Zusammenfassung von Politik

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Politik Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Griechische Antike

Worum es geht

Die Frage nach der bestmöglichen Staatsform

Das Philosophieren über Politik ist, wie so vieles, eine Erfindung der alten Griechen. Neben Platons Schriften Staat und Gesetze gehört Aristoteles’ Politik zu den Hauptwerken der antiken Philosophie. Während Platon nach der idealen Staatsform suchte, ging der Praktiker Aristoteles eher empirisch vor und prüfte die damals bestehenden Verfassungen auf ihre Brauchbarkeit. Seine Hauptthese lautet: Der Mensch ist von Natur aus ein politisches Wesen (zoon politikon), das sich mit anderen zu einer Staatsgemeinschaft zusammenschließt. Doch welche von den existierenden Staatsverfassungen ist die beste? Aristoteles formuliert Grundfragen, die es zu beantworten gilt, um die Gesetze des Staates festzuschreiben. Im Blick hat er dabei immer die Mitte der Staatsgemeinschaft, das (männliche) Bürgertum, an dem sich die Verfassung ausrichten soll. Frauen und Sklaven zählen für ihn nicht. Aristoteles’ Überlegungen haben auch eine ethische Dimension: Ziel des Staates ist es, den Bürgern ein gutes und gerechtes Leben zu ermöglichen. Also ist eine Verfassung dann gut und richtig, wenn sie dem Allgemeinwohl dient. Der Philosoph plädiert daher für die "Politie", eine Art Volksherrschaft, in der die Vernünftigen und Besonnenen das Sagen haben.

Take-aways

  • Aristoteles gehört zusammen mit Platon und Sokrates zu den bedeutendsten Philosophen der griechischen Antike.
  • Sein Werk Politik ist eine Zusammenstellung seiner staatstheoretischen Schriften.
  • Aristoteles zufolge ist der Mensch von Natur aus ein politisches Wesen.
  • Auch der Staat, zu dem sich die Menschen zusammenschließen, ist als naturgegeben anzusehen.
  • Von Natur aus gibt es Freie und Sklaven. Die Herren dürfen ihre Macht aber nicht ausnutzen.
  • Mann und Frau sind nicht gleichberechtigt.
  • Der Staat (die Polis) ist eine Gemeinschaft von Staatsbürgern mit einer bestimmten Verfassung.
  • Wichtigstes Ziel der Staatsgemeinschaft ist das gute, gerechte und autarke (unabhängige) Leben.
  • Um zu funktionieren, sollte der Staat aus ebenbürtigen Bürgern bestehen. Auf deren Belange muss die Verfassung abgestimmt sein.
  • Es gibt sechs Staatsformen: Königtum, Aristokratie, Politie (Herrschaft der Vernünftigen) sind gut. Demokratie (Herrschaft der Armen), Oligarchie, Tyrannis sind schlecht.
  • Im Gegensatz zu Platon, der einen idealen, aber utopischen Staat propagierte, versuchte der Praktiker Aristoteles den bestmöglichen Staat zu definieren.
  • Aristoteles’ Werk war von großer Wirkung. Im Mittelalter wurde er schlicht "der Philosoph" genannt.
 

Zusammenfassung

Der naturgegebene Staat

Jeder Staat ist eine Gemeinschaft und jede Gemeinschaft ist auf ein Ziel ausgerichtet. Der Staat ist die wichtigste Gemeinschaft des Menschen und daher auf das höchste Ziel ausgerichtet: das gute, gerechte und unabhängige Leben. Der Mensch ist von Natur aus ein politisches Wesen. Er tut sich mit anderen Menschen zusammen: Mann und Frau mit dem Ziel der Fortpflanzung, Regierende und Regierte zur Lebenserhaltung der Gemeinschaft. Die Verbindung der Menschen in einer Staatsgemeinschaft ist naturgegeben, weil sie dem menschlichen Wesen entspricht. Der Staat ist somit ein naturgemäßes Gebilde. Er ist von Natur aus wichtiger als der Einzelne, denn der Mensch könnte allein kein autarkes Leben führen, er braucht die Gemeinschaft. Wer keiner Gemeinschaft bedarf, ist entweder ein Gott oder ein wildes Tier. Es gibt mehrere Herrschaftsformen, die sich vor allem durch die Beziehung der Mitglieder untereinander unterscheiden. Die kleinste Form der Gemeinschaft, die aus mehreren Häusern besteht und ein übergeordnetes Ziel hat, ist das Dorf. Mehrere Dörfer können bereits einen Staat bilden.

