Zusammenfassung von Historien

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Historien Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Geschichte
  • Römische Antike

Worum es geht

Bürgerkrieg in Rom

„Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“ – das berühmte Mao-Zitat fasst recht gut zusammen, worum es in Tacitus’ Historien geht, natürlich mit dem Unterschied, dass es zu Tacitus’ Zeiten noch keine Gewehre gab. Damals waren Schwert und Speer die Hauptwaffen der Legionäre, und in den Palästen wurde der berühmte Dolch im Gewande getragen. Krieg, Mord und Totschlag waren neben Lug und Trug gängige Mittel zum Machtgewinn und -erhalt. Die Historien schildern die Bürgerkriege in der Zeit nach Neros Tod, der Übergangszeit zwischen der julisch-claudischen und der flavischen Kaiserdynastie. Tacitus beschreibt den blutigen Weg mehrerer Kaiser zur Macht: Galba, Otho, Vitellius, Vespasian, Titus und Domitian. Das liest sich so detailreich und trocken, wie es heute eine mehrhundertseitige Zusammenstellung tagespolitischer Meldungen wäre. Es entsteht ein düsteres Bild einer verkommenen Epoche voller Ehrgeiz, Habgier und einer durch und durch korrumpierten Gesellschaft ohne Ideale und Würde. Dies entspricht Tacitus’ pessimistischer Weltsicht, der ein Anhänger der altrömischen Republik war. Seine Historien sind eines der bedeutendsten römischen Geschichtswerke.

Take-aways

  • Mit den Historien schuf Tacitus eines der bedeutendsten römischen Geschichtswerke.
  • Inhalt: Nach Neros Tod usurpieren innerhalb eines Jahres nacheinander drei Gewaltherrscher den Kaiserthron. Jedes Mal ist der Blutzoll hoch. Rom befindet sich permanent im Bürgerkrieg. Im Norden wird das Reich zudem vom Aufstand der Germanen bedroht. Erst Kaiser Vespasian kann die Lage stabilisieren.
  • Die Historien sind ein mehrbändiges Werk über die gesamte Regierungszeit der Flavier. Doch nur die ersten viereinhalb Bände sind erhalten.
  • Die Historien gelten als Grundlagenwerk einer um Objektivität bemühten Geschichtsschreibung.
  • Allerdings kann Tacitus seinen Anspruch auf Objektivität nicht durchgehend erfüllen.
  • Tacitus’ Bücher sind stilistische Meisterwerke der lateinischen Klassik.
  • Tacitus hatte selbst hohe Regierungsämter unter den flavischen Kaisern inne.
  • Als republikanisch gesinnter Aristokrat betrachtete er die Kaiserzeit sehr skeptisch.
  • Wegen dieser kritischen Haltung wurden seine Werke in der Antike kaum beachtet.
  • Zitat: „Wer sich freilich zu dem Grundsatz unbestechlicher Wahrhaftigkeit bekennt, darf niemandem gegenüber mit besonderer Vorliebe verfahren, muss sich auch von Gehässigkeit freihalten.“
 

Zusammenfassung

Neros erster Nachfolger: Galba

Nach dem Tod Kaiser Neros war die Freude in Rom groß. Der vorher schon zum Kaiser ausgerufene, altersschwache Galba fand allerdings mangels Freigebigkeit nicht viel Anklang bei den Legionären und beim Volk. Gleich bei seinem Einzug in Rom wurden etliche potenzielle Gegner ermordet. Galba schickte Vitellius als Konsularlegaten nach Niedergermanien, damit er die dortigen Legionen führe. Im Osten des Reiches war es vergleichsweise ruhig. Hier bekämpfte nur General Vespasian den Aufstand der Juden. Er schickte seinen Sohn Titus zum neuen Kaiser nach Rom, um diesem zu huldigen. Indessen verlangten die obergermanischen Legionen einen neuen Kaiser. Wegen seines hohen Alters musste der kinderlose Galba in der Tat seine Nachfolge regeln. Zur Auswahl standen Otho, ein Günstling Neros, und der Adlige Piso Licinianus. Galba adoptierte Piso.

Neros zweiter Nachfolger: Otho

Otho zettelte daraufhin eine Verschwörung an und ließ sich vier Tage später als Kaiser ausrufen. Es kam zu Tumulten in der Stadt; Galba wurde von Soldaten ermordet und Piso wurde am Eingang zum Tempel der Vesta erschlagen, wo er Zuflucht gesucht hatte. Ihre Köpfe wurden auf Stangen umhergetragen. Auch andere fielen dem rasenden Mob zum Opfer. Die Überlebenden unterwarfen sich Otho.

