Zusammenfassung von Tao-Te-King

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Tao-Te-King Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Mittelalter

Worum es geht

Die Bibel des Taoismus

Das Tao-Te-King ist ein thematisch sehr vielseitiges Werk: Es deckt etliche Bereiche des menschlichen Zusammenlebens ab. Sein Grundton ist meist skeptisch; Lao Tse verkündet seine Einsichten nicht als unumstößliche Wahrheiten und dem Begriff des Wissens gegenüber ist er misstrauisch. So bleiben die meisten Kapitel des Tao-Te-King in ihrer Bedeutung vage und lassen zahlreiche Auslegungsmöglichkeiten offen. Gleichnishaftes reiht sich an vieldeutige Sinnsprüche; statt klarer Aussagen erhält der Leser Denkanstöße. Gerade diese Offenheit gegenüber verschiedenen Interpretationen macht den Reiz des Werks aus und hat dafür gesorgt, dass das Tao-Te-King Leser aus unterschiedlichsten Kulturkreisen, Religionen und Epochen begeistert. Der einzige Themenbereich, in dem Lao Tse deutlich und mitunter gar leidenschaftlich wird, ist der des Krieges und der Gewalt: Es ist nicht ein Hauch von Skepsis zu spüren, wenn er den Einsatz von Waffen verdammt und die Herrschenden anhält, Gewalt und Krieg nur als letztes Mittel einzusetzen. Dieses Element des Tao-Te-King lässt Lao Tse als Denker erscheinen, der seiner Zeit um Jahrhunderte voraus war und der auch heutigen Lesern noch viel zu sagen hat.

Take-aways

  • Das Tao-Te-King ist die wichtigste Schrift des Taoismus und eines der meistgelesenen Werke fernöstlicher Philosophie.
  • Inhalt: Tao ist der Weg, der zur Erleuchtung und zu einem ruhigen und friedlichen Leben führt. Zugleich ist Tao der Ursprung allen Seins und die Einheit der Gegensätze. Der taoistische Weise zeichnet sich durch Mitgefühl, Genügsamkeit, Verzicht auf weltliches Handeln und die Ablehnung von Gewalt aus.
  • Über Lao Tses Biografie ist nur wenig bekannt. Zudem ist seine Autorschaft des Tao-Te-King in der Forschung umstritten.
  • Das Tao-Te-King bildet die Grundlage der taoistischen Schule und Religion.
  • Viele Elemente des Taoismus (Meditation, Einswerden mit dem Göttlichen) wurden vom Buddhismus übernommen.
  • In neuerer Zeit haben auch christliche Kirchen Denkanstöße und Übungen des Taoismus für sich entdeckt.
  • Die fast unüberschaubare Menge der Ausgaben und Übersetzungen des Werks belegt die bis heute ungebrochene Faszination.
  • Mit der Popularität gehen jedoch auch viele Missverständnisse in der Rezeption und mitunter willkürliche Auslegungen einher.
  • Über die Übersetzung zentraler Begriffe des Tao-Te-King herrscht bis heute keine Einigkeit in der Forschung.
  • Zitat: „Der Weg verbirgt sich, / aber er ist immer gegenwärtig. / Ich weiß nicht, woher er kommt. / Er ist das ursprüngliche Bild vom Ursprung des Himmels.“
 

Zusammenfassung

Der Weg

Das Ewige können wir nicht erkennen. Wir können nur wunschlos und bescheiden leben und auf diese Weise das Wunder des Weges erkennen. Dieser gleicht einem leeren Gefäß, aus dem man immer wieder schöpfen kann und das doch unerschöpflich ist. Er ist verborgen und doch immer da als Bild vom Ursprung des Himmels. Der Anfang allen Seins ist unsichtbar, unhörbar und unfassbar, dennoch durchdringt er alles. Obwohl der Weg unvorstellbar ist, folgen die Menschen ihm seit Anbeginn der Zeit. Sie kennen seinen Namen und wissen, dass er den Anfang aller Dinge bewirkt. Diejenigen, die dem Weg folgen, werden eins mit ihm. Wer tugendhaft lebt, den nimmt die Tugend freundlich auf; wer die Tugend verliert, wird eins mit dem Verlust. Nur dem, der selbst vertraut, vertrauen auch andere.

