Zusammenfassung von Iphigenie bei den Taurern

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Iphigenie bei den Taurern Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Tragödie
  • Griechische Antike

Worum es geht

Eine griechische Heldin

Die Geschichte der vom Schicksal arg gebeutelten Griechin Iphigenie findet sich schon bei Homer und gab dank ihrer dramatischen Kraft früh einen guten Stoff für Tragödien ab. Euripides widmete ihr gleich zwei Dramen, die inhaltlich aneinander anschließen: Iphigenie in Aulis und Iphigenie bei den Taurern. Dank wirkungsvollen Änderungen des Mythos und seinem enormen poetischen Können schuf Euripides mit Iphigenie bei den Taurern ein Drama, das jahrhundertelang Künstler dazu inspirieren sollte, ihre eigene Fassung zu entwickeln. Das Stück sticht vor allem durch seine Titelfigur hervor: Iphigenie ist ein kluge, besonnene und sympathische Heldin, während die meisten anderen weiblichen Hauptfiguren jener Zeit entweder als passive, leidende Opfer oder als rachsüchtige Furien dargestellt wurden. Das meisterhaft verfasste Drama gehört nicht umsonst zu den bekanntesten Klassikern der Literaturgeschichte und bietet auch 2500 Jahre nach seiner Entstehung ein fesselndes Lese- und Theatererlebnis.

Take-aways

  • Iphigenie bei den Taurern zählt zu den bekanntesten Stücken des Euripides und wurde über die Jahrhunderte von verschiedensten Künstlern adaptiert.
  • Berühmt ist heute vor allem die goethesche Fassung des Mythos, Iphigenie auf Tauris.
  • Inhalt: Iphigenie, die Tochter des Königs Agamemnon, dient bei den barbarischen Taurern im Artemistempel, wo sie die Menschenopfer überwacht. Eines Tages verschlägt es ihren Bruder Orestes in das fremde Land, wo er nach einigen Missverständnissen mit seiner Schwester wiedervereint wird. Dank einem Plan von Iphigenie und dem Eingreifen der Göttin Athene gelingt den Geschwistern die Flucht.
  • Iphigenie bei den Taurern knüpft an Euripides’ Stück Iphigenie in Aulis an.
  • Die Geschichte beruht auf uralten Mythen, die immer wieder neu ausgestaltet wurden.
  • Euripides ergänzte die zu seiner Zeit schon vorhandenen Versionen der Geschichte um dramatische Elemente, die die Handlung spannender machen sollten.
  • Euripides gilt neben Sophokles und Aischylos als der größte Tragiker der griechischen Antike.
  • Die Zeit seines Wirkens, das fünfte Jahrhundert v. Chr., war die Blütezeit des griechischen Dramas.
  • Von den rund 90 Stücken, die Euripides verfasst haben soll, sind nur 19 erhalten.
  • Zitat: „Denn der Götter Fügungen / ins Unsichtbare schleichen insgesamt, und keiner weiß mit Klarheit irgendwas. / Das Schicksal nämlich führt ins Unerforschliche.“
 

Zusammenfassung

Prolog

Die Griechin Iphigenie erzählt ihre Lebensgeschichte: Ihr Vater Agamemnon wollte in den Krieg ziehen, doch ihm wurde prophezeit, dass er scheitern würde, wenn er der Göttin Artemis nicht seine Tochter opfere. Agamemnon ließ Iphigenie daraufhin in die Stadt Aulis bringen. Ihr und der Familie erzählte er, dass sie dort heiraten solle. Kaum war sie angekommen, wurde alles für die Opferung vorbereitet, doch im letzten Augenblick rettete die Göttin Artemis das Mädchen, indem sie Iphigenies Körper durch den einer Hirschkuh ersetzte, der an ihrer Stelle verbrannt wurde. Iphigenie wurde von Artemis ins ferne Land der barbarischen Taurer gebracht, wo sie nun als heilige Jungfrau der Göttin in einem Tempel dient und die bei den Taurern üblichen grausamen Opferungen überwacht. Kürzlich hatte sie einen merkwürdigen Traum, der ihr Angst macht: Sie fürchtet, dass ihrem geliebten Bruder Orestes etwas zugestoßen ist. Sie hat ihn zuletzt gesehen, als sie Kinder waren.

