Zusammenfassung von Michael Kohlhaas

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Michael Kohlhaas Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Novelle
  • Romantik

Worum es geht

Das absolute Rechtsgefühl des Michael Kohlhaas

Kleists Novelle Michael Kohlhaas erschien 1810 in einem Band, der noch weitere Erzählungen aus seiner Feder enthielt. Der Erfolg blieb anfangs vollkommen aus. Denn was in der Novelle erzählt wird, galt als äußerst subversiv: Ein einfacher Bürger, der von einem Adligen um zwei Pferde betrogen wird, stellt durch den Bruch der Gesetze das Recht wieder her. Der Dichter Clemens Brentano, ein Zeitgenosse Kleists, bezeichnete die Erzählung als eine schlimme Prophezeiung. Die Zeit war noch nicht reif für die Botschaft, um die es Kleist eigentlich ging: In dem Maße, wie Michael Kohlhaas die Verteidigung seines Rechts selbst in die Hand nimmt, verabsolutiert sich sein Rechtsgefühl, es kennt keine Hemmung und keine Selbstbeschränkung mehr. Die Folgen sind schrecklich. Statt nur seine Peiniger, die Obrigkeit, mit seinen Gewaltakten zu treffen, vergreift sich Kohlhaas, von seiner rasenden Wut blind gemacht, auch an unschuldigen Menschen. Zwar ist Kohlhaas tatsächlich Unrecht geschehen, doch die Unbedingtheit seines Rechtsgefühls führt ihrerseits zu Unrecht und Unmenschlichkeit. So kann man die Erzählung vom Michael Kohlhaas in der Tat als prophetisch ansehen für die Gewalt, die das ganze 20. Jahrhundert (und auch bereits den Beginn des 21.) heimsuchte, sei sie nun ideologischen, politischen oder religiösen Ursprungs.

Take-aways

  • Kleists Michael Kohlhaas gilt als eine der ersten Novellen der deutschen Literatur.
  • Der Novelle liegen reale Geschehnisse zu Grunde, die in einer Chronik aus dem 16. Jahrhundert überliefert sind.
  • Die Titelfigur Michael Kohlhaas ist ein rechtschaffener Mann, den das Unrecht, das ihm angetan wird, zum Fanatiker macht.
  • Dem Pferdehändler Kohlhaas werden von dem Junker Wenzel von Tronka zwei Pferde weggenommen, die dieser zu Grunde richtet.
  • Kohlhaas versucht vergeblich, sein Recht vor Gericht geltend zu machen, doch Tronkas einflussreiche Verwandte verhindern dies.
  • Kohlhaas, der mehrfach Betrogene, greift zum Mittel der Gewalt und zettelt einen Aufruhr an.
  • Nachdem er mit seiner Bande mehrere Städte überfallen und eingeäschert hat, erwirkt Martin Luther für ihn eine Amnestie beim Kurfürsten von Sachsen - an die sich dieser aber nicht hält.
  • Kohlhaas wird gefangen genommen und zum Tode verurteilt.
  • Kurz vor seiner Hinrichtung erhält er Genugtuung: Ihm werden zwei gesunde Pferde zurückgegeben und der Junker kommt ins Gefängnis.
  • Kohlhaas muss zwar sterben, aber vor seinem Tod verschluckt er vor den Augen des Kurfürsten einen Zettel mit einer Prophezeiung, die den Herrscher betrifft.
  • Erst hundert Jahre nach ihrem Erscheinen erlangte die Novelle Weltruhm und wurde in 30 Sprachen übersetzt.
  • In konservativ-nationalistischen Kreisen galt Kohlhaas lange als die Verkörperung des "deutschen Rechtsgefühls"; für die Linken war er der Vorkämpfer für eine bessere Weltordnung.
 