„Der Weg, von dem wir sprechen können, / ist nicht der ewige Weg; / der Name, den wir nennen können, / ist nicht der ewige Name.“ (Abs. 1)

Es gibt vier Kräfte im Universum: den Mensch, die Erde, den Himmel und den Weg. Das eine folgt dem anderen, nur der Weg ist eine Kraft an sich, die nur ihrer eigenen Natur folgt. Der Weg ist ein Wesen, das vor allem anderen da war, er ist so groß, dass er nicht erkannt werden kann. Obwohl er alles erschaffen hat, strebt er nicht nach Macht und Größe.

Dem Weg folgen

Wer dem Weg folgt, braucht keine Moral – er ist von sich aus tugendhaft, ohne sich darum bemühen zu müssen. Die Moral resultiert aus dem Verlust des Weges, sie ist eine verkümmerte Form der Tugend, die nur zu Verwirrung führt. Ihr Vorhandensein zeigt, dass Vertrauen und Treue zwischen den Menschen verloren gegangen sind.

„Der Weg verbirgt sich, / aber er ist immer gegenwärtig. / Ich weiß nicht, woher er kommt. / Er ist das ursprüngliche Bild vom Ursprung des Himmels.“ (Abs. 4)

Drei Schätze sollte jeder, der dem Weg folgt, hüten: Mitgefühl, Genügsamkeit und den Verzicht auf Ruhm. Nur wer mit anderen mitfühlt, ist mutig, nur wer genügsam ist, ist großzügig, und nur, wer nicht nach Ruhm und Ansehen strebt, kann anderen ein Vorbild sein und sie anleiten.

Der Weg des Himmels ist immer um Ausgleich bemüht: Denjenigen, die zu viel besitzen, wird etwas genommen, damit die, die zu wenig haben, genug bekommen. Dementgegen steht der Weg der Menschen: Während die einen immer mehr Besitz anhäufen, haben die anderen immer weniger. Wer dem Weg des Himmels folgt, verschenkt alles, was er nicht zum Überleben braucht. Dem Weg folgen heißt auch: das Nichttun pflegen. Man sollte jeden Tag weniger tun und handeln, sich nicht in Dinge einmischen. Wenn man zu viel tut, hat das nur schädliche Folgen. Durch das Nichttun dagegen erreicht man, dass alles von allein in Ordnung kommt.

Wissen und Wahrheit

Es gibt oft keinen großen Unterschied zwischen zwei verschiedenen Standpunkten. Ob die Antwort auf eine Frage Ja oder Nein lautet, ist meist nicht von Bedeutung. Deshalb sollte man unwissend bleiben und das Lernen sein lassen. Wenn man aber Wissen hat, tut man besser daran, zu schweigen und der Stille den Vorzug zu geben.

„Zu seiner Bestimmung zurückkehren heißt: das Ewige erkennen. / Das Ewige erkennen heißt: erleuchtet sein.“ (Abs. 16)

Das Wahre wirkt oft wie ein Widerspruch und klingt meist nicht schön. Was schön klingt, ist dagegen meist nicht wahr.

Der Weise

Der Weise stellt sich niemals in den Vordergrund, sondern nimmt sich selbst zurück. Statt anderen durch Worte und Taten zu schaden, pflegt er das Nichttun und schweigt. Indem er sich selbst aufgibt, ist er den anderen voraus; indem er sich selbst vergisst, kann er sich finden. Der Weise besitzt wenig, er macht sich selbst leer und beugt sich anderen, statt sich hervorzutun. Deshalb wird er anerkannt, geehrt und hoch geachtet. Er muss nicht weit reisen, um etwas über die Welt zu erfahren und den Weg zu begreifen – je weiter man in die Welt hinausgeht, desto weniger erkennt man. Wenn der Weise Reden hält, weist er auf Fehler hin, ohne jemanden zu beleidigen.

