Zusammenfassung von Nomoi

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Nomoi Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker


Worum es geht

Ein unterschätzter Meilenstein der politischen Philosophie

Wenn es um die politische Philosophie Platons geht, wird hauptsächlich über den Dialog Der Staat gesprochen. Die Nomoi (Gesetze) hingegen, Platons längster und letzter von ihm selbst verfasster Dialog, galten lange als Zeichen der politischen Resignation und philosophischen Altersschwäche des Atheners. Dabei wagen sie ein viel spannenderes Projekt: als Gedankenexperiment den fiktiven Idealstaat aus Der Staat in die Realität zu überführen. Dazu spannt der Dialog einen weiten Bogen von Tugendlehre und Kosmologie über die Geschichte politischer Staatsformen bis zu juristischen Einzelheiten und sogar konkreten Vorgaben für Erziehung, Ehe oder Alkoholgenuss. Dank dieser Themenvielfalt sind die Nomoi eine umfassende Einführung in Platons Philosophie – und als solche wurden sie bis ins Mittelalter auch rezipiert. Auch wenn dem modernen Leser einige Gesetze Platons recht autoritär und totalitär erscheinen mögen, lohnt sich die Lektüre dieses reichhaltigen Textes, vor allem wegen seines allgemeinen Zugangs zur politischen Philosophie.

Take-aways

  • Platons Spätwerk Nomoi (auf Deutsch: Gesetze) gilt als Beginn der systematischen politischen Philosophie.
  • Inhalt: Drei ältere Herren – ein namenloser Athener, der Kreter Kleinias und der Spartaner Megillos – pilgern zu einem kretischen Zeus-Heiligtum und unterhalten sich dabei über Form und Ausrichtung einer idealen Verfassung und darüber, wie eine solche realisiert werden könnte.
  • Die Nomoi sind der längste Dialog, den Platon geschrieben hat.
  • Sie gelten als der letzte von Platon selbst verfasste Text.
  • Während der frühere Dialog Der Staat einen fiktiven Idealstaat entwirft, geht es in den Nomoi darum, wie ein solcher konkret umgesetzt werden kann.
  • Der Dialog thematisiert unter anderem das noch heute brisante Fundierungsproblem des Rechts.
  • Platon versuchte, den sizilianischen Tyrannen Dionysios II. für seine politischen Ideen zu gewinnen, scheiterte jedoch dramatisch.
  • Besonders in der Antike und frühen Neuzeit haben sich westliche wie arabische Philosophen und Politiker auf die Nomoi berufen.
  • In der Moderne wurden Platons Staatsideale als totalitär kritisiert.
  • Zitat: „Der Gesetzgeber (muss) bei seiner Gesetzgebung sich drei Ziele setzen: dass die Stadt, der er Gesetze gibt, frei und mit sich selbst befreundet sein und Vernunft besitzen soll.“
 

Zusammenfassung

Das Ziel der Gesetzgebung

Der Kreter Kleinias, der Spartaner Megillos und ein namenloser Athener, allesamt ältere Herren, wandern zu einem kretischen Zeus-Heiligtum und unterhalten sich dabei über Politik. Der Athener will von Kleinias und Megillos wissen, wen Sie als Urheber ihrer jeweiligen Gesetze sehen. Für den Spartaner ist dies Apollo, für den Kreter Zeus. Nun fragt der Athener nach dem Zweck ihrer Gesetze. Während Kleinias den Krieg angibt, spricht sich der Athener für Frieden als Staatszweck aus: Der Gesetzgeber soll vor allem für Frieden unter den Bürgern und mit anderen Staaten sorgen. Was den Endzweck der Gesetze betrifft, unterscheidet der Athener die göttlichen Güter Einsicht, Besonnenheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit von den menschlichen Gütern Gesundheit, Schönheit, Kraft und Reichtum. Er erklärt, dass die göttlichen über den menschlichen Gütern stehen, weil sie vernünftiger sind, und dass sie deshalb den Zweck der Gesetzgebung darstellen sollten. Da aber ein tugendhaftes Leben nicht gesetzlich verordnet werden kann, wendet sich das Gespräch der Erziehung zu. Der Athener führt aus, der Mensch sei eine von Schmerzen und Lüsten gelenkte Marionette der Götter. Da sich seine natürlichen Antriebe nicht von sich aus mit dem Vernunftgesetz deckten, müsse das Gefühlsleben des Menschen durch Gewöhnung und Einübung in Übereinstimmung mit der Tugend und dem Gesetz gebracht werden: durch Erziehung.

