Zusammenfassung von Kritik der reinen Vernunft

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Kritik der reinen Vernunft Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Frühe Neuzeit

Worum es geht

Die kopernikanische Wende des Denkens

Immanuel Kant hat mit der Kritik der reinen Vernunft eine Revolution ausgelöst. Das Buch begründete die Transzendentalphilosophie und traf seine Zeitgenossen wie ein Schock. Der Königsberger Philosoph untersucht die Grundlagen unserer Erkenntnisfähigkeit und kommt zum Schluss, dass diese begrenzt ist. Im Gegensatz zu vielen Philosophen vor ihm legt er mit seiner Abhandlung dar, dass der menschliche Verstand Fragen wie die nach der Existenz Gottes, der Seele oder dem Anfang der Welt nicht lösen kann. Kant nimmt den modernen Konstruktivismus vorweg, wenn er behauptet, dass dem Menschen nur begrenzte Wahrnehmungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, mit denen er (wie durch eine farbige Brille) die Wirklichkeit betrachtet. Den Empirismus und den Rationalismus wollte Kant durch seine Philosophie versöhnen, er entließ aber seine staunenden Leser und zahlreichen Zuhörer in der Universität mit der für sie deprimierenden Folgerung, dass sie die wirkliche Welt "an sich" niemals erkennen könnten. Die Kritik der reinen Vernunft gehört sicher zum Kompliziertesten, was die Weltliteratur aufzuweisen hat. Ein philosophisch nicht geschulter Leser hat bei Kant kaum eine Chance. Dennoch lohnt sich die Lektüre: Ohne Kant sind die Philosophien eines Hegel, Fichte, Nietzsche oder die Literatur und Ästhetiktheorien der deutschen Klassiker nicht vorstellbar.

Take-aways

  • Die Kritik der reinen Vernunft ist das Hauptwerk von Immanuel Kant. Er arbeitete etwa zehn Jahre daran, bis er es 1781 veröffentlichte.
  • Zunächst entfaltete das Buch keine Wirkung, sodass Kant eine Kurzfassung und 1787 eine erweiterte Fassung herausgab.
  • Das Werk versucht die Grundlagen menschlicher Erkenntnisfähigkeit herauszufinden: Was können wir erkennen und was nicht?
  • Um überhaupt etwas über die Welt zu erfahren, benötigen wir sowohl die sinnliche Wahrnehmung als auch den Verstand: Reine Verstandesbegriffe sind leer, reine Anschauungen sind blind.
  • Es gibt zwei Dinge, die von unserer Erfahrung unabhängig und gleichzeitig notwendig sind: Raum und Zeit. Das menschliche Denken muss Raum und Zeit voraussetzen, um überhaupt irgendetwas erkennen zu können.
  • Der Mensch verfügt über einige grundlegende Urteilsformen, die Kategorien. Mit diesen strukturieren wir unsere Wahrnehmungen und Erkenntnisse.
  • Kants revolutionäre Einsicht: Wie wir die Welt sehen, hängt von unserer Wahrnehmung und von unserem Verstand ab. Ob aber die "Dinge an sich" in Wirklichkeit so sind, wie wir sie wahrnehmen, können wir niemals wissen.
  • Wegen dieser Wende im Denken wird Kant als "Kopernikus der Philosophie" bezeichnet.
  • Die Existenz (oder Nichtexistenz) von Dingen, die außerhalb der Sinnenwelt liegen (z. B. die Seele oder Gott), kann mit dem Verstand nicht bewiesen werden.
  • Trotzdem können und müssen solche "regulativen Ideen" gedacht werden - und zwar mithilfe der Vernunft.
  • Kants Philosophie war gleichermaßen revolutionär wie epochemachend: Von Kant ausgehend entwickelte sich der Deutsche Idealismus (Fichte, Hegel, Schelling).
  • Die Schule des Neukantianismus forderte später: Zurück zu Kant!
 