Hausverwaltung und Staat

Die kleinste wirtschaftliche Einheit ist der Haushalt. Die Hausverwaltung (Oikonomie) setzt sich aus Freien und Sklaven zusammen. Diese können in drei verschiedenen Beziehungen zueinander stehen: Herr und Sklave, Mann und Frau, Vater und Kinder. Sklaven sind Teil des Besitzes einer Hausverwaltung. Der Sklave ist ein menschliches Werkzeug. Herr und Sklave erbringen jedoch eine gemeinsame Leistung, die den Lebensunterhalt der Gemeinschaft sichert. In der Gemeinschaft steht der Mann naturgemäß auch über der Frau. Aus diesen Herrschaftsverhältnissen folgt, dass die Verwaltung des Hauses eine Monarchie ist: Einer regiert über alle. Die Staatsverwaltung ist dagegen eine Herrschaft über Freie und Gleichgestellte.

„Der Staat ist denn auch von Natur ursprünglicher als das Haus oder jeder Einzelne von uns. Denn das Ganze muss ursprünglicher sein als der Teil.“(S. 49)

Welche Erwerbsform ist aber für die Hausverwaltung die beste? Die Erwerbsarbeit der Bauern und Handwerker ist naturgegeben und daher gut und wichtig. Die Kaufmannskunst ist dagegen eine künstliche Erwerbsarbeit, die zwar den Reichtum vermehrt, die aber das höchste Ziel der Hausverwaltung, das autarke Leben, nicht voranbringt. Vor allem Wucher und Zinsen sind abzulehnen, denn sie sind gegen die Natur.

Kritik an Platon

Wie soll die beste staatliche Gemeinschaft aussehen? Wie sollen Verfassung und Gesetze darin definiert werden? Platon schlägt im Staat u. a. vor, dass Frauen, Kinder und Sachen allen gemeinsam gehören sollen. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass eine solche Vereinheitlichung des Staates nicht funktioniert, weil für alles, was man gemeinsam besitzt, nicht genügend gesorgt wird. Zudem ist die Stellung der Wächter, Bauern und Handwerker bei Platon nicht geklärt. Soll man diese zu Bürgern machen? Der von Platon geforderte gemeinschaftliche Besitz von Frauen und Kindern führt auch zu Problemen beim Zusammenleben. So könnte es z. B. zu inzestuösen Verbindungen kommen, ohne dass die Beteiligten dies ahnen. Auch gegen den gemeinsamen Landbesitz spricht einiges. Besser ist es, wenn der Besitz privat bleibt und nur die Benutzung von Sklaven oder Land der Gemeinschaft offen steht. Das höchste Gut in einem Staat ist die Freundschaft. Diese kann aber unter den Bedingungen, die Platon für den Staat festlegt, nicht erreicht werden. Die einzelne Hausverwaltung und der Staat müssen ein gemeinsames Ziel verfolgen, das durch Erziehung, Gesetz und Philosophie verwirklicht wird.

