppe der Schwarzen. Die Intellektuellen erkennen schließlich, dass man eine Nation letztlich nur im Kampf hervorbringt und dass Kultur allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Ist der Aufbau der Nation wahrhaftig, dann werden dabei automatisch Werte geschaffen – der Nährboden aller Kultur.

Psychische Störungen

Fälle von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen in Algerien zeigen, dass die vermeintliche Kriminalität des Algeriers, seine Triebhaftigkeit und Gewaltbereitschaft erst Folgen des Kolonialregimes sind. In einer Atmosphäre des totalen Krieges gibt es vermehrt Selbstmordattentäter – und algerische Jungen ermorden sogar ihre europäischen Spielkameraden. Das Ende der Fremdherrschaft befreit alle Bereiche der Persönlichkeit. Durch die Unabhängigkeit werden psychische Störungen befriedet, wie eine Reihe von Fallstudien aus der psychiatrischen Praxis zeigt. Sie reichen von der Impotenz eines Algeriers als Reaktion auf die Vergewaltigung seiner Frau über die Mordgelüste eines Überlebenden einer Massenerschießung bis zu psychischen Erkrankungen der europäischen Besatzer.

Die Geburt eines neuen Menschen

Bei der Nationenbildung in Afrika gibt es viel zu tun: Der Dienstleistungssektor muss nationalisiert werden. Das Volk muss politisiert, die herrschende Partei konsequent dezentralisiert werden. Regierung und Partei müssen im Dienst des Volkes stehen. Neben der Hauptstadt müssen regionale Zentren und Organe gestärkt werden, sodass die ruralen Massen nicht mehr in die Großstädte drängen. Die Nation muss in täglichen konkreten Aktionen lebendig werden. Männer und Frauen sind gleichgestellt, und jeder Staatsbürger soll jederzeit wieder für die Freiheit kämpfen. Nationalismus muss in das politische und soziale Bewusstsein übergehen.

„Der Kolonialismus ist keine Denkmaschine, kein vernunftbegabter Körper. Er ist die Gewalt im Naturzustand und kann sich nur einer noch größeren Gewalt beugen.“ (S. 51)

Den entkolonialisierten Ländern stehen alle Möglichkeiten offen, aber sie dürfen auf keinen Fall Europa nachahmen, diesen Ausbund an Zynismus, Gewalt und Machtwillen. Sie müssen den „totalen Menschen“ erfinden, um die Probleme zu lösen, bei denen Europa versagt hat.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Verdammten dieser Erde ist eine politisch-soziologische Abhandlung. Vorangestellt ist dem Buch ein Vorwort von Jean-Paul Sartre, in dem dieser seine Sicht auf den Zustand Europas und die Beziehungen zu dessen alten Kolonien darlegt. Fanons Text besteht aus fünf Kapiteln. Das wichtigste und mit über 60 Seiten auch längste – „Von der Gewalt“ – stellt die Hauptthesen des Buches vor. Die folgenden Kapitel beleuchten das Potenzial und die Widrigkeiten der Befreiungskämpfe. Manche Inhalte kommen mehrfach vor, beispielsweise die Schwäche der Eliten und Parteien. Zwei kürzere Kapitel zur Nationalkultur (eine Rede Fanons vor einem Kongress schwarzer Schriftsteller und Künstler in Rom 1959) und zu psychischen Störungen von Kolonisierten und Kolonialherren schließen das Buch ab. Der Autor nimmt, gemäß seiner psychiatrischen Ausbildung, die Perspektive des Analytikers ein und seziert schonungslos die antikolonialistischen Freiheitsbestrebungen. Er bringt zahlreiche Beispiele aus der Praxis der Psychiatrie und des politischen Aktivismus, was das Buch konkret und gut verständlich macht. Seine Sprache ist klar und lebendig, wenngleich Fanon stellenweise in sozialistischen Jargon verfällt.