Neros dritter Nachfolger: Vitellius

Schon bei der Vereidigung auf Galba hatten die Legionen in Germanien gemeutert. Der aus der Senatorenaristokratie stammende Vitellius nutzte die Gelegenheit und ließ sich in Köln zum Imperator ausrufen. Missliebige Zenturionen ließ er sofort hinrichten, und durch Gefälligkeiten verbreiterte er seine Machtbasis in den nordwestlichen Provinzen, auch bei den dortigen Verbündeten. Über den Bataverfürsten Julius Civilis hielt er seine schützende Hand. Entgegen den Erwartungen seiner Truppen ruhte sich Vitellius zunächst auf dem Erreichten aus, blieb in Gallien und ließ es sich bei reichlich Speis und Trank gut gehen.

Der Krieg zwischen Otho und Vitellius

Die Legionen in Illyrien, Dalmatien, Pannonien und Mösien gelobten Otho Loyalität. Die Generäle Vespasian in Judäa und Mucian in Syrien schworen ihre Truppen ebenfalls auf ihn ein. Durch Ämtervergabe sicherte Otho seine Macht in Rom und in den Provinzen ab. Dennoch wurde eine militärische Auseinandersetzung zwischen Vitellius und ihm unvermeidlich. Otho marschierte nach Norditalien und traf dort auf die von den rivalisierenden Feldherren Cäcina und Valens geführten, stark mit Germanen durchsetzten Truppen Vitellius’. Das Schlachtenglück schwankte hin und her. Nach der Niederlage in der Entscheidungsschlacht bei Bedriacum beendete Otho den Bürgerkrieg, weil er ihn für sinnlos hielt, und nahm sich durch einen Dolchstoß ins Herz das Leben.

Die Regentschaft des Vitellius

In Rom wurde der Ausgang der Schlacht von Bedriacum freudig begrüßt. Die in Rom stationierten Truppen wurden auf Vitellius vereidigt, der sich nun beeilte, in die Hauptstadt zu kommen. Seine Soldateska raubte und plünderte bei ihrem Durchzug. In der allgemeinen Anarchie brachten auch viele Zivilisten ihre persönlichen Feinde um. Überall im Reich wurden auf diese Weise alte Rechnungen beglichen. Vitellius kümmerte das nicht. Noch in Lyon ließ er im Beisein seiner siegreichen Feldherren Cäcina und Valens das Heer seinem minderjährigen Sohn als seinem Nachfolger huldigen. Dann wurden Othos beste Offiziere hingerichtet, was aber von den Legionen in Illyrien und im Osten missbilligt wurde. Auf seinem langsamen Weg nach Rom mit einem riesigen Tross wurde ganz Italien Zeuge von Vitellius’ hemmungsloser Genuss- und Verschwendungssucht. Sein Einzug in Rom war von unheilvollen Vorzeichen überschattet. Vitellius gab Unsummen für Zirkusspiele aus. Da aber dadurch das Geld für die Besoldung des riesigen, nun in Rom lagernden Heeres fehlte, ließ er den Soldaten, hauptsächlich Germanen und Gallier, in jeder Hinsicht ihren Willen.

Krieg zwischen Vitellius und Vespasian

Angesichts der Zustände in Rom redete im Osten des Reiches Mucian Vespasian zu, sich zum Imperator ausrufen zu lassen und Vitellius vom Thron zu vertreiben. So geschah es: Vespasian wurde in Alexandria durch den Präfekten von Ägypten, Tiberius Alexander, zum Imperator ausgerufen und in allen Provinzen im Osten rasch anerkannt. Mucian übernahm es, den Sturz von Vitellius militärisch durchzuführen, und segelte und marschierte Richtung Italien. Die Legionen in Illyrien unterstützten Vespasian und Mucian. Vitellius schickte Mucian seinen Heerführer Cäcina entgegen, der mit dem undisziplinierten gallisch-germanischen Heer nach Cremona marschierte. Cäcina setzte sich nach Ravenna ab und verhandelte von dort aus mit Mucian, der sich in Verona einquartiert hatte. Doch die germanischen und gallischen Soldaten wollten den Verrat nicht mitmachen und nahmen Cäcina gefangen. In der anschließenden sehr blutigen zweiten Schlacht von Bedriacum wurde die Partei des Vitellius besiegt. Cremona, der Hauptstützpunkt der Truppen des Vitellius, wurde von den Soldaten Vespasians restlos geplündert und niedergebrannt.

