Zusammenfassung von Neu-Atlantis

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Neu-Atlantis Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Utopie
  • Frühe Neuzeit

Worum es geht

Eine der wichtigsten Utopien

Man muss Francis Bacons Neu-Atlantis im zeitgeschichtlichen Zusammenhang lesen, um die historische Bedeutung des Texts zu erkennen: Wenn er naturwissenschaftliche Experimente fordert und eine Arbeitsteilung unter Wissenschaftlern propagiert, so klingt das für heutige Ohren banal – damals war es revolutionär. Rückblickend besonders interessant ist, dass Bacon, dem „Wissen ist Macht“-Verkünder, kaum ein Zweifel an der Kontrollierbarkeit des Fortschritts kam. Das ist aber kein Wunder: Er entdeckte ja gerade erst, was der Fortschritt alles vermag; zu Pessimismus bestand schlicht noch kein Anlass. Heute, da sein berühmtester Ausspruch vor allem auf die Folgelasten ungebremsten Fortschritts gemünzt wird, verblüfft, dass einige seiner Erfindungsfantasien erst jetzt richtig aktuell werden, etwa die Energiegewinnung durch Wind-, Wasser- und Sonnenkraft. Bei so viel Vorstellungskraft und ungeahnter Prophetie enttäuscht, dass Bacons Gesellschaftsentwurf konservativ bleibt: Er erträumt sich sein besseres England sittsam und ordentlich, aber genauso patriarchalisch und monarchisch wie zuvor.

Take-aways

  • Francis Bacons Neu-Atlantis ist neben Thomas Morus’ Utopia und Tommaso Campanellas Sonnenstaat die berühmteste Utopie der frühen Neuzeit.
  • Der Text ist ein knapp 60-seitiges Fragment, das 1627 auf Latein veröffentlicht wurde.
  • Inhalt: Auf dem Weg von Peru in Richtung China verschlägt es europäische Seefahrer auf die unbekannte Insel Bensalem. Sie erfahren viel über die Sitten der Einheimischen, insbesondere über deren Familienbräuche. Außerdem werden sie von einem Weisen in das größte Geheimnis der Insel eingeweiht: eine fortschrittliche Wissenschaftsakademie.
  • Francis Bacon gehört zu den bedeutendsten europäischen Philosophen der frühen Neuzeit.
  • Er formulierte die Vision einer wissenschaftlich beherrschten Welt. Sein berühmtester Ausspruch: „Wissen ist Macht.“
  • Naturwissenschaft soll sich nach Bacon streng auf Experimente stützen – heute selbstverständlich, damals eine revolutionäre Forderung.
  • Bacon stellt das Modell einer wissenschaftlichen Arbeitsteilung vor.
  • Das Vorbild der Wissenschaftsakademie in Neu-Atlantis führte 1660 zur Gründung der englischen Royal Society.
  • Bacon nahm Erfindungen vorweg, die erst Jahrhunderte später verwirklicht wurden: das Hörgerät, das U-Boot, das Flugzeug, Wind- und Wasserkraftanlagen.
  • Zitat: „Unsere Gründung hat den Zweck, (…) die geheimen Bewegungen in den Dingen und die inneren Kräfte der Natur zu erforschen und die Grenzen der menschlichen Macht so weit auszudehnen, um alle möglichen Dinge zu bewirken.“
 

