Zusammenfassung von Totem und Tabu

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Totem und Tabu Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Psychologie
  • Moderne

Worum es geht

Der Vater ist tot. Es lebe der Vater.

Totem und Tabu war Freuds erste Reise von der Individualpsychologie zur Kulturgeschichte des Menschen. Hier wie da ist seine gewagteste und umstrittenste Hypothese, der Ödipuskomplex, der entscheidende Aspekt: Ohne den unbewussten Wunsch des Sohnes, den Vater zu töten und die Mutter zu besitzen, wären weder Religion noch Kultur entstanden, so Freud. Viele seiner Spekulationen wurden von Ethnologen und Anthropologen zurückgewiesen. Doch das Ideengebäude hinter alldem ist verblüffend originell, elegant und einleuchtend. Alles passt plötzlich zusammen: Inzesttrieb und Inzesttabu, Totemtier und Opferkult, kindlicher Narzissmus und Magie, Vaterliebe und Vaterhass. Mit Totem und Tabu tat die junge Psychoanalyse einen bedeutsamen Schritt aus ihrer gerade erst entstandenen Komfortzone heraus. Das Ergebnis ist, wissenschaftlich haltbar oder nicht, ein erhellendes und inspirierendes Leseerlebnis.

Take-aways

  • Totem und Tabu ist Freuds erste psychoanalytische Schrift zur Kulturgeschichte.
  • Inhalt: Verschonung des Totemtieres und Vermeidung von Inzest sind die wichtigsten Tabus bei Naturvölkern. Diese Tabus wurden am Anfang der totemistischen Religionen begründet, als die Söhne den Vater der Urhorde ermordeten und aus Reue und in nachträglichem Gehorsam das Inzesttabu und das Totemtier als Vaterersatz erschufen. Unbewusst lebt der Urvatermord in religiösen Ritualen bis heute weiter.
  • Der Text besteht aus vier Essays, von denen der letzte die eigentliche Theorie enthält.
  • Zeitgleich mit der Entstehung und Veröffentlichung fand der Bruch Freuds mit seinem bisherigen Protegé C. G. Jung statt.
  • Der Text erntete starke Kritik – vor allem von Ethnologen, die Freud reine Spekulation vorwarfen.
  • Trotz der Kritik hatte der Text auch prominente Fürsprecher wie Thomas Mann.
  • Freud selbst war der Meinung, mit Totem und Tabu Bahnbrechendes geleistet zu haben.
  • Freuds fundamentale Religionsskepsis tritt hier besonders deutlich zutage, da er die Entstehung von Religionen mit Neurosen und Infantilität in Verbindung bringt.
  • Totem und Tabu markiert den Beginn eines fruchtbaren Austausches zwischen Ethnologie und Psychologie.
  • Zitat: „Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein Ende.“
 

Zusammenfassung

Die Inzestscheu

Die Psychoanalyse betont seit ihrer Gründung den Zusammenhang zwischen Individual- und Völkerpsychologie. Carl Gustav Jung wies als Erster auf Parallelen zwischen den kosmogonischen Mythen primitiver Völker und den Wahnvorstellungen von Geisteskranken hin. Es lag nahe, die stammesgeschichtliche mit der individuellen Entwicklung des menschlichen Seelenlebens zu vergleichen und so zu beiden Formen der Entwicklung Erkenntnisse zu gewinnen. Betrachtet man Völker am Anfang der kulturellen Entwicklung – etwa die Australier –, stellt man fest, dass ihre ganze gesellschaftliche Organisation der Vermeidung von Inzest gilt. Ihr Mittel dazu ist der Totemismus. Ein Totem ist zumeist ein Tier oder eine Pflanze, die nicht getötet oder verzehrt werden darf und einer Sippe als Stammvater und Schutzgeist dient. Das Totem regelt die Zugehörigkeit zu bestimmten Clans. Die Clans gehen über Familiengrenzen hinaus. Innerhalb der Clans ist bei den australischen Urvölkern jede geschlechtliche Beziehung verboten, nur zu Mitgliedern anderer Clans ist Sexualkontakt erlaubt. Dieses Phänomen nennt sich Exogamie.

