Zusammenfassung von Tess

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Tess Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Tragödie
  • Viktorianische Ära

Worum es geht

Eine reine oder gefallene Frau?

Das tragische Schicksal der jungen Tess Durbeyfield spiegelt die Doppelmoral der viktorianischen Gesellschaft wider: Tess, ein einfaches Bauernmädchen, wird von einem zynischen, neureichen Lebemann missbraucht und von dem vermeintlich aufrechten Pfarrerssohn verlassen. Während es ihr misslingt, sich von ihrer Vergangenheit zu befreien, können sich die Männer, die sie getäuscht haben, immer wieder neu erfinden. Die Handlung schreitet mit der Unerbittlichkeit einer griechischen Tragödie voran: Tess’ angeblich adlige Abstammung löst eine Kette von Schicksalsschlägen aus und erweist sich eher als Fluch denn als Segen. Neben der Schilderung dieser individuellen Tragödie betätigt sich Hardy im Roman auch als schonungsloser Chronist der industriellen Revolution. Eindrücklichen Naturbeschreibungen, die die unberührte Schönheit der Landschaft in Wessex beschwören, stellt er infernalische Bilder von Dreschmaschinen gegenüber. Der Gang der Ereignisse mit etlichen schicksalhaften Zufällen wird häufig melodramatisch und die Naturbeschreibungen mag mancher als langatmig empfinden. Doch eindringlicher kann ein Roman als Plädoyer zur Verteidigung einer unschuldig schuldig gewordenen Frau kaum wirken.

Take-aways

  • Tess gilt als eines der Meisterwerke von Thomas Hardy und traf ins Herz der viktorianischen Gesellschaft.
  • Inhalt: Mit der Entdeckung ihrer angeblich adligen Abstammung nimmt für das Bauernmädchen Tess ein tragisches Schicksal seinen Lauf. Von einem Mann verführt, von einem anderen verlassen, handelt sie gegen alle gesellschaftlichen Konventionen und rächt sich. Dafür wird sie zum Tod verurteilt.
  • Tess ist ein negativer Bildungsroman, in dem die Heldin zwar heranreift, letztlich jedoch scheitert.
  • Der Roman schildert lebhaft die ländliche Idylle und stellt ihr die inhumane Industrialisierung der Landwirtschaft und die Landflucht gegenüber.
  • Um den typischen Charakter des Dorflebens wiederzugeben, setzt Hardy viele mündlich geprägte Elemente wie Lieder, Reime, Sprichwörter und Balladen ein.
  • Tess zählt zu Hardys „Wessex-Romanen“, die im Süden Englands spielen.
  • Der Erzähler flicht häufig Kommentare in den Erzählfluss ein, verschweigt aber zugleich wichtige Fakten.
  • Tess erschien zunächst in entschärfter Form als Fortsetzungsroman in einem Literaturmagazin. Erst danach folgte das Buch mit der Originalversion.
  • Der Roman rief ein heftiges Echo hervor: Während manche Leser das Verhalten der Romanheldin billigten, verurteilten es andere.
  • Zitat: „Warum es geschehen musste, dass auf diesem schönen weiblichen Gewirk, zart wie Gaze und bis dahin weiß wie Schnee, ein so grobes Muster eingepresst wurde, wie es zu empfangen verdammt war; warum so oft das Grobe auf diese Weise von dem Feinen Besitz ergreift – der falsche Mann von der Frau, die falsche Frau von dem Mann –, haben viele Tausend Jahre analytischer Philosophie nicht geschafft, unserem Ordnungsbewusstsein klarzumachen.“
 

