Zusammenfassung von Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

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Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Moderne

Worum es geht

Tagebuch eines Träumers

Fernando Pessoa hatte offenbar eine vielfach gespaltene Persönlichkeit – über 70 Heteronyme sind heute bekannt. Die wichtigsten seiner Alter Egos haben eine eigene Biografie, eine eigene Persönlichkeit und einen ganz individuellen Schreibstil. Eine dieser literarischen Persönlichkeiten ist Bernardo Soares, ein Hilfsbuchhalter aus Lissabon, der sich im Buch der Unruhe den Schmerz von der Seele schreibt. In verstörenden Bildern berichtet er aus seinem Leben. Dieses kommt ihm vor wie ein Grab, aus dem nur der Traum und die Literatur Fluchtmöglichkeiten bieten. Präzise seziert er seine Gefühle und Empfindungen, den Überdruss gegenüber einem feindlich gesinnten Schicksal, das ihm alles, was er wollte, vorenthielt, die Einsamkeit und den Hass auf die gewöhnlichen Menschen, die in ihrem tierischen, von Instinkten gesteuerten Dasein Glück und Freude zu finden scheinen. Die Lektüre des Buches der Unruhe kann, wenn man sich mit dem Träumer Soares identifiziert, durchaus zu einer schmerzhaften Erfahrung werden. Genau das entspricht der Intention des Autors: „Ich wünschte mir, die Lektüre dieses Buches hinterließe bei Ihnen den Eindruck eines wollüstig durchlebten Albtraums.“

Take-aways

  • Das Buch der Unruhe ist das Hauptwerk des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa, der heute als einer der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts gilt.
  • Inhalt: Der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares erzählt die Geschichte seines Lebens – eines Lebens ohne Ereignisse. Soares verbringt sein Dasein mit Träumen, Schreiben und der Analyse seiner eigenen, meist düsteren Seelenzustände.
  • Die Aufzeichnungen können als Studie gelesen werden, deren Forschungsobjekt die eigene Seele ist.
  • Wichtigstes Thema ist der Traum als Flucht vor dem Leben.
  • Zwischen Pessoa und Soares bestehen zahlreiche Parallelen. Pessoa selbst bezeichnete Soares als „Halbheteronym“, weil sie sich so ähnlich seien.
  • Das Buch der Unruhe wurde erst 47 Jahre nach Pessoas Tod veröffentlicht.
  • Der Nachlass des Dichters umfasst über 24 000 Textfragmente, die in einer Truhe in der Nationalbibliothek in Lissabon aufbewahrt werden.
  • Die Sichtung der von ihm hinterlassenen Texte ist noch immer nicht abgeschlossen.
  • Die stilistische und thematische Vielfalt im Buch der Unruhe lässt die Lektüre zur Herausforderung werden.
  • Zitat: „Zwischen mir und dem Leben ist eine dünne Glasscheibe. So deutlich ich das Leben auch erkenne und verstehe, berühren kann ich es nicht.“
 

Zusammenfassung

Autobiografie ohne Ereignisse

In einem Stoffgeschäft in Lissabon arbeitet Fernando Soares als Hilfsbuchhalter. Er bewohnt zwei kleine Zimmer in der Rua dos Douradores. Die einzigen regelmäßigen sozialen Kontakte hat er zu seinem Chef Vasquez und einigen Kollegen. Es gibt Menschen, die ihn als Freund bezeichnen, doch er bezweifelt, dass sie ihn wirklich kennen. Er liebt niemanden und wird von niemandem geliebt. Einmal hat er eine Beziehung zu einer Frau gehabt, die jedoch schnell scheiterte. Soares’ Alltag ist vollkommen monoton: Seine Freizeit verbringt er mit ausgedehnten Spaziergängen durch die Stadt oder allein in seiner Wohnung. Er bleibt stets Beobachter, ein Fremder unter den Menschen. Seine Phasen des Träumens und Schreibens werden immer wieder von solchen des seelischen Stillstands unterbrochen. Dann ziehen die Tage einfach an ihm vorbei; er denkt oder fühlt nicht und schreibt nichts nieder. Wenn der Stillstand vorbei ist, kann er sich meist nicht erinnern, wie lange er sich in diesem Dämmerzustand befunden hat.