„Der Geisteskranke und der Neurotiker rücken somit in die Nähe des Primitiven, des Menschen entlegener Vorzeit, und wenn die Voraussetzungen der Psychoanalyse richtig sind, muß, was ihnen gemeinsam ist, auf den Typus des kindlichen Seelenlebens zurückführbar sein.“ (S. 9)

Die Verbindung von Exogamie und Totem ist für den Betrachter zunächst unverständlich. Bei den meisten australischen Wilden wird die Exogamie, außer durch den Totemismus, durch komplexe Heiratsklassen weiter abgesichert. Derart starke Einschränkungen sind ein Beleg für eine weit größere Inzestscheu, als sie sich bei den Kulturvölkern findet. Weltweit haben Naturvölker Strategien entwickelt, um potenziell inzestgefährdete Personen wie Schwester und Bruder, Schwager und Schwägerin, Vater und Tochter voneinander fernzuhalten. Besonders streng sind die Regeln bei Schwiegermutter und Schwiegersohn. Aus psychoanalytischer Sicht zeigen sich hierin tiefer liegende, inzestuöse Motive: Die Mutter fühlt sich in ihre Tochter derart ein, dass sie sich in deren Bräutigam „mitverliebt“. Der Schwiegersohn wiederum überträgt die unbewusste inzestuöse Liebe zu seiner eigenen Mutter auf die Mutter der Braut. Beides führt auf dem Weg der Abwehr zu einem eher feindlichen Verhältnis zwischen Schwiegermutter und -sohn. Ein ähnlicher Mechanismus liegt der Inzestscheu der primitiven Völker zugrunde, die auf einer infantilen Entwicklungsstufe zurückgeblieben sind.

Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen

Das polynesische Wort „Tabu“ hat keine direkte Übersetzung. Es ist ein Sammelbegriff für gegensätzliche Attribute wie „heilig“ und „verboten“. Am besten lässt es sich als „heilige Scheu“ deuten. Das Tabu ist ein ungeschriebenes Gesetz, vermutlich älter als jede Religion. Seine Herkunft ist unbekannt, man unterwirft sich ihm „wie selbstverständlich“. Wenn man ein Tabu missachtet, wird man – wie bei einer Ansteckung – selbst tabu. Da unsere Gesellschaft den Urvölkern weit näher ist, als es scheint, hilft uns die Lösung des Taburätsels, den Ursprung unserer eigenen Moral besser zu verstehen. Aus den ethnologischen Forschungen von Wilhelm Wundt ergibt sich, dass das Tabu zunächst weniger ein Machtinstrument darstellte, als es vielmehr ein Ergebnis der Furcht vor Dämonen war. Später verselbstständigte sich das Tabu, wurde zur Sitte und schließlich zum Gesetz. Unbewusst bleibt es auch in späteren gesellschaftlichen Entwicklungsstufen bestehen.

„Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern für den Kernkomplex der Neurose zu erklären.“ (S. 31 f.)