„,Ist es ein Gott oder irgendein Mensch, ihr Gastfreunde, dem ihr den Ursprung eurer Gesetzgebung zuschreibt?‘, ,Ein Gott, Fremder (…).‘“ (der Athener und Kleinias, S. 5) 

In der Erziehung kommt, gemäß dem Athener, der Musik, insbesondere dem Chorreigen, eine entscheidende Rolle zu. Einerseits lässt sich an der Fertigkeit im Tanzen und Singen eine „schöne Erziehung“ erkennen, denn nur tugendhafte Menschen erfreuen sich an Darstellungen der Tugend und können selbst tanzen und singen. Andererseits ist die Musik ein wichtiges Erziehungsmittel, insofern sie die Unruhe der Kinder in geordnete Bewegungen und Melodien kanalisiert und zudem die Jugend an das Ideal gewöhnt, dass Tugend mit Schönheit und Glück einhergeht. Der Athener erklärt es daher für wünschenswert, alle Formen von Tanz und Musik zu verbieten, die nicht der Einheit von Schönheit, Tugend und Glück entsprechen. Das sei sogar notwendig, um das Wohl der Gesellschaft zu befördern.

Die beste Staatsverfassung

Nun fordert der Athener, die drei Männer sollten sich in Gedanken in die historische Realität der Staatsgründer zurückversetzen. Er beginnt die Rekonstruktion mit der Zeit nach einer jener großen Überschwemmungen, die den Großteil der damals lebenden Menschen vor allem in den Städten ausgelöscht hat – und mit ihnen die kulturellen und technischen Errungenschaften der vorangegangenen Generationen. Die Menschen dieser Zeit, meint er, seien aber gerade deshalb gutmütiger, tapferer, besonnener und gerechter gewesen und hätten zunächst in Sippen, dann in größeren Siedlungen und schließlich in Städten zusammen gelebt. In diesen prallten unterschiedliche Bräuche aufeinander, was einheitliche Gesetze nötig machte. Nacheinander geht nun der Athener die verschiedenen Epochen bis zur Gegenwart durch.

„Erziehung (besteht) im Hinziehen und Hinführen der Kinder zu der Denkweise (…), die vom Gesetz als richtig verkündet und auch von den tüchtigsten und ältesten Männern aufgrund ihrer Erfahrung als wirklich richtig anerkannt ist.“ (der Athener, S. 63)

Danach wendet er sich den Verfassungsformen zu: Alle existierenden Staaten seien Mischformen der beiden Grundformen Demokratie und Monarchie. Die Demokratie habe in Athen, die Monarchie in Persien ihren Höhepunkt erreicht. Dabei sei auch ihre gemeinsame Schwäche zutage getreten: Sowohl die Perser als auch die Athener vernachlässigten die Erziehung. In der Folge verweichlichten Erstere und Letztere wurden anmaßend und selbstgerecht.

„Der Gesetzgeber (muss) bei seiner Gesetzgebung sich drei Ziele setzen: dass die Stadt, der er Gesetze gibt, frei und mit sich selbst befreundet sein und Vernunft besitzen soll.“ (der Athener, S. 138)

Der Athener fasst die bisherige Diskussion zusammen: Der Zweck des Staates ist die Wahrung von Freiheit, Frieden und Ordnung. Dies ist nur durch eine Verfassung zu erreichen, die die goldene Mitte zwischen Monarchie und Demokratie findet. Kleinias wirft ein, dass diese Überlegungen höchst gelegen kommen: Er sei eben in ein neunköpfiges Gremium berufen worden, das Gesetze für eine neue Kolonie erarbeiten soll. Er sieht darin die Gelegenheit, das bisher Erörterte in eine konkrete Stadtverfassung umzusetzen.

