Zusammenfassung von Leviathan

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Leviathan Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Frühe Neuzeit

Worum es geht

Der Staat schützt den Menschen vor sich selbst

Sicherheit oder Freiheit? Diese klassische Frage der politischen Theorie löst Thomas Hobbes in seinem Leviathan auf provokante Weise. Er nimmt an, dass die Menschen aus freien Stücken ihre politische Freiheit aufgeben und sich einer Staatsmacht vollkommen unterordnen. Dies sei allerdings ein hoher Preis für den Gewinn von Sicherheit an Leib und Leben. Die Möglichkeit, Eigentum und Wohlstand zu erwerben, könne nur garantiert werden, wenn ein zentraler, starker und absoluter Souverän das Politische für alle regele. Hobbes' Theorie ist von den chaotischen Zuständen während des englischen Bürgerkriegs (1642-1649) beeinflusst, die er erlebte. Sie reicht aber weit über die Zeitgeschichte hinaus. Erstmals behauptet ein Staatstheoretiker, dass die Menschen sich ihre Gesellschaft selbst schaffen, indem sie einen Gesellschaftsvertrag schließen. Diese Idee als Basis des menschlichen Zusammenlebens ist neuzeitlich und bürgerlich-liberal. Gott als Stifter und Garant des Staates wird damit entmachtet. Der Staat soll zwar im Einklang mit christlichen Grundsätzen stehen, aber die Kirche darf keinen Einfluss haben. Grundlage des Staates ist die Vernunft. Sie ist auch die Basis von Hobbes' Philosophie: Selbst denken, nicht an Autoritäten glauben, diese Auffassung durchzieht das erfrischend klar geschriebene Werk vom Anfang bis zum Schluss.

Take-aways

  • Leviathan ist eines der wichtigsten Werke der modernen Staatstheorie.
  • Hobbes geht von der Feststellung aus: "Homo homini lupus" - der Mensch ist des Menschen Wolf.
  • Da der Mensch von Natur aus nicht gesellig, moralisch oder sozial veranlagt sei, herrsche im Naturzustand der "Krieg aller gegen alle".
  • Hobbes' pessimistische Sicht auf die menschliche Natur ist (auch) historisch begründet: Er erlebte den blutigen englischen Bürgerkrieg, der die Staatsmacht schwächte.
  • Um dem lebensgefährlichen Naturzustand zu entrinnen, gehen die Menschen einen Gesellschaftsvertrag ein und übertragen ihre politische Macht einem Souverän.
  • Die Untertanen schulden dem Souverän Gehorsam. Er bietet ihnen dafür Sicherheit, Schutz und ermöglicht Wohlstand durch wirtschaftliche Handlungsfreiheit.
  • Die Bürger können sich nur in einem Fall auflehnen: wenn der Staat sie nicht mehr schützen kann, beispielsweise im Fall eines Bürgerkriegs.
  • Die Macht des Staates darf nicht zersplittert werden, weswegen auch die Kirchen keinen weltlichen Einfluss haben sollten.
  • Hobbes begründet seine Gesellschaftstheorie nicht mit Gottes Gnade, sondern mit der menschlichen Vernunft: ein Paradigmenwechsel und der Beginn der modernen politischen Theorie.
  • Der Leviathan ist ursprünglich ein Fabelwesen aus der antiken Mythologie: ein gigantisches Meerungeheuer, halb Fisch, halb Wal, das den Menschen verschlingt.
  • Hobbes wählte diesen Namen für sein Staatsmodell, weil dieses Ungetüm auf niemanden Rücksicht zu nehmen braucht - doch wer ihm huldigt, den beschützt es.
  • Diese Sicht des autoritären Staates macht das Werk bis heute umstritten.
 

Zusammenfassung

Was ist der Mensch?

Zunächst muss der Mensch mit seinen Kenntnissen und Fähigkeiten genauestens analysiert werden, bevor man daran gehen kann, sich ein vernünftiges Gemeinwesen für ihn auszudenken. Die erste Frage lautet also: Was unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen? Was macht das Menschsein überhaupt aus?

