Zusammenfassung von Verfall und Untergang des römischen Imperiums

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Verfall und Untergang des römischen Imperiums Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Geschichte
  • Aufklärung

Worum es geht

Untergang einer Weltmacht

Sein Werk Verfall und Untergang des römischen Imperiums werde so lange Bestand haben wie die englische Sprache überhaupt, wurde in einem Nachruf auf Edward Gibbon prophezeit. Tatsächlich erfreut sich das mehrtausendseitige Buch, das zwischen 1776 und 1788 erschien, immer noch erstaunlicher Beliebtheit. Das liegt nicht zuletzt an der literarischen Qualität, die schon von Zeitgenossen gepriesen wurde und das Werk zu einem Lesegenuss macht. In elegant-ironischem Tonfall, der sich bisweilen zu bitterbösem Sarkasmus steigert, lästert der Autor über degenerierte Herrscher, verweichlichte Adlige und über die Christen, für deren sanfte Demut er nur Verachtung übrig hat und deren Intoleranz er scharf kritisiert. Hass und Liebe, Machtbesessenheit und Luxus, Intrigen und blutige Schlachten – alles, was einen guten Historienschinken ausmacht, ist hier zu finden. Doch Gibbon war nicht nur ein großer Erzähler, sondern auch der erste moderne Historiker, der die politische Geschichte des Römischen Reiches mit sozial- und religionsgeschichtlichen Ansätzen und philosophischen Betrachtungen verknüpfte.

Take-aways

  • Edward Gibbons Verfall und Untergang des römischen Imperiums ist ein Klassiker der Geschichtsschreibung.
  • Inhalt: Im zweiten Jahrhundert n. Chr. erlebt Rom seine Blütezeit. Doch in der Größe liegt bereits der Keim des Verfalls: Die Ausdehnung des Reiches, der Niedergang soldatischer Disziplin und bürgerlicher Tugenden sowie der fatale Einfluss des Christentums schwächen das Imperium und machen es schließlich zur leichten Beute für die Barbaren.
  • Als überzeugter Anhänger der Aufklärung glaubte Gibbon, man könne aus der Geschichte für die Zukunft lernen.
  • Sein Buch, das für seine literarische Qualität gepriesen wurde, erlangte schon bald Bestsellerstatus.
  • Gibbons Werk folgt einem chronologischen Ablauf, der aber immer wieder durch sozial- und religionsgeschichtliche Exkurse unterbrochen wird.
  • Als erster moderner Historiker nutzte Gibbon eine große Bandbreite antiker Quellen und zeitgenössischer historischer Werke.
  • In einer gemischten Verfassung und in der Gewaltenteilung im Staat sah Gibbon den wirksamsten Schutz vor Tyrannei.
  • In sarkastischem Ton spottet er über christliche Ideale, Mönche und Märtyrer.
  • Unter Christen aller Konfessionen rief seine Relativierung der Opferzahlen bei der Christenverfolgung Empörung hervor.
  • Zitat: „Der Niedergang Roms (…) war die natürliche und unausweichliche Folge seiner übermäßigen Größe.“
 