Zusammenfassung

Die unbekannte Insel

Ein Schiff ist auf dem Weg von Peru in Richtung China und Japan. Der Wind steht ungünstig, die Seefahrer werden nach Norden abgetrieben. Als die Vorräte aufgezehrt sind, können die Männer nur noch beten. Und sie werden erhört: Im Norden sehen sie Land. Am nächsten Tag haben sie eine Insel erreicht. Eben wollen sie im Hafen einer schönen Stadt anlegen, als sie sehen, dass mehrere Männer am Strand ihnen Zeichen geben, genau dies nicht zu tun. Man kommt ihnen auf einem Boot entgegen und überreicht eine mit dem christlichen Kreuz versiegelte Pergamentrolle. Auf dieser steht in mehreren Sprachen, die Fremden sollten die Insel nicht betreten, falls ihnen der Aufenthalt nicht ausdrücklich erlaubt werde. Sie könnten aber ihre Wünsche nach Verpflegung aufschreiben. Die Gestrandeten antworten mit der Bitte, die teils schwer Kranken an Land behandeln lassen zu dürfen; sie listen weitere Bedürfnisse auf und bieten im Tausch einige Waren an.

„Wenn ihr (...) bei dem Segenswerk des Heilands schwört, dass ihr keine Seeräuber seid und im Laufe der letzten vierzig Tage weder zu Recht noch zu Unrecht Menschenblut vergossen habt, werdet ihr die Erlaubnis zum Landen erhalten.“ (der Gesandte, S. 8)

Drei Stunden später erscheint ein prächtig gekleideter Gesandter und fragt die Seeleute, ob sie Christen seien. Sie müssen unter Eid schwören, keine Seeräuber zu sein und in letzter Zeit niemandem Gewalt angetan zu haben. Anschließend wird ihnen mitgeteilt, man werde sie am nächsten Morgen abholen und zum Fremdenhaus bringen. Der Gesandte nimmt, wie die anderen vor ihm, keine Geschenke an. Er ist Beamter, also vom Staat bezahlt; Geschenke gelten als Doppelbezahlung. Am nächsten Tag werden die Männer abgeholt. Insgesamt sind sie 51, und 17 von ihnen sind krank. Im Fremdenhaus stehen ihnen sechs Diener zur Verfügung. Drei Tage lang sollen sie sich ausschließlich hier aufhalten. Die Verpflegung ist gut, und die Kranken genesen dank spezieller Früchte und Pillen schnell.

Die göttliche Botschaft

Nach der Regeneration erfährt die Schiffsmannschaft, dass sie weitere sechs Wochen auf Kosten des Staates auf der Insel bleiben darf. Die Männer sind überwältigt von so viel Großzügigkeit. Der Vorsteher des Fremdenhauses nimmt sich sogar Zeit, mit den neugierigen Fremden zu reden, und er ermuntert sie, Fragen zu stellen – schließlich wüssten die Bewohner der Insel Bensalem viel über die Welt, diese aber kaum etwas über sie. Die erste Frage der Schiffbrüchigen betrifft die Religion: Sie wollen wissen, wer der Apostel der Insel sei, wie also der christliche Glaube in diesen entlegenen Winkel der Welt vordringen konnte. Der Mann antwortet, dass die Insulaner 20 Jahre nach Christi Himmelfahrt eine Lichtsäule über dem Meer erblickten, darüber ein Kreuz aus noch hellerem Licht. Ein Weiser, Mitglied des Forschungskollegs „Gesellschaft des Hauses Salomons“, sprach schließlich, in gebührendem Abstand zu der Erscheinung, ein Gebet, in dem er Gott für das Zeichen dankte. Dieses bestätige die wissenschaftlichen Bemühungen seiner Gesellschaft, Gottes Werke zu unterscheiden nach Wunder, natürlichen Erscheinungen, Kunst und Täuschungen. Dann verschwand das Licht und ein hölzernes Kästchen blieb zurück. Der Weise fand darin einen Brief und ein Buch. In dem Buch waren das Alte und das Neue Testament niedergeschrieben, auch die Teile, die der Rest der Welt damals noch gar nicht kannte. Der Brief enthielt den Segen Gottes, überbracht vom Apostel Bartholomäus. Beides konnten Menschen jeglicher Muttersprache spontan lesen und verstehen.

