Zusammenfassung von Vermutungen und Widerlegungen

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Vermutungen und Widerlegungen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Kritischer Rationalismus als Lebenshaltung

Als Karl Popper 1963 in England einen Sammelband mit Aufsätzen und Vorträgen veröffentlichte, genoss er bereits über philosophische Fachkreise hinaus ein hohes Ansehen. Das Themenspektrum des Buches reicht von den griechischen Vorsokratikern, denen sich der Philosoph stets verpflichtet fühlte, über erkenntnistheoretische Fragen bis hin zu aktuellen politisch-gesellschaftlichen Problemen. Durch alle Kapitel zieht sich wie ein roter Faden Poppers Werben für eine kritisch-rationalistische Haltung und für die stete Überprüfung eigener Traditionen und Überzeugungen. Mit seiner Position, dass eine Theorie nur als wissenschaftlich bezeichnet werden kann, wenn sie sich überhaupt falsifizieren lässt, distanzierte sich Popper deutlich vom logischen Positivismus des Wiener Kreises, der ihn maßgeblich beeinflusste. Seine ebenso elegante wie klare Prosa macht das Buch trotz aller Komplexität zu einem großen Lesevergnügen. Popper ist kein abgehobener Elfenbeinturmbewohner: Was er über Dogmatismus, Toleranz und Demokratie äußert, ist von ungebrochener Aktualität.

Take-aways

  • Der Band Vermutungen und Widerlegungen ist eine Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen des Philosophen Karl Popper.
  • Inhalt: Die Methode der Induktion, die von einzelnen Beobachtungen auf Regeln schließt und daraus Theorien ableitet, ist unwissenschaftlich. Die einzig gültige und nützliche Methode besteht darin, eigene Theorien kritisch zu prüfen und eventuell zu widerlegen. Nur so ist Fortschritt möglich – in der Wissenschaft wie in der Politik.
  • Poppers Wissenschaftstheorie wurde vom logischen Positivismus des Wiener Kreises beeinflusst.
  • Dennoch distanzierte sich Popper immer wieder von dessen Methode der Verifikation.
  • Nach Popper sammelt der wahre Wissenschaftler nicht einfach Fakten; er denkt sich mögliche Lösungen für Probleme aus und überprüft sie erst dann.
  • Eine Theorie ist für Popper nur dann wissenschaftlich, wenn sie falsifizierbar ist.
  • Im Gegensatz zu Wittgenstein ging Popper davon aus, dass es nicht nur sprachliche Rätsel, sondern auch echte philosophische Probleme gibt.
  • Dazu zählten auch politische und gesellschaftliche Fragen, an die man selbstkritisch und ohne ideologische Scheuklappen herangehen müsse.
  • Aufgrund von Übersetzungsproblemen ließ die deutsche Ausgabe 30 Jahre auf sich warten.
  • Zitat: „Ich bin Rationalist, womit ich ausdrücken will, dass ich an Diskussion und an Argumentation glaube.“
 

Zusammenfassung

Irren ist menschlich – und fördert die Erkenntnis

Die optimistische Erkenntnistheorie von Bacon und Descartes, wonach wir die Wahrheit, wenn sie vor uns steht, auch erkennen, ist ein Mythos. Und doch setzte sie eine Revolution in Gang, indem sie den Menschen zum eigenständigen Denken anregte, ihn ermutigte, Autoritäten und Traditionen infrage zu stellen, und die Entstehung der modernen Naturwissenschaft ermöglichte. Allerdings ersetzt sie die alten Autoritäten durch die Sinne und den Intellekt als unfehlbare Instanz und verkennt, dass alle Erkenntnis menschlich ist und somit Irrtümern, Vorurteilen und Hoffnungen unterworfen ist. Empiristen wie Locke oder Hume dagegen zweifelten alle Behauptungen an und glaubten die Wahrheit zu finden, indem sie dem Ursprung unseres Wissens nachgingen. Aber auch sie täuschten sich, weil sie von einer letzten, unverfälschten Quelle der Erkenntnis ausgingen. Reine Erkenntnis ist eine Illusion. Statt an eine letzte Autorität zu appellieren – sei sie nun göttlich oder menschlich –, sollten wir fragen, wie wir den Irrtum am besten erkennen und ausschalten können. Die Antwort des kritischen Rationalismus, der letztlich auf die alten Griechen zurückgeht, besteht darin, die eigenen Theorien und Vermutungen einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

