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E. T. A. Hoffmann
Der Sandmann
Insel Verlag, 2003
What's inside?
Das SandmĂ€nnchen kennt jedes Kind â aber E. T. A. Hoffmanns Geschichte vom Sandmann ist nichts fĂŒr schwache Nerven ...
- Kurzprosa
- Romantik
Worum es geht
Wahn und Wirklichkeit
Es fĂ€ngt ganz harmlos an: Der kleine Nathanael fĂŒrchtet sich vor dem Sandmann, wie das bei Kindern nun mal vorkommen kann. Nathanael ist sich sicher, dass der Advokat Coppelius, der oft abends den Vater besucht, der Sandmann ist, von dem ihm die Kinderfrau schreckliche Dinge erzĂ€hlt hat. Als dann der Vater ums Leben kommt, woran Coppelius nicht ganz unschuldig ist, bestĂ€tigt das die Ăngste des Jungen. Jahre spĂ€ter - Nathanael ist inzwischen Student - glaubt er in einem Hausierer Coppelius wiederzuerkennen. Seine Angst flammt wieder auf; er fĂŒrchtet, Coppelius könnte mit dĂ€monischen KrĂ€ften sein Leben zerstören. So kommt es dann auch: Nathanael sieht sich auf Schritt und Tritt vom bösen Sandmann verfolgt, der es auf Menschenaugen abgesehen hat. SchlieĂlich stĂŒrzt er sich von einem Turm in den Tod. Ist Nathanael tatsĂ€chlich wehrloses Opfer einer bösen Macht? Oder verfĂ€llt hier ein ĂŒbersensibler junger Mann nach und nach dem Wahnsinn? Diese Frage wird nicht geklĂ€rt. Denn E. T. A. Hoffmann, der Meister der phantastischen Literatur, verwischt in seiner ErzĂ€hlung bewusst die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahn und lĂ€sst unterschiedliche Deutungen zu. Mit dieser ErzĂ€hlweise gilt der "Gespenster-Hoffmann" als ein VorlĂ€ufer der modernen Literatur.
Take-aways
- Die ErzÀhlung Der Sandmann gehört zu den bekanntesten Werken E. T. A. Hoffmanns, des Dichters des Unheimlichen.
- ErzÀhlt wird die Geschichte des jungen Nathanael, der von einem Kindheitstrauma verfolgt wird und am Ende den Verstand und das Leben verliert.
- Als kleines Kind fĂŒrchtet sich Nathanael vor dem Advokaten Coppelius, den er fĂŒr den bösen Sandmann hĂ€lt, von dem ihm die Kinderfrau erzĂ€hlt hat.
- Als Nathanaels Vater bei einem gemeinsam mit Coppelius durchgefĂŒhrten Experiment ums Leben kommt, schreibt Nathanael Coppelius dĂ€monische KrĂ€fte zu.
- Jahre spÀter begegnet er dem Hausierer Coppola, der ihn an Coppelius erinnert. Nun glaubt er, von einer sein Leben zerstörenden bösen Macht verfolgt zu werden.
- Durch ein Fernglas, das er dem Hausierer abkauft, beobachtet er am gegenĂŒberliegenden Fenster eine wunderschöne junge Frau: Olimpia, die Tochter des Professors Spalanzani.
- Nathanael vergisst seine Verlobte Clara, verliebt sich in die schweigsame Olimpia und möchte sie heiraten.
- Als er jedoch entdeckt, dass Olimpia nur eine mechanische Puppe ist, die Spalanzani und Coppola konstruiert haben, erleidet er einen Nervenzusammenbruch.
- Nach einem Aufenthalt in einer Anstalt gilt Nathanael als geheilt. Als er aber erneut durch das Fernglas sieht, verliert er die Nerven und stĂŒrzt sich in den Tod.
- Ob Nathanael wirklich von Coppelius verfolgt wird oder einem Wahn erliegt, wird nicht eindeutig geklÀrt; beide Interpretationen sind möglich.
- Typisch fĂŒr die Romantik sind die phantastischen Elemente und die Figur des ĂŒbersensiblen KĂŒnstlers.
- Der Text nimmt mit der ausgefeilten psychologischen Darstellung und der Vermischung von RealitÀt und Wahrnehmung Entwicklungen moderner Literatur vorweg.
