Zusammenfassung von Nachtasyl

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Nachtasyl Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Drama
  • Realismus

Worum es geht

Ganz unten

Mit seinem Drama Nachtasyl brachte Maxim Gorki erstmals in der Geschichte des Theaters Angehörige der untersten Gesellschaftsschichten als Helden auf die Bühne. Nicht ein einzelner tragischer Charakter steht im Mittelpunkt des Stücks, sondern eine Gruppe von gescheiterten Existenzen – Kleinkriminelle, Exsträflinge, Säufer und Schläger –, die im Obdachlosenasyl nach dem Sinn des Lebens und der Arbeit fragen und auf ihre Weise alle nach der Wahrheit suchen. Als der Pilger Luka auftaucht und die Menschen mit seinen Lügengeschichten ermutigt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich aus dem Elend zu befreien, kommt für kurze Zeit Hoffnung auf. Doch schon bald versinken alle wieder in Suff, Streit und Resignation. Einer begeht sogar Selbstmord. Die christliche Barmherzigkeitslehre, so die zutiefst pessimistische Botschaft des Stücks, hilft den Menschen nicht weiter, sondern stürzt sie sogar noch tiefer ins Unglück. Bis heute ist Nachtasyl, das schon bei der Uraufführung im Jahr 1902 Begeisterung auslöste und seinen Autor schlagartig weltberühmt machte, Maxim Gorkis erfolgreichstes Stück.

Take-aways

  • Maxim Gorkis Drama Nachtasyl brachte als erstes Theaterstück Angehörige der untersten Gesellschaftsschichten als Helden auf die Bühne.
  • Inhalt: In einem Nachtasyl für Obdachlose treffen verschiedene verkrachte Existenzen aufeinander. Als der Pilger Luka auftaucht und ihnen mit seinen menschenfreundlichen Lügengeschichten Mut macht, wollen einige ihr Leben ändern. Doch nachdem Luka verschwunden ist, versinken sie wieder in Streit, Suff und Resignation.
  • Als philosophisches Ideendrama ist Nachtasyl relativ handlungsarm.
  • Im Mittelpunkt steht nicht der eine Held, um dessen Schicksal sich alles dreht, sondern eine Gruppe etwa gleichrangiger Figuren.
  • Über die Figur des Luka setzt sich Gorki indirekt mit dem christlichen Humanismus auseinander und kritisiert die Barmherzigkeitslehre.
  • Die Sprache der Figuren ist kraftvoll und volkstümlich.
  • Im 19. Jahrhundert bildete sich in russischen Städten ein Industrieproletariat, das in elenden Verhältnissen lebte und arbeitete.
  • Das Stück war bei seiner Uraufführung 1902 ein großer Erfolg und begründete Gorkis weltweiten Ruhm.
  • Nachtasyl wurde 1936 von Jean Renoir und 1957 von Akira Kurosawa verfilmt.
  • Zitat: „Die Wahrheit ist aber nicht immer gut für den Menschen … nicht immer heilst du die Seele mit der Wahrheit …“
 

Zusammenfassung

Verlorene Illusionen über Liebe und Ehre

Es ist Morgen, und die Bewohner des Nachtasyls, eines höhlenartigen, mit Pritschen ausgestatteten Kellerraums, sind soeben erwacht. Gleich beginnen sie, zu streiten und sich gegenseitig zu beschimpfen. Der Baron zieht die junge Nastja, die in ein Buch vertieft ist, mit ihrer Vorliebe für kitschige Liebesromane auf. Der Schlosser Kleschtsch bezweifelt die Aussage Kwaschnjas, die beteuert, sie werde nach dem Tod ihres verhassten Mannes nie wieder heiraten. Kwaschnja verbittet sich solche Kommentare, zumal von einem wie Kleschtsch, der gerade seine kranke Frau Anna halbtot geprügelt habe. Der Baron weigert sich, das Zimmer auszufegen, obwohl er eigentlich an der Reihe wäre, und auch der Schauspieler will sich nicht am Aufräumen beteiligen.

