Zusammenfassung von Vom Staat

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Vom Staat Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Politik
  • Römische Antike

Worum es geht

Vor 2000 Jahren reaktionär – heute fortschrittlich

Julius Cäsar soll über Cicero gesagt haben, dessen Triumph sei höher einzuschätzen als sein eigener. Denn Cicero habe die Grenzen des römischen Geistes erweitert, Cäsar selbst aber nur diejenigen des römischen Imperiums. Die römische Republik, die Cicero in Vom Staat so leidenschaftlich zum Ideal ausruft, überlebte ihren größten Staatstheoretiker allerdings nur kurz: Es folgten die Machtexzesse der Kaiserzeit, der Zerfall in Ost- und Westrom, die Völkerwanderung. Es folgten Gottesgnadentum, Ständestaaten, Feudalherrschaft und Absolutismus. Erst dann, nach fast zwei Jahrtausenden und zunächst nur ganz leise, meldeten Ciceros Ideen ihren Wahrheitsanspruch an: Machtbeschränkung, Machtausgleich, bürgerliche Freiheit und Rechtlichkeit wurden weitgehend als die Säulen anerkannt, auf denen das Wohl eines Staates ruht. Sicher, die römische Republik war keine Demokratie im heutigen Sinn, doch die Grundzutaten waren bereits vorhanden, wenn auch nur als Ergebnis historischer Zufälle. Ciceros theoretische Analyse nahm davon die Blaupause und machte so die Prinzipien eines gerechten Gemeinwesen für die zukünftige Staatskunst verfügbar.

Take-aways

  • Die Abhandlung Vom Staat des römischen Politikers und Philosophen Cicero ist ein Klassiker der Staatstheorie.
  • Inhalt: Der Feldherr und Staatsmann Scipio Aemilianus entwickelt im Gespräch mit Freunden seine Idee eines idealen Staates, der eine Mischung aus Monarchie, Aristokratie und Demokratie sei. Diese Idee sieht er im politischen System Roms verwirklicht.//
  • Vom Staat// ist sowohl ein Loblied auf die historisch gewachsene Verfassung der römischen Republik als auch eine theoretische Erörterung mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit.
  • Cicero geht es besonders um eine Synthese zwischen Theorie und Praxis, zwischen griechischer Intellektualität und römischer Tatkraft.
  • Nach diesem Ideal gestaltete er seinen eigenen Lebensweg, wie überhaupt Vom Staat als psychologisches Profil des Autors gelesen werden kann.
  • Zwar knüpft Cicero mit Vom Staat an Platons Politeia an, allerdings fokussiert er stärker auf die Praktikabilität.
  • Cicero schrieb Vom Staat in einer Phase erzwungener Muße, als er sich, nach seiner Rückkehr aus dem Exil, von aller politischen Macht ausgeschlossen sah.//
  • Vom Staat// war bis zum fünften Jahrhundert im Umlauf, verschwand dann aber und tauchte in Teilen erst 1819 wieder auf.
  • Immer noch fehlen große Teile des Werks. Vieles liegt nur als Bericht anderer Autoren vor, die das Original noch gelesen haben.
  • Zitat: „Keiner von allen Staaten ist nach seiner Verfassung, der Verteilung der Gewalten und nach seiner geregelten Ordnung mit dem zu vergleichen, den unsere Väter uns hinterlassen haben, wie sie ihn von ihren Vorfahren empfangen hatten.“
 