Zusammenfassung

Auf dem Kampfplatz der Metaphysik

Menschen denken - darin unterscheiden sie sich von den Tieren. Allerdings bringen Verstand und Vernunft auch große Probleme mit sich: Die Menschen stoßen auf Fragen, die sie nicht beantworten können. Fragen, die sich notwendig stellen (z. B. nach dem Anfang des Universums oder der Existenz Gottes), deren Erkenntnis sich ihnen jedoch entzieht. Dies sind Fragen der Metaphysik, die untersucht, was sich hinter den physischen Dingen verbirgt. Alles, was auf der Welt existiert, ist physisch. Alles, was darüber hinausgeht (z. B. die Frage nach dem Sinn des Lebens), gehört zum Bereich der Metaphysik (meta = über/vor der Physik). Dazu gehört auch die sehr grundlegende Frage: Was können wir überhaupt erkennen? Die Rationalisten huldigen der Vernunft und die Empiristen müssen alles erst "erleben", bevor sie es als wahrhaftig annehmen. Die Kritik der reinen Vernunft will diese beiden Gegner auf dem "Kampfplatz der Metaphysik" versöhnen. Die Prüfung (Kritik) der Möglichkeiten, Erkenntnis zu gewinnen, ohne sich dabei auf Erfahrungen zu berufen (daher "rein"), ist ihr Anliegen.

Kopernikanische Wende

Wenn es um Erkenntnis geht, steht man vor einem Grundproblem: Forscher und Forschungsgegenstand befinden sich in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Aber in welchem? Bisher ging man davon aus, dass sich der menschliche Verstand nach den Gegenständen richtet, die er untersucht. Also: Alles, was es zu entdecken gibt, verleibt sich der Verstand ein. Notwendigerweise muss der Mensch dann kapitulieren, wenn er auf Phänomene trifft, die er gar nicht mit dem Verstand aufnehmen kann. Eine solche Erkenntnistheorie führt also in die Irre, genauso wie sich die Menschen in der Zeit vor Kopernikus darin irrten, dass sich die Gestirne um die Erde drehen. Das war eine Behauptung, die auf Beobachtungen beruhte, die sich aber mit den Berechnungen des Astronomen Kopernikus "beißen" musste. Kopernikus drehte die Verhältnisse um: Nicht die Sonne kreist um die Erde, sondern die Erde um die Sonne! Diese "kopernikanische Wende", eine Revolution im Denken, muss auch in der Metaphysik erfolgen: Nicht der Verstand dreht sich um die Dinge, sondern die Dinge drehen sich um den Verstand. Der Verstand ist das Maß aller Erkenntnis. Ergo: Wir verstehen nur die Dinge, die unser Verstand begreifen kann. Und auch nur so, wie wir sie begreifen können. Das bedeutet, dass wir uns die unerklärliche Welt mit Hilfskonstruktionen erklärbar machen. Blicken wir durch ein Fernglas, so können wir einen bestimmten Planeten als "Ding im Weltall", "roten Planeten" oder "Mars" beschreiben, je nach unserem Vorwissen und unserer Bildung - man könnte auch sagen: je nach unserer Erfahrung. Das "Ding an sich" ändert sich aber nicht dadurch, dass wir ihm Namen oder Begriffe zuordnen. Das "Ding an sich" können wir überhaupt nicht erkennen.

Analytische und synthetische Urteile

Ausgangspunkt der Erkenntnis sind unsere Sinne. Alles, was wir erfahren oder durch unsere Sinne aufnehmen, wird als empirisch bezeichnet. Dennoch gibt es auch Erkenntnisse, die nicht aus der Erfahrung stammen. Solche Erkenntnisse sind Erkenntnisse a priori (lat. "von vornherein"). Im Gegensatz dazu werden die erfahrungsbedingten Erkenntnisse als Erkenntnisse a posteriori (lat. "im Nachhinein") bezeichnet. Erkenntnisse a priori müssen gleichzeitig notwendig und allgemein sein. Die Behauptung "Der Schimmel ist ein weißes Pferd" erfüllt diese Bedingungen. Dieser Satz ist zugleich ein Beispiel für ein analytisches Urteil. Mit dem Begriff "analytisch" werden Urteile umschrieben, bei denen Subjekt und Prädikat (oder auch: Hauptwort und beschreibendes Beiwort) zusammenfallen und sich notwendigerweise ergänzen (Schimmel = weißes Pferd). Anders ist dies bei synthetischen Urteilen: Hierbei werden grundsätzlich Informationen aus der Erfahrung hinzugefügt. Bei dem Satz "Mein Nachbar ist ein Geizkragen" geht aus dem Wort "Nachbar" nicht hervor, dass er geizig ist. Einzig die Erfahrung lässt den Sprecher dieses (synthetische) Urteil fällen.

