Zusammenfassung von Parmenides

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Parmenides Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Griechische Antike

Worum es geht

Philosophische Fingerübungen

Parmenides ist der wohl undurchsichtigste von Platons Dialogen. Er verlangt dem Leser ein hohes Maß an Konzentration ab. Mit einer Flut von Argumenten belegt die Hauptfigur Parmenides eine These nach der anderen, um gleich darauf auch das Gegenteil zu beweisen. Die verworrene Dialektik rund um den Begriff des Einen bietet unerschöpflichen Spielraum für philosophische Interpretationen. Die Argumente lassen sich im Hinblick auf ihre logische Struktur analysieren, man kann sie mit heutigen Begrifflichkeiten vergleichen und nachvollziehen, wie einzelne Elemente des Dialogs spätere Themen der Philosophie vorwegnehmen: Man kann sich schier endlos mit dem Dialog beschäftigen. Kein Wunder also, dass er Generationen von Philosophen herausgefordert hat. Seinen Wert für den interessierten Laien erhält der Dialog dagegen durch die einleitende Darstellung der platonischen Ideenlehre im ersten Teil.

Take-aways

  • Der Parmenides gilt als Platons schwierigster Dialog. Er gehört zum Spätwerk des griechischen Philosophen.
  • Inhalt: Sokrates, Zenon und Parmenides diskutieren über die Theorie, dass hinter allen konkreten Erscheinungen metaphysische Ideen stehen, und über die Frage, ob alles Sein eins ist.
  • Parmenides und Zenon gab es tatsächlich: Sie waren Vertreter der eleatischen Lehre vom All-Einen.
  • Auch die anderen Figuren im Dialog haben historische Vorbilder. Das wiedergegebene Gespräch ist jedoch höchstwahrscheinlich fiktiv.
  • Sokrates tritt in Parmenides als junger, noch wenig geübter Philosoph auf, während er in Platons anderen Dialogen meist als weiser Ratgeber und Lehrer dargestellt wird.
  • In seiner literarischen Qualität fällt der Parmenides gegen die meisten anderen Dialoge Platons stark ab.
  • Platons Ideenlehre, die im Parmenides untersucht wird, hatte dieser in früheren Werken wie dem Phaidon vorgestellt.
  • Die Diskussion rund um den Begriff des Einen ist logisch überaus verwickelt und voller Widersprüche.
  • Womöglich handelt es sich bei dem Dialog um eine Übung für Platons Schüler.
  • Zitat: „Von dem Einen also, wenn es ist, sprechen wir jetzt; und wir müssen bestimmen, was ihm zukommt, was es auch immer sei.“
 

Zusammenfassung

Ein Besuch bei Antiphon

Kephalos berichtet von einem Treffen auf dem Marktplatz: Er ist gerade mit Bekannten aus seiner Heimatstadt in Athen angekommen und begegnet Adeimantos und Glaukon. Sie kommen auf die Philosophie und die berühmten Philosophen Zenon, Parmenides und Sokrates zu sprechen. Die Männer haben von einem Gespräch zwischen den Philosophen gehört und würden gern mehr über den Inhalt erfahren. Bei dem Gespräch war der damalige Gastgeber von Zenon und Parmenides, Pythodoros, anwesend, der sich den Inhalt genau eingeprägt und sein Wissen an seinen Enkel Antiphon weitergegeben hat. Antiphon ist ein Bekannter von Kephalos. Zusammen beschließen die Männer, Antiphon zu besuchen und ihn nach dem Gespräch der drei Philosophen zu fragen.

