Zusammenfassung von Menschliche Kommunikation

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Menschliche Kommunikation Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Psychologie
  • Moderne

Worum es geht

Von der Unmöglichkeit der Nicht-Kommunikation

Paul Watzlawick ist für vieles bekannt: für seine populärwissenschaftliche Ratgeberparodie Anleitung zum Unglücklichsein, für seine Arbeiten, Vorlesungen und Interviews zum radikalen Konstruktivismus und nicht zuletzt für seinen Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Der steht in seinem Erstlingswerk Menschliche Kommunikation. Wer die viel zitierte Erkenntnis zum Anlass nimmt, sich zum ersten Mal mit Watzlawick zu beschäftigen, wird erstaunt sein, dass er eigentlich Psychotherapeut war und darum auch sein Buch mit Gesprächen und teilweise erstaunlichen Fallbeispielen aus der familientherapeutischen Praxis gespickt ist. Die konkrete, praxisorientierte Hilfe bei scheinbar ausweglosen Kommunikationsstörungen und -paradoxien bildet den Ausgangspunkt für eine Systematik der Pragmatik. Das ist jener linguistische Wissenschaftszweig, der sich damit beschäftigt, wie Sprache wirkt und welches Verhalten mit ihr angeregt, gesteuert oder blockiert werden kann. Watzlawicks Theorien sind umstritten, was ihrer Popularität aber keinen Abbruch tut. Die Lektüre lohnt sich, zumal sie dem Leser dank ihrer Praxisnähe manches Aha-Erlebnis beschert.

Take-aways

  • Paul Watzlawicks Abhandlung über die menschliche Kommunikation und ihre Störungen ist ein Standardwerk der Kommunikationstheorie.
  • Inhalt: Die menschliche Kommunikation ist fehleranfällig, weil wir zwar ständig die Sprache verwenden, aber nicht gelernt haben, über die Sprache und ihre Paradoxien zu sprechen. Fünf pragmatische Axiome kennzeichnen jede Kommunikation. Die beiden wichtigsten: Nicht-Kommunikation gibt es nicht. Und: Jede Kommunikation besitzt eine inhaltliche und eine Beziehungsebene.
  • Watzlawicks Interesse an den Störungen der Kommunikation erwuchs aus seiner praktischen Tätigkeit als Familientherapeut.
  • In seinem Buch verwendet er hauptsächlich Geschichten und Fallbeispiele aus seiner therapeutischen Praxis.
  • Als Anhänger der Systemtheorie betrachtet Watzlawick niemals einzelne menschliche Individuen, sondern immer das soziale System, in dem sie sich befinden.
  • Der von Watzlawick vertretene radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass jeder Mensch sich seine Wirklichkeit konstruiert und es keine objektive Realität gibt.
  • Menschliche Kommunikation machte Watzlawicks Kommunikationstheorie schlagartig bekannt und war sehr einflussreich.
  • Ab den 80er Jahren meldeten sich vermehrt Kritiker zu Wort, die sogar so weit gingen, Watzlawicks Theorien jede wissenschaftliche Bedeutung abzusprechen.
  • Wenn man nicht nicht kommunizieren kann, ist offenbar alles Kommunikation; Kommunikation und Nicht-Kommunikation lassen sich nicht mehr unterscheiden. Der Begriff, um den es geht, wird zur Leerformel.
  • Zitat: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“
 