Über den Autor

Heinrich von Kleist wird am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren, er stammt aus einer preußischen Offiziersfamilie. Als junger Gefreiter-Korporal nimmt er im ersten Koalitionskrieg gegen Napoleon an der Belagerung von Mainz und am Rheinfeldzug (1793 bis 1795) teil. Bald fühlt er sich vom Offiziersberuf abgestoßen und wendet sich der Wissenschaft zu. Durch seine Kant-Lektüre verliert er jedoch den Glauben an einen objektiven Wahrheitsbegriff und erkennt, dass er nicht zum Gelehrten geschaffen ist. Ebenso wenig fühlt sich der enthusiastische Kleist zum Staatsdiener berufen. 1801 bricht er aus seiner bürgerlichen Existenz aus, reist nach Paris und später in die Schweiz, wo er als Bauer leben will. Doch auch daraus wird nichts. Schon während seiner Zeit in Paris beginnt Kleist zu dichten. Seine Theaterstücke, die heute weltberühmt sind, bleiben zunächst erfolglos. Von 1801 bis 1811 entstehen unter anderem die Tragödien Die Familie Schroffenstein (1803), Robert Guiskard und Penthesilea (beide 1808), außerdem Das Käthchen von Heilbronn (1808), Die Hermannsschlacht (1821 postum erschienen), die Komödien Amphitryon (1807) und Der zerbrochne Krug (1808) sowie die Erzählungen Die Marquise von O.... (1808), Das Bettelweib von Locarno (1810) und Die Verlobung in St. Domingo (1811). 1810 verweigert der preußische Staat Kleist, der nach Stationen in Königsberg und Dresden wieder in Berlin lebt, eine Pension. Auch aus dem Königshaus erhält er keine Anerkennung, obwohl er der Schwägerin des Königs das patriotische Stück Prinz Friedrich von Homburg widmet. Dennoch ist es wohl weniger äußere Bedrängnis als innere Seelennot, die Kleist schließlich in den Freitod treibt. Am 21. November 1811 erschießt er zunächst seine unheilbar kranke Freundin Henriette Vogel und danach sich selbst am Kleinen Wannsee in Berlin.

 

Zusammenfassung

Der Betrug

Der brandenburgische Pferdehändler Michael Kohlhaas ist mit einigen Pferden auf dem Weg nach Sachsen, um sie dort zu verkaufen. Vor der Burg des Junkers Wenzel von Tronka wird Kohlhaas aufgehalten. Er soll seinen Passierschein vorweisen, doch da Kohlhaas diesen nicht besitzt, nimmt man ihm auf Befehl Tronkas zwei Pferde ab, um sie als Pfand einzubehalten. Kohlhaas ist überrascht, einen Passierschein haben zu müssen, hat er doch die gleiche Wegstrecke mit seinen Tieren bereits mehrere Male zurückgelegt, ohne behelligt worden zu sein. Doch Kohlhaas willigt schnell in die Forderung des Junkers ein, denn er sieht in ihm einen potenziellen Kunden, mit dem er es sich nicht verderben will. Zudem hat der Pferdehändler mit der Obrigkeit nie schlechte Erfahrungen gemacht, und so gibt es für ihn auch keinen Grund, dem Junker zu misstrauen. Er lässt seinen Knecht Herse zur Pflege der Tiere zurück und zieht seines Weges. In Dresden angekommen erfährt Kohlhaas jedoch, dass es für die Passierscheinforderung keine Rechtsgrundlage gibt.

Misshandlung der Pferde

Als der Pferdehändler die beiden Pferde auf der Tronkenburg wieder abholen will, händigt man ihm völlig ausgemergelte, abgearbeitete Tiere aus. Kohlhaas weigert sich, sie in diesem Zustand mitzunehmen. Voller Hohn weist Tronka Kohlhaas’ Beanstandung zurück. Auch ist der Knecht Herse nicht mehr auf der Tronkenburg. Bei der Rückkehr auf seinen Hof stellt Kohlhaas fest, dass Herse geschlagen wurde. Kohlhaas glaubt, Herse habe sich beim Junker etwas zu Schulden kommen lassen, und stellt ihn zur Rede. Aber Herse berichtet ihm, dass die Pferde zur Feldarbeit herangezogen worden seien und in einem Schweinekoben statt in einem Stall hätten stehen müssen. Schließlich sei er, Herse, verdächtigt worden, mit den Pferden fliehen zu wollen, als er sie nur zur Tränke führte. Die Bedienten des Junkers hätten ihn deswegen übel zugerichtet und aus der Burg gejagt. Jetzt, nachdem er seinen Knecht angehört hat, weiß sich Kohlhaas im Recht, und er reicht gegen den Junker beim Gericht in Dresden Klage ein: Der Junker soll die Pferde wieder gesundfüttern und auch für die Kosten der Heilbehandlung des Herse aufkommen.

