Zusammenfassung von Spätfolgen

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Spätfolgen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Kurzprosa
  • Gegenwartsliteratur

Worum es geht

Unheilbare Wunden

50 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur zeigen sich noch überall die Spuren der Geschichte. Im öffentlichen Leben, aber auch im Kleinen, im Verborgenen, im Alltag der Überlebenden. Grete Weil erzählt deren Geschichten: die vom Onkel und der Tante in Amerika, die von den Toten nichts mehr hören wollen; die von Esther, die nach einem Autounfall stirbt, weil sie sich nicht von einem deutschen Arzt anfassen lassen will; und nicht zuletzt auch ihre eigene Geschichte. Der Blick auf die ganz eigenen Kämpfe, die ihre Protagonisten Tag für Tag ausfechten, zeigt das unvorstellbare Leid im Spiegel der einzelnen Lebensgeschichten, die immer auch geprägt sind vom Schuldgefühl der Überlebenden. Stilistisch vielseitig und geschliffen, in einer Sprache zwischen kühler Distanz und poetischer Abstraktion, erzählt Grete Weil vom Überleben, vom Verarbeiten des Grauens und von der gemeinsamen Aufgabe „Nie wieder!“. Ihr Ziel, beharrlich gegen das Vergessen anzuschreiben, hat Grete Weil mit den Spätfolgen erreicht.

Take-aways

  • Spätfolgen zählt zu den bekanntesten Werken der deutschen Autorin Grete Weil.
  • Inhalt: In sechs Kurzgeschichten werden Episoden aus dem Leben von jüdischen Holocaust-Überlebenden erzählt. Spuren der Vergangenheit und der Verlust von geliebten Menschen prägen deren Leben noch viele Jahrzehnte nach Auschwitz.
  • Grete Weil wanderte 1935 in die Niederlande aus. Nachdem ihr Mann im KZ Mauthausen von den Nazis ermordet worden war, musste sie sich ab 1943 versteckt halten.
  • Sie kam nach dem Krieg zurück nach Deutschland und wurde Schriftstellerin.
  • Mit ihrer Rückkehr nach Deutschland wollte sie einen Dialog eröffnen. Sie sah es als ihre Pflicht an, Zeugnis abzulegen.
  • Obwohl sie direkt nach dem Krieg erste Werke veröffentlichte, blieb der Erfolg lange aus.
  • Erst 1980 gelang Grete Weil mit dem Roman Meine Schwester Antigone der Durchbruch.
  • Wie alle ihre Werke sind auch die Spätfolgen stark autobiografisch geprägt.
  • Grete Weil war weit über 80 Jahre alt, als sie Spätfolgen schrieb. Sie starb wenige Jahre später.
  • Zitat: „Sie gehörte nicht zu den Leuten, die von der Kriegszeit nichts mehr wissen wollten. Sie mokierte sich über diese Haltung und fand, dass man schon um der Toten willen und um Faschismus und Krieg in Zukunft zu verhindern, nichts von dem, was da geschehen war, vergessen durfte.“
 

