Zusammenfassung von Die Wellen

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Die Wellen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Moderne

Worum es geht

Lebensströme

Mit Die Wellen, dem letzten ihrer großen experimentellen Romane, lässt Virginia Woolf noch radikaler als zuvor alles hinter sich, was traditionelles Erzählen ausmacht. Vor allem gibt es keinen Plot mehr, ja das äußere Leben tritt nahezu vollständig in den Hintergrund zugunsten der Innenansicht der sechs Figuren. Und obwohl deren innere Monologe in einem gleichbleibend hohen Ton geschrieben sind – hochgradig poetisch, in traumartiger Nebeneinanderstellung von Empfundenem, Gedachtem, Vorgestelltem –, schälen sich die Eigenheiten der drei Frauen und drei Männer heraus, die Unterschiede in ihrem Zugang zum Leben, die zugleich von etwas Verbindendem, Überindividuellem überbrückt werden. Das Ergebnis ist ein höherer Realismus, eine viel größere Genauigkeit im Abbilden menschlichen Bewusstseins, als die meisten Storys es vermögen. Die Wellen ist daher nicht, wie mancher zeitgenössische Kritiker unkte, ein unbefriedigendes formales Experiment, sondern belohnt den Leser mit außergewöhnlich subtilen Einsichten in die Seele des modernen Menschen.

Take-aways

  • Die Wellen ist der erzählerisch radikalste von Virginia Woolfs experimentellen Romanen.
  • Er verzichtet auf einen Erzähler, auf Handlung, auf äußeres Geschehen. Der Text besteht allein aus inneren Monologen der Figuren.
  • Inhalt: Drei Männer und drei Frauen, alles unterschiedliche Charaktere, sind von Kindheit an Freunde. Über neun Phasen ihres Lebens hinweg zeigen sie in Innenansichten, wie sich das Leben für sie darstellt. Einen Bruch markiert dabei der frühe Tod des gemeinsamen Freundes Percival.
  • Das Vorbild für Percival war Woolfs mit 26 Jahren verstorbener Bruder. Die anderen Figuren verweisen auf Mitglieder des legendären Zirkels Bloomsbury Group.
  • Für Virginia Woolf war das Schreiben dieses Romans die größte geistige Anstrengung, der sie sich je unterzogen hatte.
  • Zentrales Thema ist die Definition des Selbst in Abgrenzung zu den Anderen.
  • Auch die Endlichkeit des Lebens ist ein zentrales Motiv für alle Figuren.
  • Die Wellen sind ein Symbol für das Vergehen der Zeit und für das größere Ganze.
  • Heute gilt Virginia Woolf zusammen mit James Joyce als wichtigste Vertreterin der literarischen Moderne in England.
  • Zitat: „Ich weiß manchmal kaum, wer ich bin, auch nicht, wie ich die Körnchen messen und benennen und abzählen soll, die mich zu dem machen, was ich bin.“
 

Zusammenfassung

Kindheit

Langsam weicht die Dunkelheit über dem Meer, noch bevor die Sonne wirklich aufgeht. Im Garten werden die Bäume und das Haus sichtbar. Die Vögel singen.

Die Kinder Bernard, Susan, Rhoda, Neville, Jinny und Louis sind im Garten ihrer Schule und vergegenwärtigen sich Wahrnehmungen aus ihrem Alltag. Louis bleibt allein, als alle anderen schon zum Frühstück gegangen sind. Er hat Angst, dass die anderen sich wegen seines australischen Akzents über ihn lustig machen. Er sieht einen Blumenstängel, fühlt sich dann in ihn hinein. Gleichzeitig ist er eine steinerne Gestalt in einer Wüste am Nil. Er versteckt sich hinter einer Hecke, die anderen rufen ihn. Jinny sieht ihn als Erste und küsst ihn. Für Louis zerstört der Kuss die Magie, während Jinny vor Lebendigkeit vibriert. Susan beobachtet den Kuss, er trifft sie ins Mark. Sie besteht nur noch aus Schmerz und rennt in den Wald. Bernard geht ihr nach. Susan wirft sich schluchzend zu Boden, weil sie sich so plump fühlt gegenüber der tanzenden Jinny.

