Zusammenfassung von Penthesilea

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Penthesilea Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Tragödie
  • Romantik

Worum es geht

Die Vermählung von Liebe und Gewalt

Kleists Drama Penthesilea, obwohl im Dunstkreis des Trojanischen Krieges angesiedelt, kommt doch so völlig unklassisch daher, dass nicht nur Kleists Zeitgenosse Goethe sich vor den Kopf gestoßen fühlte. Der Krieg zwischen Griechen und Trojanern ist in vollem Gange, als sich plötzlich die Amazonen, ein Volk von reitenden, Bogen schießenden Frauen, in die Auseinandersetzung einmischt. Sie kämpfen nicht, um zu töten, sondern um männliche Gefangene zu machen, die ihnen bei der Fortpflanzung helfen sollen. An der Spitze der Amazonen: Königin Penthesilea. Sie hat es besonders auf den prächtigen Achilles abgesehen. Sie liebt ihn. Er liebt sie. Und dennoch können sie nicht zueinander kommen. Das Gesetz der Amazonen schreibt Penthesilea vor, dass sie den Liebsten erst im Kampf überwinden muss, bevor sie ihm auch ihre zärtliche Seite offenbaren darf. Doch leider ist es Achilles, der sie besiegt. So nimmt das Unglück seinen Lauf. Am Ende des Dramas zeigt Kleist drastisch, was passieren kann, wenn eine Frau ihren Liebsten "zum Fressen gern" hat. Liebe und Gewalt: Dass man sie verwechseln kann und dabei den Verstand verliert, konnten Kleists Zeitgenossen nicht begreifen. Heutige, psychologisch gebildete Leser sehen das sicher ganz anders.

Take-aways

  • In Kleists Drama Penthesilea geht es hart zur Sache: wilde Amazonen, Schlachtgetümmel, Liebesraserei und ein blutiges, tragisches Ende.
  • Die Handlung spielt während des Trojanischen Krieges. In den Kampf der Griechen und Trojaner greift plötzlich ein Heer von Amazonen ein.
  • Das kriegerische Frauenvolk macht Gefangene unter den Griechen, um sich mit ihnen beim nahenden Rosenfest zu verbinden und Nachwuchs zu zeugen.
  • Penthesilea, die Königin, hat es auf den griechischen Helden Achilles abgesehen, in den sie sich verliebt hat. Im Kampf wird Penthesilea von Achilles überwältigt.
  • Als sie aus einer Ohnmacht erwacht, wird ihr vorgetäuscht, sie habe Achilles besiegt und er gehöre nun ihr.
  • Achilles spielt das Spiel zum Schein mit, denn auch er hat sich in die Amazonenkönigin verliebt.
  • Für kurze Zeit schwebt Penthesilea im Glück und ersehnt das Rosenfest, bei dem sie Achilles zu ihrem Bräutigam machen will.
  • Doch die Wahrheit kommt ans Licht und die beiden Liebenden werden durch Kampfhandlungen wieder getrennt.
  • Achilles versucht es mit einem Trick: Er fordert Penthesilea zum Zweikampf und will sie absichtlich gewinnen lassen.
  • Doch sie missversteht seine Absicht: Die Rasende stellt sich Achilles zum Kampf und zerfleischt ihn auf blutrünstige Weise, bevor sie selbst stirbt.
  • Kleists Drama fiel bei seinen Zeitgenossen durch, insbesondere weil es ein gänzlich "unklassisches" Bild der Antike zeigt.
  • Heute gilt Kleist als Dichter, der seiner Zeit voraus war und in seinem Stück psychologische Erkenntnisse über den Zusammenhang von Gewalt und Eros vorwegnahm.
 

