Zusammenfassung von Hermann und Dorothea

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Hermann und Dorothea Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

Qualitäten


Worum es geht

Das Kultbuch des deutschen Bürgertums

Wenn es um die bedeutendsten Werke von Goethe geht, denken wir heute an Faust, Werther oder Die Wahlverwandtschaften. Kaum jemand wird das kurze, in Hexametern gedichtete Idyll Hermann und Dorothea auf seiner Liste haben – so er es überhaupt kennt. Und doch war dieser Text im 19. Jahrhundert nicht nur Goethes populärstes Werk, sondern geradezu ein Kultbuch des deutschen Bürgertums. Schiller, Humboldt und Hegel hielten es für ein Meisterwerk vom Rang der großen antiken Epen, die Schulbehörden erhoben es zur Pflichtlektüre, und in keinem ordentlichen Haushalt durfte dieses Loblied auf deutsche Redlichkeit und vaterländische Gesinnung fehlen. Freilich trugen diese bürgerlichen Züge auch dazu bei, dass Hermann und Dorothea als spießig und altbacken in Verruf geraten und heute so gut wie unbekannt ist. Dabei gibt die Erzählung von Hermann, der sich in die vor dem französischen Heer flüchtende Dorothea verliebt und sie – nachdem er die Vorbehalte seines Vaters gegen eine arme Schwiegertochter ausgeräumt hat – schließlich heiratet, nicht nur eine pointierte Skizze des bürgerlichen Weltbildes um 1800 wieder, sondern zeigt auch die sprachliche Meisterschaft Goethes auf ihrem, wie viele Kritiker meinen, absoluten Höhepunkt.

Take-aways

  • Das Versepos Hermann und Dorothea war Goethes größter Publikumserfolg.
  • Inhalt: Ein Zug flüchtender Deutscher zieht, vom französischen Revolutionsheer vertrieben, an einer rheinischen Stadt vorbei. So treffen der Sohn einer wohlhabenden Wirtsfamilie und die fliehende Dorothea aufeinander und verlieben sich. Unter dem Vorwand, sie als Magd am Hof seiner Eltern anzuheuern, stellt Hermann das Mädchen seinen Eltern vor und darf sie, nach einigen Missverständnissen, heiraten.
  • Der Text ist ein in Hexametern gedichtetes Idyll in neun Gesängen.
  • Goethe schrieb Hermann und Dorothea zwischen 1796 und 1797, angeregt durch eine Anekdote von 1732.
  • Seine Absicht war, das antike Epos sowie den altgriechischen Hexameter für die deutsche Dichtung fruchtbar zu machen.
  • Im 19. Jahrhundert war das Werk Kult und Pflichtlektüre in deutschen Schulen.
  • Schiller, Hegel und Wilhelm von Humboldt hielten es für eines der bedeutendsten Werke der Literaturgeschichte.
  • Der Text setzt sich kritisch mit den französischen Revolutionskriegen auseinander und formuliert im Gegenzug eine bürgerlich-konservative deutsche Nationalidentität.
  • Im Zuge der Flüchtlingskrise wurde der Text wiederentdeckt und 2016 am Wiener Burgtheater aufgeführt.
  • Zitat: „Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, / Der vermehrt das Übel und breitet es weiter und weiter; / Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. / Nicht dem Deutschen geziemet es, die fürchterliche Bewegung / Fortzuleiten (…)“
 

Zusammenfassung

Flüchtlinge vor der Stadt

Die Wirtsleute vom „Goldenen Löwen“ sitzen gemütlich vor ihrem Gasthaus und staunen über die Ruhe in der verlassenen Stadt. Fast alle Bürger sind zum Dammweg geströmt, wo ein Tross Flüchtender vom anderen Rheinufer vorbeizieht. Sie bringen den Vertriebenen Essen und alte Kleider. Lieschen, die Frau, gesteht, dass auch sie den Armen etwas geschickt hat, nämlich den alten Schlafrock ihres Mannes aus feinstem Kattun. Der Wirt ist darüber etwas überrascht, doch da der Schlafrock ohnehin nicht mehr der neuesten Mode entsprochen hat, findet er sich mit dem Verlust ab. Als die ersten Städter in staubiger Mittagshitze zurückkehren, freut sich die Wirtin auf ihre Berichte. Der Apotheker und der Prediger gesellen sich zu ihnen.

„Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen! / (…) Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder, / Um den traurigen Zug der armen Vertriebenen zu sehen.“ (der Vater, S. 3)

Der Apotheker schimpft über die Ignoranz und Sensationslust der Bürger, die sich am Elend der Vertriebenen nur ergötzen und nicht bedenken, dass auch ihnen Ähnliches widerfahren könnte. Der Prediger wendet ein, dass die Neugier eine Vorstufe des edleren, vernunftgeleiteten Forschungsdrangs sei. Da drängt die Wirtin die Männer, doch endlich zu erzählen, was sie eben erlebt haben. Der Apotheker erzählt vom Elend, Chaos und Lärm des langen Flüchtlingszuges: geplagte Frauen und Kinder, heulende Tiere und eilig beladene Fuhrwerke. Der Wirt hat bald genug von dem traurigen Thema und lädt die anderen ins kühle Gasthaus ein, wo sie den Rheinwein genießen und Gott für ihre behagliche Sicherheit danken.

Hermann trifft Dorothea

Der Sohn des Wirts, Hermann, tritt herein. Sofort bemerkt der Prediger, wie aufgeregt der sonst so schüchterne junge Mann wirkt. Hermann war von seiner Mutter zur Karawane der Flüchtlinge geschickt worden, um diesen Kleidung und Getränke zu bringen. Er erzählt, wie er zu einem großen Wagen gekommen sei, den zwei riesige Ochsen zogen und der von einem wunderschönen Mädchen gelenkt wurde. Dieses habe ihn angesprochen und um seine Hilfe gebeten, denn im Wagen lag eine Frau mit ihrem frisch geborenem Kind, die von ihrem Mann getrennt worden war. Beeindruckt von der aufrichtigen und stolzen Art des Mädchens habe er ihr den Schlafrock und die gesamte Verpflegung überreicht.

„Nur wohl ausgestattet möcht’ ich im Hause die Braut sehn; / Denn die Arme wird doch nur zuletzt vom Manne verachtet, / Und er hält sie als Magd (…). / Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten der Liebe vergehen.“ (der Vater, S. 16 f.)

Nachdem Hermanns Erzählung geendet hat, freut sich der Apotheker, dass er in solch düsteren Zeiten weder Frau noch Kinder zu versorgen hat. Das gefällt Hermann ganz und gar nicht. Er wendet ein, dass er gerade angesichts dieses Unglücks mehr denn je bereit sei, zu heiraten, um eine bedrohte Frau zu schützen und ihre Not zu teilen. Hermanns Vater lobt diese Einstellung, und seine Mutter erzählt, dass auch sie in schwerer Stunde zusammengefunden haben, nach dem schweren Stadtbrand vor 20 Jahren. Allerdings, wendet Hermanns Vater ein, solle nicht jeder bei null anfangen müssen. Er wünscht sich, dass Hermanns künftige Braut eine reiche Mitgift in die Familie bringt, und hat sogar schon eine gutgestellte Schwiegertochter im Auge: Minchen, die jüngste Tochter eines reichen Kaufmanns. Die aber ist Hermann zu eingebildet, was seinen Vater erzürnt. Während er ihn als undankbaren Taugenichts beschimpft, verlässt Hermann schweigend die Stube.