Im Internat

Die Sonne beginnt sich zu zeigen, Knospen gehen auf. Wellen brechen sich am Strand.

„Ich sah, wie sie ihn küsste. Ich sah sie, Jinny und Louis, sich küssen. Jetzt werde ich meine Pein in mein Taschentuch wickeln.“ (Susan, S. 11)

Die Kinder kommen in verschiedene Internate, nach Mädchen und Jungen eingeteilt. Bernard weiß jetzt schon, dass er als Erwachsener ein Notizbuch für gelungene Formulierungen mit sich führen wird. Er findet in allem eine Geschichte und redet gern. Wenn sich die Aufmerksamkeit der anderen von ihm abwendet, sackt er in sich zusammen. Louis ist der beste Schüler des Internats, er legt oft seine Identität ab und betritt größere Zusammenhänge, dann ist er im Weltraum oder an der Seite von Vergil. Beim Cricketspielen bewundert er den Mitschüler Percival, alle bewundern diesen, nicht ohne Neid. Louis will versuchen, einen bestimmten Moment am Abend in einem Gedicht festzuhalten. Auch Neville schreibt Gedichte und denkt viel an Percival. Neville hat das starke Bedürfnis, jemanden anzubeten. Susan zählt die Tage, um den reglementierten Alltag im Internat zu überstehen. Sie hasst alles daran, vermisst ihren Vater und die Natur. Sie beneidet die ständig tanzende Jinny. Diese findet ihre Lippen im Spiegel zu breit, und sie beneidet Susan um den wilden Ausdruck ihrer Augen. Aber sie fühlt sich oft leicht und lebendig und stellt sich gern vor, wie sie auf einem goldenen Stuhl sitzt und jemanden magisch anzieht. Sie weiß jetzt schon, dass sie sich später nicht auf einen einzigen Menschen festlegen wird. Rhoda hat das Gefühl, kein Gesicht, keine Kontur zu haben. Sie fühlt sich haltlos. Erst nachts geht es ihr gut, in der Dunkelheit, wenn keiner mehr etwas von ihr will.

Die Zukunft kann beginnen

Die Sonne geht auf. Die Vögel singen laut im Chor. Ein Vogel stürzt auf einen Wurm hinunter. Zwischen den Wurzeln ist Verwesung und Fäulnis.

„Sieh doch, wie alle hinter Percival hergehen. (…) Seine Herrlichkeit ist die eines mittelalterlichen Heerführers.“ (Louis, S. 30)

Bernard ist jetzt auf dem College und findet das Leben immer komplexer. Er ist verliebt, entwirft und verwirft Briefe an ein geliebtes Mädchen. Dabei imitiert er Lord Byron. Manchmal weiß er nicht mehr, was sein echtes und was sein gespieltes Ich ist. Neville ist in das Leben verliebt, und er liebt immer noch Percival. Auch er fühlt sich als Dichter. Er gibt Bernard Gedichte zu lesen – ein großer Vertrauensbeweis. Louis fühlt sich nach wie vor nicht dazugehörig und hat immer noch einen leichten Akzent. Er übersetzt Gedichte von Plato und Vergil. Susan ist nach dem Internat noch in die Schweiz geschickt worden, und auch das hat sie gehasst. Jetzt ist sie wieder in der Heimat, sie lehnt am Gatter beim Haus ihres Vaters. Sie weiß, dass bald ihr Geliebter kommen und dass sie bald Kinder haben wird. Sie weiß, dass Jinny und Rhoda in London tanzen, während sie über eine Näharbeit gebeugt sitzt. Und wirklich: Jinny ist zurechtgemacht, die Nacht kann beginnen. Sie fühlt sich in der Welt der Bälle ganz in ihrem Element. Die Männer sehen sie an. Wenn sich eine starke Spannung zu einem von ihnen aufbaut, sagt sie leise „Komm“ und er kommt. Rhoda befindet sich in ähnlicher Umgebung, aber sie fühlt sich äußerst unwohl. Ihr Körper erscheint ihr linkisch, sie fühlt sich in Gesellschaft verhöhnt und möchte sich vor jedem Kontakt schützen. Nur allein, in ihrer Traumwelt, die andere Jahrhunderte und Kontinente umfasst, fühlt sie sich frei. Sie beneidet die Sicherheit von Jinny und von Susan.