„Diese Schrift streitet also gegen diejenigen, die vom Vielen ausgehen (…), indem sie aufdecken möchte, dass auf ihre Annahme ‚wenn Vieles ist‘ noch viel Lächerlicheres zutrifft als auf die Annahme ‚wenn Eins ist‘ (…).“ (Zenon, S. 13)

Antiphon erklärt sich bereit, die Geschichte seines Großvaters wiederzugeben. Parmenides war zum Zeitpunkt des Gesprächs ein alter Mann, Zenon etwa 40 Jahre alt, und beide wohnten damals bei Pythodoros. Der junge Sokrates habe die beiden weisen Männer eines Tages zusammen mit anderen aufgesucht, um Zenon aus seinen Werken vorlesen zu hören. Gegen Ende des Vortrags seien Parmenides, Aristoteles und Pythodoros dazugekommen. Sokrates, der gemeinsam mit den anderen zugehört habe, habe nach der Vorlesung Fragen zu stellen begonnen. Er habe Zenons Ausführungen zusammengefasst: Wenn das Seiende vieles wäre, wäre es zugleich ähnlich und unähnlich. Das sei aber unmöglich, also gebe es nicht vieles. Sokrates habe daraufhin Parmenides gefragt, ob ihm aufgefallen sei, dass Zenon damit in anderen Worten sage, was Parmenides behaupte – nämlich dass das Ganze eins sei. „Eins“ und „nicht vieles“ scheint, so Sokrates, mehr oder weniger dasselbe zu sein.

„(…) am ehesten scheint es sich mir jedenfalls so zu verhalten, dass diese Ideen wie Vorbilder in der Natur dastehen und die anderen Dinge ihnen gleichen oder so ähnlich wie möglich sind.“ (Sokrates, S. 25)

Zenon freut sich, dass Sokrates den Inhalt so gut erfasst hat, stellt aber klar, dass er mit seiner Schrift ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt hat. Parmenides wurde für seine These oft verspottet. Seinen Gegnern, die behaupten, dass das Viele sei, will Zenon begegnen, indem er die Fehler in dieser Behauptung aufdeckt. Er will zeigen, dass die These „Es gibt vieles“ zu unhaltbaren Folgerungen führt. Seine Motivation für seine Schrift war es also, Parmenides’ Gegner herauszufordern. Den Text hat er als junger Mann geschrieben.

Ähnlichkeit

Sokrates geht davon aus, dass man den Bereich des Sichtbaren vom Bereich der Ideen unterscheiden muss. Es gibt eine Idee der Ähnlichkeit, an der die Dinge teilhaben können, insofern sie einander ähnlich sind. Etwas kann sowohl an der Ähnlichkeit als auch an der Unähnlichkeit teilhaben, also in einer Hinsicht etwas anderem ähnlich und in einer anderen Hinsicht ihm unähnlich sein. Für die Ideen selbst gilt das nicht: Die Idee der Ähnlichkeit kann nicht an der Idee der Unähnlichkeit teilhaben. Gleiches gilt für das Eine und das Viele: Der Mensch ist zugleich eins und vieles – vieles, weil er aus Körperteilen besteht; eins, weil er ein Mensch unter vielen ist und sich auch als Einheit wahrnimmt. Diese vom Blickwinkel abhängigen Eigenschaften gibt es überall um uns herum. Davon getrennt ist der Bereich der Ideen, die wir nicht sehen, sondern nur mit dem Denken erreichen können. Ideen haben keine wechselnden Eigenschaften: Ähnlichkeit, eines, vieles, Veränderung – all das sind Ideen, die unveränderlich sind und isoliert für sich bestehen.

„Unerkennbar ist also für uns das Schöne selbst, was es ist, das Gute und alles, was wir als Ideen an sich annehmen.“ (Parmenides, S. 31)

Parmenides und Zenon haben aufmerksam zugehört und möchten nun wissen, warum Sokrates so streng zwischen Ideen und Dingen unterscheidet. Das scheint zwar einfach und naheliegend zu sein, wenn etwa von der Idee der Gerechtigkeit die Rede ist, aber gibt es auch eine Idee vom Lehm oder vom Schmutz? Sokrates gesteht, dass das lächerlich klingt, und meint, dass dergleichen nur als Ding existiert. Von diesen Dingen mag er keine Ideen annehmen. Parmenides sagt, Sokrates sei noch jung und beeinflussbar und lasse sich zu schnell von seinem Standpunkt abbringen. Er geht nun dessen Annahmen nach und nach mit ihm durch.

