Zusammenfassung von König Heinrich V.

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König Heinrich V. Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Drama
  • Elisabethanische Ära

Worum es geht

Ein idealer Herrscher?

Heinrich V. ist der Sohn eines Thronräubers: Heinrich IV. räumte Richard II. aus dem Weg, um selbst König zu werden. Schon in Shakespeares Stück über Heinrich IV. tritt „Harry“ als wilder, zügelloser Kronprinz auf, der zu früh nach der Krone greift, was Vater Heinrich mit dem berühmten Satz quittiert: „Dein Wunsch war Vater des Gedankens.“ Doch mit der Thronbesteigung wandelt sich der wilde Prinz zu einem guten, weisen und erfolgreichen König, der mit einem kleinen Heer eine französische Übermacht besiegt – so geschehen 1415 in Azincourt. Knapp 200 Jahre später begeisterte Shakespeare mit diesem Harry sein elisabethanisches Publikum, indem er viele Bezüge zur eigenen Zeit in den historischen Stoff einwebte und Harry als vorbildlichen, volksnahen Monarchen charakterisierte, der gleichwohl die Würde des Königtums wahrt. Eine Reverenz an die Tudor-Herrschaft seiner Zeit. Später fand das Stück in England immer dann besonderen Anklang, wenn patriotische Begeisterung gefragt war.

Take-aways

  • König Heinrich V. ist bis heute eines der populärsten Stücke Shakespeares.
  • Inhalt: Vom französischen Thronfolger provoziert, nimmt der junge König Heinrich V. von England den Kampf seiner Dynastie um Erbansprüche auf den französischen Thron wieder auf. Mit einer zahlenmäßig unterlegenen Streitmacht gelingt dem König dank einer begeisternden Rede am Morgen vor der Schlacht der entscheidende Sieg. Jahre später erfolgen die Versöhnung mit Frankreich und die Vermählung mit der französischen Königstochter.
  • Das Stück verarbeitet historische Ereignisse während des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England.
  • In Shakespeares König Heinrich V. hat der Typus des idealen Herrschers Gestalt gewonnen.
  • Das ernste Historiendrama wird durch burleske Szenen und Wortwitz aufgelockert.
  • Shakespeares Sprache ist unendlich reich und vielschichtig; teilweise wird sie selbst zum Thema.
  • Vers- und Prosapassagen wechseln sich ab; die Engländer, Iren, Waliser und Schotten sind an ihrem jeweiligen Dialekt erkennbar; zudem wird auch immer wieder Französisch gesprochen.
  • Trotz der Bedeutung, die der Schlacht von Azincourt im Stück zugeschrieben wird, war sie in Wahrheit nur eine Episode im Hundertjährigen Krieg.
  • In England fand das Stück immer dann besonderen Anklang, wenn patriotische Begeisterung gefragt war.
  • Zitat: „Wir wenigen, wir glücklichen wenigen, wir Schar von Brüdern; denn wer heute sein Blut mit mir vergießt, soll mein Bruder sein; sei er noch so niedrig, dieser Tag soll seinen Stand adeln (…)“
 

Zusammenfassung

Prolog

Ein Sprecher bereitet das Publikum auf die Darstellung eines historischen Ereignisses vor, einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den Königreichen England und Frankreich, die sich über viele verschiedene Orte und lange Jahre erstreckt und die nun im Gehäuse des Theaters auf engem Raum dargestellt werden soll.

Konferenz in London

Vor dem Audienzzimmer des Königs tauschen der Erzbischof von Canterbury und der Bischof von Ely ihre Meinungen über eine Gesetzesvorlage aus, die zur Beratung ansteht. Darin geht es um Ländereien der Kirche, die eventuell enteignet werden sollen. Die Bischöfe versuchen auszuloten, wie König Heinrich dazu steht. Dabei wundern sie sich, wie rasch der junge König nach seiner Thronbesteigung seine wilde Jugend abgelegt hat, die von Krawallen, Gelagen und sexuellen Ausschweifungen geprägt war. Nun erweist er sich plötzlich in Theologie als ebenso beschlagen wie in Musik oder politischer Konfliktlösung.