„Ist die Arbeit ein Vergnügen – dann ist das Leben schön! Ist die Arbeit aber erzwungen – dann wird das Leben zur elenden Sklaverei!“ (Satin, S. 17)

Nachdem der Baron und Kwaschnja auf den Markt gegangen sind, kommt Kostylew herein, der Herbergsvater. Er sucht seine junge Frau Wassilissa, die er im Verdacht hat, ihn mit dem Dieb Pepel zu betrügen. Pepel wohnt in einer Kammer nebenan, doch da ist Wassilissa angeblich nicht. Kostylew gibt sich stets gottesfürchtig, hat immer einen frommen Spruch auf den Lippen, scheut aber nicht davor zurück, von seinen Mietern noch mehr Geld für die elenden Pritschen zu verlangen. Davon, dass er Pepel noch Geld für eine gestohlene Uhr schuldet, die er bislang nur angezahlt hat, will Kostylew nichts wissen: Er kaufe doch keine gestohlenen Sachen!

„Was brauchen sie Ehre und Gewissen? Die ersetzen ihnen die Stiefel nicht, wenn sie im Winter frieren …“ (Pepel über die Nachtasyl-Bewohner, S. 18)

Der Exsträfling Satin, der sich viel auf seine Bildung zugutehält, bettelt die anderen um Geld an. Bubnow, der sich über Annas Husten ärgert, hat selbst nicht genug, und Kleschtsch, der mitten im Raum an ein paar alten Schlüsseln herumfeilt, weist Satin harsch zurück: Da könne ja jeder kommen! Er prahlt damit, dass er seit seiner Kindheit hart gearbeitet habe, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen – im Gegensatz zu diesem elenden Pack. Was sei schon Arbeit, spottet darauf Satin: Er wolle doch nicht sein Leben in Sklaverei verbringen. Keine Ehre und kein Gewissen hätten diese Gauner und Diebe, klagt Kleschtsch weiter. Doch davon wollen Pepel und Bubnow nichts wissen. Ehre und Gewissen seien etwas für die Reichen und Mächtigen. Sie ersetzten keine Stiefel, wenn man im Winter friere.

Betrug und Eifersucht

Wassilissas Schwester Natascha bringt einen neuen Mieter herein. Mit seinen 60 Jahren ist Luka – ein Pilger, der keine Papiere hat und eher wie ein Landstreicher wirkt – deutlich älter als die anderen Bewohner des Nachtasyls. Er kann es kaum fassen, an einem Ort wie diesem auf einen Baron zu stoßen, der sich so viel auf seine große Vergangenheit einbildet. Wie tief muss der gesunken sein! So ist das eben, meint Bubnow: Ist der Putz erst einmal weg, steht der Mensch nackt da. Luka kann das nur bestätigen: Am Ende sind doch alle Menschen nur Menschen, ganz gleich wie sie sich als Herren aufgespielt haben.

„Was gewesen ist, ist gewesen. Übrig geblieben ist nicht viel davon … hier kennen wir keine Herren … der Putz ist weg, nur der nackte Mensch ist geblieben …“ (Bubnow, S. 22)

Als der betrunkene Schuhmacher Aljoschka vorbeischaut, jagt die inzwischen hereingekommene Wassilissa ihn raus. Sie ärgert sich über den Klatsch, den er auf der Straße über Pepel und Natascha verbreitet. Wie nebenbei wirft sie einen Blick in die Kammer von Pepel, doch der ist nicht da. Ob ihre Schwester da gewesen sei, will sie von den anderen wissen und fordert sie gereizt auf, endlich einmal aufzuräumen und das Zimmer zu säubern. Nachdem sie wieder fort ist, fragt Luka erstaunt, ob sie immer so böse sei. Bubnow erklärt, sie habe ihren Geliebten besuchen wollen und ärgere sich, ihn nicht angetroffen zu haben. „Ei, ei! Seid ihr Menschen!“, meint Luka kopfschüttelnd und holt den Besen, um sauber zu machen.