Was sind die Bedingungen der Erkenntnis?

Mit analytischen Urteilen dreht sich der Mensch offenbar immer um die eigene Achse. Nur synthetische Urteile bringen ihm neue Erkenntnisse. Die zentrale Frage ist: Gibt es auch synthetische Urteile a priori? Die Antwort ist ein definitives Ja, sofern es sich um klassische wissenschaftliche Disziplinen handelt. In der Physik, Geometrie oder Mathematik lässt sich dies leicht belegen. Der mathematische Satz "7+5=12" ist allgemein und notwendig (also a priori), aber gleichzeitig synthetisch, weil die Zahl "12" auch aus anderen Zahlen zusammengesetzt werden kann. Gibt es solche synthetischen Urteile a priori auch in der Metaphysik? Wenn ja, wäre ihre Wissenschaftlichkeit bewiesen. Darum geht es letztlich bei der Kritik der reinen Vernunft: herauszufinden, was die Grundlage für alle Erkenntnis ist. Es handelt sich um eine Transzendentalphilosophie (lat. transcendere = überschreiten), die nach den Bedingungen unserer Erkenntnis fragt.

Transzendentale Ästhetik: Die sinnliche Wahrnehmung

Die Elemente der transzendentalen Ästhetik (Ästhetik meint hier nicht die Lehre vom Schönen, sondern ist in seiner ursprünglichen Bedeutung - griech. aisthesis = Wahrnehmung - zu verstehen), also der Erforschung der Wahrnehmungsmöglichkeiten, sind immer der Verstand und die sinnliche Wahrnehmung. Das eine ist ohne das andere unbrauchbar:

  1. Reine Verstandesbegriffe, die nicht mit Inhalten gefüllt werden können, sind leer. Der Verstand braucht die Sinne, um sich überhaupt ein Bild von einer Sache zu machen. Beispiel: Das französische Wort "chien" ist ein Begriff, mit dem niemand etwas anfangen kann, der die Sprache nicht beherrscht. Jeder andere verbindet mit dem Begriff die Vorstellung eines Hundes.
  2. Reine Anschauungen, für die es keine Begriffe gibt, sind blind. Beispiel: Wer ein Gerät in die Hand nimmt, das er nicht kennt, dessen Zweck und Funktion ihm unbekannt sind, der hat es eben nur mit "irgendeinem Ding" zu tun. Ihm fehlt der Begriff für diese blinde Anschauung.
„(...) ich erkühne mich zu sagen, dass nicht eine einzige metaphysische Aufgabe sein müsse, die hier nicht aufgelöst, oder zu deren Auflösung nicht wenigstens der Schlüssel dargereicht worden.“ (S. 14)

Es gibt zwei sinnliche Anschauungen, die "rein", d. h. a priori gedacht werden können und die ohne jede Erfahrung unsere Wahrnehmung beeinflussen:

  1. Der Raum: Die Vorstellung des Raumes ist notwendig. Sie kann nicht vernachlässigt werden. Man kann sich einen Raum in einem Haus vorstellen und nacheinander verschiedene räumliche Elemente in Gedanken ausradieren, aber am Schluss muss doch immer ein irgendwie gearteter Raum übrig bleiben.
  2. Die Zeit: Hierfür gilt dasselbe wie für den Raum. Man kann sich zwar vorstellen, dass bestimmte Handlungen zu verschiedenen Zeiten stattfinden, die Zeit an sich kann man jedoch gedanklich nicht weglassen. Eine Handlung muss mit irgendeiner Zeitvorstellung verknüpft sein.
„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ (S.11)

Zeit und Raum sind übrigens keine Hilfskonstruktionen unseres Denkens (dann wären sie Begriffe), sondern Anschauungen. Sie wirken sinnlich auf uns ein.