Vor Gericht

Nach einem knappen Jahr erhält Kohlhaas die Nachricht, dass seiner Klage nicht stattgegeben wurde. Tatsächlich ist es zwei Verwandten des Junkers, Hinz und Kunz von Tronka, gelungen, am Gericht ihren Einfluss geltend zu machen und es von der Nichtigkeit der Klage zu überzeugen. Auch Kohlhaas’ zweiter Versuch, die Sache rechtlich verhandeln zu lassen, scheitert an den familiären Beziehungen des Junkers von Tronka, die bis ins Dresdner Gericht hineinreichen. Kohlhaas ist verbittert, seinen Pferdehandel in einem Land betreiben zu müssen, dessen Gesetze ihn offenbar nicht beschützen. Auch sein Familienglück und Wohlstand können Kohlhaas nicht seelisch aufrichten. Er spielt mit dem Gedanken, seinen Hof zu verkaufen – bis auf die Pferde und einige Waffen, die er für sich behalten will. Kohlhaas’ Frau Lisbeth ist verzweifelt, doch wagt sie es nicht, ihren Mann zu bitten, dem Junker zu vergeben und die Sache um des Friedens und seiner Kinder willen auf sich beruhen zu lassen. Die junge Frau ahnt, dass Kohlhaas sich seiner Familie und seines Besitzes entledigen will, um sich das Recht, das ihm die Gerichte verweigern, mit Gewalt zu holen.

Ein hoher Preis

Lisbeth schlägt Kohlhaas vor, beim Kurfürsten von Brandenburg eine Petition einzureichen, die sie persönlich dem Landesherrn in Berlin überbringen möchte. Dabei hofft sie auf die Hilfe eines alten Freundes, eines hohen kurfürstlichen Beamten, den sie aus ihrer Jugendzeit kennt. Kohlhaas willigt ein. Doch Lisbeths Initiative steht unter einem schlechten Stern. In Berlin angekommen, muss sie feststellen, dass der Beamte nicht zu Hause ist. Dennoch lässt sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen; ganz auf sich allein gestellt reiht sie sich unter die Bittsteller vor dem kurfürstlichen Schloss ein. Als der Kurfürst mit seinem Gefolge aus dem Schloss tritt, stößt ein Wachsoldat Lisbeth mit dem Schaft seiner Lanze heftig in die Brust, weil er glaubt, die junge Frau komme dem Landesherrn gefährlich nahe. Lisbeth wird so schwer verletzt, dass sie wenige Tage später stirbt. Kurz vor ihrem Tod hat sie noch einmal die Kraft, mit der Bibel in der Hand Kohlhaas um Versöhnung mit dem Junker zu bitten. Am Tag ihres Begräbnisses erhält Kohlhaas die Antwort auf seine Bittschrift: Er solle gefälligst seine Pferde auf der Tronkenburg abholen, und er riskiere eine Gefängnisstrafe, wenn er wegen dieser Sache keine Ruhe gebe.

