Zusammenfassung von Justine

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Justine Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Erotik
  • Aufklärung

Worum es geht

Die Sittsame ist immer die Dumme

Der Publizist Ernst Ulitzsch bezeichnete den Marquis de Sade als den „Bluthusten der europäischen Kultur“. Dennoch oder gerade deshalb gehörte der Erotomane zu den meistdiskutierten Schriftstellern seiner Epoche, seine Romane waren regelrechte Modeliteratur. Justine ist die systematische Preisgabe der christlichen Moralvorstellungen, verquickt mit Sex and Crime. Beides in großen und sehr heftigen Dosen. Es ist nicht in erster Linie die Darstellung des Koitus – von vorn, von hinten, oral, mit Mädchen, mit Knaben, in kleiner Runde oder im großen Kreis –, die das Buch auch heute noch als Skandalon erscheinen lässt, sondern vor allem die Verbindung von Sex und Gewalt. De Sades Männerfiguren sind alle mehr oder weniger pädophil, homo- oder bisexuell, misogyn (frauenverachtend) und vor allem eines: sadistisch. Dieser Ausdruck geht nicht von ungefähr auf ihn zurück. Justine muss bei ihrer Tour de Force durch die Schlafzimmer und Folterkammern den ganzen Katalog der Scheußlichkeiten erdulden: Sie wird in Todesangst versetzt, zur Ader gelassen, gewaltsam entjungfert, wieder zusammengenäht und erneut entjungfert, gepeitscht, gewürgt und beinahe auf den Seziertisch gelegt. Am Ende kommen die Verbrecher zu Reichtum, und Justine wird vom Blitz erschlagen.

Take-aways

  • Justine oder Das Unglück der Tugend ist der bekannteste Skandalroman des berüchtigten Erotomanen de Sade.
  • Inhalt: Die sittsame Justine gerät nach dem Tod ihrer Eltern auf eine groteske Odyssee, in deren Verlauf sie von allerlei perversen Lüstlingen gefoltert, erniedrigt, versklavt und zu immer perfideren Sexspielen gezwungen wird. Der Versuch, dabei tugendhaft zu bleiben, wird vom Schicksal und von ihren Peinigern mit Unglück und Verderben entlohnt.
  • De Sade kehrt die christliche Moralvorstellung um: In seinem Roman werden alle Verbrecher belohnt und die fromme Protagonistin wird nach Strich und Faden bestraft.
  • Sex ohne Gewalt kommt kaum vor. Die Männer erreichen ihren Höhepunkt nur, wenn sie Schwächeren, meist Frauen und Kindern, Schmerzen zufügen.
  • Die philosophischen Voraussetzungen für diese Grausamkeit sind der Glaube an ein Recht des Stärkeren und ein radikaler Atheismus.
  • Die vielen grotesken Sexualakte und kniffligen Stellungen werden mit großer Akribie beschrieben – fast als wären es technische Versuchsanordnungen.
  • De Sade verfasste den Roman während seiner Gefangenschaft in der Pariser Bastille, wenige Jahre vor der Französischen Revolution.
  • Es existieren drei Fassungen von Justine: Je später das Entstehungsdatum, desto obszöner und grausamer ist der Text.
  • De Sade wurde vor allem von den Romantikern und Surrealisten sowie später von Sexualwissenschaftlern und Psychologen analysiert.
  • Zitat: „Das Glück ist nur mehr für die Schurken da.“

Zusammenfassung

Zwei ungleiche Schwestern

Die 12-jährige Justine und ihre drei Jahre ältere Schwester Juliette sind zwei grundverschiedene Mädchen. Während Juliette den Sinnesfreuden nur allzu gerne nachgeben würde, strahlt aus den Augen ihrer Schwester die Tugend. Schon in ihren jungen Jahren legt Justine einen schwermütigen Ernst an den Tag, der ihrer älteren Schwester gänzlich abgeht. Als Kinder eines reichen Bankiers genießen die beiden eine glänzende Erziehung in einem der berühmtesten Kloster der Hauptstadt. Doch schließlich macht der Vater Bankrott und stirbt. Seine Frau folgt ihm bald darauf nach. Die beiden Vollwaisen werden mit einer geringen Mitgift versehen und kurzerhand aus dem Kloster entlassen. Juliette empfindet dies als Akt der Freiheit, Justine als schweren Schicksalsschlag. Die Schwestern trennen sich und gehen beide ihrer Wege.