Neue Opfer für die Göttin

Seit Orestes seine Mutter getötet hat, nachdem diese seinen Vater ermordet hatte, reisen er und sein Freund Pylades ziellos umher. Eine Weissagung, der zufolge er von seiner Schuld befreit werde, wenn er aus dem Tempel der Göttin Artemis ein wertvolles Schmuckstück stehle und es nach Griechenland bringe, hat ihn in das Land der Taurer geführt. Nachdem die beiden Freunde an der fremden Küste gelandet sind, wollen sie sich in einer Höhle am Strand bis zur Nacht verstecken, um dann im Schutz der Dunkelheit das Artefakt zu stehlen.

„(...) jedoch wein ich um den in Argos bezwungnen / Verwandten, welchen am Busen verlassen ich hab / noch als Säugling, noch jung, noch als Spross / in den Händen der Mutter und an ihrer Brust, / der in Argos das Zepter soll tragen: Orestes.“ (Iphigenie, S. 16)

Unterdessen hadert Iphigenie mit ihrem Schicksal. Ihr Wehklagen wird von der Ankunft eines Rinderhirten unterbrochen, der eine wichtige Nachricht für Iphigenie hat. Er berichtet, dass Hirten zwei Griechen aufgefunden hätten, die sich in einer Höhle am Meer versteckt hielten. Da alle Fremden bei den Taurern der Göttin geopfert würden, so der Hirte, werde Iphigenie sich freuen zu hören, dass sie zwei neue Opfer bekommen werde, sobald die Hirten die Gefangenen zum Tempel brächten. Die beiden Fremden hätten sich mutig gegen die Hirten zur Wehr gesetzt, doch am Ende hätten sie sich geschlagen geben müssen. Die wütende und verbitterte Iphigenie, die wegen ihres Traums glaubt, ihr Bruder sei tot, befiehlt, die Fremden zu ihr zu bringen, damit sie sie opfern kann.

Berichte aus der Heimat

Die Gefangenen werden zum Tempel gebracht, wo Iphigenie sie in Empfang nimmt. Während die Diener schon Vorbereitungen für die Opferung treffen, fragt sie die Fremden, woher sie kommen. Trotz ihrer Verbitterung hat sie Mitleid mit den Männern, doch Orestes will davon nichts wissen: Er ist überzeugt, dass Mitleid unklug ist und nur falsche Hoffnungen weckt. Als Iphigenie noch einmal nach seiner Heimat fragt, antwortet er ausweichend. Auch seinen Namen will er ihr nicht nennen, damit man ihn nach seinem Tod nicht verspotten kann.

„Gekommen sind ins Land (...) zwei Jünglinge, / ein für die Göttin liebes Schlachten und Verbrennen, / für Artemis.“ (Rinderhirte zu Iphigenie, S. 16)

Als Iphigenie dann doch herausbekommt, dass er aus Argos stammt, fragt sie nach ihren Verwandten und Bekannten und wie es ihnen ergangen sei. Orestes ist erstaunt, dass sich Iphigenie augenscheinlich gut mit den Verhältnissen in Argos auskennt, und will wissen, wer sie ist. Iphigenie erklärt, dass sie in Griechenland geboren, aber als Kind verloren gegangen sei. Schließlich fragt sie auch nach dem Schicksal Agamemnons. Orestes erzählt, dass Agamemnon von seiner Frau getötet wurde und dass der Sohn der beiden daraufhin die Mutter umbrachte, um den Tod des Vaters zu rächen. Iphigenie findet das gerecht und erkundigt sich nach Agamemnons Kindern. Eine Tochter, Elektra, lebe noch in Argos, berichtet Orestes, die andere sei tot. Der Sohn lebe zwar, halte sich aber nicht mehr in Argos auf. Iphigenie freut sich zu hören, dass ihre Vorahnung falsch war und ihr Bruder noch lebt.