Der Rachefeldzug

Nun ist Kohlhaas’ Entscheidung gefallen: Er verkauft Haus und Hof, schickt seine beiden Kinder zu Verwandten und beginnt einen beispiellosen Rachefeldzug. Mit sieben Gefährten überfällt er die Tronkenburg, bringt den Burgvogt und den Verwalter sowie deren Frauen und Kinder um und legt die Burg in Schutt und Asche. Einzig den Junker Wenzel von Tronka selbst kann er nicht finden. Dieser soll angeblich in das nahe gelegene Frauenkloster geflohen sein, das von seiner Kusine geleitet wird. Kohlhaas schickt sich an, auch das Kloster in Brand zu setzen, als ihm die Äbtissin mutig entgegentritt und die Stadt Wittenberg als Tronkas Versteck preisgibt. Kohlhaas zieht mit seinen Männern, die von Tag zu Tag mehr werden, vor die Stadt Wittenberg und verlangt, dass man ihm den Junker übergebe. Um seine Forderung zu unterstreichen, zündet er die Stadt an mehreren Stellen an. Kohlhaas’ Leuten gelingt es schließlich sogar, ein 500 Mann starkes sächsisches Heer aufzureiben. Im Bewusstsein seiner Stärke fällt der „Statthalter Michaels, des Erzengels“, wie sich Kohlhaas nun nennt, auch plündernd und brandschatzend in Leipzig ein. Obwohl Kohlhaas Angst und Schrecken verbreitet, findet er in der Bevölkerung auch Unterstützung. Die Obrigkeit kann daher nicht auf die Hilfe des Volkes zählen, um Kohlhaas gefangen zu nehmen.

Die Vermittlung

Der Kurfürst von Sachsen berät die nächsten Schritte, als er das Gerücht hört, auch die sächsische Landeshauptstadt Dresden müsse sich auf einen Ansturm der Kohlhaas’schen Horden gefasst machen, da sich Wenzel von Tronka in ihren Mauern befinde. In der Zwischenzeit verfasst der Reformator Martin Luther einen Aufruf an Kohlhaas, worin er ihn bezichtigt, gegen die göttliche und obrigkeitliche Ordnung zu sündigen. Luthers Appell macht Kohlhaas betroffen, empfindet er doch eine große Wertschätzung für den Reformator. Sein innigster Wunsch ist eine Begegnung mit Luther. Tatsächlich empfängt der Reformator den Aufrührer zu einem heimlichen Gespräch. Kohlhaas gelingt es, Luther verständlich zu machen, dass er sich durch das Verhalten der Gerichte, die ihm den Schutz des Gesetzes verweigert hätten, aus der staatlichen Gemeinschaft ausgeschlossen fühle. Auch wenn Luther es lieber gesehen hätte, Kohlhaas würde Tronka verzeihen, verspricht der Reformator dem Pferdehändler, sich beim Kurfürsten von Sachsen dafür einzusetzen, dass das Dresdner Gericht seiner Klage nun endlich stattgibt.

Amnestie

Tatsächlich erklärt sich der Kurfürst von Sachsen zu einer Amnestie für Kohlhaas bereit. Dieser entlässt umgehend seine Gefolgsleute und begibt sich nach Dresden. Doch der erneuten Behandlung seines Falles durch das Gericht stehen unerwartete Hindernisse im Wege. Zufällig taucht nämlich ein Abdecker mit zwei geschundenen Pferden auf dem Marktplatz in Dresden auf. Vor den Augen der staunenden Menschenmenge und in Anwesenheit von Hinz und Kunz von Tronka kann Kohlhaas die Tiere als seine Pferde identifizieren, die er Wenzel von Tronka als Pfand hinterlassen hat. Damit gilt zwar öffentlich die Schuld des Junkers und seiner Verwandten Hinz und Kunz als erwiesen, doch bringt die Szene dem Volk auch die Unverhältnismäßigkeit von Kohlhaas’ Gewaltakten ins Bewusstsein: Nur wegen zweier zu Grunde gerichteter Pferde überzog Kohlhaas also das Land mit Mord und Totschlag! Verständnislosigkeit macht sich breit. Die Stimmung im Volk kehrt sich gegen Kohlhaas. Bei Hof versucht man daraus Vorteil zu schlagen.