Bedingungen für einen beständigen Staat

Wie sollte eine Kolonie gelegen sein? Die drei Männer einigen sich auf Folgendes: Weder die Nähe zum Meer noch ein besonders fruchtbarer Boden sind wünschenswert, da sie den Handel mit anderen Staaten fördern, welcher die Menschen charakterlich verdirbt. Import und Export sind auf ein Mindestmaß zu beschränken, um die Kolonie nicht abhängig zu machen oder anderweitig zu schwächen. In die Kolonie sollen möglichst tugendhafte Menschen aufgenommen werden. Später müssen geeignete Beamte die Kolonie von schädlichen Elementen bereinigen, auch durch Mittel wie Todesstrafe und Verbannung. Außerdem ist gute Gesetzgebung entscheidend. Der Athener nennt den Mythos des Kronos-Staates als Vorbild: Kronos soll göttliche Wesen als Könige eingesetzt haben, da er erkannte, dass die Menschen, sobald sie Macht über andere Menschen ausüben, ungerecht werden und ihre Macht missbrauchen. Deshalb soll nur herrschen, wer Diener der Gesetze ist – nicht, wer durch Gewalt an die Macht gekommen ist. Die bekannten Staatsformen wie Aristokratie, Demokratie oder Monarchie sind deshalb keine legitimen Regierungsformen, weil sie die Partikularinteressen einer einzelnen Klasse dem gesamten Staat aufzwingen.

„Der Gott dürfte nun für uns am ehesten das Maß aller Dinge sein, und dies weit mehr als etwa, wie manche behaupten, irgendein Mensch.“ (der Athener, S. 163) 

Nun entwerfen die drei Männer eine Begrüßungsrede an die fiktiven Siedler der neuen Kolonie: Die Siedler sollen niemals vergessen, dass Gott das Maß aller Dinge ist und dass die Menschen danach streben sollen, den Göttern ähnlich zu werden. Es gibt deshalb eine klare Rangordnung der Güter und der Ehrerbietung: Die oberste Pflicht jedes Stadtbürgers besteht darin, die Götter (neben den Eltern) in höchster Ehre zu halten. Danach soll er, etwa durch Erziehung, seine Seele pflegen und ehren. Erst danach kommt die Sorge um den eigenen Körper und zuletzt jene um den Besitz, wobei hinsichtlich Gesundheit und Reichtum stets Maß gehalten werden sollte. Der Athener macht seine Gesprächspartner darauf aufmerksam, dass der Gesetzgeber immer die Zustimmung seiner Untertanen einholen sollte. Er unterscheidet deshalb zwei Arten von Gesetzgebung: Während eine einfache Gesetzgebung nur Pflichten vorschreibt und Strafen androht, schickt eine doppelte Gesetzgebung jedem Gesetz eine Einleitung voraus, die den Sinn des Gesetzes erklärt. Durch diese Begründung wird es den Bürgern erleichtert, sich freiwillig und selbstbestimmt an die Gesetze der Kolonie zu halten.

Verwaltung und Regulierung

Da die ideale Verfassung nur den Göttern möglich ist, muss nach der zweitbesten Verfassung gesucht werden, die auch für Menschen realisierbar ist. Diese wird, nach Meinung der Gesprächspartner, zwar nicht ohne Privateigentum an Boden auskommen. Doch muss sichergestellt werden, dass dieses Eigentum jedem Bewohner zukommt und dass kein wirtschaftliches Ungleichgewicht entsteht. Da eine Spaltung die größte Gefahr für jede Gesellschaft darstellt, muss die Kluft zwischen Arm und Reich so klein wie möglich gehalten werden. Deshalb darf niemand das ihm zugeloste Stück Land verlieren können. Dessen Gegenwert stellt die untere Eigentumsgrenze dar, die obere sollte beim Drei- bis Vierfachen liegen. Das Landstück muss durch strenge Erbfolge in derselben Familie verbleiben und nur ein Drittel des gesamten Ertrags darf verkauft werden. Die Überwachung der Einhaltung dieser Vorgaben obliegt dem Verwaltungsapparat. Die Einrichtung der Ämter und die Auswahl der Beamten hat größte Wichtigkeit. Denn an den Beamten wird es liegen, ob die Gesetze richtig umgesetzt werden. Die ersten Gesetzeswächter sollen 37 Männer zwischen 50 und 70 Jahren sein. Ihre Finanzen müssen für alle Bürger offen einsehbar sein und geheime Bereicherung im Amt muss schwer bestraft werden.