Über den Autor

Marcus Tullius Cicero wird am 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum geboren. Sein Vater gehört zur zweithöchsten römischen Gesellschaftsschicht. Verbindungen zu Angehörigen der Senatsaristokratie ermöglichen Cicero eine gute Ausbildung. Er studiert Recht, Rhetorik, Literatur und Philosophie in Rom, Griechenland und Kleinasien. Im Jahr 77 v. Chr. kehrt er nach Rom zurück und beginnt seine Laufbahn als Rechtsanwalt und Politiker. Es folgt eine Blitzkarriere. Bereits im Jahr 63 v. Chr. bekleidet Cicero das Amt des Konsuls. Sein Wahlkampfgegner Catilina lanciert eine Verschwörung, die allerdings im Ansatz erstickt wird. Doch Ciceros zahlreiche Gegner erwirken 58 v. Chr. seine Verbannung aus Rom: Er sei schuld an der Beseitigung der Catilinarier, die ohne Verhandlung getötet wurden. 57 v. Chr. darf er zurückkehren. In den folgenden fünf Jahren entstehen seine wichtigsten politischen und philosophischen Schriften, darunter De oratore (Über den Redner, 55 v. Chr.) und De re publica (Vom Staat, 51 v. Chr.). Cicero setzt zunächst Hoffnungen auf den intelligenten Cäsar, wendet sich aber von ihm ab, nachdem dieser mit Pompeius und Crassus ein Triumvirat eingeht. Im Bürgerkrieg schließt Cicero sich Pompeius an. An der Verschwörung gegen Cäsar ist er nicht beteiligt, doch äußert er seine Freude über dessen Tod 44 v. Chr. Als Cäsars Mitkonsul Marcus Antonius die Nachfolge des Alleinherrschers anstrebt, tritt Cicero ihm mit seinen 14 Philippischen Reden entgegen und gewinnt im Senat wieder hohes Ansehen. Er bemüht sich erfolgreich, Octavian zum Krieg gegen Antonius zu bewegen. Octavian siegt zunächst, schließt sich danach aber mit dem wieder erstarkten Antonius und Marcus Lepidus zum zweiten Triumvirat zusammen. Die Triumvirn verfolgen ihre politischen Gegner, und Cicero steht ganz oben auf Antonius’ schwarzer Liste. Am 7. Dezember 43 v. Chr. wird er auf der Flucht ermordet, sein zerstückelter Leichnam wird auf der Redebühne des Forums zur Schau gestellt.

 

Zusammenfassung

Politik geht vor

Ein gut organisiertes Staatswesen ist das höchste aller Güter. Ihm ist der Bürger zu Dank verpflichtet, mehr noch als seinem leiblichen Vater. Der Bürger muss sich revanchieren, indem er sich politisch betätigt. Er soll sich für die Erhaltung und Vermehrung des Gemeinwohls einsetzen, statt sein Leben müßig als Privatmann zu vertrödeln. Der Wunsch, sich im Sinne der Gemeinschaft nützlich zu machen, ist dem Menschen angeboren und ist stärker als egoistische Antriebe. Daher empfindet der Mensch auch Befriedigung, wenn er etwas zum Wohl des Staates beitragen kann. Er ist sogar zum Einsatz seines eigenen Lebens bereit, weil ihm dafür Ruhm und Ehre winken. Außerdem würdigt der Staatsbürger mit seinem Einsatz die Ahnen: Diese haben im Lauf der Geschichte dem natürlichen Impuls zur Gemeinnützigkeit einen praktischen Ausdruck in Form von Gesetzen, Sitten und Bräuchen gegeben. Philosophen, die meinen, es sei weise, sich aus dem schmutzigen Geschäft der Politik herauszuhalten, irren: Gerade der Weise sollte nach Macht streben, um jene Schurken beherrschen zu können, die sonst ihn beherrschen.

Eine illustre Runde

Publius Cornelius Scipio Aemilianus führt einmal in seinem Wintergarten ein Gespräch mit einigen Freunden. Publius Rutilius Rufus ist zugegen, ebenso Scipios Neffe Quintus Tubero, außerdem Laelius, Gaius Fannius, Quintus Scaevola, Manius Manilius und Lucius Furius Philus.

„Da ja das Vaterland mehr Wohltaten in sich birgt und ein Vater älteren Ranges ist als derjenige, der uns gezeugt hat, so schuldet man ihm in der Tat größeren Dank als dem leiblichen Vater.“ (S. 7)

Zunächst unterhalten sich die Anwesenden über ein astronomisches Phänomen, eine kürzlich über Rom beobachtete Doppelsonne. Es wird die Frage aufgeworfen, ob es sich lohnt, nach wissenschaftlichen Erklärungen für solch wundersame Ereignisse zu forschen. Scipio hält es mit Sokrates und will lieber über praktischere Dinge sprechen, über Politik. Da fordert ihn Laelius auf, zu erläutern, welche Verfassung für einen Staat am besten sei. Scipio definiert zunächst: Ein Staat sei ein „Zusammenschluss einer Menge, die einvernehmlich eine Rechtsgemeinschaft bildet und durch gemeinsamen Nutzen verbunden ist“. Ein solcher Zusammenschluss, so Scipio, hat seinen Grund nicht in der Schwäche und Furcht des Einzelnen, sondern im allgemein menschlichen Bedürfnis nach Vergesellschaftung – der Mensch ist eben ein soziales Wesen.