Über den Autor

Edward Gibbon wird am 27. April 1737 in Putney, südwestlich von London, als ältestes Kind einer begüterten, dem Landadel angehörenden Familie geboren. 1746 stirbt seine Mutter. Der kränkliche Junge, der von seiner Tante aufgezogen wird, entwickelt schon früh einen großen Lesehunger. Bereits mit 15 Jahren nimmt er das Studium an der Universität Oxford auf, die er wegen seines Übertritts zum Katholizismus 1753 verlassen muss. Der Religionswechsel beunruhigt auch den Vater, der Edward zur Umerziehung nach Lausanne zu einem calvinistischen Geistlichen schickt. Hier kehrt er nicht nur zum Protestantismus zurück, sondern lernt auch Sprachen und weltmännische Umgangsformen. Er verlobt sich mit der schönen und gebildeten Suzanne Curchod, löst die Beziehung auf Wunsch seines Vaters aber wieder auf. Zurück in England leistet er 1760 seinen Dienst bei der Miliz ab und schreibt einen philosophischen Essay, der ihm Zutritt zu den Pariser Salons verschafft. Dort lernt er unter anderem Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert kennen. Durch den Tod des Vaters 1770 wird Gibbon finanziell unabhängig. Zugunsten einer Existenz als freier Schriftsteller in London gibt er das Landleben auf und verkehrt in höchsten intellektuellen und gesellschaftlichen Kreisen. Von 1776 bis 1788 veröffentlicht er die sechs Bände seiner History of the Decline and Fall of the Roman Empire (Verfall und Untergang des römischen Imperiums). Der schon zu Lebzeiten berühmte Historiker zieht ins Unterhaus des Parlaments ein, später tritt er den Freimaurern bei. Ab 1784 lebt Gibbon, der durch seine Fettleibigkeit, seine extravagante Kleidung und seine affektierten Manieren auffällt, mit seinem Freund Jacques Georges Deyverdun auf dessen prächtigem Anwesen in Lausanne. Der Tod des Freundes 1789, der Beginn der Französischen Revolution, die in die Schweiz überzugreifen droht, und körperliche Beschwerden belasten Gibbon zunehmend. Während eines Besuchs bei seinem Freund Lord Sheffield in England, dem er bei der Trauer um dessen verstorbene Frau beistehen will, verschlechtert sich sein gesundheitlicher Zustand dramatisch. Edward Gibbon stirbt am 16. Januar 1794 in London.

 

Zusammenfassung

Roms Größe birgt bereits den Keim des Verfalls

Das zweite Jahrhundert n. Chr. war die Blütezeit des Römischen Reiches. Die Kaiser jener Epoche von Nerva bis Mark Aurel folgten dem Vorbild des großen Augustus, indem sie die Grenzen des Reiches sicherten, ohne nach neuen Eroberungen zu streben. Es war eine lange Periode des Friedens, der Sicherheit und der religiösen Toleranz. Statt die unterworfenen Provinzen zu unterdrücken, integrierte Rom sie, indem es den Einwohnern das Bürgerrecht erteilte und die Privilegien der Römer nach und nach auf alle Bewohner des Reiches ausdehnte. Durch Erziehung, Bildung und den Export der lateinischen Sprache zivilisierten die Römer die Barbaren und gaben ihnen neue Sitten und Gesetze. Von Rom aus breitete sich der Fortschritt allmählich bis in die finstersten Regionen Europas, Asiens und Afrikas aus. In den öffentlichen Bauten und Aquädukten, Tempeln und Thermen im Reich spiegelten sich die Wertschätzung der Bürger für ihr Staatswesen und der alte republikanische Geist wider, der trotz der Einführung der Monarchie fortlebte.

„Im zweiten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung umfasste das Römische Reich die schönsten Gebiete der Erde und den kultiviertesten Teil des Menschengeschlechts.“ (Bd. I, S. 11)

In den eroberten Provinzen herrschten jedoch nicht die Freiheitsliebe und der Nationalstolz, die zur Verteidigung des Vaterlands nötig waren. Ohne jeden persönlichen Einsatz vertrauten die Bürger ihre Gesetzgebung dem Souverän und ihre Kriegsführung gekauften Söldnern an. Gleichgültigkeit und Schlaffheit machten sich breit. Bereits zur Regierungszeit des Augustus zeigten sich erste Anzeichen politischer Dekadenz: Das Prinzip der Gewaltenteilung weichte auf, der Kaiser erweiterte seine Befugnisse. Augustus gestaltete Rom zu einer absoluten Monarchie um, unter äußerer Wahrung republikanischer Formen und bürgerlicher Freiheiten, die zur Farce gerieten. Weise Herrscher wie Hadrian, Trajan oder Mark Aurel nutzten die Verfassung zum Besten des Staates; unter zügellosen, lasterhaften Kaisern wie Commodus oder Iulianus jedoch herrschten Korruption und Bürgerkrieg. Der ebenso kluge wie beliebte, dabei hochmütige und ehrgeizige Septimius Severus brachte zwar den inneren Frieden zurück, beraubte den Senat aber endgültig seiner Autorität. Er beendete die republikanische Tradition und versetzte dem Römischen Reich damit den Todesstoß.