Die Welt und die Insel

Am nächsten Tag wird den Fremden eine weitere Frage gewährt: wie es sein könne, dass das entlegene Inselvolk so viel Kenntnis von der Welt habe, ohne der Welt selbst bekannt zu sein. Der Fremdenbetreuer holt für seine Antwort weit aus: 3000 Jahre zuvor stand die weltweite Schifffahrt in einer Blütezeit. Bensalem stand damals in einem regen Austausch mit Ländern und Völkern wie den Phöniziern, den Karthagern, mit China, Alt-Atlantis (in der Sprache der Fremden: Amerika), Peru und Mexiko. Mehrere dieser Weltmächte griffen Bensalem an – und unterlagen. Die Streitmächte von Alt-Atlantis etwa kreiste der damalige König und Heerführer Altabin so geschickt ein, dass sie sich kampflos geschlagen geben mussten. Er tat ihnen kein Leid an, sie mussten für die Zukunft nur schwören, Bensalem niemals mehr anzugreifen. Sie erhielten dennoch ihre göttliche Strafe, denn wenig später wurde Alt-Atlantis vernichtet. Die Zeit der großen Seereisen war bald darauf zu Ende. So kam das Wissen der Welt über Bensalem abhanden, kaum mehr jemand verirrte sich noch auf die Insel.

Die Insel und die Welt

Vor 1900 Jahre hatte Bensalem einen sehr beliebten König namens Salomona. Er schuf die bis dato gültigen Gesetze der Insel. Seine Regentschaft fiel in ein goldenes Zeitalter, niemand litt Mangel. In seinem Wunsch, dem Glück Dauer zu verleihen, verbot Salomona den freien Austausch mit Fremden – er war misstrauisch gegen fremde Einflüsse und wollte nicht, dass die Welt von Bensalem erfuhr. Er verfügte weiter, dass den Fremden, denen man dennoch zu landen erlaubte, ein großzügiges Auskommen vom Staat gewährt werden solle, und so kam es, dass kaum jemand, der auf der Insel landete, es vorzog, in seine Heimat zurückzukehren. Die Seereisen der Insulaner in andere Länder schränkte der König stark ein. Er verfügte ein Gesetz, wonach alle zwölf Jahre zwei Schiffe in verschiedene Länder der Welt aufbrechen sollten, und auf diesen Schiffen sollten je drei Ordensangehörige des Hauses Salomons mitfahren. Sie erhielten den Auftrag, den Stand der Wissenschaft in den fremden Ländern zu erforschen und bei ihrer Rückkehr Bücher, Instrumente und sonstiges Anschauungsmaterial mitzubringen.

Das Familienfest

Zum Schluss seiner Ausführungen sagt der Betreuer den Fremden, sie könnten ein Gesuch über die gewünschte Aufenthaltsdauer einreichen. Das beschwingt die Seeleute sehr, sie fühlen sich frei und wohl auf der Insel und denken immer weniger an die Heimat. Als Nächstes besichtigen sie die Stadt und lernen Einheimische kennen. Zwei Seefahrer haben sogar das Glück, zu einer Familienfeier eingeladen zu werden. Es handelt sich um ein gesetzlich verfügtes und vom Staat bezahltes Fest, das jeder feiert, der zu Lebzeiten 30 ebenfalls lebende Nachkommen vorweisen kann. Zwei Tage vor dem Fest sitzt das Familienoberhaupt über seine Familie zurate. Streit wird geschlichtet, Not gemildert, Verfehlungen werden getadelt. Am Festtag selbst wird ein Gottesdienst gefeiert, dann zieht die ganze Familie in einen Saal ein, vor dem Oberhaupt die männlichen, hinter ihm die weiblichen Nachkommen. Sollte die Mutter der ganzen Familie noch leben, so sitzt sie in einer separierten Loge. Das Familienoberhaupt nimmt in seinem Festtagssessel Platz, die Familienmitglieder stellen sich dem Alter nach an den Wänden auf. Zwei Herolde verlesen eine Urkunde vom König und überreichen goldene Trauben, deren Zahl den Familienmitgliedern entspricht. Eine goldene Rebe bekommt derjenige Sohn des Oberhaupts, den dieser auserwählt hat, dauerhaft bei ihm im Haus zu wohnen. Beim anschließenden Festmahl wird das Oberhaupt von den knienden Männern seiner Familie bedient, die Frauen stehen um ihn herum.

