Zusammenfassung von Fräulein Else

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Fräulein Else Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Novelle
  • Moderne

Worum es geht

Ein unmoralisches Angebot

Überall, resümiert die 19-jährige Else, werden Frauen verkauft oder verkaufen sich selbst: Als Geliebte lassen sie sich von reichen Männern aushalten, als heiratsfähige Mädchen werden sie von ihren Eltern an eine „gute Partie“ vergeben. Ist es da wirklich so schlimm, dass der Kunsthändler Dorsday für finanzielle Unterstützung eine Gegenleistung verlangt? Else ist sich da nicht sicher. Er möchte sie schließlich nur eine Weile lang nackt sehen. Die Art, wie Else sich selbst vergegenständlicht, ist subtil und erzeugt Gänsehaut. Ist ihr innerer Konflikt aus ihrer jugendlichen Sprunghaftigkeit geboren, wie manche Kritiker behaupten? Will sie vielleicht einfach nur Aufmerksamkeit? Oder rührt Schnitzler an eine tiefere Wahrheit über ein allgemein verinnerlichtes, perverses Frauenbild, das wir noch immer aufzubrechen lernen? Die Novelle bleibt klare Antworten schuldig. Elses rasende, teils widersprüchliche Gedanken bleiben unkommentiert, laden so zum unmittelbaren Miterleben ein und fordern am Ende Antworten vom Leser: auf die Frage nach Elses Geisteszustand, nach ihrem Recht, Nein zu sagen, und nach der Summe, die einen Verzicht auf dieses Recht rechtfertigt.

Take-aways

  • Die Novelle Fräulein Else zählt zu Arthur Schnitzlers bekanntesten Werken.
  • Inhalt: Die 19-jährige Else soll im Auftrag ihrer Eltern einen älteren Bekannten um Geld bitten. Dieser verlangt als Gegenleistung, das Mädchen nackt zu sehen, und stürzt es damit in einen inneren Konflikt – mit tödlichem Ausgang.
  • Der Ausgang der Handlung bleibt offen: Ob Else wirklich stirbt und ob ihr Vater vor dem Gefängnis gerettet wird, löst Schnitzler nicht auf.
  • Schnitzler bedient sich der Technik des inneren Monologs: Die Novelle ist vollständig aus der Innensicht der Hauptfigur verfasst.
  • Innere Konflikte von Frauen durchziehen Schnitzlers Spätwerk als wiederkehrendes Thema.
  • Aus feministischer Perspektive ist die Novelle als Kritik an Doppelmoral, Unterdrückung weiblicher Sexualität und Vergegenständlichung der Frau zu lesen.
  • Parallel zu Fräulein Else arbeitete Schnitzler auch an seiner berühmten Traumnovelle.
  • Großen Einfluss auf sein Schaffen hatte die damals noch junge Psychoanalyse. Schnitzler stand in persönlichem Kontakt zu Sigmund Freud.
  • Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, das erste Mal noch zu Schnitzlers Lebzeiten.
  • Zitat: „Nie werde ich mich verkaufen. Ich schenke mich her. Ja, wenn ich einmal den Rechten finde, schenke ich mich her. Aber ich verkaufe mich nicht. Ein Luder will ich sein, aber nicht eine Dirne.“
 

Zusammenfassung

Nach dem Tennis

Die 19-jährige Else spielt zusammen mit ihrem Cousin Paul und ihrer Bekannten Cissy Mohr Tennis, entschuldigt sich gegen Abend aber, um zum Hotel zurückzugehen. Else ist sich sicher, dass Paul und die verheiratete Cissy ein Verhältnis haben, und fragt sich, ob die beiden sie wohl für eifersüchtig halten. Sie wartet auf einen Brief von ihrer Mutter, der bis zum Nachmittag noch nicht eingetroffen ist. Else ist für einige Wochen im August und September in dem Hotel auf Einladung ihrer Tante Emma, die möglicherweise auch davon ausgeht, dass Else an Paul interessiert ist. Doch Else hat andere Pläne: Sie möchte vielleicht einen Amerikaner heiraten. Im Moment ist sie jedenfalls nicht verliebt. Im Hotel trifft sie Herrn von Dorsday, einen älteren Herrn, der sich vertraulich gibt und ihr Komplimente macht. Sie plant, am Abend Veronal zu nehmen, um besser schlafen zu können, und fragt sich, wie sich wohl Haschisch in seiner Wirkung von Veronal unterscheidet.