Dekadenz und die Bedrohung durch die Barbaren

Unter Severus’ Sohn Caracalla verfiel die Moral im Heer, einst Stütze des Römischen Reiches, weiter: Er erhöhte den Sold, schröpfte den Staat, um Soldaten zu bereichern, gewährte ihnen Privilegien und schwächte so die Kampfkraft des Heeres. In der Regierungszeit des aus Syrien stammenden Elagabal breiteten sich orientalischer Despotismus, Aberglaube, weibischer Luxus und Verweichlichung am Hof aus. Unter seinem Nachfolger Alexander kehrten zwar wieder Pflichtbewusstsein, Bescheidenheit und Milde ein, doch gelang es Alexander nicht, das zügellose Heer zu reformieren und dessen Macht zu begrenzen. Zu inneren, verfassungsrechtlichen Veränderungen, die das Reich in seinen Grundfesten erschütterten, kamen die Käuflichkeit von Privilegien und Titeln sowie neue Steuern hinzu. Die gebildeten Bürger sicherten sich Ämter und überließen das schmutzige Kriegshandwerk den Bauern und Barbaren, was zu Verrohung und Disziplinverlust in der Armee führte.

„Die Prinzipien einer freien Verfassung sind unrettbar verloren, wenn die gesetzgebende Gewalt von der vollziehenden Gewalt berufen wird.“ (Bd. I, S. 84)

Die Erbmonarchie wird oft belächelt, aber sie sichert Frieden und hält Cliquen in Bann. In Rom, wo sie nie Wurzeln schlug, maßte sich jeder Feldherr das Recht auf den Thron an. Das bot Nährboden für Parteienkämpfe und Intrigen. Ein Kaiser, oftmals von Soldaten bestimmt, folgte auf den nächsten. Das eigenmächtige, zügellose Militär brachte sogar einen Araber, einen Goten und einen Syrer auf den Thron. War das exklusive römische Bürgerrecht einst mit Pflichten und Tugenden verbunden, so erhielten nun Massen von Provinzbewohnern Privilegien der Römischen Republik, ohne deren Geist zu übernehmen. Die innere Schwäche des Reiches machte dieses zum leichten Opfer für die Barbaren des Nordens und des Ostens.

„Im Aufruhr bürgerlicher Zwietracht büßen die Gesetze des Staates ihre Kraft ein, und nur selten treten an ihre Stelle jene der Menschlichkeit.“ (Bd. I, S. 114)

Die durch raues Klima abgehärteten, kriegslüsternen Barbaren des Nordens waren arm und wild, aber dafür unabhängig und frei. Die Mitglieder eines Stamms waren aktiv in die Gestaltung des Gemeinwesens eingebunden, sie kämpften für die Ehre, nicht für Sold. Ihre Frauen waren, noch nicht durch die elegante Lebensart verdorben, treu und keusch. Rom dagegen war um die Mitte des dritten Jahrhunderts geschwächt durch die rasche Folge von Kaisern und Tyrannen sowie durch Hunger und Pest. In der Folgezeit machten Claudius und Aurelian sich daran, Roms alten Glanz und die Stärke der Armee zu erneuern, doch die Einfälle der Germanen an der Donau und am Rhein konnten auch sie nicht verhindern. Kaiser Tacitus versuchte gar, dem Senat seine alte Würde zurückzugeben und die Republik wiederherzustellen – vergebens. Dass die Heere und Provinzen dem verweichlichten Adel Roms jemals wieder gehorchen würden, entpuppte sich bald als Illusion. Ohne eine reale militärische Macht im Hintergrund blieb die Politik Roms wirkungslos.