Ehegesetze

Juden genießen auf Bensalem Religionsfreiheit, weil sie Christus und die meisten seiner göttlichen Eigenschaften anerkennen. Die Seefahrer bitten einen jüdischen Kaufmann, ihnen etwas über die Ehebräuche und -gesetze auf Bensalem zu erzählen. Der Kaufmann lobt sogleich die Sittsamkeit des Volkes. In Bensalem gibt es keine Bordelle und keine Prostituierten. Die Ehe ist ein Hort natürlicher und ein Schutz vor gesetzeswidriger Sinnlichkeit. Prostitution dagegen höhlt die Ehe aus, genau wie lang andauerndes Junggesellentum mit vielen Liebschaften. Die Insulaner wissen zwar, dass man in Europa die Dirnen duldet, um noch Verwerflicheres – Verführung von Jungfrauen, Ehebruch, Lust unter Männern – zu verhindern. Aber in Bensalem hält man diesen Ansatz für falsch. Hier geht man davon aus, dass irrige Leidenschaften genährt werden, wenn nur irgendwo die Möglichkeit dazu besteht. Geheiratet werden darf frühestens einen Monat nachdem sich Mann und Frau kennen gelernt haben. Braut und Bräutigam dürfen sich vor der Hochzeit nicht nackt sehen, aber eine Freundin der Braut und ein Freund des Bräutigams beobachten die Kandidaten vorher, wenn sie nackt baden, um eventuelle körperliche Fehler, die zu einer unglücklichen Ehe führen könnten, rechtzeitig zu bemerken.

Forschungsstätten und -gegenstände

Die Fremden werden Zeugen eines besonderen Ereignisses: Ein Weiser vom Hause Salomons wird von der Stadt empfangen. Der Mann hat von der Ankunft der Seefahrer gehört und gewährt ihnen eine Audienz; einer von ihnen darf sich länger mit ihm unterhalten. Auf einem Thron in palastartigen Gemächern berichtet der Würdenträger von seinem kostbarsten Wissensschatz, der Einrichtung des Hauses Salomons. Es wurde zu dem Zweck gegründet, die menschliche Macht auszudehnen, indem man die Gesetze der Natur erforscht.

„Wir Bewohner der Insel Bensalem (...) kennen zwar den größten Teil der bewohnbaren Erde, aber weil unsere Insel so einsam gelegen ist, weil unseren Reisenden verboten ist, von unserem Land zu reden und weil wir so selten Fremde einlassen, sind wir selbst anderen so gut wie unbekannt.“ (der Vorsteher des Fremdenhauses, S. 15)

Orte von Beobachtungen und Experimenten sind sowohl tiefe unterirdische Höhlen als auch sehr hohe Türme. In Ersteren wird mit dem Aggregatzustand von Substanzen experimentiert, in Letzteren das Wetter beobachtet. Die Energie von Wasserfällen und Meeresstrudeln wird in Bewegung umgesetzt; auch die Windkraft wird so genutzt. In künstlichen Quellen ahmt man natürliches Quellwasser nach, und in so genannten Gesundheitszimmern kann die Luft nach Belieben verändert werden, was zur Heilung der verschiedensten Krankheiten führt. Ausgedehnte Gärten und Plantagen eignen sich zum Studium der Böden. Große Erfolge werden bei der Züchtung erzielt: So werden neue und größere Früchte hergestellt. Auch bei der Züchtung von Tieren gelingen spektakuläre Neuschöpfungen von Arten. Tiere dienen aber auch anatomischen Studien und anderen Versuchen. Eine ganz eigene Wissenschaft ist die Getränke- und Speiseherstellung, oft auch zu Heilzwecken. Das Genossene soll besonders leicht vom Körper aufgenommen werden. Bei manchen Substanzen fallen Essen und Trinken in eins. Manche Getränke sind so fein, dass sie über die Haut aufgenommen werden können.