„Was du auch anstellst, wie du dich auch aufspielst – als Mensch bist du geboren und wirst als Mensch sterben …“ (Luka zum Baron, S. 22)

Das Gerücht über Wassilissas Verhältnis mit Pepel ist bis zu ihrem Onkel Medwedew vorgedrungen, einem Polizisten. Er will von den Bewohnern mehr darüber erfahren, doch die halten dicht. Während Luka sich um die immer schwächer werdende, hustende Anna kümmert, erklärt Medwedew, die Zeiten hätten sich geändert. Heute dürfe man sich nicht mehr ohne Weiteres prügeln – geprügelt werde nur, wenn die Ordnung es verlange. Da ertönt Geschrei. Kostylew stürzt herein und ruft um Hilfe: Wassilissa sei dabei, Natascha totzuprügeln.

Gibt es einen Gott?

Es ist Abend geworden. Während einige Bewohner, zu denen der Tatar und Schiefkopf gestoßen sind, sich die Zeit mit Spielen vertreiben, klagt die sterbende Anna Luka ihr Leid: Ein Leben lang habe sie gehungert und Lumpen getragen. Ängstlich fragt sie sich, ob sie im Jenseits auch solche Qualen werde ertragen müssen. Luka tröstet sie: Bald werde sie bei Gott sein und endlich Frieden finden. Dem Schauspieler, der jammert, der Alkohol habe ihn zerstört, rät Luka zu einer Entziehungskur. Danach werde für ihn ein neues Leben beginnen.

„Ich bin ein verlorener Mensch … Und warum bin ich verloren? Weil der Glaube an mich selbst mir fehlte …“ (der Schauspieler, S. 36)

Der betrunkene Pepel spottet über Lukas himmlische Versprechungen. Er will wissen, wie es Natascha geht: Hat Wassilissa sie wirklich so arg zugerichtet? Medwedew ermahnt ihn, sich nicht in Familienangelegenheiten einzumischen, doch Pepel nimmt kein Blatt vor den Mund: Wenn er erst einmal darüber auspacke, dass Kostylew und Wassilissa ihn zum Diebstahl anstiften und ihm die gestohlene Ware abnehmen, seien sie alle dran. Nachdem Medwedew wütend den Raum verlassen hat, redet Luka auf Pepel ein, mit ihm nach Sibirien zu ziehen. Junge Männer wie er würden dort gebraucht. Doch Pepel winkt ab: Er sei zum Dieb geboren und werde sowieso im Gefängnis landen. Luka wirft er vor, Lügen über das Paradies und ein schönes Leben zu verbreiten. Auf Pepels Frage, ob es einen Gott gebe, lächelt Luka: Das hänge von der eigenen Einstellung ab. Für den, der an ihn glaube, gebe es einen Gott.

Der Traum vom anderen Leben

Nachdem außer Anna, die hinter einem Vorhang im Bett liegt, alle Bewohner den Raum verlassen haben, sprechen sich Pepel und Wassilissa aus. Er habe sie nie geliebt, gesteht Pepel. Schon seit Längerem habe er gemeint, sie sei eine seelenlose Frau. Darauf entgegnet Wassilissa, sie habe immer gehofft, er werde sie von ihrem Ehemann und dem Onkel befreien. Vielleicht habe sie nicht ihn, sondern nur den Traum von einem anderen Leben geliebt. Sie bietet Pepel ein Geschäft an: Sie unterstützt seine Hochzeit mit Natascha, dafür tötet er Kostylew. Da aber kommt Kostylew herein. Zwischen den beiden Männern bricht Streit aus. Pepel packt den Wirt am Kragen, da macht sich plötzlich Luka durch lautes Gähnen bemerkbar. Er hat sich die ganze Zeit über auf dem Ofen versteckt und alles mitbekommen. Eindringlich warnt er Pepel davor, auf Wassilissas Vorschlag einzugehen. Er solle einfach von hier wegziehen, mit oder ohne Natascha.