„Eine Gesetzgebung ist eine gewaltige Leistung; wenn aber eine gut eingerichtete Stadt ungeeignete Beamte mit der Anwendung der gut abgefassten Gesetze betraut, so wird sich nicht nur kein Vorteil aus den guten Gesetzen ergeben (…), sondern es werden so ziemlich die schlimmsten Schäden und Nachteile für die Städte daraus hervorgehen.“ (der Athener, S. 215) 

Während einige Lebensbereiche wie die Erziehung nicht gesetzlich geregelt werden können, müssen andere Bereiche wie sportliche Wettbewerbe, das Zusammenleben der Geschlechter oder die Musik streng reguliert werden. Die Erziehung unterliegt dagegen lediglich Empfehlungen – etwa jener, dass Bewegung und Ernährung für den Säugling sehr wichtig sind und daher schon die Schwangeren sich ausreichend bewegen und ausgeglichen ernähren sollen. Die Kindeserziehung soll weder zu hart noch zu verzärtelnd und für Mädchen wie Jungen gleich sein. Sie soll in den Jugendlichen ein heiteres Gemüt ausbilden. Diese Charakterart entspricht den Göttern, denn sie meidet weder den Schmerz, noch jagt sie blind der Lust nach. Schließlich soll der Muße und Bildung viel Raum gegeben werden, denn die Jugendlichen sollen ihr Leben lang Körper und Geist bilden und verbessern. Musik, Tanz oder Tragödiendichtung müssen hingegen streng kontrolliert werden. So soll die Musik nur gute Affekte heraufbeschwören und stets eine Bitte an die Götter beinhalten.

„Meine Behauptung lautet (…), dass ein richtiges Leben weder der Lust nachjagen noch den Schmerz völlig vermeiden darf, sondern eben die rechte Mitte vorziehen muss, die ich gerade als heiter bezeichnet habe, eine Gemütsverfassung, die wir (…) der Gottheit beilegen und damit das Richtige treffen.“ (der Athener, S. 283) 

Der Lebensalltag der Kolonie soll durch einen beständigen Zyklus aus religiösen Opfern und Festen geordnet werden und für beide Geschlechter gleichermaßen im Zeichen eines allgemeinen Wehrdienstes stehen. Diesem Zweck allein sollen alle gymnastischen Wettbewerbe dienen und daher stets in voller Rüstung abgehalten werden sowie möglichst Waffengebrauch beinhalten. Da die Kolonie ihre Bürger nicht unterdrücken und ihnen ein relativ hohes Maß an Freizeit und Festaktivitäten eröffnen soll, ist die Regulierung der Geschlechterbeziehungen umso wichtiger. Klar ist, dass alle sexuellen Beziehungen zwischen den Bürgern im Rahmen der Ehe und zum Zweck der Zeugung von Nachkommen stattfinden sollen. Das erste Gesetz der Kolonie wird daher die Ehe betreffen und vorschreiben, dass Männer zwischen 30 und 35, Mädchen zwischen 16 und 20 Jahren zu heiraten haben. Wer danach noch unverheiratet ist, soll bestraft werden, da die Zeugung von Kindern wesentlich für den Erhalt der Kolonie ist. Eheschließungen sollen eher zum Nutzen der Gemeinschaft und weniger aus Neigung stattfinden. Das Ehepaar soll sich rasch von den Eltern emanzipieren, einen eigenen Hausstand gründen und das Eheleben möglichst öffentlich gestalten, da nur in der Öffentlichkeit ein harmonisches, tugendhaftes Leben eingeübt werden kann.