Zusammenfassung

Amazonen greifen an

Auf dem Schlachtfeld bei Troja treffen die Griechenkönige Antilochus, Odysseus und Diomedes zusammen. Antilochus möchte von Odysseus wissen, wie der Krieg steht. Odysseus hat Merkwürdiges zu berichten: Amazonen sind auf der Bildfläche erschienen und liegen mit den Griechen im Kampf. Niemand weiß, was die Kriegerinnen wollen. Odysseus ist mit seinen Mannen aufgebrochen, um ein vermeintliches Bündnis zwischen den Amazonen und den Trojanern zu verhindern. Doch verwundert mussten sie mit ansehen, dass die Amazonen gegen die Trojaner kämpften. Odysseus versuchte, die Amazonenkönigin Penthesilea auf seine Seite zu ziehen – denn wenn sie den Trojanern zürnt, müsste sie dann nicht die Griechen unterstützen? Penthesilea reagierte jedoch kühl und abweisend, drohte sogar mit Pfeilen. Sie war aber offenkundig von der schönen Gestalt eines anderen griechischen Helden sehr angetan: Achilles.

„Was wollen diese Amazonen uns?“ (Antilochus, S. 9)

Inzwischen wütet ein erbitterter Kampf zwischen Griechen, Trojanern und Amazonen. Es ist sogar vorgekommen, dass sich die eigentlichen Kriegsgegner gegen die Amazonen verbünden mussten. Den Griechen fällt auf, dass Penthesilea in den Kämpfen fast ausschließlich nach Achilles Ausschau hält und die eigenen Kräfte mit ihm misst. Antilochus berichtet von den Befehlen des griechischen Heerführers Agamemnon: Alle Griechen sollen zurück in die Schlacht ziehen und die trojanische Feste belagern. Doch kurz darauf werden schlimme Neuigkeiten gebracht: Achilles sei im Kampf eingekesselt worden, auf der Flucht sei sein Wagen umgekippt und die Anspannseile der Pferde hätten den Göttersohn gebunden. Kaum habe er sich befreit gehabt, sei schon Penthesilea auf ihn zugaloppiert. Achilles habe zwar in einen Abgrund fliehen können, aber die Amazonenkönigin habe ihm nachgesetzt. Über seinen Verbleib ist nichts bekannt – deswegen vermuten die Griechen, dass sich Achilles nun in den Händen Penthesileas befindet. Odysseus und die anderen Fürsten ziehen ab, um ihn zu befreien.

Verfolgungsjagd

Griechische Soldaten berichten, was sie hinter einer Bergkuppe erspähen: Dort, in voller Rüstung und auf seinem Streitwagen stehend, nähert sich Achilles. Doch auch seine Verfolgerin können die Beobachter schon sehen: Penthesilea. Sie liefern sich eine unbarmherzige Verfolgungsjagd, die von den Beobachtern atemlos wiedergegeben wird. Schließlich gelingt es Achilles, Penthesilea zu täuschen und blitzartig abzubiegen, sodass sie samt ihrem Pferd im Staub landet. Endlich erreichen auch Odysseus und die anderen Helden den Schauplatz und eilen Achilles zu Hilfe. Der verwundete Göttersohn wird verbunden. Währenddessen möchte er unbedingt erfahren, ob Penthesilea immer noch im Felde steht. Er hört gar nicht zu, welche Pläne Odysseus ihm enthüllt: Die Griechen wollen bei einem erneuten Ansturm auf die Trojanerfestung die Amazonen in die Zange nehmen, um sie zur Parteinahme zu nötigen. Achilles will den Kampf mit Penthesilea unbedingt wiederaufnehmen: Er will sie zur „Braut“ nehmen und danach durch die Straßen schleifen, wie er es mit dem Trojaner Hektor gemacht hat.