Verrat

Gestützt auf die öffentliche Meinung setzt die Tronka-Familie alles daran, die Amnestie zu unterlaufen und den Pferdehändler gefangen zu setzen. Dabei kommt ihnen die Nachricht zu Hilfe, Kohlhaas’ alter Knecht Nagelschmid habe das Land erneut mit Verwüstungen überzogen. Nagelschmid hat sich mit ein paar Leuten der Kontrolle von Kohlhaas entzogen. Dennoch lässt er öffentlich verkünden, von Kohlhaas zu seinen Taten angestiftet worden zu sein. Der Kurfürst von Sachsen bricht daraufhin das Amnestieversprechen und nimmt Kohlhaas gefangen. Dieser wird nun zum Spielball der Politik. Eine Allianz Sachsens mit Polen gegen Brandenburg veranlasst den Kurfürsten von Brandenburg – er ist Kohlhaas’ Landesherr –, den Pferdehändler in seine Obhut zu nehmen. Er will die Gelegenheit nutzen und zeigen, dass in Brandenburg die Rechtsprechung noch funktioniert – obwohl er ja auch die Petition von Kohlhaas abgelehnt hat und seine Wachen den Tod von Lisbeth verschuldet haben. Fast scheint es, als könne der Pferdehändler sogar auf Milde hoffen. Doch schließlich sieht sich auch der Kurfürst von Brandenburg gezwungen, hart zu blieben. Er würde sich die Gunst des Kaisers in Wien verscherzen, wenn er Kohlhaas’ Leben schonte. So gewährt er ihm zwar beste Haftbedingungen und auch die Möglichkeit, seine Söhne zu sehen, doch schließlich wird Kohlhaas in Berlin zum Tod verurteilt.

Die Prophezeiung

Nun lässt plötzlich der Kurfürst von Sachsen nichts unversucht, um Kohlhaas’ Leben zu retten. Dem Kurfürsten ist zugetragen worden, dass Kohlhaas im Besitz einer Kapsel mit einem Zettel sei, auf dem eine für die Zukunft der kurfürstlichen Familie wichtige Prophezeiung geschrieben stehe. Tatsächlich hat der Kurfürst von Sachsen einige Monate zuvor eine Zigeunerin getroffen, die ihm weissagte. Die alte Frau hat jedoch ihre Prophezeiung geheim gehalten, auf einen Zettel geschrieben und dem Kurfürsten einen Mann in der Nähe gezeigt, der einen Federhut trug. Dieser allein werde ihm sagen können, was auf dem Zettel stehe. Der Zufall wollte es, dass dieser Mann Michael Kohlhaas selbst war, der sich gerade am gleichen Ort aufhielt. Die Alte drückte Kohlhaas den Zettel in einer Kapsel in die Hand und bemerkte dazu, dass der ihm noch das Leben retten werde. Noch bevor er sie fragen konnte, was auf dem Zettel stehe, war sie schon wieder verschwunden.

„Das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! Das sind die Pferde nicht, die dreißig Goldgülden werth waren! Ich will meine wohlgenährten und gesunden Pferde wieder haben!“ (S. 15)

Der Kurfürst von Sachsen bietet Kohlhaas sogar durch einen Mittelsmann an, sein Leben zu schonen, wenn er ihm das Stück Papier aushändige. Doch Kohlhaas lehnt ab: Der Kurfürst könne ihn zwar aufs Schafott bringen, doch der Zettel gebe ihm die Macht, dem Landesherrn wehzutun. Mit Hilfe einer alten Frau, die der Zigeunerin ähnlich sieht, versucht es der Kurfürst noch einmal. Er schickt sie zu Kohlhaas in den Kerker mit dem Auftrag, sich in den Besitz der Weissagung zu bringen. Einmal mehr tritt der Zufall auf den Plan – handelt es sich doch tatsächlich um die gleiche Zigeunerin, welche die Prophezeiung aufgeschrieben und Kohlhaas ausgehändigt hat. Als die Frau Kohlhaas gegenübersitzt, ihre Identität preisgibt und ihm versichert, dass er von ihr nichts zu befürchten habe, hat der Pferdehändler plötzlich das Gefühl, seine verstorbene Frau Lisbeth vor sich zu haben. Diese Einbildung erneuert in ihm das Rachegefühl und gibt ihm die Kraft, dem Kurfürsten zu trotzen.