„Andererseits aber, Sokrates, habe Parmenides gesagt, wenn jemand nicht zugeben will, dass es Ideen von den Dingen gibt, (…) wird er auch nichts haben, worauf er sein Denken richten wird, wenn er nicht für jedes Ding eine Idee zugibt, die immer dieselbe bleibt.“ (S. 33)

Parmenides will wissen, was es heißt, dass die Dinge an den Ideen teilhaben. Ist eine Idee, wenn sie in vielen Dingen gleichzeitig ist, jeweils als Ganzes in diesen Dingen oder jeweils zu einem Teil? Sokrates antwortet: als Ganzes. Ideen seien wie der Tag, der ja auch als einer und derselbe überall gleichzeitig sein könne. Parmenides entgegnet, dass eine Idee aber nur in vielen Dingen sein kann, wenn sie geteilt ist, und eine geteilte Idee ist in sich widersprüchlich, da Ideen ja zuvor als einheitlich und unveränderlich erkannt worden sind. Problematisch ist seiner Meinung nach auch, dass, sobald man sich eine Idee zum Beispiel des Großen vorstellt, diese Idee selbst Teil der Menge der Dinge wird, die an der Idee des Großen teilhaben. Diese Menge ist wiederum größer als die Idee des Großen und erfordert wiederum eine neue Idee des Großen – und so weiter bis in alle Ewigkeit.

Beziehungen zwischen Dingen und Ideen

Sokrates führt aus, dass die Dinge zu den Ideen wie zu Vorbildern stehen und sich ihnen so weit wie möglich annähern. Parmenides bleibt skeptisch: Wenn das Verhältnis von einem Ding zur Idee eines der Ähnlichkeit ist, muss diese Ähnlichkeit daher stammen, dass dieses Ding mitsamt der Idee der Ähnlichkeit an einer zusätzlichen Idee der Ähnlichkeit teilhat. Das würde aber wieder ins Unendliche führen. Dinge können daher nicht kraft einer Ähnlichkeit mit einer Idee an dieser teilhaben.

„Oder wollt ihr, da dieses anstrengende Spiel nun einmal gespielt werden soll, dass ich bei mir selber beginne und mit meiner eigenen Annahme, indem ich das Eine selbst voraussetze, ‚wenn Eines ist‘ und ‚wenn Eines nicht ist‘, was dann notwendigerweise miteintritt?“ (Parmenides, S. 39)

Parmenides sieht noch weitere Schwierigkeiten: Wenn man annimmt, dass Ideen und Dinge voneinander getrennt sind, folgt daraus, dass wir die Ideen nicht erkennen können, weil sie einer ganz eigenen Sphäre angehören. Die Ideen haben also nur untereinander Beziehungen, so wie die Dinge in der Welt untereinander in Beziehung stehen. Zwischen den Sphären kann es keine Beziehungen geben. Erkenntnis können wir immer nur von den Dingen um uns herum haben – die Ideen an sich sind unerkennbar. Jemand, etwa Gott, der Erkenntnis von den Ideen hat, hat wiederum keinen Zugang zu unserer Welt. Daraus folgt, dass wir das Göttliche nicht erkennen können und dass die Götter keinen Einfluss auf das menschliche Leben haben. All das basiert auf der Annahme, dass es Ideen als etwas von den Dingen Verschiedenes gibt. Ohne Ideen von Dingen jedoch hat das Denken kein Ziel und keinen Rahmen, wir könnten nicht über die Dinge sprechen. Beide Wege führen demnach zu Problemen.