„Dennoch ist es nicht Klugheit, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Es gibt Tiere, die mit einem Jahr mehr beobachten und klüger verfolgen, was ihrem Wohl dient, als das ein Kind mit zehn tun kann.“ (S. 21)

Das Verstehen funktioniert beim Menschen zunächst ähnlich wie beim Hund: Auch ein Hund versteht, wenn der Herr ihn ruft. Das Besondere am Menschen ist aber, noch mehr verstehen zu können: Er kann sogar sein eigenes Verstehen verstehen, also die Bedingungen analysieren, unter denen Verständnis überhaupt möglich ist. So ist es z. B. das Wesen der Klugheit, aus dem Vergangenen die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Daraus folgt: Je mehr Erfahrungen ein Mensch hat, desto klüger kann er sein.

„Die siebente Ursache [der Widersinnigkeit] sehe ich in Namen, die nichts sagen, aber von Schulen aufgegriffen und mechanisch gelernt werden, wie hypostatisch, transsubstantiell, konsubstantiell, ewig-gegenwärtig und dergleichen Kauderwelsch von Scholastikern.“ (S. 36f.)

Die Sprache ist dem Menschen von Gott gegeben worden. Er hat sie dann durch einige geniale Erfindungen verfeinert - insbesondere die Buchstaben, in geringerem Maße auch die Buchdruckkunst, die der schnelleren Verbreitung der Sprache dient. Allerdings kann die Sprache auch missbraucht werden. Wie Tiere mit Hörnern und Zähnen verletzen können, so kann das der Mensch mit Hilfe der Sprache. Ohne die Sprache ist kein vernünftiges Denken möglich: Nur sprachbegabte Wesen können Verallgemeinerungen vornehmen und Schlussfolgerungen ziehen.

„Vernunft ist die Gangart, Vermehrung der Wissenschaft der Weg und das Wohl der Menschheit das Ziel.“ (S. 39)

Die Vernunft ist die Fähigkeit, die Dinge sowohl beim richtigen Namen zu nennen als auch aus verschiedenen Dingen und Namen die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Viele Menschen gehen beim Gebrauch der Vernunft jedoch in die Irre, genauso wie sie sich in der Arithmetik verrechnen. Dann kommt es leicht zu Widersinnigkeiten, zu Worten, die nur Schall und Rauch sind. Das Privileg des Menschen, Gesetze und Theorien aufzustellen, trägt also als Kehrseite der Medaille, dass er sich auch leicht im Unsinn verstricken kann. Schuld daran sind oft die sinnlosen Namen, die er den Dingen gibt.

„Glück ist ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Objekt zum anderen, wobei das Erreichen des einen immer nur der Weg zum nächsten ist.“ (S. 80)

Intellektuelle Tugend besteht darin, über einen scharfen Verstand und Phantasie zu verfügen und außerdem sein Urteilsvermögen sinnvoll zu nutzen. Der Raum der Verstandestätigkeit ist die Wissenschaft. Die beiden wichtigsten Gebiete sind einerseits die Lehre von den Naturkörpern, also Naturphilosophie oder Physik, und andererseits die Lehre von den Staatskörpern, also Politik und Gesellschaftsphilosophie. Hier gilt als die richtige Methode: aus Geschichte und Gegenwart die logischen Verallgemeinerungen ableiten, um dann nach möglichen Alternativen für die Zukunft zu suchen.

„Aus Gleichheit entsteht Unsicherheit, aus Unsicherheit Krieg.“ (S. 103)

Eine grundsätzliche Eigenheit des Menschen ist sein Glücksstreben. Er sucht nach einem Zustand des unbeschwerten Seins, wobei er in eine paradoxe Situation gerät: Wenn er diesen Zustand erreicht hat, wird er sogleich wieder unglücklich. Denn die Glückssuche ist seine Antriebsfeder und sein Lebenselixier. Das Glück ist also nicht eigentlich der Endzustand, sondern das Streben nach etwas anderem, bloß Vorgestelltem.