Zusammenfassung

Menschliche Kommunikation ist allgegenwärtig

Die menschliche Kommunikation lässt sich in drei Teilgebiete gliedern: Syntaktik, Semantik und Pragmatik. Die Syntaktik stellt die formale Verknüpfung sprachlicher Zeichen dar, die Semantik hat es mit dem Sinn bzw. der Bedeutung dieser Zeichen zu tun, während die Pragmatik eine Interpretation der Zeichen und ihrer Wirkungen auf das Verhalten von Menschen ist. Theoretisch ist eine strikte Abgrenzung der Bereiche möglich, allerdings hängen sie in der Praxis wechselseitig voneinander ab. Eine Sprache zu beherrschen und Wissen über diese Sprache zu besitzen, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Eine Sprache fehlerfrei sprechen kann man auch, ohne eine Ahnung von Grammatik oder Syntax zu haben. Entsprechend geht es vielen Menschen mit dem Wissen über die Pragmatik: Obwohl sie ständig kommunizieren, sind sie fast unfähig, über Kommunikation zu kommunizieren. Ihnen fehlt das Verständnis für die Metakommunikation. Wissenschaftliche Untersuchungen hierzu beschränken sich auf das, was in der Kommunikation zu beobachten ist, sozusagen auf die Ein- und Ausgabewerte; sie erstrecken sich nicht auf die Abläufe im menschlichen Gehirn selbst. Diese können nicht beobachtet werden.

Fünf pragmatische Axiome

Es existieren insgesamt fünf Axiome der Pragmatik:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren. Das Verhalten von Individuen zueinander stellt in jedem Fall eine Kommunikation dar. Dabei ist es nicht relevant, ob die Individuen miteinander sprechen. Das bedeutet, dass eine Nicht-Kommunikation nicht möglich ist, genauso wie Nicht-Verhalten nicht möglich ist. Selbst ein Individuum, das schweigt und zu Boden blickt, kommuniziert über dieses Verhalten mit seiner Umwelt. Es signalisiert: Ich will nicht sprechen und deshalb sprecht mich auch nicht an.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Eine Frage wie „Sind die Perlen echt?“ an eine Frau, die ebensolche um den Hals trägt, ist formal gesehen eine Bitte um Informationen zur Beschaffenheit der Perlen. Dies ist der Inhaltsaspekt der Frage. Je nachdem, wie der Fragende diese Frage stellt, kann es sich um Neugierde, Bewunderung oder auch Skepsis handeln – indem er z. B. an der Echtheit der Perlen zweifelt. Er definiert über die Art, wie er fragt (z. B. durch ein Heben der Augenbraue, durch den Tonfall, durch Gesten) die Beziehung zu seiner Kommunikationspartnerin. Entsprechend können Fehler in der Kommunikation nicht nur auf der Inhaltsebene, sondern sehr häufig auch auf der Beziehungsebene entstehen.
  3. Kommunikation besitzt ein Muster, das Interpunktion genannt wird. Beispielsweise können sich notorische Streithähne immer wieder auf die gleiche Art und Weise „angiften“. Dabei halten sie sich – meist ohne es zu wissen – an eine bestimmte Folge von Ursache und Wirkung, Rede und Gegenrede.
  4. Kommunikation läuft analog und digital ab. Zeichnet jemand das Bild eines Hauses, so stellt er eine Analogie zur Wirklichkeit her. Man nennt dies analoge Kommunikation. Sie drückt sich z. B. auch in der Wortmelodie und der Art zu sprechen aus und kann dann sogar zur Kommunikation mit ganz kleinen Kindern oder gar Tieren taugen. Benutzt man jedoch das Wort für Haus, bestehend aus den Buchstaben H-A-U-S, so spricht man von digitaler Kommunikation. Diese setzt voraus, dass das Wissen über die Bedeutung der Buchstabenkombination bzw. ihre Lautfolge allen beteiligten Kommunikationspartnern bekannt ist. Digitale Kommunikation ist daher mit ganz kleinen Kindern nicht möglich, analoge jedoch durchaus.
  5. Kommunikation läuft symmetrisch oder komplementär ab. Wenn Menschen miteinander kommunizieren, gibt es entweder symmetrische Rollen, d. h. die Partner sind gleichgestellt, oder sie verhalten sich zueinander komplementär. Letzteres deutet auf eine Ungleichheit hin, wie sie z. B. bei Gesprächen zwischen Eltern und Kind oder Lehrer und Schüler vorkommt.

Störungen menschlicher Kommunikation

Die fünf Axiome helfen dabei, typische Störungen in der Kommunikation zu erkennen und zu erklären. Es kann beispielsweise in einer Paarbeziehung vorkommen, dass eine Kommunikationsstörung auftritt, obwohl sich beide Partner inhaltlich völlig einig sind. Man möchte z. B. einen Freund einladen, streitet sich aber, weil der eine Partner die Einladung bereits ausgesprochen hat, ohne den anderen über seine Absicht zu informieren. Das Problem liegt dann nicht auf der inhaltlichen, sondern auf der Beziehungsebene.