Die Machtfrage

Der Weg zum Staat nimmt seinen Anfang, indem das nomadische Leben aufgegeben wird und man sich an einem bestimmten Ort ansiedelt. Dieser wird befestigt und zur Stadt ausgebaut. Dann wird geklärt, wer das Sagen hat. Es gibt drei Formen der Herrschaft: In einer Monarchie lenkt ein Einzelner den Staat; in einer Aristokratie regiert eine Elite; und eine Demokratie ist die Herrschaft des Volkes. Jede dieser drei Herrschaftsformen hat Vor- und Nachteile. Das Problem der Monarchie ist, dass sie zu viele Bürger von der politischen Gestaltung ausschließt. In der Aristokratie hat die Volksmenge zu wenig Freiheit. Die Demokratie hingegen ignoriert durch ihre Gleichmacherei die natürliche Hierarchie einer Gesellschaft. Diese Probleme haben nicht notwendig schädliche Auswirkungen. Sie können aber böse Folgen haben, wenn es den Machthabern an Vernunft oder Tugend fehlt. Der Staat degeneriert dann gemäß seiner jeweiligen Problematik: Die Monarchie schlägt um in Tyrannei, die Aristokratie in Versklavung des Volkes, die Demokratie in Chaos. Ideal ist eine Mischung der drei Staatsformen, in der sich die Vorteile addieren und die Nachteile entschärft werden.

„Tugend aber besteht überhaupt nur darin, dass man sie übt.“ (S. 11)

Laelius fragt Scipio, ob er trotzdem einen Favoriten unter den drei Staatsformen habe. Scipio nennt die Monarchie. Die Aristokratie nämlich krankt daran, dass es schwierig ist, jene Besten zu finden, die herrschen sollen. Gerechterweise müsste die Elite vom Volk legitimiert sein, doch dem Volk fehlt die Kompetenz dafür. Daher gelangen meistens die Reichen und Mächtigen ans Ruder, denen dann wiederum die Legitimität fehlt. In der Monarchie aber herrscht der König, zumindest im Idealfall, wie ein liebevoller und gerechter Vater über seine Untertanen – ein Verhältnis, in dem sich die Herrschaft Jupiters über die übrigen Götter widerspiegelt. Und auch im Menschen herrscht ja im besten Fall die Vernunft über die Begierden. Kommen die drei Staatsmodelle in ihrer reinen Form vor, gehen sie ineinander über: Auf den Sturz eines Tyrannen folgt die Herrschaft einer Elite. Wenn daraus ein Klüngel wird, beseitigt das Volk die Elite und greift selbst nach der Macht. Wenn es dabei aber über das Ziel hinausschießt, ist Anarchie die Folge. Diese ist wiederum die Stunde eines Tyrannen. Daher spricht alles für eine Mischform mit einem starken Oberhaupt, einer einflussreichen Elite und einem Volk, das gerade so viel Freiheit genießt, wie es verträgt. Die römische Republik entspricht diesem Ideal weitestgehend und ist daher beispielhaft.

Geschichtlicher Exkurs

Um seine These zu erläutern, fasst Scipio die Geschichte Roms zusammen, von der Gründung durch Romulus bis zur Gegenwart: Romulus, ein Sohn des Mars, wurde gemeinsam mit seinem Bruder Remus von seinem Vater am Tiber ausgesetzt. Der Vater fürchtete, seine Söhne könnten ihn dereinst vom Thron stoßen. Die beiden Knaben überlebten aber: Sie wurden von einem „wilden Tier des Waldes“ gesäugt und dann von einem Hirten gefunden und aufgezogen. Als Erwachsener gelangte Romulus zu Ansehen und Macht. Dann gründete er einen eigenen Staat. In der Wahl des geeigneten Ortes bewies er seine Klugheit: Die Lage im Hinterland der Meeresküste und auf Hügeln bot Sicherheit. Auch gab es viele Quellen und das Klima war angenehm. Romulus benannte die Stadt nach sich selbst: Roma.