Zusammenfassung
Ein unheimlicher Besucher
Der kleine Nathanael und seine Geschwister sitzen abends oft bei den Eltern und hören dem Vater zu, der gern Geschichten erzĂ€hlt. An manchen Abenden aber ist der Vater still und in sich gekehrt, die Mutter bedrĂŒckt. Dann schickt sie die Kinder schon frĂŒh ins Bett mit der BegrĂŒndung, dass jetzt der Sandmann kĂ€me. Immer an diesen Abenden hört Nathanael Schritte im Treppenhaus; es kommt tatsĂ€chlich noch jemand. Diesen Besucher bekommt der Junge nie zu Gesicht, aber er ist sich sicher: Das muss der Sandmann sein! Irgendwann fragt er die Mutter danach, aber diese wiegelt ab: Es gebe gar keinen Sandmann, das sei nur eine Redensart.
âKurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah, (...) besteht in nichts anderm, als daĂ vor einigen Tagen, nehmlich am 30. Oktober Mittags um 12 Uhr, ein WetterglashĂ€ndler in meine Stube trat und mir seine Ware anbot.â (Nathanael, S. 9 f.)
Da Nathanael aber den unsichtbaren Gast immer wieder hört, erkundigt er sich auch bei der alten Kinderfrau nach dem Sandmann. Hier erfĂ€hrt er mehr: Sie erzĂ€hlt ihm, der Sandmann komme nachts zu unartigen Kindern und streue ihnen so lange Sand in die Augen, bis diese herausfielen. Mit den Augen fĂŒttere der Sandmann dann seine eigenen Kinder. Nathanael, der ĂŒberzeugt ist, dass eben dieser Sandmann abends den Vater besucht, fĂŒrchtet sich nun noch mehr vor dem geheimnisvollen Gast.
Die Begegnung mit dem Sandmann
Ăber Jahre hinweg beschĂ€ftigt der Sandmann die Phantasie des Jungen. Als der inzwischen zehnjĂ€hrige Nathanael ein eigenes Zimmer bezieht, das von dem des Vaters nicht weit entfernt liegt, beschlieĂt er, dem Sandmann aufzulauern, um ihn endlich einmal zu sehen. Doch das gelingt ihm nie. SchlieĂlich ist seine Neugierde so groĂ, dass er sich eines Abends, ehe der geheimnisvolle Besucher kommt, im Kleiderschrank seines Vaters versteckt. Als der Sandmann dann das Zimmer des Vaters betritt, stellt Nathanael fest, dass er einen alten Bekannten vor sich hat: Es ist der Advokat Coppelius, der manchmal bei den Eltern zum Essen eingeladen ist. Die Kinder fĂŒrchten diesen Mann wegen seiner boshaften Art und wegen seines abstoĂenden ĂuĂeren. Daher ist es fĂŒr Nathanael vollkommen einleuchtend, dass Coppelius der unheimliche Sandmann sein muss.
âDer Sandmann hatte mich auf die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon leicht im kindlichen GemĂŒt sich einnistet.â (Nathanael, S. 13)
Coppelius und der Vater beginnen nun mit geheimnisvollen alchimistischen Experimenten, die dem Jungen noch mehr Angst einflöĂen. Als Coppelius plötzlich "Augen her!" ruft, schreit Nathanael vor Schreck auf und fĂ€llt aus dem Schrank. Coppelius packt ihn und tut so, als wolle er ihm die Augen ausreiĂen und die HĂ€nde und FĂŒĂe abschrauben. Nathanael wird ohnmĂ€chtig und ist anschlieĂend mehrere Wochen lang krank.
âGerade heraus will ich es Dir nur gestehen, daĂ, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreckliche, wovon du sprichst, nur in Deinem Innern vorging, die wahre wirkliche AuĂenwelt aber daran wohl wenig Teil hatte.â (Clara an Nathanael, S. 22)
Coppelius lĂ€sst sich vorerst bei der Familie nicht mehr blicken. Aber etwa ein Jahr spĂ€ter sind zur gewohnten Zeit auf einmal wieder Schritte im Flur zu hören. Die Mutter erschrickt, der Vater aber versichert, dass Coppelius heute zum letzten Mal kĂ€me, und schickt seine Familie zu Bett. Nathanael gehorcht, kann aber vor Angst nicht einschlafen. Gegen Mitternacht hört er auf einmal einen fĂŒrchterlichen Knall. Coppelius flĂŒchtet aus dem Haus. Der Vater aber liegt mit ruĂschwarzem Gesicht tot vor dem kleinen Ofen, auf dem die beiden ihre Experimente durchgefĂŒhrt haben. Von dem Tag an ist Coppelius verschwunden - und Nathanael sieht ihn nun erst recht als einen bösen DĂ€mon an, der auch noch den Vater auf dem Gewissen hat.