„Und wo ein Eindringling nichts mehr zu fürchten hat als die alleinige Macht eines einzelnen Menschen, geschieht es daher, dass jemand, der pflanzt, sät, baut oder ein behagliches Anwesen besitzt, mit Wahrscheinlichkeit erwarten kann, dass andere mit vereinten Kräften kommen, bereit, ihn zu enteignen und zu berauben, nicht nur der Früchte seiner Arbeit, sondern auch seines Lebens oder seiner Freiheit.“ (S. 103)

Aber auch das Verlangen nach Macht ist menschlich, ebenso wie das Konkurrenzdenken. Menschen können durchaus tugendhaft sein, sind dies aber nicht unbedingt um der Tugend willen, sondern eigentlich, weil sie gelobt werden möchten, indem sie das tun, was gesellschaftlich anerkannt ist.

Nach Religion und Glauben hat der Mensch ein Bedürfnis, weil er die Ursachen der Ereignisse in der Welt kennen möchte. Da er überzeugt ist, dass es für alles eine Ursache geben muss, strebt er natürlich besonders danach, auch die Ursache des völlig Unverständlichen zu begreifen - und die findet er nur in etwas "Metaphysischem", das jenseits dessen liegt, was er sieht. Der Mensch neigt darum auch dazu, an Geister zu glauben, und er verehrt alles, was er fürchtet. Das nutzen Religionen aus, indem sie den Menschen in dem Glauben lassen, die Gesetze seien von einem höheren Wesen geschaffen und aus diesem Grund zu befolgen.

Der Naturzustand

Im Naturzustand sind alle Menschen grundsätzlich gleich. Es gibt zwar Unterschiede, doch die sind so gering, dass kein Mensch daraus eine bevorzugte Behandlung oder Stellung ableiten kann. Insbesondere was die geistigen Fähigkeiten betrifft, sind sich die Menschen doch sehr ähnlich. Aus dieser allgemeinen Gleichheit erwächst aber nicht Glückseligkeit - sondern Krieg: der Krieg aller gegen alle ("bellum omnium contra omnes"). Denn da es keine gesellschaftlichen Strukturen, Regeln und Gesetze gibt, ist jedem alles erlaubt. Da jeder das Recht auf alles hat, hat paradoxerweise gleichzeitig niemand das Recht auf etwas: Durch die Beliebigkeit hebt sich alles auf. Was man erreicht hat, kann einem im nächsten Moment entwendet werden, und der Dieb ist dennoch in vollem Recht. Denn im Naturzustand garantiert keine übergeordnete Instanz die Lebens- oder Eigentumsrechte des Einzelnen.

„Hierdurch ist offenbar, dass sich die Menschen, solange sie ohne eine öffentliche Macht sind, die sie alle in Schrecken hält, in jenem Zustand befinden, den man Krieg nennt, und zwar im Krieg eines jeden gegen jeden.“ (S. 104)

Durch die ständige Unsicherheit leben die Menschen nur in der Gegenwart, langfristige Planungen sind sinnlos. Demzufolge gibt es keinen Fleiß, keinen Ackerbau, keine Wissenschaft oder Kultur. Eigentum ist unmöglich und Gerechtigkeit gibt es natürlich auch nicht. Das Leben des Menschen ist "einsam, arm, gemein, roh und kurz".

„Die Gemütsbewegungen, welche die Menschen zum Frieden geneigt machen, sind die Furcht vor dem Tode, das Verlangen nach Dingen, die für ein angenehmes Leben notwendig sind, und die Hoffnung, sie durch ihren Fleiß zu erlangen.“ (S. 107)

Daraus erwächst ein Bedürfnis, diesen Zustand zu beenden. Dieses Bedürfnis ist menschlich und universal, es betrifft also alle Individuen. Die Lösung ist der Zusammenschluss zu einer Gesellschaft, einem Staatswesen. Solange der Mensch alle anderen Menschen zu fürchten hat, funktioniert ein Gesellschaftsgefüge natürlich nicht. Wenn er aber etwas zu fürchten hat, was über ihm steht - also einen Staat -, dann ist diese Furcht vor Strafe so wirksam, dass er den Krieg mit den Mitmenschen beendet. Ohne eine öffentliche Macht, die die Menschen in Schrecken hält, wird immer Krieg sein.