Aus psychologischer Sicht können Dämonen nicht die letzte Instanz des Tabus sein. Wer sich mit Psychoanalyse beschäftigt, wird leicht die Parallele zwischen Zwangserkrankungen und Tabu erkennen. Man könnte die Ge- und Verbote, die sich Zwangskranke selbst auferlegen, als „Tabukrankheit“ bezeichnen. Das zentrale Verbot von Tabu wie Zwangserkrankung ist das Berührungsverbot. Das gilt nicht nur für das haptische Berühren, sondern auch für das Berühren durch Gedanken. Tabu und Zwangshandlung ähneln sich in weiteren Punkten: Die den Geboten zugrunde liegenden Motive sind nicht mehr bekannt; ein innerer Zwang drängt zur Einhaltung des Gebots; die „Unmöglichkeit“ eines Objekts kann andere Objekte anstecken, die so auch „unmöglich“ werden; die Verbote führen zu Ritualen zwecks Reinigung, Abwehr oder Sühne. Am Beispiel der Berührungsangst lässt sich die Verdrängung ins Unbewusste verfolgen: Das Kind berührt sich selbst aus Lust, was ihm dann von den Eltern verboten wird. Da es seine Eltern liebt, akzeptiert und befolgt das Kind deren Verbot. Der Trieb aber bleibt und wird ins Unbewusste verschoben. Es entsteht ein psychischer Konflikt, der für ambivalente Gefühle sorgt. Der Trieb weicht auf andere Objekte aus, das zwanghafte Verbot folgt ihm.

„Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begründeten Macht, die sich vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird zum Zwang der Sitte und des Herkommens und schließlich des Gesetzes.“ (S. 41)

Überträgt man das auf die Tabuvorschriften der Wilden, lässt sich sagen: Das Tabu betrifft unbewusste, verdrängte Triebe des ganzen Volkes – auch den Inzest und die Tötung des Totemtieres. Anhand von drei Tabus – nämlich denjenigen in Bezug auf Feinde, Herrscher und Tote, wie sie der Ethnologe James George Frazer beschreibt – zeigt sich, wie jene gefühlsmäßige Ambivalenz wirkt: Viele Naturvölker betrauern die von ihnen erschlagenen Feinde und müssen sich umfangreichen Reinigungs- und Reueritualen unterziehen, bevor sie wieder in die Gemeinschaft eintreten dürfen. Ebenso zeigt sich die Ambivalenz im Verhalten gegenüber den eigenen Herrschern: zärtliche Gefühle und Verehrung einerseits, Misstrauen und Feindseligkeit andererseits. Erhöhung und Erniedrigung greifen ineinander. Das Verhältnis des Primitiven zum Herrscher ist dem des Kindes zum Vater vergleichbar.

„Grundlage des Tabu ist ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten besteht.“ (S. 51)

Bei fast allen Naturvölkern gibt es Tabus in Bezug auf die Toten. Sehr verbreitet ist das Gebot, dass Menschen, die Tote berührt haben, lange keine Nahrung mehr berühren dürfen. Es gibt Vorschriften, die Verwitwete von den Lebenden fernhalten, und solche, die das Aussprechen des Namens Verstorbener verbieten. Verbreitet ist auch die Auffassung, dass die Toten zu Dämonen werden, die die Lebenden bedrohen. Aus psychoanalytischer Sicht ist dies ein Akt der Projektion, der Verlagerung eigener unbewusster Gefühle nach außen. Die unbewusste Feindseligkeit gegen den Toten wird mithilfe der Projektion dem Toten selbst zugeschrieben. So wird der eigene Gefühlskonflikt erledigt. Nach Ablauf der Trauer ist der Konflikt verblasst, und der dämonische Tote wird zum verehrten Ahnen. Das Tabu als „Kompromisssymptom des Ambivalenzkonflikts“ schwindet. Der doppeldeutige Begriff „Tabu“ (heilig bzw. verboten) lässt bereits auf die Herkunft des Phänomens aus der gefühlsmäßigen Ambivalenz schließen. Und was unterscheidet den Zwang des Neurotikers vom Tabu des Naturvolkes? Die Neurose ist ihrem Wesen nach asozial, denn sie entzieht sich der Gesellschaft zugunsten einer internen Fantasie- und Zwangswelt. Das Tabu dagegen reglementiert individuell unbewusste Triebe auf sozialer Ebene.

Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken

Die Menschheit hat in ihrer Geschichte drei weltanschauliche Phasen durchlaufen: eine animistische, eine religiöse und eine wissenschaftliche. Eine der frühen Kulturtechniken des Menschen im animistischen Zeitalter war die Magie. Zwei magische Prinzipien waren dabei das der Ähnlichkeit (etwa Regenmachen durch Regengeräusche) und das der Zusammengehörigkeit (dass etwa der Besitz von Haaren, Nägeln oder Kleidungsstücken eines Feindes Macht über diesen verleiht). Die Triebfeder der Magie ist der Wille des primitiven Menschen. Ihn befriedigt er durch „motorische Halluzination“ seiner Erfüllung. Es zeigt sich hier das Vertrauen des animistischen Menschen oder auch des Kindes in die „Allmacht der Gedanken“. Auch der Zwangskranke geht von dieser Allmacht aus. Seine abergläubischen Wenn-dann-Verkettungen und die damit verbundenen Zwangshandlungen haben den gleichen Charakter wie Magie. Sie sind „Gegenzauber zur Abwehr der Unheilserwartungen“.

„Auch das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatze zwischen dem bewußten Schmerz und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her.“ (S. 89)

Derlei Allmachtsfantasien finden sich auch in der Individualentwicklung, und zwar im frühkindlichen Narzissmus. Das Kind verhält sich hier, als sei es in sich selbst verliebt. Der Narzissmus wiederum entspringt dem Autoerotismus, einer frühen sexuellen Entwicklungsstufe des Kindes. Vergleicht man die kindlichen mit den kulturellen Entwicklungsstufen, lassen sich Parallelen erkennen: Der Animismus entspricht dem Narzissmus, das religiöse Stadium der Bindung des Kindes an die Eltern, die wissenschaftliche Phase dem Stadium des Erwachsenen, der es aufgegeben hat, dem Lustprinzip zu folgen. Magisches Denken hat sich in unserer Kultur in der Kunst erhalten.

Die infantile Wiederkehr des Totemismus

Nach J. G. Frazer ist ein Totem ein „materielles Objekt“, das aber für eine Gattung steht, etwa eine bestimmte Tierart. Das Totem hat Geltung für einen Stamm, ein Geschlecht oder eine Person. Das System, das sich aus dem Totemismus ergibt, ist religiös und sozial. Die bisherigen Theorien zur Entstehung der Totems lassen sich in drei Gruppen einteilen: nominalistische, soziologische und psychologische Theorien. Nominalistische Theorien sehen den Ursprung des Totemismus in der Praxis der frühen Menschen, ihre Gemeinschaften nach Tieren zu benennen. Hier spielen Herkunft des Namens und des Totems keine Rolle. Soziologische Theorien gehen davon aus, dass das Totem früher gesellschaftliche Funktionen – etwa als Zeremonialobjekt – erfüllt hat. Psychologische Theorien sehen den Ursprung des Totems unter anderem in dessen Funktion als Zufluchtsort der menschlichen Seele oder auch im Glauben der Wilden, Frauen würden schwanger infolge der Befruchtung durch ein bestimmtes Tier, eine Pflanze oder ein Objekt.

„Somit ist das Überwiegen der sexuellen Triebanteile gegen die sozialen das für die Neurose charakteristische Moment.“ (S. 103)

Psychoanalytische Untersuchungen zu Tierphobien von männlichen Kindern haben ergeben: Das Tier repräsentiert den Vater. Hier wirkt der sogenannte Ödipuskomplex; der Junge sieht den Vater als sexuellen Rivalen im Kampf um die Mutter. Hinzu kommt die unbewusste Angst des Jungen, durch den Vater kastriert zu werden. Er befindet sich dadurch in einem Ambivalenzkonflikt dem Vater gegenüber und verschiebt seine feindseligen und ängstlichen Gefühle auf ein Ersatzobjekt, in diesem Fall ein Tier – eine Art negativer Totemismus. Anhand einer Beobachtung von Sándor Ferenczi zeigt sich der Zusammenhang von Vater und Totemtier noch deutlicher: Ein kleiner Junge wurde beim Urinieren von Hühnern am Genital verletzt und benimmt sich nun selbst wie ein Huhn. Er identifiziert sich mit dem Objekt seiner Angst und will später ein Hahn – wie der Vater – werden. Die Meinung der Primitiven, das Totem sei ihr Ahnherr, zeigt den Zusammenhang. Bei einer Identität von Vater und Totemtier ergeben auch die beiden zentralen Tabuverbote – Tötung des Totemtiers und sexueller Kontakt innerhalb der Totemgemeinschaft – Sinn.

