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Menschenkind

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Menschenkind

Rowohlt,

15 Minuten Lesezeit
9 Stunden gespart
10 Take-aways
Text verfügbar

Was ist drin?

Eine entflohene Sklavin tötet ihre Tochter, um sie vor den Sklavenfängern zu beschützen – Toni Morrisons Menschenkind ist ein Schlüsselwerk der afroamerikanischen Literatur.


Literatur­klassiker

  • Historischer Roman
  • Gegenwartsliteratur

Worum es geht

Das Trauma der Sklaverei

Menschenkind ist vieles zugleich: eine Gespenstergeschichte, eine Liebesgeschichte, ein politischer Roman. Das komplexe Geflecht aus Erinnerungen, Gegenwart und Fantastik ist vielschichtig und lädt zu unterschiedlichen Lesarten ein. Vor allem aber ist es voll emotionaler Wucht, überaus anschaulich und legt den Finger in die Wunde eines oft verdrängten, finsteren Kapitels der US-Geschichte. Toni Morrison widmete es den „Sechzig Millionen und mehr“, die infolge des Sklavenhandels starben. Das Schicksal der entflohenen Sklavin Sethe, die ihre Tochter umbringt, als die Sklavenfänger kommen, um sie und ihre Kinder zurückzuholen, wirft schwere Fragen auf: Gibt es Kindsmord aus Mutterliebe? Wie lebt man mit einer solchen Schuld? Menschenkind zu lesen tut weh, ist aber gleichzeitig ein Genuss, weil der Roman so musikalisch, lebendig, poetisch, realistisch und rätselhaft ist.

Take-aways

  • Menschenkind, 1987 erschienen, ist der dritte und berühmteste Roman der afroamerikanischen Autorin Toni Morrison.
  • Inhalt: Die entflohene Sklavin Sethe tötet ihre Tochter, um sie vor Sklavenfängern zu beschützen. Fortan lebt sie isoliert und geächtet. 18 Jahre später taucht Paul D auf, der auf derselben Farm Sklave war, und kurz darauf eine junge Frau, die Sethe für eine Wiedergängerin ihrer toten Tochter hält.
  • Zentrales Thema des Textes ist die Grausamkeit der Sklaverei.
  • Für den Roman erhielt Morrison 1988 den Pulitzerpreis. 1993 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis geehrt.
  • Die Handlung beruht auf dem historischen Fall der Margaret Garner, die – wie Sethe im Roman – eines ihrer Kinder tötete, um es vor einem Leben in Sklaverei zu bewahren.
  • Mit dem Roman wollte Morrison das sowohl von schwarzen als auch von weißen Amerikanern verdrängte Kapitel der Sklaverei ins nationale Bewusstsein holen.
  • Der Roman ist nicht linear erzählt, sondern voller Sprünge.
  • Die geheimnisvolle Figur „Menschenkind“ kann als Inkarnation von Sethes Schuldgefühlen ob der Tötung ihrer Tochter gelesen werden.
  • Der Roman verzichtet darauf, Sethes Tat zu moralisieren. Stattdessen zeigt er sie als extreme Reaktion auf die Grausamkeit der Sklaverei.
  • Zitat: „Nein. Nein. Neinnein. Neinneinnein. Einfach. Sie flog. Sammelte jedes bisschen Leben ein, das sie gemacht hatte, all die Teile ihrer selbst, die kostbar und schön und herrlich waren, und trug, schob und zerrte sie durch den Schleier, hinaus, fort, dorthin, wo keiner ihnen etwas anhaben konnte.“

Zusammenfassung

Das Leben der Sklaven auf Sweet Home

Die 13-jährige Sethe kommt als Sklavin auf die Farm „Sweet Home“ in Kentucky. Die anderen Sklaven sind Männer: die Halbbrüder Paul A, Paul D und Paul F sowie Sixo und Halle Suggs. Wenig später wählt Sethe Halle als Ehemann. Besitzer der Farm ist das Ehepaar Garner. Mr. Garner gibt vor anderen Farmern damit an, dass seine Sklaven echte Männer seien. Sie dürfen Gewehre tragen und auf die Jagd gehen, um ihre Nahrung aufzubessern. Sie dürfen ihre Partner selbst wählen. Und er hört in landwirtschaftlichen Fragen auf ihre Meinung. Sie müssen trotzdem viel arbeiten, aber unter Mr. Garner gibt es keine Schläge und Misshandlungen. Halle darf seine über 60-jährige Mutter Baby Suggs durch Mehrarbeit aus der Sklaverei freikaufen. Als diese daraufhin nach Cincinnati zieht, wird sie durch Sethe ersetzt. Sethe und Halle bekommen drei Kinder: zwei Jungen und ein Mädchen. Sethe arbeitet vor allem im Haus und in der Küche eng mit Mrs. Garner zusammen. Das Verhältnis der beiden ist vertrauensvoll.