„Wir sind wie eingesponnen in Kommunikation und sind doch – oder gerade deshalb – fast unfähig, über Kommunikation zu kommunizieren.“ (S. 42)

Störungen in der menschlichen Kommunikation entstehen auch durch Übersetzungsschwierigkeiten von analoger in digitale Kommunikation. Ein unerwartetes Geschenk an den Partner kann vom Beschenkten als Geste der Zuneigung, als Wiedergutmachung, aber auch als Bestechung verstanden werden. Der Ehemann, der seiner Frau unerwartet Blumen mitbringt, erzeugt bei seiner Partnerin vielleicht Misstrauen, da sie vermutet, er hätte etwas getan, für das er sich entschuldigen möchte.

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (S. 60)

Bei der ausschließlichen Nutzung analoger Kommunikation ist es schwierig, Negation auszudrücken. Nimmt man zur Klärung nicht die digitale Kommunikation zur Hilfe, kann sie schlimmstenfalls auch zu Gewalttätigkeiten führen. Das veranschaulichen Beispiele aus der Tierwelt: Rivalen gehen so lange aufeinander los, bis einer der Kontrahenten im Kampf unterliegt. Tieren fehlt die digitale Kommunikation und die Fähigkeit zum Kompromiss.

Menschliche Kommunikation und Systemtheorie

Jegliche Interaktion kann als System betrachtet werden, sodass die Prinzipien der allgemeinen Systemtheorie auf sie anwendbar sind. Wenn Personen miteinander kommunizieren, ganz gleich, ob digital oder analog, sind sie immer Teil eines solchen Systems. In zwischenmenschlichen Systemen wird sehr deutlich, dass nicht der Inhalt der Kommunikation wichtig ist, sondern vor allem ihr Beziehungsaspekt. Die Systeme der Kommunikation sind offen, d. h. es findet ein wechselseitiger Austausch mit der Umwelt statt. Im Alltag finden wir zumeist Systeme (z. B. Freundschaften, Ehen, geschäftliche Beziehungen), die sich dadurch auszeichnen, dass es notwendig ist, Kommunikationsabläufe zu wiederholen. Das bedeutet, in diesen Systemen entstehen bestimmte Regeln der Kommunikation.

„Wir finden somit in jeder Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.“ (S. 61)

Die Familie kann man als ein solches regelgesteuertes System ansehen. Damit Familien nicht willkürlich auseinanderfallen, müssen sie einen gewissen Grad von Rückkopplung besitzen, um Belastungen seitens der Umwelt entgegenwirken zu können. Rückkopplung bedeutet systemtheoretisch gesprochen: Ein Output des Systems wird diesem als Input wieder zugeführt. Bei pathologischen Familien kommt es oft zu einer drastischen Zunahme der negativen Rückkopplungen, da die Familie ihre Stabilität dadurch erhalten will, dass Veränderungen bekämpft werden, z. B. indem jeder Versuch des Kindes, selbstständig zu werden, im Keim erstickt wird. Solche Veränderungsauslöser innerhalb der Familie sind etwa die Zunahme von Alter und Reife ihrer einzelnen Mitglieder oder drastische Ereignisse wie Einschulung, Militärdienst, Berufseinstieg, Heirat. Das offene System der Familie muss sich somit häufig einer Neukalibrierung unterziehen und an die veränderten Verhältnisse anpassen, wenn es stabil bleiben will.

