Zusammenfassung von Risiko

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Risiko Buchzusammenfassung

Bewertung

8

Qualitäten

  • Innovativ
  • Wissenschaftsbasiert
  • Augenöffner

Rezension

Das Zeitalter der Aufklärung ist noch längst nicht vorbei. Gerd Gigerenzer, der sich ein Leben lang mit dem Thema „Entscheiden“ befasst hat, legt offen, wie wir in unserem Ringen um Gewissheiten noch immer illusorische Erwartungen hegen. Wir glauben, es gebe gesichertes Wissen über die Zukunft – nämlich bei Experten. Dabei denken und handeln diese „Hüter des Wissens“ oft ebenfalls irrational und schaden damit häufig dem Gemeinwohl. Das Buch des Berliner Psychologen ist weit mehr als ein Appell an die Leser, endlich ihrem eigenen Verstand zu folgen und sich den Tatsachen des Alltags mit wachem und kritischem Geist zu stellen. Es ist Aufklärung pur. Anhand seiner beeindruckenden Forschungsergebnisse zeigt Gigerenzer nicht nur, wie unmündig der moderne Mensch ist. Er weist ihm auch einen Weg, sich aus dem falschen Denken zu befreien. getAbstract empfiehlt die erhellende Lektüre allen Unternehmern und Managern sowie allen, die in einer Welt der Ungewissheit nicht den Überblick über ihr Leben und ihr Geschäft verlieren wollen.

Take-aways

  • Das extreme Streben der Menschen nach Gewissheit birgt auch Gefahren.
  • Aufgrund fehlender Kompetenz im Umgang mit Ungewissheiten handeln viele Menschen irrational.
  • Risiken sind Teil des Lebens. Jeder kann und sollte lernen, adäquat mit ihnen umzugehen.
  • Wer Gewissheiten von Experten erwartet, wird häufig enttäuscht werden – sie verfügen oft selbst nicht über das Wissen oder haben Eigeninteressen.
  • Der beste Weg im Umgang mit Ungewissheit sind Intuition, Faustregeln und Checklisten.
  • Geschulte Intuition erlaubt es, in komplexen Situationen gute Entscheidungen zu treffen – ohne viele Daten kennen zu müssen.
  • Die „beste“ ersetzt die „perfekte“ Lösung: Legen Sie fest, was Sie wollen, und wenn etwas oder jemand diese Kriterien erfüllt, entscheiden Sie sich dafür.
  • Das Vertrauen in uns selbst muss wachsen. Die gesellschaftliche Fehlerphobie jedoch verdammt „trial and error“.
  • Versuche zeigen, dass schon Vierjährige in Risikokompetenz geschult werden können.
  • In Schulen wird Kindern das selbstständige Denken aberzogen. Das ist der falsche Weg.
 

Zusammenfassung

Irgendeiner wird’s schon wissen

Wir wissen, dass wir nichts wissen. Aber wir wissen, dass es Experten gibt – und die wissen. Das ist das Erbe der Aufklärung. Es ist ein zwiespältiges Erbe: An die Stelle der eigenen Unwissenheit tritt das Delegieren von Wissen. Irgendjemand da draußen wird uns schon sagen, wie es wirklich ist, was richtig ist und was falsch und welche Entscheidung wir deshalb treffen sollten. So wünschen wir es uns, um Risiken aus dem Weg zu gehen und uns vor Fehlern zu bewahren.

„Risikointelligenz ist eine Grundvoraussetzung, um sich in einer modernen, technologischen Gesellschaft zurechtzufinden.“

Das ist der größte Fehler von allen. Denn wir leben weiter in einer Welt von Ungewissheiten, und wir können uns nur auf uns selbst verlassen. Auf Hilfe von Experten zu setzen ist riskant: Viele sind Interessenkonflikten unterworfen, ihr Sagen und Tun klafft auseinander; andere schauen nicht über den Rand ihres Fachgebiets und sind überrascht von Wechselwirkungen. Die globale Finanzkrise legt davon beredtes Zeugnis ab. Wir können die Verantwortung für unser Handeln also nicht abgeben. Was wir aber tun können: selbst denken und unsere Risikointelligenz schulen. Damit bewältigen wir Situationen, in denen weder alle Risiken bekannt sind noch berechnet werden können. Das kann jeder erlernen.

