Zusammenfassung von Hippolytos

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Hippolytos Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Tragödie
  • Griechische Antike

Worum es geht

Die Macht der Gefühle

Die Tragödie Hippolytos ist ein Meisterstück des Euripides, des wohl populärsten Dichters der Antike, und eines seiner meistgespielten Dramen. Das kurze, dichte Stück verarbeitet Profanes und Philosophisches, Fragen der Sexualität genauso wie der Moral und spannt einen Bogen zwischen widerstreitenden Ansprüchen der Begierde und der Vernunft, in dem sich auch heutige Leser mühelos wiederfinden können. Mit dieser Tragödie gewann Euripides 428 v. Chr. den Dichterwettkampf der Großen Dionysien, indem er pointiert und drastisch in Szene setzte, wie wenig Normen der Vernunft oder der Sittlichkeit gegen die Macht der Gefühle auszurichten vermögen.

Take-aways

  • Hippolytos ist eine der meistgespielten Tragödien des Euripides.
  • Inhalt: Die rachsüchtige Aphrodite lässt Phaidra sich in ihren Stiefsohn Hippolytos verlieben. Um dieser Begierde zu entkommen, begeht Phaidra Selbstmord und hinterlässt einen Brief, der Hippolytos beschuldigt, sie begehrt zu haben. Daraufhin verflucht ihn sein Vater Theseus und Hippolytos verunglückt. Als Artemis ihnen die Wahrheit offenbart, vergeben der Vater und der sterbende Sohn einander.
  • Euripides ist neben Aischylos und Sophokles einer der drei großen Dichter des antiken Griechenlands.
  • Er war der populärste Dramatiker in der griechischen und römischen Antike.
  • Sein Hippolytos belegte den ersten Platz bei den Großen Dionysien 428 v. Chr.
  • Eine erste Fassung von Hippolytos war sechs Jahre zuvor ein handfester Skandal, weil Phaidra ihr Begehren in dieser Version offen gegenüber Hippolytos aussprach.
  • Euripides arbeitete das Stück grundlegend um und gab ihm eine moralisch-religiöse Dimension.
  • Die Tragödie entstand während des Peloponnesischen Krieges, als Athen eine massive Krise durchlebte.
  • Das in Hippolytos zentrale Gefühl ist, von den Göttern verlassen und bloßer Spielball des Schicksals zu sein.
  • Zitat: „Kein Gott gefällt mir, dem des Nachts gehuldigt wird.“
 

Zusammenfassung

Hippolytos kränkt Aphrodite

Die Göttin Aphrodite macht keinen Hehl daraus: Die Huldigung durch die Menschen schmeichelt ihr – und die Verweigerung von Anerkennung macht sie zornig. Als Beispiel führt sie Hippolytos an, Sohn des Königs Theseus und einer Amazone, der es wagt, Aphrodite als die Schlechteste unter den Göttern zu bezeichnen und dagegen Artemis zu verehren. Das kann Aphrodite nicht ungesühnt lassen. Sie hat bereits bewirkt, dass die Frau des Theseus, Phaidra, sich unsterblich in Hippolytos verliebt. Doch noch weiß niemand außer ihr von Phaidras verbotenen Begierden. Aphrodite will, dass es sowohl Hippolytos als auch Theseus erfahren, damit der Vater seinen Sohn durch Flüche tötet – eine Macht, die ihm von seinem Vater Poseidon geschenkt wurde. Dass in diesem grausamen Plan auch Phaidra zugrunde gehen wird, nimmt Aphrodite für ihre Rache gern in Kauf.

„Ja, mächtig bei den Menschen und nicht unberühmt / bin ich, die Göttin, die man Kypris nennt, binʼs auch im Himmel; / von allen, welche zwischen Schwarzem Meer und Atlasʼ Grenzgebirge / ihr Leben fristen und das Licht der Sonne schauen, / acht’ hoch ich die, die ehrfurchtsvoll sich beugen meiner Macht, / bring aber die zu Fall, die stolz mir trotzen.“ (Aphrodite, S. 9)