Über die Autorin

Grete Weil wird am 18. Juli 1906 als Margarete Elisabeth Dispeker im oberbayrischen Rottach-Egern geboren. Als Kind einer großbürgerlichen liberalen jüdischen Familie – ihr Vater ist Anwalt und legt Wert auf eine umfassende Bildung – besucht sie zunächst in München, später in Frankfurt das Gymnasium und studiert dann Germanistik in München, Berlin und Paris. Sie freundet sich mit Erika und Klaus Mann an, beginnt ihre Dissertation und schreibt erste Erzählungen. 1932 heiratet sie den Dramaturgen Edgar Weil. Der wandert nach der Machtergreifung in die Niederlande aus und lebt fortan in Amsterdam. Grete, die inzwischen ihre Promotion abgebrochen und eine Fotografenlehre abgeschlossen hat, folgt ihm 1935 und eröffnet ein Fotoatelier. 1940 besetzen die Nazis die Niederlande, und nach einem erfolglosen Fluchtversuch nach England wird Edgar Weil verhaftet und interniert. Er stirbt 1941 im KZ Mauthausen. Grete Weil engagiert sich im Jüdischen Rat, muss später untertauchen und lebt ab 1943 anderthalb Jahre lang in einem Versteck, wo sie wieder zu schreiben beginnt. Nach dem Krieg geht sie nach Deutschland zurück. 1949 erscheint ihre Novelle Bis ans Ende der Welt, die noch in Amsterdam entstanden ist. Grete Weil heiratet 1960 den Regisseur Walter Jokisch. Neben Aufträgen als Übersetzerin setzt sie die Arbeit an ihren eigenen Werken fort. Bekanntheit erlangen ihre Romane Tramhalte Beethovenstraat (1963) und Meine Schwester Antigone (1980). Ihre Werke sind stark autobiografisch geprägt: „Nach dem Krieg schreibe ich ein paar Bücher. Sie handeln von Krieg und Deportation. Ich kann von nichts anderem erzählen. Der Angelpunkt meines  Lebens“, heißt es in Meine Schwester Antigone. Grete Weil wird 1980 mit dem Wilhelmine-Lübke-Preis, 1988 mit dem Geschwister-Scholl-Preis und 1995 mit der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet. Sie stirbt am 14. Mai 1999 in Grünwald bei München.

 

Zusammenfassung

Guernica

Die Erzählerin trifft sich mit einem alten Freund, Hans, der sich inzwischen John nennt, im Museum of Modern Art in New York. Sie haben sich viele Jahre nicht gesehen und wollen sich vor Picassos Bild Guernica treffen. Hans ist nach der Emigration in die USA Jurist geworden und hat eine Familie gegründet. Nach Deutschland zurückzukehren, hat er nie erwogen. Obwohl die beiden sich lange nicht gesehen haben, erkennen sie sich sofort wieder. Die Erzählerin erinnert sich an eine gemeinsame Fahrt zu einem Vortrag im Jahr 1932. Sie unterhielten sich über die Möglichkeit, dass Hitler an die Macht kommen könnte. Hans winkte ab. Und selbst wenn – in anderen Ländern gebe es auch Kunst, man müsse dann auswandern, hatte er gesagt.

„Er hat nicht Nacht für Nacht auf die Schritte der Schaftstiefel gewartet, auf das Klingeln an der Tür, auf die Nachricht am Morgen, wer in der Nacht geholt worden ist von den Freunden. Er hat keine Briefe aus einem KZ schreiben müssen und auch keine von dort bekommen.“ (Guernica, über Hans, S. 14)

Jetzt sprechen sie auch über Kunst. Hans findet die meisten Bilder abscheulich. Nur wenige gefallen ihm, doch die Erzählerin kann nicht sagen, anhand welcher Kriterien er entscheidet. Er spricht Englisch, und weigert sich – auch auf ihre Bitte hin –, ins Deutsche zu wechseln. Selbst mit seiner Mutter spricht er Englisch. Sie gehen zusammen essen. Die Bedienung erkennt Hans als Deutschen und spricht ihn auf Deutsch an. Der ist brüskiert, und die Erzählerin bemerkt, wie auffallend sein Akzent ist. Sie sprechen über die Bücher der Erzählerin, die teilweise in Amerika spielen. Hans erklärt, dass er sich für die Schwarzen nicht interessiert, nur für die Juden. Er möchte, dass seine Tochter Judy einen Juden heiratet.

„Arme greifen unter sie, sie wird weggehoben samt ihrer Decke, liegt jetzt auf etwas, das fährt. Wird auf etwas zugeschoben, das wie eine Röhre aussieht. Da schreit sie los: ‚Nicht ins Gas. Nicht ins Gas.‘“ (Don’t touch me, über Esther, S. 32)

Hans und die Erzählerin sind ähnlich aufgewachsen, doch später sind ihre Lebenswege vollkommen unterschiedlich verlaufen: Hans ist vor Hitler in die USA geflohen und hat dort ein neues Leben begonnen. Er wusste nichts von der ständigen Bedrohung, von der Angst, verraten zu werden; er hat von den KZs womöglich erst nach dem Krieg erfahren und musste nach dem Krieg auch nicht hungern. Die Erzählerin fragt Hans nach dem zeitgenössischen Komponisten Hans Werner Henze, den er aber nicht kennt. Er fragt sie, warum sie nach Deutschland zurückgekehrt sei.