Der Brief aus Wien

Inzwischen ist der erwartete Brief eingetroffen. Else nimmt ihn mit auf ihr Zimmer, um ihn dort in Ruhe zu lesen. Auf dem Weg denkt sie darüber nach, dass ihr ein gut aussehender Italiener gefallen würde, ein Draufgänger, der sie verführt. Wie sie befürchtete, geht es in dem Brief um ihren Vater, einen Rechtsanwalt: Der braucht dringend 30 000 Gulden, um seine Schulden zu bezahlen. Wird die Summe nicht irgendwie aufgebracht, droht ihm eine Haftstrafe. Da er schon öfters in dieser Lage war, sind seine Verwandten und Freunde nicht mehr bereit, ihm zu helfen. Die Mutter bittet Else deshalb, sich an Herrn Dorsday zu wenden, der ihren Vater kennt und ihm viele Jahre zuvor schon einmal beigestanden hat. Als Kunsthändler wird die Summe kein Problem für ihn sein, und er mochte Else schon immer gern. In zwei Tagen muss das Geld bei Doktor Fiala eintreffen, um die Haft abzuwenden. Die Mutter betont, wie verzweifelt der Vater sei, dass er womöglich sogar über Selbstmord nachdenke und dass Else ihrer Tante nichts von der Sache sagen soll.

„Wenn er mir nur nicht so unsympathisch wäre. Auch die Art, wie er mich ansieht. Nein, Herr Dorsday, ich glaube Ihnen Ihre Eleganz nicht und nicht Ihr Monokel und nicht Ihre Noblesse.“ (S. 21)

Else ist wütend, dass ihre Eltern sie in diese Lage bringen. Ihr Vater hätte schließlich auch selbst herkommen und um Hilfe bitten können. Schon seit mehr als sieben Jahren lebt die Familie über ihre Verhältnisse und muss sich immer wieder Geld leihen. Else überlegt, doch die Tante einzuweihen, und ärgert sich, dass sie kein eigenes Geld verdient. Schließlich fasst sie den Entschluss, Dorsday anzusprechen, obwohl sie ihn nicht ausstehen kann. Sie findet die Art, wie er sie ansieht, abstoßend. Sie könnte eventuell auch Paul um Hilfe bitten – wäre es nicht schöner, wenn sie sich an ihn für 30 000 Gulden verkaufen könnte? Verkauft sie sich nicht ohnehin, wenn sie heiratet? Sie könnte sich vielleicht sogar versteigern? Ja, sie wird Dorsday um das Geld bitten. Sie zieht ein vorteilhaftes Kleid an. Soll sie vor oder nach dem Dinner mit ihm sprechen? Sie malt sich aus, wie er reagieren könnte. Ob er sofort einwilligt?

Kleine und große Pläne

Wenn Else heiratet, wird sie nicht treu sein, da ist sie sich sicher. Sie vergleicht ihr Leben mit dem ihrer Freundinnen, von denen manche schon Liebhaber haben. Was wird aus ihrem Ruf werden, wenn die Leute erfahren, dass ihr Vater mit fremdem Geld an der Börse spekuliert hat? Irgendwann wird er keine Hilfe mehr bekommen, dann ist Elses einzige Chance, einen reichen Mann zu finden. Vielleicht trifft sie ja noch hier im Hotel jemanden – einen Milliardär oder einen Gutsbesitzer. Sie verlässt das Zimmer und malt sich aus, wie Cissy und Paul die Nacht zusammen verbringen.