Philosophie als Übung

Sokrates will nun wissen, wie er in der Philosophie fortfahren soll. Parmenides erklärt ihm, dass er zu früh zu weit fortgeschritten sei und schon die Ideen des Schönen und Guten habe definieren wollen, bevor er genug Übung hatte. Die wichtigste Übung bestehe darin, alles, was man untersucht, nicht nur als seiend anzunehmen und dann zu schauen, was aus dieser Annahme folgt, sondern alles auch einmal als nichtseiend anzunehmen. In beiden Fällen muss untersucht werden, was aus der Annahme für den Gegenstand resultiert und was daraus für andere Gegenstände, Gruppen von Gegenständen sowie für alles andere folgt. Nur so kann man die Wahrheit voll und ganz erfassen. Sokrates bittet Parmenides darum, diese Übung einmal vorzuführen. Zenon unterstützt ihn in seiner Bitte, und so erklärt sich Parmenides bereit, die Anstrengung auf sich zu nehmen. Hinsichtlich der Ausgangsthese einigen sie sich auf Parmenides’ eigene Aussage, dass das Eine ist. Parmenides will die Fragen stellen und der Jüngste der Zuhörer, Aristoteles, soll ihm antworten.

Das Eine und seine Eigenschaften

Zuerst wird untersucht, was aus der Annahme folgt, dass das Eine ist, und zwar zunächst für das Eine selbst. Das Eine an und für sich kann keine Teile haben, denn dann wäre es vieles. Es kann auch keinen Anfang und kein Ende haben, keine Gestalt, und es ist weder rund noch gerade, denn dann hätte es Teile. Es hat auch keinen Ort und befindet sich nicht in etwas anderem. Das Eine kann sich nicht verändern, denn dann würde es etwas anderes als es selbst. Aber es kann auch nicht in sich selbst sein, da es sich in diesem Fall selbst umgeben würde und folglich in Umgebendes und Umgebenes zerfiele. Das Eine ist also nirgends. Das Eine kann nichts anderes als es selbst sein, und es kann nie dasselbe sein wie ein anderes. Zugleich kann es nicht dasselbe wie es selbst werden, denn dann würde es nicht mehr mit sich eins sein, insofern das Eine und das Gleiche zwei unterschiedliche Konzepte sind. Es ist anderen Dingen weder ähnlich noch unähnlich, weil diese Eigenschaft dem Einen nicht zukommt. Dasselbe gilt für viele weitere Eigenschaften: Auf das Eine sind keine Maßeinheiten anwendbar, es kann nicht kleiner, jünger, älter sein und hat überhaupt nicht an der Zeit teil.

Das Eine und das Sein

Doch nur, was geworden ist, was wird oder was in Zukunft werden wird, hat am Sein teil. Das alles scheint für das Eine nicht zu gelten. Das Nichtseiende können wir nicht erklären, erkennen, wahrnehmen, uns vorstellen oder benennen. Parmenides will wissen, ob das sein kann. Aristoteles verneint. Sie beschließen, zum Anfang der Untersuchung zurückzukehren. Sie wollen herausfinden, was folgt, wenn das Eine ist. Fest steht: Das Eine, das ist, hat am Sein teil. Das Sein des Einen und das Eine selbst sind also nicht dasselbe, denn nur so kann man sagen, dass das Eine ist. Das Eine und das Sein sind zweierlei und beide sind Teile des Ganzen. Als diese Teile sind sie aber auch jeweils sowohl eins als auch seiend, bestehen also wieder aus Teilen. Diese Reihe lässt sich ins Unendliche fortsetzen. Dann ist es aber nicht mehr eins, sondern vieles.