„Sie erklären mir, dass vieles schon besser geworden ist, dass man jedoch die Rassenfrage nicht von heute auf morgen lösen kann. Sie zucken die Achseln, meine Freunde, die tolerant und fortschrittlich sind und im Süden wahrscheinlich als Nigger lovers in Gefahr wären (…)“ (Das Haus in der Wüste, S. 47 f.)

Sie fahren zu ihm nach Hause. Er lebt in einer bürgerlichen Wohnung ohne einen Hinweis auf Kunst. Er fragt Judy, ob sie Picasso kenne, und erzählt ihr von Guernica. Judy interessiert sich indes nicht für Kunst. Sie verfolgen zusammen einen Kriegsfilm, den sie sich anschaut. Die Erzählerin fühlt sich an Picassos Bild erinnert, und als Judy bei den Bombeneinschlägen im Film ihre Faust auf die andere Handfläche schlägt, zucken beide Erwachsenen zusammen. Sie gehen ins Arbeitszimmer, um sich unterhalten zu können. Hans beginnt zu weinen. Er berichtet, dass Judy ihm vorwerfe, er habe den Holocaust überlebt, indem er sich in Sicherheit gebracht habe. Er wiederholt, dass es keine Kunst mehr gibt. Die Erzählerin widerspricht. Sie will wissen, warum er im Museum einige Bilder mochte und andere nicht. Er erklärt ihr, dass alle Bilder, die nach 1933 gemalt wurden, schrecklich seien. Sie fragt ihn, ob er Adornos Ansicht teile, dass man nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben könne. Er weiß es nicht. Sie meint, Kunst habe auch im Leid eine Berechtigung. Sie sieht sich selbst nicht als Künstlerin, denn Schreiben ist für sie etwas, das jeder kann. Autoren seien eher politisch und hätten die Aufgabe, aufzuklären über die Verbrechen.

„,Setzt er dir sehr zu?‘ fragte der Onkel. ,Wer soll mir zusetzen? ‘ Er beugte sich dicht zu mir, legte die Hand an den Mund und flüsterte: ,Der Dingsda.‘“ (Das Haus in der Wüste, S. 58)

Sie sprechen über Gott. Die Erzählerin ist nicht gläubig. Hans möchte wissen, was sie davon hält, dass er Jurist geworden sei. Sie erklärt ihm, dass Juristen mehr gebraucht würden als Soldaten. Er weist darauf hin, dass man die Freiheit verteidigen müsse. Dann macht sie sich zum Aufbruch bereit. Er bedankt sich für die schönen Stunden und bekundet seine Freude, sie wiedergesehen zu haben. Sie entgegnet nichts.

Don’t touch me

Esther ist in Deutschland, um ihre Cousine Rosa zu besuchen, obwohl sie sich vorgenommen hat, nie mehr hierher zurückzukehren. Sie fährt mit Rosa und deren Freund durch Bayern. Er sitzt am Steuer, konzentriert sich aber nicht auf den Verkehr. Stattdessen weist er auf Sehenswertes in der Umgebung hin. Rosa ist während des Krieges in Berlin untergetaucht und dann dortgeblieben. Esther hat Auschwitz überlebt. Sie haben sich seit den 50er-Jahren nicht mehr gesehen, als sie zusammen in Lugano zur Kur waren. Danach ist Esther nach New York gegangen. Rosas Freund riskiert ein waghalsiges Überholmanöver. Von rechts kommt ein Wagen, es kracht, und alles wird dunkel.

„Der Name stand in dem Raum ohne Wände, füllte ihn, sickerte hinaus in die Wüste, füllte die Wüste, ein Sprengstoff, den ich mit mir herübergeschleppt hatte vom anderen Ende der Welt, um ihn hier in die Luft zu jagen.“ (Das Haus in der Wüste, über Auschwitz, S. 59 f.)