„Die souveräne Macht ist nicht so schädlich wie ihr Fehlen.“ (S. 155)

Die Menschen, die dem permanenten Kriegszustand entgehen wollen, entschließen sich, einem Naturgesetz (lex naturalis) zu folgen, einer Vernunftregel, die immer gültig ist: Dem Menschen ist es untersagt, Dinge zu tun, die sein Leben vernichten oder die ihm Mittel zur Erhaltung seines Lebens nehmen. Hierbei ist aber nicht nur der Mensch als Einzelwesen gemeint, sondern auch die Menschheit als Ganzes: Die Menschen sind verpflichtet, alles zu unterbinden, was sie als Gesamtheit bedroht. Dieses Gesetz fußt wiederum auf dem Naturrecht (ius naturale), das jedem Menschen zusteht. Ihm zufolge hat jeder Mensch die Freiheit, alles zu tun, was in seiner Macht steht, um sein Leben zu erhalten.

Der Gesellschaftsvertrag

Dem Naturgesetz folgend schließen alle Menschen mit allen anderen einen Vertrag: Er soll aus dem Krieg Frieden machen - den Frieden aller mit allen. Wichtigster Bestandteil des Vertrages ist, dass jeder seine bisherige Macht vollständig an einen Souverän überträgt. Dieser Souverän kann ein Monarch, eine Adelskaste oder ein Parlament sein, wobei die Monarchie als die beste Staatsform anzusehen ist: Denn in der Demokratie stellen die Volksvertreter gerne privates vor öffentliches Interesse, der Monarch dagegen verschreibt sich ganz seinem Amt, bei ihm verschmilzt das Private mit dem Gemeinwohl. Die Gewalt des Souveräns ist unteilbar, es gibt also keine Gewaltenteilung: Der Souverän vereint Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekutive auf sich. Es gibt auch kein Vetorecht, die Bürger können also weder Einspruch erheben noch die Regierungsform ändern.

„Es versteht sich, dass die Verpflichtung der Untertanen gegen den Souverän so lange und nicht länger dauert, wie die Macht dauert, mit deren Hilfe er sie schützen kann.“ (S. 187)

Das Volk hat nur in einem einzigen Fall das Recht, sich aufzulehnen: wenn der Souverän nicht mehr in der Lage ist, die Untertanen zu schützen. Dieser Schutz ist seine Hauptaufgabe: Schutz der Menschen vor sich selbst. Ein Souverän, der etwa einen Bürgerkrieg beginnt oder nicht verhindert, erfüllt diese Aufgabe nicht und verliert damit seine Legitimation.

„Der größte und hauptsächliche Missbrauch der Schrift, aus dem sich fast alle übrigen ableiten lassen oder ergeben, ist ihre Entstellung, um zu beweisen, dass das in der Schrift so oft erwähnte Königreich Gottes die gegenwärtige Kirche ist oder die Menge der jetzt lebenden Christen oder dass, wer tot ist, am Jüngsten Tag wieder auferstehen soll.“ (S. 511)

Im so geschaffenen Gemeinwesen gilt, dass die Menschen den Souverän willentlich eingesetzt haben. Sie sind somit die eigentlichen Urheber der Handlungen des Machthabers, er ist der Vertreter ihres politischen Willens. Nach dieser Logik kann der Souverän gar nicht gegen die Interessen des Volkes handeln. Sie sind also aufgefordert, ihm zu vertrauen und ihn nicht zu kritisieren. Das Staatsgefüge lebt von der Eintracht und vom Gehorsam der Untertanen, und der Souverän hat den Auftrag, das Volk entsprechend zu unterweisen. Es soll nicht nach anderen Staaten schielen, die ihm besser erscheinen, oder sogar nach Umsturz verlangen. Der Wunsch nach Veränderung ist wie der Bruch des Ersten Gebotes ("Du sollst keine anderen Götter neben mir haben."). Dies muss der Souverän die Menschen entsprechend lehren. Auch die Kritik am Herrscher ist ein Verstoß gegen dieses Gebot.