Gerade kehrt Hippolytos mit einigen Gefährten von der Jagd zurück. Als er sich daranmacht, dem Standbild der Artemis ein Opfer zu bringen, fragt einer seiner Diener vorwurfsvoll, wieso Hippolytos für das ebenfalls anwesende Standbild der Aphrodite keinen Gruß übrig habe. Hippolytos verbirgt seine Geringschätzung für Aphrodite keine Sekunde: Für einen Anhänger der Keuschheit ist eine Göttin, die nur nachts gefeiert wird, nicht sonderlich achtenswert. Die Ermahnung seines Dieners, dass dennoch allen Göttern gleichermaßen zu huldigen sei, beachtet er nicht. Während der selbstbewusste Hippolytos mit seiner Gefolgschaft zum Festmahl aufbricht, bleibt der Diener zurück. Er bittet Aphrodite, sie möge den jugendlichen Übermut des Jünglings verzeihen – immerhin sollten Götter doch weiser sein als die Menschen.

Phaidras Geheimnis

Bei Hofe rätseln die Vertrauten der Königin Phaidra über ihren Gesundheitszustand. Sie ist betrübt und ruhelos, kraftlos und mager. Während sie sich auf ihrem Krankenlager wälzt, beschwört die Amme sie, ihr Schicksal mit Haltung zu tragen, schließlich sei alles menschliche Leben von Leid und Trübsal begleitet. Doch die Königin, die schon seit Tagen alle Nahrung zurückweist, scheint kein vernünftiges Argument zu berühren. Sie redet wirr und will in den Wald hinausstürzen und auf die Jagd gehen. Für die Amme bestätigt sich, dass ein Zuviel an Gefühlen zu anderen Menschen niemals Gutes bringt und dass das gute Leben nur in der Mäßigung der Affekte zu finden ist. Sie rätselt, was diesen völlig entrückten Zustand ihrer Herrin ausgelöst haben mag. Da Theseus auf einer Reise nach Delphi ist, fühlt sie sich für das Wohlergehen der Königin verantwortlich. Daher bedrängt sie Phaidra: Belasten sie etwa Sorgen um die Kinder oder eine verborgene Schandtat? Keines von beiden. Die Amme wird eindringlicher, doch Phaidra windet sich. Nur langsam kann sich die Amme durch Phaidras Andeutungen und Halbsätze vorwärts kämpfen. Als sie schließlich erfährt, dass Phaidra in Hippolytos verliebt ist, ist sie entsetzt. Ihr ist sofort klar, dass Aphrodite dahintersteckt.

„Kein Gott gefällt mir, dem des Nachts gehuldigt wird.“ (Hippolytos, S. 14)

Phaidra berichtet, dass sie nach langem Überlegen die Überzeugung erlangt hat, dass nicht alle Menschen sich freiwillig zum Schlechten entschließen. Alle Menschen kennen das Gute, aber äußere Umstände, innere Trägheit und stärkere Lüste bringen sie vom Weg der Tugend ab. Phaidra selbst wollte ihr unsittliches Verlangen zunächst verschweigen und mit entschiedener Standfestigkeit ertragen. Doch nun, da die unbezwingbaren Gefühle sie an den Rand des Wahnsinns getrieben haben, will sie den letzten sittsamen Ausweg gehen, der offen geblieben ist, um keine Schande über ihre Familie zu bringen: Selbstmord.

„Denn dies istʼs, was mich in den Tod treibt, liebe Frauen: / die Angst, einmal ertappt zu werden, Schande meinem Mann gemacht zu haben, / und meinen Söhnen, welche ich gebar; nein, frei, / mit Redefreiheit reich gesegnet, sollen sie Athen bewohnen, / die berühmte Stadt, und, was die Mutter angeht, voller Ruhm.“ (Phaidra, S. 32)

Da meldet sich die Amme zu Wort. Sie hat nachgedacht und der anfängliche Schrecken ist der Einsicht gewichen, dass Phaidra gar nichts für ihr Leiden kann: Sie ist nur ein unschuldiges Opfer göttlicher Rachsucht. Haben nicht auch die Götter begehrt und geliebt, oft gegen ihren Willen? Wenn selbst die Götter unglücklich verliebt sein können, sagt die Amme, so kann man doch Phaidra, einem Menschen, ein solches Schicksal wohl kaum vorwerfen.

„Ich aber werde Kypris, die mich ganz vernichten will, / noch heute, wenn ich aus dem Leben bin geschieden, / erfreun; des bittern Eros Opfer werd ich sein. / Doch Unglück werde ich auch einem andern bringen / durch meinen Tod, damit er lernt, dass er nicht stolz / herab auf meine Nöte sieht (…)“ (Phaidra, S. 48 f.)