Uneinigkeit im Amazonenlager

Unterdessen wird Penthesilea von ihren Kriegerinnen als Siegerin der Schlacht gefeiert. Doch davon will sie nichts wissen: Sie hat Achilles nicht besiegt und deshalb ist ihr jeder andere Sieg nichts wert. Prothoe verlangt von ihr Mäßigung: Will sie wirklich die Schlacht erneut beginnen, nur weil sie diesen einen Krieger nicht überwinden konnte? Penthesilea ist uneinsichtig. Sie befragt Asteria und erfährt von ihr, dass Achilles ihr offenbar nach dem Leben trachtet: ein weiterer Grund also, den Kampf zu suchen und noch nicht in die Heimat der Amazonen abzuziehen. Prothoe sei nur feige, wirft Penthesilea ihr vor: Sie habe sich bereits einen Jüngling unter den Gefangenen ausgesucht. Den solle sie ruhig nehmen, in die Berge gehen, sich ihrer Wollust hingeben, aber nie wieder in die Hauptstadt zurückkehren. Die harten Worte erschrecken die anderen Amazonen. Eine Botin erscheint und meldet, dass sich Achilles nähert. Penthesilea und die Amazonen rüsten sich für die Schlacht. Die Königin macht unmissverständlich klar, dass niemand Achilles auch nur anrühren dürfe, denn er gehöre ihr ganz allein. Vor dem Kampf söhnt sie sich noch mit Prothoe aus.

Vorbereitungen für das Rosenfest

Es erscheint die Oberpriesterin der Göttin Diana mit ihren Priesterinnen und jungen Mädchen, die Rosenkörbe tragen. In ihrem Gefolge erscheinen auch die von den Amazonen gefangenen Männer. Die Vorbereitungen des Rosenfestes laufen an, und die jungen Mädchen beginnen damit, Kränze zu flechten, mit denen die Amazonen ihre Liebsten schmücken sollen. Die gefangenen Männer verstehen den Sinn dieser ganzen Aktion nicht, sie denken sogar, dass sie wie Schlachtvieh bekränzt und getötet werden sollen. Doch die Amazonen klären sie auf, dass es nicht zum Tod auf der Schlachtbank, sondern zur höchsten Lust im Tempel der Artemis geht. Eine Hauptmännin naht und wundert sich darüber, dass bereits die Vorbereitungen des Festes anlaufen, wo doch der Kampf noch in vollem Gange ist. Das wiederum kann die Oberpriesterin nicht verstehen und schickt gleich eine ihrer Helferinnen auf einen Hügel, um zu berichten, was auf dem Schlachtfeld vor sich geht. Sie berichtet von Penthesileas Aufeinandertreffen mit Achilles. Die Oberpriesterin hält es für sehr merkwürdig und unziemlich, dass sich eine Amazone einen bestimmten Mann auswählt und damit den Kampf verlängert. Sie schickt eine Botin los, um die Königin zurückzuholen, doch die kann nicht mehr zu ihr vordringen. Sie überbringt stattdessen Prothoe die Nachricht.

Eine verwirrte Königin

Penthesilea wird im Kampf von Achilles’ Lanze getroffen. Sogleich sinkt auch er neben ihr zu Boden und betrauert seine Tat. Doch Penthesilea ist nicht tot, nur verwundet, und wird schleunigst von ihren Kriegerinnen aus seinen Armen fortgerissen. Achilles will ihr folgen, streift seine Rüstung ab, wirft sein Schwert fort und bittet, zur Königin gelassen zu werden. Die wird jedoch von ihren Amazonen hinter die Linien geführt, wo sie wieder zu sich kommt. Zuerst will sie den Kampf mit Achilles sofort fortsetzen, dann aber gibt sie den bestürzten Rufen der anderen nach. Als sie jedoch die Rosenkränze erblickt, gerät sie erneut in Raserei, verflucht allen Zierrat und zeigt, da sie ihr Liebesglück nicht errungen hat, kein Interesse mehr am Rosenfest. Obwohl die Griechen nahen, will sie nicht fliehen und schüttet Prothoe ihr Herz aus. Erst nach einigem Hin und Her ist sie bereit aufzubrechen. Halb in Trance stammelt sie, dass sie „den Ida auf den Ossa“ wälzen wolle, also ein Gebirge auf ein anderes, wie es einst die Titanen getan haben. Jetzt wird ihren Begleiterinnen klar, dass sie geistig umnachtet ist. In der Tat: Penthesilea wird ohnmächtig und die Frauen können gerade noch verhindern, dass sie sich in den Fluss fallen lässt.