„Gibt es doch nichts, worin menschliche Leistung dem Walten der Götter näher käme als die Gründung neuer oder die Erhaltung schon bestehender Staatswesen.“ (S. 23)

Stück für Stück vereinigte er durch Kriege und weise Friedensschlüsse die Nachbarvölker, unter ihnen die Sabiner, unter dem neuen Dach. Auf Romulus geht auch die Einrichtung des Senats, einer erlesenen Ratsversammlung, zurück. Gemeinsam mit ihm regierte er als gerechter und weiser König und wurde schließlich vom Volk als Gott verehrt. Nach seinem Tod wählten die Römer den Sabiner Numa Pompilius auf den Thron. Auch er herrschte gerecht. Unter seiner Regierung wurde der Wohlstand, der durch Romulus’ Kriege erlangt worden war, im Frieden gesichert. Eroberte Ländereien verteilte er zum Zweck des Ackerbaus an seine Untertanen. Auch betätigte er sich als Gesetzgeber und reformierte den von Romulus begründeten Klerus, indem er neben Auguren auch Pontifices ins Amt rief. Nach 39 Jahren Herrschaft starb er.

„Daher halte ich eine vierte Staatsform für diejenige, welche die meiste Anerkennung verdient: nämlich eine, die aus den drei genannten maßvoll gemischt ist.“ (Scipio, S. 61)

Als dritten König wählte das Volk Tullus Hostilius, unter dem das Pendel wieder in Richtung Krieg ausschlug. Wie seine Vorgänger machte auch Hostilius seine Herrschaft von der Legitimation durch das Volk abhängig. Unter seiner Ägide wurde die Kurie gebaut sowie ein Ort, an dem man Volksversammlungen abhielt. Nach seinem Tod übertrug das Volk Ancus Marcius die Macht, einem von Pompilius’ Enkeln. Marcius besiegte das Nachbarvolk der Latiner, bürgerte sie ein und vergrößerte die Stadt um zwei weitere Hügel. An der Mündung des Tiber baute er eine Hafenstadt. Marcius regierte 23 Jahre. Rom war inzwischen auch geistig gewachsen: Griechische Wissenschaft hatte den Römern neue Horizonte eröffnet.

„Unser Staat aber sei nicht durch die Erfindungskraft eines Einzelnen, sondern einer Vielzahl, und nicht im Laufe nur eines Menschenlebens, sondern in vielen Generationen und Jahrhunderten geschaffen.“ (Scipio, S. 95)

Auf Marcius folgte Lucius Tarquinius, der 38 Jahre lang regierte und die Sabiner endgültig unterwarf; sein Nachfolger wiederum war Servius Tullius. Mit Tullius verzichtete zum ersten Mal ein römischer König auf die Legitimation durch das Volk. Sein Beitrag zum Gebäude des Staates war eine Wahlrechtsreform, die der wohlhabenden Elite zugutekam. Außerdem bekriegte er die Etrusker. Dann kam ein Sohn des Tarquinius an die Macht, Lucius Tarquinius Superbus. Seine Herrschaft artete jedoch zur Tyrannei aus. Er wurde schließlich von Lucius Junius Brutus weggeputscht. Nach 240 Jahren Monarchie wollten die Römer nun keinen König mehr und gaben sich daher eine neue Regierungsform: Zwei gewählte Konsuln sollten an der Spitze des Staates stehen. Ihre Amtszeit betrug jeweils ein Jahr. Später kam noch das Amt des Volkstribuns hinzu. Auch dieses wurde doppelt besetzt. Insgesamt wurden während dieser Zeit die Rechte des Volkes gestärkt. Die herrschenden Männer genossen aufgrund ihrer Integrität und Bescheidenheit ein hohes Ansehen.

