Zusammenfassung von Toleranz

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Toleranz Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Frühe Neuzeit

Worum es geht

Toleranz als Friedensgarant

Was es bedeutet, seinen religiösen Glauben nicht leben zu dürfen, musste Pierre Bayle am eigenen Leib erfahren. Wie viele französische Protestanten unter Ludwig XIV. floh er vor Verfolgung und Zwangsbekehrung durch die katholische Kirche nach Rotterdam. Dort verfasste er 1686 seine Schrift Toleranz, die zu den radikalsten Plädoyers der Frühen Neuzeit für ein friedliches Miteinander der Religionen zählt. Unter dem Einfluss von Descartes’ Rationalismus geht Bayle von der Begrenztheit der menschlichen Urteilskraft aus: Da jede Religion von sich behauptet, sie sei die wahre, der Streit zwischen ihnen aber nie mit den Mitteln der Vernunft beigelegt werden kann, sollten sie einander mit Toleranz begegnen und ihre Dogmen hinterfragen. Nur so kann der Frieden gewahrt und Bürgerkrieg verhindert werden. In seinem Wunsch nach Pluralismus und Gewissensfreiheit geht Bayle so weit, allen Religionen die gleiche Freiheit zuzugestehen – sofern sie selbst andere Religionen respektieren und sich an die Gesetze halten. Seine Forderung nach einer strikten Trennung von Kirche und Staat ist heute – angesichts christlich- und islamisch-fundamentalistischer Strömungen – durchaus aktuell.

Take-aways

  • Pierre Bayles Schrift Toleranz ist ein radikales Plädoyer für religiöse Toleranz.
  • Inhalt: Da wir mit Mitteln der Vernunft niemals erkennen werden, welcher der wahre Glaube ist, sollten die verschiedenen Religionen wechselseitig Toleranz üben. Der Staat darf sich nicht in Glaubensfragen einmischen und muss allen Religionen Freiheit gewähren, solange diese die politische und gesellschaftliche Ordnung nicht bedrohen.
  • Bayle schrieb Toleranz 1686 unter dem Eindruck der Hugenottenverfolgung in Frankreich.
  • Er begründet das allgemeine Toleranzgebot einerseits mit der Vernunft, andererseits mit dem Evangelium.
  • Seine Behauptung, der menschliche Verstand sei begrenzt, ist von Descartes’ Rationalismus beeinflusst.
  • Bayle spricht sich für Toleranz auch gegenüber Juden, Muslimen und Heiden, nicht aber gegenüber Atheisten aus.
  • Bayle sieht die höchste Pflicht darin, der Stimme des eigenen Gewissens zu folgen und aufrichtig nach Gott zu suchen, statt sich an objektive Vorgaben zu halten.
  • Anders als John Locke verknüpft Bayle die Forderung nach religiöser Toleranz nicht mit der Forderung nach demokratischen Strukturen.
  • Der Aufbau des Werkes ist streng logisch und systematisch, der Stil ist trotzdem lebendig und frisch.
  • Zitat: „Also ist Toleranz die Quelle des Friedens und Intoleranz die Quelle der Verwirrung und des Gezänks.“
 

Zusammenfassung

Die Vernunft als oberste Instanz

Im Lukas-Evangelium heißt es: „Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf dass mein Haus voll werde.“ Diesen Satz interpretiert die katholische Kirche nach Augustinus als Aufforderung, andere mit Gewalt zu missionieren. Doch wenn eine wörtliche Interpretation der Bibel dazu führt, dass Menschen Verbrechen begehen oder in einer Weise handeln, die der Vernunft oder den zehn Geboten widerspricht, muss sie falsch sein.