Die Ausbreitung des Christentums

Der kluge Diokletian reformierte das Regierungssystem, indem er das Reich teilte und sich drei Mitregenten zur Seite stellte, von denen er einem den Titel Augustus und den beiden anderen den Titel Caesar verlieh. Er sicherte damit Roms Macht, legte aber auch den Grundstein für die Trennung in ein West- und ein Oströmisches Reich. Sein Nachfolger Konstantin duldete keinen Mitregenten im Reich und vereinigte im Jahr 324, nach verlustreichen Bürgerkriegen, das Römische Reich erneut. Er war es auch, der die fatale Trennung von Bürgertum und Militär einführte und den Aufstieg des Christentums beförderte, einer Religion, die mit ihrer Lehre von Kleinmut, Geduld und passivem Gehorsam die Gesellschaft entmutigte, ihr den letzten Rest soldatischer Tugend raubte und dafür die verweichlichte Trägheit der Mönche propagierte. Zudem machte er Byzanz, das später in Konstantinopel umbenannt wurde, zur neuen Hauptstadt des Reiches – die Bedeutung Roms sank.

„Die zivilisiertesten Nationen des heutigen Europa sind aus den Wäldern Germaniens hervorgegangen, und in den primitiven Einrichtungen jener Barbaren lässt sich noch immer der Ursprung unserer heutigen Sitten und Gesetze erkennen.“ (Bd. I, S. 271)

Der Erfolg der Christen beruhte nicht nur auf dem Eifer ihrer Anhänger, sondern auch auf der Mär von der Unsterblichkeit der Seele: Die Verheißung ewiger Glückseligkeit erschien Menschen verschiedenster Herkunft und Religionen attraktiv und bescherte den Christen Zulauf aus allen Provinzen. Alle Übel im Reich – von Kriegen über Hungersnöte bis zur Pest – ließen sich mit dem drohenden Weltende und der baldigen Wiederkunft Christi erklären. Die frühen Christen waren demütig und sanft, tugendhaft und bescheiden. Das war ihre große Stärke angesichts des verderbten Zustands des Reiches. Immer mehr Menschen lehnten den gekünstelten, jeder Vernunft widersprechenden Polytheismus ab. Da aber Sehnsucht nach religiöser Bindung ein zutiefst menschliches Bedürfnis ist, wurde diese Leerstelle sogleich vom Christentum besetzt. Besonders anfällig waren die Armen und Ungebildeten, die unter den irdischen Verhältnissen litten und auf das Glück im Jenseits hofften. Einst sanft und nachgiebig, zeigten die Christen, sobald ihre Religion Fuß fasste, eine bis dahin in der antiken Welt ungekannte Intoleranz gegenüber Andersgläubigen. So mancher unbekümmerte Polytheist schloss sich allein aus Angst vor höllischer Bestrafung oder unter dem Eindruck vermeintlicher Wunder der christlichen Sache an.

„Der Niedergang Roms aber war die natürliche und unausweichliche Folge seiner übermäßigen Größe.“ (Bd. V, S. 320)

Die Schlichtheit und Strenge der Christen, ihre Ablehnung irdischer Freuden, Ämter und Güter weckte indes das Misstrauen des sonst in religiösen Dingen so toleranten römischen Staates. Nero verfolgte sie mit großer Grausamkeit, im Übrigen aber gediehen die Christen – entgegen mancher Märtyrerlegenden – meist in relativem Frieden und im Geist liberaler Toleranz, sofern sie sich nicht in ihrem überbordenden Eifer selbst den Obrigkeiten auslieferten. Insgesamt haben sich die Christen untereinander mehr Grausamkeit zugefügt, als sie jemals durch Heiden erfuhren.