Leben als Traum

Soares träumt immer, auch während der Arbeit. Er kann beides miteinander verbinden, ohne dass ihm Fehler unterlaufen. Seine Träume sind für ihn realer als die Wirklichkeit. Seine Vorstellungkraft stark genug, dass er in den Träumen gleichzeitig zwei Personen sein kann. Die wertvollsten Träume sind für Soares diejenigen, in denen Unmögliches geschieht, in denen er sich dem Traum vollkommen ausliefert. Jeder Mensch kann Wahrscheinliches träumen – nur wahrhaft große Träumer können sich das Unvorstellbare vorstellen.

„Ich sehe aus wie ein abgewetzter Jesuit. Mein mageres, ausdrucksloses Gesicht strahlt weder Intelligenz noch Intensität noch etwas aus, das es über die Ebbe der übrigen Gesichter erheben könnte.“ (S. 66 f.)

Träume helfen ihm, einen Schutzpanzer gegen die Ungerechtigkeiten und den Schmerz des wirklichen Lebens zu bilden. Soares kann nur glücklich sein, wenn er träumt. Dann ist er umgeben von imaginären Freunden, mit denen er kluge und unterhaltsame Gespräche führt, mit denen er spazieren geht und imaginäre Landschaften betrachtet oder ferne Länder bereist. Dabei kann er in verschiedene Rollen schlüpfen, indem er eines seiner Traum-Ichs annimmt: Diese „Ich-Anderen“ haben ganz eigene Überzeugungen und Charaktere und sprechen durch ihn. Und weil er sich immer neu erfindet, sich in immer neue Existenzen versetzt, weiß er nicht mehr, wer er selbst eigentlich ist. Nur indem er sich ständig neu erschafft, kann er auch wirklich neue Empfindungen haben, die er dann analysiert.

„Fragt ihr mich, ob ich glücklich bin, so antworte ich: nein.“ (S. 72)

Soares’ Träume bilden eine parallele Wirklichkeit, die neben der realen besteht. Das reale Leben löst in ihm nur Ekel aus: Er ist unfähig zu handeln, seinem Leben bewusst eine Richtung zu geben oder dies auch nur zu wollen. Deshalb unterlässt er das Handeln ganz und distanziert sich vom realen Leben. Die Außenwelt dient ihm nur als Dekoration oder als Impulsgeber für seine Träume: Alle Dinge oder Ereignisse, die ihm begegnen, können Stoff für neue Träume sein.

Generation ohne Gott

Soares lebt in einer Zeit, in der die Menschen den Glauben an Gott verloren und ihn durch den Glauben an die Menschheit ersetzt haben. Sie leben ohne Trost oder Hoffnung. Für Soares ist Gott jedoch existent, wenn auch vollkommen unbestimmt und nicht begreifbar. Er versteht Gott als Uhrmacher des Universums, dessen Plan niemals von den Menschen verstanden werden kann. Deshalb ist es auch sinnlos, Gottes Güte oder Vollkommenheit anzuzweifeln.

„Zwischen mir und dem Leben ist eine dünne Glasscheibe. So deutlich ich das Leben auch erkenne und verstehe, berühren kann ich es nicht.“ (S. 91)

Den Gott abtrünnigen Zeitgenossen bleiben als einzige wahre Wirklichkeit, als einziger Gegenstand der Wissenschaft und des Denkens nur die eigene Wahrnehmung und die eigenen Empfindungen. Vielleicht wird es irgendwann eine Geografie, eine Chemie der Empfindungen geben. Die Wissenschaftler erkennen dann womöglich, dass die Seele in einer eigenen Dimension neben der des Körpers existiert. Soares sieht sich selbst als Vorreiter dieser zukünftigen Wissenschaft, indem er mit mikroskopischer Genauigkeit sein eigenes Ich untersucht und dadurch etwas über die Seelen aller Menschen herausfindet. Dazu muss er zunächst seine Wahrnehmungen schärfen und steigern, wobei natürlich nicht nur die Freude, sondern auch und vor allem das Leiden erhöht wird. Um das zu ertragen, analysiert er seinen Schmerz: Die Analyse weckt in ihm eine Art auf sich selbst gerichtete Schadenfreude, ein Vergnügen am Betrachten des eigenen Leids, als würde es um jemand anderen gehen. Schließlich kann er die Empfindungen durch den Verstand filtern, um sie dann literarisch zu verarbeiten.