Untergang des Vitellius

In Rom versuchte Vespasians älterer Bruder, Titus Flavius Sabinus, Vitellius zum Amtsverzicht zu bewegen. Doch wegen Drohungen der zügellosen Soldateska musste er sich auf dem Kapitol verschanzen. Es gelang den Vitellianern, das Kapitol zu erstürmen und es in Brand zu stecken. Es brannte gänzlich nieder. Sabinus wurde gefangen, zu Vitellius gebracht und vor dessen Augen vom Pöbel regelrecht abgeschlachtet. Der ebenfalls auf dem Kapitol anwesende Sohn des Vespasian, Domitian, konnte sich verstecken und überlebte. Nach diesem Ereignis gaben die Vespasianer jegliche Hoffnung und Bereitschaft zu einer gütlichen Machtübergabe auf. Sie drangen in die Stadt ein, und es entbrannte ein veritabler Kampf um Rom. Vitellius wurde im leeren Kaiserpalast aufgegriffen, gefesselt, zu der Stelle auf dem Forum geschleppt, wo kurz zuvor Sabinus ermordet worden war, und nun seinerseits vorgeführt und getötet. Nun wagte sich Domitian hervor und übernahm im Namen seines Vaters die Regierungsgeschäfte, die aber tatsächlich von einigen Vertrauten Vespasians, vor allem von Mucian, geführt wurden.

Der Aufstand der Bataver

Der germanische Stamm der Bataver siedelte im Mündungsgebiet des Rheins. Sie waren geschätzte Bundesgenossen der Römer, denen sie Mannschaften und Waffen stellen mussten. Ihre beiden Anführer, Julius Civilis und sein Bruder Claudius Paulus, waren von den Römern fälschlich der Rebellion beschuldigt worden. Paulus wurde hingerichtet, der einäugige Civilis in Ketten nach Rom gebracht. Von Galba freigelassen, unter Vitellius wieder angeklagt, schützte er nun Freundschaft zu Vespasians Partei vor.

„Wer sich freilich zu dem Grundsatz unbestechlicher Wahrhaftigkeit bekennt, darf niemandem gegenüber mit besonderer Vorliebe verfahren, muss sich auch von Gehässigkeit freihalten.“ (S. 7)

Zurück in der Heimat plante der kluge und tüchtige Civilis jedoch in Wirklichkeit den Abfall seines Volkes von Rom. Eine Aushebung von batavischen Mannschaften für die Römer unter Vitellius gab den Anlass: Zuerst wurden nur ältere Männer zum Schein ausgehoben, denen man dann anbot, sich loszukaufen; danach wurden vor allem schlanke batavische Jünglinge „zu unzüchtigen Zwecken“ weggeführt. Nach dieser römischen Art der Mannschaftsaushebung fiel es Civilis leicht, die Vornehmen seines Stammes zu einer Rebellion aufzuwiegeln. Das geschah noch vor der Schlacht von Cremona. Der Aufstand begann mit dem Überfall auf ein römisches Winterlager in Küstennähe, der die dortige Besatzung völlig unvorbereitet traf. Den übrigen Germanen galten die Bataver nun rasch als Freiheitshelden, und sie eilten zur Unterstützung herbei. Civilis versuchte, auch die tributpflichtigen Gallier zum Aufstand gegen Rom anzustacheln. Er rief ihnen zu diesem Zweck die denkwürdige Niederlage, die die Germanen Varus beigebracht hatten, ins Gedächtnis, hatte also wohl selbst die Königsherrschaft über Gallien und Germanien im Auge.

„Überdies stand Vespasian noch in zweideutigem Ruf; er ist aber unter allen seinen Vorgängern auf dem Thron der einzige, der sich zu seinem Vorteil verändert hat.“ (S. 71)

Die Römer reagierten unentschlossen, sodass Civilis bis nach Bonn und Köln vordringen konnte; sie zogen sich nach Xanten zurück. Ihr General Dillius Vocula versuchte, von Neuß aus die Lage für die Römer zu stabilisieren. Ständig schwankte die Loyalität seiner Legionen zwischen Vitellius und Vespasian und die seiner gallischen Hilfstruppen zwischen Rom und den Batavern. Civilis gewann unterdessen bei den Germanen immer mehr Unterstützung. Die romtreuen Ubier wurden vernichtet. Eine Schlacht zwischen Vocula und Civilis artete in ein Gemetzel aus und endete unentschieden, brachte aber die Römer in Bedrängnis. Vocula konnte, als Sklave verkleidet, knapp entkommen.