„Also ist Toleranz die Quelle des Friedens und Intoleranz die Quelle der Verwirrung und des Gezänks.“ (S. 78)

Oft wird behauptet, die Philosophie sei die Dienerin der Theologie. Das Gegenteil ist richtig: Die Philosophie ist die Königin und die Theologie ihre Dienerin. Alle Theologen – wenn auch nicht mit Worten, so doch mit ihren Taten – beugen sich letztlich der Hoheit der Vernunft, indem sie stets bemüht sind, ihre Glaubensgrundsätze vor dieser zu rechtfertigen. Bei aller Wundergläubigkeit erkennen sie die allgemeinen Prinzipien des Verstandes an, wonach etwa zwei sich widersprechende Sätze nicht gleichzeitig wahr sein können oder das Ganze größer sein muss als jeder seiner Teile. Im Glauben selbst gibt es aber vieles, was mit den Mitteln der Vernunft nicht zu erklären ist.

„Man behaupte also nicht länger, dass die Theologie eine Königin sei, für die die Philosophie nur eine Dienerin ist, denn die Theologen selbst bezeugen mit ihrem Verhalten, dass sie die Philosophie als die Königin erachten und die Theologie als deren Dienerin.“ (S. 92)

Das universelle Licht der Vernunft erfüllt alle Menschen. Gott hat dieses „natürliche Licht“ in die menschliche Seele gelegt, damit wir Wahres und Falsches unterscheiden können. Alle moralischen Grundsätze, ob sie nun in der Bibel stehen oder auf anderem Wege verbreitet werden, müssen zu dem passen, was unserem ursprünglichen, natürlichen Verstand als richtig erscheint. Allerdings können persönliche Interessen und nationale Gepflogenheiten uns den Blick auf die Wahrheit verstellen. Umso wichtiger ist es, sich über solche Partikularinteressen und Gewohnheiten zu erheben und in jedem einzelnen Fall nüchtern zu prüfen, ob eine Sache – wie etwa die Einführung einer uns fremden Religion – gerechtfertigt ist.

Wider den religiösen Zwang

Die Vernunft sagt uns, dass es ein höchstes, vollkommenes Wesen gibt, das über alles herrscht, das uns belohnt und straft und das wir verehren müssen – und zwar eher durch unsere innere Einstellung als mittels äußerer Handlungen. Nicht durch Opfer und Tempel, sondern durch den Respekt und die Liebe, die wir Gott entgegenbringen, erweisen wir ihm Ehre. Wer Gott nur äußerlich ehrt, innerlich aber nichts für ihn empfindet, handelt wie eine Marionette – und das durchschaut Gott. Eine innere religiöse Haltung aber lässt sich nicht durch die Androhung von Gefängnis- und Geldstrafen, Folter oder Exil erzwingen. Allein aus Furcht vor seinen Verfolgern ändert niemand seine Haltung zu Gott, sondern man passt sich höchstens äußerlich an und heuchelt Frömmigkeit. Der Verstand sagt uns, dass Zwang der falsche Weg ist, eine Religion zu vermitteln. Etwas so offenkundig Unvernünftiges kann Gott – weise, wie er ist – nicht wollen.

„Es gibt ein lebendiges und klares Licht, das alle Menschen erhellt, sobald sie aufmerksam die Augen öffnen, und das sie unbezwingbar von seiner Wahrheit überzeugt.“ (S. 92)

Zwang in Sachen Religion widerspricht aber nicht nur der Vernunft und den Prinzipien der Moral, sondern – was noch schlimmer ist – dem Geist des Evangeliums und ist daher eine schwere Sünde. Nun könnte man einwenden, vieles in der Bibel widerspreche dem Geist der Vernunft, etwa die Aufforderung, seine Feinde zu lieben, statt sich zu wehren. Genau betrachtet ist es aber höchst vernünftig und natürlich, seinen Feinden zu verzeihen und die eigenen Leidenschaften zu kontrollieren, sich in Demut zu üben, zu verzeihen und Wohltätigkeit zu üben – alles christliche Maximen, die übrigens auch unter Heiden verbreitet sind. Jesus selbst war sanftmütig und friedfertig. Er hätte nie zugelassen, dass Ungläubige verfolgt werden. Seine Lehre beruht vielmehr auf Freiwilligkeit und Überzeugung.

