Zusammenfassung von Risikogesellschaft

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Risikogesellschaft Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Soziologie
  • Moderne

Worum es geht

Diagnose des gesellschaftlichen Wandels

Ulrich Beck hat mit Risikogesellschaft eine treffende Analyse des Zeitgeistes im auslaufenden 20. Jahrhundert geliefert. Das Buch fasst das allgemeine Unbehagen angesichts des gesellschaftlichen Wandels in soziologische Begriffe. Praktisch zeitgleich mit der Umweltkatastrophe von Tschernobyl erschienen, löste das Werk in der Öffentlichkeit ein ungewöhnlich starkes Echo aus. Beck beschreibt einen radikalen Bruch in der Moderne: Die Industriegesellschaft gefährdet sich selbst, indem der wachsende Fortschritt bedrohliche Risiken produziert. Durch die zunehmende Individualisierung lösen sich gesellschaftliche Formen wie Klasse, Familie, Partei und Beruf auf. Jeder Einzelne sieht sich, unabhängig von seiner sozialen Position, immer stärker unsichtbaren ökologischen Risiken ausgesetzt, für die niemand direkt verantwortlich zu sein scheint. Angesichts der schwindenden Kontrolle von Politik und Wissenschaft über diese Bedrohungen fordert der Autor eine „reflexive Modernisierung“, in der die Gesellschaft sich der Gefahren bewusst wird und eine verantwortliche Veränderung ermöglicht. Das Schlagwort „Risikogesellschaft“ traf den Nerv einer Generation. Aber auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen erhellt das Buch noch unseren Weg in die Moderne.

Take-aways

  • Mit Risikogesellschaft traf Ulrich Beck 1986 den Nerv der Zeit und wurde schlagartig zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Soziologen.
  • Das Buch ist eine Studie des beschleunigten Strukturwandels in der westlichen Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts.
  • In der „Risikogesellschaft“ sind die Menschen immer stärker unsichtbaren Bedrohungen ausgesetzt, die der technische Fortschritt hervorbringt.
  • Im Gegensatz zu den Gefahren der ständischen Industriegesellschaft betreffen die Risiken der Moderne alle Individuen, unabhängig von ihrem Status.
  • Im Zuge eines „Individualisierungsschubs“ werden soziale Formen wie Klasse, Familie, Geschlechterrollen und Parteien immer mehr aufgeweicht.
  • Die Wissenschaft hat sich durch eine „Verwissenschaftlichung“ des Lebens selbst entthront und ihr Wahrheitsmonopol eingebüßt.
  • Die Politik hat die Kontrolle über die gesellschaftlichen Umwälzungen verloren.
  • Immer mehr Entscheidungen werden in den undemokratischen Feldern der „Subpolitik“ getroffen und es entsteht eine unheimliche „Niemandsherrschaft“.
  • Die Chancen der Risikogesellschaft bestehen im Übergang zu einer „reflexiven Modernisierung“, in der wir mit dem uns Überrollenden leben und umgehen lernen.
  • Das Buch erschien 1986 kurz nach der Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl.
  • Risikogesellschaft wurde über 100 000 Mal verkauft, in über ein Dutzend Sprachen übersetzt und erschien in mehr als 20 Ländern.
  • Noch heute ist der Einfluss des Buches gesellschaftspolitisch spürbar.
 

Zusammenfassung

Die Konturen der Risikogesellschaft

Das Hauptproblem der fortgeschrittenen, modernen Gesellschaften besteht in neuen globalen Risiken, denen alle Menschen, Tiere und Pflanzen ausgesetzt sind und die die Fortschrittsmaschinerie der Industriegesellschaft selbst produziert. Weil die neuen Gefährdungen (die z. B. von nuklearen oder chemischen Stoffen ausgehen) unsichtbar sind, sind wir vollständig den Experten und Medien ausgeliefert, um sie zu erkennen. Definitionskämpfe und Kontroversen unter Experten und Akteuren machen die Einschätzung der Gefahr nicht einfacher. Die Diskussion um Schadstoffe und deren Bedrohung für den Menschen wird technokratisch und naturalistisch geführt. Das gesellschaftliche Nachdenken über die Umweltprobleme wird dagegen ausgeschaltet. Die Frage nach den Verantwortlichen für die Risiken ist komplex, weil die Ursachenketten oft nicht linear sind und verschiedene Akteure beteiligt sind. Risiken sind stets mögliche Ereignisse in der Zukunft und darum ungewiss und irreal. Im Namen des Fortschritts werden die Risiken verdrängt, heruntergespielt und geleugnet. Die Logik der Reichtumsproduktion feiert einen Pyrrhussieg: Sie produziert im Namen des Aufschwungs das, was sie leugnet, nämlich neue Gefährdungen.