Phaidra will von dieser Entschuldigungsrede nichts wissen, aber ihre Amme geht noch weiter: Sie fordert, dass man Hippolytos schnellstmöglich die Wahrheit erzählen müsse, um die Gesundheit und das Leben Phaidras zu retten. Das lehnt Phaidra rundheraus aus: Kein Wort dürfe Hippolytos jemals über die wahren Gefühle der Frau seines Vaters erfahren. Erst als die Amme vorgibt, ein Stück Haar oder Kleidung von Hippolytos holen zu wollen, um Phaidra mit einem Zaubermittel zu heilen, lässt Phaidra sie gehen.

Der Verrat der Amme

Ganz traut Phaidra ihrer Amme aber doch nicht. Sie schleicht ihr hinterher und lauscht an der Palasttür. Als sie die aufgeregten Rufe des Hippolytos vernimmt, erschrickt sie. Offenbar hat ihre Vertraute ihr etwas Gutes tun wollen und Hippolytos das Geheimnis offenbart. Doch der reagiert entrüstet. Vergeblich versucht die Amme ihn zu besänftigen, die Wut des Jünglings lässt sich nicht mehr bremsen. Er verflucht die Frauen als Grund allen Übels in der Welt. Sie seien unzüchtig und würden stets nur Böses ausbrüten und Verderben über ihre Mitmenschen bringen. Er schwört, die Stadt so lange zu verlassen, bis sein Vater heimkehrt.

„So aber schwör ich dir bei Zeus, dem Eidbeschützer, und dem Boden dieses Landes, / nie deine Ehefrau berührt, / nie es gewollt, ja nicht einmal daran gedacht zu haben!“ (Hippolytos zu Theseus, S. 64)

Phaidra sieht sich von ihrer einzigen Vertrauten betrogen und vor einer noch aussichtsloseren Lage als zuvor: Einerseits ist ihr Selbstmord nun unausweichlich, doch gleichzeitig kann er nun ihre Ehre gar nicht mehr wahren, denn ihre verbotene Liebe ist ja jetzt bekannt. Sie verflucht ihre falsche Freundin und schickt sie weg. Dass sie sterben muss, ist für Phaidra klar. Sie fragt sich nur, wie sie das am besten tun soll, sodass ihre Familie und ihr Geschlecht in Ehren gehalten werden – und ihr Selbstmord Hippolytos mit demselben Leid straft, das er eben noch verurteilt hat. Schließlich erhängt die Königin sich in ihrem Schlafgemach. Die Amme findet sie kurz darauf und löst sie vom Strick, doch sie kommt zu spät.

Phaidras Brief

König Theseus kehrt in den Palast zurück. Schnell erfährt er, dass seine Gattin soeben tot aufgefunden worden ist und eilt unter Tränen zu ihr. Er versucht den Grund für ihre schreckliche Tat zu erfahren, aber niemand kann ihm eine Antwort geben. In seiner Verzweiflung überlegt auch er, sich zu töten. Denn ohne seine geliebte Frau sieht er keine Zukunft mehr für sich. Da erblickt er eine kleine Schreibtafel in der leblosen Hand Phaidras. Er vermutet darin den letzten Willen seiner Frau, löst das Siegel und liest. Der Brief der Verstorbenen vergrößert sein Unglück: Taumel befällt ihn, als er liest, dass Hippolytos, sein Sohn, Phaidra begehrt und sie in des Königs Abwesenheit in ihrem Gemach bedrängt habe. Theseus stößt einen Fluch aus. Er löst einen der ihm von Poseidon geschenkten Wünsche ein und verlangt, dass Hippolytos entweder von Poseidon getötet werden oder zumindest für den Rest seines Lebens in Verbannung leben und heimatlos in der Fremde umherirren soll.