Der Handel

Iphigenie schlägt Orestes einen Handel vor: Sie will ihn verschonen, wenn er sich bereit erklärt, eine Nachricht nach Griechenland zu ihrer Familie zu bringen. Orestes will sich darauf nicht einlassen: Stattdessen soll Pylades seinen Platz einnehmen und nach Griechenland zurückkehren, schließlich wäre dieser ohne ihn gar nicht in so eine Situation geraten. Iphigenie bewundert Orestes’ loyale Haltung und wünscht sich, ihr Bruder wäre genauso willensstark wie dieser Fremde. Sie ist einverstanden: Pylades soll verschont werden, während Orestes der Göttin geopfert wird. Iphigenie erklärt sich bereit, sich nach der Opferung nach griechischer Sitte um seine sterblichen Überreste zu kümmern. Sie geht ins Gebäude, um die Tafel mit der Nachricht zu holen.

„Denn der Götter Fügungen / ins Unsichtbare schleichen insgesamt, und keiner weiß mit Klarheit irgendwas. / Das Schicksal nämlich führt ins Unerforschliche.“ (Iphigenie, S. 26)

Orestes und Pylades bleiben allein zurück. Orestes wundert sich, wer Iphigenie wohl ist, da sie sich ja offensichtlich sehr für Neuigkeiten aus Argos und speziell über das Haus Agamemnon interessiert. Pylades hat derweil andere Sorgen: Er will seinen Freund nicht dem Tod überlassen, während er selbst die Chance zur Flucht nutzt, sondern lieber an Orestes’ Seite sterben. Wenn er allein nach Argos zurückkehrt, wird er, so fürchtet er, als feige gelten. Da er mit Orestes’ Schwester Elektra liiert ist, könnten böse Zungen sogar behaupten, Pylades selbst habe Orestes getötet, um an das Erbe zu kommen. Orestes freut sich über Pylades’ Treue, doch er lehnt dessen Angebot, bei ihm zu bleiben, rigoros ab: Er will, dass sein Freund nach Hause zurückkehrt und mit Elektra Kinder bekommt, damit die Linie des Hauses Agamemnon nicht ausstirbt. Für Orestes soll Pylades ein Denkmal bauen. Sein Freund reagiert ausweichend: Er meint, dass es vielleicht noch Hoffnung auf ein besseres Ende geben könne.

Die Wahrheit kommt ans Licht

Iphigenie kehrt zurück. Sie macht sich Sorgen, dass Pylades ihren Auftrag, sobald er in Sicherheit ist, nicht mehr ausführen wird. Er soll deshalb mit einem Eid schwören, dass er ihre Tafel überbringen wird. Pylades wendet ein, dass er Schiffbruch erleiden könnte. Der Eid soll darum eine Ausnahme gelten lassen: dass er nämlich zuerst sich selbst retten und die Tafel verloren geben dürfe, wenn eine Rettung zu gefährlich wäre. Das sieht Iphigenie ein. Sie will ihm die Nachricht auch selbst sagen, damit Pylades sie, falls er die Tafel verliert, mündlich überbringen kann. Die Nachricht lautet: Iphigenie wurde von Artemis vor ihrem Schicksal gerettet und zu den Taurern gebracht. Ihr Bruder Orestes soll zu ihr kommen und sie von ihrer grausamen Aufgabe befreien.

„Nur meinen Leib wirst opfern du, den Namen nicht.“ (Orestes zu Iphigenie, S. 28)

Während Iphigenie den beiden Griechen die Tafel überreicht, sind diese fassungslos. Pylades nimmt die Tafel und gibt sie gleich an Orestes weiter. Dieser findet seine Sprache wieder: Obwohl er von den Ereignissen völlig verwirrt ist, freut er sich aus ganzem Herzen, seine tot geglaubte Schwester wiedergefunden zu haben. Iphigenie ist misstrauisch: Ist der Mann, der vor ihr steht, wirklich ihr Bruder, oder spielt er mit ihr? Sie fordert einen Beweis. Orestes erzählt ihr daraufhin Geschichten aus ihrer gemeinsamen Kindheit.