Die Täuschung

Unterdessen nähert sich Achilles mit seinen Männern. Es gelingt den Amazonen nicht, ihn aufzuhalten. Weil sie ihn nicht töten dürfen, werden viele von ihnen selbst von Pfeilen niedergestreckt. Als von der anderen Seite auch noch Diomedes mit seinem Heer erscheint, sind die Amazonen fast eingekreist und suchen ihr Heil in der Flucht. Achilles nimmt die ohnmächtige Penthesilea in seine Arme und gesteht Prothoe, die bereits das Schlimmste erwartet, dass er die Königin nicht töten, sondern schützen will. Statt Hass hat er Liebe für sie. Prothoe erfasst die Situation blitzschnell und bittet Achilles, sich hinter einem Baum zu verstecken, als Penthesilea erwacht. Offenbar hat die Königen vergessen, was geschehen ist, und glaubt deswegen auch, was Prothoe ihr berichtet: Sie, Penthesilea, habe Achilles besiegt. Der Grieche spielt das Spiel mit und bestätigt der Königin, dass sie ihn bezwungen habe und ihn in Fesseln legen dürfe. Zunächst kann Penthesilea diese Entwicklung nicht recht glauben, dann jedoch erbebt sie geradezu im Triumph. In überschwänglicher Freude winkt sie die Rosenmädchen herbei. Achilles, der nicht recht weiß, wie ihm geschieht, wird von Penthesilea mit Kränzen geschmückt.

Das Gesetz der Amazonen

Penthesilea erzählt Achilles nun die Geschichte der Amazonen: Wo ihr Volk jetzt zu Hause ist, lebten einst die Skythen. Doch eines Tages eroberten Äthiopier das Land. Die Eindringlinge metzelten die Männer nieder und zwangen die trauernden Frauen in ihre Betten. Diese jedoch erwehrten sich der Fremden: In nur einer Nacht wurden alle Männer von den Frauen erdolcht. Das Gesetz des Frauenstaates wurde erlassen: Keine Männer sollten fortan dort geduldet werden. Die erste Königin gab dem Volk den Namen: Sie schnitt sich die rechte Brust ab und erkor das Volk zu „Brustlosen“, den „Amazonen“. Denn nur so kann die Amazone den Bogen führen wie ein Mann. Achilles ist erschrocken darüber, dass dieser in seinen Augen barbarische Brauch noch immer angewendet wird. Er will auch wissen, wie sich die Amazonen fortpflanzen, da sie doch ohne Männer leben. Penthesilea berichtet vom Rosenfest: Immer dann, wenn die Königin der Amazonen erkennt, dass das Volk durch Krieg und Tod zu sehr ausgedünnt wurde, wird im Tempel der Diana um „Marsbefruchtung“ gebetet. Der Gott des Krieges zeigt den Amazonen dann durch das Medium der Priesterin, in welchem Volk sie nach Männern suchen sollen, die ihre Nachkommenschaft sichern. Die Jungfrauen, die für diesen Dienst auserwählt werden, besiegen und entführen die Würdigsten des fremden Volkes und feiern mit ihnen das Rosenfest. Danach werden die Männer in allen Ehren in ihre Heimat entlassen. Achilles will wissen, warum Penthesilea ausgerechnet ihn als ihren Bräutigam auserkoren hat. Die Amazone gibt zu, dass es ihre eigene Mutter Otrere war, die ihr von den Heldentaten des Achilles berichtet hat. Einen Monat nach Otreres Tod nahm Penthesilea die Königskrone an und zog mit ihren Kriegerinnen dorthin, wo das Griechenheer stand. Dort hat sie Achilles getroffen und sich sofort in ihn verliebt.