Transzendentale Logik: Die Kategorien

Was die transzendentale Ästhetik für die Wahrnehmung, ist die transzendentale Logik für das Denken. Sie fragt nach den Gesetzen oder Prinzipien des Denkens, die a priori Geltung haben. Diese dürfen nicht von der Erfahrung oder von Sinneseindrücken abhängen, sie müssen elementar, d. h. nicht zusammengesetzt sein, und sie müssen vollständig erfasst werden können. Jedes Mal, wenn wir unseren Verstand einsetzen, fällen wir ein Urteil über die Welt. Dabei verwenden wir verschiedene Urteilsformen, die als Kategorien bezeichnet werden. Es gibt folgende Gruppen von Kategorien:

  1. Quantität: Einheit, Vielheit, Allheit.
  2. Qualität: Realität, Negation, Limitation.
  3. Relation: Inhärenz und Subsistenz, Kausalität und Dependenz, Gemeinschaft.
  4. Modalität: Möglichkeit vs. Unmöglichkeit, Dasein vs. Nichtsein, Notwendigkeit vs. Zufälligkeit.

Transzendentale Deduktion

Sind diese Kategorien zutreffend? Wie ist es zu erklären, dass sich Kategorien, die ja reine Begriffe des Verstandes sind, auf konkrete Gegenstände beziehen können? Darum geht es bei der transzendentalen Deduktion. Hier kommt es zur eigentlichen kopernikanischen Wende des Denkens, insbesondere wenn man sich einmal die Bedeutung des Kausalitätsprinzips vor Augen hält. Der Satz: "Das Eis schmilzt, weil die Sonne scheint", beinhaltet die Kategorie der Kausalität. Beide Erscheinungen (Sonnenschein und schmelzendes Eis) lassen sich sinnlich wahrnehmen, die Kausalität jedoch (das "weil") ist kein sinnlicher Eindruck, sondern ein Begriff des Verstandes. Der Verstand arbeitet wie ein Stempel, der die Kategorien ordnend in die sinnlichen Wahrnehmungen "hineindrückt". Er tut etwas ganz Bemerkenswertes: Er paart Objektivität (Schmelzen, Sonnenschein) mit Subjektivität ("weil"). Daher lässt sich sagen, dass die Objekte davon abhängig sind, wie wir sie wahrnehmen.

„Der Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten heißt nun Metaphysik.“ (S.11)

Als Verbindungsstück zwischen Wahrnehmung und Denken fungiert das transzendentale Schema: Hiermit ist eine Fähigkeit gemeint, die uns hilft, eine Vielfalt von Erkenntnismöglichkeiten nach einem vorgeprägten Muster zu ordnen. Beispielsweise besitzen wir alle das Schema, das uns befähigt, einen Hund zu erkennen. Das Schema ist jedoch viel allgemeiner als das Bild eines konkreten Hundes und hilft dem Verstand dabei, die passende Kategorie auf eine Sinneswahrnehmung anzuwenden.

Die Grenzen des Verstandes und die Refugien der Vernunft

Alles, was außerhalb des Reiches des Verstandes und der sinnlichen Wahrnehmungen liegt, bleibt für uns verschlossen. Die sinnliche Wahrnehmung ist das Phaenomenon (das Erscheinende), alles andere das Noumenon (das Gedachte). Das Noumenon beherbergt das "Ding an sich", das wir mit unserem Verstand nicht begreifen können. Hier setzt die Vernunft ein, die dem Verstand übergeordnet ist. Die Vernunft kann in das Reich der Ideen vordringen. Dabei handelt es sich um alle Vorstellungen, die unbedingt sind, die also nicht den Bedingungen der wahrnehmbaren Welt unterworfen sind. Diese Ideen sind vernunftgemäß notwendig, ungefähr so wie der Horizont: Dieser ist notwendig (denn irgendetwas muss unseren Blick abschließen), aber wir können ihn nie erreichen. Die Ideen können (mit dem Verstand) nicht erkannt, wohl aber (mit der Vernunft) gedacht werden. Es gibt drei wesentliche transzendentale Ideen, die allesamt denkbar, aber nicht beweisbar sind:

  1. Unsterblichkeit: Unsterblichkeit ist eine Idee, die den weltlichen Bedingungen, denen sich der Mensch ausgeliefert sieht, etwas Unbedingtes entgegensetzt.
  2. Freiheit: Wenn die Welt nach bestimmten Naturgesetzen abläuft, nach einer strengen Regel von Ursache und Wirkung, so ist auch eine Freiheit des Handelns denkbar, sich darüber hinwegzusetzen.
  3. Gott: Dies ist das transzendentale Ideal, das alle menschliche Erkenntnis abschließt.