âJa Nathanael! Du hast Recht, Coppelius ist ein böses feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken, (...) aber nur dann, wenn du ihn nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. So lange du an ihn glaubst, ist er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht.â (Clara, S. 33)
Bald nach dem Tod des Vaters nimmt die Mutter zwei verwaiste Kinder von entfernten Verwandten bei sich auf, die Geschwister Clara und Lothar.
Der Hausierer und die Professorentochter
Einige Jahre spĂ€ter zieht Nathanael, der inzwischen mit Clara verlobt ist, zum Studium in eine andere Stadt. Eines Tages kommt ein italienischer Hausierer zu ihm in die Wohnung und will ihm WetterglĂ€ser (= Barometer) anbieten. Nathanael wirft den ungebetenen Gast sofort hinaus, denn dieser Hausierer weckt ungute Erinnerungen in ihm: Er sieht aus wie Coppelius! Nathanael ist ĂŒberzeugt, dem Mörder seines Vaters wiederbegegnet zu sein - erst recht, als er den Namen des Fremden erfĂ€hrt: Coppola. Der junge Mann ist von dem Zusammentreffen sehr aufgewĂŒhlt und sieht es als ein Vorzeichen fĂŒr kommendes Unheil an. Doch schlieĂlich erfĂ€hrt Nathanael von seinem Physikprofessor Spalanzani, dass Coppola aus Italien stamme und ihm seit langem bekannt sei. Das beruhigt Nathanael ein wenig. Als er eines Tages zum Unterricht in Spalanzanis Haus kommt, sieht er durch eine GlastĂŒr eine auffallend schöne junge Frau bewegungslos am Tisch sitzen. Wie er erfĂ€hrt, handelt es sich um Spalanzanis Tochter Olimpia, die ihr Vater bisher zu Hause vor der Ăffentlichkeit verborgen gehalten hat.
Eine Auseinandersetzung mit Clara
Kurz darauf kehrt Nathanael nach Hause zurĂŒck. Er ist von der Vorstellung besessen, dass mit Coppelius bzw. Coppola eine böse Macht in sein Leben getreten ist, die seine Beziehung zu Clara und sein Leben zerstören wird. Mit seinen mystischen Theorien quĂ€lt er seine Familie, vor allem Clara. Diese sieht die Dinge weitaus nĂŒchterner. Sie versucht Nathanael davon zu ĂŒberzeugen, dass Coppelius nur so lange Macht ĂŒber ihn hat, wie er selbst daran glaubt. Nathanael fĂŒhlt sich von ihr unverstanden und ist verstimmt. SchlieĂlich verarbeitet er seine GedankengĂ€nge in einem Gedicht, in dem er seine KindheitsĂ€ngste mit der Beziehung zu Clara und ihrer Zukunft verbindet: Er steht mit Clara vor dem Traualtar, als plötzlich Coppelius erscheint und Claras Augen berĂŒhrt, die daraufhin gegen Nathanaels Brust springen. Dann wirft Coppelius Nathanael ins Feuer. Er hört Claras Stimme sagen, dass sie ihre Augen noch habe, und schlieĂlich erlischt das Feuer. Aber als Nathanael seine Braut ansieht, blickt er dem Tod selbst ins Gesicht.
âDa trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton (...): âEi, nix Wetterglas, nix Wetterglas! - habâ auch sköne Oke - sköne Oke!â - Entsetzt rief Nathanael: âToller Mensch, wie kannst du Augen haben? - Augen - Augen? -ââ (Sâ
Dieses Gedicht trĂ€gt Nathanael Clara vor. Sie reagiert entsetzt und bittet ihn, es zu vernichten. Er ist erbost und wirft Clara vor, sie sei so gefĂŒhllos wie ein Automat. Als Lothar von Nathanaels Verhalten gegenĂŒber seiner Schwester erfĂ€hrt, kommt es zu einem heftigen Streit zwischen den beiden. SchlieĂlich wollen sie sich sogar duellieren, was Clara in letzter Minute verhindern kann. Die drei versöhnen sich, und einige Tage spĂ€ter reist Nathanael an seinen Studienort zurĂŒck.