„Als Erkenntnistheoretiker gibt es für mich nur ein Ziel: den Problemen der Erkenntnistheorie auf den Grund zu gehen und sie auf ihre Wahrheit zu prüfen, gleichgültig, ob diese Wahrheit mit meinen politischen Überzeugungen übereinstimmt oder nicht.“ (S. 7)

Unser Wissen beruht zum größten Teil auf Tradition, auf Büchern und Erzählungen. Erkenntnis beginnt nicht mit nichts und auch nicht mit reiner Beobachtung, sondern stützt sich auf überlieferte Wahrheiten. Diese kritisch zu untersuchen und ggf. umzustoßen, darin besteht der Fortschritt unseres Wissens. Ein Mangel an Klarheit und Folgerichtigkeit ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass wir es mit Unwahrheiten zu tun haben. Erkennen wir überlieferte Irrtümer als solche, sind wir auf dem besten Weg zur Wahrheit, die es – entgegen allen pessimistischen Erkenntnistheorien – tatsächlich gibt, auch wenn sie tief verborgen ist. Jeder neue Wissenszuwachs lässt uns umso deutlicher das Ausmaß unserer grenzenlosen Unwissenheit erkennen. Auch wenn die Wahrheit unerreichbar ist, sollten wir nicht aufhören, danach zu suchen.

Der falsche Glaube an Induktion

Nach allgemeinem Verständnis zeichnet sich Wissenschaft durch ihre empirische Methode aus, die induktiv ist, also auf wiederholter Beobachtung und auf Experimenten beruht. Was aber unterscheidet etwa Einsteins Relativitätstheorie von der marxistischen Geschichtstheorie oder der Freud’schen Psychoanalyse, die alle vorgeben, wissenschaftlich zu sein? Für deren Anhänger scheinen alle empirischen Fakten diese Theorien zu bestätigen, tatsächlich aber können alle Beobachtungen in ihrem Sinn gedeutet werden. Das ist die Schwäche dieser Theorien: Sie passen immer und sind praktisch unwiderlegbar. Ganz anders die Gravitationstheorie, die unvereinbar mit bestimmten Beobachtungen und daher eine riskante Vorhersage ist. Die Wissenschaftlichkeit einer Theorie ist ihre Überprüfbarkeit und Widerlegbarkeit.

„Die Wahrheit ist, in Wahrheit, oft sehr schwer zu finden, und selbst wenn man sie gefunden hat, geht sie nur allzu leicht wieder verloren.“ (S. 10)

Hume behauptete, wir würden unser Wissen über die Welt erlangen, indem wir Wiederholungen von Ähnlichem beobachten und daraus auf Regelmäßigkeiten schließen. Aber das stimmt nicht. Wir warten nicht passiv auf Regelmäßigkeiten, sondern wir bemühen uns aus einem angeborenen Bedürfnis heraus, Regelmäßigkeiten zu entdecken. Wir schreiben der Welt aktiv ihre Gesetze vor und zwingen ihr unsere Interpretationen auf. In gleicher Weise sind unsere wissenschaftlichen Theorien keineswegs das Ergebnis zufälliger Beobachtungen, sondern vielmehr Erfindungen und Vermutungen. Entgegen einem verbreiteten Missverständnis führt der Weg nicht von der Beobachtung zur Theorie, sondern unsere Beobachtungen sind selektiv und werden immer schon von Hypothesen und Erwartungen bezüglich gewisser Gesetzmäßigkeiten gelenkt. Die dogmatische Haltung lässt uns an Erwartungen festhalten, während eine kritische Haltung uns in die Lage versetzt, diese starren Muster zu erkennen, zu überprüfen und ggf. zu modifizieren oder zu verwerfen. Dieses ständige Bemühen, eigene Vermutungen zu widerlegen, und nicht die Regeln der Induktion – um die sich übrigens Galilei und Einstein nicht kümmerten –, zeichnet die wahre wissenschaftliche Methode aus. Überall Bestätigungen für die eigene Theorie zu finden, wie die Anhänger Marx’ und Freuds es tun, ist dagegen scheinwissenschaftlich.