Lob der Ungerechtigkeit

Tubero bemängelt an Scipios Vortrag, dass die Frage ungeklärt bleibe, wie man denn nun den existierenden Staat bewahren könne. Scipio antwortet, indem er seine Gedanken über den Charakter des idealen Staatsmanns darlegt: Ein solcher muss nach Bildung und Selbsterkenntnis streben und mit einem vorbildlichen Leben anderen als Beispiel dienen. Der Staat selbst muss gemäß musikalischer Analogie harmonisch aufgebaut sein – alles muss zusammenklingen, alle Stände müssen an einem Strang ziehen. Dazu bedarf es der Gerechtigkeit – ein Thema, über das am nächsten Tag gesprochen werden soll.

„Was aber die Lage der Stadt angeht (...), traf er eine unglaublich glückliche Wahl. Legte er Rom doch nicht am Meer an (...), weil die Gefahren, denen Seestädte ausgesetzt sind, nicht nur zahlreich, sondern auch unberechenbar sind.“ (Scipio über Romulus, S. 97 f.)

Das Gespräch wird fortgesetzt, und Philus übernimmt die Rolle des Advocatus Diaboli: Er behauptet, dass sich Ungerechtigkeit beim Regieren eines Staates nicht vermeiden lasse; Gerechtigkeit habe keinen Platz in der Politik. Philus beruft sich auf den griechischen Philosophen Karneades, demzufolge der Mensch immer zum eigenen Nutzen handle. Daraus resultiere notwendigerweise die Ungerechtigkeit. Auch ein Staat müsse eigennützig und damit ungerecht handeln. Die Geschichte Roms mit ihren vielen Kriegen und Landnahmen sei ein Beispiel dafür. In der Politik sei Klugheit gefragt, doch Klugheit und Gerechtigkeit würden sich gegenseitig ausschließen. Ein universales, unveränderliches Naturrecht gebe es nicht. Gesetzgebung sei immer von Willkür und Eigennutz bestimmt. Daher auch die Verschiedenheit der Rechtssysteme.

Verteidigung der Gerechtigkeit

Laelius hält mit einem Plädoyer für die Gerechtigkeit dagegen. Nach seiner Sichtweise schadet Ungerechtigkeit einem Staatswesen. Nur im Streben nach Gerechtigkeit könne ein Staat gedeihen. Eine gerechte Gesetzgebung sei Ausdruck einer naturgegebenen Gerechtigkeit und der göttlichen Gabe der Vernunft. Wer ungerecht handle, verstoße also gegen ewige Prinzipien. Gegen Karneades’ Thesen führt Laelius an, es gebe durchaus gerechte Kriege, nämlich wenn sie zur Verteidigung oder zur Vergeltung geführt würden. Zudem sei eine gewisse Ungleichheit in der Machtverteilung im Staat nicht an und für sich ungerecht, sondern bloß Ausdruck natürlicher Rangunterschiede zwischen den Menschen.

„Denn von allem, was auf Erden geschieht, ist jenem obersten Gott, der das All regiert, nichts willkommener als Verbindungen und Gemeinschaften von Menschen, die durch Recht geeint sind; man nennt sie ‚Staaten‘“ (Africanus zu Scipio, S. 269)

Scipio lobt Laelius’ Rede und fügt hinzu: Ein Gemeinwesen ist überhaupt nur dann im Sinne des Volkes und damit ein richtiger Staat, wenn es gut und gerecht regiert wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein König, eine Elite oder das Volk selbst herrscht. In dem Augenblick aber, in dem die Regierung ihre Macht zu missbrauchen beginnt, hört das Gemeinwesen auf, ein Staat zu sein. Der ideale Staatsmann muss die triebgesteuerte, schwache Seite seiner Natur mithilfe des Gottesgeschenks der Vernunft überwunden haben. Er muss seinen Verstand einsetzen, um den Dingen wissenschaftlich oder philosophisch auf den Grund zu gehen und nach dem Vorbild des Sokrates „die vernünftige Lebensweise zu erörtern“. Vor allem aber soll er die gewonnenen Erkenntnisse seiner politischen Praxis zugutekommen lassen. Reine Theorie ist eine Verschwendung des göttlichen Funkens. Seine Motivation bezieht der ideale Staatsmann, ebenso wie auch der Staatsbürger, aus dem Wunsch nach Selbstachtung.