Erleuchtung

Wer nach innerer Leere strebt und sich in die Stille versenkt, kehrt zu seiner Bestimmung zurück und erkennt das Ewige. Diese Erleuchtung führt zur Gerechtigkeit und zum Weg des Himmels. Wahre Stärke zeigt der, der sich selbst erkennt und sich selbst überwindet. Wer allerdings immer mehr begehrt, beschwört sein eigenes Unheil herauf; wer anderen Gewalt antut, stellt sich gegen den Weg.

Einheit der Gegensätze

Nur weil wir das Hässliche kennen, können wir das Schöne wertschätzen. Das Sein geht aus dem Nichtsein hervor und alle Gegensätze bedingen sich gegenseitig. Der Weg vereint all diese Gegensätze. Auf ihn gehen alle Dinge zurück und dennoch braucht er weder Besitz noch Macht, noch will er, dass man ihm dankt. Auch in uns selbst müssen wir die Gegensätze vereinigen und die Einheit suchen. Dafür müssen wir Männliches und Weibliches, Licht und Dunkel, Ehre und Schande gleichermaßen bewahren.

„Entfalte das Schlichte und mach dir das Wesen / des unbehauenen Holzklotzes zu eigen, / vermindere deine Selbstsucht / und gib auf die Begierden.“ (Abs. 19)

Erst das Zusammenspiel der Gegensätze erzeugt die Dinge dieser Welt. Sie alle gehen auf den einen Weg zurück. Deshalb gewinnt man manchmal, wenn man etwas verliert, oder man verliert, wenn man etwas gewinnt.

Das Nichts ist genauso wichtig wie die Dinge, die da sind: Ein Haus wird erst durch die Öffnungen und damit durch die Leere bewohnbar, ein Gefäß erhält seinen Nutzen durch den Hohlraum im Inneren. Deshalb ist das, was nicht da ist, ebenso wichtig wie das, was da ist.

Bescheidenheit

Alles Übermaß führt unweigerlich zum Schlechten: Wer viel besitzt, wird bestohlen, wer nach hohem Ansehen strebt, wird enttäuscht. Deswegen ist es besser, das Glas nur halb zu füllen, also bescheiden zu bleiben. Das entspricht dem Weg des Himmels. Zu viel Hektik und zu schwer Erreichbares verwirren den Geist und das Herz. Man sollte sich mit dem begnügen, was man hat. Wer sich selbst rühmt oder mit seinen Taten prahlt, wird von außen weder Ruhm noch Anerkennung gewinnen. Statt falschen Schmuck wie Güte und Findigkeit anzulegen, sollte man sich einen unbehauenen Holzklotz zum Vorbild nehmen und einfach, schlicht und genügsam leben. Denn das größte Verbrechen ist das Verlangen, das größte Übel die Ungenügsamkeit und das größte Unglück die Habsucht. Nur wer mit dem zufrieden ist, was er hat, hat immer genug.

„Willst du die ganze Welt besitzen? / Glaubst du, dass du die Welt verbessern kannst? / Ich glaube nicht, dass das möglich ist. / Das Universum ist heilig, so wie es ist. / Du kannst es nicht besser machen.“ (Abs. 29)

Man kann nicht die ganze Welt verbessern, denn sie ist heilig, so wie sie ist. Wer versucht, das Universum besser zu machen, wird es zerstören. Wenn man dem Weg folgt, realisiert man zuerst die eigene Tugend. Dadurch werden dann die Familie, das Dorf, das Land und die Welt tugendhaft.

Krieg und Waffen

Ein weiser Anführer versucht nicht, andere mit Waffen einzuschüchtern, denn damit provoziert er nur einen Gegenschlag. Der Krieg bringt für alle Beteiligten Nachteile: Er verwüstet das Land. Deswegen wendet ein guter Mensch nur dann Gewalt an, wenn es sich nicht umgehen lässt. Wenn ein Starker gegen Schwache Gewalt ausübt, wendet er sich gegen den Weg. Waffen bringen immer Unheil. Wenn man gezwungen ist, sie zu nutzen, darf man keine Freude dabei empfinden oder sich über den Sieg freuen. Ein Krieg ist nämlich nie ein Grund zur Freude, sondern gleicht einem Begräbnis. Statt zu jubeln, sollte man um die Opfer trauern.