Philosophische Probleme und wissenschaftliche Traditionen

Wittgenstein befand, es gebe keine philosophischen, sondern nur naturwissenschaftliche Probleme. Philosophie sei keine Theorie, sondern eine Beschäftigung. Der Ursprung philosophischer Schwierigkeiten sei im Missbrauch der Sprache zu finden. Die Aufgabe des Philosophen sei es, die rein sprachlichen Rätsel und Scheinprobleme, die die traditionelle Philosophie geschaffen habe, als Unsinn zu entlarven und die Menschen zu lehren, sich klar und präzise auszudrücken. Auf das sinnlose Geplapper vieler Philosophen, etwa Hegels, trifft Wittgensteins Kritik zweifellos zu – und doch gibt es echte philosophische Probleme. Platons Theorie über den Aufbau der Materie etwa wurde zwar von physikalischen Problemen inspiriert, sie stellt aber den Versuch dar, die Welt und unsere Möglichkeiten der Erkenntnis in einem neuen Licht zu sehen – ein zutiefst philosophischer Ansatz. Es ist ein philosophisches Problem, an dem alle Menschen, die denken, interessiert sind: die Welt, in der wir leben, und uns selbst zu verstehen.

„Die Irrtümer, die wir als solche erkannt haben, scheinen mit einem schwachen Licht, das uns helfen kann, den Weg aus dem Dunkel der Höhle zu finden.“ (S. 43)

Wenn wir uns der Prägung durch Traditionen auch nicht entziehen können, sollten wir sie dennoch niemals unkritisch übernehmen und auch nicht einfach ablehnen, sondern sie verstehen und dann kritisch annehmen. Unsere wissenschaftliche Tradition geht auf die Philosophie der griechischen Vorsokratiker zurück: Sie versuchten zu begreifen, was in der Natur vor sich geht. Im Unterschied zu vorwissenschaftlichen Mythendichtern, die Naturphänomene mit göttlichem Wirken erklärten, führten die Vorsokratiker kühne Theorien über die Welt ein. Sie ersetzten die religiöse Tradition durch eine neue, die mythenkritisch und rationalistisch war, sie diskutierten mögliche Erklärungen, statt sie kritiklos zu übernehmen. Diese kritische und argumentative Einstellung bildet bis heute die Grundlage der wissenschaftlichen Methode. Auch die Wissenschaft produziert – wie die Religion – Mythen; aber sie stellt diese zur Diskussion und verwirft sie, wenn sie bessere findet. Ein Wissenschaftler, der Neues entdecken will, sollte nicht einfach Beobachtungen anhäufen und daraus Schlüsse ziehen, sondern bei Problemen in aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen ansetzen. Es geht nicht darum, mit Traditionen zu brechen, sondern diese kritisch zu prüfen und fortzuführen. Allein diese Vorgehensweise führt zu einem Wachstum wissenschaftlicher Erkenntnis. Eine falsche Theorie kann dabei ebenso fruchtbar sein wie eine wahre, denn sie regt Kritik an.