Der strenge Vater

Nachdem Hermann gegangen ist, ärgert sich sein Vater lautstark darüber, dass sein Sohn keinerlei Ehrgeiz besitze, eines Tages mehr zu haben und zu sein als seine Eltern. Dabei würden Stadt und Land doch nur von den fleißigen Leuten leben, die den Wohlstand von heute erhalten und ihn sogar noch erweitern. Sieht man solche Redlichkeit und solchen Fleiß nicht an so akkuraten Städten wie Mannheim, Frankfurt oder Straßburg? Er selbst, fährt er fort, habe nach dem großen Brand tatkräftig am Wiederaufbau der Stadt mitgewirkt. Und wird sie heute nicht von allen Reisenden bewundert und gelobt? Doch was solle aus dem schmucken Ort werden, seufzt er, wenn die Jugend sich nur dem Schlendrian und billigen Vergnügen hingebe. Da fällt ihm die Mutter ins Wort und wirft ihm vor, ungerecht zu sein und blind für die Stärken ihres Sohnes. Man könne Kinder eben nicht beliebig formen, erklärt sie ihm, sondern müsse sie nehmen und lieben, wie sie nun einmal sind. Nachdem sie Hermann hinterhergeeilt ist, bleibt der Vater mit dem Apotheker zurück und betont noch einmal, dass nur Disziplin und Zielstrebigkeit den Menschen voranbringe.

Mutter und Sohn

Die Mutter sucht Hermann. Doch weder auf seiner Lieblingsbank vor dem Wirtshaus noch bei seinen Pferden im Stall oder im Garten ist er zu finden. Sie verlässt die Stadt, durchkämmt die erntereifen Felder und geht in den Weinberg, wo sie Hermann unter einem Birnbaum und in Tränen aufgelöst vorfindet. Das tagsüber Gesehene, schluchzt er, habe ihn zutiefst bestürzt, und die feindliche Macht jenseits des Rheins lässt ihm keine Ruhe. Zwar wurde Hermann als einziges Kind der Wirtsleute nicht zum Heeresdienst eingezogen, doch nun, teilt er seiner Mutter mit, werde er sich freiwillig als Soldat melden, um sein Vaterland und seine Heimat zu verteidigen. Da beginnt auch die Mutter zu weinen, wenn auch aus einem anderen Grund: Sie spürt, dass ihr sonst so ehrlicher Sohn seine wahren Beweggründe verschleiern will. Nach einigen Nachfragen gesteht Hermann, von den Worten seines Vaters tief gekränkt worden zu sein. Außerdem halte er es in der Enge des Elternhauses nicht mehr aus und es platzt aus ihm heraus: Er will heiraten.

„Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder! / Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben / (…) Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten: / Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es.“ (der Vater, S. 22)

Die Mutter errät sofort, dass die Vertriebene ihrem Sohn den Kopf verdreht hat. Hermann ist verzweifelt, droht doch die Unbekannte, schon bald weiterzuziehen und in den Wirren der Ereignisse zu verschwinden. Er ist entschlossen, sie zu suchen und mit seinem Vater zu brechen. Doch die Mutter macht ihm Hoffnung. Sie kennt ihren Gatten und weiß, dass seine lauten Worte beim Wein nicht endgültig waren. Eilig geht sie mit Hermann zurück, um die Sache zu besprechen.

Nachforschungen

Im Wirtshaus diskutieren die Männer noch immer. Der Pfarrer gibt zu bedenken, dass das Streben nach Höherem zwar edel sei, aber auch durch besonnene Vernunft und Geduld ergänzt werden müsse – Anlagen, wie sie der ruhige Hermann offensichtlich besitze. In diesem Moment kehren Mutter und Sohn zurück und stellen den Vater vor vollendete Tatsachen: Hermann, spricht die Mutter, habe sich eine Gattin gewählt, und wenn er sie nicht bekomme, wolle er niemals heiraten. Während der Vater schweigt, schlägt der Apotheker vor, sich über die Fremde in ihrer Gemeinde zu erkundigen. Hermann ist begeistert und wünscht, dass auch der Pfarrer mitkommt. Sie sollen heimlich Nachforschungen anstellen. Angesichts so vieler Gegenstimmen willigt der Vater ein. Hermann selbst fährt den Pfarrer und den Apotheker vor die Stadt und beschreibt ihnen seine Angebetete. Dabei hebt er vor allem deren reinliche Kleidung hervor. Die beiden Männer erreichen das Nachtlager der Flüchtlinge. Sie bemerken einen alten Mann, der durch seine weisen und ernsten Worte einen aufkommenden Streit im Keim erstickt, und wenden sich an ihn. Während der Pfarrer das Gespräch auf das fremde Mädchen zu lenken versucht, sucht der Apotheker weiter nach ihr. 