„Kann diese Hahnengrube die riesigen Felder Frankreichs fassen? Oder dürfen wir in dieses hölzerne O eben die Helme hineinzwängen, die die Luft bei Azincourt erschreckten?“ (Sprecher, S. 11)

Heinrich beabsichtigt, seine Erbansprüche auf den französischen Thron geltend zu machen. In der Audienz mit mehreren hochrangigen Adligen wird darüber beraten. Der Erzbischof von Canterbury gibt dazu ein ausführliches Rechtsgutachten ab mit dem Ergebnis, dass der Anspruch zu Recht besteht. Die beiden Bischöfe fordern den König dazu auf, seinen Anspruch notfalls mit militärischer Gewalt durchzusetzen. Sie versprechen ihm dafür großzügige finanzielle Unterstützung. Nun wird der französische Botschafter vorgelassen. Er lehnt im Namen des Dauphins, des französischen Thronfolgers, Heinrichs Ansprüche ab und überreicht ihm als Geschenk eine Tonne voller Tennisbälle. Heinrich antwortet auf diese Verspottung – mit wahrhaft königlicher Gelassenheit – mit einer Kriegserklärung an das unverschämte Frankreich.

Vor der Abfahrt des Heeres nach Frankreich

Der Sprecher berichtet von einer Attentatsverschwörung dreier englischer Adliger gegen den König, zu der diese von den Franzosen mit viel Gold angestiftet wurden. Noch bevor Heinrich sich in Southampton nach Frankreich einschifft, soll er ermordet werden.

„Wenn wir die richtigen Schläger für diese Bälle gefunden haben, werden wir in Frankreich, mit Gottes Gnade, einen Satz spielen, der seines Vaters Krone in Gefahr bringen soll.“ (Heinrich zum französischen Botschafter über den Dauphin, S. 35)

Unterdessen treffen sich vor einer Taverne in London Korporal Nym, Leutnant Bardolph und Fähnrich Pistol. Drinnen liegt Sir John Falstaff, ein ehemaliger Saufkumpan des Königs, im Sterben. Die drei Männer haben alle unter Falstaff gedient. Der König hat ihm das Herz gebrochen, darin sind sie sich einig. Nach seinem Tod schließen sie sich Heinrichs Feldzug an.

„Denn, obwohl ich es euch sage, glaube ich, der König ist nur ein Mensch, wie ich es bin: Das Veilchen duftet für ihn genau so wie für mich; der Himmel zeigt sich ihm wie mir; alle seine Sinne haben nur menschliche Eigenschaften (…)“ (Heinrich zu den Soldaten, S. 131 f.)

Im Ratssaal von Southampton werden dem König die drei Hochverräter vorgeführt, Männer, die ihm persönlich nahestanden. Ihr Komplott wurde aufgedeckt. Mit seinen Generälen berät sich Heinrich über das weitere Vorgehen. Heinrich gibt zunächst zu verstehen, dass er als Mensch geneigt wäre, gnädig zu sein. Dann macht er aber deutlich, dass sich die drei Männer in erster Linie gegen ihn als Repräsentanten des Königreichs verschworen haben, und das auf Anstiftung des Feindes; um der Sicherheit des Reiches willen kann er also keine Gnade walten lassen. Sie werden verhaftet und ihnen soll der Prozess gemacht werden.

Konferenz in Paris

In Frankreich hält man im Königspalast Kriegsrat. Der König von Frankreich befiehlt, angesichts der drohenden englischen Invasion Verteidigungsmaßnahmen einzuleiten und sich auf alle Eventualitäten gefasst zu machen. Sein Sohn, der Dauphin, hält Heinrich wegen dessen notorischen Lebenswandels in seiner Jugend für ein Leichtgewicht. Der Konnetabel weiß es dank aktueller Botschafterberichte besser und warnt davor, Heinrich zu unterschätzen. Der König erinnert an die Niederlage der Franzosen gegen die Engländer bei Crécy. Während dieser Besprechung überbringt der englische Botschafter, der Herzog von Exeter, einen Stammbaum, der die englischen Ansprüche belegt, sowie ein Ultimatum Heinrichs: Der König von Frankreich soll auf den Thron verzichten. Der König vertröstet Exeter; am nächsten Tag soll er eine Antwort erhalten. Der mahnt zur Eile, da Heinrich bereits in Frankreich sei.