Die Freiheit des Gewissens

Gewalt damit zu rechtfertigen, es sei dem König gestattet, widerspenstige Untertanen nach Gutdünken zu bestrafen, ist falsch. Vielmehr braucht er vernünftige Gründe. Ein König kann seine Untertanen ja auch nicht bestrafen, weil sie keine blauen Augen oder blonden Haare haben oder weil sie eine bestimmte Sauce nicht mögen. Selbst wenn er eine Verordnung erließe, die allen vorschriebe, blaue Augen zu haben oder eine bestimmte Sauce zu mögen, könnte er einen Verstoß dagegen nicht gesetzlich verfolgen, denn die Verordnung selbst wäre schon ungerecht. Genau das aber widerfuhr den Hugenotten: Sie wurden mit Plünderungen bestraft und der Willkür von Soldaten ausgesetzt, weil sie gewisse Anordnungen des Königs nicht beachteten, welche an sich schon unrecht waren.

„Man muss also sagen, dass alle äußerlichen religiösen Handlungen, alle Ausgaben, die man in Form von Opfern, Altären oder Tempeln tätigt, von Gott nur in Beziehung zu den inneren Handlungen der Seele gebilligt werden, die sie begleiten.“ (S. 101)

Die katholische Kirche und Ludwig XIV. erkennen zwar die Brutalität des Vorgehens gegen die Hugenotten, rechtfertigen dieses aber damit, dass es zugunsten der „einzigen wahren Kirche“ geschehe. Das Gute, das dieser daraus widerfährt, rechtfertigt aus ihrer Sicht die schlechten Taten. Diese Argumentation ist abscheulich und gegen den christlichen Geist; sie hebt die Grenzen zwischen Tugend und Laster auf und macht Verbrechen zu einer guten Tat. Sie bereitet den Boden dafür, dass man im Namen der Religion ungestraft morden und stehlen, misshandeln und zerstören darf. Da jede Religion glaubt, sie sei die wahre, könnte sich jede berechtigt fühlen, Unrecht zu tun, um Andersgläubige zu bekehren. Das aber würde zu ständigem Bürgerkrieg und zur Zerstörung der Gesellschaft führen.

Das Verhältnis zwischen den Religionen

Evidenz ist relativ: Was dem einen evident erscheint, ist es für den anderen nicht. Ein Bild von Michelangelo wird von verschiedenen Menschen unterschiedlich beurteilt. Dem einen schmeckt Wasser, dem anderen Wein – es ist alles eine Frage von Gewohnheiten und Erziehung. Das gilt erst recht für die Frage nach der wahren Religion, über die man ewig streiten könnte, ohne zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen. Alle Religionen würden daher davon profitieren, sich untereinander auszutauschen und ihre jeweiligen Vorstellungen selbstkritisch zu hinterfragen. Offenheit für die Argumente der Anhänger eines anderen Glaubens würde zudem das Ansehen des Christentums in der Welt steigern.

„Je mehr also eine Religion das Herz, Freiwilligkeit, den vernünftigen Gottesdienst und eine recht aufgeklärte Überzeugung verlangt, wie etwa das Evangelium es tut, desto weiter muss sie von jedem Zwang entfernt sein.“ (S. 109)

Dagegen schaden Christen, die in fernen Ländern gewaltsam missionieren, dem Ansehen ihrer Religion – egal ob sie sich sofort gewalttätig zeigen oder ob sie zuerst freundlich auftreten und später zu brutalen Zwangsmaßnahmen greifen. Im Unterschied zum Islam, der Andersgläubige aktiv verfolgt und Glaubensbekenntnisse gewaltsam erzwingt, breitete sich das Christentum, zumindest in der Anfangsphase, auf sanfte, friedliche, eher passive Weise aus. Wenn nun auch die Katholiken nach dem Prinzip „Nötige sie hereinzukommen“ Menschen zum Glauben zwingen, tun sie es den Muslimen gleich. Sie können sich nicht mehr über die Intoleranz anderer Religionen beschweren, wenn sie selbst intolerant sind. Wenn Christen in fremden Ländern Toleranz für ihren Glauben beanspruchen, müssen auch sie selbst andere Religionen tolerieren.