„Man kennt sich nicht aus in den Menschen! Wer gut ist, wer böse … nichts lässt sich mit Bestimmtheit sagen!“ (Pepel, S. 48)

Mittlerweile ist Anna gestorben. Einzig Natascha zeigt Mitleid. Bubnow freut sich, dass das lästige Husten endlich ein Ende hat, der Tatar und Schiefkopf befürchten, sie werde anfangen zu riechen, und ihr Mann Kleschtsch macht sich bloß Sorgen wegen der Beerdigungskosten. Als Natascha Erbarmen mit der Toten fordert, wendet Luka ein: Wie sollen sie mit den Toten Erbarmen haben, wenn sie keines mit den Lebenden, ja nicht einmal mit sich selbst haben? Sie selbst, Natascha, müsse keine Angst vor Toten haben, sondern vor den Lebenden.

Was ist die Wahrheit?

Vor dem Haus erzählt Nastja von einer Liebesbeziehung, die sie mit einem französischen Studenten hatte. Bubnow und der Baron glauben ihr nicht und verspotten sie, doch Luka tröstet sie: Wenn sie selbst glaube, sie habe echte Liebe erlebt, dann habe sie das auch. Natascha gesteht, ebenfalls solchen Träumen von der Liebe nachzuhängen, denn die Realität sei zu schrecklich. Anders als Bubnow, der nicht begreift, warum die Menschen ständig lügen müssen, zeigt der Baron Verständnis: Alle Menschen überschminken ihre grauen Seelen.

„Siehst du, Mädel – es muss doch auch einer da sein, der gut ist … wir sollen Erbarmen haben mit den Menschen; Christus – siehst du – der hatte Erbarmen mit allen und hat’s auch uns befohlen …“ (Luka zu Natascha, S. 59)

Auf Nataschas Frage, warum er so gut sei, erzählt Luka eine Geschichte: Zwei Jungen wollten ihn in einem Landhaus, dessen Wächter er war, mit einem Beil töten. Er hatte jedoch ein Gewehr und drohte damit, sie zu erschießen. Dann befahl er ihnen, sich gegenseitig zu verprügeln – was sie taten. Danach baten sie ihn um Brot, da sie hungrig waren. Warum sie ihn denn nicht gleich um Brot gebeten hätten, statt ihn zu bedrohen, wollte Luka von ihnen wissen. Sie hätten es einfach satt, ständig zu bitten, erwiderten die Jungen. Kein Mensch gebe etwas, da hätten sie die Geduld verloren. Sie blieben bei ihm und halfen ihm im Landhaus. Hätte er kein Erbarmen gezeigt, sie hätten ihn vielleicht getötet und wären im Gefängnis gelandet. Das Gefängnis aber lehre einen nichts Gutes, sondern nur der Mensch.

„Keine Arbeit … keine Kraft in den Gliedern – das ist die Wahrheit! Keinen Winkel, in dem man zu Hause ist! Krepieren muss man … das ist sie, deine Wahrheit!“ (Kleschtsch zu Bubnow, S. 61)

Bubnow hält dagegen, er könne einfach nicht lügen, sondern müsse immer die Wahrheit sagen. Was denn bitte die Wahrheit sei, schreit Kleschtsch plötzlich los: Keine Arbeit, kein Zuhause – krepieren müssten sie, das sei die Wahrheit! Luka tröste alle, aber er, Kleschtsch, hasse alle. Luka zeigt sich nachdenklich: Die Wahrheit sei nicht immer gut und heilsam. Die Menschen suchten immer nach Gerechtigkeit und nach einem besseren Leben. Mit Gottes Hilfe, Geduld und dem richtigen Willen würden sie am Ende finden, was sie suchten. Man müsse ihnen dabei helfen und sie respektieren.

Lukas heilsamer Einfluss

Bei Pepel zeigen Lukas Reden Wirkung. Schon als Kind habe man ihn einen Dieb genannt, und so sei er eben Dieb geworden. Nun will er das Stehlen lassen und mit Natascha in Sibirien ein neues Leben beginnen, um sich selbst achten zu können. Doch Natascha will nicht und behauptet, ihn nicht wirklich zu lieben. Luka redet ihr zu: Pepel sei ein guter Bursche, und auf diese Weise werde sie diesem elenden Leben und der bösen, geldgierigen Schwester Wassilissa entkommen. Pepel versichert ihr, er werde sie immer lieben und sie niemals schlagen.