Tod und Genugtuung

Bevor Kohlhaas in Berlin zum Schafott gebracht wird, führt man ihm noch seine gesunden Pferde vor. Zu seiner Freude erfährt er, dass seiner Klage gegen Wenzel von Tronka nicht nur stattgegeben wurde, sondern dass der Junker auch bereits zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Kohlhaas verkündet im Beisein seiner beiden Söhne, dass er nun bereit sei zu sterben. Plötzlich erkennt er in der Menge den sächsischen Kurfürsten, der sich inkognito in Berlin aufhält. Kohlhaas tritt auf ihn zu, löst die Kapsel von seinem Hals und liest die Botschaft, ohne aber dem Kurfürsten mitzuteilen, wie sie lautet. Schließlich steckt er den Zettel in den Mund und schluckt ihn herunter, wobei er seinen Blick nicht ein einziges Mal von dem Landesherrn abwendet. Während der Kurfürst aus Enttäuschung, den Inhalt der Weissagung nicht erfahren zu haben, ohnmächtig zu Boden sinkt, legt Kohlhaas ohne jeden Widerstand seinen Kopf auf den Richtblock und wird enthauptet. Bewegt entschließt sich der Kurfürst von Brandenburg zu einer letzten Geste gegenüber dem Verbrecher, der einmal ein ehrbarer Mann gewesen ist: Er erhebt Kohlhaas’ Söhne in den Adel und gewährt ihnen die standesgemäße Erziehung auf einer Pagenschule.

Zum Text

Aufbau und Stil

Kleist verzichtet im Michael Kohlhaas auf Abschweifungen und Sprachmalereien. Dadurch entsteht ein gedrängter, atemloser Ton, mit dem Kleist auf das Ungeheuerliche der Verfehlungen des Junkers und der Verbrechen des Kohlhaas aufmerksam macht. Kleists größte Sorge scheint zu sein, dass die Leser die Geschichte nicht glauben könnten: Deshalb bedient er sich langer, verschachtelter Sätze, welche die Bedingungen, Ursachen und Folgen jedes Sachverhaltes aufs Genaueste festlegen und glaubhaft machen. Nicht zufällig erinnert der komplizierte Satzbau an die Sprache von Gesetzestexten und Gerichtsurteilen. Die Novelle beginnt mit einem Paradox: Michael Kohlhaas wird bereits im ersten Satz als einer der „rechtschaffensten“ und zugleich „entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ vorgestellt. Diese beiden charakterlichen Pole führen zu einer vertieften Gestaltung der Figur des Michael Kohlhaas. Ein ähnliches Charakterdoppel bestimmt aber auch den streng formalen Aufbau der Novelle: Dem ersten Teil, in dem Kohlhaas mit seiner berechtigten Klage auf allen legalen Wegen scheitert und zum Justizopfer wird, steht der zweite Teil gegenüber, in dem Kohlhaas seine Sache selbst in die Hand nimmt und dadurch zum Verbrecher wird. Am Ende schließlich werden Kohlhaas und der Kurfürst von Sachsen einander gegenübergestellt: Während der Kurfürst daran zerbricht, nicht in den Besitz der Prophezeiung gelangen zu können, gewinnt Kohlhaas seine Freiheit zurück – wenn auch um den Preis des Lebens.