„In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken.“ (S. 25)

Die Risiken werden zudem globalisiert und machen nicht Halt vor Status oder Staatsgrenzen. Einem Atombombenanschlag etwa entkommen auch Reiche und Mächtige nicht. Die Erde wird zu einem Schleudersitz, der keinen Unterschied macht zwischen Arm und Reich. Der Bumerangeffekt trifft nicht nur die Verursacher der Umweltzerstörung, sondern schlicht alle. Durch die ungehemmte Produktion von Modernisierungsrisiken wird eine Politik der „unbelebbar“ werdenden Erde betrieben. Wasser und Luft werden sozial und ökologisch enteignet. Daraus entwickeln viele ein zynisches No-Future-Gefühl. Die Katastrophenrisiken haben auch ein politisches Potenzial: Unter der Knute des Risikos wird die Menschheit über die Gegensätze von Klassen und Geografie hinweg in eine Schicksalsgemeinschaft gezwungen. Die Risiken können potenziell eine basisdemokratische Entwicklung provozieren, es besteht eine Solidarität aus Angst.

Das paradoxe wissenschaftliche Joch

In der Risikogesellschaft gibt es eine Form der Zivilisationsverelendung: Die Betroffenen sind unzuständig, weil sie zur Beurteilung der Bedrohung auf Expertenwissen angewiesen sind. Mit der Verwissenschaftlichung der Risiken steigt auch das Geschäft mit dem Risiko. Analyse und Prävention werden zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Allerdings sind diese Aktivitäten oft nur symbolische „Risikokosmetik“. Die klassischen Wissenschaften werden durch die neuen Risiken „demystifiziert“, weil ihre herkömmlichen Methoden diesen Risiken gar nicht gewachsen sind. Die Wissenschaft versagt aufgrund ihrer Arbeitsteilung oder sie legitimiert gar die weltweite Umweltverschmutzung. Proteste, Ängste und die Kritik der Öffentlichkeit werden als „irrational“ abgeschmettert. Beispiel ist die Atomphysik, wo die Risiken ausgeblendet werden, indem man einseitig auf den ökonomischen Nutzen schaut. Der wissenschaftliche Blick ist „risikoblind“. Das Bestehen auf einem strikten Kausalzusammenhang ist gegenüber einem Risiko prinzipiell unangemessen. Indem sie Nebenwirkungen leugnet, zeugt die Wissenschaft von ihrem eigenen Wirklichkeitsverlust. Grenzwerte erweisen sich als fauler Zauber, weil durch sie die Gifte nur symbolisch entgiftet, aber gleichzeitig weiter freigesetzt werden. Nicht untersucht wird eine mögliche Potenzierung der Gefahren.

„Die Risikogesellschaft ist eine katastrophale Gesellschaft. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden.“ (S. 31)

Kritiker der Wissenschaft befinden sich in einem Zwiespalt: Sie müssen selbst wissenschaftliche Methoden anwenden, weil die Wissenschaften über ein Wahrheitsmonopol verfügen. Da aber die Angst im Zentrum der Risiken steht, begibt man sich auf irrationale Felder. Die Aufdeckung von unsichtbaren Gefahren kann zu einer spekulativen Geisterjagd werden. Die Fähigkeit, Gefahren zu antizipieren, wird zu einer „zivilisatorischen Schlüsselqualifikation“. Werden die Risiken einmal erkannt, setzen sie einigen Zündstoff frei. Das Nichtpolitische wird plötzlich Regierungssache, der Ausnahmezustand wird Normalität. In der Abwehr der Gefahren droht die Gesellschaft zur totalitären „Katastrophengesellschaft“ zu verkommen. Je stärker die ökologischen Grundlagen der Zivilisation zersetzt werden, desto mehr verschwindet der Gegensatz zwischen Natur und Gesellschaft. Es gibt keine Umweltprobleme mehr, nur noch Menschenprobleme.