„Jetzt mal langsam, Garner. Nigger und Männer – das gibt’s doch gar nicht.‘ ‚Nicht, wenn man sich in die Hosen macht, dann nicht.‘“ (Die anderen Farmer zu Mr. Garner, S. 26)

Leider stirbt Mr. Garner unerwartet. Seine kranke Witwe holt daraufhin ihren Schwager auf die Farm, einen Lehrer. Er zieht mit zwei Halbwüchsigen nach Sweet Home – ob es seine Söhne oder Neffen waren, weiß Sethe nicht mehr. Sie misshandeln die Sklaven und missbrauchen Sethe sexuell. Der Lehrer gestattet keine Gewehre mehr und kettet die Sklaven an, wenn sie seine Regeln nicht befolgen. Er hält Sklaven eher für Tiere als für Menschen. Unaufhörlich stellt er ihnen Fragen und schreibt die Antworten in ein Notizbuch.

Die Flucht

Weil ihr Leben unter dem Lehrer immer schlimmer wird, schmieden die Sklaven von Sweet Home einen Fluchtplan. Sie wollen über den Ohio-Fluss in den freien Norden fliehen. Sie bereiten den Plan über Monate vor, passen ihn immer wieder an, denn sie warten auf den richtigen Zeitpunkt: im Hochsommer, wenn der Mais hoch steht. Als es schließlich so weit ist, gelingt nur der hochschwangeren Sethe, ihren Kindern und Paul D die Flucht.

„Ich habe es geschafft. Ich hab uns alle rausgekriegt. Auch ohne Halle. Es war das Allererste, was ich in meinem Leben allein getan habe. Und allein entschieden.“ (Sethe, S. 239)

Paul A, Paul F und Sixo werden getötet. Sixo wollen die Häscher zunächst lebendig verbrennen, doch als das nicht gelingt, erschießen sie ihn. Sethe schickt ihre Kinder auf einem Wagen voraus, das Ziel ist das Haus ihrer Schwiegermutter in Cincinnati. Sie selbst will noch nach Halle suchen will, aber sie findet ihn nicht. Paul D erzählt ihr später, dass Halle hatte mit ansehen müssen, wie sie kurz vor der Flucht von den zwei Jungs des Lehrers sexuell missbraucht worden war – einer hatte Sethe zu Boden gerungen, der andere aus ihren Brüsten getrunken. Im Anschluss war sie ausgepeitscht worden. Paul D meint, Halle sei daran innerlich zerbrochen und dann vermutlich auch getötet worden.

Sethe kann sich kaum bewegen, weil sie hochschwanger und ihr Rücken von den Peitschenschlägen zerfleischt ist. Trotzdem gelingt es ihr, durch die Wälder zum Ohio zu gelangen. Ein weißes Mädchen, das von zu Hause weggelaufen ist, Amy Denver, hilft ihr zu überleben und schließlich ihr Kind auf die Welt zu bringen. Sethe nennt das Baby nach ihr, Denver. Am Fluss trifft sie die Fluchthelfer Stamp Paid und Ella, sie bringen Sethe nach Cincinnati. Dort, im Haus ihrer Schwiegermutter, Baby Suggs, findet sie auch ihre drei Kinder wohlbehalten vor.

„Du warst schwanger, und die haben dich geschlagen?‘ ‚Und mir meine Milch genommen!‘“ (Paul D zu Sethe, S. 35)

Vier Wochen in Freiheit

Vier Wochen lang genießt Sethe das neue Gefühl, ein freier Mensch und wieder mit ihren Kindern zusammen zu sein. Ihre Schwiegermutter pflegt sie gesund und behandelt ihren wunden Rücken. Baby Suggs, genannt „die Heilige“, ist eine charismatische und in der Nachbarschaft hochgeachtete, weise Frau, die sonntags auf einer Waldlichtung predigt. Sie lässt die Menschen tanzen, lachen, weinen und spricht ihnen Mut zu. Dank ihr erlebt Sethe nachbarschaftliche Verbundenheit unter den Schwarzen im Viertel. Es werden auch rauschende Feste gefeiert. Baby Suggs wohnt in einem Haus, das die Geschwister Bodwin, zwei ältere weiße Abolitionisten, ihr überlassen haben. Es ist eine glückliche Zeit, auch wenn Sethe nicht weiß, was mit ihrem Mann passiert ist.