„Seine Stimme klingt schon wieder. Wie mir das zuwider ist, wenn es so zu klingen anfängt bei den Männern.“ (über Dorsday, S. 39)

Else ist seit drei Wochen im Hotel. Zuvor war sie mit ihrer Familie in Gmunden, wo Else viel Zeit mit ihrem Verehrer Fred verbracht hat. Sie schreiben sich regelmäßig, doch Fred ist ihr zu gutherzig. Else beschließt, an die frische Luft zu gehen, und fragt sich, wer wohl die Beethovensonate spielt, die sie im Vorbeigehen hört. Wenn sie nach Wien zurückkehrt, will sie an ihrem Klavierspiel arbeiten. Sie trifft Cissy und Paul, die jetzt erst vom Tennisspielen zurück sind. Else bittet Paul um eine Zigarette und macht Smalltalk mit den beiden, während sie sich insgeheim über Cissys affektiertes Verhalten ärgert. Cissy verabschiedet sich, um sich umzuziehen, und Else bleibt mit Paul zurück. Sie ist froh über die Gesellschaft, durch die ihr Gespräch mit Dorsday aufgeschoben wird. Paul bemerkt ihre veränderte Stimmung und erklärt ihr Verhalten für verführerisch. Als Else auf seine Worte nicht reagiert, lässt Paul sie allein.

Gespräch mit Dorsday

Else geht vor die Tür. Dorsday stößt zu ihr und die beiden machen eine Weile Konversation über die Gegend und Elses Familie. Else berichtet von dem aktuellen Fall, den ihr Vater gerade verhandelt, und dass er sicher ist, ihn gewinnen zu können. Dann erwähnt sie, dass sie einen Brief erhalten hat, und eröffnet Dorsday, dass es wieder einmal finanziell schlecht um die Familie steht. Ihr wird schwindlig und sie muss sich setzen, bevor sie weiterspricht. Sie erklärt, dass Dorsday wahrscheinlich um die Probleme des Vaters wisse, und er bestätigt, dass er kaum überrascht ist. Er rückt immer näher an Else heran, während sie nach und nach zum Punkt kommt. Sie lässt ihn gewähren und berichtet von den Schulden bei Dr. Fiala, vom drohenden Haftbefehl und von der Summe, die nun benötigt wird. Dorsday will die Details ganz genau wissen und stellt klar, dass es sich ja um eine beträchtliche Summe handle, die auch für ihn keine Bagatelle sei. Er erklärt, dass es ihm um ihren Vater leidtue, dass er aber sicher sei, dass dieser bald wieder die gleichen Probleme haben werde. Elses Einwand, dass sie ein ernstes Wort mit dem Vater reden wolle, belächelt er nur und denkt dann lange nach.

„Nie werde ich mich verkaufen. Ich schenke mich her. Ja, wenn ich einmal den Rechten finde, schenke ich mich her. Aber ich verkaufe mich nicht. Ein Luder will ich sein, aber nicht eine Dirne.“ (S. 47)

Else wird unruhig, will schon gehen und bleibt dann doch bei ihm stehen. Dorsday erinnert sie daran, dass er der Familie schon einmal Geld geliehen hat, das er niemals wiederbekam. Deswegen will er jetzt nicht ohne eine Gegenleistung helfen. Er behauptet, sich schlecht deswegen zu fühlen, aber hilflos zu sein vor Elses Schönheit. Er greift ihre Hand und gesteht, dass er sie begehrt. Sie geht ohne ein weiteres Wort, doch er holt sie ein und eröffnet seine Forderung – sicher, dass sie erstaunt sein werde, wie gering sie ist im Vergleich zu ihren Befürchtungen. Er möchte sie eine Viertelstunde lang nackt sehen – als Gegenwert für die 30 000 Gulden. Sie soll wählen, ob sie sich im Wald auf einer Lichtung oder in seinem Zimmer treffen. Er gibt ihr Zeit bis nach dem Essen, eine Entscheidung zu treffen, und entschuldigt sein Handeln mit seiner Einsamkeit.