Theseus beschuldigt Hippolytos

Genau in diesem Augenblick tritt Hippolytos ein. Das laute Gejammer seines Vaters hat ihn herbeieilen lassen. Als er die tote Phaidra erblickt, fragt Hippolytos, was geschehen sei. Statt einer klaren Antwort erhält er von seinem Vater jedoch nur Andeutungen darüber, dass der menschliche Geist voller Listen und Dummheit sei und sich der Weisheit widersetze. Er fürchtet, sein Vater habe vor Trauer den Verstand verloren. Theseus beklagt, dass es den Menschen unmöglich sei, den wahren Freund vom falschen, den Aufrichtigen vom Lügner zu unterscheiden. Hippolytos ist erschüttert. Offenbar hat ihn jemand bei Theseus verleumdet. Da schießt es aus Theseus heraus: Er, der selbstgerechte Hippolytos, sein eigener Sohn, sei ein übler Heuchler, der nach außen hin brav tue, während er insgeheim die abgründigsten Schandtaten aushecke. Für Theseus ist die Sache klar: Hippolytos hat sich von Phaidra und ihren Kindern bedroht gefühlt, da er lediglich ein Bastard ist. Außerdem kann er sich, da er noch ein junger Mann ist, sexuellen Begierden, auch wenn sie unanständig sind, nicht widersetzen. Theseus wiederholt seinen Fluch und verbannt Hippolytos für immer aus Athen.

„Doch welche Angst sie trieb, ihr Leben auszulöschen, / das weiß ich nicht; denn mehr zu sagen, ist mir nicht erlaubt; / gehandelt hat sie tugendhaft, weil ihr die Kraft zur Tugend fehlte, / ich aber, der sie hatte, setzte sie nicht richtig ein.“ (Hippolytos über Phaidra, S. 65)

Sein Sohn legt jedoch entschieden Widerspruch ein: Bis zur gegenwärtigen Stunde lebe er ein vollkommen tugendhaftes Leben. Hippolytos beteuert, jeden Freund zu ehren, höchst gottesfürchtig zu leben und nach wie vor Jungfrau zu sein. Dass er Phaidra begehrt und missbraucht haben soll, würde bedeuten, dass sie schöner und anziehender als alle anderen Frauen Griechenlands gewesen sei – und das weist Hippolytos zurück. Auch der Verdacht, er habe aus purer Machtgier die Königin ermordet, ziele ins Leere, denn er habe überhaupt kein Interesse an der Staatsführung. Er schwört, dass er Phaidra weder angerührt noch jemals Begehren ihr gegenüber empfunden hat. Über die wahren Gründe ihrer Tat könne er nichts sagen – er deutet aber an, dass ein nicht tugendhaftes Verlangen der Grund sei. Hippolytos wirft Theseus vor, ungerecht zu handeln, indem er ihn ohne Gericht oder Beweis in die Verbannung schicke. Doch Theseus lässt nicht mit sich verhandeln. Er ist von der Schuld des Sohnes überzeugt und bleibt bei seinem Urteil.

Der Tod des Hippolytos

Kurz darauf trifft ein Diener des Hippolytos ein. Er verkündet Theseus, dass Hippolytos soeben mit seinem Vierspänner verunglückt ist. Mit seinen verbliebenen Freunden und Anhängern ist Hippolytos am Meer entlanggeritten, als plötzlich ein markerschütterndes Donnergrollen anhob und die Gefährten eine riesige Welle heranrollen sahen. Aus der übergroßen Brandung sprang ein monströser Stier, dessen Gebrüll alle Männer in Schrecken versetzte und die Pferde scheu machte. Panisch stürzten die Tiere davon und verließen den Weg, sodass eines der Wagenräder an einem Felsen zerbrach. Hippolytos, der sich bis dahin tapfer am Wagen festgehalten hatte, stürzte ab und verhedderte sich in den Zügeln. Die wild gewordenen Pferde schleiften ihn durch ein steiniges Riff, bis er sich aus den Riemen befreien konnte und schwer verstümmelt liegen blieb. Noch war aber das Leben nicht ganz aus dem geschundenen Körper entwichen.

„Wieso nur, unseliger Theseus, magst du dich freuen darüber, / frevelhaft getötet zu haben den eigenen Sohn, / den Trugworten deiner Gattin vertrauend / aufs Unklare hin?“ (Artemis, S. 79)

Nach dieser Kunde erscheint Theseus zunächst betroffen. Als der Bote fragt, was mit dem Sterbenden zu tun sei, gebietet er, man möge seinen Sohn herbeischaffen, damit er über ihn richten könne. Während er auf dessen Ankunft wartet, erscheint ihm Artemis und rechnet mit Theseus ab: Auf Lügen und seine eigene Dummheit sei er hereingefallen und habe seinen tadellosen Sohn kaltblütig ermorden lassen. Artemis klärt Theseus auf, was tatsächlich in seiner Abwesenheit vorgefallen ist. Schuld seien Aphrodite, die Phaidra verzaubert habe, die Königin selbst, weil sie durch ihre Lüge den Tod des Hippolytos veranlasst habe, und schließlich Theseus, der in blinder Wut seinen eigenen Sohn getötet habe, ohne Beweise oder Orakelsprüche abzuwarten. Gleichzeitig stellt Artemis dem gebrochenen König Vergebung in Aussicht; er sei ja auch Opfer der grausamen Machenschaften der Aphrodite geworden.