Die Christen und die Macht in Rom

Mit seiner Bekehrung zum Christentum drückte Konstantin einem großen Teil der Welt seinen Stempel auf. Möglicherweise standen dahinter auch politische Beweggründe: Die tugendhafte, sittliche, auf Belohnung und Strafe gründende Religion der Christen beförderte bürgerliche Eintracht, Demut und Gehorsam – Eigenschaften, die dem absoluten Monarchen zur Festigung seiner Herrschaft nützten. Konstantins Bündnis mit der katholischen Kirche begünstigte seine eigenen ehrgeizen Pläne und sicherte ihm die Loyalität der Christen, die innerhalb des Staates ihre eigene Verwaltung aufbauten. Er schrieb die Bewahrung des einzig wahren Glaubens auf seine Fahnen und unterdrückte mit aller Härte abweichende Sekten und heidnische Bräuche. Die mit großer Intoleranz und Verbissenheit ausgetragenen Streitigkeiten verfeindeter Sektierer führten zur inneren Spaltung der christlichen Kirche.

„Die Geschichte seines Einsturzes ist einfach und ganz offensichtlich, und statt zu fragen, warum das Römische Reich zerstört wurde, sollten wir vielmehr darüber erstaunt sein, dass es so lange bestanden hat.“ (Bd. V, S. 320)

Der freiheitsliebende Philosophenkönig Julian, der 361 den Thron bestieg, verabscheute das von Diokletian und Konstantin installierte System des Despotismus. Er misstraute eifernden Gläubigen und streitenden Bischöfen, erkannte ihre profanen Motive und machte sich zum Anwalt des im Volk noch verbreiteten alten Heidentums. Er gewährte allen Bewohnern des Römischen Reiches uneingeschränkte Toleranz – sehr zum Verdruss der Christen, die seit vier Jahrzehnten an der zivilen und kirchlichen Herrschaft im Reich beteiligt waren. In seinem Anliegen, die Christen all ihrer Machtpositionen und Privilegien zu berauben, ging Julian allerdings zu weit und reizte ihren Zorn. Die christlichen Untertanen, inzwischen ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, klagten über grausame Verfolgung, verweigerten sich ihrem Souverän und verleumdeten ihn als Tyrannen.

Ansturm der Germanen

Unter Theodosius, der die von den Hunnen nach Süden und Westen verdrängten Goten zuerst besiegte und ihnen dann erlaubte, sich auf römischem Gebiet anzusiedeln, erstarkten die Christen wieder und das Heidentum sank zur Bedeutungslosigkeit herab. Zugleich wurde das Christentum, diese einst so schlichte Religion, durch Heiligen- und Reliquienverehrung verunreinigt. Die Märtyrer wurden wie Götter angebetet – eine Wiederkehr des Polytheismus und heidnischen Aberglaubens unter christlichen Vorzeichen. Nach Theodosius’ Tod, mit dem auch der Geist Roms dahinschied, wurde das Reich 395 endgültig in ein West- und ein Oströmisches Reich aufgeteilt. Die Person des Theodosius hatte das zerrüttete und gespaltene Reich noch zusammengehalten. Seine Söhne Honorius und Arcadius, die sich als Kaiser des Westens und des Ostens die Herrschaft teilten, waren jung und unerfahren. Das Volk konnte nunmehr weder auf seine erschlafften Soldaten noch auf die gestürzten Götter oder einen starken Monarchen bauen.