Esther wacht mitten in der Nacht mit starken Kopfschmerzen auf. Menschen unterhalten sich um sie herum auf Deutsch. Sie kann ihren Kopf nicht heben. Man schiebt sie in eine Röhre, wo sie Panik bekommt. Ein junger Arzt versucht sie zu beruhigen. Er spricht Deutsch, sie antwortet auf Englisch, und er wechselt auf ihren Wunsch die Sprache. Als er ihr den Arm tätschelt, sagt sie ihm, er solle sie nicht anfassen. Sie beginnt zu schreien. Rosa kommt dazu; ihr und ihrem Freund geht es gut. Esther denkt, dass sie, sollte sie hier sterben, von einem Deutschen umgebracht worden sei, „fünfzig Jahre danach“. Sie wünscht sich zurück nach New York, weit weg von Deutschland und den Deutschen. Sie besteht darauf, nicht angefasst zu werden. Man richtet sich nach ihr. Sie stirbt zwei Tage später.

Das Haus in der Wüste

Die Erzählerin geht den Wilshire Boulevard in Los Angeles hinauf und weiter auf dem Hollywood Boulevard. Es ist heiß und wird langsam neblig – dazu kommt der Smog, den die Einheimischen einfach so hinzunehmen scheinen. Sie fühlt sich wie von Watte umgeben und bekommt Kopfschmerzen, geht aber weiter. Sie will ihre Tante und ihren Onkel besuchen, die sie seit 30 Jahren nicht gesehen hat. Sie haben nicht das beste Verhältnis, sind in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung, doch fühlt sich die Erzählerin milde und will ihren Verwandten eine Freude machen.

„Elisabeth und Eugen waren Nummern, als man sie ins Gas schickte. Und Otto, Leopold und Selma. Vielleicht hat man ihnen auch eine Phenolspritze ins Herz gegeben, sie erschossen oder totgeschlagen.“ (Das Haus in der Wüste, S. 67)

Die Verwandten konnten sich nach dem deutschen Einmarsch in Polen noch in Sicherheit bringen. Sie sind über Kuba in die USA ausgewandert, und niemand weiß, wie sie das trotz ihrer umständlichen Art geschafft haben. Da sie beide Geheimniskrämer sind, werden sie die Antwort schuldig bleiben. Sie zogen nach Los Angeles. Nach Kriegsende war die Familie in Deutschland stark dezimiert. Die Überlebenden erhielten Päckchen voller unpraktischer Dinge, und Onkel und Tante schwiegen in ihren Briefen die Toten tot.

„Sie gehörte nicht zu den Leuten, die von der Kriegszeit nichts mehr wissen wollten. Sie mokierte sich über diese Haltung und fand, dass man schon um der Toten willen und um Faschismus und Krieg in Zukunft zu verhindern, nichts von dem, was da geschehen war, vergessen durfte.“ (Die kleine Sonja Rosenkranz, über Marthe Besson, S. 72)

Der Nebel löst sich auf und die Erzählerin erreicht die Wüste. Die Landschaft verwirrt ihre Sinne. Inzwischen ist es dunkel geworden. Da weist ihr ein Licht den Weg zu ihrem Ziel. Sie erinnert sich daran, wie ihr das Auf-der-Flucht-Sein nach fünf Jahren in Fleisch und Blut übergegangen ist. Solche Instinkte lassen sich nicht so schnell wieder ablegen, auch nicht, wenn man in Sicherheit ist. So müssen sich in den USA die Schwarzen fühlen, denkt die Erzählerin. Ihre Freunde haben ihr versichert, dass man diese Frage nicht von heute auf morgen lösen kann, dass man klein anfangen muss, bei den Schulkindern.