„Waffen sind Instrumente des Unheils / und werden von allen Geschöpfen gehasst. / Wer dem Weg folgt, / besteht deshalb nicht auf ihrem Gebrauch.“ (Abs. 31)

Der Verzicht auf Streit, Gewalt und Rache ist eine Tugend. Jeder, der andere führen möchte, sollte sie besitzen. Wer mit einem anderen Land auf Kriegsfuß steht, sollte niemals einen Angriff einleiten, sondern sich nur schweren Herzens verteidigen. Man kann auch ohne Waffen Stärke zeigen.

Verbrechen und Strafe

Das Volk begeht nur dann Verbrechen, wenn ihm Dinge, die es nicht haben kann, als begehrenswert vorgestellt werden. Wenn die Menschen nicht nach Ansehen oder Reichtum streben, wenn sie genug zu essen und zum Leben haben, bleibt von sich aus die Ordnung in einem Land bestehen. Gesetze und Verbote führen nur dazu, dass das Volk immer ärmer wird. Je strenger das Volk bestraft wird, desto unruhiger und hinterlistiger wird es und desto mehr Verbrechen werden begangen.

„(...) wenn ich zu begehren aufhöre und still bleibe, / ist die Welt von sich aus / im Zustand der Ruhe und des Friedens.“ (Abs. 37)

Viele Menschen haben Angst vor dem Tod. Deswegen bestrafen Regierungen Übeltäter für ihre Vergehen mit dem Tod. Den Tod zu bringen, ist jedoch die Aufgabe einer natürlichen Macht und nicht die eines Staates. Die Regierenden maßen sich mit der Verhängung der Todesstrafe eine Macht an, die sie eigentlich gar nicht besitzen.

Der weise Herrscher

Auch die Herrscher sollten Einfachheit und Schlichtheit anstreben und wie ein unbehauener Holzklotz werden. Wenn sie sich nicht in das Leben des Volkes einmischen und keine Anweisungen geben, wird man ihnen von sich aus gehorchen. Auch sie sollten nicht begehren und die Stille suchen, damit in der Welt Ruhe und Friede herrschen können.

„Es kann ein Gewinn sein, wenn man etwas aufgibt, / und es kann ein Verlust sein, wenn man etwas dazugewinnt.“ (Abs. 42)

Die Herrscher, die dem Weg nicht folgen, häufen in ihren Palästen Schätze an, während das Volk hungert. Sie schmücken sich, prassen und besitzen mehr, als sie brauchen. Diese Herrscher sind nicht besser als Räuber. Statt den Regierenden also mit Geschenken zu schmeicheln, sollte man sie um ihrer selbst willen auf den Weg hinweisen und ihnen Bescheidenheit und Genügsamkeit nahelegen.

„Ich bin gut zu denen, / die gut sind, / aber ich bin auch gut zu denen, / die nicht gut sind, / denn so vermehre ich die Güte.“ (Abs. 49)

Ein weiser Herrscher ist demütig und stellt sich selbst zurück, statt die Menschen zu unterdrücken. Wenn er den Wettbewerb nicht sucht, wird er keine Konkurrenten haben. Das beste Land ist klein und hat wenig Einwohner. Es hat zwar Waffen, setzt sie aber nicht ein. Seine Einwohner sind mit dem zufrieden, was sie haben, und streben nicht in die Ferne.

„Der Palast ist voller Schätze, / auf den Feldern wuchert das Unkraut, / und die Kornspeicher sind leer, / aber die Herrschaften tragen prächtige Kleider (...) / Dort ist ganz sicher nicht der Weg.“ (Abs. 53)

Es ist besser, wenn das Volk dumm bleibt – wenn es klug ist, ist es schwerer zu regieren. So haben es schon die alten Meister gehalten: Sie haben in Rätseln gesprochen und die Menschen in Unwissenheit gehalten.