Junge Erwachsene

Die morgendliche Sonne scheint auf die Wellen am Strand. Im sommerlichen Garten singen die Vögel, die Sonne hat viel Kraft, sie lässt auch die Farben im Haus leuchten.

„Ich muss mich Schritt für Schritt vorsichtig vorantasten, um nicht vom Rande der Welt ins Nichts zu stürzen.“ (Rhoda, S. 35)

Die Freunde treffen sich zum Abendessen, um Percival zu verabschieden, der nach Indien geht. Bernard ist glücklich verlobt und spürt seine Identität sehr intensiv. Sein Leben scheint ihm verlängert durch die Tatsache, dass er Kinder haben könnte. Neville ist als Erster im Restaurant und fiebert dem Moment entgegen, da Percival zur Tür hereinkommen wird. Als es endlich so weit ist, ist Percival für alle der Mittelpunkt, ein Held. Er setzt sich neben Susan, die er liebt. Alle sprechen aus, was in ihnen vorgeht. Louis sitzt tagtäglich in seinem Geschäftskontor und hat gleichzeitig das Gefühl, schon tausend Leben gelebt zu haben. Jinny und Rhoda bewegen sich in der Londoner Gesellschaft, Jinny fordert Bewunderung und bekommt sie. Ihr Körper leitet sie. Rhoda hat immer Angst, auch vor ihren Freunden, jeder Augenblick mit Menschen ist ein Schock für sie. Neville ist wie ein Jagdhund, er wird Geld und Ruhm ernten, hat aber Angst, dass ihm das Eigentliche versagt bleiben wird: Liebe. Susan ist des ganzen Geredes überdrüssig, sie fühlt und denkt nur in Extremen. Sie geht ganz in der Natur auf. Sie wird Mutter sein und darin ihre Erfüllung finden. Die Zukunft liegt immer noch vor ihnen allen, nur Bernard hat sich schon gebunden. Liebe hat sie zusammengeführt, Liebe zu Percival. Sein Abschied steht unmittelbar bevor, sie sehen ihn gottgleich in Indien walten. Dann ist er weg. Für Neville ist dies ein grausamer Moment.

Einbruch des Todes

Die Sonne ist zur vollen Höhe aufgestiegen und brennt auf das Haus herab. Die Früchte im Garten sind reif. Das Meer ist tiefblau. Die Wellen brechen sich mit Wucht am Ufer und breiten ihr Wasser über den Strand aus.

„Ich mache meinen Körper auf, ich klappe ihn zu, wie ich will. Das Leben beginnt. Ich breche jetzt mein aufgespartes Leben an.“ (Jinny, S. 51)

Ein Telegramm erreicht die Freunde: Percival ist in Indien tödlich verunglückt. Er ist vom Pferd gestürzt, gerade einmal 25 Jahre alt. Für Neville ist es ein Erlöschen der ganzen Welt, er besteht nur noch aus Schmerz. Für Bernard ist es besonders verwirrend, weil zur gleichen Zeit sein Sohn geboren wird. Mit Percival ist für ihn der Mittelpunkt verloren gegangen, ein Leitstern. Für Rhoda wird in Percivals Tod das Grauen der Welt sichtbar. Als sie Strümpfe kaufen geht, nimmt sie Hässliches wahr, während die Verkäuferin spricht: Neid, Eifersucht, Hass. Ihr erscheint jetzt alles absurd.