Familienzusammenführung

Endlich schenkt Iphigenie Orestes Glauben und freut sich über die glückliche Fügung, die sie zueinandergeführt hat. Sie ist aber auch entsetzt, dass sie beinahe ihren eigenen Bruder getötet hätte. Nun will sie einen Weg finden, wie Orestes und Pylades fliehen können. Sowohl der Weg über Land als auch die Flucht per Schiff sind äußerst gefährlich. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, will Iphigenie mehr über die Ereignisse in ihrer Familie erfahren. Orestes berichtet ihr, dass Elektra mit Pylades zusammenlebt. Iphigenie will wissen, warum seine Mutter Agamemnon ermordet hat. Doch Orestes möchte seine Schwester nicht mit diesem Wissen belasten. Er erklärt ihr, dass er selbst sich für den Mord an seiner Mutter vor den Rachegöttinnen rechtfertigen musste. Apollon kam ihm bei dem Verfahren zu Hilfe, sodass das Urteil zu seinen Gunsten ausfiel. Einige Göttinnen wollten das Urteil jedoch nicht anerkennen und waren weiterhin auf Rache aus. Apollon trug Orestes daraufhin auf, das goldene Artefakt, das Zeus auf die Erde geworfen hatte, bei den Taurern zu entwenden und es nach Athen zu bringen. So könne er die Rachegöttinnen besänftigen.

„O du Gebieterin, die du in Aulis’ Schluchten mich / gerettet hast aus fürchterlicher Mörderhand des Vaters, / errette mich auch jetzt – und diese Männer hier!“ (Iphigenie zu Artemis, S. 66)

Iphigenie ist überzeugt, dass der Diebstahl von den Göttern gewollt ist. Sie will Orestes bei dem Raub helfen und mit ihm gemeinsam nach Griechenland fliehen. Orestes will diese Ziele erreichen, indem er Thoas, den König der Taurer, ermordet, doch Iphigenie ersinnt einen anderen Plan.

Iphigenies Plan

Iphigenie erklärt Orestes und Pylades ihren Plan: Sie will Thoas mitteilen, dass Orestes seine Mutter ermordet hat. Damit seien sowohl er als auch Pylades in den Augen der Göttin unrein und könnten nicht geopfert werden. Sie selbst wolle die beiden – und die Statue, die Orestes durch seine Berührung entweiht habe – im Meer reinigen. Sobald sie mit Orestes und Pylades außer Sichtweite ist, will sie mit ihnen zu ihrem Schiff fliehen. Iphigenie bittet die Frauen des Chors, ihr Geheimnis zu bewahren: Ohne das Stillschweigen der Frauen seien sie so gut wie tot. Die Frauen geloben zu schweigen, schließlich teilen sie Iphigenies Schicksal: Auch sie wurden gegen ihren Willen zu den Taurern gebracht, um im Tempel zu dienen. Sie freuen sich, dass sich wenigstens Iphigenies Schicksal zum Guten wenden wird und sie nach Griechenland zurückkehren kann.

„Der Wechsel ist ein schlimmer Daimon. / Und nach Glück in Übel zu geraten / ist für Sterbliche ein schweres Leben.“ (Chor, S. 68)

Thoas tritt auf und fragt nach dem Fortgang der Opferzeremonien. Iphigenie kommt aus dem Tempel und warnt ihn davor, hineinzugehen. Sie beklagt sich darüber, ein unreines Opfer erhalten zu haben: Kaum habe Orestes den Tempel betreten, hätte sich die Statue der Göttin ohne Fremdeinwirkung abgewandt. Denn die Fremden hätten ihre Mutter getötet und wegen dieser schändlichen Tat aus Griechenland fliehen müssen. Thoas ist entsetzt und möchte wissen, was man nun tun kann. Iphigenie erklärt, dass sie die Statue und die Fremden im Meer reinigen müsse. Die dazu nötigen Rituale seien nur für die Augen von Eingeweihten bestimmt, daher müssten sie an einer einsamen Stelle durchgeführt werden. Bis die Reinigung vollzogen sei, sollten die Einwohner der Stadt in ihren Häusern bleiben, um die Muttermörder nicht sehen zu müssen. Thoas bewundert Iphigenies Umsicht und ihre Sorge um die Stadt. Er beauftragt einige Diener, sie zu begleiten. Thoas selbst will den Palast mit Feuer reinigen lassen.

Die Flucht

Vor dem Tempel fragt ein Bote den Chor nach Thoas. Der Chor will wissen, worum es gehe. Als der Bote erklärt, dass die beiden Fremden die Statue gestohlen hätten und mit ihrem Schiff zu entkommen drohten, erklärt der Chor, Thoas sei nicht mehr im Tempel. Der Bote glaubt den Frauen nicht und beharrt darauf, den König zu sprechen. Da kommt Thoas selbst hinzu und erfährt von dem Boten, dass die Frauen über seinen Aufenthaltsort gelogen haben.