Eroberung von Harfleur

Der Sprecher nimmt den Zuschauer mit in die französische Hafenstadt Harfleur, die von Heinrich bereits belagert wird. Heinrich weist das französische Angebot der Übergabe einiger unbedeutender Herzogtümer und der Heirat mit der französischen Königstochter Katharina als unzureichend zurück und befiehlt den Beschuss von Harfleur.

„Dieser Tag wird das Fest des Crispian genannt: Wer diesen Tag überlebt und sicher heimkommt, wird auf Zehenspitzen stehen, wenn dieser Tag genannt wird, und sich erheben bei dem Namen Crispian.“ (Heinrich, S. 151 f.)

Hauptmann Fluellen treibt Nym, Bardolph und Pistol, die nicht besonders angriffslustig sind, zum Kampf in einer Bresche in der Mauer von Harfleur. Ihr Dienstjunge erkennt, dass sie alle im Grunde Feiglinge und kleine Gauner sind. Während sich die aus Irland, Schottland, England und Wales stammenden Hauptleute Fluellen, Gower, Macmorris und Jamy noch über klassische Regeln der Kriegsführung unterhalten, kapituliert Harfleur und wird nun von den Engländern eingenommen. Heinrich befiehlt jedoch, die Bevölkerung zu verschonen, und zieht sich selbst mit dem Großteil seiner Streitmacht ins Winterquartier nach Calais zurück.

Der Feldzug in Frankreich

Im französischen Königspalast in Rouen lässt sich Prinzessin Katharina von ihrer Kammerzofe Alice, die einst in England gewesen ist, in Englisch unterrichten. Ebenfalls von Rouen aus verfolgen der König und sein Hofstaat mit größter Sorge den Vormarsch der kleinen Streitmacht Heinrichs in Nordfrankreich. Die Somme ist bereits überschritten. Der französische König fordert vom Konnetabel einen Sieg über die Engländer.

„Wir wenigen, wir glücklichen wenigen, wir Schar von Brüdern; denn wer heute sein Blut mit mir vergießt, soll mein Bruder sein; sei er noch so niedrig, dieser Tag soll seinen Stand adeln (…)“ (Heinrich S. 153)

Beim Kampf um eine Brücke behalten die Engländer die Oberhand. Bardolph hat eine Gelegenheit genutzt und aus einer Kirche eine Monstranz geraubt. Der Herzog von Exeter befiehlt, ihn dafür zu hängen. Die Hauptmänner Fluellen und Gower überlegen, ob es sich lohnt, wegen des Vergehens, das sie als geringfügig betrachten, für Bardolph um Gnade zu bitten. Doch König Heinrich verbietet nochmals ausdrücklich Plünderungen, gewaltsames Eintreiben von Verpflegung, ja selbst Beschimpfungen der Franzosen. Exeter lässt also das Todesurteil an Bardolph, der auch zu Heinrichs Jugendfreunden zählt, vollziehen. Dann erscheint Montjoy, ein Herold des französischen Königs, und fordert von Heinrich den Rückzug sowie Reparationszahlungen. Heinrich lehnt ab und lässt ausrichten, die Engländer suchten nicht die Schlacht, würden sich ihr aber stellen.

Das französische Lager bei Azincourt am Abend

Der Dauphin, der Herzog von Orléans und der Konnetabel unterhalten sich am Abend über ihre Pferde, über Rüstungen und über ihr Liebesleben und geben sich völlig siegessicher im Hinblick auf die bevorstehende Schlacht. Als ein Bote die Nachricht bringt, dass die Engländer nicht weit entfernt lagern, machen sie sich über deren vermeintliche Schafsköpfigkeit lustig und glauben sich vollkommen überlegen.