„(...) in besonderen Bittgebeten erflehen wir Gottes Schutz und Segen, damit er unsere Arbeit gnädig leite und erleuchte und sie zu guten und heiligen Zielen führe.“ (der Weise, S. 57)

Viele der hier angewandten mechanischen Verfahren sind in Europa so unbekannt wie die Produkte, die mit ihrer Hilfe hergestellt werden – etwa bestimmte Kleidungsstoffe und Papiere, die in großen Werkstätten gefertigt werden. In unterschiedlichen Öfen können alle möglichen Arten und Grade von Hitze erzeugt werden. Wärme kann auch durch Bewegung gewonnen werden, und man verfügt über Methoden, die Sonnenstrahlung aufzufangen. Ein anderer Wissenschaftszweig ist die Optik; hier werden Farben erzeugt und verstärkt. Hoch entwickelte Instrumente erlauben es, entfernte Dinge heranzuholen und Winziges zu vergrößern. In der Akustik werden die Töne und ihre Entstehung erforscht. Die Musikinstrumente der Insel sind feiner als die in Europa, die Harmonien andere. Man kennt Hörgeräte und kann Töne durch Rohre über große Entfernungen leiten. In den Häusern für Wohlgerüche werden natürliche Düfte und Geschmacksstoffe künstlich hergestellt und neue erzeugt. In den Maschinenhäusern studiert und optimiert man Bewegungen; es entstehen Waffen, Flugmaschinen nach dem Vorbild der Vögel und U-Boote. Außerdem hat man ein Perpetuum mobile erfunden. Im Haus der Mathematik gibt es alle denkbaren geometrischen und astronomischen Instrumente; im Haus der Sinnestäuschungen werden Illusionen dargestellt – nicht, um zu täuschen, sondern um aufzuklären. Jede Lüge ist verhasst.

Wissenschaftliche Arbeitsteilung

Zwölf „Lichtkäufer“ reisen unter falscher Nationalität in fremde Länder, um den dortigen Stand der Wissenschaft zu erkunden. Drei „Ausbeuter“ sichten die Bücher nach den darin beschriebenen Versuchen. Drei „Jäger“ stellen Versuche in den angewandten Wissenschaften nach. Drei „Schatzgräber“ führen neue, aussichtsreich erscheinende Versuche durch. Drei „Ordner“ halten die Ergebnisse fest. Drei „Wohltäter“ überprüfen die Versuche der Kollegen und wählen dann diejenigen aus, die besonderen praktischen Nutzen versprechen. Nach mehreren Zusammentreffen der ganzen Bruderschaft, bei denen alles noch einmal geprüft und diskutiert wird, ist es die Aufgabe der drei „Leuchten“, auf dieser Basis neue Versuche zu entwickeln, die ein noch tieferes Verständnis ermöglichen sollen. Drei „Pfropfer“ führen diese Versuche durch. Schließlich bringen drei „Erklärer der Natur“ die Ergebnisse in einen größeren Zusammenhang und kleiden sie in allgemeingültige Lehrsätze. Die Ordensangehörigen wägen genau ab, ob sie eine Entdeckung öffentlich bekannt machen oder nicht. Manches erfahren nur der König und der Senat, vieles bleibt unter den Forschern. Täglich danken die Wissenschaftler Gott für seine Schöpfung und bitten darum, bei der Arbeit erleuchtet zu werden, damit sie heiligen Zielen diene. Am Ende des Vortrags erteilt der Weise den staunenden Europäern ausdrücklich die Erlaubnis, das Gehörte der Menschheit weiterzugeben.