„So können wir uns in der freudigen Gewissheit beruhigen, dass mit jedem Weltalter der wirkliche Reichtum, das Glück, das Wissen und vielleicht auch die Tugend des Menschengeschlechts sich vermehrt haben und sich weiterhin vermehren.“ (Bd. V, S. 329)

Am weströmischen Hof, der nun in Ravenna residierte, herrschten Planlosigkeit und Günstlingswirtschaft. Der frömmelnde Kaiser Honorius vergab hohe Ämter nur noch an Katholiken, Bischöfe regierten die Kirche, verweichlichte Eunuchen übernahmen die Staatsgeschäfte. In Britannien und Gallien häuften sich Kämpfe und Rebellion. Gotenkönig Alarich nutzte die Schwäche Roms und fiel zum wiederholten Mal in Italien ein. 408 zog er mit seinen Truppen sogar bis nach Rom, belagerte und plünderte die wehrlose Stadt, in der der Adel nicht mehr wie einst zu den Waffen griff, sondern sich dem Luxus und Vergnügungen hingab. Das Schicksal der Bevölkerung war hart, aber das Ende der Welt, wie von der Kirche behauptet, war es nicht.

Die Barbaren errichten ihr Reich auf den Trümmern Roms

Zu Beginn des fünften Jahrhunderts hatten sich Horden von Barbaren der schönsten Regionen Europas und Asiens bemächtigt. Einmal dort angekommen, übernahmen sie die Annehmlichkeiten und Laster der zivilisierten Welt. Unter ihrem Herrscher Attila verbreiteten die Hunnen in Ost und West um die Mitte des Jahrhunderts erneut Angst und Schrecken. In Italien hinterließen sie eine Spur der Verwüstung und allgemeine Not. Die Bewohner wurden unterdrückt und durch Steuern so belastet, dass sie den einst begehrten Status als römische Bürger verabscheuten. Rom verkam zusehends, die öffentlichen Gebäude verfielen – nicht durch die Barbarenangriffe, sondern weil die Römer selbst ihre Theater, Thermen und Bibliotheken geringschätzten und diese höchstens noch als Baumaterial nutzten. Die Barbaren ihrerseits waren an das Königtum gewöhnt – zwei Herrscher im Reich erschienen ihnen überflüssig. Der Senat, inzwischen nur noch ein machtloses Instrument, stimmte 476 zu, den Sitz des Reiches und die Kaiserwürde nur noch in Konstantinopel weiterzuführen, aber nicht mehr in Rom. Italien, diese stolze Nation, einst dem Rest der Menschheit überlegen, wurde nun erstmals von einem Barbarenkönig, Odoaker, regiert.

Roms Niedergang als historisches Lehrstück

Im alten Rom hatte jeder Bürger die Pflicht, notfalls mit dem Schwert für den Staat zu kämpfen. Mithilfe dieser unbezwingbaren Waffengewalt dehnte die kleine Republik ihre Grenzen immer weiter aus, wuchs zum Imperium – und zerbrach daran. Überfluss und Reichtum beschleunigten den Verfall, und schließlich brach das riesige Gebäude unter seiner eigenen Last zusammen.

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Aufbau und Stil

Edward Gibbons mehr als 2000 Seiten umfassendes Werk Verfall und Untergang des römischen Imperiums folgt weitgehend einem chronologischen Aufbau, der allerdings immer wieder durch Exkurse, etwa über Kirchengeschichte, unterbrochen wird. In 38 gut überschaubaren Kapiteln mit an den Rand gesetzten Zwischenüberschriften erzählt Gibbon, der – für seine Zeit unüblich – regen Gebrauch von Fußnoten macht, die Geschichte Roms vom zweiten bis zum fünften Jahrhundert. Im Zentrum der Darstellung, die sich auf antike Quellen ebenso wie auf zeitgenössische Historiker stützt, stehen Kriege und innenpolitische Entwicklungen, doch widmet sich der Autor in längeren Abschnitten auch immer wieder sozial-, alltags- und religionsgeschichtlichen Aspekten. Gibbon erweist sich als großer, ungeheuer wortgewandter und sprachmächtiger Erzähler, der Schlachten, politische Auseinandersetzungen und Verschwörungen, aber auch Sitten und Gebräuche einzelner Völker farbig und detailreich schildert. Nebenbei stellt er philosophische Betrachtungen über Gott und die Welt, den Menschen und seine natürlichen Mängel an. Kennzeichnend für Gibbons lakonischen, schnörkellosen Stil ist eine heitere ironische Distanz, die sich mitunter zu sarkastischer Polemik steigern kann.