Ein würdiger Leumundszeuge

Der Alte klagt, dass die so verheißungsvollen Ereignisse in Frankreich, die Hoffnung auf Freiheit und Gleichheit, in Kriegswirren untergehen, die das Schlechteste im Menschen zutage bringen. Gegen diese pessimistische Sicht wendet der Pfarrer ein, dass der Alte sicherlich auch viel Gutes in dieser Zeit erlebt haben muss. Da erzählt der Alte die Geschichte einer tapferen Jungfrau, die sich und andere Frauen vor Übergriffen durch den Feind mit dem Schwert verteidigt habe. Als der Pfarrer nachfragen will, wer denn diese edle Jungfrau sei, kehrt der Apotheker zurück und berichtet, er habe die Gesuchte gefunden.

„Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich / Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet, / Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte / Gegen den Jüngling, der heute mir als Erretter erschienen.“ (Dorothea, S. 70)

Hinter einem Zaun versteckt, begutachten die beiden Männer die junge Frau: Sie sieht genauso aus, wie Hermann sie beschrieben hat. Der Pfarrer ist von ihrer anmutigen Gestalt entzückt und schließt daraus auf einen erhabenen Charakter. Der Apotheker ist skeptischer: Der Schein könne trügen. Deshalb schlägt er vor, einige Erkundigungen einzuholen. Sie finden den Alten wieder, berichten ihm von der jungen Frau. Der Alte bestätigt ihnen, dass diese die wehrhafte Jungfrau sei, von der er vorhin erzählt habe. Dieses Mädchen, urteilt er, habe einen einwandfreien Charakter, der auch vom Gram über den Tod ihrer Eltern und ihres Bräutigams, der in Paris im Kampf für die Freiheit sein Leben gelassen habe, nicht getrübt worden sei. Nachdem die Männer Geld und Tabak verschenkt haben, kehren sie zum inzwischen völlig verzagten Hermann zurück. Erst nach einigem guten Zureden entschließt er sich, die Angebetete aufzusuchen und um ihre Hand anzuhalten.

Das Wiedersehen

Zu seiner Überraschung trifft Hermann die Angebetete bereits in den Feldern vor dem Dorf an. Sie ist allein. Eben ist sie dabei, Wasser aus einer kleinen Quelle zu holen, da das Wasser im Lager durch die vielen Menschen und Tiere bereits verdorben sei. Hermann hilft Dorothea, die Krüge zu befüllen. Beide freuen sich, einander wiederzusehen. Als Dorothea fragt, was Hermann hierherbringe, wagt er aber noch nicht, ihr seine Liebe zu gestehen. Stattdessen erzählt er ihr von seinen Eltern, ihren Mühen mit der großen Wirtschaft und dass, weil er, Hermann, die Felder besorge, im Haushalt die aufmerksame und zuverlässige Hand einer Tochter fehle. Dorothea erkennt sofort, worauf Hermann hinauswill, und sagt, sie wolle sich gern als Magd bei ehrbaren Leuten verdienen. Ihre Pflicht habe sie bereits erfüllt und jene junge Mutter mit deren Angehörigen zusammengeführt. Auf dem Weg zum Nachtlager der Vertriebenen bietet ihr Hermann an, einen der Krüge zu tragen, doch Dorothea lehnt ab: Es sei besser, wenn sie beide Krüge trage: So sei die Last besser verteilt, und der zukünftige Herr brauche ihr keine Arbeit abzunehmen. Im Übrigen, erklärt sie, solle eine gute Frau beizeiten lernen, zu dienen und sich so vollkommen wie möglich in den Dienst der anderen zu stellen. Denn diese Fähigkeiten braucht sie später als Mutter, um Schmerzen und Sorgen zu ertragen, unter denen kein Mann bestehen könne.