Pragmatische Paradoxien

Pragmatische Paradoxien entstehen in der Kommunikation deshalb, weil die Elemente der digitalen Kommunikation, also Wörter, Bestandteile der eigenen Klasse sind. Das Wort „Begriff“ etwa ist Bestandteil der Klasse der Wörter, aber gleichzeitig ist die Klasse selbst ein Begriff und somit Bestandteil von sich selbst – ein logischer Widerspruch, wenn man voraussetzt, dass eine Sache nur Bestandteil einer Gruppe oder nicht Bestandteil einer Gruppe sein kann. Der Begriff „Klasse“ führt uns diese pragmatische Paradoxie in der menschlichen Kommunikation vor Augen. Ein Mensch, der äußert: „Ich lüge!“, liefert ein Beispiel für eine paradoxe Aussage. Sein Hinweis ist nur dann wahr, wenn er nicht lügt. Spricht er aber die Wahrheit, so ist seine Aussage inhaltlich nicht korrekt.

„Das durch Doppelbindungen verursachte paradoxe Verhalten hat selbst doppelbindende Rückwirkungen, und dies führt zu sich selbst verewigenden Kommunikationsstrukturen.“ (S. 238)

Pragmatische Paradoxien findet man auch in der Unterscheidung von Objektsprache und Metasprache. Der Satz „Paris ist eine Großstadt“ enthält eine Information, die wahr und korrekt ist. Paris wird hier als Objekt verstanden. Der Satz „Paris ist zweisilbig“ ergibt keinen Sinn, sofern man ihn als Verweis auf ein Objekt (die Stadt Paris) versteht. In Wahrheit handelt es sich um eine metasprachliche Aussage, weil in diesem Fall nicht die Stadt, sondern das zweisilbige Wort „Paris“ gemeint ist. Nur auf der metasprachlichen Ebene ergibt der Satz „Paris ist zweisilbig“ Sinn, obwohl der Inhalt der Aussage unwahr ist.

„Doppelbindungen sind also nicht einfach widersprüchliche, sondern wirklich paradoxe Handlungsaufforderungen.“ (S. 238)

Bei sprachlichen Paradoxien besteht die Möglichkeit, nichts zu sagen, obwohl man etwas sagt. Man muss sich nur selbst widersprechen. Dies wird an folgendem Beispiel eines Ehepaars deutlich: Der Mann, ein Antialkoholiker, will seiner Frau abendliche Cocktails untersagen. Seine Frau geht auf diese Forderung nicht ein. Daraufhin droht der Mann, sich selbst ein Laster zuzulegen, und deutet Untreue an. Doch er macht seine Drohung nicht wahr und kündigt dann sogar an, den abendlichen Cocktail zu „legalisieren“. Das bringt die Ehefrau in Aufruhr, da sie dem Mann jetzt Untreue vorwirft. Das Beispiel zeigt: Menschliche Kommunikation beruht immer auf Vertrauen oder Misstrauen. Eine Aussage kann man als wahr akzeptieren oder als unwahr ablehnen. In der Regel fehlt jedoch das Wissen über die Intention des Individuums, das die Aussage trifft.

Die Paradoxien der Doppelbindungstheorie

Häufig treten in engen zwischenmenschlichen Beziehungen, etwa zwischen Eltern und Kind oder auch in Freundschaften, so genannte Doppelbindungen auf, auch bekannt als Beziehungsfallen oder Zwickmühlen. Ihre Struktur: Eine digitale Mitteilung wird durch analoge Kommunikation negiert. Ein Beispiel für eine solche unentscheidbare Mitteilung wäre die Aussage eines Menschen, der mit zittriger Stimme und in schlechter körperlicher Verfassung sagt: „Mir geht es ausgezeichnet. Ich fühle mich pudelwohl!“ Für den Empfänger der Mitteilung ist es nicht möglich, zu deuten, wie er die Aussage verstehen soll. Geht es dem Sender der Nachricht wirklich gut oder muss man seinem äußeren Erscheinungsbild und der zittrigen Stimme nach vermuten, dass es der Person miserabel geht? Schwierig wird es, wenn Handlungsanweisungen gegeben werden, die in sich paradox sind, wenn also ein Befolgen zum Missachten führt und ein Missachten eigentlich Befolgen bedeutet. Das Auftreten der Doppelbindung in zwischenmenschlichen Beziehungen führt zu Ratlosigkeit und Missverständnissen und kann zu krankhaftem Verhalten führen. Widersprüche in der Kommunikation können eine Person vor unentrinnbare Rätsel stellen, bei dem jede ihrer Alternativen zur Katastrophe führt.