„Und wie es so geht, wenn alles zum Argwohn neigt: Während Otho in Furcht schwebte, hatte man Furcht vor ihm selber.“ (S. 111)

Angesichts der Loyalitätsschwankungen der römischen Mannschaften gelang es Vocula erst nach einiger Zeit, einige Legionen wieder auf Vespasian zu vereidigen. Als die Nachricht von Vitellius’ Tod dessen Legionen erreichte, liefen sie zu dem Bataverfürsten Civilis über, da sie Vespasian nicht als Kaiser haben wollten. Nachdem das römische Kapitol durch Feuer zerstört worden war, glaubten auch die Gallier, dass die Römer von den Göttern verlassen worden waren und dass ihr Ende bevorstehen müsse. In Köln verschworen sich einige ihrer Anführer angesichts der vermeintlichen Schwäche Roms zu einer Unabhängigkeitsbewegung, darunter auch Römer unter der Führung des Batavers Julius Classicus.

„Am folgenden Tag ließ Vocula die Rädelsführer hinrichten. So schroffe Gegensätze gab es damals im Heer: heute Unbotmäßigkeit, morgen Unterwürfigkeit.“ (S. 415)

Vocula versuchte mit einer bewegenden Ansprache das Überlaufen seiner eigenen Leute zu verhindern, wurde aber auf Betreiben des Classicus von einem Meuchelmörder getötet. Classicus wurde so neben Civilis zum zweiten Kopf des Aufstands und vereidigte in Neuß seine Truppen auf ein „gallisches Reich“. Die Römer gaben Bonn und Neuß auf und zogen ab. Civilis und Classicus überlegten, ob sie ihren Leuten Köln zur Plünderung freigeben sollten, nahmen aber schließlich davon Abstand. Stattdessen kam es zu einem Bündnis zwischen dem reichen Köln und Civilis, was diesen noch mächtiger machte. Er begann nun mit der Unterwerfung Nordgalliens.

Beginn der flavischen Regierung in Rom

In Rom hatten unterdessen Domitian und Mucian die Regierungsgeschäfte in die Hand genommen und mit der Reorganisation des Staates begonnen. Im Senat wurde die Vergangenheit unter Nero aufgearbeitet, außerdem wurde die Veteranenversorgung geregelt. Dann wandte sich Mucian der für die Römer inzwischen bedenklich gewordenen Lage in Gallien zu. Petilius Cerialis, ein Verwandter Vespasians, wurde losgeschickt, um das militärische Kommando zu übernehmen. Er rückte von Mainz aus Richtung Trier vor. Eine Vorhut der Abtrünnigen hatte sich bei Riol an der Mosel verschanzt. Sie wurde von Cerialis besiegt. Trier blieb von der Plünderung durch die Römer verschont. Cerialis hielt eine Ansprache, in der er die römische Staatsräson gegenüber den unterworfenen Völkern darlegte: Die römische Herrschaft diene überall nur dem Schutz des Friedens und einer zivilisierten Ordnung; andernfalls drohten Unfrieden und Barbarei. Dann griffen Civilis und Classicus mit ihrer Hauptstreitmacht Cerialis bei der Moselbrücke bei Trier an. Die Römer wurden zunächst überrumpelt, siegten aber mit Glück schließlich doch.

„Dort bei den Juden ist alles unheilig, was bei uns heilig ist; andererseits ist bei ihnen gestattet, was wir als Gräuel betrachten.“ (S. 515)

Nach der Niederlage bei Trier zog sich Civilis nach Xanten zurück, nahe seiner batavischen Heimat, wo er sich sicherer fühlte. Cerialis folgte ihm. In einer lange hin und her wogenden Schlacht in der Rheinmündung und in deren Nähe, bei der auch Schiffe zum Einsatz kamen und ein Damm erst errichtet, dann durchstochen wurde, siegten die Römer, wenn auch nur mit viel Glück. An einem der Kampftage wurde Cerialis frühmorgens fast nackt in seinem Lager auf einem der Schiffe überrascht und entkam nur mit knapper Not. Die Bataver sahen dann aber ein, dass sie als vergleichsweise kleines Volk keine Chance haben würden, sich gegen die römische Übermacht mit den Ressourcen eines Weltreichs zu behaupten.