„Die Wahrheit ist aber nicht immer gut für den Menschen … nicht immer heilst du die Seele mit der Wahrheit …“ (Luka, S. 62)

Natascha ist überzeugt und schmiegt sich schon an Pepel, da taucht Wassilissa auf, die das Gespräch unbemerkt mitgehört hat, und überschüttet das Paar mit Spott und Hass. Kostylew, der ebenfalls dazukommt, fordert Natascha auf, an die Arbeit zurückzukehren. Doch Pepel gebietet ihm Einhalt: Natascha sei hier nicht mehr die Magd, sie gehöre jetzt ihm. Als Luka Pepel rät, sich nicht provozieren zu lassen, wendet sich Kostylew an ihn: Er sei ein Landstreicher, ein unnützer Mensch, ein Sonderling. Wenn er wirklich ein Pilger sei, solle er beten, schweigen und sich nicht einmischen, statt den Leuten mit seinen Geschichten die Köpfe zu verdrehen. Dann fordert er ihn auf, das Haus zu verlassen.

„Was heißt Wahrheit? Der Mensch ist die Wahrheit!“ (Satin, S. 84)

Nicht nur Pepel hat sich unter Lukas Einfluss gewandelt: Der Schauspieler ist erstmals nüchtern und hat sich mit Straßenfegen etwas Geld verdient, das er für die Reise zur Entziehungskur zurücklegen will. Satin hört auf zu spotten und gesteht, jemanden totgeschlagen zu haben. Das Gefängnis habe ihn zu dem gemacht, der er jetzt sei. Selbst Kleschtsch zeigt sich plötzlich zugänglich. Er wisse nicht, was er tun solle ohne Geld und Arbeit, er schäme sich vor den Leuten, wenn er nichts tue. Da dringt plötzlich aus dem Haus lautes Geschrei. Kostylew und Wassilissa verprügeln Natascha. Die anderen Bewohner eilen ihr zu Hilfe, es entsteht eine Massenschlägerei, und am Ende liegt Kostylew tot am Boden. Sogleich beschuldigt Wassilissa Pepel, ihren Mann erschlagen zu haben. Der streitet es ab. Im Gegenzug wirft er ihr vor, sie habe ihn angestiftet, Kostylew zu töten. Als Natascha das hört, gerät sie außer sich: Alles war nur ein Komplott von Pepel und Wassilissa, die sie nun für ein Liebespaar hält.

Wofür lebt man?

Die Zahl der Nachtasylbewohner ist geschrumpft. Wassilissa und Pepel sitzen im Gefängnis, Natascha ist verschollen, und auch Luka ist fort, was die anderen sehr bedauern. Interessant sei er gewesen, für alles habe er Verständnis gehabt und Mitleid mit jedem gezeigt. Er sei kein Freund der Wahrheit gewesen, meint Kleschtsch, und das mit Recht. Denn was nütze alle Wahrheit, wenn man nichts zu essen habe? Der Alte habe geflunkert, aber nur aus Mitleid, sagt Satin, denn er habe begriffen, dass sie diese Lügen zum Leben bräuchten. Die Lügen aber seien die Religion der Knechte und der Herren; freie Menschen bräuchten keine Lügen. Der Mensch verdiene Respekt, nicht Mitleid. Er selbst, gesteht Satin, habe Menschen, die sich sorgen, wie sie satt werden, immer verachtet. Darauf komme es nicht an: Der Mensch sei wichtiger als ein satter Magen. Dem Schauspieler ist alles egal. Er ist wieder einmal betrunken und fragt sich ebenso wie Nastja, wofür man eigentlich lebt.

„Der Mensch kann glauben oder nicht glauben … das ist seine Sache! Der Mensch – ist frei … er hat selbst für alles aufzukommen: für seinen Glauben, seinen Unglauben, seine Liebe, seine Vernunft. Der Mensch trägt selbst die Kosten für alles, und drum ist er – frei!“ (Satin, S. 89)

Inzwischen hat Kwaschnja die Leitung des Nachtasyls übernommen und sich mit Medwedew zusammengetan, von dem sie sich männlichen Beistand im Umgang mit diesen verkommenen Leuten erhofft. Wieder einmal streiten die Bewohner und beschimpfen sich gegenseitig. Einige legen sich schlafen, doch Aljoschka, Satin, Bubnow, der Tatar und Schiefkopf fangen an zu trinken, zu tanzen und zu singen. Mitten in das fröhliche Gelage platzt der Baron herein und schreit, sie sollten alle nach draußen kommen. Der Schauspieler hat sich auf dem Platz erhängt. Satin ärgert sich: Mit seinem Selbstmord hat der ihnen den Abend verdorben.