Gedankenrasen

Als er fort ist, rasen Elses Gedanken. Paul könnte Dorsday zum Duell fordern. Sie überlegt, sich Dr. Fiala direkt anzubieten. Oder Paul. Oder Dorsday könnte ein paar Freunde mitbringen und sich die Summe mit ihnen teilen. Was werden sie tun, wenn ihr Vater wieder in die gleiche Lage gerät? Wäre es wirklich so schlimm, wenn er ins Gefängnis müsste? Ist sie denn so viel besser als die derzeitige Geliebte von Dorsday? Else gefällt es schließlich, von Männern angesehen zu werden, vielleicht würde sie sich für einen anderen Mann sogar gern ausziehen. Und ihre Freundin Bertha hat schon viel mehr getan und sie lebt ja auch noch. Doch genau da ist der Unterschied: Else will sich nicht verkaufen, sie will sich nur verschenken. Ihrem Vater ist das egal, er hat die bequemere Variante gewählt und verlässt sich darauf, dass Else alles für ihn tut. Das macht ihn eigentlich noch schlimmer als die anderen. Sie malt sich aus, wie sie leben würde, wenn der Vater wirklich ins Gefängnis müsste. Vielleicht weiß er gar nicht, dass Dorsday eine Gegenleistung verlangen wird? War dies der allerletzte Ausweg, den er gesehen hat? Vielleicht wird er sich das Leben nehmen, wenn er den Haftbefehl erhält. Und dann wäre Else schuld an seinem Tod.

„Ja, ein so verworfenes Geschöpf bin ich. Bin nicht geschaffen für eine bürgerliche Existenz, und Talent habe ich auch keines. Für unsere Familie wäre es sowieso das Beste, sie stürbe aus.“ (S. 61)

Es wird dunkel und Else ist sicher, dass man schon nach ihr fragt. Sie malt sich aus, wie die Leute auf ihren Tod reagieren würden, wenn sie sich jetzt vom Berg hinunterstürzen würde. Sie läge aufgebahrt im Salon ihres Zuhauses, während man leise rätselte, warum sie sich das Leben genommen hat. Herr Dorsday könnte vorbeikommen und sich ihren Körper anschauen. In die Vorstellung von ihrem Begräbnis mischen sich andere Bilder und alles verschwimmt. Als Else wieder zu sich kommt, ist ihr kalt und sie macht sich auf den Weg zurück ins Hotel. Sie überlegt, ob sie Dorsday irgendwie überlisten kann, aber er hat sie in der Hand. Schließlich kann er immer behaupten, dass sie eine Affäre hatten und er ihr deswegen das Geld gab. Ihr Ruf wäre ruiniert. Sie hofft gegen alle Vernunft, dass alles nur ein Scherz war und Dorsday das Geld ohne Gegenleistung überweisen wird. Sie hätte so gern die freie Wahl, wer ihr Liebhaber sein soll. Aber sie sieht ein, dass sie genau dafür erzogen wurde: sich zu verkaufen. Vielleicht an einen Mann, der sie heiratet – aber verkauft hätte sie sich trotzdem. Warum sollte sie sich wegen dieser Kleinigkeit schlecht fühlen, warum Nein sagen, wenn sie auch zu mehr bereit wäre?

„Du sollst deine fünfzigtausend Gulden haben, Papa. Aber die nächsten, die ich mir verdiene, um die kaufe ich mir neue Nachthemden mit Spitze besetzt, ganz durchsichtig und köstliche Seidenstrümpfe.“ (S. 67)

Sie denkt sich Wege aus, Dorsday seinen Triumph zu vermiesen, sobald er das Geld überwiesen hat. Sie könnte ihn auslachen und sagen, dass er sie hätte haben können und sich mit lächerlich wenig zufriedengegeben hat. Sie könnten sich auf der Lichtung treffen und Else könnte Paul Bescheid geben, damit er sie begleitet. Vielleicht wird sie am nächsten Morgen tot sein und Dorsday wird sich schwere Vorwürfe machen. Sie wird per Testament verfügen, dass er ihre nackte Leiche ansehen darf. Vielleicht wird sie aber auch gar nicht tot sein, weil sie nicht mutig genug ist, sich das Leben zu nehmen. Sechs Rationen Veronal, besser zehn, müsste sie einnehmen, um nicht mehr aufzuwachen.