Das Eigentum

Wenn das Gemeinwesen erschaffen ist, verteilt der Souverän alle Güter - also beispielsweise Land oder Vieh - nach eigenem Gutdünken an die Untertanen. Nach dieser Verteilung garantiert er ihnen die Eigentumsrechte, d. h. er wird jeden bestrafen, der nach dem Besitz eines anderen trachtet. Allerdings ist der Souverän auch jederzeit berechtigt, Privateigentum zu enteignen und umzuverteilen: Ihm gegenüber haben die Untertanen keine Eigentumsrechte. Der Souverän selbst sollte aber möglichst wenig Eigentum haben, um staatlichen Missbrauch zu verhindern. Denn auch der Souverän ist, wie das mächtige Seeungeheuer Leviathan aus dem Buch Hiob, sterblich und fehlbar und sollte sich deshalb diesen Gefahren nicht aussetzen.

Nach der Verteilung des Eigentums sind die Untertanen aufgefordert, zu wirtschaften, ihren Besitz zu mehren, Güter zu produzieren, die dem Wohle aller zugute kommen - beispielsweise Nahrungsmittel -, und Handel auch mit anderen Gemeinwesen zu treiben. Die materielle Basis ist das Geld: Es ist das "Blut", ohne das der Handel nicht existieren kann.

Auch wenn das so geschaffene Gemeinwesen ein vernünftiges und von Menschen gemachtes ist, sollte es doch im Einklang mit der Idee eines christlichen Gemeinwesens stehen. Damit ist aber nicht etwa gemeint, dass der Staat sich der Kirche unterordnen soll. Es gibt eine göttliche Macht, und diese ist von den Christen zu respektieren, aber sie ist nicht gleichzeitig eine weltliche Macht. Das Wort Gottes ist von den Propheten übermittelt worden, aber der Mensch soll sich nicht scheuen, seine eigenen Erfahrungen zu verwenden, um das Wort Gottes richtig zu interpretieren; dies insbesondere, um die Bibel so auszulegen, dass die Interpretation auch den Intentionen Gottes entspricht. Gottes Wort kann zwar weder bewiesen noch widerlegt werden, aber es richtet sich auch nicht gegen die menschliche Vernunft. Wenn also etwas in der Bibel unvernünftig erscheint, dann haben die Menschen, die sie auslegen, einen Fehler gemacht - und nicht Gott.

Das Reich der Finsternis

Beide, göttliche wie weltliche Souveränität, werden durch die Mächte der Finsternis bedroht, die auch bereits in der Bibel erwähnt werden: Aberglauben, Hexenkult, heidnische Religionen. Aber auch die falsche Auslegung der Heiligen Schrift gehört dazu, der falsche Glaube sowie ein vermessener Machtanspruch. Diese Mächte lauern überall, auch in der Kirche selbst. Es ist falsch, anzunehmen, die Kirche repräsentiere das Reich Gottes auf Erden; und es ist auch falsch, dem Papst oder anderen kirchlichen Oberhäuptern die Würde eines Herrschers in der Welt zu verleihen: Sie sind keine Repräsentanten Gottes auf Erden, und sie dürfen auch nicht im Namen Christi Gesetze erlassen. Irdische Macht kann nur eine Staatsmacht ausüben. Wer das nicht versteht, dem ist der Verstand vernebelt - und was noch viel schlimmer ist: Er lästert Gott.