Belehrung statt Zwang zur Heuchelei

Wäre das Gebot des Evangeliums zur zwangsweisen Bekehrung gültig, dann könnten sich alle Religionen darauf berufen. Da sich alle im Besitz der Wahrheit glauben, die Wahrheit in Religionsfragen aber mit Mitteln der Vernunft nicht zu erkennen ist, würden sich die Christen untereinander ständig bekämpfen und behaupten, die Verfolgung des jeweils anderen sei gerecht. Sie müssten auch den Herrschern anderer Länder zugestehen, dass sie Christen verfolgen, da sie in ihren Ländern ja ebenso mit Andersgläubigen verfahren.

„Zur Bekehrung der Heiden hat Gott ganz gewiss andere Werkzeuge verwendet als diejenigen, die Menschen für ein ähnliches Werk verwendet hätten (…)“ (S. 193)

Nun behaupten die Katholiken, sie würden Gewalt nicht anwenden, um das Gewissen zu zwingen, sondern um diejenigen wachzurütteln, die sich einer Wahrheitsprüfung hinsichtlich der verschiedenen Religionen verweigern. Wie aber sollen die Menschen vernünftig, unvoreingenommen und nüchtern prüfen, was wahr ist, wenn so viele Leidenschaften im Spiel sind? Entscheiden sie sich für den Katholizismus, werden sie belohnt; bleiben sie bei ihrer protestantischen Überzeugung, drohen ihnen Gewalt, Hunger, Enteignung und Exil. Wen wundert es da, dass viele Menschen, vor diese Alternative gestellt, religiöse Überzeugung heucheln und sich zum Katholizismus bekennen?

„Man muss also die Dinge auf ihren ersten Ursprung zurückführen und sie nach dem natürlichen Gesetz regeln, das den menschlichen Verstand erleuchtet, noch bevor irgendein positives Gesetz den Menschen verkündet wurde.“ (S. 235)

In Frankreich wurden Protestanten geschlagen, an Soldaten ausgeliefert, ihnen wurde Gefängnis, Hunger und Elend angedroht, falls sie sich offen zu ihrem Glauben bekennen würden. Wenn die Katholiken nun beschwichtigen, es handle sich ja nur um Geldstrafen, Frondienste und aufgezwungene Einquartierungen von Soldaten, übersehen sie eines: Gott verbietet jede Art von Verbrechen gegen Unschuldige – Bußgeld, Verbannung und Kerker ebenso wie Folter und Hinrichtung – und macht auch in Fragen der Religion keine Ausnahme. Wenn Stehlen im Namen der Religion ausnahmsweise erlaubt sein soll, dann ist auch Mord erlaubt. Letztlich ist es ohnehin grausamer, Menschen dazu zu zwingen, gegen ihr Gewissen zu handeln, zu heucheln und damit zu sündigen, als sie zu töten.

Trennung von Staat und Religion

Grundsätzlich steht es Herrschern nicht zu, Gesetze zur Religion zu erlassen. Jeder einzelne Mensch ist nur seinem Gewissen verpflichtet, in dem das Gesetz Gottes zum Ausdruck kommt. Kein weltlicher Herrscher – sei er nun von Gottes Gnaden oder von Menschen mittels eines Gesellschaftsvertrags eingesetzt – kann Menschen dazu zwingen, gegen ihr Gewissen – und damit gegen das, was sie als von Gott gefordert ansehen – zu handeln. Gegen die Gebote des eigenen Gewissens zu handeln, ist die größtmögliche Sünde. Daher sind alle Gesetze, die solche Handlungen befehlen, von vornherein ungültig.

„Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Beschaffenheit des Menschen neben tausend anderen Schwächen es mit sich bringt, jegliche Wahrheit nur unvollständig zu kennen (…)“ (S. 253)

Wenn allerdings der Staat bedroht ist, dürfen Herrscher gewaltsam gegen Religionen vorgehen. Wer im Namen der Religion die Grundlagen der Gesellschaft angreift und den öffentlichen Frieden gefährdet, indem er zum Aufruhr anstachelt, indem er stiehlt, mordet oder verleumdet, der verdient es, mit aller Härte – auch mit dem Tod – bestraft zu werden. Solange eine religiöse Sekte sich aber der Obrigkeit und den Gesetzen unterwirft, das Eigentum respektiert und Steuern zahlt, gibt es keinen Grund, sie zu verbieten oder ihr Vorschriften über die Art ihres Gottesdienstes zu machen. Der Staat soll ihre Anhänger in Ruhe lassen, ansonsten überschreitet er seine Kompetenzen.

„Wenn jeder die Toleranz pflegen würde, für die ich eintrete, würde in einem aus zehn verschiedenen Sekten zusammengesetzten Staate dieselbe Eintracht herrschen wie in einer Stadt, in der sich Gewerbe verschiedener Art wechselseitig stützen.“ (S. 254)

Daher ist es auch richtig, dass protestantische Staaten die Papisten streng überwachen. Es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme: Wenn die Papisten zu viel Macht erlangen, werden sie alles daran setzen, die Protestanten zu verfolgen und sie unter Gewissensdruck zu setzen. Doch darf man sie weder beleidigen oder ihren Besitz konfiszieren noch in der privaten Ausübung ihrer Religion stören oder sie zwingen, gegen ihr Gewissen eine andere Religion anzunehmen und zu heucheln. Das entscheidende Kriterium ist nicht, ob eine Religion angeblich falsch ist, sondern ob sie eine Gefahr für den Frieden und die Sicherheit der Gesellschaft darstellt. Die Verfolgung von Protestanten in katholischen Gemeinden ist nicht gerechtfertigt, denn zum einen sind die Protestanten toleranter als die Katholiken und zum anderen sind sie treue Untertanen, solange man ihre Gewissensfreiheit nicht antastet.

Für ein tolerantes Miteinander

Man sagt, nichts sei gefährlicher für einen Staat als eine Vielfalt von Religionen, weil sie zu Streit zwischen Herrscher und Untertanen, zwischen Nachbarn und zwischen Verwandten führt. Das allerdings ist kein Argument gegen Toleranz – im Gegenteil: Die Gefahr für den Staat entsteht gerade dadurch, dass die Religionen sich nicht tolerieren, sondern einander vernichten wollen. Wechselseitige Toleranz und eine neutrale Haltung des Herrschers würden dagegen zu einem friedlichen Miteinander und zum fairen Wettbewerb der Religionen führen. Alle Sekten – sofern sie sich an die Gesetze hielten und ihre Anhänger nicht zum Aufruhr anstachelten – genössen dieselben Rechte und Vorteile und würden versuchen, einander mit sanften Argumenten, gottgefälligen und patriotischen Werken zu überbieten.

„Es wäre zu wünschen, dass alle Menschen derselben Religion angehören; doch weil das wohl niemals geschehen wird, ist das Beste, was wir machen können, sie dahin zu bringen, sich gegenseitig zu tolerieren.“ (S. 265)