„Zusammenfassend können wir nun sagen: das Prinzip, welches die Magie, die Technik der animistischen Denkweise regiert, ist das der ,Allmacht der Gedanken‘.“ (S. 119)

Der Religionsforscher Robertson Smith kam bei der Untersuchung verschiedener früher Opferkulte zu dem Ergebnis, dass das Tieropfer das älteste unter den Opfern ist und dass alle Mitglieder der Gemeinschaft das Opfertier verzehrten. So entstand eine Blutsgemeinschaft zwischen Menschen, Opfertier und Gott. Das Opfertier muss aber nach Robertson Smith als Totemtier verstanden werden. Während des Opferfestes wurde die Unversehrtheit des Totems unterbrochen. Der Clan verzehrte und verband sich so mit seiner Totemgottheit, seine Mitglieder verbanden sich untereinander.

„Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien der Kinder gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wiederkehren.“ (S. 177)

Die Psychoanalyse schlägt folgende Erklärung für den Ursprung von Totemismus und Exogamie vor: Die Urhorde hat einen Vater und viele unterjochte Söhne. Diese töten den Vater und verzehren ihn. Nach Befriedigung ihrer Mordlust befällt die Brüder aufgrund ihrer ambivalenten Gefühle Reue. Sie projizieren ihre zärtlichen Gefühle auf einen Vaterersatz: das Totemtier. Dieses wird ihnen heilig. Als Bruderclan, der den Vaterclan abgelöst hat, beschließen die Söhne in einem Akt des „nachträglichen Gehorsams“ (und zur Vermeidung von gegenseitigem Neid) den Verzicht auf die Frauen des Clans. So entstehen Totemismus und Exogamie aus dem Schuldbewusstsein der Söhne gegen ihren ermordeten Vater. Im Lauf der Zeit gesellt sich zur Reue wieder der Sohnestrotz. Die ambivalenten Gefühle gegenüber dem Vater erleben im Opfermahl ein Ventil. Dabei wird der Vatermord erneut – in der Gemeinschaft – begangen. Die Gesellschaft findet ihren Zusammenhalt nun in der Gleichheit der Brüder, der geteilten Schuld und der gemeinsamen Buße.

„Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier, der primitive Gott selbst, durch dessen Tötung und Verzehrung die Clangenossen ihre Gottähnlichkeit auffrischten und versicherten.“ (S. 187)

Die Vatersehnsucht des Bruderclans erschafft nun neben und über dem Totemtier einen weiteren, höheren Vaterersatz: den Gott. Ihm bringt man das Totemtier als Opfer dar. Die Verbindung des Opfers zum Urmord tritt noch deutlicher im Menschenopfer zutage. Das Christentum geht sogar noch weiter, indem der Sohn sich selbst als Sühneopfer anbietet und an der Seite des Vaters, ja eigentlich an seiner Stelle herrscht. In der neuen „Sohnesreligion“ gegenüber der älteren „Vaterreligion“ kehrt die Totemmahlzeit als Abendmahl wieder. Auch in der griechischen Tragödie spiegelt sich der Konflikt zwischen Vater (tragischer Held) und Söhnen (Chor) wider: Der schuldige Held, bedauert durch den Chor, nimmt sein selbst verschuldetes Schicksal an und spricht so den Chor von jeder Schuld frei. Abschließend bleibt festzustellen: Der Ödipuskomplex ist der Beginn von Religion, Gesellschaft und Kunst, zudem die Basis aller Neurosen. Die Völkerpsychologie beruht auf der Annahme einer Massenpsyche. Die Vorgänge dieser Massenpsyche vererben sich in Form von Sitten und Gebräuchen. Die Tat, der Mord am Urvater, lebt im Unbewussten weiter.