Das Leben geht weiter

Die Sonne neigt sich, das Licht fällt schon schräg. Vögel, Libellen und Rinder verhalten sich still. Die Wellen schlagen an die Felsen.

„,Einen Augenblick lang wollen wir es festhalten‘, sagte Jinny; ‚Liebe, Hass, einerlei welchen Namen wir ihr geben, dieser Kugel, deren Wände aus Percival bestehen, aus Jugend und Schönheit, und aus etwas, das so tief versunken in uns liegt, dass wir wohl nie wieder einen solchen Augenblick aus einem einzigen Menschen erschaffen werden.“ (S. 113)

Louis, der meint, schon Tausende Jahre zu leben, liebt die Aufgeräumtheit seines Büros und die Utensilien darin, die klare Struktur seines Arbeitslebens mit den vielen Terminen. Er trägt den Handel in ferne Länder. Sein beruflicher Erfolg tilgt zum Teil die Schmach, die Kränkungen seiner Kindheit. Andererseits liest er seinen Lieblingsdichter in einem Restaurant, und er wohnt immer noch in einer Dachkammer. Rhoda besucht ihn dort manchmal, die beiden sind jetzt ein Liebespaar. Neville steigt rasch auf, er wird ein berühmter Dichter. Susan hat jetzt ein Kind, sie singt es in den Schlaf. Sie würde alles tun, um es zu beschützen. Sie ist glücklich als Mutter, die Sorge um ihr Kind füllt ihr Leben ganz aus. Die Freunde treffen sich, sie sind jetzt alle über 30. Jinny lebt immer noch das alte Leben mit vielen Abenteuern, ohne feste Bindung. Ihr Körper winkt Männer herbei oder weist sie ab. Sie liebt die Liebe, den ekstatischen Augenblick. Als sie ihre Freunde trifft, fühlt sie die Kraft, die in ihrer aller gesammelten Erfahrung liegt. Neville hat eine neue Liebe gefunden – eine, die auf Gegenseitigkeit beruht, die aber kompliziert ist: Sie besteht aus Begegnungen und Trennungen.

Nicht mehr jung

Es ist später Nachmittag. Die Sonne steht tiefer, wärmt die Kornfelder.

„Aus uns wird jedwede Art von Gebäude, Politik, Unternehmung, Bild, Gedicht, Kind, Fabrik entspringen. Das Leben kommt; das Leben geht; wir machen das Leben.“ (Jinny, S. 137)

Bernard wird bewusst, dass seine Jugend vorbei ist. Er empfindet seine Begabung jetzt als endlich und wünscht sich keinen Besitz mehr. Er hat unzählige Sätze in Notizbücher geschrieben, immer auf der Suche nach der einen, der wahren Geschichte. Susan ist frühzeitig ergraut. Sie hat viele Kinder, diese sind bereits größer als sie selbst. Sie hat Sicherheit, Besitz, Vertrautheit. Manchmal fühlt sie sich gefangen in ihrem Leben, dann denkt sie zum Beispiel an Percival, der sie liebte. Jinny sieht sich im Spiegel an und findet sich gealtert. Die Zeit wird kommen, da sie niemanden mehr anziehen wird, aber noch reagieren die Männer auf sie. Sie geht unbeirrt vorwärts. Neville sieht einen nervösen jungen Mann vor Jinnys Tür stehen. Er empfindet keinen Neid oder Bitterkeit – daran merkt er, dass er nicht mehr jung ist. Er nimmt jetzt, was kommt, lässt es in sich hinein, um es dann wieder herauszuholen und daraus Gedichte zu machen. Louis ist reich und angesehen, die Weltkarte zeigt seine Handelslinien, und doch wohnt er noch in seiner Mansarde und liest Gedichte. Es ging ihm immer darum, dabei zu sein, auch in der Welt der Kontoristen, und zugleich seine Überzeugung nicht zu verraten, dass er Teil eines größeren Ganzen ist. Sein Leben bis jetzt kannte wenig konkretes Glück. Rhoda hat ihn verlassen, weil sie sich vor der Intimität fürchtete. Das Leben ist für sie unerträglich, sie war immer am Rand der Welt. Jetzt erklimmt sie einen Berg in Spanien, um Afrika zu sehen. Sie stellt sich vor, zu fallen und im Meer zu versinken.