Interpretationsansätze

  • Als überzeugter Anhänger der Aufklärung glaubte Edward Gibbon an den Fortschritt der Menschheit und betrachtete die Geschichte als Lehrmeisterin: Aus Roms Untergang sollten kommende Generationen lernen, in der Zukunft rechtzeitig ähnliche Fehlentwicklungen zu erkennen und zu vermeiden.
  • Gibbon neigt zwar zur Idealisierung des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, bewertet es aber nicht – wie oft behauptet – als Goldenes Zeitalter. Vielmehr erkennt er schon hier gravierende soziale und institutionelle Mängel, die durch tugendhafte Kaiser in den Hintergrund traten. Insgesamt misst er dem Charakter des Herrschers eine große Bedeutung bei.
  • Während des Schreibens entwickelte Gibbon ein Bild der Geschichte, in der auf Zerstörung stets der Wiederaufbau folgt und Verfall auch immer die Chance auf Fortschritt birgt. Im europäischen Mächtegleichgewicht seiner Zeit wie auch im Fortschritt der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sah Gibbon einen zuverlässigen Schutz vor Tyrannei und vor möglichen Angriffen unzivilisierter Völker.
  • Gibbon machte zwar Luxus und Dekadenz des Adels für den Niedergang des Römischen Reiches mitverantwortlich, sah aber – angeregt durch David Hume und Adam Smith – durchaus auch den wirtschaftlichen Nutzen egoistischen Handelns.
  • Den Christen mit ihrer Tendenz, sich von der Gesellschaft abzusondern und eine eigene Organisation als Staat im Staat aufzubauen, gab der Protestant Gibbon eine Mitschuld am Niedergang des Römischen Reiches. Er rechtfertigte damit indirekt ihre Verfolgung durch die römischen Machthaber.
  • Gibbon nutzte alle ihm zugänglichen Quellen, von antiken Quellensammlungen über literarische Werke bis zu Texten von Historikern, Biografen und Altertumsforschern, und überprüfte kritisch ihre Glaubwürdigkeit. Bis heute gilt er daher als erster moderner Historiker der römischen Geschichtsschreibung.

Historischer Hintergrund

Das Ideal der gemischten Verfassung

Bereits in der Antike findet sich der Gedanke, dass Staaten einen natürlichen, zwangsläufigen Entstehungs- und Verfallsprozess durchlaufen. Auf der Grundlage von Aristoteles entwarf Polybios im zweiten Jahrhundert v. Chr. den sogenannten Kreislauf der Verfassungen, wonach mit der Zeit jede Regierungsform degeneriert: Die Monarchie wird zur Tyrannei, diese zur Aristokratie und Oligarchie, dann folgen Demokratie und Ochlokratie (Herrschaft des Pöbels). Nach Polybios’ Auffassung konnte nur eine ausgewogene Mischverfassung mit monarchischen, aristokratischen und demokratischen Elementen einen Staat vor der natürlichen Dekadenz bewahren – im Rom seiner Zeit sah er diese Verfassung realisiert. Auch der Renaissancedenker Niccolò Macchiavelli hielt Anfang des 16. Jahrhunderts die gemischte Verfassung für die beste und führte Roms einstige Größe darauf zurück.

Im Zeitalter der Aufklärung verhalf neben John Locke der französische Staatsphilosoph Montesquieu der Idee der Gewaltenteilung zum Durchbruch. In seinem berühmten Werk Vom Geist der Gesetze (1748) lehnte er die absolutistische Staatsform, wie sie in Frankreich herrschte, ab und propagierte eine verfassungsmäßige Abgrenzung der drei Staatsgewalten Legislative, Exekutive und Judikative. Diese drei Gewalten müssten auf unterschiedliche Institutionen übertragen werden, damit die Machtbalance innerhalb des Staates gewährt bleibe. Die gegenseitige Kontrolle der einzelnen Gewalten verhindere Machtmissbrauch und Willkür des Herrschers und garantiere den Erhalt der Freiheit.