Metaphysik

Jede Metaphysik ist eine Form des Wahnsinns: Man kann die Wahrheit nicht herausfinden, man kann Probleme nicht lösen, weil man nie alle Aspekte berücksichtigen kann, nie alle Daten kennt und weil die nötigen intellektuellen Techniken nicht vorhanden sind. Entweder sieht man die Wahrheit und weiß die Lösung oder es gibt sie nicht. Alle Theorien haben gleich viel Anspruch auf Wahrheit, in jeder findet sich etwas, was sich bestätigen lässt. Deswegen muss man alle Theorien vertreten, nicht nur eine einzige. Meist wird am Ende nach Gefühl entschieden, was man für die Wahrheit hält.

Vom Leben geschlagen

Kein einziger der Wünsche, die Soares je hatte, wurde ihm vom Leben erfüllt. Er hat nie etwas zustande gebracht. Deshalb hat er beschlossen, fortan nicht mehr zu hoffen und zu wünschen und sich stattdessen zu isolieren. Er will sich vom Leben nur noch erhoffen, dass es ihn in Ruhe lässt. Die vollständige Isolation ist jedoch nur den Reichen möglich; als einfacher Hilfsbuchhalter ist man gezwungen, in gewissem Maß am Leben teilzunehmen. Dies führt zu einem Dilemma: Je mehr er sich vom Leben distanziert, desto sensibler wird sein Empfindungsvermögen und desto härter treffen, verstören und schmerzen ihn selbst kleinste Ereignisse. Er empfindet das Leben als unerträgliche Last, sehnt sich nach dem Nicht-Sein, nach einer dritten Möglichkeit neben Leben und Tod. Er fühlt sich wie ein Schiffbrüchiger und empfindet nur noch Überdruss und eine Müdigkeit der Seele gegenüber dem Leben, in die sich Entsetzen und Angst mischen.

„Ich kultiviere meinen Hass auf das Handeln wie eine Treibhauspflanze. Ich stimme nicht überein mit dem Leben und bin stolz darauf.“ (S. 116)

Soares findet sein eigenes Leben erbärmlich. Sein einziges Talent, das Schreiben, könnte ihn in den Augen anderer noch lächerlicher wirken lassen. Generell denkt er oft darüber nach, was andere wohl von ihm halten, wie sie ihn sehen. Die meisten Menschen begegnen ihm freundlich und finden ihn sympathisch, echte Zuneigung hat ihm jedoch nie jemand entgegengebracht. Vielleicht, so mutmaßt er, liegt das daran, dass sie seine Distanzierung vom Leben spüren. Er schätzt sich selbst gering, deshalb glaubt er nicht daran, dass jemand ihn wertschätzen oder gar lieben könnte.

Andere Menschen

Soares nimmt andere Menschen nur als Symbole wahr, die ihm etwas über sein Inneres sagen könnten. Er kann sich nicht vorstellen, dass auch sie eine Seele besitzen – seine eigene Seele ist seine ganze Welt und die einzige wirkliche Wirklichkeit. Deshalb sind auch seine Träume realer als die Gedanken und Gefühle anderer Menschen. Den Kontakt zu ihnen fürchtet er. Gespräche wirken auf ihn nicht stimulierend, sondern nur ermüdend. Die besten Gespräche führt er ohnehin allein – mit seinen imaginären Freunden, den Gestalten aus seinen Träumen.

„Den Teil des Lebens, den ich nicht mit konfusem Interpretieren nicht existenter Dinge vertan habe, habe ich mit dem Schreiben dieser Prosa vergeudet, dank derer ich mir ein unbekanntes Universum zu eigen mache.“ (S. 208)

Normalerweise hasst Soares die gewöhnlichen, in seinen Augen tierischen Menschen, die fröhlich sein und genießen können; er ekelt sich vor ihrer Banalität. Doch genau diese tierische Gewöhnlichkeit weckt in ihm an anderen Tagen eine tief empfundene Zärtlichkeit, wobei er sich als Außenstehender sieht, als bewusstes, denkendes Wesen, das über und neben den gewöhnlichen Menschen existiert. Zugleich empfindet er Neid auf die diejenigen, die in ihrem eintönigen Leben das Glück gefunden haben und nicht denken müssen.