Das englische Lager bei Azincourt am Morgen

Heinrich leiht sich den Mantel eines seiner Hauptmänner und erkundet inkognito das eigene Lager. Er trifft auf Pistol und verwickelt ihn in ein Gespräch. Dann belauscht er eine kurze Unterhaltung zwischen Fluellen und Gower. Fluellen spricht wieder hochtrabend und umständlich von klassischer Kriegskunst, aber Heinrich erkennt auch seine Tapferkeit und sein Pflichtgefühl. In einem weiteren Gespräch mit einfachen Soldaten, bei dem er sich auch nicht zu erkennen gibt, stellt er sich mit ihnen auf eine Stufe. Williams, einer dieser Soldaten, äußert sich in einer Weise, die einer Majestätsbeleidigung gleichkommt. Heinrich fordert von ihm seinen Handschuh als Pfand und gibt ihm auch seinen eigenen Handschuh; sie wollen sich nach der Schlacht noch einmal gegenübertreten, sofern sie beide überleben.

„Lasst das Leben kurz sein, sonst wird die Schande zu lang sein.“ (Herzog von Bourbon, S. 165)

Während die Franzosen voller Zuversicht ihre Pferde besteigen, um mit den Kampfhandlungen zu beginnen, hält Heinrich vor seinem Heer eine mitreißende Ansprache, in der er bereits jetzt diesen Tag, den Sankt-Crispians-Tag, als Siegestag glorifiziert. Erneut stellt er sich mit allen seinen Soldaten auf eine Stufe, erklärt sie zu seinen Brüdern, zu einer kleinen Schar von Auserwählten, und stellt ihnen den großen Ruhm der Nachwelt als gemeinsames Ziel vor Augen. Der Neid der Nachwelt werde einst allen gelten, die bei der Schlacht am Sankt-Crispians-Tag dabei gewesen sind.

Die Schlacht bei Azincourt

Die Schlacht hat begonnen. Pistol ringt einen französischen Soldaten nieder. Dem Franzosen entfährt ein erschrecktes „Seigneur Dieu!“, was Pistol als „Signieur Dew“ missversteht. Er hält ihn deshalb für einen Edelmann, dem er eventuell ein Lösegeld abpressen kann. Nach weiteren Missverständnissen in ihrem gegenseitigen englisch-französischen Kauderwelsch nimmt Pistol den Franzosen gefangen.

„Ich spreche zu dir als einfacher Soldat: Wenn du mich dafür lieben kannst, nimm mich (…)“ (Heinrich zu Katharina, S. 205)

Die französischen Heerführer, darunter der Konnetabel und der Dauphin, erkennen, dass ihre Reihen durchbrochen sind und die Schlacht verloren zu gehen droht. Um nicht unehrenhaft unterzugehen, werfen sich die Anführer selbst noch einmal ins Getümmel und hoffen auf die Stärke ihrer zahlenmäßigen Übermacht.

„Wie Mann und Frau, obgleich sie zwei sind, eins in der Liebe sind, so sei zwischen euren Königreichen ein solcher Ehebund, dass sich niemals falsches Handeln oder grausame Eifersucht, die oft das Bett gesegneter Liebe bedrängt, zwischen den Pakt dieser Königreiche dränge, um ihr verkörpertes Bündnis zu scheiden.“ (Königin Isabella, S. 219)

Die englischen Anführer um Heinrich wähnen sich im Vorteil, wissen aber, dass die Schlacht noch nicht gewonnen ist. Für den Fall, dass sich die Kämpfe wieder intensivieren, gibt Heinrich den Befehl, die französischen Gefangenen zu töten. Mitten im Kampfgetümmel streiten sich Fluellen und Gower um Fragen der Militärgeschichte. Da kommt der Herold Montjoy zu Heinrich und bittet um eine Kampfpause, damit sich die Franzosen um ihre adligen Gefallenen und Verwundeten kümmern können. Der Herold erkennt an, dass der Tag Heinrich gehört.

Dann trifft Heinrich auf den Soldaten Williams, der Heinrichs Handschuh an der Mütze trägt und der geschworen hat, mit dessen Eigentümer zu kämpfen. Heinrich schickt Williams unter einem Vorwand weg, gibt dann dessen Handschuh Hauptmann Fluellen und schickt diesen ebenfalls weg, in der Erwartung, dass die beiden sich treffen und aneinandergeraten werden. Zur Sicherheit schickt er noch zwei Lords hinterher, um ein Blutvergießen zu verhindern. Schließlich klärt er selbst die Sache auf, verzeiht Williams seine Beschimpfungen und schenkt ihm obendrein noch Geld.