Juliette: Eine Erfolgsstory

Juliette lässt sich bei einer Puffmutter zur Prostituierten ausbilden, lernt die Kunst der Verführung von der Pike auf und landet schon bald im Bett vermögender und einflussreicher Männer. Der Graf von Lorsange macht sie zu seiner Frau, und sie erbt sein stattliches Vermögen. Die reiche Witwe bietet ihren Körper weiterhin gegen horrende Summen an und wird über die Jahre immer wohlhabender, wobei sie mehrere Edelleute ruiniert. Schließlich verfällt der reiche Herr de Corville der inzwischen 30-Jährigen und nimmt sie als Geliebte zu sich. Auf einer Besichtigungsreise zu einem seiner Güter bei Montargis, beobachten die beiden in einem Gasthaus, wie eine junge Frau in Ketten hereingeführt wird. Ein Polizist, der sie begleitet, teilt ihnen mit, dass sie wegen Mordes, Brandstiftung und Diebstahls verurteilt worden sei. Juliette und Herr de Corville bitten das bildhübsche Mädchen, ihnen aus ihrer Sicht zu schildern, wie es zu diesen Anschuldigungen gekommen ist. Die junge Frau – es ist Juliettes Schwester Justine – beginnt zu erzählen ...

Großkaufmann und Geizknochen

Da sie keinerlei Hilfe von ihren Verwandten zu erwarten hatte, flüchtete sich Justine nach dem Rauswurf aus dem Kloster unter dem falschen Namen Therese zu dem Großkaufmann Dubourg. Die Adresse hatte sie von ihrer Vermieterin in Paris erhalten. Dubourg fordert von ihr nichts Geringeres, als ihm sexuell zu Diensten zu stehen. Justines Jammern und Klagen scheint ihn sogar besonders zu erregen. Allerdings macht er schlapp, bevor er ihr die Jungfräulichkeit rauben kann. Ihre Wirtin vermittelt ihr daraufhin eine Stelle beim geizigen Wucherer Du Harpin, der sie für einen Hungerlohn bei sich schuften lässt. Nach einem Jahr verlangt er von ihr, einen reichen Nachbarn zu bestehlen. Als Justine sich weigert, gibt Du Harpin vor, dies zu akzeptieren. Er jubelt ihr jedoch einen Diamanten unter und bezichtigt sie daraufhin des Diebstahls. Justine landet im Gefängnis. Eine Mitgefangene namens Dubois, die der Kopf einer berüchtigten Räuberbande ist, nimmt sich des Mädchens an. In der Nacht brennen Dubois Komplizen das Gefängnis nieder; die Frauen können fliehen.