Warum das Denken manchmal aussetzt

Wie wichtig Risikointelligenz ist, mögen zwei Beispiele zeigen. In Großbritannien kam es zu 13 000 zusätzlichen Abtreibungen, weil werdende Mütter die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen einer Antibabypille falsch interpretiert hatten. In den USA stornierten viele Menschen nach den Anschlägen auf das World Trade Center ihre Flugreisen und stiegen aufs Auto um. Während Fliegen nach 9/11 wohl so sicher war wie nie zuvor, stieg die Unfallrate auf den amerikanischen Straßen bis Ende 2002 deutlich an – um rund 1600 Tote mehr als in den Vorjahren.

„Im abendländischen Denken galt die Intuition einst als die sicherste Form der Erkenntnis.“

Ein Grund für dieses Herdenverhalten jenseits rationaler Argumente ist wahrscheinlich die in den älteren Gehirnbereichen einprogrammierte Angst vor Schockrisiken. Darunter werden Situationen verstanden, in denen viele Menschenleben auf einmal ausgelöscht werden können. Genauso wie alle anderen Ängste ist die Schockrisiko-Angst durch die soziale Nachahmung erlernt worden. In der heutigen Zeit aber ist das Überleben des Einzelnen nicht mehr von einer Kleingruppe abhängig. Um das zu begreifen, müssen die Menschen von klein auf in Risikointelligenz geschult werden. Für die Gesellschaft als Ganzes bedeutet das, die Bürger nicht länger durch Experten und Politiker zu bevormunden und aufzuhören, nach immer komplexeren Lösungen für ungewisse Situationen zu suchen. Wir brauchen den Blick auf die Fakten und einfache Regeln für den Umgang mit ihnen. Das ist ein Merkmal für wahre Demokratie und die positive Freiheit des Einzelnen.

Bei Ungewissheit hilft Intuition

Menschen suchen nach Sicherheit. Dieses Phänomen kennt jeder von uns: kein „ja, aber“, kein „vielleicht aber doch“. Eindeutigkeit erleichtert das Leben. Doch die angestrebte Gewissheit ist eine Illusion. Gesundheitstests sollen zwar Krankheiten vermeiden, doch schützen etwa Krebs- oder HIV-Tests weder vor einer Erkrankung noch liefern sie ein eindeutiges Ergebnis. So werden viele Menschen positiv getestet, obwohl sie gar nicht krank sind. Anderes Beispiel: Wer in einen Fonds als Geldanlage investiert, dessen Kurve stetig aufwärts verlaufen ist, kann daraus nicht ableiten, dass es so weiter gehen wird. Der Blick auf die Vergangenheit gibt keine Hinweise auf die Zukunft.

„Seit der Aufklärung erhält die Vernunft den Vorzug vor der Intuition, und schon lange davor galt der Mann mehr als die Frau.“

Der Einsatz von statistischen Daten und logischen Schlussfolgerungen ist nur dann sinnvoll, wenn die Risiken bekannt sind. Die meisten Situationen, denen Menschen ausgesetzt sind, haben jedoch einen ungewissen Ausgang. Wer hier bestehen will, muss auf die eigene Intuition und auf einfache Faustregeln vertrauen. In professionellen Zusammenhängen kommen Checklisten hinzu, die uns dabei unterstützen, die Situation analytisch anzugehen. Nur das Vertrauen auf unsere geschulte Intuition versetzt uns in die Lage, Entscheidungen in komplexen Situationen schnell und mit großer Genauigkeit zu treffen – ohne viele Daten kennen zu müssen. Intuition ist eine Form unbewusster Intelligenz, bei der Menschen Faustregeln folgen, die ihnen nicht bewusst sind. In ungewissen komplexen Situationen ist die Intuition dem Sammeln von immer mehr Informationen und Berechnungen deutlich überlegen. Vor allem, wenn die Intuition geschult worden ist. Dabei würde es helfen, würden Risiken – statt wie heute üblich in Wahrscheinlichkeiten – in Häufigkeiten und absoluten Werten dargestellt.

Der größte Fehler ist die Angst vor Fehlern

Wer den Risiken einer ungewissen Welt begegnen will, muss bereit sein, Fehler zu machen. Doch weltweit lernen die Menschen von klein auf etwas anderes: Tu alles, um Fehler zu vermeiden. Das Schulsystem ist in allen Kulturen geprägt von Auswendiglernen. Schülern wird abgewöhnt, selbstständig zu denken und für eigene Lösungen geradezustehen. Die Folge sind Anpassung und defensives Entscheiden.