Oft verfolgen Herrscher als Ketzerei und Gotteslästerung, was eigentlich nur eine andere Form der Verehrung Gottes ist. Im Übrigen haben weltliche Fürsten ihre Macht von Gott nicht erhalten, um wirkliche oder vermeintliche Respektlosigkeiten gegenüber Gott zu bestrafen. Immerhin stimmen die Religionen – so verschieden sie ansonsten sind – darin überein, dass sie ein höchstes Wesen anbeten. Statt sich zu bekämpfen, sollten sie friedlich und frei von Fanatismus ihre Argumente austauschen. Das gilt nicht nur für die christlichen Glaubensrichtungen, sondern auch für Juden und Muslime, ja sogar für Heiden. Anstatt die Welt mit Folter und Schwert zu missionieren, sollten die Christen auf ihre Argumente vertrauen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Im ersten Teil seiner Schrift Toleranz bringt Pierre Bayle Argumente gegen eine wortgetreue Auslegung einer Passage aus dem Neuen Testament vor, die aus Sicht der Katholiken zu Zwangsbekehrungen auffordert. Im etwa gleich langen zweiten Teil fingiert er mögliche Einwände seiner Gegner, um sie anschließend zu widerlegen. Den Gegenargumenten wie den Einwänden sind je eigene Kapitel gewidmet. Insgesamt enthält der erste Teil zehn Kapitel, der zweite elf. Was seine Argumentation betrifft, geht Bayle streng systematisch vor. Immer wieder unterscheidet er in seiner Beweisführung nach dem aristotelischen Schema des Syllogismus Obersatz (erste Prämisse), Untersatz (zweite Prämisse) und Schlussfolgerung. Trotz seines starren, mathematisch-logischen Aufbaus wirkt Bayles Kommentar zu dem Bibelsatz über weite Strecken frisch und lebendig. Das liegt nicht nur an seiner anschaulichen Sprache, der gedanklichen Klarheit und dem leidenschaftlichen Tonfall, sondern auch an den vielen alltäglichen Beispielen.

Interpretationsansätze

  • Pierre Bayle geht von der Begrenztheit der menschlichen Urteilskraft aus. In Fragen der Religion, so der vom Rationalismus des Philosophen Descartes beeinflusste Bayle, könne eine absolute Wahrheit prinzipiell nicht erkannt werden. Daher sei es sinnvoller, sich an die allen Menschen durch die Vernunft gegebenen moralischen Gewissheiten zu halten.
  • Die moralische Relativierung religiöser Überzeugungen bedeutet aber nicht, dass diese für die Gläubigen nicht wahr sind. Bayle ist kein Skeptiker. Er distanziert sich immer wieder deutlich von den Sozinianern, einer unitaristischen Bewegung des 16. Jahrhundert, die christliche Dogmen wie etwa die Gottheit Christi im Namen der Vernunft anzweifelte. Bayle dagegen weist nur auf die Grenzen der Vernunft hin und lässt einem Glauben Raum, der nichts weiter sein will als Glaube.
  • Für Bayle besteht die höchste Pflicht darin, der Stimme des eigenen Gewissens zu folgen. Sofern ein Mensch seine Entscheidungen sorgsam und ehrlich abwägt und dann nach bestem Dafürhalten handelt, verhält er sich moralisch richtig. Dieses Konzept vom „irrenden Gewissen“, das Gott sucht, statt objektiven Vorgaben zu folgen, stellt eine radikale Subjektivierung des Gewissens dar. Das daraus resultierende Paradox, dass auch die katholischen Verfolger der Hugenotten sich auf die Gewissenspflicht berufen und damit ihre Gräueltaten rechtfertigen könnten, löst Bayle, indem er davon ausgeht, dass die vom natürlichen Licht der Vernunft eingegebenen Gesetze jede Art von Verbrechen von vornherein verbieten.
  • Während Bayle für Toleranz gegenüber Juden, Muslimen und sogar Heiden eintritt, schließt er Atheisten von der Toleranz aus. Wie wenig später John Locke in seinem Brief über die Toleranz argumentiert er, wer nicht an Gott glaube, könne sich nicht auf das unlösbar mit Gott verbundene Gewissen berufen.
  • Anders als bei Locke geht bei Bayle die Forderung nach religiöser Toleranz nicht mit der Forderung nach politischer Freiheit und einer demokratisch legitimierten Herrschaft einher. Bayle ist ein Anhänger der absolutistischen Monarchie und plädiert, wie Thomas Hobbes, für einen starken Staat als Schutz vor den Wirren des Naturzustandes.