Zusammenfassung

Das Mädchen

Auf dem Nachhauseweg begegnet der angetrunkene Hausierer Jack Durbeyfield dem Pfarrer. Dieser hat bei seinem Hobby, der Altertumsforschung, herausgefunden, dass die Familie Durbeyfield vom berühmten Ritter Sir Pagan d’Urberville abstammt. Wenn Ritterschaft erblich wäre, hieße Jack Durbeyfield also Sir John. Mit dem neuen Bewusstsein seiner edlen Herkunft kommandiert Durbeyfield sogleich einen jungen Burschen herum, der ihm Pferd und Wagen schicken soll, damit er nicht zu Fuß nach Hause gehen muss. Seine Tochter Tess sieht, wie er mit einer Kutsche heimfährt. Sie schämt sich vor den anderen Mädchen für ihn und denkt sich eine Notlüge aus, warum er sich diesen Luxus leistet. Beim Maitanz findet ein junger Student namens Angel Clare Gefallen an ihr, fordert sie aber wegen ihrer Schüchternheit nicht zum Tanz auf. Doch Tess’ Eltern haben ohnehin andere Pläne: Das Mädchen wollen sie zu einer Dame des neu entdeckten Familienzweigs schicken, zu Mrs. D’Urberville. Dort soll sie einen reichen Gentleman heiraten und der Familie aus der Misere helfen.

„Tess Durbeyfield war zu dieser Zeit ihres Lebens wie ein Gefäß, das nichts als Gefühle enthielt, frei von jeglicher Erfahrung.“ (S. 17)

Weil Tess‘ Vater mal wieder zu viel getrunken hat, muss sie an seiner Stelle zum Markt fahren. Auf dem Weg dorthin schläft sie ein, das einzige Pferd der Familie stürzt und stirbt. Tess fühlt sich nun in der Pflicht, die angeblich reiche Verwandte Mrs. d’Urberville zu besuchen und sie um Hilfe zu bitten. Was sie nicht weiß, ist, dass die d’Urbervilles ebenso wenig ritterlicher Abstammung sind wie die Durbeyfields: Sie haben den alten Namen einfach gekauft. Auf dem Landsitz trifft die eingeschüchterte Tess auf den keck auftretenden Sohn Alec d’Urberville, der ihr Komplimente macht und sie durch den Garten führt. Bevor Tess zurück bei ihren Eltern ist, sind diese durch einen Brief bereits informiert, dass Mrs. d’Urberville Tess zur Betreuung ihres Geflügelhofs anstellen möchte. Tess weigert sich, doch die Familie drängt sie, die Stelle anzunehmen. Bereits auf der Fahrt zu den d’Urbervilles wird Tess von Alec gegen ihren Willen geküsst. Um seinen Belästigungen zu entgehen, geht sie die letzten Kilometer zu Fuß. Als sie einige Wochen später zu einem Scheunentanz geht, kommt Alec zufällig auf dem Nachhauseweg an ihr vorbei und bietet ihr an, sie auf seinem Pferd mitzunehmen. Er nimmt absichtlich Umwege, sodass sie sich im Wald verirren. Als Tess vor Erschöpfung einschläft, vergeht er sich an ihr.

Tess ist kein Mädchen mehr

Vier Monate nach ihrer Ankunft bei den d’Urbervilles geht Tess bedrückt in ihr Heimatdorf Blackmoor zurück. Alec gibt zu, dass er ihr Unrecht getan hat, bietet ihr Geld an und fordert sie auf, zu ihm zurückzukehren. Tess dagegen erklärt, dass sie ihn niemals lieben werde. Zu Hause ist ihre Mutter verärgert darüber, dass Tess unter diesen Umständen Alec nicht dazu gebracht hat, sie zu heiraten; Sie hätte an die Armut ihrer Familie denken sollen. Tess wirft ihrerseits der Mutter vor, sie nicht vor den Männern gewarnt zu haben.

„Hätte sie die Tragweite dieses Zusammentreffens erkannt, hätte sie sich wohl fragen können, warum sie verdammt war, an diesem Tag von dem falschen Mann gesehen und begehrt zu werden, und nicht von einem anderen Mann, dem in jeder Hinsicht richtigen und gewünschten (...)“ (über Tess und Alec, S. 57 f.)