Das Strafgesetz

Die Gesetzgebung soll die Siedler zu guten Bürgern erziehen und diejenigen bessern und belehren, die Unrecht tun. Doch es gibt auch einige Kapitalverbrechen, die unentschuldbar sind. Dies sind alle Verbrechen gegen die Götter, den Stadtstaat und die eigenen Eltern. Wer sie begeht, beweist, dass seine Seele nicht belehrt werden kann. Sie müssen darum mit dem Tod geahndet werden. Alle Verbrechen müssen danach beurteilt werden, ob sie aus Furcht, aus unkontrollierter Begierde oder aus falschen Erwartungen begangen wurden. Außerdem ist es von Bedeutung, ob es sich um offene oder verborgene Gewaltanwendung, etwa um Totschlag, oder aber um Intrigen handelt. Der Nachweis des Wahnsinns begründet Unzurechnungsfähigkeit und führt zu einer einjährigen Verbannung. Jeder Mord – auch an Sklaven – wird mit dem Tod bestraft. Selbstmörder werden ebenfalls bestraft, insofern sie ohne Ehren in einem anonymen Grab außerhalb der Stadt bestattet werden.

 „(...) die Demokratie, die Oligarchie und die Tyrannis. Von diesen ist (...) keine einzige eine Verfassung, sondern am richtigsten würde man sie alle als Parteiherrschaft bezeichnen; denn keine herrscht freiwillig über freiwillige Bürger (…)“ (der Athener, S. 348)

Das schwerste Verbrechen ist der Zweifel an den Göttern. Er kann auf drei Arten verübt werden: als Atheismus, der die Existenz der Götter verneint; als Agnostizismus, der die Frage für unentscheidbar hält; oder als Zweifel darüber, ob die Götter – auch wenn es sie geben sollte – sich überhaupt um uns Menschen kümmern. Derlei Einstellungen führen dazu, dass Gesetze als willkürliche Setzungen angesehen und nicht mehr befolgt werden, weshalb jede Gotteslästerung mit dem Tod zu bestrafen ist. Alles Unrecht wird aus Unwissen begangen. Der Fehler der Atheisten liegt etwa darin, nicht zu verstehen, dass die Seele über dem Körper steht. Die Bewegungen der Körper unterliegen dem äußeren Anstoß und werden durch Hindernisse gehemmt. Nur die Selbstbewegung vermag einen Körper frei und selbstständig zu bewegen. Sie ist das Wesen jedes Dings, seine Seele. Da letztlich sogar die Sterne sich selbst bewegen, liegt die Existenz einer Weltseele, eines Gottes, auf der Hand. Der Fehler der Zweifler liegt darin, dass sie den Göttern schlechte Eigenschaften zuschreiben, wenn sie behaupten, die Götter würden nicht eingreifen, wenn die Guten leiden und die Bösen siegen. Das ist einerseits nur ein Schein, da die Bösen im nächsten Leben ihre Taten bereuen werden, und andererseits prinzipiell keine Art, über Götter zu sprechen: Diese haben per se keine negativen Eigenschaften.