Ein englischer Herold überbringt eine Liste mit den erschreckend hohen Verlusten der Franzosen. Unter den Toten sind viele Angehörige des Adels und des Hochadels. Die englischen Verluste sind gering. Nach der Trauerfeier für die englischen Toten in Azincourt kehrt Heinrich mit seiner Armee über Calais nach England zurück und wird in London triumphal empfangen.

Der Friede mit Frankreich

Zum Abschluss des durch den Herzog von Burgund vermittelten Friedensvertrags mit dem französischen König kehrt Heinrich nach Frankreich zurück. Unterwegs begegnen sich in einem englischen Lager erneut Pistol und der walisische Hauptmann Fluellen. Weil der Engländer Pistol sich vor der Schlacht von Azincourt mehrmals über Fluellen und dessen ungelenke walisische Redeweise lustig gemacht hat, zwingt ihn Fluellen nun unter Androhung von Prügeln, einen Lauch zu essen.

In einem Palast in Troyes in der Champagne wird Heinrich mit seinem Gefolge vom französischen König, der Königin Isabella und Prinzessin Katharina ehrenvoll empfangen. Während sich der König mit seinem Hofstaat zurückzieht, um die Klauseln des Friedensvertrags im Detail zu beraten, bleiben Heinrich und Katharina – mit der Anstandsdame Alice – allein zurück. Die Heirat Heinrichs mit der Prinzessin ist eine Klausel des Friedensvertrags. Doch Heinrich wirbt nun auch ganz direkt, „als einfacher Soldat“, um ihre Liebe und ihre Hand. Als der französische Hofstaat zurückkommt, erkennt der französische König Heinrich als Erben des Throns von Frankreich an, und die Heirat mit Katharina ist beschlossene Sache. Ihrer beider Sohn wird, so der Sprecher, schon als Knabe zum König sowohl von England wie auch von Frankreich gekrönt, und damit soll die Feindschaft der beiden Reiche beendet sein.

Zum Text

Aufbau und Stil

König Heinrich V. ist ein Drama in fünf Akten. Dabei wirkt der letzte Akt über den Friedensschluss in Troyes wie nachträglich angefügt. Das Stück enthält viele und rasche Ortswechsel und Zeitsprünge. Die auf Aristoteles zurückgehende Trias von Einheit des Orts, Einheit der Zeit und Einheit der Handlung beachtet Shakespeare definitiv nicht. In König Heinrich V. ist vor jedem Akt ein Prolog eingefügt – ein für Shakespeare ungewöhnliches Stilmittel. Das damalige Publikum musste offenbar durch diese Ansprachen auf die Szenenwechsel und Zeitsprünge vorbereitet und mitgenommen werden. Der letzte Akt spielt zum Beispiel einige Jahre nach der Schlacht von Azincourt, die unmittelbar vorher dargestellt wurde. Der Sprachgebrauch im Stück ist keineswegs einheitlich. Shakespeare variiert verschiedene Sprachebenen und -stile. Vers- und Prosapassagen wechseln sich ab; Engländer, Iren, Waliser und Schotten sind an ihrem jeweiligen Dialekt erkennbar; zudem wird immer wieder Französisch gesprochen. Trotz sehr unterschiedlicher Einschätzungen im Lauf der Jahrhunderte, ob dieses Stück als Drama gelungen sei oder nicht, wurde es stets wegen seiner sprachlichen Qualität geschätzt.