Das Verwirrspiel fliegt auf

Achilles jedoch möchte Penthesilea nicht in die Hauptstadt der Amazonen folgen, sondern sie in die seine mitnehmen. Er enthüllt ihr, dass nicht sie ihn, sondern er sie besiegt habe und deshalb ihm die Wahl zustehe. Penthesilea ist fassungslos. Die übrigen Griechen drängen Achilles zum Aufbruch, da sie die heranstürmenden Amazonen fürchten. Achilles will Penthesilea mitnehmen, doch diese sträubt sich und kann nicht verstehen, dass der Geliebte ihr nicht folgen möchte. Bevor die Amazonen eintreffen, zieht Odysseus Achilles mit sich fort. Die Kriegerinnen besetzen den Platz und feiern sogleich die Befreiung ihrer Königin. Diese will von einem Triumph nichts wissen, was ihr den Tadel der Oberpriesterin einbringt: Viele Frauen sind tot, die bereits gefangenen Griechen wieder verloren – alles nur, um Penthesilea zu retten, und nun dankt sie ihnen nicht einmal. Es kommt noch schlimmer: Ein Bote berichtet, dass Achilles Penthesilea erneut zum Zweikampf herausfordert, um eindeutig festzulegen, wer wen in seine Heimatstadt entführen darf. Penthesilea versammelt nun in wahnsinniger Raserei alles, was ihr Volk an Kriegsmaschinerie zu bieten hat: reißende Hunde, stampfende Elefanten, Sichelwagen, und zieht, bis an die Zähne bewaffnet, Achilles entgegen.

Bisse und Küsse

Achilles hat bereits den Kampfplatz erreicht und vertraut Diomedes und Odysseus seinen Plan an: Er hat den Zweikampf nur gefordert, um Penthesilea die Gelegenheit zu geben, über ihn zu siegen. Er vertraut darauf, dass sie ihn nicht verletzt. Nach dem von ihr ersehnten Sieg kann er sie – so hofft er zumindest – endlich in seine Heimat mitnehmen. Odysseus hält diesen Plan für idiotisch und ist wütend, dass Achilles den Kampf um Troja solchen egoistischen Motiven opfert.

„Den jungen trotz’gen Kriegsgott bänd’g ich mir, / Gefährtinnen, zehntausend Sonnen dünken, / Zu einem Glutball eingeschmelzt, so glanzvoll / Nicht, als ein Sieg, ein Sieg mir über ihn.“ (Penthesilea über Achilles, S. 43)

Noch während die Oberpriesterin der Amazonen darüber nachsinnt, wie sie die rasende Penthesilea aufhalten kann, berichtet ihr Meroe, dass die Königin soeben über Achilles hergefallen sei. Von ihrem Pfeil in den Hals getroffen, sank er nieder. Sie riss ihm den Panzer von der Brust und schlug ihre Zähne in sein Fleisch, als wolle sie mit ihren Hunden wetteifern. Bei diesen Worten beginnen die Priesterinnen zu weinen. Ob sie überhaupt noch ein Mensch sei, fragen sie sich. Verstört und von den Blicken der anderen gemieden, erscheint Penthesilea. Sie antwortet auf keine Frage, wirkt wie gelähmt und wähnt sich schon im Reich der Schatten. Beim Anblick von Achilles’ zerfetztem Leichnam wird ihr übel und sie will wissen, wer ihren Geliebten so zugerichtet hat. Dass sie selbst die Tat begangen hat, will sie nicht glauben. In ihrem Wahn behauptet sie sogar, dass sie sich vertan hat: Keine Bisse, sondern Küsse wollte sie ihrem Liebsten geben. Darum küsst sie nun die Leiche und wird von den anderen Frauen vollends für verrückt erklärt. Prothoe befürchtet, dass sich Penthesilea selbst das Leben nehmen könnte, und nimmt ihr darum alle Waffen ab – doch Penthesilea stirbt an einem inneren „Dolch“ aus Jammer und Reue.