Die Auflösung von Lebensformen

In den Industrieländern ist ein Individualisierungsschub mit ungeheurer Dynamik im Gang. Soziale Klassen, Familienformen, Geschlechterrollen, Ehe und Beruf verändern sich. Die Menschen werden aus den Sozialformen der Industriegesellschaft freigesetzt. Die sozialen Ungleichheiten bestehen aber weiter, die Ungleichheit wird klassenlos. In Deutschland kann man von einem „Fahrstuhleffekt“ sprechen, der die Klassengesellschaft insgesamt eine Etage höher fährt. Das Arbeitervolk hat sich ein gutes Stück aus seinem Joch befreit: Einkommen, Bildung, Konsum und Mobilität sind gewachsen. An die Stelle der Klassenwelten sind Konsumstile getreten. In den 80er Jahren kam jedoch ein negativer Fahrstuhleffekt zum Tragen: Die soziale Ungleichheit nahm erneut zu, aber durch die Individualisierung wurde sie eigentümlich versteckt.

„Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch.“ (S. 48)

Die Massenarbeitslosigkeit wird inzwischen nicht mehr als kollektiver Schock erlebt, sondern Einzelne sind in bestimmten Lebensphasen von ihr betroffen. Die äußeren Ursachen werden dabei oft in Eigenschuld und persönliches Versagen umgewandelt. Der Arbeitsplatz verliert an Bedeutung, die sozialen Bindungen und Konflikte werden durch private Sozial- und Lebensformen gebildet. Die neuen Bedürfnisse nach Selbstfindung und Selbstständigkeit ersetzen die konventionellen Erfolgssymbole. Allerdings bringt das auch den Eintritt in ein „Labyrinth der Selbstverunsicherung“ mit sich. Anstelle der angestrebten Vollbeschäftigung tritt ein System der Unterbeschäftigung. Parteien werden zu Konservatoren einer sozialen Realität, die es eigentlich immer weniger gibt.

Individualisierung von Familie und Biografie

Die Lage von Männern und Frauen ist bestimmt durch eine tiefe Verunsicherung, es herrscht eine „bewaffnete Ratlosigkeit“ zwischen den Geschlechtern. Die Hoffnungen der Frauen auf Gleichheit stehen einer Konstanz im Verhalten der Männer gegenüber. Die Tatsache, dass Frauen heute besser ausgebildet sind, hat sich nicht in eine entsprechende Vertretung in der Arbeitswelt übersetzt. In Spitzenpositionen bleiben Frauen die Ausnahme; je mächtiger eine Gruppe, desto weniger Frauen sind darin vertreten. Damit ist auch die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen unauslöschbar sichtbar geworden: Sie ist persönlich und politisch zugleich.

„Der Traum der Klassengesellschaft heißt: Alle wollen und sollen teilhaben am Kuchen. Ziel der Risikogesellschaft ist: Alle sollen verschont bleiben vom Gift.“ (S. 65)

Die Verletzung der Formen von Familie und Ehe zeigt sich an verschiedenen Indizien: steigende Scheidungsziffern, immer mehr Alleinstehende und Bindungslose. In allen Dimensionen der Biografie brechen durch die Modernisierung Wahlmöglichkeiten und Wahlzwänge auf. Die Menschen sehen sich zuallererst als ein Ich, erst dann als Frau oder als Mann. An die Stelle der Kleinfamilie ist eine Abfolge verschiedener Familienformen getreten, ein familiäres Hin und Her, je nach Lebensphase. Die Angst vor der Einsamkeit wird zum wichtigen Fundament für Ehe und Familie, das Kind zur letzten „Gegeneinsamkeit“. Nach der Auflösung von Familie, Stand und Klasse wird der oder die Einzelne zur Drehscheibe und „Reproduktionseinheit“ des Sozialen. Ohne Milieu und familiäre Subkultur sind die Menschen einer Außensteuerung und Standardisierung durch den Massenmarkt ausgeliefert. Auch Gebrauchsartikel, Meinungen und Gewohnheiten werden von der Masse geprägt. Individualisierung ist aber an Standardisierung gekoppelt: Alle haben zwar ein individuelles TV-Programm, doch jeder sitzt in der gleichen Art vor der Flimmerkiste.