Verlust der Unschuld

Im Wald stellt Dubois Justine vor die Wahl: Entweder solle sie sich ihr anschließen und ihr Glück mit Verbrechen machen oder ihren unsinnigen und erfolglosen Pfad der Tugend beschreiten, der sie ja nun schon fast bis zum Schafott gebracht habe. Dubois räsoniert darüber, dass der Geiz der Reichen die Armen zu Dieben mache und man sich lediglich dem Lauf der Natur füge. Natürlich lehnt Justine erneut ab, wird aber von den vier Männern in der Runde eines Besseren belehrt, sodass sie schließlich einwilligt, der Bande beizutreten. Die Räuber sind darob schon so erregt, dass Dubois deren sexuellen Appetit befriedigen muss. Justine ihrerseits bettelt um die Wahrung ihrer Jungfräulichkeit, daher verlangen die Räuber von ihr, sich zumindest auszuziehen und sich ihnen in verschiedenen Stellungen zu präsentieren, während Dubois sie abwechselnd befriedigt. Als die Bande einen jungen Kaufmann namens Saint-Florent überfällt und töten will, gibt Justine vor, dass es sich um einen Verwandten von ihr handle. In der Nacht flieht sie mit Saint-Florent nach Luzarches, wo die beiden in einer Herberge absteigen. Der Fremde verspricht ihr, sie am nächsten Tag bei Verwandten unterzubringen. Stattdessen aber führt er sie in einen abgelegenen Wald, schlägt sie bewusstlos, raubt ihr die Jungfräulichkeit und alles, was sie besitzt. Justine erwacht blutüberströmt, ihre Kleider in Fetzen.

Der perverse Tantenmörder

In dieser misslichen Lage wird sie Zeuge des Liebesspiels zweier junger Männer. Einer von ihnen ist der Marquis de Bressac, der sich im Wald am Sex mit seinem Diener Jasmin erfreut. Als sie Justine bemerken, fleht sie die beiden um Hilfe an. Um den Preis ihrer Verschwiegenheit führt de Bressac das Mädchen bei seiner Tante als Zofe ein. Die gütige Frau ist mit Justine hochzufrieden und setzt sich sogar dafür ein, dass ihre Strafakte gelöscht wird. Doch die Glückssträhne ist nicht von Dauer: Der Marquis will sich seiner Tante entledigen, um endlich an das von ihr verwaltete Erbe zu gelangen. Er hält Justine einen Vortrag über die Nichtigkeit der Religion und beschönigt den Mord als ganz natürlichen Vorgang. Zum Schein geht sie auf seinen Plan ein, die Tante mit Gift in ihrer Schokolade zu töten. In Wirklichkeit warnt sie die Frau jedoch. Als der Marquis davon Wind bekommt, ist er außer sich: Er tötet die Tante selbst, reißt Justine die Kleider vom Leib, fesselt sie und hetzt seine Hunde auf sie. Auch teilt er ihr mit, dass ihre „Verbrechen“ keineswegs getilgt wurden. Im Gegenteil, sie wurden sogar noch um den Mord an seiner Tante, dessen er sie anklagt, ergänzt. Die geschundene und blutende Justine gelangt in das Haus des Arztes Rodin, der sich ihrer liebevoll annimmt und sie in vier Wochen vollkommen kuriert.

Das Folterkabinett des Dr. Rodin

Rodin macht Justine das Angebot, in seinem Haushalt zu arbeiten. Seine Tochter Rosalie weiht sie in ein Geheimnis ein: Rodin besitzt ein eigenes Pensionat für Knaben und Mädchen, die er in allen wichtigen Schulfächern unterrichtet. Er unterhalte die Jugendlichen aber nur, um sie dann und wann zu bestrafen und damit seine Lust zu befriedigen. Rosalie führt Justine in den unterirdischen Folterkeller. Hier macht sich ihr Vater gerade über ein junges Mädchen her: Das schöne Kind wird seiner Kleider beraubt und an die Decke gefesselt. Peitschenhiebe färben die weiße Haut karmesinrot. Rosalie erklärt der entsetzten Justine, dass sich ihr Vater die Verfehlungen der Kinder allesamt selbst ausdenke. Nach dem Mädchen kommt ein Junge gleichen Alters an die Reihe. Rodin stimuliert den zitternden Knaben und leckt seinen Erguss auf, dann peitscht er auch ihn aus. Weitere Mädchen und Jungen folgen. Schließlich ejakuliert der Arzt auf die Wunden des letzten Jungen. Justine verfolgt dieses widerwärtige Schauspiel fassungslos. Dann berichtet ihr Rosalie, dass sich ihr Vater auch an ihr vergangen habe und es noch tue. Dennoch bleibt Justine bei Rodin; sie will sich um Rosalie kümmern und ihr zur Flucht verhelfen. Eines Tages allerdings ist sie verschwunden. Justine findet heraus, dass Rodin und ein Arztkollege das Mädchen im Keller gefangen halten, es töten und dann sezieren wollen. Als Justine Rosalie befreien will, werden die beiden Mädchen von den Männern ergriffen. Sie schlagen Justine, und Rodin drückt ihr ein Brandzeichen auf, das sie als Diebin ausweisen soll. Danach setzt er sie im Wald aus und überlässt sie ihrem Schicksal. Später erfährt Justine, dass Rodin zum Leibarzt der Kaiserin von Russland ernannt worden ist.