„Tage der Heilung, der Entspannung und richtiger Gespräche. Tage der Gesellschaft (…)“ (S. 145)

Kindsmord aus Liebe

Eines Tages nach einem Gartenfest kommt der Lehrer von Sweet Home, um Sethe und ihre Kinder zurückzuholen. Er hat einen seiner Neffen dabei, dazu einen Sklavenfänger und einen Sheriff. Die Männer finden Sethe im Holzschuppen mit ihren Kindern, überall ist Blut. Sethe hat ihrer älteren Tochter die Kehle durchgeschnitten, hält sie an sich gepresst. Die Jungen liegen blutend am Boden. Sie ist eben im Begriff, das neugeborene Baby gegen eine Wand zu schlagen, doch das verhindert Stamp Paid, der zufällig gerade im Garten ist. Sethe hat all ihre Kinder und dann sich selbst töten wollen – aus Liebe, um ihnen ein Leben zu ersparen, wie es ihnen in Sweet Home bevorstehen würde.

Der Schullehrer zieht unverrichteter Dinge wieder ab. Er gibt seinem Neffen eine Mitschuld an Sethes Tat: Er sei eindeutig zu hart mit ihr umgesprungen, und nun sei sie wahnsinnig geworden.

„Nein. Nein. Neinnein. Neinneinnein. Einfach. Sie flog. Sammelte jedes bisschen Leben ein, das sie gemacht hatte, all die Teile ihrer selbst, die kostbar und schön und herrlich waren, und trug, schob und zerrte sie durch den Schleier, hinaus, fort, dorthin, wo keiner ihnen etwas anhaben konnte.“ (S. 241)

Sethe kommt samt Baby ins Gefängnis. Dass sie nicht am Galgen endet, ist den Abolitionisten um die Geschwister Bodwin zu verdanken, die sich erfolgreich für Sethes Freilassung einsetzen. Als Sethe aus dem Gefängnis entlassen ist, lässt sie einen Grabstein für ihre tote Tochter anfertigen mit der Aufschrift „Menschenkind“. Den Steinmetz muss sie mit Sex bezahlen.

Paul D taucht auf.

Seither leben Sethe und Denver wieder im Haus Nr. 124 an der Bluestone Road. Sie werden von den schwarzen Nachbarn ausgegrenzt, isolieren sich aber auch selbst. Sethe kocht in einem Restaurant, Denver ist einsam und völlig ohne Kontakte. Eine Weile lang hat sie die Schule besucht, aber als ein Junge sie einmal auf die Tat ihrer Mutter ansprach und Denver daraufhin Sethe zur Rede stellt, wird sie taub, noch bevor Sethe antwortet. Fortan bleibt Denver zu Hause.

Sethes Söhne sind seit der Tat verstört und laufen davon, als sie 13 Jahre alt sind. Kurz danach stirbt Baby Suggs, gebrochen von den schrecklichen Ereignissen. Ihre letzten Jahre hat sie im Bett verbracht. Das Haus selbst wird, da sind sich alle einig, vom Geist des getöteten Mädchens heimgesucht.

„Die 124 war böse. So tückisch wie ein Kleinkind. Die Frauen im Haus wussten das und die Kinder auch.“ (S. 15)

1874, 18 Jahre nach den dramatischen Ereignissen, taucht Paul D auf. Er und Sethe beginnen vorsichtig eine Liebesbeziehung miteinander – doch ihre gemeinsame Vergangenheit in der Sklaverei lastet allzu schwer auf ihnen. Immer wieder kommen ihnen grauenhafte Erinnerungen hoch, manche erzählen sie einander, manche nicht. Dabei erfährt Paul D zunächst nichts davon, dass Sethe ihre Tochter getötet hat. Er nimmt nur den Geist wahr und prügelt ihn hinaus.

Wer ist Menschenkind?