„Die junge Frau, die hier / an den Altären hat gestanden, Iphigenie, ist aus dem Land / zusammen mit den Fremden fort, der Göttin / erhabnes Prunkstück in Besitz (…)“ (Bote, S. 81)

Der Bote erstattet Bericht über Iphigenies Flucht und ihre List: Die Männer, die sie im Auftrag von Thoas begleiten sollten, waren von Anfang an misstrauisch. Nachdem sie eine Weile in einiger Entfernung von Iphigenie gewartet hatten, beschlossen sie, nach dem Rechten zu sehen. Als sie bei ihr eintrafen, sahen sie, dass auf dem Schiff der Fremden Vorbereitungen zum Ablegen getroffen wurden. Überzeugt davon, dass Orestes und Pylades Iphigenie in ihre Gewalt gebracht hatten und sie entführen wollten, stürmten die Diener los und begannen einen Kampf gegen Orestes und Pylades. Als es den Griechen gelang, die Taurer zurückzudrängen, lief Orestes mit Iphigenie zum Schiff und gab Befehl zum Ablegen. Ein plötzlich aufkommender Wind hinderte das Schiff aber daran, zu entkommen – nun sitzen die Griechen in der Bucht fest. Iphigenie flehte Artemis um Hilfe an: Sie solle ihr den Diebstahl und die Flucht verzeihen.

Göttlicher Beistand

Der Bote drängt Thoas zur Eile: Noch könne er die Fremden aufhalten und den Verrat bestrafen. Thoas ruft sein Volk zusammen: Die Taurer sollen zum Meer eilen und die Flüchtigen fassen. Den Chor will er später für den Verrat bestrafen. In diesem Moment greift die Göttin Athene ein und erklärt, dass Orestes mit seinen Taten sein Schicksal erfülle, das ihm von den Göttern geweissagt worden sei. Indem er seine Schwester rette und die Statue nach Griechenland bringe, erfülle er den göttlichen Plan. Athene ruft Orestes in der Ferne seine neuen Aufgaben zu: Er soll am heiligen Ort Halai einen Tempel erbauen und die Statue dort aufstellen. Iphigenie soll die Hüterin des Tempels werden. Athene fordert von Thoas, dass er seinen Groll ruhen lässt. Er verspricht, dass er weder die flüchtigen Griechen noch den Chor strafen wird und dass fortan keine Fremden mehr geopfert werden.

Zum Text

Aufbau und Stil

Als attische Tragödie folgt Iphigenie bei den Taurern den strengen Vorgaben, die zur Zeit des Euripides für diese Gattung galten – einige dieser Standards, die z. T. auch noch bei den Römern Geltung hatten, setzte er sogar selbst. Auch stilistisch entspricht Iphigenie bei den Taurern den Vorgaben der Zeit: Für die Sprechszenen wie auch für die meist gesungenen Partien des Chors gelten Gestaltungsrichtlinien, die die die beiden Formen klar voneinander absetzen. Die Handlung setzt an dem Punkt ein, an dem Euripides’ Stück Iphigenie in Aulis höchstwahrscheinlich endete (der Schluss ist nicht erhalten): Dort wird erzählt, wie Agamemnon beschließt, seine Tochter zu opfern, und sie unter dem Vorwand, sie mit Achilles verheiraten zu wollen, nach Aulis bringt. Die Sprache in Iphigenie bei den Taurern ist poetisch, mitunter sogar pathetisch, und erfordert einige Übung in der Entschlüsselung. Für das Verständnis unerlässlich sind daneben zumindest Grundkenntnisse der griechischen Götterwelt – etwa, dass es sich bei Phoibos und Loxias nur um andere Namen für den Gott Apollon handelt. Mit etwas Vorwissen ist das Drama dennoch gut verständlich.