Transzendentale Dialektik

Die Vernunft kann die Ideen denken, trotzdem erscheinen sie widersprüchlich. Aussagen über Mensch, Welt und Gott sind Antinomien: scheinbare Gegensätzlichkeiten, die aber dennoch notwendig sind. Die Idee der Freiheit schließt beispielsweise sowohl die Möglichkeit von Kausalketten ein (das eine Ereignis folgt einem anderen, z. B. "Ich rette ein Kind aus einem reißenden Fluss, weil mich seine Mutter dafür bezahlt."), aber gleichzeitig auch die Möglichkeit eines freien Willens. Wenn alles voneinander abhängt, kann es keinen Anfang der Kausalkette gegeben haben, denn dieser Anfang muss freiwillig, ohne Kausalität stattgefunden haben. Daher gibt es die Freiheit, etwas neu zu beginnen. (Also: "Ich helfe dem Kind, weil ich das menschlich/moralisch/ethisch für richtig halte.") Die Gegensätzlichkeiten der Ideen verwirren unsere Vernunft: Sie will unbedingt eine absolute, letztendliche Möglichkeit herausfinden - und scheitert deshalb. So ist z. B. die Existenz Gottes gleichermaßen möglich wie unmöglich. Sie kann mit menschlichen Mitteln nicht bewiesen werden, genauso wenig wie seine Nichtexistenz.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Kritik der reinen Vernunft besitzt einen klaren Aufbau - wobei man allerdings schon bei einem kurzen Blick ins Inhaltsverzeichnis ins Schlingern geraten kann, sofern einem Kants Termini nicht geläufig sind: Zu ähnlich klingen die verschiedenen Kapitel und zu uneinheitlich ist der Gebrauch bestimmter Begriffe. Grob gliedert sich das Buch in eine Elementar- und eine Methodenlehre. Die Elementarlehre, der Hauptteil des Werkes, besteht aus der transzendentalen Ästhetik, die sich mit den Wesensmerkmalen der reinen sinnlichen Wahrnehmung beschäftigt sowie Raum und Zeit untersucht, und der transzendentalen Logik, die das Gleiche im Hinblick auf das Denken vornimmt. Letztere ist zweigeteilt in die transzendentale Analytik, bei der es um die Einzelbausteine des Verstandes geht (die Kategorien), und die transzendentale Dialektik, die sich mit den Bereichen beschäftigt, die für den Verstand nicht erreichbar sind, wohl aber für die Vernunft. Hier geht es um die grundlegenden Fragen der Metaphysik, um Mensch, Welt und Gott. Kants Stil war selbst für seine Zeitgenossen eine harte Nuss. Daran hat sich natürlich bis heute nichts geändert. Das Buch, eines der schwierigsten der Philosophiegeschichte, wirkt umständlich und der Leser muss sich öfters fragen: Worauf zielt Kant eigentlich ab? Nur wer diese Fragestellung ständig im Blick hat, bleibt auf Kurs.

Interpretationsansätze

  • Das Wort "Kritik" im Titel steht nicht für "kritisieren" im Sinn von "bemängeln", sondern für "durchleuchten, überprüfen, durchdenken". Kant ist in diesem Sinn der Urheber des Kritizismus in der Philosophie.
  • Kants Werk erschien zu einer Zeit, als mehrere Erkenntnistheorien auf dem "Kampfplatz der Metaphysik" miteinander rangen. Die Hauptströmungen waren Rationalismus und Empirismus.
  • Der Rationalismus leitet alle Erkenntnis aus dem Verstand ab. Erfahrungen spielen keine Rolle und können in die Irre führen; nur das denkende Subjekt ist daher dafür verantwortlich, Schlüsse zu ziehen und zu Lösungen zu kommen. Kant kritisiert diese unbedingte Sichtweise, glaubt aber auch daran, dass es Bedingungen der Erkenntnis gibt, die von der Erfahrung unabhängig sind.
  • Der Empirismus betrachtet die Erfahrung als einzige Quelle der Erkenntnis. Nichts kann in den Verstand vordringen, das nicht vorher in den Sinnen gewesen ist. Auch dieser Erkenntnistheorie stimmt Kant einerseits zu (es gibt eine sinnlich wahrnehmbare Welt), andererseits behauptet er, dass auch Erkenntnis a priori, also ohne Zuhilfenahme der Erfahrung möglich ist.
  • Kants große Leistung liegt vor allem in der Einsicht, dass es einen Bereich gibt (das "Ding an sich"), den der Mensch wegen seines ungenügenden Erkenntnisvermögens niemals erfassen kann. Das ist eine geradezu brutale Erkenntnis, die niemand zuvor in dieser Klarheit ausgesprochen hat. Was wir sehen, ist nicht die wahre Wirklichkeit, sondern ein Gemisch aus Sinneseindrücken und deren Verarbeitung durch unser Denken. Alle Erkenntnis ist immer schon durch unser Denken "konstruiert".
  • Kant ist einer der großen Kritiker der Metaphysik, also des Teilgebiets der Philosophie, das sich mit dem Ursprung, Grund und Ziel allen Seins beschäftigt. Eines der Hauptanliegen der Kritik der reinen Vernunft ist, zu klären, wie Metaphysik überhaupt möglich ist.