„Die Wissenschaft ist zum Statthalter einer weltweiten Verseuchung von Mensch und Natur geworden.“ (S. 93)

Wie die Familie verliert auch der Beruf mit zunehmender Modernisierung an Bedeutung. Je mehr er seine Sicherheiten einbüßt, desto weniger passt dazu ein Beschäftigungssystem, das auf fixem Arbeitsort und fixer Arbeitszeit aufbaut. Die Grenzen zwischen Arbeit und Nichtarbeit werden verwischt, die Risiken der Arbeit werden privatisiert. Besonders spürbar ist die Zerstörung der Erwerbsarbeit für Jugendliche. Diese steigen nach der Ausbildung in einer Art „Geisterbahnhof“ aus, an dem die Züge nicht mehr nach Fahrplan verkehren. Zwischen Ausbildung und Beschäftigung tritt eine „Grauzone labiler Unterbeschäftigung“.

Die reflexive Modernisierung

Die Wissenschaft ist heute oft Ursache, Definitionsmedium und Lösungsquelle von Risiken in einem. Sie befindet sich in einem widersprüchlichen Prozess der „Demystifizierung“ und wird „entmonopolisiert“: Wissenschaft wird zur Wahrheitsfindung immer notwendiger, zugleich aber immer weniger hinreichend. Die Wissenschaft ist aufgrund ihrer Spezialisierung und Verästelung wahrheitsunfähig geworden. Es droht eine „Feudalisierung der Erkenntnispraxis“: Der Wissenschaft wird von anderen vorgegeben, was die Wahrheit sein soll. Der Glaube an die Wissenschaft ist plötzlich ausschlaggebend. Die Technologieforschung muss davon ausgehen, dass menschliches Denken und Handeln mit Fehlern behaftet ist. Wo technologische Risiken entgegen dieser Gewissheit angenommen werden, bürdet sich die Menschheit das untragbare „Joch der Irrtumslosigkeit“ auf. Die Atomenergie z. B. ist ein gefährliches Spiel mit dieser Irrtumslosigkeit. Der Modernisierungsprozess muss sich in einen Lernprozess verwandeln, in dem später erkannte Nebenwirkungen immer rückgängig gemacht werden können. Sonst droht eine ewige, unheilvolle Produktion latenter Nebenwirkungen. Damit das Projekt der Moderne nicht an Sachzwängen erstickt, braucht es eine neue Form der Forschung, die ihren Fokus auf die Zusammenhänge richtet.

„Letztlich kann niemand von Risiken wissen, solange Wissen bewusst erfahren haben heißt.“ (S. 96)

Die Risikogesellschaft erzeugt ihre Probleme selbst und ist im Umgang mit Risiken mit sich selbst konfrontiert. In dieser verschärften Lage wandelt sich auch das System der Politik. Das Konzept des Fortschritts nimmt mehr und mehr den Platz der Abstimmung ein, er ist ein Ersatz für die Frage nach Zielen. Die Industriegesellschaft ist so „demokratisch halbiert“: Sie ist in einen Strudel der Veränderung geraten, die sich völlig außerhalb der politischen Kontrolle abspielt. Der politische Stillstand wird durch eine „Veränderungshektik“ im technisch-ökonomischen System unterlaufen. Politik und Nichtpolitik vollziehen einen prekären Rollentausch – das Politische droht entmachtet zu werden. Die Veränderungen der Welt geschehen immer mehr ungewollt; uns bedroht eine unheimliche „Niemandsherrschaft“. Der Fortschrittsglaube an sich ist nie infrage gestellt worden. Selbst wenn der Glaube brüchig geworden ist, wie etwa im Fall der Gentechnologie, wird der technische Fortschritt nicht gebremst, sondern unbeeindruckt vollzogen. Skepsis und Kritik gegenüber neuen Anwendungen findet wie ein Nachruf auf längst getroffene Entscheidungen statt. Dies zeigt sich insbesondere am Beispiel der Medizin: Durch ihre Erfolge in der Diagnose entdeckt die Medizin immer neue Krankheiten. Als Folge dieses Fortschritts dehnt sich die medizinische Sicht der Dinge immer mehr aus. Auf leisen Sohlen ist eine soziale und kulturelle Revolution im Gang: Der medizinische Fortschritt, von einer kleinen Gruppe von Berufsoptimisten vorangetrieben, wälzt die gesellschaftlichen Lebensbedingungen permanent um. Öffentlichkeit und Politik sind immer uniformiert und hinken den Entwicklungen hoffnungslos hinterher. Die Gestaltungsmacht ist von der Politik in die Grauzonen der „Subpolitik“ abgewandert.