Planvoll leben

Alles Große ist irgendwann aus etwas Kleinem hervorgegangen, alles Schwierige war anfangs einfach. Deshalb sollte man die Dinge angehen, solange sie noch klein und einfach sind. Vorausschauendes Planen erleichtert die Arbeit: Ein Baum wächst aus einem kleinen Samen, wird aber schließlich so groß, dass ihn kein Mensch umfassen kann. Am besten beschäftigt man sich mit den Dingen, bevor sie eintreten, und schafft Ordnung, bevor sie durcheinandergeraten. Der Weise erkennt die Schwierigkeiten, bevor sie eintreten, und begegnet ihnen daher gar nicht erst.

Mitgefühl

Der Weise sorgt sich um alle Menschen, auch um die schlechten. Man sollte auch zu denen, die nicht gut sind, gut sein, um die Güte in der Welt zu vermehren. Genauso sollte man auch den misstrauischen Menschen Vertrauen schenken, damit es mehr Vertrauen in der Welt gibt.

Das Weiche und das Starre

Als Kinder sind die Menschen weich, und auch Pflanzen sind zart, wenn sie jung sind. Doch im Alter und im Tod werden beide hart und starr. Starr zu sein, bedeutet also, dem Tod nahe zu sein, während das Zarte und Nachgiebige dem Leben nahe ist. Das Weiche erringt den Sieg. Das beste Beispiel ist das Wasser: Es ist nachgiebig und weich und doch kann es Felsen aushöhlen und bewegen. Obwohl jeder weiß, dass das Weiche in diesem Sinne stärker ist als das Harte, scheint sich niemand danach zu richten.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das Tao-Te-King besteht aus 81 Abschnitten, die meist nur wenige Sätze umfassen, und ist in zwei Hauptteile gegliedert. Der erste enthält 37, der zweite 44 Abschnitte. Im ersten Teil werden die philosophischen Grundprinzipien dargelegt, im zweiten deren praktische Anwendung. Ansonsten fehlt eine eindeutige thematische Ordnung, wenn auch in manchen Fällen thematisch ähnliche Themen aufeinanderfolgen. Das Werk ist eine Sammlung lebensbezogener, religiöser Lehrsprüche, wobei vor allem Gleichnisse und logische Schlüsse eine besondere Rolle spielen. Oft nehmen die Lehrsätze die Form von Rätseln oder scheinbaren Widersprüchen an, die zur Entschlüsselung eine aktive Leistung des Lesers erfordern. Aus diesen Gründen eignet sich das Tao-Te-King weniger zur flüchtigen Lektüre, sondern bietet sich eher zum reflektierenden Erarbeiten in mehreren Etappen an.

Interpretationsansätze

  • Das Tao-Te-King ist in erster Linie eine Schrift religiöser Offenbarung: Beschrieben werden das Tao (der Weg oder das höchste Wesen ¬– bezüglich der Übersetzung herrscht keine Einigkeit) und im Anschluss daran die Handlungsweisen und Glaubensinhalte, die aus seinem Vorhandensein folgen.
  • In der Schrift ist ein skeptischer Grundton vorherrschend: Lao Tse behauptet nicht, den Weg erkannt und verstanden zu haben, geschweige denn, ihn anderen erklären zu können. Generell misstraut Lao Tse der menschlichen Fähigkeit zur Erkenntnis und zum Wissen.
  • Deshalb ergeben sich aus seiner Lehre auch keine strikten Regeln oder gar Gesetze, die bestimmte Taten oder Lebensweisen untersagen. Lao Tse zeigt lediglich die Folgen bestimmter Handlungen auf, die sich mit dem Weg im Einklang befinden oder eben nicht. Ein Beispiel: „Die Gewalttätigen sterben keines natürlichen Todes.“
  • Christliche, sowohl protestantische als auch katholische, Theologen haben im Tao-Te-King zahlreiche Parallelen zum Neuen Testament erkannt: So etwa wendet sich auch Jesus mehr den Schwachen und Sanften als den Starken und Harten zu. Und die christliche Nächstenliebe ähnelt der im Tao-Te-King propagierten Menschenliebe.
  • Zentrales Element aller politischen Ratschläge im Tao-Te-King ist der Pazifismus: Auch wenn ein Land eine Armee hat, tut es laut Lao Tse gut daran, sie nicht einzusetzen. Gewalt soll man nur einsetzen, wenn man keine andere Möglichkeit mehr sieht. Die Abschnitte, in denen Lao Tse Waffengewalt und Krieg thematisiert, sind die einzigen, in denen der sonst so um Ausgleich und Stille bemühte Denker Erregung zeigt.
  • Oberstes Ziel des Taoismus ist das Einssein mit dem Tao; erreicht wird dies durch das Nichttun, durch Schweigen und Genügsamkeit. Das Idealbild ist hier der „unbehauene Holzklotz“. Lao Tse propagiert damit ein einfaches Leben ohne nennenswerte Kultur- oder Fortschrittsbestrebungen.
  • Heute wird der Schreibweise „Daodejing“ der Vorzug gegeben. Wörtlich bedeutet das: „Das Buch vom Dao und seiner Kraft“.