„Wenn also das Eine in keiner Weise an irgendeiner Zeit teilhat, dann ist es nie geworden, wurde oder war es nie, auch ist es jetzt nicht geworden oder wird oder ist, und es wird auch nicht später werden, geworden sein oder sein.“ (Parmenides, S. 59)

Das Sein wäre in diesem Fall auf viele Dinge verteilt und würde sich in allen finden. Daraus folgt, dass das Sein zerstückelt ist. Was einen Teil vom Sein hat, ist selbst ein Teil des Ganzen. Also ist auch das Eine Teil des Ganzen. Teile haben jedoch bestimmte Eigenschaften: Grenzen, einen Anfang und ein Ende. Auf ähnliche Weise lässt sich zeigen, dass das Eine sich sowohl verändert als auch beharrt. Es ist zugleich dem anderen ähnlich und unähnlich, denn es ist verschieden von allem anderen und ihm in genau dieser Eigenschaft ähnlich.

„Vom Einen also, wenn es ist, sprechen wir jetzt; und wir müssen bestimmen, was ihm zukommt, was es auch immer sei.“ (Parmenides, S. 61)

Wie sieht es mit Eigenschaften wie Größe aus? Wir benötigen Ideen von Größe und Kleinheit, um Dinge ins Verhältnis zu setzen. Wenn Kleinheit in dem Einen ist, würde sie das Eine entweder im Ganzen durchdringen oder einen Teil des Einen. Ersteres hieße, dass die Kleinheit von der gleichen Ausdehnung wäre wie das Eine und damit ihm gleich und nicht mehr die Kleinheit. In nur einem Teil des Einen würde sie genauso wirken und entweder gleich oder größer als der Teil sein. Sie kann also nicht im Einen sein.

Das Eine und die Zeit

Nimmt man an, dass das Eine an der Zeit teilhat, kann man zeigen, dass es sowohl jünger als auch älter als es selbst und das andere ist: Insofern das Eine als in der Gegenwart Seiendes gemeinsam mit der Zeit voranschreitet, wird es älter. Dieses Voranschreiten geschieht, indem es vom Vorher über das Jetzt zum Danach übergeht. An diesem Übergang ist das Eine, das auf das Jetzt trifft, älter als es selbst und somit im Umkehrschluss auch jünger als es selbst. Zugleich hat das Eine aber immer dasselbe Alter wie es selbst und ist deswegen weder älter noch jünger als es selbst. Da es an der Zeit teilhat, kann man es erkennen und eine Vorstellung von ihm haben. Wenn man aber annimmt, dass das Eine werden kann, muss es eine Zeit geben, in der es nicht ist. Das Eine verändert sich also, es kann werden und vergehen, wachsen und kleiner werden. Es wechselt von einem Zustand in den anderen im Augenblick, in dem es weder ruht noch sich bewegt, weder groß noch klein ist.

Das Eine und das Andere

Nach der Untersuchung, was aus der These, dass das Eine ist, für das Eine folgt, soll in einem weiteren Schritt untersucht werden, was sich über die anderen Gegenstände sagen lässt, wenn man annimmt, dass das Eine ist. Nämlich: Alles, was ist, ist entweder das Eine oder etwas anderes. Beide sind voneinander getrennt. Dann kann es im Anderen aber keine Einheit und damit überhaupt keine Mengen oder Zahlen geben. Daraus folgen paradoxe Konsequenzen: Genau wie das Eine besitzt das Andere einander entgegengesetzte Eigenschaften, die sich aus den Grundannahmen ableiten lassen.

Was folgt aus der Nichtexistenz des Einen?