Die Geistestrübung ist generell eine Gefahr für das Gemeinwesen, insbesondere die, die von falschen Philosophien ausgeht. Falsches Denken fängt damit an, dass Menschen angeblichen Autoritäten glauben, statt ihren eigenen Verstand zu benutzen. Wer selbst denkt, der läuft allerdings auch Gefahr, sich zu gängigen Schlussfolgerungen verleiten zu lassen, die zwar durchaus üblich, aber dennoch falsch sein können. So sind zwar viele Lehren des Aristoteles, Platons und anderer griechischer Philosophen bekannt, aber dennoch unrichtig: Aristoteles beispielsweise antwortet auf die Frage, warum ein schwerer Körper nach unten sinkt, dass der Körper einen Drang habe, in die Tiefe zu gelangen. Diese Erklärung ist Unsinn, denn sie besagt nichts anderes als: Die Körper sinken nach unten, weil sie nach unten sinken. Die Verstandestätigkeit darf sich nicht mit solchen Scheinerklärungen begnügen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Leviathan ist eine systematische staatstheoretische Abhandlung. Das Werk ist in vier Bücher mit insgesamt 47 Kapiteln aufgeteilt. Der erste Teil widmet sich umfassend dem Menschen als der kleinsten Einheit des Gemeinwesens und seinem Leben im "Naturzustand". Dabei setzt sich Hobbes mit dem philosophischen Menschenbild seiner Zeit auseinander, findet aber eigene Positionen, indem er sich von der Antike und von der Scholastik (der christlichen Philosophie des Spätmittelalters) abgrenzt. Das zweite Buch behandelt das Gemeinwesen selbst und den Übergang vom Chaos in die geordnete Gesellschaftlichkeit. Im dritten Teil legt Hobbes ausführlich und detailliert die Bibel aus und bringt diese Interpretation in Übereinstimmung mit seiner Staatstheorie. Der vierte Teil schließlich widmet sich dem Aber- und Unglauben, der falschen Religion und der Tatsache, dass auch die offiziellen Kirchen Nutzen daraus ziehen. Hobbes spannt den Bogen weit: Von den Menschen über Gesellschaft und Staat bis hin zur Religion mitsamt einer Bibelauslegung fächert er das gesamte geistesgeschichtliche Panorama seiner Zeit auf. Doch das Werk ist so klar gegliedert, dass der Leser den Faden nie verliert. Hobbes' Stil ist präzise und geradeheraus, er bringt jeden Gedanken auf den Punkt, vollzieht die Argumente Schritt für Schritt und vermeidet Abstraktionen. Jeder Begriff wird erklärt oder definiert, und für jede Position gibt es eine Beweisführung. Hobbes schreibt verständlich und geradezu unterhaltsam, wenn er sich z. B. zu Seitenhieben gegen die Scholastik oder die Kirche hinreißen lässt. Allein der Stil zeigt schon, dass Hobbes ein eigenständiger Denker ist, der sich vor keiner Institution demütig verneigt.

Interpretationsansätze

  • Der Leviathan ist mehr als nur eine Staatstheorie, er ist ein umfassendes philosophisches Werk, das den Menschen von seinen Wahrnehmungen bis hin zu seinen Trieben, Träumen und Zielen erklärt und dabei auslotet, inwieweit er überhaupt ein gemeinschaftsfähiges Wesen ist.
  • Die Menschen gehen in Hobbes' Theorie den Gesellschaftsvertrag gleichberechtigt und aus freien Stücken ein. Er entspricht den Interessen eines jeden. Damit wird zum ersten Mal eine Art kollektiver Vernunft Grundlage einer politischen Theorie.
  • In einer Zeit, die noch stark an das Feudalsystem und dessen Gottgewolltheit glaubte, war dies ein Paradigmenwechsel: Der Mensch, sein Verstand und seine Natur stehen nun im Mittelpunkt, die Rolle der Kirche als Staats- und Sinnstifterin wird angegriffen. Hobbes ist der Erste, der theologische Rücksichten aufgibt.
  • Der Gesellschaftsvertrag garantiert auch die Möglichkeit, Eigentum zu erwerben und sicher zu leben. Hier klingen frühe bürgerlich-liberale Positionen an: Der Staat soll Rahmenbedingungen für die freie Ökonomie schaffen.
  • Der Staat ist absolut und verlangt unbedingten Gehorsam. Dieses Autoritäre an Hobbes' Vorschlag wurde oft kritisiert. Haben die Menschen einmal entschieden, ihre Macht abzutreten, dann geben sie ihre politische Mitbestimmung auf. Was ihnen bleibt, ist nur die ökonomische Freizügigkeit und das private Glück. Die Gefahr, dass der Staat selbst missbräuchlich handeln kann, schätzt Hobbes als gering ein.
  • Das berühmte Titelbild des Leviathan zeigt eine riesige menschliche Gestalt - den Souverän -, die aus lauter kleinen Menschenleibern zusammengesetzt ist. Die Gestalt symbolisiert: Der Leviathan ist so mächtig, dass die Freiheit des Einzelnen in ihm aufgelöst wird.