Zum Text

Aufbau und Stil

Francis Bacons Neu-Atlantis ist nur der Anfang eines größeren Werks, das allerdings Fragment geblieben ist. Das Buch wurde ursprünglich auf Englisch geschrieben, aber erstmals auf Latein veröffentlicht. Es ist zwischen Wissenschaft und Belletristik angesiedelt, tendiert aber als eindeutig fiktional angelegter Text mit einem anonymen Ich-Erzähler eher zu Letzterer; genauer gesagt handelt es sich um einen utopischen Roman. Die knapp 60 Seiten sind nicht in Kapitel oder sonstige Abschnitte untergliedert; trotzdem ist der Text sehr strukturiert – in der Beschreibung des Wissenschaftskollegs „Haus Salomons“ sogar fast so klar aufgebaut wie eine wissenschaftliche Abhandlung. Dabei wirkt die Sprache bei aller Klarheit nicht karg, es bleibt viel Platz für schwelgerische Fantasie, vor allem im Ausmalen der Pracht der Gewänder oder der Erlesenheit von Speisen und Getränken.

Interpretationsansätze

  • Bacon entwirft ein für seine Zeit völlig neues Wissenschaftskonzept. Die Methoden des „Hauses Salomons“ sind von strenger Empirie gekennzeichnet. Alle Schlussfolgerungen und Theorien gehen von sichtbaren, wiederholbaren und nachvollziehbaren Experimenten aus. Außerdem herrscht unter den Forschern eine klar geregelte Arbeitsteilung, und die Erfindung oder Erkenntnis am Ende ist immer das Ergebnis einer geordneten Kooperation. Der Einzelne könnte eine entsprechende Leistung niemals in gleicher Weise vollbringen.
  • Der Antrieb der Wissenschaftler ist es, die Natur zu beherrschen – „Wissen ist Macht“, wie Bacon an anderer Stelle schreibt. Indem die Forscher die Gesetze der Natur begreifen, können sie sie imitieren – d. h. sie können nach natürlichem Vorbild Künstliches herstellen – und sogar übertreffen, also Neues erzeugen. Durch Forschung und Fortschritt wird die Natur in den Dienst des Menschen gestellt.
  • Auch die Verantwortung der Wissenschaft im Umgang mit ihrem Wissen wird thematisiert. Indem die Forscher darüber beraten, welche Ergebnisse bekannt gegeben werden und welche nicht, unterstellen sie ihre Arbeit einer ethischen Zielsetzung. Das Vertrauen in die Kontrollierbarkeit des Fortschritts ist noch nicht erschüttert; der christliche Glaube ist Leitlinie und Garant für die Ehrenhaftigkeit der Forschung.
  • Im Gegensatz zur innovativen Wissenschaft herrscht auf der Insel eine konservative politisch-soziale Ordnung. Der Leitsatz „Wissen ist Macht“ führt nicht zu gesellschaftlichen Umwälzungen – auf Bensalem gibt es eine konstitutionelle Monarchie wie im England der damaligen Zeit, die Familien sind patriarchalisch organisiert.
  • Staatliches und Privates sind eng verknüpft – z. B. ist das geschilderte Familienfest staatlich verfügt –, was aber niemand als Zwang empfindet. Die Zufriedenheit des Volkes mit den Verhältnissen ist groß, die Gesetze scheinen lediglich die natürliche Ordnung zu definieren, etwa die Ehegesetze, die von den Ehebräuchen nicht zu unterscheiden sind.
  • Das Volk von Bensalem ist, obwohl den meisten Völkern der Welt militärisch überlegen, pazifistisch und humanitär gestimmt. Bei aller Vorsicht Fremden gegenüber werden diese nicht angegriffen, sondern mit großem Mitgefühl versorgt. Zwar ist die Entwicklung von Waffen ein eigener Wissenschaftsbereich, aber sie scheinen kaum angewendet zu werden.