Interpretationsansätze

  • Fanon wurde vorgeworfen, Gewalt um ihrer selbst willen zu verherrlichen. Doch war für ihn Gewalt kein Selbstzweck und Hass kein politisches Programm. Er vertrat die Meinung, dass der Kolonialismus gewaltsam geherrscht hatte und nur ein ebenso gewaltsamer Aufstand dagegen zum Erfolg, also zu Freiheit, Unabhängigkeit und nationaler Einheit führen könne.
  • Fanon verarbeitete in seinen Analysen eigene Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung: Im Zweiten Weltkrieg hatte er, der von der Insel Martinique stammte, die ethnisch geprägte Hackordnung im französischen Militär miterlebt. Auch während seines Studiums in Lyon fühlte er sich als Farbiger von den vermeintlich universellen humanistischen Werten ausgeschlossen.
  • Die Verdammten dieser Erde ist das Werk eines Aktivisten. Fanon sah seinen Platz im politischen Kampf. Während des Algerienkriegs versorgte er Kämpfer der Befreiungsbewegung in seiner Klinik, was dazu führte, dass er seinen Leitungsposten aufgeben musste. Danach wurde er Publizist im Dienst der algerischen Befreiungsfront.
  • Obwohl es ihm das philosophisch-literarische Konzept der Négritude angetan hatte und er die Vereinigung aller schwarzen Völker propagierte, musste er doch auch dessen Grenzen erkennen: der Zerfall Afrikas in schwarze und arabische Interessengruppen, die mangelnde Überschneidung der Interessen von afrikanischen und amerikanischen Schwarzen, die trennenden Eigenschaften der Religionen Islam und Katholizismus.
  • Das Werk entstand im Kontext des Kalten Krieges. Die Konfrontation zwischen Ost und West war im Bewusstsein omnipräsent. Fanon war stark vom Marxismus beeinflusst und erkannte im Sozialismus Perspektiven für die unterentwickelten Länder, während er den kapitalistischen Imperialismus für deren Ausbeutung verantwortlich sah.
  • Mit seinen Analysen ist Fanon ein Globalisierungskritiker, lange bevor der Begriff der Globalisierung überhaupt gängig wurde. Das Vermächtnis des Autors an seine Genossen: Von Europa haben wir nichts mehr zu erwarten, von den USA schon gar nicht, neue Perspektiven sind nur ganz eigenständig zu entwickeln.

Historischer Hintergrund

Wenn das Imperium zurückschlägt

Das französische Selbstverständnis als Grande Nation rührt nicht zuletzt daher, dass das Land um 1900 nach Großbritannien das größte Kolonialreich der Erde beherrschte. Begonnen hatte diese Entwicklung im 17. Jahrhundert mit Kolonien in Nordamerika, der Karibik und Indien. 1763, nach dem Siebenjährigen Krieg, verlor man fast alles an den britischen Rivalen. Mit der Eroberung von Algier 1830 begann eine zweite Phase der französischen Kolonialisierung. Viele – vor allem afrikanische – Länder kamen unter französische Herrschaft. Im Zweiten Weltkrieg lieferten diese Kolonien das nötige Kanonenfutter, und General Charles de Gaulle nutzte die Überseeterritorien als Militärstützpunkte im Kampf gegen Nazideutschland und die Vichy-Regierung. Die Hoffnung der Kolonien, in de Gaulles Nachkriegsordnung ihre Unabhängigkeit zu erhalten, wurde durch eine Ansprache de Gaulles in Brazzaville vom Januar 1944 zunichtegemacht.

Zu Beginn der 50er-Jahre hatten sich die westlichen Nationen im Großen und Ganzen vom Zweiten Weltkrieg erholt. Jetzt standen Kommunismus und Kapitalismus einander unversöhnlich gegenüber, und den Wettlauf ins All entschieden die Russen mit der ersten Sputnik-Rakete für sich. Der Kalte Krieg erhitzte sich während dieser Zeit stetig, um in den frühen 60er-Jahren in eine heiße Phase einzutreten. In Afrika führten die Entwicklungshilfen der westlichen Länder nicht zu den erhofften Erfolgen, die Geldgeber ermüdeten und überließen die Länder letztlich sich selbst. Während andernorts der Prozess der Dekolonisierung nahezu friedlich verlief, war Algerien – die einzige Kolonie, in der sich vergleichsweise viele Franzosen angesiedelt hatten – ein permanenter Unruheherd. Das Massaker von Sétif, die Niederschlagung von Demonstrationen im Mai 1945 durch die französische Armee, forderte Tausende Todesopfer und markierte einen Wendepunkt in den Beziehungen der Länder. Ende 1954 kam es zu einem Aufstand. Der folgende Krieg wurde von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführt. Erst 1962 wurde Algerien unabhängig.

Zur selben Zeit erlebte Frankreich die Blüte des Existenzialismus, mit Jean-Paul Sartre und dem französisch-algerischen Nobelpreisträger Albert Camus als dessen prominentesten Vertretern. Sartre und Camus wurden nach dem Zweiten Weltkrieg binnen Kurzem die wichtigsten Intellektuellen des Landes, und auch Simone de Beauvoir erlangte internationale Berühmtheit – die Berichterstattung über die Existenzialisten war der erste Medienhype der Nachkriegszeit.