Wissenschaftlicher Fortschritt

Ein Blick auf die Wissenschaftsgeschichte lässt erkennen, dass eine neue Theorie immer an eine ältere Tradition anknüpft. Galilei ebenso wie Descartes und Newton waren große Kritiker des Aristoteles, und doch gehörten sie zur aristotelischen Tradition. Gerade ihr Bespiel zeigt, dass astronomische Beobachtungen und physikalische Experimente Theorien nicht vorangehen, sondern dass sie vielmehr Prüfungen und kritische Fragen darstellen, die mithilfe von Theorien der Natur gestellt werden. Kant widerlegte den Mythos von Bacon, wonach wir aus unseren Beobachtungen Theorien logisch ableiten: Wir müssen mit Hypothesen an die Natur herantreten und sie befragen, um in der Wissenschaft voranzukommen.

„Ich glaube, dass es der Mühe wert ist, den Versuch zu machen, mehr über die Welt zu erfahren, selbst wenn alles, was bei dem Versuch herauskommt, nichts ist als die Erkenntnis, wie wenig wir wissen.“ (S. 45)

Das Sammeln zufälliger Beobachtungen bringt dagegen keinerlei Erkenntnisgewinn. Die Welt, wie sie uns erscheint, ist unsere Interpretation dessen, was wir im Licht unserer Theorien und Mythen beobachten. Einstein ging noch einen Schritt weiter und erkannte in den Theorien freie, intuitive Schöpfungen unseres Verstands. Indem er abweichende Theorien und sogar mehrere Interpretationen ein und derselben Sache zuließ, revolutionierte er die Wissenschaft. Er befreite den Menschen davon, an die wahre und einzige Theorie zu glauben und sie der Natur aufzuzwingen. In aller Freiheit entwerfen wir kühne Theorien und versuchen nicht, sie zu beweisen. Vielmehr prüfen wir sie selbstkritisch, versuchen sie zu widerlegen und korrigieren sie wenn nötig. Wenn eine kühne Theorie mit Voraussagen, die gemäß unserem aktuellen Wissen unlogisch sind, solch strenger Überprüfung standhält, hat sie sich bewährt.

„Ich bin Rationalist, womit ich ausdrücken will, dass ich an Diskussion und an Argumentation glaube.“ (S. 517)

Probleme und Widersprüche in unseren Theorien bringen die Wissenschaft voran. Das Wachstum wissenschaftlicher Erkenntnis aber wird niemals zu Ende sein, da unsere Unwissenheit unendlich ist. Bedroht wird der wissenschaftliche Fortschritt vielmehr durch einen Mangel an Fantasie und den falschen Glauben an Präzision. Wissenschaft ist die Suche nach der Wahrheit, aber nicht nur der reinen Wahrheit, sondern nach interessanten, relevanten Wahrheiten, die unser Hintergrundwissen erweitern. Die alte Frage, ob es eine objektive Wahrheit im Sinn einer Übereinstimmung mit Tatsachen überhaupt gibt, ist eindeutig zu bejahen. Dies objektive Wahrheit lässt sich vergleichen mit einem Berggipfel, der durch Wolken verhüllt ist. Der Bergsteiger kann sich nie sicher sein, ob er oben angekommen ist, da er durch die dichten Wolken nicht unterscheiden kann, ob er den Hauptgipfel oder nur einen Nebengipfel erreicht hat – und doch existiert objektiv ein Gipfel.

„Die Revolutionstheorie übersieht den wichtigsten Aspekt des sozialen Lebens – dass wir nicht so sehr gute Menschen als vielmehr gute Institutionen brauchen.“ (S. 528)