Älterwerden

Die Sonne geht unter, sie ist jetzt rot. Das Korn ist gemäht, das Abendlicht löst die Konturen auf. Am Strand werden die Schatten länger.

„Denn jetzt winkt mein Körper, mein Gefährte, der immer seine Signale, das brüske schwarze ‚Nein‘, das goldene ‚Komm‘, in flitzenden Empfindungspfeilen ausschickt, jemanden herbei.“ (Jinny, S. 138)

Die Freunde treffen sich zum Abendessen in Hampton Court. Es wird immer schwieriger, sich zu verabreden, viele Anrufe und Postkarten sind jetzt dafür nötig. Bernard empfindet deutlich, dass alle sich festgelegt haben. Nichts ist mehr offen. Susan sieht sich selbst als die Härteste von ihnen, sie lässt die anderen reden und schaut sie mit ihren grünen klaren Augen an. Louis zeigt halb ironisch seinen Erfolg, seine Seele fühlt sich immer noch jung und schutzlos. Jinny mag alles, was man anfassen und schmecken kann. Ihre Fantasie ist die des Körpers. Viele Männer sind auf sie zugekommen, sind zu dem heimlichen Treffpunkt gekommen. Der Spiegel war für sie ihr Arbeitsmittel, vor ihm schminkte sie ihr Gesicht je nach Situation. Jetzt wird sie grau und hager, ist aber ohne Angst. Rhoda empfindet, dass die anderen klar umrissen sind und zu allem eine bestimmte Einstellung haben, sie selbst dagegen nicht. Sie hasst, liebt, beneidet und verachtet die anderen. Nach dem Essen gehen die Freunde still spazieren, das Schweigen tut ihnen allen gut. Rhoda und Louis bleiben hinter den anderen zurück, Susan geht mit Bernard – den sie schon immer geliebt hat, wie Louis meint – und Neville geht mit Jinny. Alle versuchen, das Leben zu begreifen.

Eine Zusammenfassung vor dem Tod

Die Sonne ist untergegangen, Meer und Himmel sind nicht mehr zu unterscheiden. Im Haus treten die Farben aus den Umrissen hervor und verschmelzen zu etwas Riesigem, Dunklem.

„Und auch in mir steigt die Welle. Sie schwillt; sie krümmt ihren Rücken. (…) Ich gebe meinem Pferd die Sporen. Dir will ich mich entgegenwerfen, unbesiegt und ungebeugt, O Tod!“ (Bernard, S. 232)