Zum Text

Aufbau und Stil

Maxim Gorkis Nachtasyl ist ein Drama in vier Akten. Ort der Handlung ist eine unbenannte russische Provinzstadt. Die ersten beiden Akte und der Schlussakt spielen im Innern des Gebäudes, der dritte Akt auf dem Platz davor. Die Zeit, in der das Stück spielt, erstreckt sich von einem Morgen im Frühjahr bis zu einem Abend wenige Tage darauf. Die Angaben zur Bühnengestaltung und die szenischen Anweisungen sind sehr ausführlich und konkret. Die eine große Bühnengestalt, den einen Helden gibt es in Nachtasyl nicht. Im Zentrum dieses Sittengemäldes steht vielmehr eine ganze Gruppe von Menschen aus dem Lumpenproletariat. Gorki stellt die Lebenswirklichkeit dieses Milieus sehr naturgetreu dar und verleiht seinen Figuren eine kraftvolle, volkstümliche Sprache. Ständig wird geschimpft und geflucht, aber auch gesungen. Viele Sätze bleiben unvollständig, weil die gerade sprechende Figur von einer anderen unterbrochen wird. Kennzeichnend für das Stück ist auch das unmittelbare Nebeneinander verschiedener Tonlagen: Einen Moment äußert jemand voller Pathos eine hochphilosophische Idee, dann wieder spricht man über Alltägliches, Banales.

Interpretationsansätze

  • Nachtasyl zeichnet sich durch relative Handlungsarmut aus: Im ersten Akt stirbt eine kranke, von ihrem Gatten verprügelte Frau, im dritten Akt wird der Herbergsvater erschlagen, im vierten Akt erhängt sich der Schauspieler. Ansonsten wird in diesem naturalistischen Ideendrama vor allem philosophiert – und zwar von allen Figuren: über Wahrheit und Gerechtigkeit, den Sinn des Lebens und den Tod.
  • Der Pilger Luka verkörpert christliche Barmherzigkeit und Mitgefühl, der Skeptiker und Individualist Satin dagegen eine an Nietzsche angelehnte Moral des stolzen, freien Übermenschen. Gorki lässt auf der Bühne die konträren philosophischen Positionen zusammenprallen, ohne einer von beiden den Vorzug zu geben, und fordert so den Zuschauer auf, seine eigenen Werte und Überzeugungen zu überprüfen.
  • In der Figur des Luka tritt Gorkis Kritik an der christlichen Barmherzigkeitslehre zutage. Zunächst erscheint Luka als Hoffnungsträger, der die anderen mit seinen Geschichten aufrütteln will, sich aus ihrem Elend zu befreien und ihr Leben zu ändern. Und doch verändert diese Figur, zu deren Charakterisierung Gorki möglicherweise durch die Begegnung mit Leo Tolstoi angeregt wurde, letztlich nichts an den Verhältnissen, in denen die Menschen leben. Am Ende trägt Luka sogar Mitverantwortung am Selbstmord des Schauspielers, der an seine Geschichten geglaubt hat.
  • Nach einer anderen Interpretation ist nicht Luka, sondern Satin schuld am Tod des Schauspielers. Demnach spricht er in seinem Plädoyer gegen das Mitgefühl ein vernichtendes Urteil über die kleinen, unbedeutenden, nur am eigenen Fortleben interessierten Menschen.
  • Nachtasyl ist ein zutiefst pessimistisches Drama. Unter den Bewohnern des Kellerlochs gibt es keine Solidarität. Jeder lebt für sich allein, und statt zusammenzuhalten, streiten und schlagen sie sich. Einige flüchten sich in den Alkohol, andere träumen von vergangenen Leben und Liebschaften – ohne Hoffnung, dem Elend je zu entkommen.