Historischer Hintergrund

Philosophie im alten China

Bis ins siebte Jahrhundert v. Chr. war China eine feudalistisch geprägte Ansammlung kleinerer Staaten, die jeweils von einem König und einer Adelsschicht regiert wurden. Nach und nach schlossen sich immer mehr der anfangs 170 Königreiche zusammen, bis es am Ende nur noch sieben waren. In dieser Zeit stiegen immer mehr Mitglieder der Adelsschicht in eine neu entstehende Mittelschicht ab. Der Landbesitz ging in die Hände der Bauern über, die das Land bewirtschafteten. Dieser gesellschaftliche Wandel, der in einer deutlichen Abschwächung, wenn auch nicht in der Beseitigung der Kluft zwischen Adel und Bevölkerung resultierte, wurde ab dem siebten Jahrhundert auch von zahlreichen Denkern vorangetrieben.

Die Auflösung des alten Feudalsystems und das Aufbrechen traditioneller Strukturen waren Auslöser neuer philosophischer Richtungen. Man stellte sich die Frage, wie das menschliche Zusammenleben in der Gesellschaft friedlich und gerecht geregelt werden könnte. Die Suche nach allgemeingültigen Werten wurde zum zentralen Thema der Philosophie. Der berühmteste Denker dieser Zeit und der fernöstlichen Lehre überhaupt war Konfuzius (eigentlich Kong Fu Zi, 551–479 v. Chr.). Er rückte den Menschen und dessen Beziehung zu anderen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen und entwickelte eine diesseitsorientierte Anleitung zur Tugend. Mit diesem philosophischen Wandel einhergehend wurden im siebten und sechsten Jahrhundert die ersten belegten Gesetze erlassen. Anders als die westlichen Philosophen der Antike sparten die chinesischen Philosophen Themen wie Metaphysik, Ontologie oder die berühmte Frage nach dem Sinn des Lebens aus. All dies zählte zu den äußeren Umständen, die einfach als gegeben hingenommen werden mussten. Hinweise auf eine Auseinandersetzung mit dem Göttlichen oder den kosmischen Konsequenzen menschlichen Handels finden sich erst ab dem dritten Jahrhundert v. Chr.

Entstehung

Antiken Chroniken zufolge wurde das Tao-Te-King im sechsten Jahrhundert v. Chr. von Lao Tse verfasst. Einige inhaltliche Anspielungen auf die Schule der Konfuzianer und die Anhänger der Rechtsschule legen jedoch nahe, dass das Werk tatsächlich erst im vierten Jahrhundert v. Chr. entstand und Lao Tse fälschlich zugeschrieben wurde. Man kann davon ausgehen, dass das Tao-Te-King eine Zusammenfassung älterer Weisheiten ist, mit einigen Ergänzungen neueren Datums.

Das Thema Versenkung ins Innere und die religiösen Anweisungen, die zum Tao führen, verarbeiten zahlreiche Anregungen aus früheren schamanistischen Volksreligionen. Ganz ähnliche Elemente griff auch Zhuangzi auf, der wohl im vierten Jahrhundert v. Chr. lebte und mit einem nach ihm selbst benannten Werk eine weitere zentrale Schrift des Taoismus verfasste. Für manche Abschnitte des Tao-Te-King mag er ein Vordenker gewesen sein.