âNun erschaute Nathanael erst Olimpiaâs wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und tot. Doch wie er immer schĂ€rfer und schĂ€rfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpiaâs Augen feuchte Mondesstrahlen auf.â (S. 42)
Zu seinem Schrecken ist das Haus, in dem er bisher gewohnt hat, inzwischen abgebrannt: Im Laboratorium der Apotheke im Erdgeschoss ist ein Feuer ausgebrochen. Freunde haben jedoch Nathanaels Habseligkeiten retten können. Nun bezieht er eine neue Wohnung, und zwar direkt dem Haus gegenĂŒber, in dem Professor Spalanzani wohnt. Wenn Nathanael aus dem Fenster schaut, sieht er manchmal Olimpia still und unbeweglich in ihrem Zimmer sitzen, ganz wie bei der ersten Begegnung.
Die Liebe zu Olimpia
Eines Tages - Nathanael schreibt gerade einen Brief an Clara - taucht plötzlich wieder der Hausierer Coppola auf. Nathanael erschrickt, aber da er an Claras ErklĂ€rungen denkt und nicht aberglĂ€ubisch sein will, lĂ€sst er ihn herein. Als Coppola Nathanael nicht nur WetterglĂ€ser, sondern auch "sköne Oke", schöne Augen anbietet, gerĂ€t der Student in Panik. Es stellt sich zwar heraus, dass Coppola damit Brillen meint, aber auch deren Anblick weckt ungute Erinnerungen. Nathanael beruhigt sich erst wieder, als Coppola seine Brillen wegpackt und ihm stattdessen FernglĂ€ser zeigt. Um den sonderbaren Hausierer endlich loszuwerden, wĂ€hlt Nathanael ein Glas aus und sieht hindurch, direkt hinĂŒber in Olimpias Zimmer. Nun erblickt er Olimpia, die dort wieder still am Tisch sitzt, zum ersten Mal aus der NĂ€he. Nathanael ist so hingerissen von ihrer Schönheit, dass er sogar fĂŒr eine Weile Coppolas Anwesenheit vergisst. Er kauft dem Hausierer das Glas ab. Der Brief an Clara ist ihm nun nicht mehr wichtig, Nathanael sieht lieber durch sein neues Glas zu Olimpia hinĂŒber. An den folgenden Tagen bleiben die VorhĂ€nge ihres Zimmers geschlossen, das Fernglas nutzt ihm nichts mehr, aber er denkt nur noch an Olimpia und möchte sie unbedingt wiedersehen.
Das Fest bei Spalanzani
Einige Tage spĂ€ter erfĂ€hrt Nathanael, dass Professor Spalanzani ein Fest veranstalten wird, an dem auch Olimpia teilnehmen soll. Es gelingt ihm, eingeladen zu werden. Der Abend beginnt damit, dass Olimpia den GĂ€sten auf dem FlĂŒgel etwas vorspielt und eine Arie singt. Da Nathanael in einiger Entfernung steht, betrachtet er sie wieder durch sein Fernglas. Er ist begeistert von ihr, und Olimpia scheint auch ihm verliebte Blicke zuzuwerfen. Sie tanzen miteinander, und dann setzt sich Nathanael zu ihr. Er ist völlig hingerissen von der schönen Frau und redet wirres Zeug, aber Olimpia hört ihm aufmerksam zu und sagt nur hin und wieder: "Ach!"
âEr saĂ neben Olimpia, ihre Hand in der seinigen und sprach hoch entflammt und begeistert von seiner Liebe in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese vielleicht; denn sie sah ihm unverrĂŒckt ins Auge und seufzte einmal ĂŒberâs andere: Ach - Ach - Ach!â (S. 48)
Als das Fest zu Ende ist, fordert Spalanzani Nathanael auf, seine Tochter doch öfters zu besuchen. Nathanael nimmt die Einladung gern an und verbringt von da an viele Stunden mit Olimpia. Er erzĂ€hlt ihr von sich und liest ihr seine Dichtungen vor. Olimpia spricht fast nichts, ist aber immer eine sehr gute Zuhörerin und zeigt nie Anzeichen von Langeweile. Nathanael fĂŒhlt sich von ihr im Innersten verstanden und verliebt sich immer mehr in sie. Auf Warnungen von Freunden, die seine GefĂŒhle nicht verstehen können, weil ihnen Olimpia allzu steif und leblos erscheint, reagiert er gekrĂ€nkt.