Interpretationsansätze

  • Iphigenie bei den Taurern zählt zu Euripides’ so genannten Frauenstücken: Acht der überlieferten Dramen stellen ein weibliches Schicksal in den Mittelpunkt der Geschehnisse. Bei vielen der weiblichen Hauptfiguren handelt es sich um starke Frauen, die sich mit List und Tücke in einer von Männern dominierten Welt durchsetzen. Bis heute ist jedoch unklar, ob Euripides diese Schläue der Frauen als positive Eigenschaft empfand – Aristophanes nennt ihn einmal sogar einen „Frauenfeind“.
  • Unterteilt man die erhaltenen griechischen Dramen nach den in ihnen vorherrschenden Motiven, so zählt Iphigenie bei den Taurern zu den Anagnorisis-Dramen. Der Ausdruck „anagnórisis“ bedeutet „Wiedererkennung“ – in diesem Fall die Wiederkennung des verloren geglaubten Geschwisterteils.
  • Zentrales Element des Handlungsbogens ist – wie immer im antiken Drama – der so genannte Umschlag: Die Hauptfigur des Dramas erlebt eine drastische Wendung in ihrem Schicksal. In der Tragödie handelt es sich dabei meist um einen Umschlag vom Glück ins Unglück. Iphigenie erlebt dagegen den eher für die Komödie typischen Umschlag vom Unglück ins Glück, als sie und Orestes sich wiederfinden. So ist Iphigenie bei den Taurern denn auch eine Tragödie ohne tragischen Schluss: Statt Tod und Untergang steht am Ende die geglückte Flucht der Geschwister in die Heimat, ermöglicht durch die „Dea ex Machina“ Athene.
  • Der wohl bekanntesten Definition der Tragödie zufolge handelt es sich dabei um „eine Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung“, die „Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt“ (Aristoteles, Poetik). Das Publikum soll die dargestellte Geschichte emotional miterleben und mit den Hauptdarstellern mitfiebern. Das gelingt Euripides, indem er Iphigenie anfangs als Opfer darstellt, das gegen ihren Willen gezwungen ist, barbarische Rituale durchzuführen. Der Zuschauer wünscht unwillkürlich, dass sie aus dieser Situation errettet wird – und freut sich umso mehr, als es Iphigenie am Ende gelingt, diese Flucht zu bewerkstelligen.

Historischer Hintergrund

Athen im fünften Jahrhundert v. Chr.

Nachdem sich die griechischen Staaten in den Perserkriegen erfolgreich behauptet hatten und in der Folge den von Athen dominierten attischen Seebund gründeten (478/77 v. Chr.), entwickelte sich in Athen die erste demokratische Staatsordnung. Die entscheidende Macht im Staat hatte der Stratege Perikles inne, der die Harmonie im Inneren vor allem durch Ausschaltung seiner Gegner sicherstellte.

Auf den Friedensschluss mit dem Perserreich folgte für Athen eine Phase des äußeren Friedens, die einen bisher nicht gekannten Aufschwung im wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bereich ermöglichte. In dieser Zeit erblühten insbesondere die Dichtkunst (Sophokles, Aischylos, Euripides), die Geschichtsschreibung (Herodot), die bildende Kunst, die Medizin (Hippokrates) und die Philosophie (Sokrates). Prächtige Bauten wie der Parthenon auf der Akropolis wurden errichtet, und die Athener sahen sich selbst als Krone der Menschheit. Bei den alljährlich stattfindenden Festen der Großen Dionysien wurden zur Erbauung des Volkes die neuesten Stücke der Dichter aufgeführt und – je nach Publikumserfolg – ausgezeichnet.

Politisch folgten jedoch bald wieder unruhige Zeiten: In den Jahren ab 431 v. Chr. kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten, vor allem mit Sparta, die erst mit dem Sieg Spartas im Jahr 404 v. Chr. ein Ende fanden. Dennoch war Athen im kulturellen Bereich ein Vorbild für ganz Griechenland und blieb bis zum Aufstieg Roms das bedeutendste geistige Zentrum der bekannten Welt.

Entstehung

Die Geschichte von Iphigenie stammt aus dem reichen Stofffundus des so genannten Tantaliden-Mythos: Tantalus ermordete seinen Sohn Pelops und beschwor mit dieser schrecklichen Tat einen Fluch auf seine Familie herauf, der sich über Generationen hinweg fortsetzte, bis hin zu Agamemnon, der seine Tochter Iphigenie opfern wollte, um die Götter für seinen Angriff auf Troja gütig zu stimmen.