Das Lustkloster im Wald

Nach einer weiteren Zeit des Wanderns stößt Justine auf das tief im Wald liegende Kloster Sainte-Marie des Bois. Der Prior des Ordens nimmt Justine die Beichte ab. Erst spät fällt ihr auf, dass der Mönch sich bei ihrem Bericht selbst befriedigt. Statt eines Ortes der Einkehr und Buße findet sie hier ein Serail von Sexsklaven, mit denen sich vier Mönche vergnügen. In einem durch einen unterirdischen Tunnel ans Kloster angebauten Komplex feiern die Mönche die wildesten Orgien mit mehreren Mädchen und Frauen, die sie hier gewaltsam festhalten. Gleich am ersten Abend muss sich Justine den Wünschen der Mönche unterordnen. Dabei wird sie geschlagen, muss sich von zwei Mönchen gleichzeitig nehmen lassen, sie im Gegenzug anal befriedigen und einem der Klosterbrüder ihren Darm in den Mund entleeren. Nach dieser „Initiation“ wird Justine in ihr künftiges Gefängnis gesperrt, wo ihr ein Mädchen namens Omphale das strenge Regime im Kloster nahebringt und sie über die Rituale, Strafen und Orgien aufklärt, die sich hier regelmäßig abspielen. Den Mädchen bleibt keine andere Möglichkeit, als sich bedingungslos unterzuordnen. Schon morgens werden sie von einem der Pater „examiniert“. Tagsüber haben sie frei, am Abend stehen sie den Mönchen für Lustbarkeiten zur Verfügung. Mitunter müssen auch einzelne Frauen die Mönche beim Abendessen mit dem Mund befriedigen oder werden von ihnen als Sitzgelegenheit missbraucht. Einmal im Monat wird ein neues junges Mädchen geraubt und dafür eines der alteingesessenen entlassen. Omphale glaubt, dass diese Verabschiedeten jeweils ermordet werden. Nach vielen Orgien und Folterungen und nachdem Omphale selbst „entlassen“ worden ist, wagt Justine die Flucht. Sie stiehlt sich aus dem Gefängnis und überwindet unzählige Dornenhecken, die das geheime Lustschloss tarnen. Sie stößt auf mehrere Totenschädel und Knochen. Offenbar verscharren die Mönche hier die Leichen ihrer ehemaligen Sexsklaven.

Ein „Sexvampir“ im Blutrausch

Justine bleibt kaum Zeit, sich zu erholen. Mitten im Wald wird sie von zwei berittenen Männern entführt. Sie geben an, auf diese Weise eine neue Kammerzofe für die Frau des Herrn de Gernande zu rekrutieren. Justine ist einigermaßen erstaunt über solche Methoden. Doch schon bald wird ihr klar, dass solche Mittel für ihren neuen Herrn nichts Ungewöhnliches sind. Er saugt seine Frau buchstäblich aus: Alle vier Tage lässt er sie zur Ader, denn nur so kann er sich sexuell erregen. Während er dem Schauspiel des rinnenden Blutes zusieht, vergnügt er sich mit jugendlichen Knaben. Justines Aufgabe ist es, die Frau nach jedem Blutbad wieder aufzupäppeln. Bald ist sie dazu bereit, einen Hilferuf von Frau de Gernande an deren Mutter abzufassen. Ihre Flucht mit dem Brief wird jedoch vereitelt. Herr de Gernande tobt und rächt sich an seiner Frau. Auch Justine soll ausgeblutet werden: Dreimal täglich will er sie zur Ader lassen. Als ein Diener verkündet, dass de Gernandes Frau im Sterben liegt, vergisst er vor Erregung, die Tür von Justines Gefängnis zu verschließen. So kann sie fliehen.