Historischer Hintergrund

Staatstheorie in Zeiten des Bürgerkriegs

Hobbes' Werk kann nicht ohne den geschichtlichen Hintergrund verstanden werden. Der Grundgedanke des Leviathan - Krieg als Prinzip des menschlichen Daseins - ist nichts anderes als Hobbes' eigene Erfahrung. 1642 brach in England der Bürgerkrieg zwischen dem alten Adel mit König Charles I. an der Spitze und dem jungen Parlament aus. Außerdem überschattete der blutige Krieg mit Spanien die englische Politik, und auch die verschiedenen religiösen Konfessionen mischten im kriegerischen Treiben mit. Der Bürgerkrieg endete mit der Hinrichtung des Königs im Jahr 1649. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wurde ein König nicht von einem Widersacher, sondern aufgrund eines Parlamentsentscheids hingerichtet. Die Monarchie wurde - vorübergehend - abgeschafft und eine Republik trat an ihre Stelle. Hobbes selbst sprach von "revolution": Ihm war klar, dass hier das Oberste zuunterst gekehrt wurde. Daher rührte seine Suche nach einem vernünftigen, geordneten Staat, einer starken Zentralgewalt, die das Chaos bändigt und trotzdem möglichst allen Glück und Wohlstand garantiert. Daraus ergab sich auch sein Wunsch nach ungeteilter Staatsmacht, die weder durch Mitspracherecht der Untertanen noch durch kirchliche Macht eingeschränkt wird: Jede Fraktionierung führt, so seine Erfahrung, zu gesellschaftlicher Wirrnis und Unfrieden.

Entstehung

Hobbes verfasste den Leviathan im französischen Exil; er war bereits über 60 Jahre alt und musste wegen seiner Schüttellähmung einen Schreiber beschäftigen. Die Abschnitte über den Naturzustand und die Vergesellschaftung des Menschen hatte er bereits in seinem Werk De Cive (Vom Bürger) vorbereitet, das sich mit der bürgerlichen Gesellschaft befasst. 1650 stellte er dann die ersten 37 Kapitel des Leviathan fertig und veröffentlichte das Werk im Jahr darauf in England zusammen mit De Cive. Gleichzeitig mehrten sich am Pariser Exilhof von Charles II. die Vorwürfe, Hobbes sei ein Atheist und Verräter. Er war in der Tat radikaler geworden. Anders als in früheren Werken trat er im Leviathan entschlossen auf und nahm keine Rücksicht mehr auf Traditionen oder politische Bindungen. Sein Denken war auf seinem Zenit angelangt, alle in früheren Schriften noch vorsichtigen Schritte hatte er radikal zu Ende gedacht. Diese Kompromisslosigkeit machte ihm politische Feinde: Seine Widersacher, die stärker auf die aktuellen politischen Machtveränderungen achteten als er, nutzten sie, um ihn bei Hof zu isolieren. Also floh er im gleichen Jahr nach England zurück, wo sein Hauptwerk erschien. Für eine lateinische Übersetzung seines Buches - Latein war damals die Weltsprache der Gelehrten - erhielt er in seinem Heimatland keine Druckerlaubnis. Diese Übersetzung erschien deshalb in Amsterdam. Nach der Erstausgabe 1651 ist der Leviathan in England erst wieder 1840 verlegt worden.

Wirkungsgeschichte

Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz bescheinigte Hobbes, er sei der Erste gewesen, der in der Staats- und Rechtsphilosophie die richtige Argumentations- und Demonstrationsmethode angewandt habe. Bis heute besticht sein Werk durch Originalität und Radikalität. Hobbes wurde schon früh als eigenständiger Denker anerkannt, der mit der geistesgeschichtlichen Tradition brach. An seinem staatstheoretischen Gedankengebäude messen sich politische Theorien bis heute.