Euripides konnte die Handlung seiner Iphigenie-Stücke also aus dem reichen Mythenschatz der Griechen übernehmen. Ein Hinweis darauf, dass die Tochter Agamemnons als heilige Jungfrau in den Tempeln der Taurer diente, findet sich schon in den Historien des Herodot. Die traditionellen Mythen wurden für das Theater immer wieder neu ausgestaltet. Die Autoren modifizierten die bekannten Geschichten und fügten neue, dramatisierende Elemente hinzu. Dabei hatten sie ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit: Die zu erzählende Geschichte musste nicht exakt wiedergegeben, sondern vor allem dramatisch wirkungsvoll sein.

Euripides modifizierte die Handlung u. a. dahingehend, dass die Göttin Artemis von Agamemnon nicht explizit seine Tochter als Opfer fordert, sondern „das Schönste, was er besitzt“. Auch die Wiedervereinigung der Geschwister durch das Vorlesen einer Botschaft ist eine Erfindung von Euripides. Ebenso wurden Iphigenies List, mit der sie Thoas austrickst, und das Erscheinen von Athene als „Dea ex Machina“ am Ende des Stücks von Euripides ergänzt.

Wirkungsgeschichte

Wie Euripides’ Stück bei seinen Zeitgenossen ankam, ist nicht bekannt. Iphigenie zählt jedenfalls nicht zu den Dramen, mit denen Euripides den Tragikerwettstreit gewann. Sicher ist: Schon bald nach seinem Tod wurde Euripides als herausragender Dramatiker anerkannt. Seine Stücke zählten in der Antike zu den meistaufgeführten Dramen und sein Stil galt bis in die römische Zeit für viele als Maß aller Dinge.

Der Reiz des Iphigenie-Stoffs blieb über die Jahrhunderte ungebrochen. Iphigenie bei den Taurern zählt neben Medea und Elektra zu den Stücken Euripides’, die auf die Nachwelt den größten Einfluss hatten. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik und der bildenden Kunst wurde die Geschichte immer wieder aufgegriffen. Am bekanntesten sind Johann Wolfgang von Goethes Iphigenie auf Tauris und Christoph Willibald Glucks Oper Iphigénie en Tauride, die beide 1779 uraufgeführt wurden, sowie das Gemälde Iphigenie von Anselm Feuerbach.

Über den Autor

Euripides zählt neben Aischylos und Sophokles zu den drei großen Tragödiendichtern der griechischen Antike. Über sein Leben sind nur wenige Details bekannt. Die spärlichen biografischen Informationen, die uns heute noch vorliegen, verdanken wir zum Teil den Komödien des Aristophanes, der sich in seinen Stücken über den etwas älteren Zeitgenossen lustig machte. Euripides wird um 480 v. Chr. als Sohn eines Gutsbesitzers geboren und verbringt seine Jugend auf der Insel Salamis, auf der das Landgut seiner Eltern liegt. Der Überlieferung zufolge soll er hier in einer Höhle seine Dichtungen verfassen. Seine Ausbildung absolviert Euripides in Athen. Hier trifft er auf die berühmten Denker seiner Zeit: Anaxagoras, Archelaos und auch Sokrates sollen zu seinen Lehrern gezählt haben. Zunächst studiert Euripides auf Wunsch des Vaters Gymnastik, um sich dann der Tragödiendichtung zuzuwenden. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Sophokles und Aischylos gilt Euripides als ungeselliger Einzelgänger, der sich aus den politischen und militärischen Fragen der Stadt heraushält. Er heiratet zweimal und wird Vater von drei Kindern. Euripides verfasst etwa 90 Dramen, von denen jedoch nur 19 überliefert sind. Bei vier Dramen ist unklar, ob sie von ihm selbst oder von Euripides dem Jüngeren (seinem Sohn oder Neffen) stammen. Seine bekanntesten Werke sind die Bakchen, Elektra, Iphigenie in Aulis, Iphigenie bei den Taurern und Medea. Euripides nimmt regelmäßig am Wettbewerb der Dichter teil, gewinnt aber nur vier Mal. Der mangelnde Erfolg ist wohl einer der Gründe, warum Euripides im hohen Alter einen Neuanfang wagt: Ab 408 v. Chr. wendet er Athen den Rücken, um sich in Pella am Hof des makedonischen Königs Archelaos niederzulassen. 406 v. Chr. stirbt Euripides.


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