Denver ist eifersüchtig auf Paul D, der jetzt die Aufmerksamkeit ihrer Mutter beansprucht. Doch Paul D kämpft um Denvers Gunst – und erringt sie, als er Denver und Sethe zum Farbigentag auf den Jahrmarkt einlädt. Sie haben einen zauberhaften Nachmittag, der Paul D viele Sympathien und einige Jobangebote einbringt und die Möglichkeit aufscheinen lässt, dass Sethe und Denver wieder mehr in Kontakt mit den Menschen in ihrem Viertel kommen.

Als die drei beschwingt vom Jahrmarkt zurückkommen, sitzt eine erschöpfte junge Frau vor ihrer Tür. Sie heiße Menschenkind, sagt sie. Sethe nimmt sie auf, sie und vor allem Denver pflegen Menschenkind gesund. Beide kommen nach und nach zu der Gewissheit, dass der Geist von Sethes Tochter, den Paul D vertrieben hatte, nun in Fleisch und Blut zurückgekehrt sei. Menschenkind scheint Dinge zu wissen, die nicht anders zu erklären sind, und sie scheint sich in Luft auflösen zu können. Paul D versucht, etwas über die Herkunft des Mädchens zu erfahren, bekommt aber nichts aus ihr heraus. Sie erzählt nur, dass sie an einer Brücke war.

„Menschenkind konnte den Blick nicht von Sethe wenden.“ (S. 93)

Menschenkind ist auf Sethe fixiert, und Denver, die sich nach Kontakt sehnt, ist auf Menschenkind fixiert. Paul D fühlt sich von Menschenkind aus dem Haus vertrieben und schläft fortan im Schuppen. Dort wird er eines Nachts von Menschenkind verführt. Er ist überzeugt, eigentlich nicht wirklich zu wollen, aber auch nicht anders zu können. Später schämt er sich dafür. Um den Bann zu brechen, unter dem er zu stehen glaubt, will er Sethe davon erzählen, schafft es jedoch nicht. Stattdessen fragt er Sethe, ob sie ein Kind mit ihm will – ein klares Zeichen für eine gemeinsame Zukunft. Sethe sagt Ja, obwohl ihr eigentlich nicht der Sinn nach einem weiteren Kind steht.

Paul D zieht sich zurück

Der alte Stamp Paid hat die Annäherung zwischen Sethe und Paul D wohlwollend beobachtet, meint aber, dass Paul D von Sethes Tat wissen sollte. Also nimmt er Paul D beiseite und liest ihm einen Zeitungsartikel vor, in dem von der Tat berichtet wird. Paul D, der selbst nicht lesen kann, weigert sich zu glauben, der Artikel beziehe sich auf Sethe. Die Porträtzeichnung daneben zeige eine andere Frau.

Doch später sucht Paul D das Gespräch mit Sethe. Sie kann nicht direkt über die Tat sprechen, aber sie verteidigt sie. Ihr Ziel, ihre Kinder nicht der Sklaverei auszuliefern, habe sie erreicht. Paul D besteht darauf, dass es andere Möglichkeiten gegeben hätte. Es kommt zum Bruch zwischen ihm und Sethe. Fortan schläft Paul D im Keller der Kirche und beginnt zu trinken.

Mutterliebe bis zur Selbstaufgabe

Nachdem Paul D weg ist, leben Sethe, Denver und Menschenkind zunächst in inniger Dreisamkeit. Sethe ist sich sicher, dass Menschenkind ihre vom Tod zurückgekehrte Tochter ist. Doch bald nimmt die Beziehung zwischen Sethe und Menschenkind obsessive Züge an und Denver gerät immer mehr ins Abseits. Die beiden schließen sich im Haus ein und verstricken sich in eine Spirale aus Liebe, Vorwürfen und Schuld. Sethe will sich immerzu erklären und ihre Liebe beweisen, aber für Menschenkind scheint nichts genug. Sie wird immer dicker, während Sethe immer mehr abmagert. Sie ist so auf Menschenkind fixiert, dass sie ihre Alltagspflichten vernachlässigt und ihren Job als Köchin verliert. Denver wird von beiden überhaupt nicht mehr beachtet.