Historischer Hintergrund

Soziale Missstände und Utopien

Trotz verstärkter Reformanstrengungen unter Zar Alexander II., der 1861 – beinahe zwei Generationen später als im übrigen Europa – gegen starke innenpolitische Widerstände die Abschaffung der Leibeigenschaft durchgesetzt hatte, war Russland im späten 19. Jahrhundert im Vergleich zu westeuropäischen Nationen immer noch ein rückständiges Land. Die Industrialisierung schritt nur zögerlich voran und nahm erst durch den Bau der Eisenbahn in den 1890er-Jahren Schwung auf. Nicht nur in Moskau und St. Petersburg, auch in der südlichen Ukraine und im Ural bildeten sich Industriezentren. Dennoch blieb Russland weiterhin ein agrarisch geprägtes Land. Um die Jahrhundertwende lag der Anteil der Landwirtschaft am Nationaleinkommen immer noch bei über 50 Prozent, derjenige der Industrie dagegen bei rund 20 Prozent.

Die Bauern machten mit über 80 Prozent die große Mehrheit der russischen Bevölkerung aus. Durch Zar Alexanders Landreformen hatten sie persönliche Freiheit und Bürgerrechte erlangt, doch besaßen sie kein Land. Sie erhielten lediglich ein kleines Grundstück zur eigenen Verfügung, von dessen Ertrag sie jedoch nicht leben konnten. Zwar besaßen sie nun das Recht, selbst Land zu erwerben – ein Teil der von dem Gutsherren festgelegten Kaufsumme war sofort zu zahlen, für den Rest konnten die Bauern eine Art staatlichen Kredit aufnehmen –, doch die meisten Bauern hatten kein Geld, und so blieben sie weiterhin in der Abhängigkeit von ihren früheren Herren und gerieten nicht selten in existenzielle Not, was immer wieder zu Aufständen führte. Auch von den regelmäßig grassierenden Hungersnöten – besonders heftig in den Jahren 1891 und 1892 – war die ländliche Bevölkerung am schwersten betroffen.

Die beginnende Industrialisierung und ein hohes Bevölkerungswachstum sorgten dafür, dass viele Bauern in die Städte abwanderten. In St. Petersburg und Moskau, die innerhalb weniger Jahrzehnte zu Millionenstädten anwuchsen, entstand ein Industrieproletariat, das in elenden Verhältnissen lebte und arbeitete und schon vor der Jahrhundertwende ein erhebliches soziales Unruhepotenzial darstellte. Es bildeten sich erste marxistisch orientierte Arbeitergruppen, die vom russischen Polizeistaat jedoch massiv verfolgt und in den Untergrund getrieben wurden. Als neuer Typus betraten sogenannte Intelligenzler und Sozialrevolutionäre die politische Bühne. Sie vertraten verschiedene sozialistische Strömungen, vom Marxismus westlicher Prägung bis zum Anarchismus und propagierten den revolutionären Umsturz. Einen anderen Weg schlug der Schriftsteller und christliche Humanist Leo Tolstoi ein. Sein Glaube verpflichtete ihn, auf Besitz zu verzichten und sich gegen Autoritäten aufzulehnen – ob staatlich, kirchlich oder militärisch. Tolstoi befürwortete stattdessen einen individuellen, friedfertigen, passiven Widerstand.

Entstehung

Im Winter 1901/02 traf Maxim Gorki – damals schon ein bekannter Schriftsteller – auf der Krim mehrfach mit dem alten Tolstoi zusammen, der damals so etwas wie das Weltgewissen verkörperte und vielen als Heiliger galt. In seinen Erinnerungen an Tolstoi (1919) schrieb Gorki später über die gemeinsamen Gespräche und setzte sich auch mit Tolstois religiösem Humanismus auseinander. Hatte er bis dahin vor allem romantisch-heroische Erzählungen verfasst, in denen meistens Landstreicher und Abenteurer die Helden waren, wandte er sich nun dem Drama zu, mit dem er hoffte, eine größere Menge von Menschen unmittelbar erreichen zu können. Nach Fertigstellung seines ersten Dramas Die Kleinbürger (1901) begann er im Sommer 1902 mit der Arbeit an Nachtasyl. Ursprünglich sollte der Titel „Na dne“, zu Deutsch „Auf dem Boden“ im Sinne von „ganz unten“ lauten. Dann aber entschied sich Gorki für „Nachtasyl“, ergänzt durch den Untertitel „Szenen aus der Tiefe“.