Nach Erscheinen des Leviathan begann eine jahrzehntelange Kontroverse um das Buch. In England erschienen gut 100 Pamphlete gegen Hobbes, kaum eines sprach für ihn. Viele machten sich über den Titel lustig: Warum sollte ein Ungeheuer aus der Vorstellungswelt der Antike Sinnbild für einen vernünftigen Staat sein? Hobbes selbst galt vielen als gottloses, rebellisches "Monster". Er wurde angefeindet, sogar bedroht: Immerhin gab es zu dieser Zeit noch Ketzerprozesse. Englands Kirchen warfen ihm vor, Atheist zu sein (was er nicht war), weil er viele kirchliche Grundannahmen bestritt und die Nähe des christlichen Glaubens zum Aberglauben darstellte. Die Universität Oxford - seine Universität - verbrannte wenige Jahre nach seinem Tod seine politischen Schriften wegen ihrer angeblich verderblichen Wirkung in Bezug auf Staat, Herrschaft und Kirche. Auf dem Kontinent dagegen war die Wirkung auf die Gesellschaftsphilosophie von Anfang an groß; nicht nur der junge Leibniz bekannte sich zu Hobbes, auch Baruch Spinozas Tractatus theologico-politicus (1670) ist unverkennbar von ihm geprägt. David Hume, Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot, Immanuel Kant und Karl Marx, sie alle sind maßgeblich von ihm beeinflusst worden. Hobbes hat das Verhältnis zwischen Bürger und Staat, Macht und Recht erstmalig auf provozierende und produktive Weise thematisiert und regte zum Nach- und Weiterdenken an. Georg Wilhelm Friedrich Hegel stellte beispielsweise fest, dass der Kampf aller gegen alle in der bürgerlichen Gesellschaft keineswegs aufgehoben sei, sondern erst richtig entbrenne.

Über den Autor

Thomas Hobbes wird am 5. April 1588 in Westport (England) geboren. Sein Vater, ein wenig gebildeter Landgeistlicher und Trunkenbold, macht sich nach einer Schlägerei mit einem Glaubensbruder auf und davon. Glück im Unglück: Ab sofort kümmert sich Hobbes' Onkel um seine Ausbildung. Er erlernt in Oxford die klassischen Sprachen und die Physik und Logik Aristoteles' kennen. 1608 beendet er das Studium und wird Tutor, später Privatsekretär in der hochadeligen Familie Cavendish. Diese Tätigkeit führt den jungen Hobbes ins Ausland: Er begleitet seine adeligen Schützlinge mehrfach auf die übliche "Grand Tour", die oft mehrjährige Bildungsreise auf den Kontinent. Hobbes beginnt einen intensiven geistigen Austausch mit Philosophen seiner Zeit: Francis Bacon, René Descartes, möglicherweise auch Galileo Galilei. Seine wichtigsten philosophischen Themen werden die Staatsverfassung, die Willensfreiheit und die Bedingungen der Möglichkeit für eine menschliche Gesellschaft. Im englischen Bürgerkrieg unterstützt er die absolutistische Staatsverfassung. 1640 veröffentlicht er die Elements of Law, in denen auch seine Abhandlung Human Nature enthalten ist, und verteilt sie unter den Abgeordneten des Parlaments, um sie für die Sache des Königs zu beeinflussen. Als das Parlament die Vertreter der absolutistischen Politik des Königs unter Anklage stellen will, fühlt sich Hobbes bedroht und flieht nach Frankreich. Dort erteilt er dem Thronaspiranten Charles Stuart Mathematikunterricht. 1647 erkrankt Hobbes schwer und behält eine Schüttellähmung zurück, die ihn zwingt, einen Schreiber zu beschäftigen. Hobbes wird am Exilhof des englischen Königs in Paris isoliert, man bezichtigt ihn des Verrats. Er kehrt nach England zurück, verpflichtet sich dem republikanischen England gegenüber zur Treue, gerät dann aber später wieder in eine prekäre Situation, als 1660 die Monarchie restauriert wird und die Republikaner mit dem Tod bedroht werden. Hobbes bleibt aber unbehelligt und verbringt den Rest seines Lebens als Gast beim Earl of Devonshire sowie in London. Er veröffentlicht philosophische Schriften und fordert die Säkularisierung der Universitäten. 1679 stirbt Hobbes 91-jährig.


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