Die Entdeckung
SchlieĂlich entscheidet sich Nathanael, Olimpia einen Heiratsantrag zu machen. Er geht hinĂŒber zum Haus des Professors. Beim Eintreten hört er die lauten Stimmen Streitender. Als er ins Zimmer kommt, sieht er zu seinem Entsetzen, was vor sich geht: Spalanzani und Coppola kĂ€mpfen um Olimpia - aber Olimpia ist nichts weiter als eine mechanische Puppe, die die beiden gemeinsam konstruiert haben.
âEr erbebte vor innerm EntzĂŒcken (...); denn es schien ihm, als habe Olimpia ĂŒber seine Werke, ĂŒber seine Dichtergabe ĂŒberhaupt recht tief aus seinem Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst herausgetönt. Das muĂte denn wohl auch sein; denn mehr Worte als vorhin erwĂ€hnt, sprach Olimpia niemals.â (S. 53)
Coppola geht schlieĂlich als Sieger aus dem Streit hervor; er entreiĂt Spalanzani die Puppe und flĂŒchtet. Dabei sieht Nathanael, dass Olimpia keine Augen mehr hat; sie liegen auf dem FuĂboden. Spalanzani hat sich bei dem Kampf mit Coppola stark blutende Schnittwunden zugezogen. Auch die Augen auf dem FuĂboden sind mit Blut verschmiert. In seiner Aufregung ĂŒber die verlorene Puppe packt Spalanzani diese Augen und schleudert sie Nathanael gegen die Brust. Nathanael, der sich an sein dĂŒsteres Gedicht erinnert, verliert die Nerven und stĂŒrzt sich auf den Professor, um ihn zu erwĂŒrgen. Inzwischen aber sind Nachbarn auf den Tumult aufmerksam geworden und ins Haus gekommen. Sie trennen die KĂ€mpfenden und lassen Nathanael in ein Irrenhaus bringen.
âNun sah Nathanael, wie ein Paar blutige Augen auf dem Boden liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten Hand und warf sie nach ihm, daĂ sie seine Brust trafen. - Da packte ihn der Wahnsinn mit glĂŒhenden Krallen (...)â (Sâ
Nun ist Spalanzanis Betrug entdeckt. Dass Olimpia eine Puppe ist, hat zuvor niemand bemerkt, obwohl er sie sogar zu Teegesellschaften mitgenommen hat. Nun aber behauptet jeder, schon lange Verdacht geschöpft zu haben. Spalanzani wird der UniversitÀt verwiesen, Coppola ist verschwunden.
Nathanaels Ende
Irgendwann wacht Nathanael zu Hause wieder auf. Seine Mutter und Clara sind bei ihm. Den Wahnsinn hat er anscheinend ĂŒberwunden. Clara freut sich sehr ĂŒber Nathanaels Genesung. Die beiden wollen heiraten und zusammen mit der Mutter und Lothar auf ein Gut ziehen, das die Familie von einem Onkel geerbt hat.
âNathanael (...) wurde den Coppelius gewahr und mit dem gellenden Schrei: âHa! Sköne Oke - Sköne Okeâ, sprang er ĂŒber das GelĂ€nder. Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem Steinpflaster lag, war Coppelius im GewĂŒhl verschwunden.â (S. 62)
Kurz vor dem Umzug sind die vier noch einmal zu Besorgungen in der Stadt unterwegs. Als sie am Rathaus vorbeikommen, möchte Clara unbedingt auf den Turm steigen. Nathanael begleitet sie, wĂ€hrend Lothar unten auf die beiden wartet und die Mutter ihren Heimweg fortsetzt. Oben angekommen, macht Clara Nathanael auf einen grauen Busch aufmerksam, der sich auf sie zuzubewegen scheint. GewohnheitsmĂ€Ăig greift Nathanael in seine Tasche nach dem Fernglas, das er von Coppola gekauft hat. Er sieht hindurch - da kommt ihm Clara in den Blick. In diesem Moment wird bei ihm die Erinnerung an das Vergangene wach und der junge Mann verliert wiederum die Nerven. In dem Glauben, Olimpia vor sich zu haben, packt er Clara und will sie ĂŒber das GelĂ€nder werfen. Sie wehrt sich verzweifelt. Lothar bemerkt von unten den Kampf und stĂŒrzt die Treppen hinauf, um seine Schwester zu retten. Es gelingt ihm auch, sie Nathanael zu entreiĂen und sicher nach unten zu bringen. Nathanael aber tobt weiter auf der Galerie des Turmes. Inzwischen haben sich auf dem Marktplatz immer mehr Menschen versammelt, die das Schauspiel beobachten - unter ihnen auch der Advokat Coppelius. Als Nathanael vom Turm aus seinen alten Widersacher erblickt, stĂŒrzt er sich mit dem Schrei "Sköne Oke!" in die Tiefe.