Gute Politiker kommen in den Himmel

Scipio berichtet nun von einem Traum, den er während seiner Zeit als Militärtribun in Afrika hatte. Nachdem er sich dort mit dem befreundeten König Masinissa über Scipios Adoptivgroßvater Africanus unterhalten hatte, erschien ihm dieser im Traum. Africanus zeigte ihm Karthago und weissagte ihm, er werde die Stadt innerhalb von zwei Jahren zerstören. Dann werde er zum zweiten Mal Konsul werden und weiteren Kriegsruhm erringen. Er erlegte ihm auf, sich als Diktator an die Spitze des Staates zu stellen, um für Ordnung zu sorgen. Zum Lohn sollte Scipio nach dem Tod an jenen Ort im Himmel kommen, der Ursprung und Ruhestatt aller Staatenlenker sei. Hier lebe Africanus selbst und auch Scipios Vater. Dieser erschien ihm nun ebenfalls und riet ihm, die Gerechtigkeit zu achten.

„Zwar bin ich seit meiner Kindheit in die Fußstapfen meines Vaters und in die deinen getreten und habe eurer Ehre keine Schande gemacht, doch will ich mich jetzt (...) mit noch viel größerer Wachsamkeit anstrengen.“ (Scipio zu Africanus, S. 281)

Africanus erklärte Scipio den Aufbau der Welt, die neun Kugelschalen des Himmels: Ganz außen ist der Himmel, auf der zweiten Schale Saturn, dann absteigend Jupiter, Mars, die Sonne, Venus, Merkur und der Mond. Im Zentrum ist die Erde, unbeweglich, während die anderen sich unaufhörlich drehen und dabei miteinander harmonierende Sphärenklänge erzeugen. Von seinem himmlischen Standpunkt erschien Scipio die Erde winzig und zudem nur spärlich besiedelt. Dort sei alles sterblich, sagte Africanus, nur die Seelen der Menschen seien ewig. Daher mahnte er Scipio, nicht nach irdischen Dingen zu streben, sondern nach himmlischen. Er solle sich der Politik widmen – als schnellstem und sicherstem Weg in die himmlische Sphäre. Scipio gelobte, sich anzustrengen. Dann erwachte er.

Zum Text

Aufbau und Stil// Vom Staat ist der Form nach ein Dialog. Cicero gibt vor, eine Unterhaltung zu überliefern, die etwa 129 v. Chr. im Lauf von drei Tagen stattgefunden haben soll. Teilnehmer des Gesprächs sind die Angehörigen des sogenannten Scipionenkreises, einer Gruppe politisch und philosophisch interessierter Römer um den berühmten Feldherrn und Politiker Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus, den Zerstörer Karthagos. Vom Staat ist in sechs Abschnitte unterteilt. Jedem dieser Abschnitte ist bzw. war eine Vorrede Ciceros vorangestellt – allerdings sind lediglich die ersten beiden der sechs Teile und damit auch nur zwei Vorreden einigermaßen erhalten. Die Abschnitte drei, vier und fünf liegen nur äußerst lückenhaft vor und wurden zum Teil anhand späterer Quellen rekonstruiert. Scipios Traumerzählung aus dem sechsten Teil ist vermutlich vollständig überliefert. Die Idee, einen Gegenstand in Form eines Gesprächs zu erörtern, stammt von Platon. An dessen staatstheoretischen Dialog Politeia// knüpft Cicero mit seinem Werk an. Auch für die Verteilung des Inhalts auf die Sprecher bedient er sich griechischer Vorbilder. Die Technik, dass zwei Sprecher ihr Bestes geben, um jeweils das Pro oder Kontra einer Sache zu vertreten, hatte Cicero persönlich von Philon von Larisa, einem griechischen Skeptiker, gelernt. Ciceros Stil ist, wie es sein von ihm formuliertes Ideal verlangt, der jeweiligen Situation angepasst: mal ausführlich, mal knapp, mal umgangssprachlich, mal im Fachjargon. Die virtuose Rhythmisierung des Textes durch Versfüße wie Kretikus, Päon und Trochäus geht in der Übersetzung leider verloren.