Der nächste Schritt ist die Beantwortung der Frage, was aus der Annahme folgt, dass das Eine nicht ist, und zwar in Bezug auf das Eine selbst und in Bezug auf die anderen. Zunächst fällt auf, dass der Satz „Eines ist nicht“ eine Bedeutung hat, insofern man offenbar dem Einen Sein oder Nichtsein zuschreiben kann. Auch wenn es nicht ist, kann man das Eine also trotzdem erkennen. Zudem kann man dem nichtseienden Einen Eigenschaften zuschreiben. Wenn man solche Sätze äußert und etwas Wahres sagen will, müssen sie sich aber auf etwas beziehen, was ist – sonst wären sie nicht wahr. In irgendeiner Form muss das Eine also am Sein teilhaben. Es gibt gute Gründe, das Eine als nichtseiend und zugleich seiend anzunehmen und zu postulieren, dass es sich verändert und dass es beharrt. Und für jede der gemachten Annahmen lässt sich ebenso das Gegenteil nachweisen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Platons rund 80 Seiten starker Dialog Parmenides beginnt mit einer Einführung der Figuren. Dies geschieht über vier Ebenen: Kephalos erzählt vom Treffen mit Antiphon, der wiederum von Pythodoros den Inhalt des Gesprächs zwischen Zenon, Parmenides, Sokrates und Aristoteles erfahren hat. Dieses Gespräch ist der eigentliche Kern des Buches. Es gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil diskutiert Sokrates mit Zenon und Parmenides über das Verhältnis von Ideen und Dingen. Den zweiten Teil macht die von Parmenides vorgeführte philosophische Übung aus: Die Frage nach dem Einen (was, wenn das Eine ist, bzw. was, wenn es nicht ist?) wird in acht Anläufen durchgegangen. Während Platon im ersten Teil des Dialogs gut nachvollziehbar seine Ideenlehre und mögliche Einwände darlegt, bleibt der zweite Abschnitt auch für geschulte Leser undurchsichtig. Hier beweist Parmenides seinem Dialogpartner jeweils einen Satz über das Eine und direkt danach wiederum das Gegenteil, ohne anzugeben, welchen von beiden er für richtig hält. Sprachliche und logische Ungenauigkeiten wie etwa Platons Gleichsetzung der Begriffe „hat teil an“ und „besitzt die Eigenschaft“, führen dazu, dass die einzelnen Argumente nur in mühevoller Kleinarbeit rekonstruiert werden können. Für Leser, die Freude an dieser Art von logischer Analyse haben, bietet der Dialog reichlich Material.

Interpretationsansätze

  • Im Parmenides legt Platon seine Ideenlehre in groben Zügen dar. Sie beruht auf der Annahme, dass es eine Welt der Ideen und eine Welt der Dinge gibt. Dabei stellt sich Platon die Ideenwelt als die eigentlich reale Welt vor. So ist für ihn ein konkreter Stuhl nur ein Abbild der metaphysischen Idee vom Stuhl an sich.
  • Platons Untersuchung des Einen findet aus der Perspektive der Ontologie statt, also der Theorie vom Sein und seinen Bedingungen. Von dieser wiederum fokussiert der Dialog auf das Teilgebiet der sogenannten Mereologie, der Lehre vom Ganzen und seinem Verhältnis zu seinen Teilen.
  • Für viele der logischen Fehler des Dialogs ist der unsaubere Sprung zwischen empirischen und begrifflichen Wahrheiten verantwortlich. So wird etwa postuliert, dass man Wahres nur über etwas sagen kann, was tatsächlich existiert, und dass Ideen stofflich sind in dem Sinne, dass Gegenstände, die einer Idee gleichen, tatsächlich einen Teil von ihr in sich haben.
  • Parmenides beweist in dem Dialog mehrfach zunächst eine These und danach ihr direktes Gegenteil. Diese Methode ist die der antilogischen Dialektik. Parmenides’ Vorgehen zeigt die Wirkungsmacht der Rhetorik: Als geübter Philosoph kann er jede These belegen und den Zuhörer, in diesem Fall den jungen Aristoteles, überzeugen.
  • Bis heute ist unklar, wie der erste und der zweite Teil des Dialogs zusammenhängen: Handelt es sich bei der Auseinandersetzung mit dem Einen um eine Antwort auf die Frage nach den Ideen? In dieser Deutung erscheint die Idee als das Eine, das unserem Denken gegenüber dem unüberschaubaren Vielen der Welt um uns herum Halt und Orientierung gibt.

Historischer Hintergrund

Athen im fünften und vierten Jahrhundert v. Chr.