„Gemeinsames Leid, es traf alle Bürger / wider Erwarten. / Viele Tränen werden entquellen; / denn die beklagenswerten Geschichten vom Schicksal der Großen / ergreifen tiefer die Herzen.“ (der Chor, S. 88 f.)

Der sterbende Hippolytos wird von seinen Dienern vor Theseus aufgebahrt und beklagt sein Unglück. Die Anwesenheit der Artemis schenkt ihm etwas Trost, auch, dass er nun erfährt, dass Aphrodite hinter seinem ungerechten Schicksal steckt. Hippolytos erklärt, Mitleid mit seinem Vater zu haben. Theseus bricht in Tränen aus und würde am liebsten sich selbst opfern, um das Leben seines Sohnes zu retten. Artemis verkündet, dass sie sich für das grausame Spiel der Aphrodite rächen werde, indem sie einen der besten Anhänger der Liebesgöttin in den Tod führen werde. Bevor er stirbt, befolgt Hippolytos den Rat der Artemis und verzeiht seinem Vater. Theseus und ganz Athen bleiben in Trauer zurück.

Zum Text

Aufbau und Stil

Euripides gehört neben Aischylos und Sophokles zu den drei großen klassischen Dramatikern des antiken Griechenlands. Obwohl sie für Festanlässe auch Komödien schreiben mussten, bemaß sich die Meisterschaft der Dichter stets an ihren Tragödien. Der Inhalt war dabei durch überlieferte Mythen und Fabeln stark vorgegeben und eingeschränkt. Die Kunst des Dramatikers bestand darin, die bestehenden Stoffe neu zu interpretieren, bestimmte Konflikte zu akzentuieren oder bisher vernachlässigte Motivationen der Protagonisten in den Vordergrund zu rücken. Die Tragödie dürfte ursprünglich stets Gesang, mimische Darbietungen und Masken beinhaltet haben. Die athenischen Dichter dramatisierten diese Tragödienform ab der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts v. Chr., indem sie dem bloß rezitierenden Chor zunächst einen, später zwei und drei Schauspieler an die Seite stellten. Das athenische Drama beinhaltete kaum Bühnenrequisiten und war, da die Schauspieler Masken trugen, wesentlich auf die melodiöse Wiedergabe des Textes angewiesen, um Effekte beim Publikum zu erzielen. Euripides galt als wahrer Virtuose beim kreativen Einsatz dieser Wirkungen. Diese stilistische Brillanz ist für uns allerdings kaum mehr nachvollziehbar, da die altgriechischen Betonungen und die daraus resultierende Rhythmik und Musikalität des Textes im Deutschen nicht wiedergegeben werden können.

Interpretationsansätze

  • Das religiös-moralische Problem der Beziehung zwischen Menschen und Göttern steht im Zentrum der Tragödie Hippolytos. Prolog und Epilog der Tragödie widmen sich diesem Problem. Die Götter verhalten sich – aus Sicht der Menschen – teilweise unmoralisch und stürzen so die Menschen ins Unglück, die aber gleichwohl verpflichtet sind, die Götter zu verehren.
  • Seine entschieden pessimistische Theologie unterscheidet Euripides von den übrigen klassischen griechischen Dichtern. Der Mensch ist bei ihm ein bloßer Spielball der Götter, sodass selbst ein rechtschaffenes Leben wie das von Phaidra oder Hippolytos nicht davor schützt, von den Göttern ins Unglück gestürzt zu werden.
  • Ein tragisches Element bildet in Hippolytos das ungerechte Schicksal. Ein tadelloses Leben schützt nicht vor göttlicher Rache und selbst die gut gemeinten Handlungen der Protagonisten bewirken im Regelfall das Gegenteil des Gewollten.
  • Die alle Vernunft und Kultiviertheit überwältigende Macht der Gefühle stellt ein weiteres Moment des Tragischen dar. Sowohl Theseus, das Sinnbild politischer Weisheit und Besonnenheit, als auch Phaidra, die sich ernsthaft um Sittlichkeit und Treue bemüht, werden von heftigen Gefühlen überwältigt.
  • Ein wichtiges Thema in Hippolytos ist das männliche Erwachsenwerden. Das sexuelle Begehren einer älteren Frau stellt den jungen Mann Hippolytos auf die Probe, und erst nachdem er diese Herausforderung besteht und alle Weiblichkeit zurückweist, erhält er die Anerkennung seines Vaters.