Drei Szenarien

Die Zukunft lässt sich in drei Varianten skizzieren. Erstens geht der Realismus davon aus, dass sich nichts Wesentliches verändert hat und dass man so weiter machen kann wie bisher. Dabei steuert die Politik jedoch auf die „Selbstentmachtung“ zu; die Gefährdungen und Chancen im Übergang zur Risikogesellschaft werden verkannt. Diese Vogel-Strauß-Politik droht die Gesellschaft zu spalten. Zweitens könnte man versuchen, die technisch-ökonomische Entwicklung zu demokratisieren. Die Subpolitik der Wirtschaft und Forschung würde in die parlamentarische Verantwortung geholt. Angesichts der technologischen Risiken könnte man eine Art ökologischen Wohlfahrtsstaat einführen. Neue Behörden und Versicherungen würden sich um die zwei Grundprobleme, Naturzerstörung und Massenarbeitslosigkeit, kümmern. Die Gefahr läge wiederum in einem Abdriften in eine autoritäre Bürokratie. Einen dritten Zukunftsentwurf stellt die „Entgrenzung der Politik“ dar. Gefordert sind hier die Felder der Subpolitik: Wirtschaft und Wissenschaft müssen sich der Konsequenzen ihrer Fortschritte und Veränderungen klar werden. Die Forschung etwa wäre zu kontrollieren, indem ihr Einfluss ausgebaut und rechtlich gesichert würde. Selbstkontrolle müsste auch von einer institutionellen Selbstkritik begleitet werden. Die Politik käme damit in Besitz wirksamer Gegenargumente und hätte plötzlich wieder beträchtliche Einflussmöglichkeiten.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das knapp 400 Seiten umfassende Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten beschreibt der Autor, was er unter „Risikogesellschaft“ versteht und wie der Fortschritt in der modernen Zivilisation sich selbst gefährdet. Im zweiten Teil wird aufgezeigt, wie die alten ständischen Formen der sozialen Klasse, der Familie, des Berufs sowie die Geschlechterrollen sich auflösen und individualisiert werden. Im dritten Teil kritisiert Beck zuerst die Wissenschaft und die Politik, bevor er mit einem Plädoyer für eine neue, „reflexive Modernisierung“ endet. Die drei Teile setzen sich aus insgesamt acht Kapiteln zusammen, in denen Beck stets getreu der wissenschaftlichen Praxis seine Thesen aufführt, sie argumentativ verfeinert und mit Schlussfolgerungen abschließt. Die selbstkritische Haltung, die der Autor von der Wissenschaft verlangt, setzt er auch konsequent in seinem Stil um. So hinterfragt Beck ständig seine eigene Position und pflegt eine immer wiederkehrende Thesenüberprüfung. Darüber hinaus schreibt er in einem für einen Sozialwissenschaftler untypischen Stil: nicht akademisch und nüchtern, sondern oft selbstironisch und sehr eingängig. Der subjektive Stil ist nicht frei von Polemik und Humor. Mögen die zahlreichen Wortschöpfungen auch manchmal etwas salopp daherkommen, so sind sie doch auf jeden Fall inspirierend.

Interpretationsansätze

  • In Risikogesellschaft wird der Versuch unternommen, soziologische Begrifflichkeiten zu finden, um den modernen gesellschaftlichen Wandel zu denken und mit ihm leben und handeln zu können.
  • Soziologisch einzuordnen ist Ulrich Beck als ein Vertreter der beschreibenden, qualitativen und wertenden Gesellschaftsanalyse, der dem soziologischen Projekt einer wertneutralen, quantitativen Erfassung der Gesellschaft skeptisch gegenübersteht.
  • In Risikogesellschaft wird ein dynamisches soziologisches Denkmodell entworfen, das den veränderten Konfliktlinien der Moderne besser gerecht werden soll als die traditionellen, linearen und statischen Gesellschaftstheorien.
  • Ulrich Beck analysiert nicht nur die Vergangenheit, sondern wagt auch zahlreiche Projektionen in die Zukunft. Kritiker werfen ihm vor, er betreibe spekulative Soziologie oder subjektive Polemik, und sprechen ihm gar die wissenschaftliche Kompetenz ab.
  • Während der Wert von Risikogesellschaft als wissenschaftlicher Theorie umstritten ist, herrscht Einigkeit über die herausragende Qualität des Buches als brillant geschriebene Zeitdiagnose.
  • Beck nimmt pointiert Stellung zu den Problemen der Globalisierung. Er engagiert sich dabei als Anwalt politischer Emanzipation und ökologischer Verantwortlichkeit, um den „Größenwahn der Industrieepoche“ zu überwinden.
  • Das Modell der Risikogesellschaft lässt sich auf zahlreiche globale Phänomene übertragen. So passt sowohl die Klimaerwärmung ins Schema der globalen Bedrohungen wie auch die für Menschen gefährlichen Tierkrankheiten, z. B. der Rinderwahnsinn oder die Vogelgrippe.