Nachtasyl wurde im Dezember 1902 im Moskauer Künstlertheater unter der Regie des Theaterreformers Konstantin Stanislawski uraufgeführt. Bereits im September desselben Jahres reiste Gorkis deutscher Übersetzer August Scholz nach Russland, um das Stück mit dem Autor zu besprechen und es anschließend ins Deutsche zu übertragen. Die deutsche Erstaufführung fand im Januar 1903 am Kleinen Theater in Berlin statt.

Wirkungsgeschichte

Nachtasyl war ein durchschlagender Erfolg und begründete den weltweiten Ruhm Maxim Gorkis. Nicht nur in Russland, auch in Deutschland feierte man die kraftvolle, volksnahe Sprache und den Mut des Schriftstellers, zum ersten Mal gescheiterte Existenzen, Kleinkriminelle, Mörder und Alkoholiker als tragende Figuren eines Dramas auf die Bühne zu stellen. In der Sowjetunion wurde Nachtasyl zu einem Klassiker und ist bis heute weltweit Gorkis berühmtestes Werk. Das Stück wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1936 unter der Regie von Jean Renoir und 1957 vom japanischen Regisseur Akira Kurosawa.

Über den Autor

Maxim Gorki (eigentlich Alexei Maximowitsch Peschkow) wird am 16. März 1868 in Nischni Nowgorod als Sohn eines Tischlers geboren. Nach dem Tod seines Vaters wächst er beim Großvater auf. Als er zehn Jahre alt ist, stirbt auch seine Mutter. Er verlässt die Schule, arbeitet als Küchenjunge, Bäcker und Hafenarbeiter und bildet sich autodidaktisch weiter. Sein Plan, in Kasan zu studieren, scheitert, da er nicht an der Universität aufgenommen wird. 1887 unternimmt er einen Selbstmordversuch. 1889 wird er wegen revolutionärer Propaganda verhaftet und steht fortan unter ständiger Aufsicht der Polizei. Er durchwandert zu Fuß weite Teile Russlands und veröffentlicht unter dem Pseudonym „Gorki“ („der Bittere“) erste Erzählungen wie Tschelkasch (1894) oder Lied vom Sturmvogel (1901). 1896 heiratet er Jekaterina Wolschina, mit der er zwei Kinder bekommt. Gorki unterhält engen Kontakt zu revolutionären Arbeitergruppen und wird mehrfach von der Polizei festgenommen, infolge öffentlicher Proteste aber wieder freigelassen. Mit seinen Theaterstücken Die Kleinbürger (1901) und Nachtasyl (1902) wird er über die Grenzen Russlands hinaus bekannt. 1905 setzt er sich aktiv für die Revolution ein und lernt Lenin kennen. Auf Reisen durch Europa und die USA schreibt er den Roman Die Mutter (1907). Als politischer Agitator darf er nicht nach Russland zurück und so lebt er bis 1913 im Exil auf der Insel Capri. Als 1917 in Russland die Revolution ausbricht, unterstützt Gorki die Bolschewisten nicht und kritisiert öffentlich Lenins Methoden der Verfolgung und des Terrors. Von der Zensur zum Schweigen gebracht, geht Gorki 1921 erneut ins Exil und lebt mit seiner neuen Lebensgefährtin Marija Budberg in Deutschland und Italien. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion im Jahr 1927 wird er – inzwischen bekennender Bolschewist und Anhänger Stalins – mit Ehrungen überhäuft und zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes ernannt. Seine Geburtsstadt Nischni Nowgorod wird in Gorki umbenannt. Gorki, der als Begründer des sozialistischen Realismus in der Literatur gilt, stirbt am 18. Juni 1936 unter ungeklärten Umständen.


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