Die Nächtliche Versammlung

Für den Erhalt der Kolonie durch die Wirren der Geschichte hindurch soll eine „Nächtliche Versammlung“ sorgen. Sie ist die oberste Hüterin der Gesetze und muss den Stadtstaat vor Spaltung, Tugendlosigkeit oder anderen Arten des Zerfalls bewahren. Sie besteht aus den zehn ältesten Gesetzeswächtern, den amtierenden Aufsehern, honorigen Bürgern und Priestern sowie Informanten, die über politische Entwicklungen aus dem Ausland berichten. Die Versammlung sollte im Morgengrauen tagen, da zu dieser Tageszeit die Wächter noch unbelastet von ihren Alltagsgeschäften sind. Ihre Aufgabe besteht zunächst darin, die Vernunft zu wahren und sich das Ziel der Verfassung, die Tugend, in aller Klarheit vor Augen zu halten. Dabei müssen die Gesetzeshüter insbesondere die Einheit der vier Tugenden verstanden und verinnerlicht haben. Sie sollen in Dialektik geübt sein, um klar denken und argumentieren zu können, und sie sollen das wahre Wesen der Welt, die Seele und die Götter, genau kennen. Mit diesem Wissen ausgestattet, soll die Nächtliche Versammlung beurteilen, welche Gesetzesänderungen oder -vorschläge für das Wohl der Stadt aufzunehmen oder abzulehnen sind.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Nomoi sind Platons umfassendstes Werk. Der Titel lässt sich mit „Gesetze“ übersetzen. Das Werk ist in zwölf Bücher unterteilt, deren erste drei staatstheoretischen Grundsatzfragen gewidmet sind, während die Bücher vier bis zwölf den detaillierten Gesetzesentwurf für eine fiktionale Stadt namens Magnesia vorstellen. Wie die meisten Werke Platons sind die Nomoi ein Dialog, eine unvermittelte Abfolge von Reden und Antworten. Es gibt nur drei Redner: den Kreter Kleinias, den Spartaner Megillos und den namenlosen Athener, der der Wortführer ist. Die drei älteren Männer unternehmen am Tag der Sommersonnenwende auf Kreta eine Wanderung zur Zeus-Höhle im Ida-Gebirge. In dieser Höhle soll König Minos der Legende nach von Zeus die Gesetze Kretas empfangen haben. Unterwegs diskutieren die drei Pilger darüber, wie Organisation und Verfassung eines optimalen Staates aussehen sollten. Das Gespräch wird, wie stets in den Dialogen Platons, von einem Hauptredner dominiert, der als Stellvertreter Platons gesehen werden kann. Sokrates ist es diesmal nicht – anders als in sämtlichen anderen platonischen Dialogen. Die beiden anderen Charaktere bleiben blass. Ihre Rolle ist meist darauf reduziert, einen Hintergrund für die Ausführungen des Atheners abzugeben oder diesem zuzustimmen. Der Ton ist für Platons Verhältnisse ungewöhnlich praxisnah. Ein Beispiel ist die Rede an die fiktiven Kolonisten im vierten und fünften Buch. Hier wendet sich Platon an ein breites Publikum und vermeidet komplexe philosophische Argumente.

Interpretationsansätze

  • Die Auswahl der drei Gesprächspartner hat großen Symbolwert: Sie repräsentieren die drei wichtigsten griechischen Staaten Athen, Kreta und Sparta, womit Platon nahelegt, dass sein Dialog die Synthese dieser verschiedenen Staatsverfassungen finden will.
  • In der Forschung wird häufig nach realen historischen Bezügen der Nomoi gesucht. So wird der namenlose Athener häufig für Platon selbst gehalten und die diskutierte Kolonie mit der Stadt Magnesia am Mäander in der heutigen Türkei identifiziert.
  • Im platonischen Verständnis von Politik hat die Pädagogik eine zentrale Stellung. Die Bürger sollen nicht bloß durch Vorschriften und Strafen, sondern von Geburt an durch Erziehung zu tugendhaften Staatsbürgern geformt werden.
  • Die Nomoi thematisieren das noch heute brisante Fundierungsproblem des Rechts. Dieses besteht darin, dass die alltägliche Geltung von Gesetzen von deren adäquater Anwendung sowie ihrer Verankerung in der Lebenswelt abhängt, weshalb Platon so ausführlich die Beamten und die Erziehung thematisiert.
  • Der wesentliche Unterschied zum bekanntesten politischen Werk Platons, dem Staat, ist der Praxisbezug. Während Der Staat einen fiktiven Idealstaat entwirft, drehen sich die Nomoi darum, wie dieses Ideal mit konkreten Menschen in spezifischen geografischen und historischen Umständen umgesetzt werden könnte.
  • Auch wenn der Idealstaat Platons das Glück aller Bürger garantieren will, trägt er eindeutig totalitäre Züge. Die Bürger verfügen über sehr wenig Mitbestimmungsrechte und müssen sich damit abfinden, dass der Großteil ihres Privatlebens rigoros reguliert wird.