Metakommunikation und das Spiel ohne Ende

In der menschlichen Kommunikation werden mitunter Alternativen angeboten, die nur auf den ersten Blick eine echte Lösung darstellen. Mit der Frage des Staatsanwalts an den Angeklagten: „Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu misshandeln?“, schafft er die Alternativen Ja und Nein als Antwort. Das Dilemma besteht darin, dass der Angeklagte in beiden Fällen zugeben würde, seine Frau misshandelt zu haben. Es gibt viele Beispiele für Kommunikation, die in ausweglose Situationen hineinführt. Beispielsweise werden zwei Menschen, die verabreden, dass sie fortan immer dann, wenn sie „Nein“ meinen, „Ja“ sagen und umgekehrt, aus diesem Spiel ohne Ende nicht mehr herauskommen. Das gelänge ihnen nur, wenn sie sich zuvor darüber verständigten, wie sie über ihr Spiel sprechen, also wie sie Metakommunikation ermöglichen. Können sie diese Metaebene kennzeichnen, z. B. indem sie eine dritte Person bitten, das Spiel ohne Ende durch ein Gespräch über das Spiel zu beenden, gelänge ihnen auch der Ausstieg aus der ausweglosen Situation. Diese Rolle kann bei Kommunikationsstörungen in Familien oder Paarbeziehungen der Therapeut übernehmen, indem er z. B. das zerstrittene Ehepaar aus seiner ausweglosen Kommunikation herausholt und auf die Metaebene bringt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Bereits im Vorwort zu Menschliche Kommunikation macht Paul Watzlawick deutlich, dass sein Ansinnen, die linguistische Pragmatik in eine systematische Ordnung zu bringen, geradezu überheblich scheinen muss, weil selbst die Grammatik und die Semantik (Bedeutungslehre) der Sprache noch nicht hinlänglich systematisiert seien. Damit beschreibt der Autor sein Werk zugleich als neuartig und unvollständig, ja fehleranfällig. Weitere Unzulänglichkeiten würden sich bei der Übertragung ins Deutsche ergeben, wie Watzlawick im separaten Vorwort zur deutschen Ausgabe einräumt. In den ersten Kapiteln umreißt er die Grundlagen der Pragmatik, seinen Forschungsansatz und schließlich die Inhalte seiner fünf pragmatischen Axiome. In den nachfolgenden Kapiteln überträgt er seine Modelle auf verschiedene Störungen der menschlichen Kommunikation. Dabei verwendet Watzlawick vor allem Geschichten – einmal sogar das Ehestreitdrama Wer hat Angst vor Virginia Woolf –, Fallbeispiele und transkribierte Gesprächsabschnitte aus Therapiesitzungen, um praktisch vorzuführen, wie Missverständnisse oder sprachliche Paradoxien entstehen können und welche Auswirkungen sie haben. Dabei bemüht er sich stets um eine deutliche und verständliche Sprache, auch wenn der Text von Fachbegriffen der Psychotherapie und Linguistik durchsetzt ist.

Interpretationsansätze

  • Watzlawick geht es vor allem um den sozialen Kontext menschlicher Kommunikation: Die persönliche Beziehung zwischen zwei Kommunikationsteilnehmern bestimmt die Art und Weise, wie Kommunikation wirkt: Sprechen bedeutet handeln.
  • Als Anhänger der Systemtheorie betrachtet Watzlawick niemals einzelne menschliche Individuen, sondern immer das soziale System, in dem sie sich befinden, und die Wechselbeziehungen, denen sie ausgesetzt sind.
  • Watzlawicks Forschungsmethode ist behavioristisch, also verhaltenszentriert. Er untersucht nur Input und Output der Kommunikation; die mentalen Vorgänge im Menschen, die für ihn in einer „Black Box“ vor sich gehen, kann und will er nicht beschreiben oder erklären. Watzlawick verneint die Möglichkeit, „die Seele bei der Arbeit“ zu sehen, deshalb interessiert ihn bei seinen psychotherapeutischen Forschungen niemals die Frage nach dem Warum, sondern nur die Frage nach dem Wie.
  • Auch wenn Watzlawicks Werk gern als Manifest der modernen Kommunikationswissenschaft aufgefasst wird, ist sein Forschungsschwerpunkt doch ein anderer: Im Kern geht es um kranke Menschen, die sich aufgrund ihrer Kommunikationssituation unmöglich aus ihrer Krankheit befreien können.
  • Dass man nicht nicht kommunizieren könne, gehört zu den bekanntesten Thesen Watzlawicks. Dabei ergibt sich allerdings die Schwierigkeit, dass man, wenn alles Kommunikation ist, Kommunikation auch nicht mehr von Nicht-Kommunikation unterscheiden kann. Hierdurch wird der Begriff, um den es geht, praktisch zur Leerformel.