„Statt grundlegende Fragen zu stellen, verlassen sich viele Menschen auf eine soziale Faustregel, um in ihrem Leben zurechtzukommen: Vertrauen.“

Dieses Verhalten zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Ärzte geben Patienten, was den meisten Profit verspricht und den besten Schutz vor Klagen bietet. Bankmitarbeiter verkaufen Anlagen, die vor allem dem eigenen Institut nutzen. Die Geschäftsführer eines Unternehmens beauftragen eine bekannte Wirtschaftsprüfungskanzlei, damit deren Reputation auf sie abstrahlt – obwohl sie wissen, dass ein kleiner lokaler Anbieter die bessere Qualität bietet. In dieses Raster passt der Trend, Mitarbeiter anhand psychometrischer Tests auszuwählen: Manager können sich hinter den Testergebnissen verschanzen, sollte der neue Kollege sich bald als Totalausfall erweisen.

Die Illusion der perfekten Lösung

Mit der Illusion der Gewissheit arbeiten die Betreiber von Spielcasinos. Elektrische Spielautomaten zeigen laufend knapp verpasste Gewinne an. Wird etwa in Las Vegas tatsächlich einmal Geld ausgezahlt, jaulen Sirenen so lange, bis der Gewinn ausgezahlt wurde. Damit werden Gewinnchancen suggeriert, die in dieser Opulenz leider nicht existieren.

„Führende medizinische Zeitschriften, Gesundheitsbroschüren und das Internet unterrichten die Öffentlichkeit in Form relativer Veränderungen, weil größere Zahlen bessere Schlagzeilen liefern.“

Wie schief selbst Experten mit ihren eigenen Vorhersagen liegen, zeigt das Beispiel der Banken. Keines der weltweit führenden Finanzinstitute prognostizierte im Zeitraum von 2000 bis 2012 die Entwicklung der Aktienindizes oder den Dollar-Euro-Wechselkurs richtig. Trotz kompliziertester Rechenmodelle, die die Daten der Vergangenheit in die Zukunft projizieren, lagen die Finanzexperten, von vereinzelten Glückstreffern abgesehen, in jedem Jahr falsch.

„Die Suche nach Gewissheit ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Risikokompetenz.“

Im Finanzsektor bedeutet Risikokompetenz, zwei einfachen Regeln einzuhalten:

  1. In Situationen mit hoher Ungewissheit, vielen Alternativen und wenig Informationen sollte die Anlageentscheidung so einfach wie möglich erfolgen.
  2. In Situationen mit bekannten Risiken, wenig Alternativen und vielen verfügbaren Informationen sollten Anleger komplexe Rechenmodelle zu Rate ziehen.
„Je mehr Daten vorhanden sind, desto besser für die komplexen Methoden.“

Hinzu kommt: Investoren sollten nur Finanzprodukte kaufen, die sie selber verstehen, sowie nur Bankern vertrauen, die keine Interessenskonflikte haben.

Wer den eigenen Umgang mit Wahrscheinlichkeiten verbessern will, muss sich als erstes von der Illusion der perfekten Lösung verabschieden. Beim Einkauf, dem Restaurantbesuch oder auch bei der Partnerwahl müssen Menschen akzeptieren, dass es immer eine bessere Lösung geben wird. Aber niemand kann oder will alle Supermärkte der Welt, alle Restaurants und alle Partnerbörsen der Welt studieren. Deshalb gilt es eine einfache Regel zu befolgen: Legen Sie fest, was Sie wollen und entscheiden Sie sich für das erste Produkt, das diese Kriterien erfüllt. (Und ja, das gilt auch für die Partnerwahl.)

Mehr Eigenverantwortung in Gesundheitsfragen

Wie sehr Ängste jedes rationale Abwägen dominieren, zeigt sich besonders drastisch bei Krebsvorsorgetests wie der Mammografie oder Prostata-Untersuchungen. Viele Patienten befürchten bei einem positiven Ergebnis, wenn also eine veränderte Brust oder Prostata festgestellt wird, den baldigen Tod. Diese Furcht ist völlig unbegründet, denn die Tests liefern fehlerhafte Ergebnisse. So hat bei zehn positiven Mammografie-Tests nur eine Frau wirklich Krebs. Ebenso haben nur wenige Männer nach einer positiven Prostata-Früherkennung tatsächlich krankhafte Zellveränderungen.