Tess ist schwanger. Die Neuigkeit verbreitet sich schnell im Dorf. Als Ausgeschlossene führt Tess nun ein zurückgezogenes Leben. Nach der Geburt des Babys nimmt sie eine Stelle als Erntehelferin an. Eines Tages erkrankt das Kind so plötzlich, dass Tess es in ihrer Not taufen lassen möchte. Ihr trunkener Vater will jedoch keinen Priester ins Haus lassen, sodass Tess die Kindstaufe inmitten ihrer Geschwister selbst vornimmt und dem Kind den Namen „Sorge“ gibt. Das Kind stirbt wenige Stunden später, erhält jedoch kein christliches Begräbnis und wird bei Nacht in einer schäbigen Friedhofsecke für mutmaßlich Verdammte begraben. Tess wohnt zunächst weiter bei ihren Eltern, geht jedoch im Jahr darauf als Melkerin in den Süden.

Angel bringt neue Hoffnung

Bei ihrem neuen Arbeitgeber trifft die inzwischen 20-jährige Tess zufällig auf den jungen Angel Clare, den sie seinerzeit beim Volkstanz in ihrem Heimatdorf getroffen hat und der sie hat stehen lassen. Er ist gebildeter und feinsinniger als die anderen Melker des Meierhofs, spielt Harfe und kommt aus einer Pfarrfamilie. Sein Vater gilt als der stärkste religiöse Eiferer von ganz Wessex, der Sohn interessiert sich jedoch nicht für Religion, sondern für Philosophie. Er verabscheut das Stadtleben und möchte Landwirtschaft betreiben, um in Amerika oder England als Landwirt zu arbeiten. Auf gesellschaftliche Konventionen legt er keinen Wert.

„Warum es geschehen musste, dass auf diesem schönen weiblichen Gewirk, zart wie Gaze und bis dahin weiß wie Schnee, ein so grobes Muster eingepresst wurde, wie es zu empfangen verdammt war; warum so oft das Grobe auf diese Weise von dem Feinen Besitz ergreift – der falsche Mann von der Frau, die falsche Frau von dem Mann –, haben viele Tausend Jahre analytischer Philosophie nicht geschafft, unserem Ordnungsbewusstsein klarzumachen.“ (S. 105 f.)

Tess und Angel finden Gefallen aneinander. Die anderen Melkerinnen sind ebenfalls in Angel verliebt, bemerken jedoch, dass er Tess am liebsten hat. Sie ist bestürzt, als sie erfährt, dass Angels Familie bereits eine Dame seines Standes für ihn ausgewählt hat. Sie versucht, sich keine Hoffnungen mehr zu machen. Beim Melken ist Angel einmal so von ihrer Körperlichkeit betört, dass er sie spontan in die Arme nimmt und umarmt. Sie ist zunächst glückselig, beginnt dann jedoch zu weinen. Angel entschuldigt sich, er habe ihre Schutzlosigkeit nicht ausnutzen wollen.

Schwere Bürde des Geheimnisses

Angel ist noch immer von seinen Gefühlen für Tess überwältigt. Er verbringt einige Tage bei seiner Familie, um sich über seine Zukunft klar zu werden. Durch das Landleben haben seine Manieren etwas nachgelassen. Deshalb unterscheidet er sich von den akademisch gebildeten Brüdern, die um seine sittlichen Ideale besorgt sind. Angel erzählt, dass das Schicksal ihm eine Frau geschickt habe, die als Gefährtin eines Landwirts ideal sei. Seine Eltern bemängeln jedoch, sie komme nicht aus gutem Haus. Beim Abschied erwähnt sein Vater, dass er vor Kurzem mit dem zynischen Emporkömmling der Familie d’Urberville in einen Tumult geraten sei.

„Eine frühe Verbundenheit mit ländlicher Abgeschiedenheit hatte in ihm eine unüberwindliche und beinahe unvernünftige Abneigung gegen das moderne Stadtleben hervorgerufen und ihm auch die Chance auf solchen Erfolg genommen, wie er ihn (...) in einem weltlichen Beruf hätte erringen können.“ (über Angel, S. 167 f.)

Zurück auf dem Meierhof macht Angel Tess einen Heiratsantrag. Bitter und bedrückt erwidert sie, sie könne nicht seine Frau werden. Angel versucht zu ergründen, warum sie ablehnt, und umwirbt sie weiter. Sie schiebt eine Aussprache immer weiter auf, bis sie Angel von ihrer Abstammung von den d’Urbervilles erzählt. Angel, der eine Abneigung gegenüber Adligen hegt, glaubt, dass dies ihr einziger Beweggrund sei, und betrachtet es als nicht weiter wichtig. Tess jedoch ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu ihm und ihrer unrühmlichen Vergangenheit. Ihre Mutter empfiehlt ihr brieflich, auf keinen Fall über die Vergangenheit zu sprechen und Angel zu heiraten.