Historischer Hintergrund

Der radikale Konstruktivismus

Paul Watzlawick zählt zu den Vertretern des radikalen Konstruktivismus, einer einflussreichen und umstrittenen Strömung der Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert. Die Grundthese des radikalen Konstruktivismus lautet: Der Mensch hat keinen unmittelbaren Zugriff auf die objektive Realität. Entsprechend kann die Wissenschaft auch nicht erklären, was die Wirklichkeit ist. Das Radikale an dieser Form des Konstruktivismus ist die komplette Leugnung einer Realität, die unabhängig von verschiedenen Subjekten erfahren werden kann. Jeder Mensch baue sich seine eigene Form der Wirklichkeit auf, er konstruiere sie. Daraus folgt beispielsweise für die Kommunikationstheorie, dass auch das Sprechen über die Wirklichkeit immer das Sprechen über Konstruktionen ist. Die Sprache selbst stellt lediglich Zuweisungen einer Bedeutung dar. Die Farbe „Grün“ erhält ihre Bedeutung erst, indem ihr eine Bedeutung zugewiesen wird (z. B. das Signal zum Losfahren im Straßenverkehr), das gilt fundamental sogar für die Laut- bzw. Zeichenfolge „Grün“ selbst.

Die Wirklichkeit anderer Menschen zu erkennen oder zu verstehen ist gemäß dem radikalen Konstruktivismus nicht möglich. Ernst von Glasersfeld, der wichtigste Vertreter dieser Philosophie, bezeichnete diesen Umstand als epistemischen Solipsismus: Im subjektiven Erkennen existiert je nur eine spezifische Realität des Subjekts.

Entstehung

Die Entstehung von Menschliche Kommunikation ist eng mit der so genannten Palo-Alto-Gruppe und ihren Forschungen auf dem Gebiet der Kybernetik, Kommunikationstheorie und Psychotherapie verknüpft. Die nach einem kleinen Vorort im Süden von San Francisco benannte Gruppe wurde von Gregory Bateson inspiriert. Der Wissenschaftler beschäftigte sich mit dem Einfluss von sozialen Systemen auf die menschliche Kommunikation und versammelte ab Anfang der 50er Jahre mehrere renommierte Wissenschaftler in Palo Alto, um Paradoxien der Kommunikation zu erforschen. Watzlawick lernte die Schriften Batesons während seiner Zeit an der Universität von San Salvador kennen und schätzen.

Ein weiteres Mitglied der Palo-Alto-Gruppe war der Psychiater Don D. Jackson, der 1959 das Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto gründete und sich mit dem Einfluss der Doppelbindungstheorie auf die klinische Familientherapie beschäftigte; später wurde er einer der drei Autoren von Menschliche Kommunikation. Jackson lud Watzlawick ans MRI ein, wo dieser, nicht zuletzt durch die Veröffentlichung von Menschliche Kommunikation, die Ziele und Theorien der Palo-Alto-Gruppe außerordentlich bekannt machte.