Interpretationsansätze

  • Heinrich kann als vorbildlicher König gesehen werden, der alle Tugenden entsprechend den damals gängigen Fürstenspiegeln besitzt: Mut, Besonnenheit, Volksnähe und vor allem Gerechtigkeitssinn. Heinrich pocht in jeder Situation auf die Einhaltung des Rechts, auch des Völkerrechts im Krieg: Er verbietet zum Beispiel Plünderungen, weswegen auch sein alter Kumpan Bardolph gehängt wird.
  • Andererseits gibt es Passagen, in denen das Bild des idealen Herrschers relativiert wird: So werden etwa in den nächtlichen Szenen, als sich Heinrich unerkannt unter seine Soldaten mischt, sowohl die Legitimität des Krieges als auch die Autorität des Herrschers in Zweifel gezogen. Und am Ende des Stücks wird die Geburt von Heinrich VI. angekündigt, der die französischen Eroberungen seines Vaters wieder verlieren und der letzte König des Hauses Lancaster sein wird.
  • Die englischen, walisischen, schottischen und irischen Hauptleute Gower, Fluellen, Macmorris und Jamy stehen für die vier Reichsteile, aus denen später Großbritannien hervorgehen wird. Dies ist ein wesentliches Element für die patriotische Interpretation des Stücks vor allem im 19. und 20. Jahrhundert.
  • Komik, nicht selten obszöner Natur, spielt im Stück eine wichtige Rolle. Viele Anspielungen gehen in der Übersetzung allerdings verloren. Die komischste Figur ist der Waliser Fluellen mit seinem für englische Ohren ausgesprochen harten Akzent und seiner pedantischen Art, sich mit klassischer Kriegskunst zu beschäftigen. Diese Teile waren für das damalige Publikum natürlich von hohem Unterhaltungswert.
  • Shakespeare spielt bewusst mit verschiedenen Sprachebenen. So klingen die Reflexionspassagen in Henrys Monologen oder die Prologpassagen viel erhabener als etwa die Dialoge zwischen den Soldaten. In der Sprachlernszene Katharinas geht es explizit um Sprache; Sprache wird hier, aber auch an anderen Stellen, mit subtilem Witz regelrecht zum Thema gemacht.
  • Das Stück ist symmetrisch angelegt. Geradezu filmschnittartig werden beide Seiten der englisch-französischen Konfrontation fast gleichzeitig gezeigt.

Historischer Hintergrund

Eine Episode im Hundertjährigen Krieg

Nach der Schlacht bei Hastings 1066 und der Eroberung Englands durch die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer gaben diese die Normandie natürlich nicht auf, sondern stellten nun sowohl die Könige von England als auch die Herzöge der Normandie. Als Herzöge blieben sie Lehensnehmer der französischen Krone, erkannten also dort die Oberherrschaft des französischen Königs an; eine solche staatsrechtliche Konstellation war im Mittelalter nichts Ungewöhnliches.

1152 heiratete Heinrich II. von England, der als normannischer Herzog ein mächtiger Fürst in Frankreich war, Eleonore von Aquitanien. Dadurch wurde Heinrich mit einem Schlag Herr über ganz Westfrankreich: die Normandie, Anjou und Aquitanien. Ein bedeutender Sohn von Heinrich und Eleonore war Richard Löwenherz, ein anderer Johann Ohneland, der deshalb so hieß, weil er einen großen Teil des englischen Besitzes auf dem Kontinent verlor.

Doch die Engländer sannen auf Revanche. Der englische König Eduard III. machte seinen Anspruch auf die französische Krone geltend und schickte 1337 Truppen nach Frankreich. Damit begann der sogenannte Hundertjährige Krieg. Die Engländer konnten sich von da an rund 100 Jahre lang in Frankreich behaupten. Ihre Erfolge in den Schlachten bei Crécy (1346) und Azincourt (1415), beide gegen zahlenmäßig deutlich überlegene französische Armeen, festigten ihre Herrschaft. Unter Heinrich V. beherrschten die Engländer Paris und den Norden Frankreichs bis zu Loire. Doch Heinrich starb schon 1422, und sein Nachfolger Heinrich VI. war ein schwacher Herrscher. Dem französischen Thronfolger Karl VII. gelang mithilfe der „Jungfrau von Orléans“, Jeanne d’Arc, die Vertreibung der Engländer vor Orléans und die Krönung in Reims. Der Erfolg von Orléans war für die Franzosen der Startschuss zur Rückeroberung der englischen Gebiete in Frankreich, die 1453 mit der Einnahme von Bordeaux abgeschlossen wurde.

Die europäische Politik war in den folgenden Jahrhunderten von der Erbfeindschaft zwischen England und Frankreich geprägt. Diese Rivalität bestimmte auch das 19. Jahrhundert. Sie endete erst mit der Entente cordiale von 1904, als man sich gegen einen gemeinsamen Gegner wandte: Deutschland.