Trauliches Einvernehmen

Auf dem Heimweg in die Stadt fragt Dorothea nach den Eigenheiten von Hermanns Eltern und wie sie es ihnen im Alltag recht machen kann. Die Mutter, antwortet Hermann, werde sie sofort ins Herz schließen, wenn sie fleißig und sorgsam arbeite. Der Vater hingegen sei etwas eitler und oberflächlicher; er höre gern Ehrbekundungen und gebe manchmal mehr auf Worte als auf Taten. Hermann erschrickt etwas über die eigene Offenheit, nimmt es aber als gutes Zeichen, dass er ein so tiefes Zutrauen zu Dorothea gefasst hat. Schließlich fragt sie, wie sie sich ihm gegenüber in Zukunft verhalten soll. Der Mond ist aufgegangen, sie stehen am Weinberg unter Hermanns geliebtem Birnenbaum und blicken auf die erleuchtete Stadt hinab. Er zeigt ihr sein Anwesen und die Felder, traut sich aber nicht, mehr zu antworten, als dass Dorothea nur auf ihr Herz hören und sich so verhalten soll, wie es ihr angemessen vorkommt. Wolken ziehen auf, und als die beiden durch die dunklen Weingärten ins Tal steigen, rutscht Dorothea aus und landet in Hermanns Armen. Obwohl sie bereits in seinen Armen liegt, zügelt sich Hermann und versucht nicht, sie zu küssen.

Happy End

Als die beiden endlich ankommen, staunen alle über Dorotheas Anmut und Schönheit. Hermann wendet sich schnell an den Pfarrer und erzählt ihm flüsternd, dass Dorothea noch nichts von der Brautwerbung wisse und dass die weisen Worte des Pfarrers diese unangenehme Situation zum Guten wenden sollen. Doch da hat sich der Vater bereits an Dorothea gewendet und sie als seine Schwiegertochter begrüßt. Sie fühlt sich verspottet und fragt den Vater, ob es sich für einen Edelmann gehöre, ein armes Mädchen mit Spott zu empfangen. Da nutzt der Pfarrer die Gelegenheit, um Dorothea zu prüfen. Er tadelt sie: Es gehöre zu den Tugenden der Magd, die Launen und Ungerechtigkeiten ihres Herrn zu ertragen. Da bricht Dorothea in Tränen aus: Der Spott des Vaters treffe sie, weil er Recht habe und sie tatsächlich etwas für Hermann empfinde. Sie könnte es nicht ertragen, wenn Hermann in Zukunft einmal eine andere zum Altar führen würde, und ist entschlossen, sofort ins Flüchtlingslager zurückzukehren.

„Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, / Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter; / Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. / Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung / Fortzuleiten (…)“ (S. 75)

Doch die Mutter hält sie fest und will sie als Schwiegertochter im Haus behalten. Dorothea entschuldigt sich beim Vater, verspricht, ihm wie eine Magd zu dienen. Als der Pfarrer die beiden unter den Freudentränen von Hermanns Eltern verlobt, bemerkt er den Ring an Dorotheas Finger. Sie erklärt, dass ihr Verlobter für die Revolution nach Paris gegangen und dort umgekommen sei. Er habe sich zuvor von ihr verabschiedet und ihr seinen Segen für die Zukunft gegeben. Umso fester, fügt Hermann hinzu, solle nun ihre Ehe halten und gegen alle Krisen verteidigt werden, um dem allgemeinen Chaos in der Welt etwas Dauerhaftes und Unzerstörbares entgegenzuhalten.