Interpretationsansätze

  • Die Grundidee der von Cicero gelobten Mischverfassung der römischen Republik, in der die Vorteile der drei elementaren Staatsformen Monarchie, Aristokratie und Volksherrschaft vereint sind, lebt heute in allen westlichen, modernen Verfassungen fort, nämlich in Form der Gewaltenteilung im Staat.//
  • Vom Staat// ist nicht nur eine der bedeutendsten Quellen für die Geschichte des römischen Staatswesens, sondern geht weit über die Beschreibung des Status quo hinaus, insofern Cicero diesem eine allgemeingültige theoretische Grundlage gibt.
  • Die Synthese von Theorie und Praxis lag Cicero besonders am Herzen. Er selbst lebte sie als Politiker und Philosoph vor. Man kann darin auch eine Vereinigung griechischen Denkens mit römischem Handeln sehen.
  • Cicero bezieht sich mit Vom Staat direkt auf Platon und seinen Dialog Politeia. Im Gegensatz zu Platons eher utopischem Ansatz steht bei Cicero aber die Machbarkeit im Vordergrund.
  • Ganz ohne falsche Bescheidenheit lässt Cicero in Vom Staat durchblicken, wen er bei seiner Beschreibung des idealen Staatsmanns vor Augen hat: sich selbst.
  • Ciceros Erzählung vom Aufstieg der neu gegründeten Stadt Rom zur Weltmacht lässt sich als Metapher für seine eigene Erfolgsgeschichte interpretieren. Cicero war ein „Homo novus“, er hatte sich seine Position hart erarbeiten müssen, während einem römischen Adligen die politische Karriere bereits in die Wiege gelegt wurde. Hierin könnte man auch eine psychologische Erklärung für sein extremes Tugendideal sehen. Als Emporkömmling fühlte er sich zur Übererfüllung der geltenden moralischen Maßstäbe verpflichtet.

Historischer Hintergrund

Das Ende der römischen Republik

Zu Ciceros Lebzeiten zerbrach die römische Republik, die seit etwa 500 v. Chr. bestand, an ihren inneren Widersprüchen und am Machthunger einzelner Politiker. Der Staat war demokratisch legitimiert, glich aber eigentlich eher einer Aristokratie. Er funktionierte, solange Rom gegen äußere Feinde kämpfte und auf dem Weg zur Weltmacht war. Doch mit dem erreichten Status nahmen die Spannungen innerhalb des Weltreichs zu. Die mittellose Landbevölkerung strömte in die Städte und bildete neben den reichen Patrizierfamilien einen neuen Machtfaktor. Die Korruption blühte. Um 150 v. Chr. begann mit dem „Jahrhundert der Bürgerkriege“ das Ende der Republik.

Als verhängnisvoll erwiesen sich der Einfluss großer Feldherren, die ihre politischen Machtansprüche mithilfe der ihnen treu ergebenen Truppen durchsetzen konnten, sowie der zermürbende Kampf zwischen Senats- und Volkspartei. Nachdem sich politische Gegner bislang vor allem mit überzeugenden Reden vor dem Senat und den Volkskammern bekämpft hatten, wurde Mord allmählich zu einem gängigen politischen Mittel. Ernsthaft in Gefahr geriet die Republik allerdings erst mit Julius Cäsars Aufstieg. Zusammen mit Crassus und Pompeius begründete er 60 v. Chr. das erste Triumvirat, ein Bündnis zur Erhaltung der Macht. Ein Jahr später war Cäsar Konsul; er entmachtete den Senat und regierte autoritär. Nachdem er im Bürgerkrieg zwischen 49 und 44 v. Chr. den inzwischen zum Gegner gewordenen Pompeius besiegt hatte, ernannte er sich selbst zum Diktator auf Lebenszeit. Als er im Jahr 44 v. Chr. ermordet wurde, schien sich die Republik vorübergehend wieder durchzusetzen, doch dann bildeten Marcus Antonius, Marcus Lepidus und Octavian ein neues Triumvirat. Endgültig beendet wurde die römische Republik mit der Herrschaft Octavians, der unter dem Namen Augustus als erster Kaiser das Imperium regierte.