Henkerspiele in der Falschmünzerwerkstatt

Wieder auf der Straße gibt Justine einer Bettlerin ein Almosen – und wird zum Dank von ihr ausgeraubt. Dann pflegt sie einen geprügelten Mann gesund. Dieser zeigt sich erkenntlich und bietet ihr eine Stelle als Magd an. Doch wieder handelt es sich um ein Gefängnis, in das Justine gerät. Der Mann nennt sich Roland und beutet Frauen in seiner Falschmünzerwerkstatt aus. Sie müssen nackt ein großes Rad vorantreiben. Wenn sie sterben, landen sie nebenan in einer Leichengrube, in der bereits 50 Kadaver liegen. Roland führt Justine in eine unterirdische Folterhöhle, die mit Särgen, einem Beichtstuhl und allerhand Skeletten ausstaffiert ist. Hier pfählt er sie mit seinem gewaltigen Glied und spielt mit ihr das groteske Spiel „Kapp-das-Tau“: Er legt ihr eine Schlinge um den Hals und zieht irgendwann den Stuhl unter ihren Füßen weg. Justine erhält ein Messer, um sich in jenem Augenblick vom Galgen zu befreien. Roland weidet sich an ihrer Angst. Zwei Jahre muss Justine die Folterungen ertragen. Dann wird die Falschmünzerei von der Polizei gestürmt und alle Gefangenen werden gehängt. Nur Justine wird von einem gnädigen Richter freigesprochen. Roland selbst hat sich rechtzeitig abgesetzt. In einer Herberge begegnet Justine der Diebin Dubois wieder, die sich schändlich an ihrem Verrat vor zehn Jahren rächt: Erst vergiftet sie einen Mann, der aufrichtiges Interesse an Justine bekundet, und dann hängt sie ihr noch den Mord an. Sie verfolgt Justine bis in die Provinz und zündet ein Hotel an, in dem sie mit einer Mitreisenden und deren Kind nächtigt. Das Kind stirbt und Justine wird von der Polizei für eine ganze Reihe von Straftaten in Gewahrsam genommen.

„Gräfin Lorsange war eine jener Venuspriesterinnen, deren Glück das Werk einer hübschen Figur und einer beträchtlichen Liederlichkeit ist (...)“ (S. 15)

Hier endet Justines Geschichte. Sie befindet sich soeben auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung. Nun erfragt Juliette den Namen des Mädchens, ahnend, dass es sich um ihre Schwester handelt. Die beiden fallen sich in die Arme. Herr de Corville sorgt für die Rehabilitierung Justines und die drei begeben sich auf sein Anwesen. Endlich, so scheint es, wird Justine für ihre Tugendhaftigkeit belohnt. Doch während eines schrecklichen Unwetters trifft sie ein tödlicher Blitzschlag in die Brust. Gerührt vom Schicksal ihrer Schwester bereut Juliette ihren unkeuschen Lebenswandel und tritt in ein Karmeliterkloster ein.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Hauptteil von Justine ist in eine Rahmenhandlung eingebettet. Zunächst berichtet der Erzähler vom Schicksal der beiden Schwestern Juliette und Justine. Dann wechselt der Roman zur episodenhaften Ich-Erzählung der Protagonistin. Mehrmals ist sie der Ohnmacht nahe, wobei der Erzählfaden konsequenterweise abbricht, sobald sie das Bewusstsein verliert. Gegen Ende des Buchs übernimmt schließlich wieder der Erzähler. Die vorliegende, so genannte zweite Fassung von Justine (vgl. „Entstehung“ weiter unten) ist in der Beschreibung der sexuellen Praktiken noch etwas zurückhaltender als die dritte. Statt eindeutiger Ausdrücke wird vieles umschrieben. De Sade bedient sich wiederkehrender, der religiösen Sphäre entnommener Formeln, so etwa „dem verbotenen Tempel opfern“ für Analverkehr oder „seinen Weihrauch verströmen“ für Ejakulieren. Das ändert freilich nichts daran, dass die akribisch geschilderte Verquickung von Sex und Gewalt nichts für schwache Nerven ist. Warum die Titelfigur Justine in ihrer Ich-Erzählung derart ins Detail geht, bleibt das Geheimnis des Autors – und eine logisch-formale Schwäche des Buchs.