Zum Text

Aufbau und Stil

Kleist hat das Drama in 24 unterschiedlich lange Szenen gegliedert: Dies entspricht exakt der Zahl der Gesänge in Homers Ilias, dem Versepos über den Trojanischen Krieg. Eine Akteinteilung gibt es in Kleists Drama nicht, im Grunde genommen ist Penthesilea ein Einakter: Die Szenen gehen mehr oder weniger ineinander über. Die klassischen Regeln des Theaters (Einheit der Handlung, des Schauplatzes und der Zeit) werden beachtet. Der Schauplatz des Dramas ist das Schlachtfeld vor Troja zur Zeit des Trojanischen Krieges. Besonders auffällig ist die Verwendung der so genannten Teichoskopie (von griechisch: „Mauerschau“), die Kleist bis zum Exzess ausreizt: Dabei werden solche Szenen, die sich auf der Bühne kaum inszenieren lassen (z. B. Schlachten) von einer der handelnden Personen berichtet und so dem Zuschauer mitgeteilt, und zwar zeitgleich mit den berichteten Ereignissen. Dieses Stilmittel geht auf Homers Ilias zurück, wo Helena, auf der Stadtmauer Trojas stehend, König Priamos von der Ankunft der Griechen berichtet. Kleist verfährt ähnlich und fügt überdies Botenberichte in die Dramenhandlung ein, die nicht gegenwärtige, sondern vergangenen Ereignisse schildern. Viel direkte Handlung bleibt dann allerdings nicht mehr übrig: Das Drama hinter dem Drama erfährt der Zuschauer/Leser fast durchweg aus zweiter Hand, mittels sprachlicher Umschreibungen. Umso mehr Raum bietet Kleist den Emotionen der Figuren, die sich aus den Handlungen ergeben und die auf der Bühne direkt dargestellt werden können.

Interpretationsansätze

• Der Konflikt des Dramas ist im Gesetz der Amazonen begründet, das Penthesilea in der 14. Szene darlegt: Ein Mann, den sie sich nicht im Kampf erobert hat, ist nicht würdig, ihr Geliebter zu werden. Und da sie in Bezug auf Achilles getäuscht wird, überwiegt bei ihr der Stolz über die Liebe, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Der Konflikt zwischen kollektiver Aufgabe (Kampf und Überwindung der Männer) und individuellem Wunsch (Liebesbeziehung zu einem bestimmten Mann) stürzt Penthesilea in eine fortwährende Verwirrung darüber, was gerade die „richtige“ Handlung ist. Dies führt auch zu ihrer berühmt gewordenen „Verwechslung“ von Küssen und Bissen in der letzten Szene. • Das Stück bringt die Verbindung von Sexualität und Gewalt unverhohlen zum Ausdruck. Ist das Rosenfest selbst schon ein Akt der Gewalt – schließlich werden Gefangene von den Amazonen nur zum Zweck der Fortpflanzung gemacht –, steigert sich die Verquickung von Aggression und Sex, Krieg und Liebe, Unterwerfung und Ekstase bis zur lustvollen Zerstückelung des Geliebten durch Penthesilea. Kein Wunder, dass diese extremen Motive bei Kleists Zeitgenossen Anstoß erregten. • Darin liegt aber auch Kleists Modernität begründet, nimmt er doch einige psychologische Erkenntnisse über den Zusammenhang von Gewalt und Eros vorweg. • Das Drama wurde immer wieder als archaischer Kampf der Geschlechter gedeutet. Achilles hat als Mann zwei Möglichkeiten: Entweder lässt er sich von der Frau überwältigen/verführen oder er überwältigt/verführt sie. Wirklich bedrohlich wird ihm die Frau aber, wenn sie ihm als „Mannweib“, als kriegerisches Spiegelbild seiner selbst entgegentritt, wie es in Kleists Drama geschieht. • Es gibt für Penthesilea auch eine politische Lesart: Demnach offenbart sich in der Schilderung des revolutionär anderen Staatswesens der Amazonen die Skepsis des Dichters, dass auch dieser andere Staat Repressionen für das Individuum bereithält.

Historischer Hintergrund

Amazonen: Mythos oder historische Wirklichkeit?