Historischer Hintergrund

Die grüne Bewegung der 1980er Jahre

Die Veröffentlichung von Risikogesellschaft fiel in eine Epoche, in der Deutschland von einer wachsenden Verunsicherung geprägt war. Nach einer rund 30-jährigen goldenen Nachkriegsperiode zeigte das deutsche Wirtschaftswunder in den 80er Jahren deutliche Risse. Der Umbruch in der Gesellschaft war vom Aufkommen einer neuen Massenarbeitslosigkeit sowie von rasanten sozialen Veränderungen gekennzeichnet. Ein neuer, individualistischer Lebensstil, geprägt von Wohlstand, Massenkonsum und Freizeitmöglichkeiten, setzte sich durch. Gleichzeitig wurde die Öffentlichkeit mehr und mehr von den ökologischen Folgen des technischen Fortschritts beunruhigt. Es entbrannte eine breite Debatte über die weltweite Umweltzerstörung. In Deutschland wuchs daraus in den 80er Jahren eine ökologische Bewegung, die sich in Wahlerfolgen der 1980 gegründeten Partei „Die Grünen“ niederschlug. Am 26. April 1986 explodierte in der sowjetischen (heute ukrainischen) Stadt Tschernobyl ein Reaktor eines Atomkraftwerks. Durch den Unfall wurden große Mengen an Radioaktivität freigesetzt, die nicht nur die Gegend um den Reaktor verseuchten, sondern über den Wind auch in weite Teile Osteuropas getrieben wurden. Diese einschneidende Umweltkatastrophe wirkte wie ein Katalysator für das wachsende Bewusstsein der Bevölkerung hinsichtlich der Bedrohungen durch die moderne Technik. Die Skepsis gegenüber dem industriellen Fortschritt wuchs, der Umweltschutzgedanke wurde einer ganzen Generation eingeimpft.

Entstehung

Von 1981 bis 1992 lehrte der deutsche Soziologieprofessor Ulrich Beck an der Universität Bamberg. Außerdem koordinierte er einen Forschungsschwerpunkt zum Thema „Verwendung sozialwissenschaftlicher Ergebnisse“, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde. Unterstützt durch ein Akademiestipendium der Stiftung Volkswagenwerk zog sich Ulrich Beck während eines Forschungsfreisemesters nach Bayern zurück. Auf einem Bauernhof oberhalb des Starnberger Sees brachte er weite Teile des Buches zu Papier. „So mancher Kommentar von Licht, Wind und Wolken wurde gleich eingearbeitet“, heißt es im Vorwort. Den größten Effekt auf die Rezeption von Risikogesellschaft hatte jedoch die Wolke von Tschernobyl: Die mögliche atomare Verseuchung von Lebensmitteln bewegte die europäische Öffentlichkeit im Jahr 1986 monatelang. Der Schock der Atomkatastrophe verlieh den Thesen des Buches eine unerhoffte Bestätigung und bescherte ihm große Aufmerksamkeit in den Medien. Im Mai 1986 stellte Beck dem Werk ein zweites Vorwort „aus gegebenem Anlass“ voran, in dem er schreibt: „Die Rede von (industrieller) Risikogesellschaft (...) liest sich nach Tschernobyl wie eine platte Beschreibung der Gegenwart. Ach, wäre es die Beschwörung einer Zukunft geblieben, die es zu verhindern gilt!“

Wirkungsgeschichte

Risikogesellschaft ist eines der erfolgreichsten soziologischen Werke aus dem deutschen Sprachraum. Das Buch wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt, erschien in über 20 Ländern und verkaufte sich weit über 100 000 Mal – für ein wissenschaftliches Sachbuch ein außerordentlicher Erfolg. Es erschien 1986 kurz nach der Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl und brachte das Unbehagen vieler Menschen gegenüber den Auswirkungen der Modernisierung auf den Punkt. Mit einprägsamen Schlagworten wie „Individualisierung“ oder „Fahrstuhleffekt“ war Risikogesellschaft das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt. Seinen Erfolg verdankte es nicht zuletzt dem anschaulichen und pointierten Schreibstil und dem feinen Gespür Ulrich Becks für die treffsichere Diagnose brennender gesellschaftlicher Probleme.