Nach der erfolgreichen Selbstbehauptung der griechischen Stadtstaaten in den Perserkriegen (fünftes Jahrhundert v. Chr.) und der damit einhergehenden Gründung des Attischen Seebunds entwickelte sich in Athen die erste demokratische Staatsordnung überhaupt. Die entscheidende Macht im Staat lag jedoch bei dem Strategen Perikles, der dank seiner persönlichen Tugenden in hohem Ansehen stand. Unter seiner Herrschaft erlebte Athen ein goldenes Zeitalter. Auf den Friedensschluss mit dem Perserreich im Jahr 449 v. Chr. erfolgte der Wiederaufbau der teilweise zerstörten Stadt. Viele der monumentalen Bauwerke auf der Athener Akropolis wurden von Perikles in Auftrag gegeben, zum Beispiel der Parthenon-Tempel oder die Propyläen. Auch erblühten unter Perikles Dichtkunst, Geschichtsschreibung, bildende Kunst, Medizin und Philosophie.

Der Beginn des Peloponnesischen Krieges im Jahr 431 v. Chr. markierte den langsamen Niedergang der Vormachtstellung Athens. Nach der Niederlage gegen Sparta 404 v. Chr. übernahmen 30 Tyrannen vorübergehend die Macht, bis die Demokratie 403 v. Chr. wiederhergestellt wurde. Im Inneren setzte sich die kulturelle Blüte, vor allem im Bereich der Philosophie, fort. Nach Sokrates’ Tod im Jahr 399 v. Chr. begann sein Schüler Platon mit der Darstellung des sokratischen Denkens in Dialogen und gründete eine eigene philosophische Schule. Neben dieser Entwicklung der Philosophie erlebten vor allem Rhetorik und geschriebene Prosa einen Aufschwung. Athen wurde im kulturellen Bereich zum Vorbild für ganz Griechenland und blieb bis zum Aufstieg Roms das geistige Zentrum Europas.

Entstehung

Platons Dialog wird gemeinhin in die Zeit um 370 v. Chr. eingeordnet und zählt damit zum Spätwerk des Philosophen. Die Tatsache, dass beim Leser die Kenntnis der Ideenlehre vorausgesetzt wird, deutet darauf hin, dass Parmenides nach der Politeia und dem Phaidon entstand. Das erklärt auch, warum die Figuren (Adeimantos und Glaukon waren übrigens Platons Brüder) Pythodoros und nicht Sokrates selbst aufsuchen – der war ja 399 gestorben. Das wohl fiktive Gespräch der Philosophen lässt sich etwa auf die Zeit um 450 v. Chr. datieren, da von einem „sehr jungen“ Sokrates die Rede ist – in Platons anderen Dialogen tritt er meist als weiser Ratgeber und Lehrer in Erscheinung.

Den Personen des Dialogs entsprechen zwar historische Vorbilder, sie scheinen jedoch nicht mit diesen identisch zu sein. Bei dem Aristoteles im Text handelt es sich übrigens nicht um den berühmten Philosophen, sondern um einen Athener Politiker. Der Philosoph Parmenides lebte mit seinem Schüler Zenon in Elea, im Süden Italiens. Nach diesem Ort ist seine philosophische Schule der Eleaten benannt. Diese vertraten die These von der Existenz eines unteilbaren, unveränderlichen Seins-Ganzen. Ein Lehrgedicht des Parmenides zu dieser Theorie ist Ausgangspunkt von Platons Dialog.