„Hatte Bella an ihn, ihren Liebsten gedacht? Denkt ein Mensch, der im Gas erstickt wird, überhaupt noch?“ (Das Schönste der Welt, Ben, S. 93)

Die Erzählerin kommt an und wird von Onkel und Tante begrüßt. Es war das Licht einer Kerze, das sie geleitet hat; der Kerzenleuchter hat früher der Mutter der Erzählerin gehört. Sie essen amerikanisch, während die beiden Gastgeber ihre liebsten deutschen Speisen aufzählen. Der Onkel hat einen schweren Husten, gegen den er Tropfen einnehmen muss, eine Prozedur, die die Tante umständlich überwacht. Sie berichten, wie überwältigt sie am Anfang waren und wie stolz sie sind, Amerikaner zu sein. Sie sprechen vom „Dingsda“ – wie sie Hitler nennen – und den „armen“ Verwandten. Als die Erzählerin erwähnt, dass „die arme Elisabeth“ in Auschwitz ermordet wurde, weigern sich Onkel und Tante, darüber zu sprechen. Stattdessen lenken sie das Gespräch auf ihre Reisen und schließlich auf ihr altes Leben in Bayern. Sie betonen, dass hier alles besser sei, bis auf die Rassenfrage. Überhaupt wäre es besser, die Schwarzen und die Mexikaner würden dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind. Die Erzählerin versucht ein letztes Mal, über die ermordeten Verwandten zu sprechen, ohne Erfolg. Während der Onkel einen weiteren Hustenanfall hat, verlässt sie das Haus.

Die kleine Sonja Rosenkranz

Marthe Besson hat während des Krieges untergetauchten Juden geholfen. In einer Dokumentation über die Résistance sieht sie den Namen einer alten Bekannten, Blanche Molitier. Plötzlich kommen verdrängte Erlebnisse und Gefühle wieder hoch. Marthe hat während des Krieges ihren Bekannten Heinz und Gaby Rosenkrantz versprochen, deren Nichte Sonja zu helfen. Marthe sagte zu und nahm das Geld der beiden an, um Sonjas Flucht zu ermöglichen. Heinz und Gaby wurden verhaftet. Marthe brachte Sonja auf Anraten von Freunden zu Blanche Molitier und gab dieser das Geld. Wochen später erfuhr Martha aus einem Flugblatt, dass die Leiche eines deutschen Mädchens in der Seine entdeckt worden war. Es war Sonja. Marthe wartete auf eine Nachricht, eine Erklärung von Blanche, doch die meldete sich nicht. Als Marthe zu ihr nach Hause ging, sagte man ihr, dass Blanche verreist sei. Auch alle weiteren Versuche, Kontakt zu ihr aufzunehmen, blieben erfolglos.

„Ich bin kein Zeuge mehr. Ich habe nichts gewusst. Wenn ich Primo Levi lese, weiß ich, dass ich mir ein KZ nicht wirklich vorstellen konnte. Meine Phantasie war nicht krank genug.“ (Und Ich? Zeugin des Schmerzes, S. 102 f.)

Nun, durch die Dokumentation an den Fall erinnert, will Marthe endlich die Wahrheit herausfinden. Sie fragt beim Fernsehsender nach Blanches Nummer und ruft sie an. Blanche wimmelt sie ab. Marthe wendet sich an alte Freunde, doch die raten ihr, die Sache ruhen zu lassen: Sie werde nichts beweisen können und Blanche sei eine bekannte Persönlichkeit. Marthe lässt sich nicht aufhalten und fragt weiter. Sie macht sich Vorwürfe, dass sie Sonja allein gelassen hat, dass sie Blanche nicht genauer überprüft hat, bevor sie ihr das Leben des Mädchens anvertraute, dass sie überhaupt die übergroße Verantwortung übernommen hat. Ihre Briefe und Anrufe bei Blanche Molitier bleiben unbeantwortet. Dann sieht sie die Frau eines Tages im Fernsehen und beschließt, ihr aufzulauern. Als sie sich gegenüberstehen, behauptet Blanche, dass Sonja nachts davongelaufen sei, und dass sie sich an kein Geld erinnern könne. Marthe muss aufgeben. Ein alter Freund meint, wenigstens sei Sonja durch den Tod in der Seine dem KZ entkommen. Marthe beginnt zu reisen und besucht nach und nach alle Konzentrationslager. Am Ende glaubt sie selbst, dass Sonja ein schlimmeres Schicksal erspart wurde.