Historischer Hintergrund

Das klassische Griechenland

Das klassische Griechenland beginnt ungefähr 500 v. Chr. mit dem Entstehen einer genuinen Geschichtsschreibung, dem Ende der Tyrannis und dem – Perikles zugeschriebenen – Beginn der Demokratie in Athen. Diese Epoche gilt als Höhepunkt der politisch-militärischen wie kulturellen Vorherrschaft Athens im Mittelmeerraum. Griechenland war zu dieser Zeit politisch, wirtschaftlich und kulturell in einzelnen, relativ autonomen Stadtstaaten (Poleis) organisiert. Diese besaßen jeweils Kolonien im Mittelmeerraum, deren Bevölkerungszahl wohl ebenso groß war wie die des Mutterlands. Der Großteil der Bevölkerung betrieb Privatlandwirtschaft auf Subsistenzniveau. Athen war in dieser Epoche als Basisdemokratie organisiert, an der allerdings nur freie Männer beteiligt waren. Im Verlauf des vierten Jahrhunderts v. Chr. geriet die attische Demokratie immer stärker in die Krise. Die einjährige Tyrannenherrschaft der Dreißig im Jahr 404 v. Chr. gilt, zusammen mit der Ermordung des Sokrates durch das attische Volksgericht 399 v. Chr., als Ausgangspunkt der politischen Philosophie Platons. Das klassische Griechenland endete bald nach dem Tod Platons mit dem Ende der attischen Demokratie 322 v. ​​​​​​​Chr. und der Machtübernahme Makedoniens in Griechenland in der Person Phillip II. und seines Sohnes Alexander.

Entstehung

Der Dialog Nomoi entstand in der letzten Lebensphase Platons und gilt als letzter Dialog vor seinem Tod. Nur für das erste Buch ist die Entstehungszeit relativ sicher bestimmbar: nach 352 v. ​​​​​​​Chr. Aufgrund der enormen Länge des Werks wird jedoch ein längerer Entstehungszeitraum angenommen, der sich wahrscheinlich auf mehrere Schreibphasen verteilte. Laut Aristoteles begann Platon die Nomoi nach Fertigstellung von Der Staat. Platon dürfte hier Material verarbeitet haben, das ursprünglich für seine Dialoge Kritias und Hermokrates bestimmt gewesen war. Außerdem arbeitete er die zahlreichen Ratschläge zu konkreten Gesetzesvorschlägen, um die Platons Akademie immer wieder gebeten wurde, in den Dialog ein. Diese Empfehlungen bilden den Kern des praxisbezogenen Teils der Nomoi.

Geordnet und komponiert hat Platon diese Materialien wohl erst nach seiner dritten Sizilienreise, von der er im Sommer 360 v. ​​​​​​​Chr. zurückkehrte. Dort hatte er versucht, sich für das Akademiemitglied Dion einzusetzen, der der platonischen Philosophie am Hofe des Tyrannen Dionysios II. Gehör verschaffen wollte. Bei diesem fiel Dion jedoch in Ungnade. Er wurde der Verschwörung bezichtigt, wodurch Platon wohl selbst in Gefahr geriet und nur knapp nach Athen entkam. Tatsächlich führte Dion 357 v. Chr. einen erfolgreichen Staatsstreich durch, fiel drei Jahre danach jedoch selbst einem Mord zum Opfer. Das persönliche Schicksal seines Freundes sowie das realpolitische Scheitern seiner politischen Ideale dürften Platon schwer getroffen haben und bilden den unmittelbaren Entstehungskontext der Nomoi. Das Werk ist unvollendet geblieben, wobei die Forschung annimmt, dass Platon den Inhalt kaum mehr erweitert, sondern den ausufernden Text vielmehr gestrafft und geschliffen hätte.