Zum Text

Aufbau und Stil

Hermann und Dorothea ist ein Epos in neun „Gesängen“. Der Titel eines jeden Gesangs ist aus dem Namen einer der klassischen Musen und einem kurzen Untertitel zusammengesetzt, der einen direkteren Bezug zum Textinhalt herstellt, etwa: „Vierter Gesang: Euterpe – Mutter und Sohn.“ Der gedichtete Text gibt hauptsächlich Dialoge der Hauptpersonen wieder, aber immer wieder auch moralische Beurteilungen ihrer Worte und Handlungen aus der Warte eines allwissenden Erzählers. Daneben gibt es einige ergänzende Beschreibungen, meist auf die Schönheit der Landschaft oder der Jahreszeit bezogen. Das Gedicht ist in Hexametern verfasst, dem Versmaß des antiken griechischen Epos. Im 18. Jahrhundert war der Hexameter bereits in die deutsche Dichtung übernommen worden, um 1800 jedoch war die Literaturtheorie besonders stark daran interessiert, den deutschen Hexameter so nah wie möglich an das antike Original anzunähern – angesichts der vielfältigen grammatischen, phonetischen und prosodischen Unterschiede zwischen dem Griechischen und dem Deutschen kein leichtes Unterfangen. Goethe stellt sich ganz klar in den Dienst einer solchen Aktualisierung des antiken Epos für die deutsche Sprache und Kultur: Während er an Hermann und Dorothea arbeitete, holte er immer wieder die kritische Meinung von Sprach- und Literaturwissenschaftlern ein, um das antike Metrum so gut wie möglich ins Deutsche zu überführen – wobei der Erfolg dieser Adaptation nach wie vor in den Literaturwissenschaften sehr umstritten ist. Stilistisch wird Hermann und Dorothea der Gattung des Idylls zugeordnet.

Interpretationsansätze

  • Goethe hat Hermann und Dorothea als Nationalepos konzipiert. In Abgrenzung zum revolutionären Nachbarn Frankreich, in der Bewunderung der Schönheit der rheinischen Landschaft und nicht zuletzt im Schlusswort zeichnet er das Ideal des gottesfürchtigen, heimatverbundenen und beständigen Deutschen.
  • Die Stellung des Bürgertums in Hermann und Dorothea hat äußerst widersprüchliche Interpretationen erfahren. Das 19. Jahrhundert las den Text als Lobgesang des unverrückbaren Bürgertums angesichts der Revolutionswirren, die neuere Forschung hingegen erkennt darin eher eine Parodie der bürgerlichen Denkungsart.
  • Das Motiv der kriegsbedingten Flucht basiert auf autobiografischen Erfahrungen Goethes. Er hatte 1792 am Krieg gegen das jakobinische Frankreich teilgenommen und die Flucht der linksrheinischen Deutschen miterlebt.
  • In Hermann und Dorothea unternimmt Goethe eine ambivalente Bewertung der Französischen Revolution. Dies wird darin deutlich, dass Dorothea den Ehering ihres Hermanns, der für Gottesfurcht und Beständigkeit steht, neben denjenigen ihres Verlobten steckt, der im Kampf für Freiheit und Gleichheit umgekommen ist.
  • Mit dem Hauptmotiv der Brautwerbung bezieht sich Goethe auf die mittelhochdeutsche Literaturtradition. In den großen Texten des deutschen Mittelalters wie dem Nibelungenlied, Kudrun oder Ortnit und Wolfdietrich nimmt die Brautwerbung stets eine zentrale Stellung ein.
  • Die Figur der Dorothea ist eine durchaus untypische Frauenrolle. Sie weist einige männliche Züge auf, etwa in der Geschichte ihrer gewaltsamen Verteidigung gegen Vergewaltigungsversuche durch französische Soldaten oder in ihrer Rolle als Beschützerin und Versorgerin der Wöchnerin während der Flucht.