Das Schönste der Welt

Ben und Bella sind vor dem Krieg zusammen am Mittelmeer gewesen. Sie fand es so schön dort, dass sie sterben wollte vor Glück. Nun ist Ben wieder am Mittelmeer, doch Bella ist tot. Sie ist in der Gaskammer von Sobibor gestorben, zusammen mit ihrer gemeinsamen Tochter Ineke. Ben war zu der Zeit als Royal Air Force Pilot in England und warf Bomben auf Deutschland ab. Er dachte, Bella und Ineke seien sicher, weil nur junge Männer ermordet würden. Dass die beiden tot sind, erfuhr er erst nach Krieg. Er trauerte, dann begann er von vorn. Er arbeitete als Testpilot und lernte die Witwe Rosa kennen, doch wirklich nahe fühlt er sich ihr nicht. Ben möchte sie nicht heiraten und er möchte auch kein Kind. Sie sind nun gemeinsam im Urlaub am Mittelmeer. Er sitzt in seinem Auto an der Küste, nimmt eine Pistole aus dem Handschuhfach und erschießt sich.

Und Ich? Zeugin des Schmerzes

Die Erzählerin ist eingeladen worden, Interessierten von ihrer Zeit in Holland zu erzählen, als sie sich vor den Nazis versteckt hielt. Eine Frau meint, sie müsse schreckliche Angst gehabt haben. Die Erzählerin nickt – doch das stimmt nicht: Seit ihr Mann in Mauthausen ermordet worden ist, hat sie keine Angst mehr gehabt; nur eine aus Gleichgültigkeit geborene Furchtlosigkeit, die sie ihren Zuhörern jedoch nicht vermitteln kann. Sie wollte sterben damals, entschied sich aber gegen den Selbstmord, weil sie wusste, dass ihre Mutter ohne sie verloren gewesen wäre. Gegen jede Wahrscheinlichkeit überlebten sie beide.

Der Vortrag in München fällt in die Entstehungszeit des Buches Spätfolgen. Alles was in Deutschland geschieht, jedes politische Ereignis, ist eine Spätfolge. Die Spuren sind überall zu sehen. Die Erzählerin wäre auch ohne das Erlebte Autorin geworden, schließlich hat sie schon vorher geschrieben – doch sie hätte bestimmt anders geschrieben. Die Furchtlosigkeit endete mit dem Krieg, und sie weiß nicht, wie sie es schaffte, ihr Leben nach all dem weiterzuleben, anstatt aufzugeben. Andere Literaten haben sich das Leben genommen. Sie sind in Lagern gewesen, und die Erzählerin meinte damals, zu wissen, was das heißt. Das wahre Ausmaß erfuhr sie erst nach dem Krieg, als sie Primo Levis Aufzeichnungen las. Sie ist keine Zeugin, auch nicht kraft der Briefe von ihrem Mann aus Mauthausen. Sie hat erst 14 Tage später von seinem Tod erfahren, als einer ihrer Briefe mit einer Todesrune darauf zurückkam. Das ist 50 Jahre her. Sie hat Bücher geschrieben über den Schmerz, die Erinnerung und das schlechte Gewissen der Überlebenden, die erst viel später vom Publikum angenommen wurden. Vielleicht ist das auch eine Spätfolge.