Die Belagerung Jerusalems durch Titus

Titus wurde von seinem Vater Vespasian mit der endgültigen Niederwerfung Judäas beauftragt, das sich bereits seit Längerem im Aufstand gegen die Römer befand. Dafür musste vor allem die Hauptstadt Jerusalem erobert werden. Die Juden, ihre Herkunft und ihre Religion waren den Römern ein Rätsel. Teils glaubte man, sie stammten aus Kreta vom Berg Ida, teils hielt man sie für Äthiopier, Assyrer oder Ägypter. Ihr Kult und ihre Gebräuche standen im Gegensatz zu allen anderen Religionen, auch derjenigen der Römer. Wegen der Lage und der sehr guten Befestigung Jerusalems und seines burgartigen Tempels war kein Sturmangriff möglich, sondern nur eine systematische Belagerung. Die Juden zeigten sich zur Abwehr grimmig entschlossen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das vorliegende Textkorpus der Historien ist ein Fragment. Es handelt sich um ein wohl auf 14 Bände angelegtes Werk, wovon aber nur die ersten vier Bände und die erste Hälfte des fünften erhalten sind. Das Gesamtwerk umspannte die Wirren des Vierkaiserjahres 69/70 n. Chr. sowie die gesamte Regierungszeit der flavischen Kaiser (Vespasian, Titus, Domitian) bis zur Ermordung des letzten Flaviers. Der Hauptteil der Historien ist aber verloren. Buch 1 bis 5 behandeln nur die bürgerkriegsähnlichen Zustände des Vierkaiserjahres. Die Handlungsorte des ersten Teils sind hauptsächlich Rom und Italien, später sind die Schauplätze die germanischen Provinzen am Rhein bis ins heutige Holland. Die Historien lesen sich wie äußerst detailreiche Reportagen zeitgenössischen Geschehens. Der Leser findet weder große Linien noch historische Distanz, sondern nur das Klein-Klein alltäglicher Abläufe, eine Fülle unbedeutender Nebenfiguren und ausführliche Schlachtenberichte, oftmals mit genauen Angaben davon, welche Legion oder Kohorte in der Kampflinie wo stand, von wem sie geführt wurde und wem sie, unter den Wechselfällen des Bürgerkriegs, vorher oder nachher zu- oder abschworen. Aufgelockert wird diese Art der Darstellung nur gelegentlich durch Reden etwa von Feldherren an ihre Soldaten. Es werden aber keine authentischen Reden der Personen wiedergegeben, sondern nur Tacitus’ Ansichten, die er den historischen Protagonisten in den Mund legt. An einigen Stellen unterbricht Tacitus die laufende Darstellung der Ereignisse, um eine kurze Biografie einer Person einzuflechten, meist direkt im Anschluss an deren Tod, als eine Art Grabrede. Tacitus zählt zu den Klassikern der römischen Literatur. Sein Latein ist, ähnlich wie das von Cäsar, denkbar schnörkellos und kompakt.

Interpretationsansätze

  • Tacitus bemüht sich um eine möglichst objektive, wahrheitsgetreue Darstellung der Ereignisse. Das gelingt ihm jedoch nicht überall. Seine Anhänglichkeit an die alte Republik färbt seinen Blick auf die Kaiserzeit negativ.
  • Seine Darstellung hat einen pessimistischen Grundton: Mord, Totschlag und Krieg, auch Bürgerkrieg, erscheinen im Kampf um die Macht auf jeder Ebene völlig alltäglich. Der Pessimismus gründet auf der im Buch dargestellten Maßlosigkeit des politischen Handelns, das auf allen Seiten nur eigennützige Zwecke ohne übergeordnete Werte oder Ziele verfolgt.
  • Tacitus zeigt sich insofern als Moralist, als er Beispiele von Tugend stets hervorhebt, gleichgültig welchen Standes die betreffende Person ist. Entsprechend tadelt er untugendhaftes Verhalten.
  • Die Historien sind nicht einfach ein Abriss der Ereignisse in Form einer Chronik, sondern Tacitus möchte ganz bewusst Zusammenhänge und Beweggründe aufzeigen. Deshalb schildert er stellenweise auch Hintergründe und die Charaktere von Personen.
  • Tacitus sieht den Ablauf der Geschehnisse und Ereignisse überwiegend als ein Handeln von Menschen mit ihren Stärken und Schwächen oder Launen. Viele Personen werden aus Rache, Neid, Habgier oder politischem Kalkül ermordet – alles handfeste psychologische Motive. Insofern ist Tacitus ein vollkommener Realist.
  • Dem modernen Leser fällt auf, wie oft Tacitus Wunderzeichen, Vogelflug und allerlei andere prophetische Vorzeichen erwähnt. Dies entsprach vollkommen dem Alltag und der Staatspraxis der Antike bei allen Völkern, besonders aber bei den Römern.