Aus Sicht der Dialektiker folgt wissenschaftlicher Fortschritt im dialektischen Dreischritt. Zuerst gibt es eine These, die durch eine Antithese herausgefordert wird, bis eine Lösung zustande kommt, die sogenannte Synthese; diese verbindet die Stärken und vermeidet die Schwächen der beiden ersten Schritte. Die Synthese wiederum provoziert eine Gegenthese, und alles beginnt von vorn. Dialektiker betonen die Fruchtbarkeit von Widersprüchen, aber diese bringen die wissenschaftliche Entwicklung nur voran, wenn man sie nicht duldet. Theorien, die Widersprüche enthalten, werden beliebig und bringen keinen Wissenszuwachs. Besser ist es, die Terminologie von These und Antithese zu vermeiden und stattdessen von einer Methode des Versuchs und Irrtums zu sprechen. Zu welchem starren Dogmatismus dialektisches Denken führen kann, zeigt der wissenschaftliche Marxismus, der auf Hegels Dialektik beruht. Er ist die beste Warnung davor, Philosophie zur Grundlage der Wissenschaft zu machen.

Kritik am Marxismus

Nach Ansicht der Marxisten ist es die Aufgabe der Sozialwissenschaften, historische Prognosen zu liefern, etwa über soziale Revolutionen. Als Anhänger des Historizismus glauben sie, die Menschheitsgeschichte verlaufe nach Plan und lasse sich positiv beeinflussen, sofern man diesen kennt. Sie unterscheiden dabei nicht zwischen Prognose und historischer Prophezeiung und verkennen, dass die Gesellschaft, wie auch die Evolution des Menschen, sich nicht zyklisch entwickelt. Es ist naiv zu glauben, soziale Phänomene ließen sich ebenso untersuchen wie Tiere und Pflanzen. Die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist es, Einblick in das soziale Leben zu geben und mögliche Folgen unserer Handlungen aufzuzeigen.

„Arbeite lieber für die Beseitigung konkreter Missstände als für die Verwirklichung abstrakter Ideale.“ (S. 553)

An den humanitären Zielen von Marx und seinen Anhängern ist an sich nichts aussetzen. Aber mit revolutionären Mitteln, wie Marx sie propagierte, lassen sich diese Ziele nicht verwirklichen – im Gegenteil, diese Mittel schaffen nur noch mehr Leid und Gewalt und zerstören die Freiheit. Ein Umsturz der Institutionen und Traditionen bedroht auch immer die bestehende Wertordnung. Die Revolution stellt alles infrage – auch die hehren Ziele der Revolutionäre selbst. Zudem übersehen Marxisten, dass Macht korrumpiert. Was wir brauchen, sind daher nicht bessere Menschen, sondern gute Institutionen, die uns vor schlechten Herrschern schützen. Eine staatlich verordnete Steigerung des allgemeinen Glücks führt leicht in die Diktatur. Der Staat sollte hier und jetzt konkrete soziale Missstände beseitigen, statt ein fernes, abstraktes Ideal vom Glück der Menschheit zu verfolgen. Das Streben nach Glück sollte ohnehin Privatsache sein. Im Unterschied zum Marxismus setzt der Liberalismus nicht auf revolutionäre, sondern auf evolutionäre Entwicklung. In der Macht des Staates, die eng begrenzt sein sollte, erkennt er ein notwendiges Übel. Der demokratische Staat erweist den Bürgern keine Wohltaten, sondern bildet nur den Rahmen für deren selbsttätiges Handeln.