Entstehung

Frantz Fanon war in seinem Denken und Schreiben von Sartre und dem Psychiater Jacques Lacan beeinflusst, ebenso von Karl Marx und der literarischen Philosophie der Négritude, die eine gemeinsame schwarze Identität als beste Strategie gegen den französischen Kolonialismus propagierte. Hier war für Fanon insbesondere sein Freund und Mentor, der karibische Dichter Aimé Césaire, wichtig. Fanon verarbeitete seine Erfahrungen als dunkelhäutiger Franzose in der französischen Armee und beim Studium in Frankreich sowie seine Zeit als Arzt in Nordafrika. Die Radikalität des Werks rührt auch von seiner Lebenssituation her: Es entstand während des Algerienkriegs und war zudem ein Anschreiben des an Leukämie Erkrankten gegen den eigenen Tod.

Wirkungsgeschichte// Die Verdammten dieser Erde wurde „das kommunistische Manifest der antikolonialen Revolution“ genannt. Der Titel des Buches entstammt dem kommunistischen Kampflied Die Internationale// (dessen erste Zeile lautet: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“). Das Buch schlug in der westlichen Welt hohe Wellen und gilt heute als eines der wichtigsten Werke über Entkolonialisierung und die Entwicklung der Dritten Welt. Sartre schrieb ein viel beachtetes Vorwort – was zu kontroversen Debatten über Fanon beitrug, denn die pointierten und polemisierenden Worte des Philosophen vermittelten den Eindruck, Fanon verherrliche Gewalt um ihrer selbst willen.

Fanon inspirierte Revolutionsführer in aller Welt, von Malcolm X bis Che Guevara. Sein Gedankengut prägte Befreiungsbewegungen von Palästinensern und Tamilen. Er beeinflusste die amerikanische revolutionär-sozialistische Black Panther Party. Ironie der Geschichte: Fanon, der sich der Befreiung Algeriens verschrieben hatte, wurde nach seinem Tod just von der algerischen Befreiungsbewegung FLN als nichtarabischer Fremder diskreditiert. Es trat ein, was er selbst beschrieben hatte: Arabisierungstendenzen, nationalistische Verblendung, Spaltung der früher Kolonisierten in weiß-arabische und schwarz-afrikanische Gruppen. Die afrikanische Literatur bezieht sich auf Fanon als wichtigen Theoretiker, und die Caribbean Philosophical Association verleiht einen Preis mit seinem Namen. In den 80er-Jahren geriet Fanon in Vergessenheit, inzwischen gewinnt er aber wieder an Bedeutung, insbesondere für Studien zum Postkolonialismus.

Über den Autor

Frantz Fanon wird am 20. Juli 1925 in Fort-de-France auf der Insel Martinique geboren. Schon als Zehnjähriger fragt er sich, warum eigentlich ein französischer Senator, der auf Martinique 1848 die Sklaverei abgeschafft hat, mit einem Denkmal gewürdigt wird und nicht die zahlreichen Schwarzen, die schon viel früher gegen die Sklaverei revoltiert haben. Fanon wird ein Wanderer zwischen den Welten. Seine Familie stammt von verschleppten Sklaven, Europäern und Indern ab. Als Kind auf Martinique fühlt sich Fanon als weißer Franzose, bevor er die eigene schwarze Identität entdeckt. Im Zweiten Weltkrieg erlebt er Rassismus in der französischen Armee, wenig anders geht es ihm auf der Universität in Lyon, wo er Medizin und Philosophie studiert. Seinen 1952 veröffentlichten politischen Essay Schwarze Haut, weiße Masken (Peau noire, masques blancs) reicht er zunächst als Dissertation ein. 1953 übernimmt er die psychiatrische Abteilung einer Klinik nahe Algier – und kommt 1956 seiner Entlassung zuvor: Er hat sich dem algerischen Widerstand angeschlossen und Kämpfer der Nationalen Befreiungsfront (FLN) in der Klinik behandelt. Sein Rücktrittsschreiben enthält schon den Kern seines Hauptwerks: eine Anklage der Entmenschlichung und den Ruf nach einer neuen Gesellschaft. Fanon geht für die FLN nach Tunesien und vertritt die Organisation dort auf der politischen Bühne, er schreibt für ihre Zeitung und verfasst das Buch Aspekte der algerischen Revolution (L’an V de la révolution Algérienne, 1959). 1960 weiß er, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt: Er hat Leukämie. In einer schier übermenschlichen Kraftanstrengung schreibt er Die Verdammten dieser Erde (Les damnés de la terre, 1961). Die Behandlung in den USA kommt zu spät: Fanon stirbt am 6. Dezember 1961 im Alter von nur 36 Jahren, just zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Hauptwerks, dessen Auslieferung er gerade noch erlebt.


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    R. S. vor 2 Jahren
    sehr gut vielen dank