Zum Text
Aufbau und Stil
Die ErzĂ€hlung Der Sandmann beginnt mit drei Briefen. In einem Schreiben an Lothar schildert Nathanael seine erste Begegnung mit dem Hausierer Coppola und die Kindheitserinnerungen an den Sandmann und an Coppelius, mit denen er seine panische Reaktion begrĂŒndet. Da Nathanael diesen Brief versehentlich an Clara adressiert (ein erster Hinweis darauf, dass er offenbar ziemlich durcheinander ist), erhĂ€lt er auch eine Antwort von ihr. Sie versucht ihn zu beruhigen, indem sie fĂŒr seine Ăngste eine rationale ErklĂ€rung bietet. Im dritten Brief, wiederum an Lothar gerichtet, beklagt sich Nathanael ĂŒber Claras Reaktion und berichtet von seiner ersten Begegnung mit Olimpia. Danach meldet sich plötzlich ein auktorialer ErzĂ€hler zu Wort, der die Leser direkt anspricht und die Geschichte fortspinnt. Der ErzĂ€hler beschreibt nicht nur, was geschieht, sondern schaltet sich auch selbst ein und kommentiert beispielsweise die Olimpia-Episode ironisch. Nach der Darstellung von Nathanaels Wahn und Ende folgt ganz am Schluss noch ein kurzer Ausblick auf Claras Zukunft. Auch in den vornehmlich auktorial erzĂ€hlten Abschnitten sind manche Passagen offensichtlich aus Nathanaels Sicht dargestellt, etwa wenn Coppelius plötzlich "riesengroĂ" auf dem Marktplatz erscheint. Eher ungewohnt und nicht gerade leicht verstĂ€ndlich wirken auf den heutigen Leser Hoffmanns Wortschatz und der verschachtelte Satzbau.
InterpretationsansÀtze
- Die ErzÀhlung Der Sandmann zeichnet sich durch ein raffiniertes Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven aus: In den Briefen kommen die Figuren selbst zu Wort, und der Bericht des allwissenden ErzÀhlers ist teilweise perspektivisch gebrochen. So verwischen die Grenzen zwischen RealitÀt und Imagination.
- Dadurch bietet die ErzÀhlung zwei gegensÀtzliche Interpretationsmöglichkeiten: Entweder ist Claras Version richtig und Nathanael ist psychisch krank und bildet sich die Bedrohung nur ein, oder er wird tatsÀchlich vom Bösen in Gestalt des Coppelius verfolgt. Die Antwort auf diese Frage bleibt Hoffmann schuldig; insbesondere wird nicht eindeutig geklÀrt, ob Coppelius und Coppola tatsÀchlich identisch sind oder nicht.
- Der Frage nach der richtigen Sichtweise entspricht in der ErzĂ€hlung das Motiv der Augen bzw. des Sehens allgemein: Schon in der Sandmann-ErzĂ€hlung aus Nathanaels Kindheit kommen die gestohlenen Augen vor; Coppola handelt mit Brillen und anderen optischen GerĂ€ten; der Blick durch das Fernglas entfacht Nathanaels Leidenschaft fĂŒr Olimpia und lĂ€sst ihn am Ende den Verstand verlieren.
- Die Geschichte bietet reichlich Spielraum fĂŒr psychologische Interpretationen. So hat etwa Sigmund Freud Nathanaels Furcht vor dem Verlust der Augen als Kastrationsangst und seine Liebe zur leblosen Puppe Olimpia als Narzissmus gedeutet. AuffĂ€llig ist auch, dass sich der erwachsene Nathanael nicht von seiner Kinderangst distanzieren kann, obwohl sie eindeutig durch ein MissverstĂ€ndnis hervorgerufen wurde.
- Daneben enthÀlt der Text auch ein ironisch-gesellschaftskritisches Element: Das Verhalten Olimpias in Gesellschaft fÀllt z. B. gar nicht auf - denn die stumme und steife mechanische Puppe entspricht dem Frauenideal jener Zeit.