Verlust der Eltern

Soares hat seine Mutter nicht gekannt: Sie starb, als er ein Jahr alt war. Vielleicht liegt in dem Fehlen echter mütterlicher Liebe der Grund für seine Andersartigkeit und seine emotionale Gleichgültigkeit. Auch der Vater konnte ihm keinen Halt geben: Er nahm sich das Leben, als Soares drei Jahre alt war. Die Sehnsucht nach mütterlicher Wärme und väterlicher Anleitung ist vor allem in seinen Träumen immer präsent. Er fühlt sich, als sei er unvorbereitet ins Leben geworfen worden. Niemand kann ihm sagen, was er tun soll, ihm den Weg erklären. Manchmal ist er trotzdem froh, keine Familie zu haben, die er lieben muss.

„Ich wünschte mir, die Lektüre dieses Buches hinterließe bei Ihnen den Eindruck eines wollüstig durchlebten Albtraums.“ (S. 218)

Die Erinnerungen an seine Kindheit bleiben äußerlich, als hätte er sie in einem Buch gelesen. Er fragt sich manchmal, ob er damals glücklicher war, muss aber erkennen, dass die eigene Geschichte im Rückblick zur Fiktion wird, die früheren Gefühle zu imaginären Gefühlen. Dennoch ist die Kindheit an sich für Soares ein idealer Zustand, in dem das Leben verneint und spielerisch seiner Wirklichkeit entkleidet wird. Ein Kind lebt abseits von Werten und Konventionen, vollkommen intuitiv. Soares wünscht sich manchmal, wieder Kind sein und bleiben zu können.

Liebe

Heutzutage stellen sich die Menschen die Liebe immer romantisch vor: Wer liebt, liebt romantisch. Die romantische Liebe ähnelt jedoch einem Kostüm, das wir über unseren zerschlissenen Kleidern tragen, und das unweigerlich irgendwann auseinanderfallen und die Wahrheit darunter preisgeben wird. Jede Liebe ist also von Anfang an zum Scheitern verurteilt – es sein denn, man wechselt immer wieder das Kostüm. Man liebt nie jemanden wirklich, sondern immer nur eine Vorstellung von ihm. Das muss zu Enttäuschungen führen. Für den Ästheten sind daher nur die ersten Tage einer Liebe interessant.

„Alles, was ich gehabt habe, war mein Nicht-suchen-Wissen, Feudalherr von Sümpfen im Dämmerlicht, verlassener Prinz einer Stadt leerer Gräber.“ (S. 219)

Soares hat einmal geliebt, doch die Monotonie seiner eigenen Gefühle und der Zwang, zurückzulieben, ließen ihn der Sache schnell überdrüssig werden. Er hatte nicht die Willenskraft, diese Liebe zu wollen. Ein denkender Mensch muss seine Unabhängigkeit bewahren und seine Persönlichkeit schützen, indem er allein bleibt. Frei ist nur, wer es vermeidet, anderen Menschen, Glaubensrichtungen oder Ideen anzugehören. Zu lieben heißt zu besitzen – doch niemand kann einen anderen besitzen. Man besitzt ohnehin nichts wirklich, weder materielle Dinge noch die eigene Seele.

„Ich sehe mich in gewisser Weise verpflichtet, immerfort zu träumen, denn da ich nicht mehr bin noch mehr sein will als ein Beobachter meiner selbst, bin ich mir die bestmögliche Inszenierung schuldig.“ (S. 223)

Im Traum hat Soares eine Liebste, der er von seinem Leben erzählen kann. Sie ist eine Art jungfräuliche Mutter – also das Gegenbild wirklicher Frauen, die in ihm nur Ekel auslösen.

Die Macht der Literatur

Die Literatur, das geschriebene Wort vermag Momente zu bewahren und den Dingen ihren Schrecken zu nehmen. Die Aufgabe des Dichters ist es, Träume in Worte zu fassen. Literatur kann dabei helfen, das Leben zu ignorieren oder vor ihm zu fliehen, da sie das Leben nur vortäuscht. Die Wirklichkeit ist so abstrakt, dass sie unwirklich und fiktiv erscheint. Die Literatur dagegen kann eine eigene Wirklichkeit erschaffen, die nicht weniger real ist als das wirkliche Leben.