Historischer Hintergrund

Der Peloponnesische Krieg

Für den griechischen Stadtstaat Athen war der Peloponnesische Krieg zwischen 431 v. Chr. und 404 v. Chr. eine massive Krisenerfahrung. Zusammen mit griechischen Inseln und einigen Kolonien Kleinasiens stand Athen im Attischen Seebund dem Peloponnesischen Bund der Stadtstaaten des griechischen Festlands unter der Führung von Sparta gegenüber. Von außen war Athen so einer permanenten akuten Bedrohung ausgesetzt, und auch im Inneren kam es zu Spannungen, die sich etwa 411 in einem Staatsstreich entluden, der die Demokratie durch eine Oligarchenherrschaft ersetzte, die sich allerdings nur ein Jahr lang halten konnte.

Diese Ereignisse lösten im kulturellen Leben Athens eine Reihe von Sinnkrisen, Zweifeln und Ängsten aus. Das Gefühl angesichts dieser Wirren, von den Göttern verlassen worden zu sein, war in allen Dramen dieser Zeit präsent. Sie vergleichen die Schwere dieser Krise immer wieder mit derjenigen des Trojanischen Krieges, und sie dürfte tatsächlich zu einem entscheidenden Kulturumbruch beigetragen haben: In dieser Zeit begann eine wissenschaftlich-kritische Hinterfragung von mythisch verbrieften Selbstverständlichkeiten. Durch das Werk Der Peloponnesische Krieg von Thukydides entstand die Idee einer objektiven Geschichtswissenschaft und die skeptischen Fragen des Sokrates, was das moralisch Gute und politisch Gebotene seien, begründeten die westliche Philosophie.

Entstehung

Hippolytos ist eine der wenigen Tragödien des Euripides, die vollständig überliefert wurden und exakt datierbar sind. Im antiken Athen wurden Tragödien und Komödien nur an zwei jährlich stattfindenden mehrtägigen Festen zu Ehren des Gottes Dionysos aufgeführt. Das wichtigere der beiden Feste, die Großen Dionysien, fand im März oder April statt und hatte den Charakter eines Wettkampfes. Aus zahlreichen Bewerbern wurden drei Dichter ausgewählt, die über die Festtage ein Gesamtpaket aus drei Tragödien und einem Satyrspiel aufführen durften. Ein zehnköpfiges Expertengremium kürte dann einen Sieger. Euripides nahm häufig an den Großen Dionysien teil, gewann aber nur viermal. Einen dieser Siege errang er im Jahr 428 v. Chr. mit der Tragödie Hippolytos.

Dabei war die erste Fassung des Stücks, die Euripides sechs Jahre zuvor ins Rennen geschickt hatte, ein handfester Skandal gewesen. In dieser, nicht überlieferten, Version des Hippolytos hielt Phaidra ihr Begehren nach Hippolytos nicht im Zaum und gestand dem Jüngling auf offener Bühne ihre Liebe. Die moralische Empörung des Publikums über diesen Tabubruch veranlasste Euripides dazu, das Stück umzuschreiben und Phaidra ein viel sittlicheres und keuscheres Verhalten anzudichten. Der Erfolg bei Publikum und Jury gab ihm recht. 