Interpretationsansätze

  • Handelt es sich bei Justine um Pornografie? Schon de Sades Zeitgenossen erkannten, dass das Buch nicht einfach ein sexuelles Stimulans darstellt. Für eine bloße Onaniervorlage sind die sexuellen Arrangements zu kompliziert, die Beschreibungen zu ausgefeilt, kurz: der schriftstellerische Aufwand zu groß. Gleichzeitig wirkt die Absicht, „den Abscheu der Menschen zu wecken“ (de Sade in seinem Vorwort) reichlich heuchlerisch. Auch dafür bräuchte man nicht über 450 Seiten in die immergleichen Details zu gehen.
  • Die Schilderungen des Marquis de Sade versprühen einen radikalen Nihilismus, da sie die Entwertung aller Werte darstellen. Vor allem die christlichen Moralvorstellungen werden in Justine pervertiert. Die biblische Verheißung, dass die Tugendhaften am Ende belohnt und die Sünder bestraft würden, wird konsequent auf den Kopf gestellt. Die sittsame Titelheldin wird für ihre guten Taten missbraucht, bestohlen, ausgebeutet, geschlagen und gefoltert, während es ihre Peiniger zu Reichtum und Ruhm bringen oder zumindest straflos davonkommen.
  • De Sades negatives Menschenbild widerspricht der Vorstellung, die einer der wichtigsten Vertreter der französischen Aufklärung vom Menschen hatte. Jean-Jacques Rousseau behauptete, dass das Wesen des Menschen von Natur aus gut sei. De Sade liefert hiervon ein nachtschwarzes Spiegelbild.
  • Ironischerweise bedienen sich de Sades unmenschliche Figuren aufklärerischer Ideale; etwa, indem sie das Recht auf freie Selbstverwirklichung für sich in Anspruch nehmen und ad absurdum führen. Nach Meinung mancher Interpreten ging es dem Aristokraten de Sade darum, die Konsequenzen eines strikten Rationalismus aufzuzeigen.
  • Der Schluss des Romans gleicht einem bösartigen Gottesurteil: Justine wird vom Blitz getroffen und damit – nach all den Begegnungen mit menschlicher Grausamkeit – auch noch vom Himmel höchstpersönlich verraten.
  • Auffallend ist de Sades philosophischer Eifer: Seine Schurken ergehen sich in langen Betrachtungen über das Recht des Stärkeren, die Unterordnung der Frau und die Nichtswürdigkeit der Existenz oder huldigen einem atheistischen Naturkult. Inwiefern de Sade derlei Ansichten teilte, bleibt offen.