Liberale Gesellschaftskritik statt Utopismus

Nur eine rationale, kritische Haltung, die auf vernünftige Argumente setzt, bringt die gesellschaftliche und politische Entwicklung voran. Utopien dagegen, mögen sie noch so menschenfreundlich sein, stellen eine Gefahr dar, denn sie sind intolerant und reagieren auf abweichende Meinungen gern mit Unterdrückung und Gewalt. Wir können nicht den Himmel auf Erden schaffen, aber wir können das Leben in dieser Welt stetig etwas weniger elend und ungerecht machen, indem wir Kranke und Schwache unterstützen, Kriege und Unterdrückung bekämpfen, Arbeitslosigkeit beseitigen und Chancengleichheit schaffen. Betrachtet man die vergangene und gegenwärtige Entwicklung in der Gesellschaft unserer freien Welt, besteht Grund, optimistisch zu sein. Wir haben aus Fehlern gelernt und sind der Wahrheit ein Stück nähergekommen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Vermutungen und Widerlegungen vereint 20 Aufsätze und Vorträge Karl Poppers zu ganz verschiedenen Themen: von der Wissenschaftstheorie über altgriechische Philosophie bis zu gesellschaftspolitischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Dennoch wirkt die Zusammenstellung nicht beliebig. Das Werben für eine kritisch-rationalistische Haltung und für Wissenszuwachs durch kühne, streng überprüfbare Thesen – ob in Wissenschaft oder Politik – zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Kapitel. Da Popper sich in den meisten der hier abgedruckten Beiträge an ein breiteres Publikum wandte, ist er spürbar um Verständlichkeit bemüht; er schreibt einnehmend und elegant. Selbst seine Darstellung komplexer wissenschaftstheoretischer, mathematischer und linguistischer Probleme bleibt gut verständlich. In manchen Passagen greift Popper auf schwierige mathematisch-logische Beweisführungen zurück, wendet sich aber gleichzeitig immer wieder an die Zuhörer bzw. Leser und versucht, seine Gedanken nachvollziehbar zu machen. Humorvolle, ironische Anspielungen lockern die wissenschaftliche Strenge auf und verleihen den Aufsätzen einen leichten, typisch angelsächsischen Ton.

Interpretationsansätze

  • Karl Poppers Philosophie, bei der wissenschaftliche Methoden und Mathematik, Kausalität und Logik eine bedeutende Rolle spielen, ist unbestreitbar vom Wiener Kreis und der Richtung des logischen Positivismus beeinflusst. Dennoch betonte Popper, der wegen seiner Abneigung gegenüber Ludwig Wittgenstein nie zu Sitzungen des Wiener Kreises eingeladen wurde, fast schon zwanghaft die Differenzen. Zeit seines Lebens sah er sich als Opponent zum Wiener Kreis und glaubte, dessen philosophische Richtung und insbesondere Wittgenstein überwunden zu haben.
  • Nach seiner eigenen Darstellung verbesserte Popper die Arbeit des Wiener Kreises, indem er das Verifikationsprinzip, das dieser zur Unterscheidung von Sinn und Unsinn nutzte, durch das Falsifikationsprinzip ersetzte: Eine wissenschaftliche Theorie könne nicht durch Fakten bewiesen werden, doch es lasse sich im Prozess der Widerlegung nachweisen, dass sie unrichtig gewesen sei. Mitglieder des Wiener Kreises sahen den Unterschied in der Argumentation als eher unwichtig an und betrachteten Poppers Falsifikationsprinzip bloß als Spielart des Verifikationsprinzips, was Popper wiederum als Fehlinterpretation abtat.
  • Popper ging es weniger um die in seinen Augen spitzfindige Unterscheidung von Sinn und Unsinn mit linguistischen Mitteln, sondern darum, Wissenschaft von Scheinwissenschaft abzugrenzen und sich in zeitgenössische Kontroversen einzumischen. Eine Philosophie des Elfenbeinturms, die sich um sich selbst dreht, lehnte er ab.
  • Die Ansicht, unser Denken werde von Problemen und möglichen Lösungen geleitet, übernahm Popper von dem Wiener Entwicklungspsychologen Karl Bühler, dem er im Zuge seiner Lehrerausbildung am Pädagogischen Institut begegnete.
  • Popper war ein äußerst streitbarer Debattierer, und weil es zu seiner Philosophie gehörte, dass bewährte Theorien nicht ohne Weiteres aufgegeben werden sollten, warfen ihm einzelne Kritiker vor, er unterstelle seine eigenen Theorien nicht dem Kriterium der Falsifizierbarkeit.