Wirkungsgeschichte

Euripides war derjenige Dramatiker, der den Deus ex machina einführte, eine Bühnenmaschine, mit deren Hilfe das Auftreten einer Gottheit dargestellt wurde. Seine eher moderne Einstellung sowohl zu inhaltlichen wie auch zu formalen Aspekten des Dramas brachte ihm zu Lebzeiten Kritik ein. Doch kein Geringerer als Aristoteles ehrte ihn als Paradigma des Dramatikers. Von den angeblich über 90 Werken des Euripides sind nur 19 erhalten geblieben – und auch diese wenigen Überlieferungen verdanken sich einigen glücklichen Umständen. Zunächst der Tatsache, dass die Stadt Athen kurz nach Euripides Tod im Jahr 386 v. Chr. zuließ, dass Tragödien überhaupt ein zweites Mal wiederaufgeführt werden durften. Davor war es nämlich verboten, ein bereits aufgeführtes Stück nochmals bei den Dionysosfesten einzureichen. Von dieser Legalisierung der Wiederaufführung hat Euripides besonders profitiert: Er wurde bereits im vierten Jahrhundert v. Chr. einer der populärsten und meistgespielten Dichter Athens.

Doch die Praxis der Wiederaufführung bedeutete auch, dass Stücke permanent umgeschrieben und neu adaptiert wurden. So wären uns heute zwar die Inhalte der Stücke, aber nicht mehr der Originaltext überliefert, wenn nicht der Politiker Lykurgos für die drei klassischen Tragödiendichter offizielle und verbindliche Textfassungen in Auftrag gegeben hätte. Auch die hellenistischen Gelehrten in Alexandria setzten viel Energie ein, um unter zahlreichen kursierenden Versionen der Stücke die Originalfassungen zu restaurieren.

Der mythische Stoff um Hippolytos hat in seiner Bearbeitung durch Euripides eine weitläufige Wirkung in der europäischen Kulturgeschichte hinterlassen. Nicht nur in Griechenland, auch in Rom erfreute sich Euripides großer Beliebtheit. Ovid und Seneca nahmen den Stoff des Hippolytos wiederholt auf. Die Bearbeitung durch Jean Racine, Phädra von 1677, bildet einen Höhepunkt der Literatur der französischen Klassik und wurde von Friedrich Schiller ins Deutsche übersetzt. Im 20. Jahrhundert griffen etwa die US-amerikanischen Dichter Robinson Jeffers und Robert Lowell den Stoff um Hippolytos auf. Die meisten der Nachdichtungen stehen allerdings der nicht überlieferten ersten Version des Hippolytos näher, da sie sich auf den sexuellen Handlungsstrang konzentrieren und die moralisch-religiöse Komponente vernachlässigen.

Über den Autor

Euripides zählt neben Aischylos und Sophokles zu den drei großen Tragödiendichtern der griechischen Antike. Über sein Leben sind nur wenige Details bekannt. Die spärlichen biografischen Informationen, die uns heute noch vorliegen, verdanken wir zum Teil den Komödien des Aristophanes, der sich in seinen Stücken über den etwas älteren Zeitgenossen lustig machte. Euripides wird um 480 v. Chr. als Sohn eines Gutsbesitzers geboren und verbringt seine Jugend auf der Insel Salamis, auf der das Landgut seiner Eltern liegt. Der Überlieferung zufolge verfasst er hier in einer Höhle seine Dichtungen. Seine Ausbildung absolviert Euripides in Athen. Hier trifft er auf die berühmten Denker seiner Zeit: Anaxagoras, Archelaos und auch Sokrates zählen angeblich zu seinen Lehrern. Zunächst studiert Euripides auf Wunsch des Vaters Gymnastik, um sich dann der Tragödiendichtung zuzuwenden. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Sophokles und Aischylos gilt Euripides als ungeselliger Einzelgänger, der sich aus den politischen und militärischen Fragen der Stadt heraushält. Er heiratet zweimal und wird Vater von drei Kindern. Euripides verfasst etwa 90 Dramen, von denen jedoch nur 19 überliefert sind. Bei vier Dramen ist unklar, ob sie von ihm selbst oder von Euripides dem Jüngeren (seinem Sohn oder Neffen) stammen. Seine bekanntesten Werke sind die Bakchen, Elektra, Iphigenie in Aulis, Iphigenie bei den Taurern und Medea. Euripides nimmt regelmäßig am Wettbewerb der Dichter teil, gewinnt aber nur vier Mal. Der mangelnde Erfolg ist wohl einer der Gründe, warum Euripides im hohen Alter einen Neuanfang wagt: Ab 408 v. Chr. wendet er Athen den Rücken, um sich in Pella am Hof des makedonischen Königs Archelaos niederzulassen. 406 v. Chr. stirbt Euripides.


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