Interpretationsansätze

• Kohlhaas ist einer, der sich selbst hilft, ähnlich wie Goethes Götz von Berlichingen oder Schillers Karl Moor (Die Räuber). Er ist aber kein idealer Held, der seine Ziele glanzvoll erreicht und überlebt. Stattdessen muss er erkennen, dass sein Wille und die Realität nicht miteinander vereinbar sind. • Kohlhaas vertraut zunächst auf die Justiz. Erst als er die Willkür der Herrschenden nicht mehr nur als menschliche Schwäche, sondern als entschiedene Boshaftigkeit im Einzelnen und in den Institutionen begreifen muss, beginnt er seinen Aufruhr. • Kann Selbstjustiz ein legitimes Mittel sein, um Recht zu erlangen? Die Antwort bleibt zwiespältig: Am Ende erhält Kohlhaas seine Pferde gesund zurück und ihm wird damit Recht gegeben, zugleich wird er jedoch wegen seines eigenen Unrechts zum Tod verurteilt. Kleist macht deutlich, dass Selbstjustiz nicht blind machen darf: Das Todesurteil ist gerecht, da Kohlhaas’ Rachefeldzug nicht nur die Schuldigen, sondern auch viele Unschuldige traf. • Kleists Erzählung stellt das spätmittelalterliche Milieu nicht in romantisierenden Schilderungen vor, sondern drastisch und realistisch, indem niedere Figuren aus dem Volk in Konfrontation mit den weltlichen und kirchlichen Machthabern gebracht werden. • Die korrupte Macht der Obrigkeit fußt auch auf engen familiären Verflechtungen. Kohlhaas hingegen verzichtet auf die Unterstützung durch die Familie. Anfangs, indem er Haus und Hof verkauft, und später, indem er das Angebot zur Befreiung nicht wahrnimmt, das ihm die alte Zigeunerin macht, in welcher er seine wieder auferstandene Frau Lisbeth zu erkennen meint. • Die Novelle beruht auf historischen Tatsachen und Personen (Kohlhaas, die Kurfürsten, Martin Luther), die Kleist jedoch so verwandelt und mit von ihm erfundenen Elementen (die Zigeunerin, der Zettel mit der Prophezeiung) verbindet, dass ein literarisches Werk entsteht und kein bloßer Tatsachenbericht.

Historischer Hintergrund

Zwischen Klassik und Romantik

Als Kleists Michael Kohlhaas 1810 erschien, stand das Buch außerhalb der damaligen literarischen Hauptströmungen, nämlich der zu Ende gehenden Klassik und der beginnenden Romantik. Kleist kannte die Literatur seiner Zeit sehr gut und hat auch in den klassischen Helden, etwa in Goethes Götz von Berlichingen und Schillers Karl Moor, Vorbilder für seinen Kohlhaas gesehen. Götz und Moor sind zwar auch berühmte Aufrührergestalten der deutschen Literatur, doch fehlt ihnen die Kohlhaas’sche Radikalität. Denn Goethes und Schillers Helden erkennen schließlich eine ideale Weltordnung an, die dem Einzelnen revolutionäres Handeln verbietet. Kohlhaas hingegen nimmt sich die Freiheit zum Umsturz und sieht darin eine Möglichkeit zur Verbesserung der Welt; er erkennt aber bald nicht mehr die Grenzen dieser Freiheit in dem Leid, das er verursacht. Im Unterschied zu manchen romantischen Helden macht Kohlhaas auch keinen Läuterungsprozess durch, an dessen Ende er sich selbst gefunden hätte.

Entstehung

Die unmittelbare Quelle, an deren historische Fakten sich Kleists Erzählung jedoch nur teilweise hält, war die von Christian Schöttgen und Georg Christoph Kreysig 1731 in Dresden und Leipzig herausgegebene Diplomatische und curieuse Nachlese der Historie von Ober-Sachsen und angrentzenden Ländern. In ihr fand Kleist die Geschichte eines gewissen Hans Kohlhasen. Bei dieser Geschichte, die sich im 16. Jahrhundert zugetragen hat, erkannte Kleist auf Anhieb, wie viele brisante Fragen und Probleme der zeitgenössischen rechtsphilosophischen Diskussion darin steckten, einschließlich des legitimen Rechts auf Widerstand.