Historischer Hintergrund

Die Aufklärung

Jahrhundertelang, während des ganzen Mittelalters, hatte man sich auf die Tradition (Schriften, Überlieferungen, Autoritäten) berufen, um zu entscheiden, ob etwas richtig oder falsch ist. Was zu gelten hatte, also die "Autorität der Vergangenheit", war eine Mischung aus Bibelauslegung und den Überlieferungen des griechischen Philosophen Aristoteles. Diese Mischung nannte man Scholastik. Was dieser scholastischen Tradition nicht entsprach, war suspekt oder schlichtweg ungültig. Humanismus und Renaissance (im 14. bis 16. Jahrhundert) schwächten die Scholastik, bevor sie von der Aufklärung im 18. Jahrhundert gänzlich zerschlagen wurde.

Immanuel Kant war einer der Hauptvertreter der Aufklärung und er lieferte auch ihre berühmteste Definition: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Hilfe eines anderen zu bedienen." So schrieb Kant 1784 in seiner programmatischen Schrift Was ist Aufklärung?. Zu diesem Zeitpunkt hatte diese Bewegung bereits weite Teile Europas ergriffen. Philosophen wie René Descartes, Staatstheoretiker wie Thomas Hobbes und Naturwissenschaftler wie Isaac Newton legten die Fundamente für eine Geisteshaltung, die die menschliche Ratio (= Vernunft) emporhob und die mystischen und religiösen Erkenntnistheorien der Vergangenheit aufweichte. Wissenschaft, Naturbeobachtung, Experimente: Das waren die neuen Methoden, mit denen die Welt begriffen werden konnte.

Mit der Aufklärung glaubte man, die Wirklichkeit vollständig entschlüsseln zu können. Entdeckungen wurden gemacht - in der Astronomie (Gesetze der Planeten), in der Physik (Gravitation, Mechanik), in der Seefahrt (Entdeckung neuer Länder) - und tatsächlich schien man dem Geheimnis der Welt Stück um Stück näher zu kommen. Diesem Optimismus hat Kant einen gehörigen Dämpfer verpasst. Erkenntnis, so Kant, ist immer durch unseren Denkapparat beeinflusst. Und weil wir ohne diesen Denkapparat nichts wahrnehmen und beurteilen können, werden wir nie an die wahre Wirklichkeit herankommen. Unser Denken bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern es erschafft (konstruiert) sie geradezu.

Entstehung

Kants erstes Werk seiner "kritischen Schriften" (dazu zählen außerdem noch die Kritik der praktischen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft) wurde innerhalb von wenigen Monaten zu Papier gebracht. Der Schnellschreiber Kant, der Promotion und Habilitation im gleichen Jahr verfasste, hatte sich aber zuvor fast zehn Jahre Zeit gelassen, um seine Ideen zu vervollkommnen und seine Gedanken zu Ende zu denken. 1770 erhielt er den Lehrstuhl für Metaphysik und Logik an der Königsberger Universität, den er sich lange gewünscht hatte. Im Mai 1781 veröffentlichte er endlich die Kritik der reinen Vernunft. Doch die Reaktion der Öffentlichkeit war ernüchternd: Das Buch wurde als zu hochgestochen und unverständlich abgetan. Zwei Jahre später versuchte es Kant mit einer vereinfachten und gekürzten Fassung erneut. Doch diese "Prolegomena" (eine Art Abstract seines Werkes) erntete genauso viel Verwunderung. Mehr noch: Wegen der Kürzungen geriet das Werk noch unverständlicher als das Original. Also machte sich Kant 1787 an eine vollständig überarbeitete zweite Auflage. Die war noch nicht gedruckt, da änderte sich die Stimmung bei seinen Lesern: Der Groschen war gefallen und Kant wurde plötzlich zu einem Star der Philosophie. Der Weimarer Kreis um Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang von Goethe interessierte sich brennend für seine Philosophie. Herder besuchte sogar Kants Vorlesungen.