„Ja, das ist der Überdruss: der Verlust der seelischen Fähigkeit, sich Illusionen zu machen, das gedankliche Fehlen der inexistenten Leiter, auf der er sicher und bestimmt zur Wahrheit aufsteigen kann ...“ (S. 267)

Die Liebe zur Sprache ist vielleicht Soares’ einzige Liebe: Er empfindet Wörter, Sätze und Metaphern als lebendige Wesen, die eine eigene Seele besitzen. Das geschriebene Wort ist für ihn der Inbegriff der Sinnlichkeit, während er die Sinnlichkeit des wahren Lebens uninteressant findet. Weinen kann er nur über etwas, was er gelesen hat, niemals über wirkliche Ereignisse.

Reflexionen über das eigene Werk

Soares bedauert, dass alles, was er schreibt, unvollkommen bleibt. Vollkommen ist sein Werk nur in seiner Vorstellung – sobald er seine Gedanken niederschreibt, sind sie nicht mehr perfekt. Wenn er das Geschriebene noch einmal durchliest, erscheint ihm sein ganzes Werk belanglos, als wäre es eine erbärmliche Kopie dessen, was er eigentlich zu schreiben geglaubt hat. Trotzdem ist er zu feige, mit dem Schreiben aufzuhören, obwohl ihm dies sein Sinn für Vollkommenheit nahelegt. Schreiben hilft ihm, sich vor dem Leben zu verstecken und sich von der Wirklichkeit abzulenken. Er erkennt es als seine Droge, von der er einfach nicht loskommt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das Buch der Unruhe besteht aus 481 Fragmenten unter dem Titel „Autobiografie ohne Ereignisse“ und einigen so genannten „Großen Texten“, die Pessoa ursprünglich gesondert veröffentlichen wollte. Der Aufbau des Buches entspricht allerdings nicht demjenigen, der vom Autor geplant war. Die im Nachlass gefundenen Fragmente wurden nachträglich vom Herausgeber in ein System gebracht.

Pessoas Stil schwankt zwischen Poesie, detailverliebter, beinahe wissenschaftlich präziser Sprache und bildreicher, eleganter Prosa, die vor allem in den Beschreibungen der Stadt Lissabon und verschiedener Wetterphänomene zur Geltung kommt. Die minutiösen Analysen seines Seelenlebens wechseln sich ab mit logisch strukturierten soziologischen und philosophischen Betrachtungen. Dazwischen finden sich immer wieder andere Textformen, beispielsweise Briefe, ein Dialog und eine Art Nachruf auf Heinrich den Seefahrer. Das Buch der Unruhe erlaubt auf keiner der mehr als 500 Seiten eine lockere Lektüre. Es zwingt den Leser zum intensiven Eintauchen in eine oft verstörende Seelenwelt und in den Geist eines genialen Literaten.

Interpretationsansätze

  • Bernardo Soares ist ein Heteronym Fernando Pessoas: eine Art Pseudonym, jedoch mit einer eigenen literarischen Persönlichkeit. Es liegt nahe, dass die Aussagen im Buch der Unruhe zumindest teilweise als Aussagen Pessoas gewertet werden können. Das Werk gibt Einblicke in das Leben einer, wie es im Buch heißt, „amorphen Persönlichkeit“, die von einer Person in eine andere wechseln kann und diese dann mit all ihren Überzeugungen und Charakterzügen übernimmt.
  • Bernardo Soares’ Aufzeichnungen können als Studie gelesen werden, deren Forschungsobjekt die eigene Seele ist. Wichtigstes Thema dieser Untersuchung ist der Traum als Flucht vor dem Leben.
  • Soares sieht sich selbst als gescheitertes Genie. Einerseits ist er stolz auf seine Fremdheit und Distanz zu den anderen Menschen, andererseits findet er darin einen Beweis für die Erbärmlichkeit seiner Existenz.
  • Soares’ Weltbild ist geprägt vom Skeptizismus: Er glaubt nicht, dass die Wissenschaften (außer der Mathematik) einen Anspruch auf Wahrheit haben. Alle Theorien haben seiner Meinung nach den gleichen Wert – in jeder findet sich etwas Beweisbares, doch niemals können alle Aspekte berücksichtigt werden.
  • Das als Denktagebuch angelegte Werk ist auch ein Versuch, Empfindungen, die eigentlich nur der eigenen Seele bekannt sind, literarisch so zu verarbeiten, dass sie auch dem Gegenüber, also dem Leser zugänglich werden. Dazu ist es notwendig, das Gefühl zu übersetzen – mitunter muss man dazu sogar etwas beschrieben, was man selbst gar nicht empfunden hat, von dem man aber weiß, dass es im Leser eine Empfindung auslöst, die der eigenen entspricht. Vor dem Hintergrund dieser vom Autor bzw. Soares selbst ausgeführten Theorie bieten vor allem die zahlreichen Wetter- und Landschaftsbeschreibungen einen großen Interpretationsspielraum.