Historischer Hintergrund

Die frühe Neuzeit

Die frühe Neuzeit war eine Art Schwellenzeitalter zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die zeitliche Abgrenzung dieser Periode ist umstritten. Das christlich und feudal geprägte Mittelalter war vorbei, in der Renaissance besann man sich wieder auf kulturelle und humanitäre Errungenschaften der griechisch-römischen Antike und betonte die individuellen Fähigkeiten des Einzelnen. Ein prägendes Ereignis für den geistesgeschichtlichen Aufbruch war Martin Luthers Reformation, die ab 1517 die mittelalterliche Einheit der Kirche aufbrach.

In wirtschaftlicher Hinsicht bedeutete die frühe Neuzeit das Ende des Feudalismus, der auf dem System der Lehnsherren mit ihren leibeigenen Bauern beruhte. Er wurde abgelöst vom Merkantilismus, einer frühen Form des Kapitalismus, der Kapitalgewinne aus den verstärkten Außenhandelsbeziehungen der Staaten erwirtschaftete. Es war eine Epoche der Seefahrt, die Großmächte Europas unterhielten einen blühenden Überseehandel, der mit aufkeimendem Kolonialismus verbunden war. Als neue Arbeitsstätte entstand die Manufaktur, eine Vorform der Fabrik und damit eine Keimzelle der Industrialisierung. Die frühe Neuzeit war vor allem eine Zeit der Entdeckungen: Seefahrer wie Christoph Kolumbus, Ferdinand Magellan und Vasco da Gama sorgten für ein neues Bild der Erde, denn auf den europäischen Karten waren bis dato nur Europa, Teile Asiens und Afrika nördlich der Sahara verzeichnet. Die Astronomen Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei und Johannes Kepler stellten das alte Weltbild mit der Erkenntnis auf den Kopf, dass sich nicht alles um die Erde, sondern um die Sonne dreht.

Entstehung

Francis Bacon schrieb Neu-Atlantis vermutlich 1624, zu einem Zeitpunkt, als seine politische Karriere wegen einer Bestechungsaffäre unrühmlich beendet worden war und er die ganze Bandbreite von Erfahrungen mit politischer Macht erlebt hatte. William Rawley, der Sekretär und Herausgeber von Bacons Schriften, schrieb im Vorwort, dass Bacon ursprünglich einen weit umfangreicheren Text geplant hatte. Insbesondere wollte er einen großen Abschnitt der politischen Verfassung des von ihm entworfenen Idealstaates widmen. Zum Abschluss kamen aber nur die Rahmenerzählung um die gestrandeten Seefahrer und der Entwurf des Wissenschaftskollegs „Haus Salomons“, weil Bacon noch dringender andere unvollendete Schriften fertigstellen wollte – am Ende seines Lebens lief ihm die Zeit davon.

Der Titel Neu-Atlantis bezieht sich, wie einzelne andere Anspielungen im Text, auf die Sageninsel Atlantis, die schon Platon in seinen Dialogen Timaios und Kritias erwähnt. Ein anderer Text über einen utopischen Staat, auf den Bacon sich explizit bezieht, ist Thomas MorusUtopia (1516).

Wirkungsgeschichte

Bacons Neu-Atlantis ist neben Thomas Morus’ Utopia und Tommaso Campanellas Sonnenstaat die berühmteste Utopie der frühen Neuzeit. Der Autor selbst übersetzte den Text aus dem englischen Original ins Lateinische. Die Veröffentlichung des Fragments erlebte er allerdings nicht mehr, das Werk erschien 1627, im Jahr nach seinem Tod. Nachdem Bacon zu Lebzeiten, speziell unter Königin Elisabeth, mit seinen Ideen von einer grundlegenden Reform der Wissenschaften auf wenig Gehör stieß, rezipierten Mitte des 17. Jahrhunderts Reformkräfte sehr aufmerksam die u. a. in Neu-Atlantis dargelegte Struktur eines neuartigen, streng empirisch arbeitenden Wissenschaftskollegs. Letztlich führte das Vorbild des fiktiven „Hauses Salomons“ zur Gründung der Royal Society 1660.