Zum Text

Aufbau und Stil

Nicht viel länger als 100 Seiten ist der Band Spätfolgen, der sechs Erzählungen beinhaltet. Diese präsentieren knappe Episoden, die oft nur ein paar Stunden erzählte Zeit oder weniger umfassen. Verbindendes Element sind Rückblicke auf die Geschehnisse des Holocaust und die Nachkriegszeit. So dehnt sich die erzählte Zeit oft über Jahrzehnte aus. Die Szenen sind fast ausschließlich in der ersten Person geschrieben, wobei Weil in der Erzählung über Esther von der Ich- in die allwissende, auktoriale Perspektive springt, um beinahe kühl über Esthers Tod zu berichten. Überhaupt sticht Esthers Geschichte stilistisch heraus, da der innere Monolog ganz unmittelbar am Geschehen bleibt. In Das Haus in der Wüste finden sich dagegen surreale Elemente: Während des Fußmarsches der Erzählerin zum Haus der Verwandten löst sich die Wirklichkeit in einen Fiebertraum auf, die Wüste wird zur Siamkatze. Poetisch-abstrakte Momente kontrastieren den oftmals kurzen, kühlen Stil der Autorin und geben den Episoden eine unwirkliche Atmosphäre.

Interpretationsansätze

  • Thema der Erzählungen sind die Spätfolgen des Holocaust. Wie gehen die Überlebenden mit ihrer Erinnerung an den Massenmord um? Viele von Weils Figuren wählen die Sprachlosigkeit – Auschwitz wird nicht mehr erwähnt, man beginnt ein neues Leben in der Ferne. Andere finden durch die Spätfolgen den Tod, zum Beispiel Esther, die sich nicht von einem deutschen Arzt behandeln lassen will, oder Ben, der sich das Leben nimmt.
  • Der Holocaust selbst scheint nur indirekt auf, im Erleben der Protagonisten. Auch die Begriffe „Shoa“ oder „Holocaust“ kommen in den Erzählungen nicht vor, stattdessen, konkret und als Symbol, „Auschwitz“. Durch diesen Kunstgriff macht Weil das unfassbare Grauen der Vernichtungslager literarisch zugänglich. Dadurch vermag sie den Leser tiefer zu erschüttern als mit einer direkten Schilderung.
  • Mit Spätfolgen bekennt sich Weil zur aufklärerischen Verantwortung von Literatur. Damit reagiert sie direkt auf die These Theodor Adornos, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Weil teilte diese Fundamentalskepsis gegenüber der Kunst nicht. An mehreren Stellen in Spätfolgen weist sie der Kunst explizit die Aufgabe zu, die Wahrheit weiterzutragen.
  • In den verschiedenen Einzelschicksalen bildet das schlechte Gewissen der Überlebenden einen roten Faden. Immer wieder kommen dabei auch die Abstufungen zwischen den unterschiedlichen Erfahrungshorizonten zur Sprache: die Verwandten, die vor dem Krieg ausgewandert sind; diejenigen, die sich erfolgreich vor den Nazis versteckt haben; die Überlebenden der Lager; die Toten.
  • Für Weil entsteht aus dem Holocaust die Verpflichtung, sich gegen Unterdrückung und Verfolgung jeglicher Art zu engagieren – zum Beispiel in der amerikanischen Rassenfrage. Die Erzählerin ist erschüttert, als sie erfahren muss, dass ihre Verwandten und Bekannten in den USA sich wie alle anderen auf leere Floskeln zurückziehen, statt aktiv zu werden.

Historischer Hintergrund

Auschwitz und die Folgen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager wurde erst das ganze Ausmaß des Grauens des Holocaust bekannt. 1945 begannen die Nürnberger Prozesse, in denen die Naziverbrechen verhandelt wurden. Insgesamt gab es 912 Verfahren gegen 1875 Personen. Nach Gründung der BRD wurden in der NS-Zeit ergangene Urteile rückgängig gemacht, außerdem wurde die Entschädigung der Opfer vorangetrieben. Bis 1958 betrieb man die Suche nach Tätern und die Strafverfolgung recht lasch – vor allem weil viele ehemalige NSDAP-Mitglieder weiterhin hohe Posten bekleideten. Mit der Gründung der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen wurde dann die Strafverfolgung gestärkt.