„(…) dass ihre Mutter herumsaß wie eine Schlenkerpuppe, endlich zusammengebrochen unter ihren Bemühungen, sich zu kümmern und wiedergutzumachen.“ (S. 351)

Bald wird Denver klar, dass sie etwas tun muss, damit ihre Mutter nicht verhungert – sämtliche Ersparnisse sind aufgebraucht. So beschließt sie, die Sicherheit des Hauses zu verlassen und in die Außenwelt zu gehen. Sie überwindet ihre Angst und sucht Lady Jones auf, bei der sie einst Unterricht gehabt hat. Lady Jones empfängt Denver mit offenen Armen, und von da an findet diese regelmäßig Essenspakete im Garten, von unterschiedlichen Geberinnen aus der Nachbarschaft. Zu Hause kümmert sich Denver um den Haushalt. Doch sie begreift, dass sie sich einen Job suchen muss. Sie sucht die Bodwins auf, trifft dort aber zunächst nur auf deren Dienstmädchen Janey Wagon. Nachdem Denver Janey ihre Situation geschildert hat, setzt diese sich bei den Bodwins für sie ein und verschafft ihr so eine Stelle.

Tut sie es wieder?

Janey erzählt Nachbarinnen, was in der 124 los ist. Daraufhin beschließen einige Frauen, Sethe zu retten. Just als sie sich vor Sethes Haus versammelt haben, fährt Mr. Bodwin mit dem Pferdewagen vor, um Denver abzuholen. Sethe und Menschenkind kommen aus dem Haus und bemerken zuerst die singenden Frauen, dann Mr. Bodwin. Im Wahn hält Sethe ihn für den Lehrer und meint, er sei gekommen, ihr Kind zu holen. Sie hat vom Eishacken eine Hacke in der Hand und stürmt damit auf Mr. Bodwin los. Doch Denver und Ella halten Sethe zurück. Kurz darauf ist Menschenkind verschwunden – einige behaupten, sie gar nie gesehen zu haben.

Menschenkind verschwindet und Paul D kehrt zurück

Paul D trifft Denver auf der Straße. Sie ist verändert – schlanker und erwachsener. Miss Bodwin unterrichtet sie jetzt, vielleicht wird sie aufs College gehen. Paul D geht zu Sethe. Sie liegt in dem Bett, in dem Baby Suggs die letzten Jahre ihres Lebens verbracht hat. Es macht Paul D wütend, Sethe so zu sehen. Sie wirkt, als habe sie sich aufgegeben. Er will sich jetzt um sie kümmern und beginnt damit, sie zu waschen. Sie sagt, „das Beste“, was sie hatte, habe sie verlassen. Er nimmt ihre Hand und sagt, sie selbst sei ihr Bestes.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Roman ist in drei Teile sehr unterschiedlicher Länge gegliedert: Der erste Teil ist der längste, Teil 2 etwas kürzer und Teil 3 besteht aus nur zwei Abschnitten und einem Epilog. Alle drei Teile beginnen ähnlich: „Die 124 war böse.“, „In der 124 war es laut.“ bzw. „In der 124 war es still“. Überhaupt sind Wiederholungen und Variationen kennzeichnend für den Text. Dabei ist die Handlung alles andere als linear. Der Roman beginnt mit dem Auftauchen von Paul D, und die verschiedenen Handlungsstränge setzen sich meist aus den Erinnerungen der einzelnen Figuren zusammen, allerdings mit großen Sprüngen. Zusammenhänge erschließen sich oft erst im weiteren Voranschreiten des Handlungsstrangs. Menschenkind ist zum größten Teil in der dritten Person geschrieben, wobei auch die Gefühle und Gedanken der Figuren beschrieben werden – und zwar nicht nur die der Hauptfiguren: Auch die Innensicht Stamp Paids, Edward Bodwins und sogar des Schullehrers wird an einigen Stellen dargestellt.