„Sie drückte in ihrer eigenen heimischen Sprache (...) Gefühle aus, die man beinahe als die des gegenwärtigen Zeitalters bezeichnen könnte – als das Leiden an der Moderne. (...) Tess’ vorübergehende körperliche Schande war zu ihrem geistigen Gewinn gediehen.“ (S. 179).

Angel erlangt schließlich Tess’ Einwilligung und kündigt die baldige Heirat in der Meierei an. Direkt danach will das Paar das Pächterhaus einer Mühle beziehen, das einst den d’Urbervilles gehört hat. Bei einem gemeinsamen Ausflug treffen sie an einem Wirtshaus zwei Männer, die offenbar über Tess’ Vergangenheit Bescheid wissen und entsprechende Anspielungen machen. Angel streckt einen der Männer mit einem Faustschlag nieder. Tess schreibt Angel in der darauffolgenden Nacht einen Brief, in dem sie ihr Geheimnis offenbart. Er verhält sich anschließend jedoch unverändert, da der Brief bei der Zustellung unter den Teppich gerutscht ist und ihn nie erreicht hat. Als Tess dies bemerkt, ist bereits ihr Hochzeitstag gekommen. Nach der Messe brechen sie zu ihrer neuen Bleibe, dem Pächterhaus, auf. Dort angekommen erhalten sie die Nachricht, dass eins der Milchmädchen aus Verzweiflung über Angels Weggang versucht habe, sich zu ertränken; ein zweites habe sich betrunken. Tess fühlt sich am Schicksal ihrer Freundinnen mitschuldig. Angel berichtet ihr am Hochzeitsabend von seiner ausschweifenden Affäre mit einer Frau in London; daraufhin beichtet auch Tess ihr Geheimnis.

Und die Frau bezahlt

Angel ist über Tess’ Geständnis bestürzt und betrachtet sie als Betrügerin. Eine Scheidung würde einen Skandal bedeuten, daher bleiben die beiden der Form halber noch einige Tage stumm zusammen. Er weigert sich jedoch, dauerhaft mit ihr zusammenzuleben. Eines Nachts im Pächterhaus schlafwandelt er, hebt Tess hoch, trägt sie hinaus und legt sie im Altarraum einer Klosterkirche in einen leeren Steinsarg. Am nächsten Morgen gehen sie getrennte Wege. Tess kehrt zu ihren Eltern zurück. Er will ihr schreiben, sobald er sich über seine Zukunft klar geworden ist.

„Sie verströmte die ganze Überfülle ihrer Natur. Es war ein Augenblick, da die Seele einer Frau leibhaftiger ist als zu jeder anderen Zeit, da die ätherischste Schönheit von Fleischlichkeit zeugt und das Geschlecht ganz die Erscheinung bestimmt.“ (über Tess, S. 242)

Tess wagt kaum, ihr Elternhaus zu betreten, weil alle sie auf Hochzeitsreise mit ihrem reichen Mann glauben. Ihre Mutter beschimpft sie als töricht, Angel die Wahrheit gesagt zu haben; ihr Vater fürchtet die Häme seiner Zechkumpel in der Kneipe. Tess hält es angesichts dieser Demütigungen nur wenige Tage dort aus. Sie hinterlässt ihren Eltern die Hälfte des von Angel erhaltenen Geldes und zieht als Tagelöhnerin durch die Lande. Zu stolz, Angels Vater um Geld zu bitten, lebt sie von der Hand in den Mund.

„Trotz all der angestrebten Unabhängigkeit seines Urteilsvermögens war dieser fortschrittliche und wohlmeinende junge Mann – ein musterhaftes Produkt modernster Ideen der letzten fünfundzwanzig Jahre – doch der Sklave von Bräuchen und Konventionen, wenn er unversehens auf seine frühe Lehren zurückgeworfen wurde.“ (über Angel, S. 378 f.)