Wirkungsgeschichte

Die Forschung hat lange darüber gestritten, ob die Nomoi tatsächlich von Platon selbst oder aber von Schülern seiner Akademie verfasst wurden. Obwohl der Dialog mittlerweile als authentisches Werk Platons gilt, bleibt unklar, wie stark etwa sein Herausgeber – der Platon-Schüler Philippos von Opus – in den Originaltext eingegriffen hat. In der Antike wurden die Nomoi stärker rezipiert als in der Neuzeit. Philosophen wie Xenophon und Isokrates bezogen sich auf sie, Syrianos, Damaskios und Proklos kommentierten sie. In Rom wurden sie von Cicero und den Frühchristen wohlwollend aufgenommen. Selbst einige Staatsmänner wie Demetrios von Phaleron bezogen ihre Politik nachweislich auf die Nomoi. Dabei wurde der Dialog besonders im arabischen Raum wirksam, wo er – anders als in Europa – gemeinsam mit dem Staat in voller Länge überliefert geblieben war. Die Bücher galten als zentraler Text der Philosophie Platons und damit der Philosophie insgesamt. Etliche politische Maßnahmen – etwa die Reform des Kalifats – wurden mit den Nomoi begründet.

In der Neuzeit war der Bezug auf die Nomoi nicht nur positiv. Philosophen wie John Stuart Mill oder Karl Popper kritisierten die politische Philosophie Platons als totalitär. Auch in literarischer Hinsicht wurde der Dialog im 19. Jahrhundert vorwiegend als mangelhaft eingeschätzt. Erst im 20. Jahrhundert wandte sich die Forschung den Nomoi als einem Werk der politischen Philosophie und weniger der Rechts- oder Politikwissenschaft zu. Heute besteht weitgehend Konsens darüber, dass die drei politischen Schriften Platons – Der Staat, Der Staatsmann und Nomoi eine einheitliche politische Philosophie ausdrücken, allerdings in drei unterschiedlichen Aspekten. Die Nomoi gelten nicht länger als Ausdruck der Resignation Platons angesichts seines Scheiterns in der griechischen Politik, sondern aufgrund ihres Geschichts- und Praxisbezugs als Beginn der systematischen politischen Philosophie in der europäischen Kulturgeschichte.

Über den Autor

Platon gilt als einer der größten philosophischen Denker aller Zeiten. Zusammen mit seinem Lehrer Sokrates und seinem Schüler Aristoteles bildet er das Dreigestirn am Morgenhimmel der westlichen Philosophie. Platon wird 427 v. Chr. in Athen geboren, als Sohn des Ariston, eines Nachfahren des letzten Königs von Athen. Da Platon aus aristokratischen Kreisen stammt, scheint eine politische Laufbahn vorgezeichnet. Doch die Politik verliert für ihn schnell an Reiz, als er sieht, wie die oligarchische Herrschaft der Dreißig im Jahr 404 v. Chr. Athen unterjocht. Platon betrachtet die Politik von nun an mit einem gewissen Abscheu, sie lässt ihn aber nie ganz los. Er wird ein Schüler des Sokrates, dessen ungerechte Hinrichtung im Jahr 399 v. Chr. ihn stark prägen wird. Fortan tritt Sokrates als Hauptdarsteller seiner philosophischen Schriften auf: 13 Briefe und 41 philosophische Dialoge sind überliefert. Nach der Verurteilung des Sokrates flüchtet Platon zu Euklid nach Megara (30 Kilometer westlich von Athen). Er reist weiter in die griechischen Kolonien von Kyrene (im heutigen Libyen), nach Ägypten und Italien. 387 v. Chr. kehrt er nach Athen zurück und gründet hier eine Schule: die Akademie. Deren Studienplan umfasst die Wissensgebiete Astronomie, Biologie, Mathematik, politische Theorie und Philosophie. Ihr berühmtester Schüler wird Aristoteles. 367 v. Chr. ergibt sich für Platon die einmalige Möglichkeit, sein in seinem Hauptwerk Der Staat entworfenes Politikideal in die Praxis umzusetzen: Er wird als politischer Berater an den Hof von Dionysios II., dem Herrscher von Syrakus, gerufen. Seine Hoffnungen, diesen in der Kunst des Regierens zu unterweisen, zerschlagen sich jedoch. Platon stirbt um 347 v. Chr. in Athen.


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