Historischer Hintergrund

Rom unter den Flaviern

Das bekannteste Baudenkmal aus der Epoche der flavischen Kaiser ist das Kolosseum, eingeweiht 80 n. Chr. Damals hieß es Amphitheatrum Flavium. Es wurde in den ehemaligen, sehr weitläufigen Parkanlagen von Neros Palast, dem Domus Aurea, angelegt. Die Bezeichnung „Kolosseum“ leitet sich von einer Kolossalstatue in jenem Park ab, die aber verloren gegangen ist. Die Flavier waren eine Adelsfamilie aus Latium, also nicht Römer im engeren Sinn und vor allem zunächst keine Angehörigen des Senatsadels. Die flavische Dynastie bestand aus Vespasian und seinen beiden Söhnen Titus und Domitian. Auf Neros Tod im Jahr 68 n. Chr. folgte ein Jahr der Thronwirren mit vier Kaisern, bis Vespasian in Rom endgültig die Zügel in die Hand nahm. Nero war der letzte Herrscher der vorangegangenen julisch-claudischen Dynastie, die noch auf Cäsar zurückging. Zu ihr hatten außerdem Augustus, Tiberius, Caligula und Claudius gehört. Die Flavier hassten Nero, der den römischen Staat vollends korrumpiert und ruiniert hatte, und überbauten auch deswegen das Gelände seines Palasts nicht nur mit dem Kolosseum, sondern auch mit den Titusthermen etwas oberhalb des Kolosseums unter Verwendung von Gebäudeteilen des Domus Aurea.

Zwei Monate nach der zweiten Schlacht von Bedriacum erreichten die flavischen Truppen am 19. Dezember 69 Rom. Nach der Ermordung des Vitellius am folgenden Tag wurde Vespasian am 21. Dezember vom Senat zum Kaiser proklamiert. In seinen zehn verbleibenden Jahren als Herrscher wurden umfangreiche Wirtschafts- und Steuerreformen durchgeführt, unter anderem eine Latrinensteuer, die durch Vespasians Ausspruch „Geld stinkt nicht“ berühmt geworden ist. Sein Sohn Domitian führte später auch eine Art Währungsreform durch, indem er den Silbergehalt der Münzen erhöhte. Im Jahr 70 beendete Titus, der älteste Sohn Vespasians, den schon länger schwelenden Aufstand in Judäa mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels. Damit verloren die Juden ihre Heimat und waren bis zur Gründung des Staates Israel 1948 in die Diaspora zerstreut. Dies war nicht nur für die Juden eine weltgeschichtliche Zäsur. Der Untergang Jerusalems lieferte auch den entscheidenden Anstoß für die Abfassung der Evangelien und die Intensivierung der christlichen Mission.

Großzügig versuchten Titus und Domitian die schlimmen Folgen des Vesuv-Ausbruchs 79 n. Chr., bei dem Pompeji verschüttet wurde, sowie eines großen Brandes in Rom im Jahr 80 n. Chr. zu lindern und Rom wiederaufzubauen. Die Flavier richteten den unter den letzten Claudiern zerrütteten römischen Staat wieder auf und zentralisierten die Macht stärker am Kaiserhof. Damit legten sie auch die Grundlage für die anschließende Epoche der sogenannten Adoptivkaiser.