Historischer Hintergrund
Der Kampf gegen Napoleon und die Hoffnung auf VerÀnderung
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bestand das Deutsche Reich aus zahllosen Kleinstaaten. Die Wirtschaft wurde durch unzĂ€hlige Grenzen und Zölle gehemmt, das politische System war vom Absolutismus geprĂ€gt, in der Gesellschaft galt noch die jahrhundertealte StĂ€ndeordnung. Mit den französischen Truppen kamen auch die Ideen der Französischen Revolution nach Deutschland. 1806 besiegte Napoleon in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt das preuĂische Heer. Unter dem Eindruck dieser Niederlage setzte sich in PreuĂen, wie auch in anderen deutschen Staaten, die Erkenntnis durch, dass politische Reformen notwendig waren. Das Ergebnis war der Versuch einer "Revolution von oben", einer Modernisierung des Staates durch Reformen wie die Abschaffung der ZĂŒnfte. In dieser Zeit der französischen Besatzung erstarkte das NationalgefĂŒhl der Deutschen und fĂŒhrte zu einer Erhebung gegen die Fremdherrschaft. In der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 siegten schlieĂlich preuĂische, russische und österreichische Truppen ĂŒber Napoleons Heer. Nun forderten liberale KrĂ€fte eine Neuordnung des Staates, demokratische Reformen und vor allem die nationale Einheit Deutschlands. Diese politische Strömung spiegelte sich auch in der Kunst: So waren historische Themen sehr beliebt, die Deutschlands Vergangenheit glorifizierten; die Dichter griffen verstĂ€rkt auf volkstĂŒmliche Formen zurĂŒck wie MĂ€rchen, Sagen und Lieder. Auf dem Wiener Kongress jedoch, der 1814/15 die politische Neuordnung Europas bestimmte, dominierten restaurative KrĂ€fte, die alle Hoffnungen auf demokratische VerĂ€nderungen zunĂ€chst einmal zunichte machten.
Entstehung
Eine erste Fassung der ErzĂ€hlung Der Sandmann beendete E. T. A. Hoffmann nach eigenen Angaben am 16. November 1815 um ein Uhr nachts. Veröffentlicht wurde sie schlieĂlich Ende 1816 im ersten Band der ErzĂ€hlsammlung NachtstĂŒcke. Wie in vielen von Hoffmanns Werken steht auch hier das Irrationale im Vordergrund. Der Sandmann entspricht in vielem den literarischen Tendenzen jener Zeit: Die Dichter der Romantik waren fasziniert vom Geheimnisvollen, Unbewussten und MĂ€rchenhaften. Zugleich aber karikierte Hoffmann mit der Figur des Nathanael das romantische Ideal des empfindsamen Dichters. Dem Zeitgeschmack entspricht auch das Auftreten einer mechanischen Puppe in der ErzĂ€hlung: Schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts gab es Versuche, Automaten in Menschengestalt zu bauen. Hoffmann waren diese bekannt, bereits in der ErzĂ€hlung Die Automate (1814) verarbeitete er dieses Motiv. Ein reales Vorbild hat die Figur des Professors Spalanzani: Der italienische Biologe Lazarro Spallanzani beschĂ€ftigte sich im 18. Jahrhundert als einer der ersten Wissenschaftler mit kĂŒnstlicher Befruchtung, also im weitesten Sinne auch mit der Erschaffung von Menschen - Ă€hnlich wie Spalanzani im Sandmann. Auch mit psychischen Erkrankungen war E. T. A. Hoffmann vertraut: Seine Mutter litt unter Depressionen, er selbst hatte wegen seines ĂŒbermĂ€Ăigen Alkoholkonsums zunehmend mit Halluzinationen und Wahnvorstellungen zu kĂ€mpfen. Zudem musste er sich als Jurist oft genug mit der Frage nach der ZurechnungsfĂ€higkeit eines Verbrechers befassen. So ist es nicht verwunderlich, dass Hoffmann sich fĂŒr Geisteserkrankungen interessierte. Dabei war ihm die Freundschaft mit dem Nervenarzt Adalbert Marcus von groĂem Nutzen: Bei ihm konnte er sich ĂŒber Krankheitsbilder informieren und das Verhalten von Betroffenen studieren.