1963 begannen in Frankfurt am Main die sogenannten Auschwitzprozesse, in denen sich ein erweiterter Täterkreis verantworten musste und die erneut eine öffentliche Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen anregten. Zwei Jahre später wurde das Thema Verjährungsfrist debattiert. Diese Frist hatte ursprünglich 20 Jahre betragen sollen, wurde aber mehrfach verschoben und 1979 sogar ganz aufgehoben. In einem letzten großen Prozess wurden 1981 acht Angeklagte vor dem Landgericht Düsseldorf verurteilt. Das Gedenken der Opfer und die Aufarbeitung der Verbrechen fand parallel auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen – mit Ausstellungen, Projekten, Vorträgen, in Kunst und Literatur – statt und dauert weiter an. Seit 1996 ist der 27. Januar, der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, offizieller Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, der seit 2005 auch weltweit begangen wird.

Die Überlebenden der Lager und viele der Menschen, denen die Flucht gelang, waren massiv traumatisiert. In den 1960er-Jahren prägte der Psychiater William Niederland der Begriff des „Überlebenden-Syndroms“. Viele der Überlebenden sprachen nie über das Erlebte. Andere wiederum sagten als Zeitzeugen aus, unter anderem in den Auschwitzprozessen oder auch in publizistischer Form. Das Trauma vererbte sich in vielen Familien auf die nachfolgenden Generationen. Die Verarbeitung erfolgte daneben auch mit den Mitteln der Literatur und der Kunst. Schon 1942 erschien Das siebte Kreuz von Anna Seghers, das die Verbrechen in den Konzentrationslagern thematisierte. Primo Levis autobiografischer Bericht Ist das ein Mensch? von 1947 und das Tagebuch der Anne Frank von 1948 machten weitere Dimensionen des Schreckens literarisch zugänglich.

Entstehung

Während sich andere jüdische Autoren nach dem Krieg gegen die Rückkehr nach Deutschland entschieden, und obwohl Grete Weils Jugendfreund Klaus Mann ihr eindringlich davon abriet, kam sie 1947 wieder nach Deutschland. Ihre Entscheidung entsprang dem Wunsch, einen Dialog zwischen Deutschen und Juden zu eröffnen. Grete Weils Mittel dazu war das Schreiben. Zum Protagonisten ihres Romans Tramhalte Beethovenstraat (1963) machte sie einen nichtjüdischen Journalisten. In Spätfolgen dagegen stehen die Geschichten jüdischer Überlebender im Mittelpunkt, die mit Feingefühl, aber nie unkritisch erzählt werden. Die Erzählungen stehen, so der Literaturwissenschaftler Stephan Braese, für eine „Entschiedenheit jüdischer Selbstbefragung vor deutschem Publikum, die ohne Parallele in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 ist“. Wenn die Verwandten in Amerika ignorieren, was in ihrer neuen Heimat mit den Schwarzen passiert, oder wenn jemand dazu rät, die Vergangenheit ruhen zu lassen, wird das in Weils Erzählungen nicht ignoriert, sondern zur Diskussion gestellt.

Spätfolgen steht am Ende von Grete Weils schriftstellerischer Karriere und zeigt daher vielfältige Bezüge zu ihren früheren Werken. Wie in allen ihren Werken ist die autobiografische Komponente offenkundig und auch von der Autorin bestätigt.

Wirkungsgeschichte

Spätfolgen führte die Arbeit der Auseinandersetzung mit dem Holocaust weiter, indem es offenlegte, dass die tiefen Wunden auch Jahrzehnte später noch offen sind. Grete Weils literarischer Durchbruch hatte erst spät stattgefunden, nämlich mit dem Roman Meine Schwester Antigone in den 1980er-Jahren. Weil war da bereits 74, doch sie fuhr unermüdlich fort, gegen das Vergessen anzuschreiben. Erst spät setzte auch die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Werk ein, unter anderem in vergleichenden Studien, die ihre Erzählungen zum Werk Klaus Manns oder Anna Seghers’ ins Verhältnis setzen.

1998 erschien Grete Weils Autobiografie Leb ich denn, wenn andere leben, die die Jahre 1933 bis 1947 umfasst. Im selben Jahr wurde eine Ausstellung zu Weils Leben und Wirken unter dem Titel Land meiner Mörder, Land meiner Sprache umgesetzt.


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