Zum Text

Aufbau und Stil

Totem und Tabu vereint vier Essays, wobei die drei ersten Texte als Vorbereitung für die Entwicklung der eigentlichen Theorie im vierten und umfangreichsten Teil dienen. Die einzelnen Teile sind wiederum in thematisch aufeinander aufbauende Unterabschnitte gegliedert. Im vierten Teil werden die Ergebnisse der bisherigen drei Teile noch einmal kurz zusammengefasst. Der gesamte Text enthält zahlreiche Verweise und Zitate, viele davon in englischer Sprache. In einigen Fällen fügt Freud sehr lange Zitate in den Text ein. Seine Sprache ist trotz etlicher psychoanalytischer Fachbegriffe – die allerdings erklärt werden – gut verständlich und populärwissenschaftlich gehalten. Wie in all seinen Schriften zeigt sich Freud als Meister des klaren Ausdrucks, der stilistischen Schlichtheit und der überzeugenden Argumentation.

Interpretationsansätze

  • Freud interpretiert die Erbsünde als Ur-Vatermord. Während in der biblischen Überlieferung die Erbsünde im Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis besteht, sieht Freud sie in der urzeitlichen Ermordung und dem Verzehr des Vaters durch die rebellierenden Söhne.
  • In Totem und Tabu zeigt sich Freuds fundamentale Religionskritik. Religion beruht laut Freud hauptsächlich auf einem unbewussten und über die Generationen vererbten Schuldkomplex im Zusammenhang mit der Ermordung des Urvaters. Gott ist daher ein Produkt der menschlichen Psyche.
  • In der Verwendung von Vokabeln wie „Primitive“ oder „Wilde“ zeigt sich die koloniale Überheblichkeit des Europäers gegenüber den Naturvölkern. Die Annahme, dass diese Völker auf einer früheren und damit rückständigen Entwicklungsstufe stehen, ist ein weiteres Indiz für diese Überheblichkeit. Dennoch betont Freud auch die Verwandtschaft der Kulturvölker mit den Naturvölkern.
  • Die Grundvoraussetzung von Totem und Tabu ist an die sogenannte biogenetische Grundregel des Zoologen Ernst Haeckel angelehnt. Diese besagt, dass Lebewesen im Lauf ihrer Embryonalentwicklung Phasen ihrer Stammesentwicklung durchlaufen. Freud überträgt das Verhältnis auf den Zusammenhang von kindlicher, individualpsychologischer Entwicklung auf der einen und stammesgeschichtlicher Entwicklung des Menschen auf der anderen Seite.
  • Das Buch ist auch ein Reflex auf die Grabenkämpfe innerhalb der Psychoanalyse. Die starke Betonung von Ödipuskomplex und sexueller Libido als Triebfedern aller menschlichen Regungen kann als ein Statement gegen Carl Gustav Jung verstanden werden. Dieser hatte den Freud’schen Libido-Begriff aufzuweichen versucht, indem er ihn nicht ausschließlich sexuell interpretierte. Es ging Freud beim Verfassen von Totem und Tabu also auch um Deutungshoheit und um die Klärung von Fronten und Allianzen.
  • Totem und Tabu widmet sich kaum der Rolle der Mutter und überhaupt nicht der Rolle der Tochter. Kritiker meinen, in dieser auffallenden Auslassung eine biografische Selbstbespiegelung Freuds und eine Verarbeitung des Verhältnisses zu seinem eigenen Vater zu sehen.