Angel eröffnet seinen Eltern, dass er nach Brasilien gehen will. Seine Mutter ahnt, dass Tess nicht das unbescholtene Mädchen ist, als das er sie dargestellt hat. Als er einen letzten Besuch im Pächterhaus macht, trifft er dort Izz, eines der Milchmädchen, das in ihn verliebt war. Er bittet sie, mit ihm nach Brasilien zu kommen, zieht sein Angebot jedoch zurück, als sie ihm berichtet, dass niemand ihn so sehr liebe wie Tess.

„Vergangenes würde niemals vollkommen Vergangenes sein, ehe sie nicht selbst eine Vergangene war.“ (über Tess, S. 439)

Tess kleidet sich in Lumpen, schneidet sich die Augenbrauen ab und bedeckt ihr Gesicht mit einem Taschentuch, um nicht mehr erkannt zu werden und sich von ihrer Vergangenheit zu lösen. Sie findet eine Anstellung auf einem Pachthof, der für seine Härte bekannt ist. Schockiert erfährt sie, dass Angel ihre Freundin Izz gebeten hat, mit ihm nach Brasilien zu gehen. Genau ein Jahr nach ihrer Heirat will sie Angels Eltern besuchen und ihre ganze Geschichte erzählen. Dort angekommen hört sie jedoch, wie seine Brüder schlecht über Angels unbesonnene Ehe mit ihr sprechen. Tess macht unverrichteter Dinge kehrt. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als auf dem Pachthof zu bleiben. Dort ist unterdessen ein christlicher Prediger aufgetaucht, der noch extremer als Angels Vater ist. Es ist der bekehrte Alec d’Urberville.

Der Bekehrte begehrt noch immer

Alec fängt Tess nach seiner Predigt auf dem Weg ab und berichtet ihr von seinem neuen Leben. Er wurde von Angel Clares Vater bekehrt. Alec verlangt von Tess zu schwören, dass sie ihn nie verführen werde. Dann jedoch ist es Alec, der sie wiederholt bei der Rübenernte besuchen kommt und sie schließlich bittet, seine Frau zu werden. Sie soll mit ihm nach Afrika gehen, wo er Missionar werden will. Tess erklärt, sie sei bereits verheiratet, woraufhin Alec ihren abwesenden Ehemann verspottet. Als Tess ihm bei einem anderen Besuch darlegt, dass sie an keine übernatürlichen Kräfte glaubt, verliert auch er seinen Glauben und wird wieder zum zynischen, unmoralischen Lebemann, der er war.

„Ein paar Minuten, nachdem die Stunde geschlagen hatte, bewegte sich langsam etwas die Stange hinauf und entfaltete sich im Wind. Es war eine schwarze Fahne. Der ‚Gerechtigkeit‘ war Genüge getan worden, und der Präsident der Unsterblichen (wie Aischylos ihn nennt) hatte sein Spiel mit Tess beendet.“ (S. 572)

Als Tess’ Eltern krank werden, eilt sie nach Hause. Der Vater stirbt, und mit ihm erlischt die Pacht des Wohnhauses. Die Durbeyfields müssen wegziehen und die Dorfbewohner sind froh, die unanständige Familie loszuwerden. Alec taucht wiederholt auf und bietet Tess an, auf seinem Anwesen zu wohnen. Vor Wut über die Ungerechtigkeit der Welt schreibt Tess Angel einen aufgebrachten Brief. Sie muss mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einer Kirchenruine übernachten, wo die toten d’Urbervilles begraben liegen. Alec spürt ihr erneut nach und bedrängt sie. Tess bedauert, nicht bereits tot in der Kirchengruft zu liegen.