Wirkungsgeschichte

Kant zählt zu den wichtigsten Philosophen aller Zeiten. Seine Wirkung erstreckt sich nicht nur auf philosophische Kreise: Viele Schriftsteller und Künstler seiner Zeit beschäftigten sich mit seinem Werk. Dazu gehörte auch Heinrich von Kleist, bei dem die Kantlektüre sogar eine Lebenskrise auslöste. Friedrich Schiller setzte sich besonders mit Kants Erläuterungen der Ästhetik auseinander und baute auf diesem Fundament seine eigene ästhetische Theorie auf. Die größte Wirkung hatte Kants kritische Philosophie bei den Vertretern des Deutschen Idealismus: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Schelling versuchten die leeren Stellen in Kants Philosophie auszufüllen, insbesondere das "Ding an sich" bzw. das "Unbedingte" oder "Absolute" aus Kants Philosophie schärfer zu umgrenzen. Arthur Schopenhauer schrieb: "Kants Stil trägt durchweg das Gepräge eines überlegenen Geistes, ächter, fester Eigentümlichkeit und ganz ungewöhnlicher Denkkraft"; Kant verfügt laut Schopenhauer über "eine glänzende Trockenheit, vermöge welcher er die Begriffe mit großer Sicherheit fest zu fassen und herauszugreifen, denn sie mit größter Freiheit hin- und herzuwerfen vermag, zum Erstaunen des Lesers". Zwischen 1860 und 1945 formierten sich zwei Schulen des Neukantianismus, die radikal "Zurück zu Kant!" forderten.

Über den Autor

Immanuel Kant wird am 22. April 1724 in Königsberg (dem heutigen Kaliningrad) geboren und wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Erziehung ist stark von den Überzeugungen seiner tiefreligiösen Eltern geprägt. Nach seiner Gymnasialzeit an einer pietistischen Schule studiert Kant u. a. Mathematik, Naturwissenschaften, Theologie und Philosophie in Königsberg. 1746 verlässt er nach dem Tod seines Vaters die Universität und wird, auch um seine Geschwister ernähren zu können, Hauslehrer bei wohlhabenden Familien in der Umgebung von Königsberg. Durch seine Kontakte zum Adel erlernt er gehobene Umgangsformen. Nach seiner Rückkehr an die Universität promoviert und habilitiert er mit Veröffentlichungen aus dem Bereich der Astronomie und Philosophie. Seine Vorlesungen an der Universität erfreuen sich großer Beliebtheit. Trotzdem bewirbt er sich 1758 vergeblich um die vakant gewordene Stelle eines Professors für Logik und Metaphysik in Königsberg. Angebote einer Professur aus Jena und Erlangen lehnt er aus Verbundenheit zu seiner Heimatstadt ab. Erst 1770 wird er in seinem Wunschbereich Professor in Königsberg, später auch zeitweise Rektor der Universität. Während der knapp 30 Jahre an der Universität führt Kant ein streng geregeltes Leben. Seine Tagesabläufe sind exakt durchgeplant, die Königsberger können die Uhr nach Kants Tagesprogramm stellen. 1781 veröffentlicht er die Kritik der reinen Vernunft, die erste seiner drei Kritiken. Weil seine Thesen weitgehend auf Unverständnis stoßen oder gar nicht erst beachtet werden, veröffentlicht er 1787 eine zweite, veränderte Fassung dieser ersten Kritik. 1788 folgt die Kritik der praktischen Vernunft und 1790 die Kritik der Urteilskraft. In der Zwischenzeit setzen sich Kants Ideen durch: Zu seinen Lebzeiten gibt es bereits über 200 Schriften zu seinen Werken, und selbst Normalbürger diskutieren seine Ideen beim Friseurbesuch. Am 12. Februar 1804 stirbt Kant, inzwischen weltberühmt, in seiner Heimatstadt Königsberg, angeblich mit den Worten: „Es ist gut.“


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