Zurück im Hotel

Sie trifft im Hotel ein, wo man schon nach ihr gesucht hat. Sie entschuldigt sich mit Kopfschmerzen und geht auf ihr Zimmer. Der Portier hält sie mit einem neuen Schreiben auf. Elses Mutter teilt ihr darin mit, dass nicht 30 000, sondern 50 000 Gulden benötigt werden. Wie soll sie das bloß Dorsday erklären? Er wird ihr bestimmt nicht glauben. Sie muss ihm den Brief zeigen. Sie hat ihren Entschluss gefasst: Wenn sie sich schon für Geld hergeben muss, will sie es beim nächsten Mal für sich selbst tun und sich schöne Dinge von der Summe kaufen. Sie bereitet ihr Glas mit Veronal vor, um es später trinken zu können.

„Ich werde auch nicht zu Herrn von Dorsday ins Zimmer gehen. Fällt mir gar nicht ein. Ich werde mich doch nicht um fünfzigtausend Gulden nackt hinstellen vor einen alten Lebemann, um einen Lumpen vor dem Kriminal zu retten.“ (S. 70)

Else zieht sich aus und betrachtet sich im Spiegel. Sie hüllt sich nackt in einen langen schwarzen Mantel und schreibt einen Brief an Dorsday, um ihn an seinen Teil der Abmachung zu erinnern. Den Brief steckt sie zusammen mit dem Telegramm in einen Umschlag, den sie an Dorsdays Tür abgeben will. Sie zieht ihre Schuhe an und geht hinunter. Ihre Gedanken überschlagen sich. Sie könnte den Mantel vor einem Fremden öffnen, sie könnte sich doch mit Dorsday auf ihrem Zimmer treffen oder draußen im Wald, sie könnte jetzt gleich auf ihr Zimmer zurückgehen und das Veronal trinken oder nach draußen laufen und immer weiter, bis sie auf dem Berg erfriert. Vielleicht würde man ihre Leiche erst viele Jahre später finden.

Zusammenbruch

Sie beschließt, im Spielsaal nach Dorsday zu suchen. Sie fühlt sich beobachtet und ist sich sicher: Die Leute ahnen, dass sie unter dem Mantel nackt ist. Tatsächlich hält ihre Tante sie auf und bemerkt, dass Else keine Strümpfe trägt. Sie glaubt, Else habe Fieber, und rät ihr, sich auszuruhen. Doch Else geht stattdessen ins Spielzimmer, wo mehrere Hotelgäste Whist und Schach spielen. Sie findet Dorsday am Fenster stehend. Er hört der Klaviermusik zu. Elses und Dorsdays Blicke treffen sich. Sie lässt den Mantel fallen und steht nackt im Raum. Else beginnt manisch zu lachen, während um sie herum Chaos ausbricht. Die Musik bricht ab und ein Mantel wird über sie gelegt. Man ruft nach einem Arzt und legt sie auf den Diwan, in der Gewissheit, dass sie ohnmächtig ist. Doch Else ist wach und hört alles. Paul bringt sie auf ihr Zimmer, während sich Cissy und Elses Tante über ihren Zustand unterhalten. Sie habe sich schon seit Tagen seltsam verhalten. Cissy bezweifelt, dass es ein Anfall war und dass Else bewusstlos ist. Sie küsst Paul und wartet auf eine Reaktion von Else, weil sie weiß, wie eifersüchtig diese auf sie ist.