Historischer Hintergrund

Portugal im frühen 20. Jahrhundert

Die Seefahrernation und Kolonialmacht Portugal geriet Ende des 19. Jahrhunderts in eine schwere Krise, als sich das Land den kolonialen Bestrebungen der Briten unterordnen musste. Nach dem Verlust der Kolonie Brasilien serbelte die Wirtschaft und im Land herrschten Armut und Hunger, während die Herrscherfamilie immer mehr im Luxus schwelgte. Die Unzufriedenheit des Volkes entlud sich in mehreren republikanischen Aufständen, die 1908 schließlich mit der Ermordung von König Karl I. eskalierten. Sein Sohn Emanuel II. übernahm daraufhin den Thron. Im Jahr 1910 wurde der republikanische Abgeordnete Miguel Bombarda ermordet, woraufhin es in Lissabon zu schweren Unruhen kam. Um die Massen zu beruhigen, wurde eine provisorische Regierung gebildet und die Republik ausgerufen; der König floh nach England. Die in der Folgezeit immer wieder wechselnden Regierungen konnten die chaotischen Zustände im Land jedoch kaum beruhigen; es kam weiterhin häufig zu Aufständen und Putschversuchen. Der Militärputsch im Jahr 1926 beendete die erste Republik: António de Oliveira Salazar stieg in den folgenden Jahren zum Ministerpräsidenten auf und gründete 1933 den so genannten „Estado Novo“, den neuen Staat – de facto eine Diktatur mit faschistischer Tendenz, die erst in den Jahren 1974 mit der Nelkenrevolution ihr Ende fand.

Entstehung

Das Buch der Unruhe wurde für Pessoa zum Lebenswerk: Über 20 Jahre, von 1913 bis 1934, arbeitete er daran. Die literarischen Einflüsse sind vielfältig. Im Buch selbst nimmt er auf zahlreiche Philosophen und Literaten Bezug, u. a. auf so unterschiedliche Geistesgrößen wie Heinrich Heine, Oscar Wilde, den persischen Gelehrten Omar Khayyam und den Schweizer Schriftsteller Henri-Frédéric Amiel.

Bernardo Soares ist eines der Heteronyme Fernando Pessoas, ein Alter Ego mit einer eigenen Biografie, mit eigenen Überzeugungen und einem eigenen Charakter. Pessoa selbst bezeichnete Soares in einem Brief als eines seiner ihm ähnlichsten Alter Egos: „Soares ist insofern ein Halbheteronym, als sich seine Persönlichkeit, auch wenn sie nicht die meine, so doch nichts anderes ist als sie, wohl aber eine leichte Verstümmelung von ihr.“ Soares wird in der Einleitung vorgestellt: Pessoa gibt an, dass er ihn in einem Lissaboner Kaffeehaus kennen gelernt habe, woraufhin sie über die Zeit Freunde geworden seien. Schließlich soll Soares ihn gebeten haben, seine Tagebuchaufzeichnungen zu veröffentlichen. Im gleichen Abschnitt löst Pessoa jedoch die Zweiheit auf und gibt an, er selbst sei Soares: „Ich war der Einzige, mit dem er in gewisser Weise vertraut geworden war. Doch – wenngleich ich immer hinter der Maske einer fremden Persönlichkeit gelebt habe, nämlich der seinen (...) – war mir stets bewusst, dass er jemanden an sich ziehen würde, um ihm das Buch zu hinterlassen, das er in der Tat hinterließ.“