„Meine Studien lassen darauf schließen, dass sich Manager umso häufiger auf Bauchgefühle verlassen, je höher sie in der Hierarchie angesiedelt sind.“

Manche Ärzte, das muss so offen gesagt werden, kennen die tatsächlichen Risiken selbst nicht. Einige Praxen und Krankenhäuser ermuntern die Patienten deshalb zu vielen Tests, weil sie damit Geld verdienen. Es wäre im Sinne der Menschen, wenn sie nicht nur über finanzielle Motive, sondern auch die körperlichen sowie seelischen Nebenwirkungen der Tests durch Bestrahlung oder fehlerhafte Messergebnisse aufgeklärt würden. Ähnliches gilt für zahlreiche andere Untersuchungen wie etwa die Tests zur Erkennung des Down-Syndroms bei Ungeborenen. Auch viele Röntgenaufnahmen oder Kernspintomografien sind völlig überflüssig. Da ist der mündige Patient gefordert, bei seinen Ärzten genau nachzufragen, weshalb eine bestimmte Maßnahme notwendig sein soll. Und er sollte sich die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Risiken exakt vorrechnen lassen – falls der Arzt das überhaupt kann. Das Beispiel Prostatakrebs-Früherkennung mag das verdeutlichen.

„Viele Ärzte empfehlen ihren Patienten überflüssige und möglicherweise schädliche Therapien und Tests, um sich gegen Schadensersatzprozesse zu schützen.“

99 Prozent der Erkrankten, die sich einem Früherkennungstest unterzogen haben, sind fünf Jahre später noch am Leben. Ohne Screening liegt diese Rate bei 68 Prozent. Wer mit diesen Zahlen argumentiert, wird zu einer solchen Untersuchung raten – und dabei einem Denkfehler aufsitzen. Denn ohne Screening wird Prostatakrebs meist in einem so späten Stadium erkannt, dass keine lange Lebenszeit mehr möglich ist. Werden nur die Sterberaten betrachtet, ergibt sich ein komplett anderes Bild: Pro 1000 Patienten ohne Test sterben zwei an Prostatakrebs und in der gleich großen Gruppe mit Test beträgt die Anzahl 1,6. Der Unterschied ist fast zu vernachlässigen, was Sinn und Zweck des Screenings durchaus fragwürdig erscheinen lässt.

„Ungefähr die Hälfte aller Krebserkrankungen haben ihre Ursachen im Verhalten.“

Mit Blick auf diese Zahlen würde kaum ein Arzt zu einem Prostata-Früherkennungstest raten. Statt auf Tests zu vertrauen sollten Menschen bei der Krebsvorsorge darauf setzen, was hilft: ein veränderter Lebensstil in Form von gesunder Ernährung, Verzicht auf Drogen wie Zigaretten und Alkohol, regelmäßiger Bewegung und möglichst wenig Bestrahlungen.

Von der Risiko-Kompetenz zur Risiko-Intelligenz

Die Gesellschaften pumpen Jahr für Jahr Millionen in die Entwicklung neuer Technologien. Viel wichtiger wäre aber, Gelder für eine Bildung ab dem Kindergarten bereit zu stellen, die die Menschen umfassend in Risikokompetenz schult. Untersuchungen belegen, dass schon Vierjährige in der Lage sind, absolute Häufigkeiten zu verstehen. Risikointelligenz kann allerdings nur gefördert werden, wenn der Unterricht auf das reale Leben und nicht auf Prüfungen ausgerichtet ist. Von Anfang an sollten daher der richtige Umgang mit der eigenen Gesundheit, die Nutzung digitaler Medien, das Verständnis für Geldgeschäfte, statistisches Denken, Faustregeln und die Psychologie des Risikos vermittelt werden.

„Selbst Viertklässler können Dinge lernen, die für Erwachsene angeblich unmöglich sind.“

Bislang gilt: Wenn etwas schief geht, sollen bessere Technik und ausgefeiltere Gesetze helfen. Das ist ein Trugschluss, der uns zudem entmündigt. Wir müssen Verantwortung für uns und unser Handeln übernehmen. Das ist das eigentliche Erbe der Aufklärung, so wie sie Immanuel Kant verstand: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Über den Autor

Gerd Gigerenzer ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Zudem leitet der habilitierte Psychologe das 2009 gegründete Berliner Harding-Zentrum für Risikokompetenz. Darüber hinaus bietet Gigerenzer Trainings in der Kunst des Entscheidens und der Risikokommunikation etwa für Ärzte und Richter an.

Dieses Dokument ist für den persönlichen Gebrauch bestimmt.


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