Wirkungsgeschichte
Der Sandmann ist heute eines der bekanntesten Werke E. T. A. Hoffmanns. Von der zeitgenössischen Kritik wurde die ErzĂ€hlung recht unterschiedlich aufgenommen. Manche Rezensenten sahen in ihr nur das Werk eines VerrĂŒckten. Auch Johann Wolfgang von Goethe zeigte sich 1827 besorgt darĂŒber, "dass die krankhaften Werke des leidenden Mannes lange Jahre in Deutschland wirksam gewesen". Nach Hoffmanns Tod geriet sein literarisches Schaffen weitgehend in Vergessenheit. Dies Ă€nderte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Wissenschaft und Kunst begannen, sich verstĂ€rkt dem Unbewussten in der menschlichen Seele zuzuwenden. Der französische Komponist LĂ©o Delibes verarbeitete den Stoff von Der Sandmann zu einem Ballett (Coppelia oder Das MĂ€dchen mit den Glasaugen), das 1870 uraufgefĂŒhrt wurde. Noch bekannter ist die Oper Hoffmanns ErzĂ€hlungen von 1881, in der Jacques Offenbach verschiedene Motive aus dem Werk Hoffmanns aufgriff, u. a. die Liebesgeschichte zwischen Nathanael und der Puppe Olimpia. Sigmund Freud analysierte 1919 in seiner Studie Das Unheimliche das Verhalten Nathanaels aus psychoanalytischer Sicht und entwickelte an diesem Beispiel eine Beschreibung des Narzissmus. AuĂerdem lieĂen sich zahlreiche Maler von der ErzĂ€hlung inspirieren, so schuf Alfred Kubin 1913 eine Reihe von Illustrationen zum Sandmann. E. T. A. Hoffmann beeinflusste auch Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. So findet sich z. B. die Vermischung von RealitĂ€t und irrationaler, subjektiver Wahrnehmung in Franz Kafkas Werk wieder. 1984 verlegte GĂŒnther Kunert in seiner ErzĂ€hlung Olympia Zwo die Liebesgeschichte zwischen Mensch und Automatenpuppe ins 20. Jahrhundert.
Ăber den Autor
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann wird am 24. Januar 1776 in Königsberg geboren. Die Eltern trennen sich bereits zwei Jahre spĂ€ter; der Junge lebt mit seiner Mutter fortan im Haus der GroĂmutter. Sein Onkel und Vormund sieht fĂŒr den kĂŒnstlerisch begabten Jungen eine Laufbahn als Rechtsanwalt vor. Hoffmann studiert also Jura, wagt nebenbei aber erste literarische Versuche, zeichnet und komponiert. 1798 verlobt er sich mit seiner Kusine, aber offensichtlich ohne groĂe Zuneigung: Nachdem er zwei Jahre spĂ€ter eine Anstellung am Gericht in Posen erhalten hat, das damals wie der gesamte westliche Teil Polens zu PreuĂen gehört, lebt er bald mit einer Polin zusammen. 1802 heiratet er seine LebensgefĂ€hrtin. Kurz darauf wird ihm sein Zeichentalent zum VerhĂ€ngnis: Er fertigt Karikaturen örtlicher WĂŒrdentrĂ€ger an und fĂ€llt dadurch in Ungnade. Hoffmann, der kurz vor seiner Ernennung zum Regierungsrat steht, wird strafversetzt. Als Komponist und Zeichner relativ erfolglos, verfĂ€llt er mehr und mehr dem Alkohol. 1804 wird er als Regierungsrat nach Warschau geschickt; zwei Jahre spĂ€ter ziehen Napoleons Truppen in die Stadt ein und schaffen den preuĂischen Beamtenapparat ab. Hoffmann ist stellungslos und hĂ€lt sich mit MĂŒhe als KĂŒnstler ĂŒber Wasser. SchlieĂlich erhĂ€lt er 1808 eine Anstellung am Theater in Bamberg. Endlich hat er auch als Komponist, Musikkritiker und Schriftsteller Erfolg. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die Romane Die Elixiere des Teufels (1815/16) und Lebens-Ansichten des Katers Murr (1819 bis 1821) sowie die ErzĂ€hlsammlungen NachtstĂŒcke (1816/17) und Die Serapions-BrĂŒder (1819 bis 1821). 1816 tritt er wieder in den Staatsdienst ein, 1819 wird er Mitglied einer Kommission, die staatsfeindliche Umtriebe untersucht. Da Hoffmann die staatliche UnterdrĂŒckung liberaler Strömungen als ungerecht empfindet, gibt er das Amt bald auf, kann es aber nicht lassen, seine Erfahrungen aus dieser Zeit in der ErzĂ€hlung Meister Floh satirisch zu verarbeiten. Prompt wird ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet. Aber noch vor dessen Abschluss stirbt der von Alkohol und Krankheit gezeichnete Hoffmann am 25. Juni 1822 in Berlin.
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