Ob es jemals Amazonen gegeben hat, ist bis heute ungeklärt. Manche Forscher verorten die Amazonen – sollten sie wirklich gelebt haben – in Kleinasien an der Küste des Schwarzen Meeres. Dort soll Themiscyra, die Hauptstadt der Amazonen am Fluss Thermodon gelegen haben. Neuere archäologische Funde bestätigen, dass es in diesem Teil der Welt weibliche Krieger gegeben hat: Nahe der russisch-kasachischen Grenze fand man Gräber mit Frauenleichen, die mit zahlreichen Pfeilen, Köchern und Lanzen ausgestattet waren. Ein Hinweis auf ein Volk von Kriegerinnen? Wahrheit oder doch nur Mythologie? Verschiedene Berichte griechischer und römischer Historiker erzählen von den Amazonen. In einigen Quellen steht zu lesen, dass die Amazonen ein Volk von Kriegerinnen waren, die bereits den kleinen Mädchen die rechte Brust wegbrannten, damit sie sie später nicht beim Kämpfen, besonders beim Bogenspannen störte. Ihr Name leitet sich demnach aus dem griechischen Wort für „brustlos“ ab. Charakteristisch für die Amazonen war, dass sie keine Männer unter sich duldeten. Nur ab und zu suchten sie die Ränder ihres Territoriums auf, um sich mit den Männern anderer Völker zu vereinen und ihre Nachkommenschaft zu sichern: Mädchen wurden aufgezogen, Jungen jedoch entweder getötet oder zu ihren Vätern geschickt. Der griechische Dichter Quintus von Smyrna berichtet in seiner Fortsetzung der homerischen Ilias von einem Auftritt der Amazonenkönigin Penthesilea im Trojanischen Krieg. Bei ihm wird sie im Zweikampf von Achilles getötet, der ihr danach den Helm abnimmt und sich in sie verliebt, von der Schönheit selbst der Toten geblendet.

Entstehung

Kleist verließ sich vermutlich auf Quellen wie Benjamin Hederichs Gründliches mythologisches Lexikon und die Histoire des Amazones von Claude Marie Guyon. Zugleich hatte er antike Vorbilder vor Augen, besonders die Dramen des Euripides Medea, Hippolytos und Die Bakchen. Auch wenn keine genauen Angaben über den Entstehungsprozess der Penthesilea vorhanden sind, hat die Literaturwissenschaft versucht, aus Kleists zahlreichen Briefen die wichtigsten Schritte zu rekonstruieren. Im August des Jahres 1806 schied Kleist aus dem Beamtendienst aus und beabsichtigte, sich fortan nur durch seine Schriftstellerei zu ernähren. In einem Brief aus jener Zeit berichtet er davon, ein „Trauerspiel unter der Feder“ zu haben. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um einen ersten Entwurf der Penthesilea. Nach Kleists Verhaftung als mutmaßlicher Spion durch die Franzosen im Januar 1807 schrieb er seiner Schwester, dass er sein Werk auch in der Festungshaft fortsetzen wolle. Kleist fügte ein „organisches Fragment“ der Penthesilea in die Januarausgabe 1808 des von Adam Müller und ihm selbst herausgegebenen Kunstblattes Phöbus ein. Bereits im Herbst 1807 plante Kleist, das Drama im Selbstverlag in Dresden herauszugeben. Ein Teil war bereits gedruckt, da sah sich Kleist aus Geldmangel genötigt, das Buch nun doch einem Verleger anzubieten. Johann Friedrich Cotta kaufte es ungelesen, erstattete Kleist die bereits angefallenen Druckkosten und zahlte ihm ein Honorar. Kleist bedankte sich überschwänglich und sah in Cottas Handeln den guten Willen „einen Schriftsteller nicht untergehen zu lassen, den die Zeit nicht tragen kann.“