„(…) und wenn es mir beliebt, trinke ich das ganze Glas auf einen Zug. Aber es wird mir nicht belieben. Es wäre nur eine Feigheit. Sie verdienen gar nicht so viel Respekt, die Schufte.“ (S. 74)

Dorsday kommt herauf, um sich nach Else zu erkundigen. Während er draußen mit Paul spricht, beugt sich Cissy über Else und flüstert ihr zu, dass sie ihr die Bewusstlosigkeit nicht abnimmt. Else hört sie, doch sie kann sich nicht bewegen. Cissy geht nach draußen und Else versucht, das Glas mit Veronal zu erreichen, während die Menschen, denen sie die Schuld an ihrem nahenden Tod gibt, nichts ahnend vor der Tür stehen. Sie trinkt das Glas aus und lässt es zu Boden fallen. Paul stürzt herein, weiß jedoch nicht, was Else getan hat. Else wird immer müder und erkennt plötzlich, dass sie doch nicht sterben will. Sie möchte, dass Paul sie rettet, und sie möchte ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Während die anderen ihren Namen rufen, werden Elses Gedanken immer verworrener, bis sie das Gefühl hat, davonzufliegen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Novelle Fräulein Else ist vollständig als Monolog aus der Innenperspektive der Hauptfigur geschrieben. Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und Beobachtungen reihen sich ungefiltert aneinander. Anfangs wirken Elses Gedanken noch geordnet, und die Sprünge zwischen den Themen folgen nachvollziehbaren Assoziationen. Im Verlauf der Handlung verwirren sich Elses Gedanken immer mehr und werden von Tagträumen und bruchstückhaften Einwürfen durchsetzt, die den zunehmenden psychischen Druck auf das Mädchen spürbar machen. Die erzählte Zeit entspricht wenigen Stunden, vom späten Nachmittag bis zum Abend des fraglichen Tages. Elses innerer Monolog wird durch Gespräche mit den anderen Figuren unterbrochen; wörtliche Rede ist im Text kursiv gedruckt. Die Aussagen der anderen werden jedoch wiederum von Else in Gedanken kommentiert, sodass der Leser nie ihre Perspektive verlässt.

Interpretationsansätze

  • Die Novelle zeigt den inneren Konflikt einer jungen Frau in einer Extremsituation: Um ihren Vater zu retten, muss sie sich gegen ihren Willen einem älteren Mann nackt zeigen. Ihre eigenen Argumente für und gegen eine Einwilligung reichen von rationalen Erwägungen bis hin zu Gefühlsausbrüchen.
  • Aus feministischer Perspektive ist die Novelle als Kritik an Doppelmoral, Unterdrückung weiblicher Sexualität und Vergegenständlichung der Frau zu lesen. Hauptthema der Novelle ist demnach Elses Konflikt zwischen der Loyalität gegenüber ihrer Familie und ihrem Recht auf Selbstbestimmung, das sich besonders in dem Recht manifestiert, über ihren eigenen Körper zu verfügen.
  • In der Forschung gehen die Deutungen der Novelle weit auseinander. Ein wichtiger Punkt ist die Frage, ob Else tatsächlich stirbt, und wenn nicht, ob sie weiß, dass die Dosis Veronal nicht tödlich sein wird. Laut Text nimmt sie sechs „Pulver“ ein – nach medizinischer Einschätzung müsste sie das überlebt haben – gerade Schnitzler, der Arzt war, dürfte das bewusst gewesen sein. Wenn man von dieser Annahme ausgeht, eröffnen sich ganz neue Perspektiven, wie die Geschichte weitergehen könnte.
  • Schnitzlers Bekanntschaft mit Sigmund Freud, dessen Ansichten er nicht immer teilte, eröffnen eine ganze Reihe von Interpretationsmöglichkeiten für die Novelle. So durchzieht etwa die Darstellung von Elses sexuellem Begehren und Nichtbegehren, die an ihren eigenen moralischen Vorstellungen und denen der Gesellschaft gemessen werden, das Werk wie ein roter Faden.
  • Schnitzler hat immer wieder weibliche Figuren in den Mittelpunkt seiner Werke gestellt. Frau Bertha Garlan (1901) etwa erzählt die Geschichte einer Witwe, die auf das Wiederaufleben der Beziehung zu ihrer Jugendliebe hofft. An ihrem Beispiel zeigt Schnitzler die Konflikte zwischen weiblichem Verlangen und bürgerlicher Doppelmoral auf. Das Spätwerk Schnitzlers ist durchzogen von Frauenfiguren, die in diesem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne nach ihrer Identität suchen.
  • Geld spielt in der Novelle eine zentrale Rolle. Es ist die Ursache für die missliche Lage, in die Else gerät. Die Gäste im Hotel sind alle gut situiert, und auch Elses Familie ist, trotz finanzieller Schwierigkeiten, in diesem Milieu angesiedelt. Doch Elses Vater hat fremdes Geld veruntreut, und Else erkennt, dass die gesamte sie umgebende Gesellschaft aus lauter „Schuften“ besteht.