Bernard versucht einem Fremdem im Restaurant den Sinn des Lebens zu erklären. Er ist jetzt ein schwerer, älterer Mann mit grauen Schläfen. Am Anfang war das Kinderzimmer, von dem aus das Meer zu hören war. Er erinnert sich, wie er Susan nachging, als sie weinte. Bernard imitierte Dichter oder Romanfiguren, vor allem Byron. Ein Mädchen, in das er verliebt war, überschüttete er mit Briefen im Stile Byrons, sie heiratete bald darauf einen anderen. Die Frau, die Bernard heiratete, weckte in ihm den Wunsch, es in der Welt zu etwas zu bringen. Seine Identität wurde robuster. In all das brach Percivals Tod ein. Bernard hat seine Freunde aufgesucht, um das Leben zu begreifen. Alle sechs waren von Kindheit an verschieden. Louis verbrannte sein Leben im Verlangen nach Vollkommenheit; Rhoda hat sich das Leben genommen. Neville wählt sich aus Millionen Menschen immer nur einen einzigen, Susan liebt oder hasst, Jinny ist ehrlich und animalisch. Manchmal kann Bernard sich nicht von ihnen unterscheiden. Es ist spät, sein Zuhörer geht, Bernard verabschiedet sich. Was er jetzt noch vor sich hat, ist der Tod. Er will sich ihm ungebeugt entgegenwerfen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Ohne im eigentlichen Sinn Kapitel zu haben, ist Die Wellen in neun Abschnitte unterteilt. Zu Beginn jedes Abschnitts, und vom Druckbild her kursiv abgesetzt, steht die Beschreibung des Sonnenstands, des Meeres und des Gartens, wobei nicht nur ein Tag, sondern auch ein Jahr durchlaufen wird, es beginnt also an einem Morgen im Frühling. Jeder einzelnen dieser Tages- und Jahreszeiten ist eine bestimmte Phase im Leben der sechs Freunde zugeordnet, von der frühen Kindheit bis zum Alter. Innerhalb dieser Abschnitte stehen die locker verschlungenen inneren Monologe der Figuren, mit einer Fülle von Gedanken, Wahrnehmungen, Gefühlen, Beschreibungen. Dabei entsteht ein deutliches Bild der bereits ganz früh ausgeprägten charakterlichen Unterschiede, obwohl Woolf auf einen übergreifenden Erzähler, auf klare umrissene Schauplätze und auch weitestgehend auf äußere Handlung verzichtet. Woolf nutzt für alle Figuren einen gleichbleibend hohen, poetischen Stil voller Sprachbildern – wobei an vielen Stellen offen bleibt, ob es sich beim Beschriebenen um reines Empfinden handelt oder ob es doch äußeres Geschehen abbildet.

Interpretationsansätze

  • In Die Wellen dreht sich alles um das Selbst und die Anderen: Alle Figuren kämpfen darum, sich selbst zu definieren, und sie tun es durch ihre Beziehung zu anderen, das heißt, die Andersartigkeit der Freunde definiert die eigene Individualität. Jinny hat die unproblematischste – weil fast rein körperliche – Selbstdefinition, Rhoda die problematischste: Sie fühlt sich wie ein Phantom, ohne Konturen; charakteristisch ist vor allem ihre Angst vor den anderen. Jede individuelle Perspektive trägt zur Gesamtwahrnehmung der Realität bei, wobei vor allem Bernard die Realität nicht von deren Wahrnehmung unterscheidet. Eine Sonderstellung nimmt Percival ein: Er ist eins mit der Realität, weshalb er auch keine eigene Stimme hat.
  • Andererseits ist das Selbst viele zugleich, denn fast alle Figuren empfinden die Unmöglichkeit, sich als zusammenhängendes Ich zu definieren. Es gibt viele Ichs, viele zum Teil widersprüchliche Aspekte einer Person, wie etwa bei Louis, dem erfolgreichen Geschäftsmann und einsamen Dichter. Hinzu kommen noch die zahllosen ungeborenen Ichs, also die unrealisierten Möglichkeiten einer Person.
  • Die Freunde empfinden aber auch die Kraft, die sie verbindet, eine größere Einheit, in der die individuellen Unterschiede aufgehoben sind. Das Vereinende finden sie vor allem über ihre Liebe zu Percival. Diese größere Dimension verbindet sie zugleich mit der ganzen Menschheit und mit der Natur.
  • Das Symbol der Wellen steht für das Zeitvergehen und für die Wiederkehr. Der Roman ist eine Reflexion über die Zeit, die so schwer zu begreifen ist. Einerseits gibt es immer wieder den geglückten Moment, dem vor allem Jinny huldigt. Andererseits ist da das Zeitvergehen, das Älterwerden, und es gibt die Zeit, die weit über das individuelle Leben hinausreicht. Bei Louis ist das Bewusstsein von Jahrhunderten, die hinter ihm liegen, die er sogar selbst in Tausenden Leben durchlebt hat, am stärksten ausgeprägt.
  • Alle Figuren müssen sich mit dem Tod auseinandersetzen und damit auch ihre eigene Endlichkeit zur Kenntnis nehmen, als Percival jung stirbt. Angesichts des Todes bekennen sich aber fast alle Figuren zum Leben: Neville, Louis und Bernard durch die Dichtung, Jinny durch ihren Körper, Susan durch die Natur. Nur Rhoda steht dem Tod, der Auflösung, zeitlebens näher als dem Leben, und folgerichtig bringt sie sich um.