Gemeinsame Flucht – zu spät

Angel Clare verlässt Brasilien und kehrt abgemagert zu seinen Eltern zurück. Dort findet er Tess’ letzten, bitteren Brief. Da Tess’ Mutter deren derzeitigen Aufenthaltsort nicht nennen will, begibt er sich auf die Suche und entdeckt sie schließlich in einer Pension in einem eleganten Badeort. Sie ist Mrs. d’Urberville geworden, trägt feine Kleidung und weist ihn umgehend ab: Es sei zu spät. Alec hat die materielle Not ihrer Familie ausgenutzt und sie für sich gewonnen. Nach Angels Weggang hört die Leiterin der Pension Wehklagen aus Tess’ Zimmer. Tess bedauert, Angel nun ein zweites Mal verloren zu haben. Kurz darauf verlässt sie die Pension. Die Leiterin bemerkt, wie sich ein roter Fleck an der Zimmerdecke ausbreitet. Alec ist in seinem Bett erstochen worden.

Tess holt Angel an der Bahnstation ein und gesteht, Alec getötet zu haben. Gemeinsam fliehen sie und übernachten in einem leeren Herrenhaus, bevor sie zu einer Gruppe von Monolithen gelangen – zum heidnischen Tempel von Stonehenge. Tess will nicht weitergehen und legt sich auf einer Steinplatte schlafen, als läge sie auf einem Altar. Sie bittet Angel, sich um ihre junge Schwester zu kümmern und sie nach ihrem Tod zu heiraten. Im Morgengrauen werden sie von Polizisten umringt. Tess wird abgeführt.

Einige Zeit später blicken Angel und Tess’ Schwester eines Morgens von den Hügeln auf das Gefängnis herab, wo kurz nach dem Schlagen der Uhr eine schwarze Fahne gehisst wird.

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Aufbau und Stil

Der Roman spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Schauplatz ist Wessex, eine Region in Südengland, die unter anderem die Grafschaften Dorset und Devon umfasst. Diese Gegend dient nicht nur als Hintergrund der Handlung, sondern spielt gewissermaßen selbst eine tragende Rolle: Figuren und Milieu sind häufig eins. Talbothays, wo Tess als Melkerin arbeitet, ist ein fruchtbarer, üppiger, pittoresker Landstrich. In Flintcomb-Ash dagegen befindet sich der Hungeracker-Pachthof, auf dem Tess vom Pächter schikaniert wird und unmenschliche Arbeit leisten muss. Berichtet wird aus der Sicht eines allwissenden Erzählers, der manchmal vorgreift oder die Handlung kommentiert. Zugleich geht er über wichtige Ereignisse wie Tess’ Vergewaltigung und ihre Beichte gegenüber Angel Clare hinweg. Zahlreiche mündlich geprägte Elemente wie Lieder, Dialektsprache, Reime, Psalmen, Sprichwörter und Balladen verleihen dem Roman nicht nur Lokalkolorit, sondern betonen auch den dörflichen, gemeinschaftlichen Charakter des Landlebens.