Wie manche seiner aufgeklärten Zeitgenossen sah Gibbon das Ideal einer Mischverfassung am ehesten in der antiken Römischen Republik, aber auch in seiner britischen Heimat verwirklicht. Das englische System, das auf der Gewaltenteilung zwischen König, Adelskammer und Unterhaus aufbaute, verfügte über wirksame „checks and balances“, die verhinderten, dass eine der Gewalten die Oberhand über die anderen erlangte. Demokratischen Tendenzen, wie sie auch in der Französischen Revolution zutage traten, stand er dagegen skeptisch gegenüber und beurteilte sie als Tyrannei der Massen.

Entstehung

In den Jahren 1763/64 beschäftigte sich Gibbon zur Vorbereitung einer Reise durch Italien intensiv mit Rom und der römischen Geschichte. Später schrieb er, er habe den Plan, Verfall und Untergang des römischen Imperiums zu verfassen, in der Abenddämmerung vor den Trümmern des Kapitols gefasst. Ehe er sich tatsächlich an die Niederschrift des Werks machte, vergingen allerdings noch Jahre. Gibbons Ansprüche waren sehr hoch: Wie seine großen Vorbilder Tacitus und Montesquieu wollte er die Historie zum Anlass für geschichtsphilosophische Betrachtungen nehmen, darüber aber die in mühsamer Kleinarbeit erworbenen Einzelerkenntnisse der Quellenforschung nicht vernachlässigen. Zudem sollte sein Werk gut lesbar sein, weshalb er das erste Buch dreimal schrieb, bis er endlich mit Ton und Satzrhythmus zufrieden war.

Die ersten drei Bände (die in der vorliegenden Ausgabe auf sechs Bände verteilt sind), erschienen zwischen 1776 und 1781 in London. Nach der Fertigstellung des dritten Bandes, der mit allgemeinen Überlegungen über das Weströmische Reich endet, betrachtete Gibbon sein Werk zunächst als abgeschlossen. Sollte es beim Publikum allerdings gut ankommen, schrieb er, würde er die angenehme Anstrengung auf sich nehmen und weiterschreiben. Tatsächlich ließ er nach überaus positiven Reaktionen auf die ersten Teile drei weitere Bände über die Geschichte des Oströmischen Reiches folgen, die 1788 erschienen.

Wirkungsgeschichte

Verfall und Untergang des römischen Imperiums wurde schon bald nach seinem Erscheinen ein Bestseller und stieß in ganz Europa auf große Resonanz. Laut Adam Smith stellte sich Gibbon mit diesem Werk an die „Spitze der Literatenfamilie“ Europas. Zugleich erregte es heftigen Widerspruch unter Christen verschiedener Konfessionen, und dies noch weit über den Tod des Autors hinaus. Viele Leser reagierten empört auf Gibbons abfällige Äußerungen über die christliche Religion und auf seine Annahme, dass der Christenverfolgung weniger Menschen zum Opfer gefallen seien als bisher behauptet. Zeitweise stand Verfall und Untergang des römischen Imperiums sogar auf dem Index verbotener Bücher der katholischen Kirche. Auch in Deutschland, wo erste Übersetzungen noch vor Abschluss des Gesamtwerks veröffentlicht wurden, löste das Buch zwiespältige Reaktionen aus. Trotz mancher Kritik am Quellenumgang wurde auch hierzulande Gibbons schriftstellerische Leistung bewundert. Die Historiker Barthold Georg Niebuhr und Theodor Mommsen, beide selbst Verfasser von Geschichtswerken über Rom, lobten vor allem die literarische Qualität des Buches.


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