Historischer Hintergrund

Der Imperialismus und die Faszination des „Wilden“

Um 1900 stand der europäische Imperialismus in voller Blüte. Die großen Expeditionen hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten weißen Flecken auf der Landkarte gefüllt. Das große Unbekannte wurde nach und nach bekannt – und den europäischen Großmächten einverleibt. Vor allem britische Reisende wie der Naturforscher Charles Darwin zeichneten ihre Beobachtungen in Übersee akribisch auf und teilten sie in viel gelesenen Büchern mit. Die Faszination des Fremden hatte bereits früher Blüten getrieben, doch um 1900 erreichte das Interesse an fremden Völkern und Sitten mit den viel besuchten „Völkerschauen“ ihren Höhepunkt. So veranstaltete etwa Carl Hagenbeck ab den 1880er-Jahren und später in seinem 1908 in Hamburg gegründeten Tierpark regelmäßig solche Ausstellungen, in denen vor allem Angehörige afrikanischer Stämme zu beobachten waren.

Nicht nur in den Kolonialmächten, auch in den nichtkolonialen europäischen Staaten gab es reges Interesse an den exotischen Völkern der Welt. Allein in Sigmund Freuds Heimatstadt Wien wurden zwischen 1870 und 1910 mehr als 50 solcher Völkerschauen gezeigt. Auch in der Literatur spiegelte sich die Begeisterung für sogenannte primitive Völker. So schuf Karl May 1893 seinen Winnetou, Rudyard Kipling veröffentlichte 1901 seinen Roman Kim, der aus stark kolonialistisch gefärbter Perspektive von den Abenteuern eines Jungen im britisch regierten Indien erzählt. Auch die Wissenschaft widmete sich den Naturvölkern. Es herrschte allgemein die Vorstellung, in den Stammeskulturen Ur- und Vorformen der eigenen Kultur erkennen zu können. Dem allgemeinen Interesse stand allerdings nur wenig wirtschaftlicher Transfer gegenüber. Obwohl etwa der deutsche Kaiser Wilhelm II. kaum eine Gelegenheit ausließ, für Deutschlands Kolonialanspruch zu werben, betrug der Import-Export-Anteil aus dem Handel mit den Kolonien um 1912 nur 0,02 Prozent des gesamten Außenhandels.

Entstehung

In einem Brief an seinen Freund und Kollegen Sándor Ferenczi schrieb Sigmund Freud 1910: „Der letzte Grund der Religionen ist die infantile Hilflosigkeit des Menschen.“ Wie es scheint, begann Freud in diesem Jahr mit der Arbeit an Totem und Tabu. Bereits 1907 hatte er in seiner Schrift Zwangshandlungen und Religionsübungen die Neurose als „individuelle Religiosität“, die Religion als „universelle Zwangsneurose“ bezeichnet. Damit war der Grundstein seiner Totemschrift schon früh gelegt. Andere Quellen waren unter anderem ethnologische Schriften von James Frazer oder auch Wilhelm Wundt – aber auch die letzten Veröffentlichungen von C. G. Jung, gegen dessen Libido-Begriff sich Freud explizit abgrenzte. Von Anfang an war Freud der Überzeugung, mit seiner Schrift Totem und Tabu Bahnbrechendes zu leisten. 1912 und 1913 veröffentlichte er die vier Essays in aufeinanderfolgenden Ausgaben der Zeitschrift Imago, die er selbst herausgab. Während der Niederschrift des letzten der vier Teile von Totem und Tabu kam es zum offiziellen Bruch zwischen Freud und seinem Protegé C. G. Jung. 1913 erschienen die vier Essays als Buch – ergänzt um den sperrigen Untertitel „Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“.