Entstehung

Anders als der Titel Historien heute suggeriert, behandelte Tacitus in dem Werk die Zeitgeschichte seiner Generation, also ein Geschehen, das er und seine Zeitgenossen selbst erlebt hatten oder unmittelbar recherchieren konnten. Man kann Tacitus’ Historien zwar nicht mit dem modernen Begriff „Reportagen“ versehen, weil er nicht selbst vor Ort recherchiert hat. Aber er verarbeitete frische Nachrichten zu einer zwar nicht tagesaktuellen, aber zeitnahen Chronik der Ereignisse. Er wog die Quellen ab und bemühte sich um eine gewisse Objektivität und um eine historische Treue der Darstellung. Nach den Begriffen der Römer standen solchen Werken echte historische Werke über vergangene Zeiten gegenüber, die sie „Annalen“ nannten. Genau so lautet auch der Titel von Tacitus’ anderem mehrbändigen Geschichtswerk, das die Ereignisse von Augustus bis zum Tod Neros behandelt. Die Historien setzen dann unmittelbar nach Neros Tod ein. Entstanden sind die Historien wohl zwischen 104 und 109 n. Chr., also im Rückblick, nach dem Abschluss von Tacitus’ eigener politischer Laufbahn.

Wirkungsgeschichte

Tacitus wagte nicht, die Historien herauszugeben, solange Domitian noch lebte. Doch selbst danach wurde dem Werk eine eher verhaltene Aufnahme zuteil, vor allem wohl, weil es als Kritik am Kaisertum verstanden wurde. Die Historien wurden nur von wenigen zeitgenössischen Schriftstellern gelesen und geschätzt, etwa von Plinius dem Jüngeren oder dem Kirchenvater Hieronymus. Ansonsten waren seine Werke aber nicht verbreitet. So blieb es auch im Mittelalter.

Erst in der Renaissance wurden seine Schriften wiederentdeckt und vor allem wegen ihres Lateins geschätzt. Aufgrund seines programmatischen Grundsatzes, geschichtliche Ereignisse „sine ira et studio“ („ohne Zorn und Eifer“, sprich: möglichst objektiv) darstellen zu wollen, gilt Tacitus als Vorbild wahrheitsgetreuer Geschichtsschreibung. Ein Hauptstück des vierten Buches, der Bataver-Aufstand, ist die Grundlage für das berühmte Rembrandtgemälde Die Verschwörung des Julius Civilis aus dem Jahr 1662.

Über den Autor

Cornelius Tacitus wird vermutlich um 55 n. Chr. geboren, möglicherweise in Südgallien, der heutigen Provence; die Region ist ihm jedenfalls vertraut. Über sein Leben ist nur wenig bekannt. Vereinzelte Informationen finden sich in seinen eigenen Texten und in denen anderer Autoren, vor allem seines Freundes Plinius des Jüngeren. Um das Jahr 77 n. Chr. verlobt er sich und heiratet kurze Zeit danach; das Leben seines Schwiegervaters Julius Agricola beschreibt er später in Agricola (98 n. Chr.). Wohl im selben Jahr verfasst er die Germania, in der er jenes Volk nördlich der Alpen charakterisiert, das sich zum gefürchtetsten Gegner der Römer entwickelt hat. Wie viele ehrgeizige junge Römer besucht Tacitus die Rhetorenschule, die auf eine Karriere als Anwalt und Politiker vorbereitet, und durchschreitet dann die übliche Ämterlaufbahn bis hin zum Konsul. Zwischen 112 und 114 n. Chr. regiert er als Prokonsul die Provinz Asia, die dem westlichen Teil der heutigen Türkei entspricht. Plinius der Jüngere beschreibt ihn als besonders begabten Redner und Anwalt. Beide, Plinius und Tacitus, werden im Jahr 100 n. Chr. vom Senat mit der Anklage gegen Marius Priscus, den ehemaligen Statthalter der Provinz Africa, beauftragt: Dieser soll die Bewohner der Provinz erpresst haben. Tacitus’ Hauptwerke sind die Historien und die Annalen, sie machen ihn zum bedeutendsten Historiker Roms. Die Historien, fertiggestellt um 109 n. Chr., behandeln die Periode vom Vierkaiserjahr 69 n. Chr. bis zum Ende der flavischen Dynastie 96 n. Chr. In den Annalen, an denen er vermutlich bis zu seinem Tod arbeitet, widmet er sich der Geschichte vom Tod des Kaisers Augustus 14 n. Chr. bis zum Tod Neros im Jahr 68 n. Chr. Tacitus hat einen ausgeprägten Sinn für Spiritualität, er ist Mitglied einer der bedeutendsten römischen Priesterschaften. Er stirbt vermutlich um das Jahr 120 n. Chr.


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