Historischer Hintergrund

Revolution und jakobinische Schreckensherrschaft

Am Vorabend der Revolution war der französische Staat bankrott. Als Ludwig XVI. 1774 die Regierung übernahm, bemühte er sich um eine Reform der Finanzen. Finanzminister Jacques Necker legte 1781 erstmals den enormen Geldbedarf des Hofes offen, was einen Aufschrei in der Öffentlichkeit auslöste. Er berief die Generalstände – Klerus, Adel und Bauern – ein, die seit 1614 nicht mehr zusammengekommen waren. Das Ergebnis: Die Mitglieder des dritten Standes, die sich von den anderen Ständen benachteiligt wähnten, erklärten sich am 9. Juli 1789 zur verfassungsgebenden Nationalversammlung. Der König jedoch zog loyale Truppen rings um Paris zusammen und entließ den populären Necker aus der Regierung. Dies führte – neben Hungersnot und sozialem Elend – zum berühmten Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789, der den Beginn der Französischen Revolution markiert. Viele Adlige mussten ins Ausland fliehen. In Paris bildete sich eine provisorische Regierung, die im kommenden Jahr mehrere Reformen ausarbeitete, u. a. die Menschen- und Bürgerrechte verkündete und den Erbadel abschaffte. In den folgenden Monaten radikalisierte sich die Revolution, nachdem der politische Klub der Jakobiner unter Maximilien de Robespierre das Heft in die Hand genommen hatte. Die Jakobiner machten regen Gebrauch von der Guillotine und beherrschten in den folgenden Jahren das Land. Bis sie 1794 durch eine Direktoriumsregierung ersetzt wurden, fielen ihrer Schreckensherrschaft rund 40 000 Menschen zum Opfer.

Entstehung

De Sade schrieb drei Fassungen von Justine. Die erste entstand unter dem Titel Die Missgeschicke der Tugend innerhalb von nur zwei Wochen, als sich der Autor 1787 in Festungshaft in der Bastille befand. (Manche Historiker halten es sogar für möglich, dass der Marquis mit seinen Rufen aus dem Gefängnis – „Die Insassen verhungern!“ – den Sturm auf die Bastille auslöste.) Die zweite Version (die dieser Zusammenfassung zugrunde liegt) geriet bereits länger und drastischer; sie erschien 1791 als erstes publiziertes Werk des Marquis. 1796 verfasste er mit Juliette oder die Vorteile des Lasters eine Fortsetzung der Geschichte über Justines spiegelbildliche Schwester, welche die Unmoral zu ihrem Ratgeber macht und damit glänzend durchs Leben kommt. Ein Jahr später schließlich führte de Sade beide Romane zusammen: 1797 erschien Die neue Justine oder Das Unglück der Tugend sowie die Geschichte der Juliette, ihrer Schwester. Die erneute Steigerung der Grausamkeiten und Perversionen machte eine Abkehr von der Ich-Erzählung nötig; aus Justines Mund wirkten die Schilderungen zunehmend unglaubwürdig. Die wohl wichtigste Anregung lieferten de Sade die Werke des englischen Schriftstellers Samuel Richardson. Dieser hatte mit seinen Tugendromanen Pamela (1740) und Clarissa (1748) nicht nur das Genre des „empfindsamen Romans“ geprägt, sondern auch das Handlungsprinzip der „verfolgten Unschuld“ populär gemacht. Seine Heldinnen sind so tugendhaft, dass sie allen Verführungsversuchen der Männer widerstehen. De Sade führt das Muster der unbeirrbaren Heldin, das sich auch im Roman Julie (1761) des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau findet, ad absurdum.