Historischer Hintergrund

Die Koalitionskriege

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bebte ganz Europa unter den Folgen der Französischen Revolution von 1789. 1792 trat in Frankreich ein gewähltes Nationalkonvent um Georges Danton und Maximilien Robespierre an die Stelle der absolutistischen Monarchie, ein Jahr später wurde der abgesetzte König Ludwig XVI. hingerichtet. Die massiven politischen Umwälzungen wurden im gesamteuropäischen, weiterhin monarchistisch regierten Machtgefüge als zutiefst beunruhigend empfunden. Die folgenden Jahre sahen eine Vielzahl von Kriegshandlungen zwischen Frankreich und einem wechselnden Bündnis an Feinden, die sogenannten Koalitionskriege. Zunächst zogen 1792 Österreich und Preußen erfolglos gegen die eben gegründete Republik Frankreich, später auch Großbritannien, Spanien und die Niederlande. 1799 unternahm Österreich einen neuen Anlauf, diesmal im Bündnis mit Russland, Großbritannien, dem Osmanischen Reich, dem Königreich Neapel, Portugal und dem Vatikan. Mit diesem Zweiten Koalitionskrieg begann der Aufstieg des französischen Generals Napoleon Bonaparte. Dieser zeigte sich in einer Reihe siegreicher Schlachten als brillanter Feldherr. Ende 1799 putschte er sich an die Macht. 1804 gründete er das Erste Kaiserreich und setzte der Ersten Republik ein Ende. Die folgenden fünf Koalitionskriege bis 1815 werden als Napoleonische Kriege bezeichnet. Sie endeten mit der Verbannung Napoleons und der politischen Restauration Europas.

Entstehung

Vor seiner dritten Italienreise 1797, die tatsächlich jedoch nicht weiter führte als bis in die Schweiz, befand sich Goethe in einer für ihn untypischen düsteren Stimmung: Er hatte Angst, seine literarische Schaffenskraft könne nachlassen. Der unklare Status seiner Beziehung zu Christiane Vulpius sowie die räumliche Trennung von ihr belasteten ihn zusätzlich. In dieser Atmosphäre verfasste er, gleich nachdem er den Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre fertiggestellt hatte, das Versepos Hermann und Dorothea. Dieses markierte Goethes stilistische Wende hin zum Klassizismus. Den Stoff fand er in einer kurzen Anekdote von 1732 über Lutheraner, die aus dem Erzbistum Salzburg nach Bayern flohen. Den konkreten Anlass bildete jedoch eine gerade stattfindende Renaissance des Idylls als literarischer Gattung. Die Werke des Schweizers Salomon Gessner, die Ästhetik Friedrich Schillers und insbesondere die Luise des Homer-Übersetzers Johann Heinrich Voß von 1795 hatten dieser Gattung zu neuer Popularität verholfen. Auch Goethe hatte Luise in sich aufgesogen, die Hochzeitsszene hatte ihn zu Tränen gerührt. Nun wollte er sich dieser Gattung annehmen und womöglich Voß’ Erfolg überbieten. Die Inspiration kam ihm Mitte September 1796. Goethe befand sich zu dieser Zeit in Jena und plante, binnen eines Monats fertig zu werden. Er versetzte die alte Anekdote in die Gegenwart, konkret in den August 1796 zur Zeit des Ersten Koalitionskrieges. In der Beschreibung der Dorothea ließ er die Tugenden seiner Mutter und Christianes einfließen, Hermanns Eltern zeichnete er nach dem Vorbild seiner eigenen, und auch Hermanns Unglück darüber, dass die Eltern allerhand potenzielle Ehefrauen für ihn aussuchten, kannte Goethe aus eigener Erfahrung. In wenigen Tagen hatte er den Großteil der Verse geschrieben, doch so schnell, wie er geplant hatte, ging es dann doch nicht voran. Noch im Frühjahr 1797 feilte er an den Gesängen, im April fügte er die Titeleinteilung und ihre Überschriften ein und erst im Juni gelang ihm endlich der Schlussteil.