Interpretationsansätze

  • Tess schildert den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft im Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Die Durbeyfields werden aus ihrem Haus vertrieben; Tess muss als Tagelöhnerin von einem Hof zum nächsten ziehen und verarmt dabei zusehends. Das soziale Gefüge von Stadt und Land ist in eine Schieflage geraten, dörfliche Traditionen gehen unter. Die Landarbeiter erinnern sich nostalgisch an die Zeit, als sie die Ernte in Handarbeit einbrachten. Inzwischen müssen sie sich als Tagelöhner dem Rhythmus der Maschine unterordnen und sind Opfer der Modernisierung geworden. Die Inkarnation dieser neuen Form der Arbeit ist der namenlose Maschinist, der die Rübenmaschine füttert: Als Sklave der Dampfmaschine ist er ein gefühlloses, unsoziales Wesen, das die Natur nicht mehr wahrnimmt.
  • Tess ist ein negativer Bildungsroman: Die Heldin reift heran, scheitert am Ende jedoch. Tess ist ursprünglich die typische Unschuld vom Lande. Sie entstammt der traditionellen, bäuerlichen Welt, reift mit ihren Enttäuschungen jedoch heran und äußert immer komplexere Gedanken. Als Symbol der Körperlichkeit lebt Tess in Harmonie mit der Natur und ist sowohl Erdgöttin als auch Opferlamm. Dabei wird sie fast ausschließlich aus der Perspektive von männlichen Figuren beschrieben. Über ihr Innenleben erfährt der Leser wenig, sie bleibt rätselhaft und unnahbar. Hardy wollte Tess jedoch offenbar als Anwalt zur Seite zu stehen, indem er seinem Buch den Untertitel gab: „eine reine Frau, getreulich dargestellt“.
  • Die beiden männlichen Hauptfiguren des Romans, Alec d’Urberville und Angel Clare, sind als Gegensatzpaar aufgestellt: Der eine ist ein skrupelloser, zynischer, amoralischer Großgrundbesitzer, der andere ein Landwirt und Freigeist, der gesellschaftliche Konventionen vermeintlich ablehnt. Dennoch ist auch der Pfarrerssohn Angel der bürgerlichen Doppelmoral verhaftet, der zufolge ein Mann fremdgehen und voreheliche Beziehungen haben darf, eine Frau jedoch nicht.
  • Die männlichen Figuren geben sich zwar gelehrt und weltgewandt, sind jedoch nicht in der Lage, zwischen Theologie und Moral zu unterscheiden. Alec beispielsweise wechselt ebenso mühelos vom zynischen Lebemann zum religiösen Eiferer, wie er sich dann wieder vom Prediger in den unmoralischen Gönner zurückverwandelt. Den hohlen christlichen Ritualen stehen in Hardys Roman heidnische Elemente wie der Maitanz und die Urgewalt von Stonehenge gegenüber.

Historischer Hintergrund

Das Viktorianische Zeitalter

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der industriellen Revolution und zugleich das britische Jahrhundert, denn Großbritannien nahm in der Entwicklung von Technik und Wissenschaften eine führende Rolle ein. Seine Wirtschaft florierte dank dem Erfindungsreichtum und Unternehmergeist seiner Bürger. Nicht zufällig richteten sich mit der Weltausstellung 1851 in London alle Blicke auf die englische Hauptstadt. Bereits 1830 wurde die erste Eisenbahnlinie zwischen Liverpool und Manchester eingeweiht, und mit der Erfindung der Dampflokomotive schrumpften die Distanzen. Waren konnten nun beschleunigt transportiert werden, und Städte an Bahnlinien prosperierten. Zugleich machte die Dampfmaschine neue Arbeitsformen und eine Intensivierung der Produktion, etwa in der Textilindustrie und der Landwirtschaft, möglich.

1859 publizierte der britische Naturforscher Charles Darwin sein epochales Werk Die Entstehung der Arten, eine Theorie zur Evolution der biologischen Arten, die zum grundlegenden Paradigma der Wissenschaften wurde. Fast alles wurde nun im Licht von Abstammung, Evolution und Selektion betrachtet.

Die Bevölkerung nahm explosionsartig zu und drängte vom Land in die Städte, wo Arbeitskräfte in den großen Fabriken gebraucht wurden. Von der Industrialisierung profitierte zwar eine immer reicher werdende Mittelschicht, doch die überwältigende Mehrheit der Arbeiterschaft lebte am Rand des Existenzminimums. Die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen dieses Proletariats führten im Lauf des 19. Jahrhunderts zu immer stärkeren Unruhen, begleitet von den Forderungen nach Sozialreformen. Friedrich Engels publizierte 1845 seine Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England und machte die Profitgier der Bourgeoisie für die Verelendung der Arbeiter verantwortlich. Nach und nach regelten neue Gesetze die Arbeitsbedingungen insbesondere von Kindern und Frauen. Gewerkschaften entwickelten sich aus lokalen Vereinen und wurden 1871 legalisiert. 1893 wurde die Independent Labour Party gegründet.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschloss das britische Empire systematisch Kolonien, um Rohstoffe zu akquirieren. Parallel dazu entwickelte sich ein starker Missionseifer.

Das 19. Jahrhundert ist zudem als Viktorianisches Zeitalter bekannt. 1837 wurde Victoria Königin von England und regierte bis 1901. Mit ihrem Namen verbunden ist ein strikter Moralkodex insbesondere für Frauen. Eine Ehefrau hatte ihrem Mann gefügig zu sein, Kinder zu gebären und sie aufopfernd großzuziehen. Scheidungen galten als skandalös und führten zur gesellschaftlichen Isolation, „gefallene“ Mädchen galten als verdorben. Zugleich florierte die Prostitution; Männern stand das Recht auf Promiskuität zu, das Frauen strengstens verboten war.