Historischer Hintergrund

Wien, Cambridge, Frankfurt: philosophische Hotspots

Zu Beginn der 20er-Jahre initiierte Moritz Schlick, Professor für Philosophie in Wien, eine wöchentliche Diskussionsrunde von Philosophen und Naturwissenschaftlern. Bei allen Unterschieden teilten die Mitglieder dieses sogenannten Wiener Kreises, darunter Rudolf Carnap, Otto Neurath und Herbert Feigl, die Überzeugung, dass die naturwissenschaftliche Methode auf die Philosophie anzuwenden sei. Ethik und Moralphilosophie dagegen wollten sie daraus verbannt sehen. Als intellektueller Vater der Bewegung galt Albert Einstein, dessen auf den ersten Blick abstruse Behauptungen über Raum und Zeit die Wissenschaftsgeschichte revolutionierten. Nicht durch empirische Beobachtung, sondern durch Nachdenken komme man zu Erkenntnissen darüber, wie die Welt funktioniere, lautete die einhellige Meinung. Wichtige Impulse kamen auch von Bertrand Russell, dessen rigorose Anwendung logischer Methoden zur Analyse philosophischer und sprachlicher Probleme bahnbrechende Wirkung entfaltete. Die größte Verehrung des Wiener Kreises galt Russells Schüler Ludwig Wittgenstein und seinem Tractatus logico-philosophicus, in dem er behauptete, es gebe keine echten philosophischen Probleme, sondern nur durch sprachliche Ungenauigkeit bedingte Rätsel.

Nach Schlicks Ermordung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1936 verlagerte sich der logische Positivismus ins englischsprachige Exil, etwa nach Cambridge, wo Wittgenstein Philosophie lehrte und von seinen Studenten wie ein Meister verehrt wurde. Die Fragen nach Verifikation und Kausalität blieben weiterhin beherrschendes Thema dieser Philosophierichtung. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Cambridger Philosophie indessen an Boden. Ihr wichtigster Repräsentant, der inzwischen 70-jährige Bertrand Russell, galt zwar immer noch als ein Doyen der modernen Philosophie und seine Vorlesungen waren stets überfüllt. Tatsächlich aber hatte er Ende der 40er-Jahre den Höhepunkt seiner Karriere überschritten. Die philosophischen Schüler Russells, Wittgenstein und Popper, führten sein Erbe fort. Während allerdings der eine die sprachlich-logische Analyse von Begriffen zu dem Zweck betrieb, philosophische Fragen als Scheinprobleme zu entlarven, war sie für den anderen ein nützliches Mittel, dringende reale Probleme – etwa der Wahrscheinlichkeit und Kausalität, des Wesens der Wissenschaft oder der Struktur der Gesellschaft – zu überprüfen und im besten Fall auch zu lösen.

Trotz der Durchsetzung und Stabilisierung demokratischer Regierungsformen in Westeuropa schienen nach dem Zweiten Weltkrieg politische und soziale Fragen drängender denn je zu sein. In einigen westlichen Demokratien feierten kommunistische Parteien Erfolge, und marxistische Ideen erlebten in den 60er-Jahren eine neue Blüte. In Deutschland etwa prägte die Frankfurter Schule maßgeblich das intellektuelle Klima. Deren Begründer Max Horkheimer und Theodor W. Adorno entwickelten die neomarxistische „kritische Theorie“ und sahen sich in der Tradition von Friedrich Wilhelm Hegels und Karl Marx’ dialektischer Sozialphilosophie. Zwar lehnten Horkheimer und Adorno den real existierenden Kommunismus sowjetischer Prägung ab, sie sahen aber den Kapitalismus mit seinen Klassengegensätzen als Ursache gesellschaftlicher Fehlentwicklungen. Nur durch Überwindung der grundlegenden, dem Gesellschaftssystem inhärenten Gegensätze würden sich soziale Probleme und Missstände beseitigen lassen. Dagegen hielt Popper es für unmöglich, ja sogar für gefährlich, die Gesellschaft als Ganzes verändern zu wollen. Stattdessen plädierte er dafür, undogmatisch, ohne ideologische Scheuklappen und ohne gleich das ganze System infrage zu stellen an der Verbesserung einzelner Probleme zu arbeiten.