Historischer Hintergrund

Die Bloomsburys

Mit dem Tod von Königin Victoria im Jahr 1901 – nach einer Regierungszeit von 64 Jahren – näherte sich Großbritannien nicht nur seinem Ende als Kolonialmacht. Eine Generation von Freidenkern zog auch einen Strich unter diese – in ihren Augen – Ära kultureller Verflachung und engstirniger Moralvorstellungen.

Allen voran die Bloomsbury-Gruppe, gegründet von Virginia Woolfs Bruder Thoby Stephen mit mehreren Kommilitonen aus Cambridge als Kern. Dieser später erweiterte Kreis befreundeter Intellektueller traf sich ab 1905 regelmäßig im Londoner Stadtviertel Bloomsbury, dem bevorzugten Quartier einer künstlerischen und literarischen Avantgarde, die sich weder einer Ideologie noch konventionellen moralischen Prinzipien verpflichtet fühlte. Bei den Treffen wurden auch gesellschaftspolitische Anliegen diskutiert; neben Künstlern und Literaten wie E. M. Forster oder D. H. Lawrence war beispielsweise auch der Nationalökonom John Maynard Keynes Mitglied des Zirkels. Besonders die stereotype Zuordnung der Geschlechterrollen wurde infrage gestellt, stattdessen engagierte man sich für Selbstbestimmung und die Akzeptanz verschiedener Lebensformen. Die Bloomsbury-Gruppe stand in Opposition zum viktorianischen Zeitgeist, wie er bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein wirkte.

Entstehung

Die Wellen war nach Jacobs Zimmer, Mrs Dalloway und Zum Leuchtturm der vierte Roman, in dem Virginia Woolf mit modernen Erzähltechniken wie dem inneren Monolog experimentierte. Maßgeblich beeinflusst war sie dabei von James Joyce, besonders von seinem Roman Ulysses.

Einen ersten Einfall notierte Virginia Woolf im September 1927 in ihr Tagebuch. Am 18. Juni 1929 schrieb sie dann von der „Idee eines kontinuierlichen Stroms, nicht nur von menschlichen Gedanken, sondern auch von einem Schiff, der Nacht &c, alles fließt ineinander: unterbrochen von der Ankunft der Nachtfalter“. Aber sie kam nicht voran, empfand das Schreiben als Qual – dagegen sei die Arbeit an früheren Werken ein reines Kinderspiel gewesen. Im Januar 1930 notierte sie: „Ich schreibe zwei Seiten völligen Blödsinn, mit Anstrengung; ich schreibe Varianten zu jedem Satz; Kompromisse; schlechte Ansätze; Möglichkeiten; bis meine Kladde wie der Traum einer Irren wirkt.“ Doch am 29. April war die erste Niederschrift beendet, für Virginia Woolf war es „die größte geistige Anstrengung, der ich mich je unterzog“, und das Ergebnis sei ein Buch „voller Löcher und Flicken“. Es begann die Überarbeitung, die am 7. Februar 1931 abgeschlossen war.

Woolfs Bruder Thoby, der nach einer Griechenlandreise, die er mit ihr und der Schwester Vanessa unternommen hatte, an Typhus gestorben war, war das Vorbild für Percival, der ebenfalls mit Mitte 20 stirbt. Auch für die anderen Romanfiguren lassen sich Vorbilder in Virginia Woolfs engstem Umfeld finden, das sich großteils mit dem Personal der Bloomsbury-Gruppe deckte: Susan könnte die Schwester Vanessa sein, Jinny entspricht einerseits Virginia selbst, trägt aber auch Züge der Mutter Julia Stephen und einer älteren Freundin, Kitty Maxse. Züge von Virginia selbst finden sich aber auch in Rhoda. Neville entspricht vielleicht dem Maler Duncan Grant, Vanessas homosexuellem Lebensgefährten; die Figur des Bernard verweist auf Vanessas Ehemann, den Kritiker Clive Bell, und Louis könnte Virginias Ehemann Leonard Woolf repräsentieren.