Entstehung

Cicero hatte während seiner Amtszeit als Konsul im Jahr 63 v. Chr. eine Verschwörung unter der Führung des Adligen Catilina aufgedeckt und die Verschwörer kurzerhand hinrichten lassen. Das brachte ihm zunächst enormes Ansehen als Retter der Republik. Im Jahr 58 jedoch legte ihm sein Feind Clodius das eigenmächtige Vorgehen als Rechtsbruch aus und betrieb seine Verurteilung. Cicero entzog sich der Anklage durch freiwilliges Exil. Bei seiner Rückkehr ein Jahr später fand er sich zu politischer Bedeutungslosigkeit verdammt. Inzwischen teilten sich die Triumvirn Cäsar, Pompeius und Crassus die Macht. Cicero, durch Exil und Machtentzug verbittert, reagierte sich literarisch ab: Bis zum Ende der 50er-Jahre schrieb er Über den Redner, Vom Staat und Über die Gesetze, worin er sein politisches Denken darlegte. Cicero ging es vor allem um die theoretische Untermauerung und somit die Stabilisierung der überkommenen republikanischen Staatsform, die unter dem Triumvirat bedenklich ins Wanken geraten war.

Um 54 v. Chr. begann Cicero, auf seinem Landsitz Cumanum Vom Staat zu schreiben. Die Arbeit zog sich über mehrere Jahre hin. Cicero hielt seine Brieffreunde, vor allem seinen engen Freund Atticus und seinen Bruder Quintus, über den Fortgang auf dem Laufenden. Dabei zeigte er sich offen für Verbesserungsvorschläge. So scheint er in Erwägung gezogen zu haben, dem Rat seines Freundes Gnaeus Sallustius zu folgen, und in dem Werk selbst als Dialogteilnehmer aufzutreten. So hätte er auf die jüngsten politischen Ereignisse Bezug nehmen können, an denen er ja vielfach als Handelnder beteiligt gewesen war. Diesen Ansatz verfolgte er dann in Über die Gesetze. Cicero schloss Vom Staat wahrscheinlich Anfang 51 v. Chr. ab, jedenfalls bevor er im Mai des Jahres als Prokonsul nach Kilikien abreiste.

Wirkungsgeschichte// Vom Staat kursierte nach seiner Fertigstellung in Form einzelner Abschriften in den gebildeten Kreisen Roms. Allerdings wurde die Intention des Werks, nämlich die Stabilisierung des republikanischen Systems, nur wenig später von der politischen Wirklichkeit überrannt: Als Cäsar im Jahr 49 v. Chr. gegen Rom marschierte, seinen Konkurrenten Pompeius aus dem Weg räumte und schließlich alle Macht an sich riss. Die Republik war damit Vergangenheit. Es folgte die Ära der römischen Kaiser. Bis ins fünfte Jahrhundert war Vom Staat offenbar noch im Umlauf. Danach tauchte der Text nur noch in indirekten Zitaten auf, weil sich Autoren, wie etwa Augustinus, auf ihn bezogen. Während der Renaissance bemühten sich antikenbegeisterte Gelehrte um die Rekonstruktion des Textes auf Grundlage dieser Erwähnungen und vereinzelter Fragmente. Erst 1819 wurde in der Bibliothek des Vatikans eine christliche Handschrift aus dem siebten Jahrhundert entdeckt, unter der große Teile des Originaltextes verborgen waren. Erst jetzt war Vom Staat der philologischen Forschung zugänglich. Der geistige Gehalt des Textes jedoch ist nie verloren gegangen und hat über die Jahrtausende eine enorme Wirkung entfaltet. Vom Staat kann als Gründungstext der modernen Staatstheorie betrachtet werden. Ebenso ist der Begriff eines „gerechten Krieges“, den Cicero in Vom Staat// darlegt, die ideengeschichtliche Wurzel des heutigen Kriegsvölkerrechts.


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