Entstehung

Die Aufsätze und Vorträge des Bandes entstanden zwischen den späten 40er- und den frühen 60er-Jahren. Spätestens ab 1956 trug sich Popper mit dem Gedanken, eine Auswahl seiner Vorträge und Aufsätze in einem Sammelband unter dem Titel Conjectures and Refutations zu veröffentlichen. Schon bald nach Erscheinen des Buches im Januar 1963 plante er eine deutsche Übersetzung. Es dauerte allerdings noch mehr als 30 Jahre, ehe 1994 der erste Teil und 1997 der zweite Teil in einer deutschen – überarbeiteten und erweiterten – Ausgabe erschienen. Ursache für die Verzögerung waren Schwierigkeiten bei der Übersetzung, an der Popper selbst mitwirkte.

Wirkungsgeschichte

Im englischen Sprachraum waren die Vermutungen und Widerlegungen recht erfolgreich und erzielten sogar eine höhere Auflage als das 1935 erschienene erkenntnistheoretische Hauptwerk Poppers, Die Logik der Forschung, das maßgeblichen Einfluss auf die Wissenschaftstheorien Paul Feyerabends und Thomas Kuhns ausübte – wenngleich beide Popper kritisierten und seine Theorie verwarfen. Viele Wissenschaften bekennen sich heute, zumindest in der Theorie, zu Poppers Falsifikationismus, wenngleich viele Forscher in der Praxis nach wie vor induktiv-empirisch vorgehen.

Über den Autor

Karl Popper stammt aus einer wohlhabenden, jüdischen, bürgerlich-intellektuellen Wiener Familie. Er wird am 28. Juli 1902 geboren; seine Erziehung atmet den Geist der Aufklärung und eines sozialreformerischen Liberalismus. Der Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter entstammt der Musikerfamilie Schiff. Schon als Kind zeigt Karl Popper sich von philosophischen Problemen fasziniert. 1918 verlässt er vorzeitig die Schule, schreibt sich als Gasthörer an der Universität ein und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Nach einem kurzen Intermezzo mit dem Marxismus wendet er sich strikt von dieser Theorie ab. Er macht eine Tischlerlehre, studiert kurz am Konservatorium, hält sich dann aber musikalisch für zu wenig begabt. Er holt die Matura nach und macht eine Ausbildung zum Grundschullehrer. 1925 beginnt er eine höhere Lehrerausbildung und promoviert parallel dazu an der Wiener Universität. 1929 schließt er seine Dissertation ab und wird Hauptschullehrer für Physik und Mathematik. 1930 heiratet er seine Mitschülerin Josefine Anna Henninger („Hennie“). Die Ehe bleibt kinderlos. Als der Antisemitismus in Österreich untragbar wird und Popper das Arbeitsverbot droht, wandert er mit Hennie nach Neuseeland aus. Er muss seine Familie zurücklassen; 16 seiner Verwandten werden von den Nazis ermordet. In Christchurch bekommt er seine erste akademische Stelle. Der Faschismus macht aus ihm einen politischen Philosophen; 1945 erscheint sein berühmtes Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 1946 erhält er eine Dozentur an der renommierten London School of Economics, 1949 wird er dort Professor für Logik und Wissenschaftstheorie sowie britischer Staatsbürger. 1965 erhebt ihn die Krone in den Adelsstand. Der sogenannte Positivismusstreit, ausgelöst 1961, macht seine Gegenposition zu jüngeren Philosophen wie Jürgen Habermas deutlich. 1977 schreibt Popper zusammen mit dem Neurophysiologen John C. Eccles Das Ich und sein Gehirn; er publiziert weiter bis ins hohe Alter. Popper stirbt am 17. September 1994 in London.


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