1808 veröffentlichte Kleist ein Fragment der Erzählung in der von ihm und Adam Müller herausgegebenen Monatszeitschrift Phöbus. In diesem Fragment zeigt Kleist nur einen aufbegehrenden Kohlhaas, der aber noch nicht schuldig wird. Erst in der vollständigen Veröffentlichung zwei Jahre später lässt er Kohlhaas auch zu einem Verbrecher werden. Zudem baut er das Gespräch mit Luther ein. Luther bildet als moralische Instanz das Gegengewicht zu den korrupten weltlichen Gerichten, die Kohlhaas nicht zu seinem Recht verhelfen. Die Haltung Luthers, Kohlhaas’ Grausamkeit nicht zu akzeptieren, die Rechtmäßigkeit seines Anliegens aber anzuerkennen, wird ja später auch von der weltlichen Rechtsprechung übernommen, mit der die Geschichte endet: Die Pferde werden Kohlhaas wohlgenährt zurückgegeben, der Pferdehändler aber stirbt auf dem Schafott. Ohne die Luther-Episode hätte die Geschichte gar nicht das von Kleist gewünschte zweipolige Ende haben können, bei dem Bestrafung und Rehabilitierung zugleich erfolgen.

Wirkungsgeschichte

Michael Kohlhaas erschien 1810, zur Zeit der Napoleonischen Kriege. Die Geschichte eines Pferdehändlers, der mit allen Mitteln sein Recht geltend macht, stieß in dieser von Leid und Not geplagten Zeit kaum auf Interesse. Zudem wurden die Leser durch die in der Erzählung ausgedrückte Vorstellung verunsichert, dass die Obrigkeit sich überhaupt zu Willkürakten hinreißen lassen könnte und die Untertanen dieser mit Gewalt begegnen müssten. Die Rationalität der Rechtsauffassung im Zeitalter der Aufklärung hatte nämlich in Preußen in den Jahrzehnten zuvor – nicht zuletzt unter dem Eindruck der Französischen Revolution – ein großes Vertrauen in die Gesetze entstehen lassen, bei Obrigkeit und Bürgern gleichermaßen.

Schriftsteller und Dichter wie Achim von Arnim und Clemens Brentano bewunderten, wie Kleist die in der deutschen Literatur noch weitgehend unbekannte Form der Novelle für den Kohlhaas benutzte und damit eigentlich eine neue literarische Gattung in die deutsche Dichtung einführte. (Unter einer Novelle versteht man eine Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Als Muster aller Novellen gilt Giovanni Boccaccios Sammlung Decamerone aus dem 14. Jahrhundert.) Neben die Schilderung einer solchen Begebenheit trat bei Kleist – und nach ihm bei vielen Dichtern der Romantik – zunehmend eine vertiefte Charaktergestaltung sowie die Beschreibung von Grenzsituationen und von Erfahrungen, welche die bislang vertraute Welt in Frage stellten. Mit dieser Ausweitung erlebte die Novelle in der deutschsprachigen Literatur dann einen Höhepunkt bei Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer am Ende des 19. Jahrhunderts.

Bis heute liegen 200 deutsche Ausgaben des Michael Kohlhaas vor. Eine erste Welle wirklicher Wertschätzung der Novelle brachte der Expressionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts – wohl auch, weil damals soziale Spannungen und die harte Lebenswirklichkeit verstärkt Gegenstand der Literatur wurden. Seitdem ist das Werk diversen politischen Vereinnahmungen ausgesetzt gewesen. Die Nationalsozialisten reklamierten den Text für ihre Blut- und Bodenideologie. Vom konservativ-nationalistischen Bürgertum wurde Kohlhaas bis in die 50er Jahre hinein als Inbegriff des „deutschen Rechtsgefühls“ angesehen. In den 60er Jahren wurde die Erzählung vor allem von der linken Studentenschaft in Anspruch genommen. Sie sah in dem Pferdehändler den Revolutionär, der die Welt mit Gewalt gerechter machen will. Nach 1968 kursierten allein in Frankreich ein Dutzend verschiedene Übersetzungen. 1969 drehte Volker Schlöndorff den Film Michael Kohlhaas – der Rebell.


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