Wirkungsgeschichte

Die Wellen erschien im Oktober 1931 bei Hogarth Press, dem Verlag des Ehepaars Woolf, in einer Auflage von 7113 Exemplaren; noch im gleichen Monat musste nachgedruckt werden. E. M. Forster bezeichnete den Roman gleich nach seinem Erscheinen als Klassiker; manche Kritiker aber warfen den Wellen vor, gekünstelt zu sein, ein unbefriedigendes Stilexperiment.

Außerhalb der englischsprachigen Welt war Die Wellen zuerst nur einem kleinen Kreis von literarisch Eingeweihten bekannt. Das änderte sich, als Virginia Woolf Ende der 1960er-Jahre für die Frauenbewegung (wieder-)entdeckt wurde. Heute gilt das Werk als Woolfs radikalster Roman, in dem sie ihr Experimentieren mit der erzählerischen Form zur künstlerischen Vollendung gebracht und die literarischen Möglichkeiten des inneren Monologs voll ausgeschöpft hat. Virginia Woolf gilt neben James Joyce als wichtigste Vertreterin der literarischen Moderne in England.

Über die Autorin

Virginia Woolf wird am 25. Januar 1882 in London als Adeline Virginia Stephen geboren. Die junge Virginia besucht keine Schule, sondern wird zu Hause von ihrem Vater unterrichtet und hat Zugang zu dessen umfangreicher Bibliothek. In dieser Zeit reift in ihr der Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Doch zunächst führen einige Todesfälle in ihrer Familie dazu, dass Virginia mehrere Nervenzusammenbrüche erleidet: Als sie 13 ist, stirbt die Mutter, zwei Jahre darauf die Halbschwester und neun Jahre später der Vater. 1906 stirbt ihr ältester Bruder Thoby an Typhus. Virginia bleibt im von Thoby gegründeten Bloomsbury-Zirkel aktiv und beginnt, Kritiken für Zeitschriften und Zeitungen zu schreiben. Nachdem der Schriftsteller Leonard Woolf ihr Anfang 1912 einen Heiratsantrag gemacht hat, erkrankt sie erneut psychisch. Vier Monate später nimmt sie den Antrag an, versucht aber schon kurz nach der Heirat, sich das Leben zu nehmen. Ihre Ehe beschreibt sie dennoch als glücklich. Leonard erweist sich als intellektuell ebenbürtiger, rücksichtsvoller Ehemann, der für ihre gelegentlichen Affären mit Frauen Verständnis aufbringt. 1915 erscheint Woolfs erster Roman Die Fahrt hinaus (The Voyage Out). Zwei Jahre später gründet das Ehepaar einen eigenen Verlag, Hogarth Press. Woolf verabschiedet sich ganz von konventionellen literarischen Formen und experimentiert in Jacobs Zimmer (Jacob’s Room, 1922) und Mrs Dalloway (1925) mit der Technik des inneren Monologs. Den humorvollen Roman Orlando von 1928 widmet sie ihrer Geliebten Vita Sackville-West. Der 1929 erschienene Aufsatz Ein eigenes Zimmer (A Room of One’s Own), in dem sie sich mit den Arbeitsverhältnissen von Schriftstellerinnen beschäftigt, wird später zu einem Klassiker der Frauenbewegung. Trotz immer wiederkehrender schwerer Depressionen arbeitet sie weiter an ihrem umfangreichen Werk. Am 28. März 1941 ertränkt sie sich im Fluss Ouse in Sussex. In ihrem Abschiedsbrief an Leonard schreibt sie: „Alles, außer der Gewissheit deiner Güte, hat mich verlassen. Ich kann dein Leben nicht länger ruinieren. Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir gewesen sind.“


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