Wirkungsgeschichte

Nachdem Justine Ende 1791 veröffentlicht worden war, wurde der Marquis de Sade unter einem politischen Vorwand inhaftiert – wie schon mehrmals zuvor wegen Sittlichkeitsverbrechen. Den Erfolg des Buches konnte das nicht mehr stoppen. In einer der ersten Rezensionen bezeichnete das Feuille de correspondance du libraire das Buch zwar als „très dangereux“, also als sehr gefährlich, erwähnte aber auch, dass der Roman ein „literarisches Gewitter“ entfesselt habe. Rezensionen im Ausland sprachen von einer regelrechten Modelektüre. Angeblich soll sich Goethe ein Exemplar aus der Weimarer Bibliothek geliehen haben – er verlor hierüber, wie viele seiner Schriftstellerkollegen, aber kein Wort. Napoleon Bonaparte bezeichnete Justine als „das abscheulichste Buch, das sich jemals ein verkommener Geist hat ausdenken können“. Der Roman wurde in vielen Ländern verboten. In den USA und selbst in England lagen bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts lediglich gekürzte oder zensierte Fassungen vor. Trotz aller Kritik gab es auch Schriftsteller, die sich für Justine erwärmten. Hierzu gehörten Charles Baudelaire und Gustave Flaubert. De Sade wurde überdies zur Ikone der so genannten schwarzen Romantik, in deren Schauergeschichten des Öfteren Rituale, Schlösser und Folterszenarien seiner Romane auftauchen. Auch die Schriftsteller des Fin de Siècle (u. a. Joris-Karl Huysmans und Oscar Wilde) sowie die Surrealisten und Expressionisten lasen de Sade. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Skandalautor lieferten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer Zivilisationskritik Dialektik der Aufklärung (1947). Sie zeigen anhand der perfekt durchgeplanten Grausamkeiten im Werk des Marquis, dass es nicht Gegenbild, sondern logische Folge der Aufklärung sei. Die Sexualwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts nutzte de Sades Perversionen als Studienobjekte. Der deutsche Sexualwissenschaftler Richard von Krafft-Ebing prägte in seiner Psychopathia sexualis (1886) erstmals die komplementären Begriffe „Sadismus“ und „Masochismus“.

Über den Autor

Donatien Alphonse François Marquis de Sade wird am 2. Juni 1740 in Paris geboren. Seine Eltern gehören einem alten, aber verarmten Adelshaus an. Nach der Kindheit in Paris und bei Verwandten in der Provence besucht er ab seinem zehnten Lebensjahr ein Jesuitenkolleg in Paris und anschließend die Militärakademie. Nach der Teilnahme am Siebenjährigen Krieg heiratet er 1763 Renée-Pélagie de Montreuil – vor allem aus finanziellen Gründen. In den folgenden Jahren führt de Sade ein ausschweifendes Leben, verkehrt mit Prostituierten und verführt zusammen mit seiner Frau sogar Hausmädchen und Diener. 1768 beschuldigt ihn eine junge Frau, er habe sie zur Sodomie gezwungen und dazu, sich auspeitschen zu lassen. Auch wenn es nicht zu einer Gerichtsverhandlung kommt, häufen sich die Berichte von den Orgien des Marquis. Er flieht zunächst auf sein Schloss in der Provence und 1772 nach Italien, um einem Todesurteil zu entgehen: Er ist angeklagt worden, mehrere Prostituierte mit vergifteten Bonbons zu einer Lustorgie verführt und dadurch den Tod einer der Damen verschuldet zu haben. 1777 kehrt er nach Paris zurück, wird inhaftiert und in die Festung Vincennes gesperrt. Das Todesurteil wird zwar aufgehoben, aber nach einem Fluchtversuch 1784 landet de Sade im feudalen Kerker der Bastille. Hier lebt er keineswegs bescheiden, lässt sich vom Leibkoch Essen ins Gefängnis bringen und widmet sich einem ausgedehnten Literaturstudium. Im Gefängnis beginnt er, sich ausgefallene Sexualpraktiken auszumalen, und verfasst Les 120 Journées de Sodome (Die 120 Tage von Sodom, veröffentlicht erst 1909). Später folgen unter anderem Justine (1791) sowie La Philosophie dans le boudoir (Die Philosophie im Boudoir, 1795). Kurz vor dem Sturm auf die Bastille wird de Sade in die Irrenanstalt von Charenton verlegt, allerdings im Verlauf der Französischen Revolution entlassen. Unter den Jakobinern und später unter Napoleon landet er immer wieder im Gefängnis. 1803 kommt de Sade erneut nach Charenton, wo er am 2. Dezember 1814 im Alter von 74 Jahren stirbt.

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