Historischer Hintergrund

Österreich nach dem Ersten Weltkrieg

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete zugleich das Ende der Donaumonarchie bzw. Österreich-Ungarns. Das ehemals riesige Staatsgebiet schrumpfte auf einen Bruchteil zusammen, nachdem Teile Böhmens, Mähren, Schlesien und Südtirol an andere Staaten gefallen waren. Im November 1918 gründete sich der neue, zunächst „Deutschösterreich“ genannte Staat als demokratische Republik. Bestrebungen, ihn dem Deutschen Reich anzuschließen, unterbanden die Alliierten und legten 1919 nicht nur ein Unabhängigkeitsgebot, sondern auch den Namen „Republik Österreich“ fest. Pläne, sich anderen Staaten anzuschließen, scheiterten auch in den folgenden Jahren. Der Wegfall des ökonomisch starken Böhmens machte sich in Österreich schnell bemerkbar.

1918 gab es Konflikte in Kärnten: Die slowenische Bevölkerung suchte Anschluss zum neuen Königreich Jugoslawien, das schließlich Südkärnten besetzte. Eine Volksabstimmung sollte die Zugehörigkeitsfrage endgültig beantworten. Die Bevölkerung stimmte für den Verbleib in Österreich. Mit den beiden Verträgen von 1919 bzw. 1920 wurde auch das deutschsprachige Westungarn als Bundesland Burgenland der Republik angeschlossen. 1920 erhielt die junge Demokratie eine eigene Verfassung, die Kompromisse zwischen Zentralismus und Föderalismus fand und die vor allem das Parlament stärkte. Infolge der Gebietsverluste, von Reparationszahlungen und der Hyperinflation steckte das Land jedoch in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, die erst 1924 mit der Währungsreform endete.

Entstehung

Schnitzler begann 1921 mit der Arbeit an Fräulein Else. Zur gleichen Zeit beschäftigte er sich mit der Traumnovelle, einem seiner berühmtesten Werke. Für Schnitzler waren die frühen 1920er-Jahre alles andere als leicht. In der Nachkriegszeit hatte er finanzielle Probleme, 1921 ließ er sich von seiner Frau Olga scheiden und 1922 belastete ihn eine Schreibblockade. Im Frühjahr 1923 hatte er dennoch eine erste Rohfassung von Fräulein Else fertiggestellt, die er im Herbst wieder durchsah und 1924 für gut genug befand, sie zur Veröffentlichung einzureichen.

Die Erzähltechnik des inneren Monologs hatte Schnitzler zuvor schon in seiner Novelle Leutnant Gustl genutzt und danach „Gustl-Technik“ getauft. Wie Leutnant Gustl ist Else ein Produkt ihrer Zeit: Finanzielle Unsicherheit und der Verlust moralischer Orientierung spiegeln sich in ihrem inneren Monolog wider.

Die Beschäftigung mit der Psychoanalyse und speziell der Traumdeutung ist für Schnitzlers Werk insgesamt ein wichtiger Einfluss. Der Arzt stand in Brief- und persönlichem Kontakt mit Sigmund Freud.

Wirkungsgeschichte

Im November 1924 erschien Fräulein Else vorab in der Neuen Rundschau und wurde von den Lesern begeistert aufgenommen. Auch die wenig später im Wiener Verlag Paul Zsolnay veröffentlichte Buchfassung war erfolgreich. Die Novelle zählt heute zu Arthur Schnitzlers bekanntesten Werken. Das Werk wurde 1929, noch zu Schnitzlers Lebzeiten, als Stummfilm von Paul Czinner adaptiert. 1974 wurde die Verfilmung von Ernst Haeussermann mit Marianne Nentwich und Curd Jürgens im österreichischen Fernsehen ausgestrahlt. 2002 und 2013 wurde die Novelle erneut verfilmt, wobei die Geschichte jeweils stärker modifiziert wurde.