Historischer Hintergrund

Die frühneuzeitliche Entwicklung des Toleranzbegriffs

Mit dem Edikt von Nantes von 1598 sicherte Heinrich IV. den französischen Protestanten – überwiegend Anhänger des Reformators Jean Calvin, sogenannte Hugenotten – Religionsfreiheit zu und zog damit einen Schlussstrich unter die jahrzehntelangen Hugenottenkriege. Doch sein Enkel Ludwig XIV. beschränkte unter dem Einfluss des Klerus ab 1660 erneut massiv die Rechte der Hugenotten, erteilte ihnen Berufsverbot und ließ ihre Gotteshäuser abreißen. Ab 1681 wurden in den Häusern von Hugenotten Soldaten einquartiert, um die Hugenotten mit Gewalt zur Konversion zu zwingen. Aus Angst vor den brutalen Übergriffen traten viele von ihnen tatsächlich zum Katholizismus über, die Mehrheit aber floh in die Niederlande und die Schweiz, nach England und Preußen. Im Edikt von Fontainebleau setzte der König 1685 den Katholizismus als Staatsreligion fest und verbot den Protestanten die Ausübung ihrer Religion. Pastoren, die sich weigerten, zum Katholizismus überzutreten, mussten innerhalb von zwei Wochen das Land verlassen. Wer floh, dem drohten Enteignung und Gefängnis.

Angesichts der durch die Reformation hervorgerufenen religiösen Auseinandersetzungen hatten schon im 16. Jahrhundert Humanisten wie Erasmus von Rotterdam oder Thomas Morus ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen christlichen Glaubensgemeinschaften gefordert. Sie verwiesen auf die Übereinstimmung in wesentlichen Fragen des Christentums. Zugleich setzte sich ein mit der Renaissance aufgekommener Individualisierungsprozess fort, der auch den Glauben betraf. Viele Menschen nahmen althergebrachte Traditionen und Überzeugungen nicht mehr fraglos hin, sondern prüften sie anhand ihres Gewissens. Nach der schmerzlichen Erfahrung der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert verbreitete sich in Europa allmählich die Einsicht, dass religiöse Streitigkeiten sich nicht mit Gewalt lösen lassen. Vor allem in religiös heterogenen Ländern wie England und Holland entstand eine Reihe von Plädoyers für Toleranz.

Mit der Ausbreitung des Rationalismus setzte sich nach und nach die Vorstellung durch, alle Wahrheiten und Dogmen müssten zunächst darauf geprüft werden, ob sie mit der Vernunft übereinstimmten. Rationalistische Denker wie Hugo Grotius, Samuel Pufendorf, Baruch de Spinoza oder John Locke zählten denn auch zu den glühendsten Verfechtern religiöser Toleranz. In seinem 1689 im holländischen Exil verfassten Brief über die Toleranz argumentierte Locke, dass sowohl die Vernunft als auch das Evangelium religiöse Toleranz geböten. Wie Bayle betonte er, Intoleranz sei für den Staat und die politische Ordnung viel gefährlicher als gegenseitige Toleranz, und forderte eine strikte Trennung von Staat und Kirche.

Entstehung

Nachdem 1681 die Akademie von Sedan – eine bedeutende Ausbildungsstätte für protestantische Denker und Pastoren, an der Pierre Bayle lehrte – geschlossen worden war, floh Bayle nach Rotterdam, wo er als Professor Philosophie und Geschichte unterrichtete. In dieser Zeit verfasste er eine Reihe kürzerer Schriften, in denen er sich mit Toleranz, Vernunft und Glauben beschäftigte. Obwohl die Texte anonym erschienen, wurde Bayle schon bald als Verfasser identifiziert und verfolgt. Da man ihn selbst nicht fassen konnte, sperrte man seinen Bruder Jacob Bayle ein, einen protestantischen Pfarrer, der kurz darauf im Gefängnis starb.