Wirkungsgeschichte

Das Erstlingswerk von Paul Watzlawick und seinen beiden Koautoren erschien erstmalig 1967 in englischer Sprache und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung. Es wirkte nachhaltig auf die Wissenschaftszweige Linguistik und Pädagogik, aber auch auf Psychologie, Soziologie und Philosophie. Watzlawicks Kommunikationsmodell wurde sehr schnell bekannt. Die ersten Reaktionen in wissenschaftlichen Publikationen waren äußerst positiv, teilweise geradezu euphorisch. In den 80er Jahren meldeten sich jedoch auch vermehrt Kritiker zu Wort, die so weit gingen, Watzlawicks Theorien jede wissenschaftliche Bedeutung abzusprechen. Die Watzlawick-Gegner legten Buchtitel wie Wahnsinn aus Methode (Jürgen Ziegler), Warnung vor Watzlawick (Albert Bremerich-Vos) und Der Mythos Watzlawick und seine Folgen (Bettina Girgensohn-Marchand) vor und warfen dem österreichischen Autor unsaubere Methoden vor.

Watzlawicks Einfluss auf die Psychotherapie war ebenfalls groß. Vor allem die von Bateson aufgestellte und von Watzlawick weiterentwickelte Doppelbindungstheorie hatte einen prägenden Einfluss auf die Begründung der so genannten Systemischen Therapie, welche das Ziel hat, psychische Erkrankungen einzelner Personen aufgrund ihrer Stellung innerhalb eines Systems, z. B. einer bestimmten Gruppe, zu diagnostizieren und zu therapieren. Heute hat Watzlawicks Werk eine große Popularität erlangt, auch durch die Pädagogik, die sein Kommunikationsmodell gern und häufig verwendet. Kaum ein kommunikationswissenschaftliches Buch wurde so häufig gelesen und zitiert wie Watzlawicks Menschliche Kommunikation. Die berühmte Formulierung „Man kann nicht nicht kommunizieren“ ist entsprechend bekannt. Seit 2008 vergibt die Wiener Ärztekammer jährlich den Paul-Watzlawick-Ehrenring an Wissenschaftler, „die sich für den Diskurs zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen sowie die Humanisierung der Welt einsetzen.“

Über die Autoren

Paul Watzlawick wird am 25. Juli 1921 in Villach geboren. Nach Abitur und Militärdienst zieht es den Sohn einer Italienerin nach Venedig, wo er Psychologie und Fremdsprachen studiert. 1949 folgt die Promotion. Zwischen 1951 und 1954 hält sich Watzlawick in der Schweiz auf: Am C. G. Jung-Institut Zürich lässt er sich zum Psychotherapeuten ausbilden. Er bricht aber bald schon mit der klassischen Psychoanalyse und bekennt, dass es ihm viel zu selten gelungen sei, Menschen tatsächlich zu helfen. Watzlawick findet Gefallen am radikalen Konstruktivismus und macht dessen Lehren für seine therapeutische Arbeit mit Familien und an Schizophrenie erkrankten Menschen nutzbar. Statt auf Vergangenheitsbewältigung setzt er fortan auf kurze, schnell wirksame „Interventionen“, die seinen Patienten sofortige Erleichterung verschaffen sollen. 1957 wird er Professor an der Universität von San Salvador, vier Jahre später wechselt er auf Veranlassung des Psychotherapeuten Don D. Jackson nach Kalifornien, und zwar ans Mental Research Institute in Palo Alto, wo er sich der Forschung widmet. Watzlawicks interessiert sich als Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Soziologe und Philosoph vor allem für die zwischenmenschliche Kommunikation, deren Störungen und Fehler und die Bedeutung der Sprache für das Zusammenleben. 1967 erscheint Watzlawicks einflussreiches Werk Pragmatics of Human Communication (Menschliche Kommunikation). In den folgenden Jahren veröffentlicht er weitere Werke zu Kommunikationstheorie und linguistischer Pragmatik. In Deutschland finden vor allem seine populärwissenschaftlich geschriebene Bücher großen Anklang, allen voran die 1983 zuerst auf Deutsch erscheinende Anleitung zum Unglücklichsein, eine Parodie auf die Ratgeberliteratur. Watzlawick stirbt am 31. März 2007 in Palo Alto.


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    T. B. vor 7 Jahren
    Fasst die wichtigen Aussagen Watzlawiks gut verständlich zusammen. Für Kenner eine gute Remembrance, für Novizen ein guter Einstieg.