Entstehung

König Heinrich V. muss innerhalb relativ kurzer Zeit entstanden sein, höchstwahrscheinlich 1599, und wurde dann auch gleich aufgeführt. Shakespeare war damals 35. Im gleichen Jahr wurde er Mitbesitzer des neu gegründeten Globe Theatre in London, wodurch er vermögend wurde. Es waren die letzten Jahre der langen Regierungszeit der bedeutenden englischen Herrscherin Elisabeth I. aus dem Haus Tudor.

Wie für viele andere historische Stücke lieferte die Chronik des englischen Geschichtsschreibers Raphael Holinshed Chronicles of England, Scotland and Ireland auch für König Heinrich V. die wesentliche Grundlage. Es kommen noch weitere Chroniken in Betracht; die Nachtszene im vierten Akt, bei der Heinrich unerkannt durch das Lager geht und mit Soldaten spricht, scheint den Annalen von Tacitus entlehnt. Im Jahr 1600 erschien ein unvollständiger Raubdruck, und 1623 die Ausgabe, auf die die heutige Textfassung zurückgeht.

Wirkungsgeschichte

Die Resonanz des Stücks war im Lauf der Jahrhunderte unterschiedlich, was in erster Linie mit der allgemeinen politischen Lage zusammenhing. Immer wenn die politischen Spannungen groß waren, wurde das vergleichsweise patriotische Drama gern auf die Bühne geholt, etwa während der Burenkriege um 1900 und während der beiden Weltkriege.

Das Stück erlebte mehrere Verfilmungen, von denen zwei besonders bedeutend waren: diejenige von Laurence Olivier, mit ihm selbst in der Hauptrolle (1944), und diejenige von Kenneth Branagh, in der dieser König Heinrich V. und Emma Thompson Katharina verkörperte (1989). Die Anregung für Oliviers Film ging übrigens von Churchill aus – 1944 war das Jahr der alliierten Invasion in der Normandie gegen Deutschland. Beide Filme halten sich im Ablauf und in den Dialogen eng an Shakespeares Stück. Olivier erhielt für seine Darstellung einen Oscar; Branagh wurde für seinen Film vielfach ausgezeichnet.

Über den Autor

William Shakespeare kann ohne Übertreibung als der berühmteste und wichtigste Dramatiker der Weltliteratur bezeichnet werden. Er hat insgesamt 38 Theaterstücke und 154 Sonette verfasst. Shakespeare wird am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon getauft; sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Er ist der Sohn des Handschuhmachers und Bürgermeisters John Shakespeare. Seine Mutter Mary Arden entstammt einer wohlhabenden Familie aus dem römisch-katholischen Landadel. 1582 heiratet er die acht Jahre ältere Anne Hathaway, Tochter eines Gutsbesitzers, mit der er drei Kinder zeugt: Susanna sowie die Zwillinge Hamnet und Judith. Um 1590 übersiedelt Shakespeare nach London, wo er sich innerhalb kurzer Zeit als Schauspieler und Bühnenautor einen Namen macht. Ab 1594 ist er Mitglied der Theatertruppe Lord Chamberlain’s Men, den späteren King’s Men, ab 1597 Teilhaber des Globe Theatre, dessen runde Form einem griechischen Amphitheater nachempfunden ist, sowie ab 1608 des Blackfriars Theatre. 1597 erwirbt er ein Anwesen in Stratford und zieht sich vermutlich ab 1613 vom Theaterleben zurück. Er stirbt am 23. April 1616. Über Shakespeares Leben gibt es nur wenige Dokumente, weshalb sich seine Biografie lediglich bruchstückhaft nachzeichnen lässt. Immer wieder sind Vermutungen in die Welt gesetzt worden, wonach sein Werk oder Teile davon in Wahrheit aus anderer Feder stammen. Als Urheber wurden zum Beispiel der Philosoph und Staatsmann Francis Bacon, der Dramatiker Christopher Marlowe oder sogar Königin Elisabeth I. genannt. Einen schlagenden Beweis für solche Hypothesen vermochte allerdings niemand je zu erbringen. Heutige Forscher gehen mehrheitlich davon aus, dass Shakespeare der authentische und einzige Urheber seines literarischen Werkes ist.


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