Wirkungsgeschichte

Totem und Tabu überraschte die Lesergemeinde Freuds. Der Autor der viel beachteten und bewunderten Traumdeutung betrat hier aus Sicht seiner bisherigen Anhänger ohne Not Neuland. Das nahm mancher ihm übel. Eine der ersten kritischen Stimmen, die 1914 hart mit Freuds Schrift ins Gericht gingen, war Carl Furtmüller, ehemaliges Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Furtmüller unterstellte Freud, er stelle Fantasie über Logik. Großen Anklang fand das Werk hingegen bei Thomas Mann, der sich über Stil und Inhalt sehr lobend äußerte. Nach dem Ersten Weltkrieg fand Totem und Tabu auch in den USA große Verbreitung und erregte dort den Unmut vieler Ethnologen. 1920 veröffentlichte der amerikanische Ethnologe Alfred Kroeber in der Zeitschrift American Anthropologist seine Sicht auf die völkerkundlichen Voraussetzungen in Freuds Schrift. Darwins „Urhorde“ bezeichnete Kroeber als ebenso spekulativ wie Freuds pauschale Darstellung des Totemismus und den Zusammenhang mit der Exogamie.

Auch wenn vieles mittlerweile wissenschaftlich widerlegt ist, bleibt Freuds Totem und Tabu der Einstieg in einen interdisziplinären Austausch verschiedener Wissenschaften rund um den Menschen. Autoren wie Claude Lévi-Strauss, Bronislaw Malinowski, Margaret Mead, Fritz Morgenthaler oder George Devereux wurden durch Freuds Schrift über die Entstehung der Religion aus dem Ödipuskomplex maßgeblich beeinflusst. Noch heute befasst sich ein eigener Forschungszweig, die Ethnopsychoanalyse, mit den Theorien Freuds.

Über den Autor

Sigmund Freud wird am 6. Mai 1856 im mährischen Freiberg, in der heutigen Tschechischen Republik, geboren. Sein Vater ist ein erfolgreicher jüdischer Kaufmann. Vier Jahre nach Sigmunds Geburt zieht die Familie nach Wien. Hier absolviert Freud das Gymnasium und beginnt anschließend ein Medizinstudium. Von 1876 bis 1882 ist er als Assistent im physiologischen Laboratorium tätig und erforscht unter anderem das Nervensystem von Aalen. Seine Promotion erhält er 1881. Im Jahr darauf lernt er seine spätere Frau Martha Bernays kennen. Nach einigen Jahren am Allgemeinen Krankenhaus fährt er 1885 nach Paris, um sich vom dortigen Professor Charcot in der Kunst der Hypnose ausbilden zu lassen. In Paris setzt er sich mit der Hysterie als Krankheit auseinander – und lernt, wie diese mithilfe der Hypnose ansatzweise kuriert werden kann. 1886 kehrt Freud nach Wien zurück und eröffnet seine Privatpraxis. Zusammen mit Josef Breuer veröffentlicht er 1895 die Studien über Hysterie. Gleichzeitig beginnt er, seine eigenen Träume zu analysieren. 1896 bezeichnet er seine Therapieform zum ersten Mal mit dem Begriff „Psychoanalyse“. 1900 erscheint Die Traumdeutung, Freuds erste größere theoretische Arbeit. In Wien gründet er zusammen mit einigen Anhängern die Psychoanalytische Gesellschaft. Jahrbücher und Kongresse folgen und ein enger Kreis von Freudianern schart sich um den Wiener Psychoanalytiker. Doch ab 1911 verlassen ihn einige Mitglieder, unter ihnen Alfred Adler und Carl Gustav Jung, weil sie sich von Freuds teilweise dogmatischen Ansichten unter Druck gesetzt fühlen und eigene Theorien vertreten. Trotz eines Krebsleidens bleibt Freud hochproduktiv. Zu seinen wichtigsten Schriften gehören Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905), Totem und Tabu (1913), Jenseits des Lustprinzips (1920), Das Ich und das Es (1923) sowie Das Unbehagen in der Kultur (1930). Nach Hitlers Einmarsch in Österreich flieht Freud nach London, wo er am 23. September 1939 an einer Überdosis Morphium stirbt.


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