Diese populäre Nähe zum Zeitgeist wurde Beck in der wissenschaftlichen Kritik oft vorgeworfen. Seine beschreibenden Thesen wurden als unscharfe, subjektive Beobachtungen von Randerscheinungen kritisiert. Insbesondere würden die Diagnosen einer objektiven, theoretischen Verallgemeinerung nicht standhalten. Weitere soziologische Einwände betreffen den in Risikogesellschaft beschriebenen strukturellen Bruch innerhalb der Moderne, dessen Existenz von manchen Kritikern schlichtweg bestritten wird. Auch die pointierten politischen Stellungnahmen und die teilweise gewagten Gesellschaftsprognosen wurden Beck vorgeworfen. Dennoch gehört Risikogesellschaft zu den Standardwerken der Nachkriegssoziologie, ein Buch, dessen Begriffe sich im Wortschatz von Politik und Alltag fest etabliert haben. Ulrich Beck avancierte mit dem Erfolg des Buches vor allem in Deutschland zum Lieblingssoziologen der Medien, „der zu allem und jedem nach seiner Meinung befragt wird“, wie er seine Lage in einem Zeitungsinterview selbstironisch bezeichnete.

Parallel zur Publikation von Risikogesellschaft fand in verschiedenen Gebieten außerhalb der Soziologie eine Sensibilisierung für Risiken statt. So entwickelte sich in der Betriebswirtschaft das Risikomanagement. Streng wissenschaftlich werden Risiken in der Finanzwissenschaft untersucht, weil man dort auf sehr große Datenmengen zurückgreifen kann.

Über den Autor

Ulrich Beck gehört seit dem Erfolg von Risikogesellschaft zu den bekanntesten lebenden deutschen Soziologen. Geboren wird Beck am 15. Mai 1944 in Stolp – heute das polnische Słupsk. Er wächst in Hannover auf. 1966 bricht er nach einem Semester sein Jurastudium in Freiburg ab. Er wechselt an die Universität München, wo er Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft studiert. Beck bleibt in München, promoviert dort 1972 summa cum laude und schließt 1979 seine Habilitation ab. Danach folgen Professuren in Münster und Bamberg. 1986 erscheint sein Buch Risikogesellschaft. Das Buch macht ihn auf einen Schlag bekannt. Beck ist kein Vertreter der Soziologie im Elfenbeinturm, sondern mischt sich immer wieder in aktuelle politische Debatten ein, so etwa in seinem 2005 erschienen Buch Was zur Wahl steht. Seine pointiert geschriebenen Werke richten sich nicht nur an die Wissenschaft, sondern auch direkt an die breite Öffentlichkeit. Beck ist mit der Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim verheiratet. 1997 erhält er den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München, 2005 wird er mit dem Schader-Preis ausgezeichnet, der höchstdotierten Auszeichnung für Gesellschaftswissenschaftler in Deutschland. In seinen Arbeiten befasst sich Beck mit dem gesellschaftlichen Wandel und den damit verbundenen Folgen für die Menschen. Seine Analysen der beschleunigten Modernisierung und der daraus wachsenden Bedrohungen und Chancen lösen in der Öffentlichkeit ein starkes Echo aus. Neben der Modernisierung gehören die soziale Ungleichheit und die ökologische Bedrohung zu Becks Spezialgebieten. Er prägt soziologische Schlagwörter wie die „Risikogesellschaft“, den „Fahrstuhleffekt“ oder den „Kosmopolitismus“. Beck lehrt als Professor für Soziologie in München und an der London School of Economics and Political Science. Er ist u. a. Autor der Bücher Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter (2002) und Was ist Globalisierung? (1997).


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    A. vor 2 Jahren
    Michael war hier
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      Anonymous vor 2 Jahren
      echt?