In der Wahrnehmung der nachfolgenden Jahrhunderte ist das Werk Thomas Bacons ein wissenschaftsphilosophischer Meilenstein. Bacon führte den Empirismus in die Wissenschaft ein und forderte wissenschaftliche Zusammenarbeit und Arbeitsteilung; er war es auch, der die Gestaltbarkeit der menschlichen Umwelt erkannte und den Satz „Wissen ist Macht“ prägte – freilich im Rahmen eines noch ungebrochenen Fortschrittsoptimismus. Aus heutiger Sicht überraschen die von ihm damals imaginierten Erfindungen, die erst Jahrhunderte später realisiert wurden, darunter Lautsprecher, Hörgeräte, U-Boote oder Flugzeuge. Einerseits greift er der Industrialisierung vor (mechanische Maschinen in großen Werkshallen), andererseits weisen seine Ideen zur Energiegewinnung per Wind-, Wasser- und Sonnenkraft auf das heutige postindustrielle Zeitalter mit seiner Suche nach regenerativen Energien voraus.

Über den Autor

Francis Bacon ist eine schillernde Figur: Politiker, Schriftsteller, Philosoph, Schöngeist und Naturforscher, aber auch Machtmensch machiavellistischer Prägung, mit atemberaubender Karriere und ebensolchem Absturz. Der junge Francis, geboren am 22. Januar 1561 in London, fällt bald durch seine Begabung auf. Als Mitglied der obersten Gesellschaftsschicht lernt er früh, die Möglichkeiten seiner Herkunft zu nutzen. Er wird zunächst von den besten Privatlehrern und ab zwölf Jahren am Trinity College in Cambridge unterrichtet; bereits als Jugendlicher studiert er die Klassiker im Original und beherrscht sieben Sprachen. Mit 15 Jahren wird er zur Londoner Rechtsschule Gray’s Inn zugelassen, einer juristischen Kaderschmiede; gleichzeitig beginnt er jedoch einen dreijährigen Frankreichaufenthalt, wo er unter der Obhut des englischen Botschafters eine Art Volontariat im diplomatischen Dienst absolviert und am französischen Hof wie auch im Kulturleben vielfältige Erfahrung sammelt. Zurück in London, beginnt er mit dem Jurastudium, und obwohl ihn die Materie nicht sonderlich interessiert, ist er einer der Besten. Seine Leidenschaft aber gilt der Bildung und der Kultur. In Frankreich hat er ein reiches Kulturleben kennen gelernt; nun nimmt er sich als Lebensziel nichts weniger vor als die komplette Erneuerung der englischen Kultur. Im Alter von 23 Jahren erhält er einen Sitz im Parlament, bereits vorher wird er als Rechtsanwalt zugelassen. Er verkehrt mit großen Geistern und einflussreichen Politikern, selbst mit Königin Elisabeth, arbeitet Reformvorschläge aus, schreibt Expertisen und Denkschriften, Essays, Theaterstücke und philosophische Schriften. 1603 wird er zum Ritter geschlagen, 1616 zum Geheimen Staatsrat ernannt, 1617 zum Großsiegelbewahrer, 1618 zum Lordkanzler und zum Baron, 1621 schließlich zum Viscount St. Alban. Gerade als er auf dem Gipfel seiner Macht ist, stolpert er über eine Bestechungsaffäre, wahrscheinlich inszeniert von einem seiner Gegner. Er verliert sämtliche Ämter, wird sogar kurz inhaftiert, kommt aber relativ glimpflich davon und verbringt den Rest seines Lebens als Privatier. Bei dem Experiment, ob tote Hühner tiefgekühlt werden können, indem man sie mit Schnee ausstopft, zieht sich Bacon eine Erkältung zu und stirbt am 9. April 1626 an einer Lungenentzündung.


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