Zu Toleranz regte Bayle möglicherweise eine Predigt des französischen Bischofs und Vertrauten des Königs Jacques Bénigne Bossuet an. Bossuets Rede, die vermutlich auf Grundlage des von Bayle aufgegriffenen Bibelzitats „Nötige sie hereinzukommen“ 1685 den Widerruf des Edikts von Nantes rechtfertigte, ist heute nicht mehr erhalten. Bayle bezieht sich allerdings nicht direkt darauf. Vielmehr gibt er sich in der Vorrede zu Toleranz als Engländer aus, der von einem französischen Autor (leicht identifizierbar als Bayle selbst) aufgefordert worden sei, einen Kommentar zu besagter Bibelstelle zu verfassen. Die beiden ursprünglichen, 1686 in Rotterdam erschienenen Teile erweiterte Bayle 1687 und 1688 jeweils noch um einen dritten und vierten Teil, die indes keine neuen Argumente enthielten.

Wirkungsgeschichte

Wie alle Schriften Pierre Bayles war auch Toleranz schon zu Lebzeiten des Autors ein großer Erfolg. Theologen – auch calvinistische – kritisierten allerdings, der Autor habe die christliche Religion verunglimpft und verdächtigten ihn des Atheismus. 1708 wurde das Werk ins Englische, 1771 ins Deutsche übersetzt. Nachdem Toleranz von den Aufklärern des 18. Jahrhunderts wertgeschätzt wurde, geriet die Schrift im 20. Jahrhundert wieder in Vergessenheit. Erst in jüngster Zeit erfährt Bayles radikales Plädoyer für religiöse Toleranz und Gewissensfreiheit erneut größere Aufmerksamkeit.

Über den Autor

Pierre Bayle wird am 18. November 1647 im heutigen Carla-Bayle in den Pyrenäen geboren. Der Sohn eines hugenottischen Predigers studiert in Puylaurens und Toulouse. 1669 tritt er zum katholischen Glauben über. Nach 18 Monaten bereut er die Entscheidung und flieht als Renegat ins protestantische Genf. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer und vertieft sich in die Schriften seiner Zeitgenossen, unter anderem in die von René Descartes. Ab 1675 lehrt er Philosophie an der Akademie Sedan in Lothringen. Als Frankreichs Einfluss in Lothringen zunimmt, geht er nach Rotterdam und nimmt eine Stelle am städtischen Gymnasium an. In seinen ersten Werken, die 1682 und 1683 erscheinen, setzt er sich mit dem Glauben an Kometen auseinander. Schon hier entwickelt er die Idee, dass Atheisten durchaus ethische Grundsätze haben können. 1684 bis 1687 gibt er die Zeitschrift Nouvelles de la République des Lettres heraus. 1685 fliehen 200 000 Protestanten aus Frankreich, wo sie nach Aufhebung des Toleranzediktes nicht länger geschützt sind. Im selben Jahr wird Bayles Bruder Jacob inhaftiert und stirbt Monate später im Gefängnis in Bordeaux. Bayle fordert daraufhin umso nachdrücklicher die Trennung von Kirche und Staat und plädiert für Gewissens- und Religionsfreiheit. Das bringt ihm nicht nur den Unwillen der Katholiken, sondern auch den der Protestanten ein. Bayle verliert seine Stelle und konzentriert sich auf sein Mammutwerk, das Historische und kritische Wörterbuch (Dictionnaire historique et critique, 1697). Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er damit, auf Einwände gegen das Werk zu reagieren. Bayle gilt heute als einer der wichtigsten Denker der französischen Aufklärung. Er stirbt am 28. Dezember 1706 in Rotterdam


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