Wirkungsgeschichte

Fernando Pessoa hat zu Lebzeiten wenig veröffentlicht. Nur einige Freunde bekamen seine Werke zu Gesicht. Sie lobten immer wieder sein Talent und sahen großen Ruhm voraus. Obwohl nur wenige seiner Texte erschienen, war Pessoa ein bekannter Intellektueller seiner Zeit und einer der führenden Köpfe des portugiesischen Modernismus. Der Großteil von Pessoas Manuskripten, darunter auch die Fragmente, die das Buch der Unruhe bilden, wurden unsortiert in einer großen Kiste gesammelt, die heute in der Nationalbibliothek in Lissabon aufbewahrt wird. Sie enthält über 24 000 Schriftstücke. Bis heute sind Literaturwissenschaftler, allen voran der amerikanische Pessoa-Forscher Richard Zenith, damit beschäftig, den Nachlass zu sichten und in eine systematische Ordnung zu bringen. Pessoa selbst hinterließ keine Anweisungen, welche Ordnung das Buch der Unruhe erhalten und welche Texte darin aufgenommen werden sollten. Aufgrund der Komplexität seines Schaffens und der über 70 bekannten Heteronyme wird die Forschung wohl noch Jahrzehnte allein mit der Systematisierung seines Werks beschäftigt sein.

Pessoa zählt heute zu den bedeutendsten Dichtern Portugals und gilt als einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er selbst erhoffte sich vermutlich diesen Ruhm, den er zu Lebzeiten nicht ernten konnte, von der Nachwelt. Im Buch der Unruhe steht: „Eines Tages vielleicht wird man verstehen, dass ich wie kein anderer meine naturgegebene Pflicht als Dolmetscher für einen Teil unseres Jahrhunderts erfüllt habe; und hat man das verstanden, wird man schreiben, dass ich zu meiner Zeit ein Unverstandener war, dass ich unseligerweise inmitten von Ablehnung und Kälte lebte und dies ein Jammer ist.“ Der Wunsch hat sich erfüllt: Vor allem auf portugiesische Schriftsteller hatte Pessoa enormen Einfluss. Der Nobelpreisträger José Saramago etwa widmete Pessoas Heteronym Ricardo Reis einen Roman (Das Todesjahr des Ricardo Reis).

Über den Autor

Fernando Pessoa wird am 13. Juni 1888 in Lissabon geboren. Als er fünf Jahre alt ist, stirbt sein Vater. Zwei Jahre später heiratet die Mutter erneut. Die Familie geht mit dem Stiefvater, einem portugiesischen Konsul, nach Südafrika, wo Pessoa bis zum Jahr 1905 lebt. In dieser Zeit wird er vor allem von der englischen Sprache und Kultur geprägt, die zeitlebens eine wichtige Rolle in seinem Schaffen spielen werden. Mit sieben Jahren schreibt Pessoa sein erstes Gedicht. Nach seiner Rückkehr nach Lissabon studiert er Literatur und Philosophie, er bricht das Studium jedoch ab und ist ab 1907 bis zu seinem Tod als Handelskorrespondent tätig. Alle Versuche, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen, ob mit einer Druckerei oder einem Verlag, scheitern. Die von ihm mitherausgegebene Zeitschrift Orpheu wird, obwohl von der Kritik begeistert aufgenommen, nach zwei Ausgaben eingestellt. Später verlagert er sich auf Prosawerke, deren bedeutendstes das Livro do Desassossego (Buch der Unruhe) ist, das in den Jahren 1913–1934 entsteht und dessen Protagonist Bernardo Soares ein Alter Ego Pessoas ist. Obwohl dieser selbst mehrmals ankündigt, das Werk zu veröffentlichen, wird es erst posthum, im Jahr 1982, publiziert. Weitere Werke erscheinen unter anderen Heteronymen, wobei die bekanntesten und wichtigsten Alberto Caeiro, Álvaro de Campos und Ricardo Reis sind. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Vielzahl der von ihm erfundenen Heteronyme ein Hinweis auf eine Geistkrankheit ist. Pessoa heiratet nie, trinkt zeit seines Leben gern und raucht viel. Am 30. November 1935 stirbt er an den Auswirkungen einer Leberzirrhose.


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