Wirkungsgeschichte

Mit dieser Formulierung hatte Kleist mehr als Recht. Cotta dürfte seine Übernahme des Manuskripts später bereut haben, denn er unternahm wenig, um das Buch zu verkaufen. Es wurde von der Kritik zum „Monstrum“ abgestempelt und vermutlich ergriffen den Verleger Skrupel, ein Werk, das die moralisch-ästhetischen Vorstellungen seiner Zeitgenossen dermaßen verletzte, anzubieten. Denn was Kleist dem Publikum mit Penthesilea offerierte, war nicht das ebenmäßige und ausbalancierte Bild der Antike, das man kannte, keine „edle Einfalt und stille Größe“, wie sie die deutschen Klassiker verstanden und insbesondere Goethe in Iphigenie auf Tauris vorgeformt hatte. Die Gewalt, Raserei, Maß- und Zügellosigkeit der Penthesilea erschreckten die Leser. Im Spätsommer 1808 kam das Drama in den Handel – die Erstauflage war noch knapp 80 Jahre später verfügbar. Mit anderen Worten: Penthesilea war ein Ladenhüter. Die Bühnen interessierten sich ebenfalls nicht für das Stück: 1811 kam in Berlin lediglich eine pantomimische Aufführung mit Lesung einiger Auszüge auf die Bühne. Die eigentliche Uraufführung fand erst im Jahr 1876 auf der Hofbühne in Berlin statt, und selbst da wurde das Stück nur dreimal gegeben und verschwand wieder. Bis auf die Stimmen weniger Romantiker (u. a. Ludwig Uhland, der einige Szenen des Phöbus-Fragmentes „trefflich“ fand), sorgte Penthesilea auf breiter Front für Missstimmung, selbst im engeren Freundeskreis Kleists. So bemerkte beispielsweise die Kunstmalerin Dora Stock in einem Brief über Kleist: „Seine Penthesilea ist ein Ungeheuer, welches ich nicht ohne Schaudern habe anhören können.“ Kleist kam es vor allem auf die Gunst Goethes an, dem er bereits das Phöbus-Fragment geschickt hatte. Der Dichterfürst jedoch konnte mit Penthesilea augenscheinlich nicht viel anfangen und kritisierte Kleists briefliche Bemerkung, das Stück nicht für die Gegenwart, sondern für eine Bühne der Zukunft geschrieben zu haben. Tatsächlich wurde das Drama auch erst vom Theater des 19. und 20. Jahrhunderts wiederentdeckt, das Kleist als sehr modernen Dichter erkannte. Penthesilea wurde zweimal vertont: als symphonische Dichtung von Hugo Wolf und als Oper von Othmar Schoeck. 1983 gab es auch eine Verfilmung fürs Fernsehen.

Über den Autor

Heinrich von Kleist wird am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren, er stammt aus einer preußischen Offiziersfamilie. Als junger Gefreiter-Korporal nimmt er im ersten Koalitionskrieg gegen Napoleon an der Belagerung von Mainz und am Rheinfeldzug (1793 bis 1795) teil. Bald fühlt er sich vom Offiziersberuf abgestoßen und wendet sich der Wissenschaft zu. Durch seine Kant-Lektüre verliert er jedoch den Glauben an einen objektiven Wahrheitsbegriff und erkennt, dass er nicht zum Gelehrten geschaffen ist. Ebenso wenig fühlt sich der enthusiastische Kleist zum Staatsdiener berufen. 1801 bricht er aus seiner bürgerlichen Existenz aus, reist nach Paris und später in die Schweiz, wo er als Bauer leben will. Doch auch daraus wird nichts. Schon während seiner Zeit in Paris beginnt Kleist zu dichten. Seine Theaterstücke, die heute weltberühmt sind, bleiben zunächst erfolglos. Von 1801 bis 1811 entstehen unter anderem die Tragödien Die Familie Schroffenstein (1803), Robert Guiskard und Penthesilea (beide 1808), außerdem Das Käthchen von Heilbronn (1808), Die Hermannsschlacht (1821 postum erschienen), die Komödien Amphitryon (1807) und Der zerbrochne Krug (1808) sowie die Erzählungen Die Marquise von O.... (1808), Das Bettelweib von Locarno (1810) und Die Verlobung in St. Domingo (1811). 1810 verweigert der preußische Staat Kleist, der nach Stationen in Königsberg und Dresden wieder in Berlin lebt, eine Pension. Auch aus dem Königshaus erhält er keine Anerkennung, obwohl er der Schwägerin des Königs das patriotische Stück Prinz Friedrich von Homburg widmet. Dennoch ist es wohl weniger äußere Bedrängnis als innere Seelennot, die Kleist schließlich in den Freitod treibt. Am 21. November 1811 erschießt er zunächst seine unheilbar kranke Freundin Henriette Vogel und danach sich selbst am Kleinen Wannsee in Berlin.


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