Entstehung

Als Thomas Hardy 1888 mit der Niederschrift von Tess begann, hatte er bereits zahlreiche Romane veröffentlicht und sich einen Ruf als Schriftsteller erworben. Hardy hatte aufgrund der für viktorianische Verhältnisse anstößigen Szenen große Mühe, sein Manuskript zu publizieren. Ab Juli 1891 erschien eine entschärfte Version (in der Tess eine Scheinheirat eingeht und keinerlei Anspielungen auf die Geburt des Kindes vorkommen) als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift The Graphic. Noch während die Fortsetzungen erschienen, war die Buchausgabe mit der ursprünglichen Langfassung in Vorbereitung. Hardy gab ihr den zusätzlich provozierenden Untertitel „eine reine Frau, getreulich dargestellt“.

Wirkungsgeschichte

Tess gilt als Meisterwerk von Thomas Hardy und traf mitten ins Herz der viktorianischen Gesellschaft. Der Roman rief ein heftiges, jedoch geteiltes Echo hervor: Manche billigten das Verhalten der Romanheldin, andere verurteilten es. Der Roman inspirierte in der Folge zahlreiche Schriftsteller, Musiker und Filmemacher. Er erschien sowohl als Bühnendrama als auch als Oper und wurde mindestens siebenmal verfilmt, dreimal für das Kino und viermal für das Fernsehen. Hervorzuheben ist Roman Polanskis Verfilmung aus dem Jahr 1979 mit Nastassja Kinski in der Hauptrolle. 2008 entstand im Auftrag der BBC eine vierstündige Fassung.

Zuletzt gewann Tess 2012 neu an Popularität, da die Protagonistin des Bestsellers Fifty Shades of Grey Hardys Roman geschenkt bekommt und in der Folge mehrfach aus Tess zitiert.

Über den Autor

Thomas Hardy wird am 2. Juni 1840 als Sohn eines Baumeisters in der südenglischen Grafschaft Dorset geboren. Er geht nach der Architektenlehre nach London und eignet sich neben seiner Arbeit als Kirchenrestaurator eine breite philosophische und literarische Bildung an. Aus gesundheitlichen Gründen kehrt er 1867 nach Dorset zurück. 1871 erscheint sein erster Roman, Desperate Remedies, 1872 sein zweiter, Die Liebe der Fancy Day (Under the Greenwood Tree). 1874 wird der erste seiner berühmten Wessex-Romane als Fortsetzungsroman in einem Magazin publiziert: Am grünen Rand der Welt (Far from the Madding Crowd). Im selben Jahr heiratet Hardy Emma Gifford. Das Paar zieht 1878 nach London, wo Hardy bald als bedeutender Schriftsteller gilt. In rascher Reihenfolge erscheinen bis in die 1890er-Jahre zahlreiche Romane und Kurzgeschichten, die häufig in seiner heimatlichen, ländlichen Umgebung angesiedelt sind. Nachdem sowohl Tess (Tess of the d’Urbervilles, 1891) und stärker noch der autobiografisch geprägte Roman Herzen in Aufruhr (Jude the Obscure, 1895) für einen Sturm der Entrüstung sorgen, widmet sich Hardy fortan ausschließlich der Lyrik, die er ohnehin für eine höhere Form der Literatur hält. Nach dem Tod seiner ersten Frau 1912 heiratet Hardy 1914 Florence Dugdale, eine Lehrerin und Kinderbuchautorin. 1913 erhält er die Ehrendoktorwürde der Universitäten Cambridge und Oxford. Als er am 11. Januar 1928 stirbt, hinterlässt er ein umfangreiches Werk, darunter 14 Romane, viele Kurzgeschichten und fast 1000 Gedichte. Sein Grab befindet sich in der Westminster Abbey; nur sein Herz wurde in seiner Heimat Dorset beigesetzt.


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