Wirkungsgeschichte

Platons Zeitgenossen schenkten dem Parmenides wohl nur wenig Beachtung. Immerhin finden sich Bezüge auf das Werk in der zeitgenössischen Komödie. Platons Schüler Aristoteles erwähnt den Dialog zwar nicht, stellt die Ideenlehre in seiner Metaphysik jedoch mit vielen Übereinstimmungen zum Parmenides dar. Erst in der Spätantike wurde der Dialog umfangreicher rezipiert. Besonders die Schule des sogenannten Neuplatonismus ließ sich vom Parmenides anregen. Zu dieser Zeit bildete die Lektüre des Dialogs den End- und Höhepunkt des philosophischen Studiums. Im Mittelalter kaum beachtet, wurde der Parmenides in der Renaissance wiederentdeckt und von Marsilio Ficino intensiv kommentiert. Später beeinflusste er vor allem Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der in ihm das „Meisterstück der platonischen Dialektik“ sah.

Kaum ein Werk Platons hat der Forschung so viele Rätsel aufgegeben wie der Parmenides. Unzählige Philosophen haben sich an dem Dialog abgearbeitet. Vielfach wurde sogar bezweifelt, dass Platon überhaupt der Verfasser ist. Mit Bezug auf den zweiten Teil kann man zwei Lager unterscheiden: diejenigen, die im Dialog eine eigene metaphysische Theorie sehen, und diejenigen, die den Parmenides als Übungsstück für Platons Schüler werten. Der zweite Deutungsansatz nimmt Bezug auf die sogenannte „ungeschriebene Lehre“ Platons, die von einigen Forschern postuliert wurde. Demzufolge habe Platon wichtige Teile seiner Philosophie seinen Schüler nur mündlich vermittelt. Im 20. Jahrhundert beeinflusste vor allem die Abhandlung Platon und Parmenides von Francis Macdonald Cornford die Forschung: Cornford hob den Wert des zweiten Teils als meisterhaft vorgetragene logische Analyse hervor – eine Ansicht, die auch der britische Philosoph und Logiker Bertrand Russell teilte. Viel Kritik erntete der Dialog für seinen bescheidenen literarischen Wert, der im Kontrast zu Platons anderen Werken steht.

Über den Autor

Platon gilt als einer der größten philosophischen Denker aller Zeiten. Zusammen mit seinem Lehrer Sokrates und seinem Schüler Aristoteles bildet er das Dreigestirn am Morgenhimmel der westlichen Philosophie. Platon wird 427 v. Chr. in Athen geboren, als Sohn des Ariston, eines Nachfahren des letzten Königs von Athen. Da Platon aus aristokratischen Kreisen stammt, scheint eine politische Laufbahn vorgezeichnet. Doch die Politik verliert für ihn schnell an Reiz, als er sieht, wie die oligarchische Herrschaft der Dreißig im Jahr 404 v. Chr. Athen unterjocht. Platon betrachtet die Politik von nun an mit einem gewissen Abscheu, sie lässt ihn aber nie ganz los. Er wird ein Schüler des Sokrates, dessen ungerechte Hinrichtung im Jahr 399 v. Chr. ihn stark prägen wird. Fortan tritt Sokrates als Hauptdarsteller seiner philosophischen Schriften auf: 13 Briefe und 41 philosophische Dialoge sind überliefert. Nach der Verurteilung des Sokrates flüchtet Platon zu Euklid nach Megara (30 Kilometer westlich von Athen). Er reist weiter in die griechischen Kolonien von Kyrene (im heutigen Libyen), nach Ägypten und Italien. 387 v. Chr. kehrt er nach Athen zurück und gründet hier eine Schule: die Akademie. Deren Studienplan umfasst die Wissensgebiete Astronomie, Biologie, Mathematik, politische Theorie und Philosophie. Ihr berühmtester Schüler wird Aristoteles. 367 v. Chr. ergibt sich für Platon die einmalige Möglichkeit, sein in seinem Hauptwerk Der Staat entworfenes Politikideal in die Praxis umzusetzen: Er wird als politischer Berater an den Hof von Dionysios II., dem Herrscher von Syrakus, gerufen. Seine Hoffnungen, diesen in der Kunst des Regierens zu unterweisen, zerschlagen sich jedoch. Platon stirbt um 347 v. Chr. in Athen.


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