Wirkungsgeschichte

Hermann und Dorothea erschien im Oktober 1797 und wurde von den Zeitgenossen überschwänglich aufgenommen. Für Friedrich Schiller, Georg W. F. Hegel, August W. Schlegel und Wilhelm von Humboldt zählte das Epos nicht nur zum Größten, was Goethe je hervorgebracht hatte, sondern zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur überhaupt – in einer Reihe mit den großen Werken der Antike. Hermann und Dorothea löste aber auch eine kleine Kontroverse aus: Friedrich G. Klopstock, Johann W. L. Gleim und Schiller stritten sich, ob Goethes Idyll bloß eine schlechte Parodie der Luise von Voß war oder aber die endgültige Krönung des Genres. Vor allem wurde Hermann und Dorothea aber Goethes größter Publikumserfolg und entwickelte sich schnell zur Kultlektüre: Der Vater von Theodor Storm soll nur dieses eine Buch besessen haben und die Kinder von Felix Mendelssohn Bartholdy sollen es Wort für Wort auswendig gelernt haben. Es galt als moralische Erbauungsliteratur und vaterländischer Lobgesang. Im aufkommenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts nahm die Popularität dieses Textes sogar noch einmal zu. Hermann und Dorothea wurde zur verpflichtenden Schullektüre erhoben und in einer Vielzahl von kommentierten und um griechische oder lateinische Übersetzungen erweiterten Auflagen gedruckt. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts war es das Volksbuch des deutschen Bürgertums schlechthin, das gedruckte Ideal des heimatverbundenen, aufrichtigen und reinlichen Deutschen. Diese enge Verbindung mit dem politischen Konservatismus und Nationalismus geriet dem Buch in der Folge aber auch zum Nachteil: Es galt als spießig und unzeitgemäß und geriet mehr und mehr in Vergessenheit. Heute ist es nahezu ein Geheimtipp. 2016 wurde eine Adaptation des Werkes am Wiener Burgtheater aufgeführt. Die Inszenierung stellt den Bezug zur aktuellen Flüchtlingskrise her.

Über den Autor

Johann Wolfgang von Goethe wird am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren und wächst in einer gesellschaftlich angesehenen und wohlhabenden Familie auf. Nach dem Privatunterricht im Elternhaus nimmt der inzwischen 16-Jährige auf Wunsch seines Vaters ein Jurastudium in Leipzig auf, das er 1770 in Straßburg mit dem Lizenziat beendet. Dort macht er die Bekanntschaft von Johann Gottfried Herder und verfasst erste Gedichte. In Frankfurt eröffnet Goethe eine Kanzlei, widmet sich aber vermehrt seiner Dichtung. 1774 veröffentlicht er Die Leiden des jungen Werther; einige Dramen folgen. 1775 bittet ihn der Herzog Karl August nach Weimar; Goethe macht dort eine schnelle Karriere als Staatsbeamter. Nach zehn Jahren Pflichterfüllung am Hof reist er 1786 nach Italien. Diese „italienische Reise“ markiert einen Neuanfang für sein Werk. 1788 kehrt Goethe nach Weimar zurück und lernt Christiane Vulpius kennen, mit der er bis zur Heirat 1806 in „wilder Ehe“ zusammenlebt. Nach anfänglichen Differenzen freundet sich Goethe 1794 mit Friedrich Schiller an, in dessen Zeitschrift Die Horen Goethe mehrere Gedichte veröffentlicht. Die beiden Dichter verbindet fortan eine enge Freundschaft, auf der die Weimarer Klassik und ihr an der griechischen Antike orientiertes Welt- und Menschenbild aufbaut. Als „Universalgenie“ zeigt sich Goethe an vielen Wissenschaften interessiert: Er ist Maler, entwickelt eine Farbenlehre, stellt zoologische, mineralogische und botanische Forschungen an, wobei er die Theorie einer „Urpflanze“ entwickelt. 1796 erscheint der Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1808 das Drama Faust I und 1809 der Roman Die Wahlverwandtschaften. Ab 1811 arbeitet Goethe an seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit. Kurz vor seinem Tod vollendet er Faust II. Am 22. März 1832 stirbt Goethe im Alter von 83 Jahren in Weimar. Er gilt bis zum heutigen Tag als der wichtigste Dichter der deutschen Literatur. Seine lyrischen Werke, Dramen und Romane liegen als Übersetzungen in allen Weltsprachen vor.


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