In der literaturwissenschaftlichen Forschung ist die Novelle vor allem im Zusammenhang mit Schnitzlers Frauenfiguren und im Hinblick auf die äußere Form diskutiert worden. Die Interpretationen gehen dabei weit auseinander. Von der These, dass Else ihren Auftritt im Spielzimmer nur träumt, bis hin zu der Annahme, dass sie ihren Selbstmord inszeniert, um ihren Schwarm Paul auf sich aufmerksam zu machen, finden sich erstaunlich divergierende Analysen. Else wurde „exzessiver Narzissmus“ unterstellt, ihre „Hysterie“ mit einer „prämenstruellen Befindlichkeitsstörung“ erklärt – kurz, die Geschichte des Mädchens wurde zum Psychogramm, das zu immer neuen Diagnosen einlädt.

Fräulein Else war Schnitzlers letztes erfolgreiches Werk. In den letzten Jahren seines Lebens wurde er von finanziellen Sorgen geplagt. Ein ähnliches Unglück, wie Schnitzler es mit Fräulein Else publikumswirksam literarisch verarbeitete, traf ihn einige Jahre später ganz persönlich: Seine Tochter Lili nahm sich 1928 im Alter von 18 Jahren das Leben.

Über den Autor

Arthur Schnitzler wird am 15. Mai 1862 als Sohn des jüdischen Klinikdirektors Johann Schnitzler in Wien geboren. Schon früh packen ihn die Leselust und das Interesse an der Schriftstellerei. Obwohl der Vater die literarischen Ambitionen seines Sohnes fördert, studiert Arthur auf dessen Wunsch Medizin in Wien. 1882 folgt ein Jahr beim Militär als Sekundararzt. 1885, mit 23, promoviert er in Medizin. In den folgenden Jahren arbeitet er als Assistenzarzt in verschiedenen Wiener Kliniken. Nach dem Tod des Vaters eröffnet er eine Privatpraxis. 1893 erscheint sein Dramenzyklus Anatol. Eine tiefe Freundschaft mit Hugo von Hofmannsthal beginnt. Schnitzler arbeitet vor allem für die Bühne: Sein Reigen von 1897 erregt einen Skandal wegen des vermeintlich pornografischen Inhalts und bleibt lange verboten. Mit der Novelle Lieutenant Gustl tut sich Schnitzler als Prosaschriftsteller hervor, allerdings kostet ihn die angebliche Verunglimpfung des Militärs seinen Offiziersrang. 1903 heiratet er seine Lebensgefährtin Olga Gussmann, mit der er bereits einen Sohn hat. In den folgenden Jahren kommen mehrere seiner Schauspiele zur Uraufführung, unter anderem Der einsame Weg, Der grüne Kakadu und Das weite Land. Immer wieder ecken seine Werke bei der Zensur an: Neben dem Reigen betrifft das vor allem den Einakter Haus Delorne, der 1904 noch am Abend vor der Uraufführung verboten wird, und die Komödie Professor Bernhardi, die 1912 zwar in Berlin, nicht aber in Wien aufgeführt werden darf. Bei Kriegsausbruch 1914 bekennt sich Schnitzler zum Pazifismus: Im Unterschied zu vielen seiner Schriftstellerkollegen bricht er nicht in Kriegseuphorie aus. Nach der Trennung von seiner Frau im Jahr 1921 erzieht Schnitzler seine Kinder allein. 1922 macht er die nähere Bekanntschaft Sigmund Freuds, der in der Psychoanalyse zu ähnlichen Erkenntnissen kommt wie Schnitzler mit den Mitteln der Literatur. 1924 verwendet er die Technik des inneren Monologs in der Novelle Fräulein Else. 1926 erscheint die Traumnovelle. Schnitzler stirbt am 21. Oktober 1931.


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