Interpretationsansätze

  • Die Figur Menschenkind kann als Inkarnation von Sethes Schuldgefühlen verstanden werden, mit denen sie erst fertigwerden muss, bevor sie eine Zukunft mit Paul D hat. Sie lässt aber auch Raum für ganz andere Interpretationen. In einer anderen Lesart verkörpert Menschenkind die Sklaverei an sich.
  • Der Roman thematisiert Entmenschlichung als zentrales Merkmal der Sklaverei. Immer wieder geht es um die Grenzen zwischen Tier und Mensch. Der Schullehrer beschreibt die Sklaven, als seien sie Tiere – was sich unter anderem zeigt, wenn es um ihre Fortpflanzung geht. So wird Sethe als wertvoller Besitz gesehen, denn sie sei „Eigentum, das sich selbst reproduziert, ohne Kosten zu verursachen“.
  • Zentral ist auch das Motiv der Mutterliebe. Sklavinnen wurden oft davon abgehalten, ihre Mutterrolle auszufüllen: So wurde Sethe von einer anderen Frau gestillt und ein achtjähriges Mädchen passte auf sie auf. Auch Baby Suggs wird es großteils vorenthalten, ihre Kinder aufwachsen zu sehen, die schon früh verkauft werden. Allgemein heißt es unter den Sklaven, man solle sein Herz nicht zu sehr an seine Kinder hängen, weil sie einem sowieso weggenommen würden. Dagegen rebelliert Sethe und gibt sich einer intensiven Mutterliebe hin.
  • Der Kindsmord kann als Akt pervertierter mütterlicher Selbstermächtigung gelesen werden. Sethe bringt ihr Kind in Sicherheit, paradoxerweise, indem sie es tötet. Das Buch enthält sich einer moralischen Bewertung, klar ist aber, dass es über die persönliche Schuld hinausweist auf die Unmenschlichkeit der Sklaverei, die so etwas hervorbringt.

Historischer Hintergrund

Sklavenhandel in den USA

Der transatlantische Sklavenhandel dauerte vom 15. Jahrhundert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Er war Teil des Dreieckshandels zwischen Europa, Afrika und Amerika: Schiffe transportierten Waren wie Textilien, Alkohol, Waffen von Europa nach Afrika, um diese dort gegen Menschen einzutauschen. Die versklavten Afrikaner wurden dann in Nord- und Südamerika gegen Güter wie Baumwolle, Zucker, Tabak eingetauscht, die wiederum zurück nach Europa verschifft wurden. Die Sklaverei geriet ab dem 18. Jahrhundert in die Kritik – zuerst in Europa: In England wurden 1787, in Frankreich 1788 die ersten Anti-Sklaverei-Gesellschaften gegründet, in Amerika fanden solche Vereine jedoch kaum Unterstützung. Als der transatlantische Sklavenhandel zurückging und 1808 offiziell verboten wurde, verlegten sich die amerikanischen Sklavenhalter darauf, den Nachschub an Sklaven über den inländischen Handel zu sichern. Sklavenhandelsfirmen und Sklavenmärkte wurden gegründet. Um 1860 gab es in den USA mehr als 3 Millionen Sklaven. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde auch hier die Bewegung der Abolitionisten immer stärker. Vereine zur Abschaffung der Sklaverei bildeten sich, meist religiös oder humanistisch motiviert. Das Thema wurde zum Streitpunkt zwischen dem Norden der USA, der die Sklaverei abschaffen wollte, und dem Süden. Dieser Streit wurde zu einem der Gründe für den amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865. Der Norden gewann den Krieg, damit wurde die Sklaverei in den USA 1865 offiziell abgeschafft. Im Süden bildete sich als Antwort daraufhin der Ku-Klux-Klan – ein terroristischer Geheimbund mit dem Ziel, Schwarze gewaltsam zu unterdrücken. Zwischen 1877 und 1950 gab es über 4400 Lynchmorde an schwarzen Amerikanern. Mit den sogenannten Jim-Crow-Gesetzen versuchten die US-Südstaaten die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung trotz verfassungsmäßiger Gleichstellung de facto aufrechtzuerhalten. Erst mit dem Civil Rights Act von 1964 und dem Voting Rights Act von 1965 fand das Jim-Crow-System ein Ende.

Entstehung

Konkretes Vorbild für den Roman war der historische Fall der Margaret Garner – einer Sklavin, die eines ihrer Kinder tötete, um es vor der Sklaverei zu bewahren. Toni Morrison stieß auf Garners Geschichte, während sie 1974 für den Verlag Random House ein Collagenwerk namens The Black Book zusammenstellte – das Dokumente und Zeitzeugnisse zur Geschichte der Afroamerikaner versammelte.

Im weiteren Sinne zählen die Sklavenerzählungen des 19. Jahrhunderts zu den literarischen Einflüssen, die sich in Menschenkind zeigen, speziell Erzählungen von weiblichen Sklaven, etwa Harriet Ann JacobsErlebnisse aus dem Leben eines Sklavenmädchens von 1861. Toni Morrison geht es allerdings darum, „die Lücken zu schließen, die die traditionelle Sklavenerzählung ließ“ – Lücken, die der Rücksicht auf die Empfindlichkeiten weißer Leser geschuldet sind, die das Hauptpublikum jener frühen Erzählungen bildeten.