Wirkungsgeschichte

Die vielfältigen Auslegungsmöglichkeiten, die ansprechende literarische Form und der offene Skeptizismus gegenüber festgelegten Lebensregeln haben dem Tao-Te-King eine reiche Rezeptionsgeschichte beschert. In den Jahrhunderten nach seinem Erscheinen bildete sich auf seiner Grundlage und auf der Basis anderer taoistischer Texte die taoistische Schule heraus. Sie mündete schließlich in einer eigenen Volksreligion, die Lao Tse zum Heiligen erklärte.

Auch im Westen fand das Tao-Te-King viele begeisterte Leser, es gilt als eines der am meisten übersetzten Werke überhaupt. Allerdings stand die taoistische Lehre stets im Schatten ihres großen Rivalen, des deutlich weltlicheren und durch strenge ethische Normen geprägten Konfuzianismus. Viele Elemente des Tao-Te-King (Meditation, Einswerden mit dem Göttlichen) wurden vom Zenbuddhismus übernommen.

Bis heute bleibt das Tao-Te-King eine der einflussreichsten und eindrucksvollsten Schriften fernöstlicher Philosophie. Allein die schier unüberschaubare Menge von Ausgaben und Übersetzungen, die mitunter deutlich voneinander abweichen, sind Beleg für die Faszination, die von diesem Werk ausgeht. In Bezug auf die Übersetzung und Auslegung vieler Begriffe des Tao-Te-King herrscht bis heute Uneinigkeit – Missverständnisse und willkürliche Interpretationen kommen daher häufig vor. Der Text sprach schon seit jeher vor allem Außenseiter und Aussteiger an. Lao Tse war, seinen Biografen und seinen eigenen Äußerungen zufolge, selbst einer. In neuerer Zeit wurde das Tao-Te-King u. a. im Widerstand gegen die Nazis rege rezipiert: Einige Zitate Lao Tses finden sich in den Flugblättern der „Weißen Rose“. Zahlreiche Denker und Autoren des 20. Jahrhunderts, darunter Elias Canetti und Peter Handke, haben sich mit dem Tao-Te-King beschäftigt. Von Bertolt Brecht stammt das Gedicht Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration.

Über den Autor

Über Lao Tse (oder Laozi) ist so gut wie nichts bekannt. Die einzig erhaltene Biografie geht auf den Hofhistoriker Sima Qian zurück (145–90 v. Chr.). Ihr zufolge lebt Lao Tse im sechsten Jahrhundert v. Chr. im südlichen Staat Zhou. Sein Geburtsname ist Er Li oder auch Lao Dan. Er arbeitet als Archivar am Hof von Zhou, wo er angeblich von Konfuzius aufgesucht wird, der Lao Tse als Lehrer verehrt. Nachdem Lao Tse lange Zeit am Hof verbracht und sich im Tao geübt hat, bricht er zu einer Wanderung zur nordwestlichen Grenze des chinesischen Reiches auf, wo er gebeten wird, seine Weisheiten niederzuschreiben. Das Ergebnis ist das Tao-Te-King, in dem er die Bedeutung des Tao und der Tugend diskutiert und sich selbst als ewigen Außenseiter beschreibt: „Ich aber treibe dahin, allein, / ohne zu wissen, wer ich bin, / wie ein neugeborenes Kind, / bevor es das erste Lachen lernt. / Ich bin allein und habe keinen Platz, / wohin ich gehen könnte“ (Abs. 20). Nach der Niederschrift geht er fort – niemand weiß, wohin. Anderen Überlieferungen zufolge wird Lao Tse 200 Jahre alt. Heute nimmt man an, dass die Figur des Lao Tse eher im Bereich der Legende anzusiedeln ist und dass sich in ihr verschiedene Überlieferungen von Biografien unterschiedlicher Menschen bündeln. Es herrscht weder Einigkeit über die Bedeutung des Namens Lao Tse noch darüber, ob er der alleinige Autor des Tao-Te-King ist. Von den Anhängern der taoistischen Schule wird er bis heute als gottgleicher Begründer ihrer Religion verehrt.


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