Darüber hinaus kann die gesamte schwarze Populärkultur als Hintergrund von Morrisons Text gesehen werden: Musikstile wie Gospel, Blues und Jazz prägten die Rhythmisierung und Bildhaftigkeit des Textes, afroamerikanische Folklore mit ihren mündlich weitergegebenen, oft das Übernatürliche streifenden Erzählungen, ist Quelle etwa für die Figur Menschenkind.

Wirkungsgeschichte

Während Morrison Menschenkind schrieb, war sie überzeugt, dass der Roman von all ihren Büchern am wenigsten Leser finden würde. Schließlich handelte er von Dingen, an die sich niemand erinnern will – die Romanfiguren nicht, die Autorin nicht, schwarze Menschen nicht, weiße Menschen nicht. Das Thema Sklaverei sei eine „nationale Amnesie“.

Doch das Gegenteil geschah: Menschenkind wurde von der Kritik gefeiert und hielt sich 25 Wochen lang auf den US-Bestsellerlisten. Toni Morrison wurde mit dem Roman zur zentralen Stimme der afroamerikanischen Literatur. Kritiker hoben sowohl die Bedeutung des Themas als auch die Kunstfertigkeit des Romans hervor. 1987 war das Buch für den National Book Award nominiert, gewann ihn aber nicht – wogegen 48 afroamerikanische Schriftsteller und Kritiker einen Protestbrief in der New York Times unterzeichneten. 1988 gewann Menschenkind den Pulitzerpreis.

1998 wurde der Roman verfilmt – mit Oprah Winfrey in der Hauptrolle und als Co-Produzentin. 2005 wurde die Oper Margaret Garner uraufgeführt, für die Toni Morrison das Libretto schrieb.

Über die Autorin

Die Afroamerikanerin Toni Morrison wird am 18. Februar 1931 als zweites von vier Kindern in Lorain, Ohio geboren, ihr Geburtsname ist Chloe Ardelia Wofford. Ihr Vater kommt ursprünglich aus Georgia, wo er rassistische Gewalt erlebt hatte. Durch ihr Elternhaus ist Toni Morrison tief verwurzelt in der schwarzen Kultur mit ihrer Musik, ihren Ritualen und mündlich weitergegebenen Geschichten. Mit zwölf Jahren tritt sie zum Katholizismus über. Ihr Taufname ist Anthony – deshalb nennt sie sich später Toni. Als Jugendliche liest sie die großen Klassiker, etwa Jane Austen und die russischen Romanciers. Ihren Highschoolabschluss besteht sie mit Auszeichnung und studiert dann Anglistik an der traditionell afroamerikanischen Howard University in Washington D. C. Hier beginnt sie zu schreiben, wird Mitglied eines literarischen Zirkels. Nach dem Abschluss ist sie zunächst Universitätsdozentin für Literatur. 1958 heiratet sie den jamaikanischen Architekten Howard Morrison. Ihr erster Sohn wird 1961 geboren. Sie lässt sich 1964 scheiden, während sie mit ihrem zweiten Sohn schwanger ist. Nach der Scheidung geht Morrison nach New York und wird Verlagslektorin. Ihre Mission ist es, afroamerikanische Autoren mehr in die Wahrnehmung der literarischen Öffentlichkeit zu rücken. Eine Kurzgeschichte, die sie während der Howard-Zeit geschrieben hatte, entwickelt sie zu ihrem ersten Roman weiter, der 1970 unter dem Titel Sehr blaue Augen (The Bluest Eyes) erscheint. Als alleinerziehende berufstätige Mutter steht sie um vier Uhr morgens auf, um zu schreiben. Ihr dritter Roman, Solomons Lied (Song of Solomon, 1977), brachte ihr dann den literarischen Durchbruch. Morrisons insgesamt elf Romane handeln durchweg von den Schicksalen afroamerikanischer Menschen. Ihr Roman Menschenkind (Beloved, 1987) bringt ihr 1988 den Pulitzerpreis. 1993 wird sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Sie stirbt am 5. August 2019, mit 88 Jahren, in New York an den Folgen einer Lungenentzündung.

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