Platons Gesetze und andere Verfassungen

Laien, Politiker und Philosophen haben verschiedene Verfassungsentwürfe vorgelegt. In seinem Werk Gesetze beschreibt Platon eine Kombination von Tyrannis und Demokratie als beste Verfassung. Das ist ein falscher Ansatz, denn dies sind ja gerade die schlechtesten Verfassungen. Auch andere theoretische Verfassungsentwürfe, wie etwa von Phaleas von Chalkedon oder Hippodamos aus Milet, vernachlässigen, obwohl sie ein paar gute Vorschläge enthalten, viele Fragen. So versucht Phaleas die Vermögensverhältnisse festzulegen, lässt jedoch die Zahl der Kinder ungeregelt und die Habgier der Menschen außer Acht. In der spartanischen und der kretischen Verfassung kann man viele Gesetze finden, die den Zielen eines guten Staates widersprechen. In Sparta etwa ist die wichtigste Tugend die kriegerische Auseinandersetzung. Die Ausgaben des Staates werden dagegen nur schlecht festgelegt. Besser geregelt ist die karthagische Verfassung, die auch vom Volk anerkannt wird. Hier allerdings kann eine Person mehrere Ämter bekleiden, was schlecht ist, weil jeder nur ein einziges Amt gut ausführen kann.

Wer ist Staatsbürger?

Als Staatsbürger ist derjenige anzusehen, der das Recht hat, an den beratenden und richtenden Behörden des Staates teilzunehmen. Das führt zu der Frage, wie sich ein Staat überhaupt definiert: über sein Staatsgebiet, seine Einwohner oder seine Verfassung? Die Kontinuität eines Staates lässt sich am ehesten durch seine Verfassung begründen. Der Staat ist nicht mehr derselbe, wenn sich seine Verfassung geändert hat. Eine weitere grundsätzliche Frage ist, ob die Tugend des Staatsbürgers und die des Privatmannes identisch sind. An den Bürger werden allgemein geringere ethische Ansprüche gestellt als an den vollkommenen Mann. Bürger müssen tüchtig sein, sie müssen regieren und regiert werden können. Für sie steht der Erhalt der Gemeinschaft im Vordergrund, aber sie brauchen nicht in allen Dingen tugendhaft zu sein. Da mehrere Staatsformen existieren, gibt es auch mehrere Arten von Bürgern. In einem Staat kann z. B. auch der Tagelöhner Bürger sein, in einem anderen nicht.

Die verschiedenen Staatsformen

Die Verfassung ist die Ordnung des Staates hinsichtlich der Ämter. Das wichtigste Amt ist die Regierung, die wiederum die Verfassung präsentiert. Es gibt drei richtige Verfassungsformen:

  1. das Königtum, in dem ein Mann regiert, der auf das Gemeinwohl schaut,
  2. die Aristokratie, in der die Besten des Staates zum Wohle der Gemeinschaft regieren,
  3. die Politie, in der das Volk sich selbst zum allgemeinen Nutzen regiert.
„Es ist also klar, dass es von Natur Freie und Sklaven gibt und dass das Dienen für diese zuträglich und gerecht ist.“ (S. 54)

Außerdem gibt es auch drei verfehlte Staatsformen:

  1. die Tyrannis, die Alleinherrschaft eines einzelnen Mannes,
  2. die Oligarchie, in der die Reichen regieren,
  3. die Demokratie, in der die Armen regieren.

Ziel des Staates ist das gute und gerechte Leben. In der Kunst des Staatsmannes muss die Gerechtigkeit das wichtigste Ziel sein. Das führt zu der Frage, wer im Staat regieren soll? Der Reiche, der Freie oder der Adelige? Das Volk in seiner Gesamtheit urteilt besser als ein Einzelner, darum ist auch die Politie die beste Verfassung - es sei denn, es gibt im Staat einen Mann, der an Tugend und politischer Fähigkeit alle anderen überragt. Einen solchen sollte man zum König auf Lebenszeit machen.

Grundzüge der besten Verfassung

Die beste Verfassung zeichnet sich dadurch aus, dass man die Bürger von ihr leicht überzeugen kann. Daher muss man als Politiker auch viele Verfassungen kennen. Die Unterschiede in den sechs genannten Verfassungsformen liegen vor allem darin, wer regiert, in welche Stände das Volk unterteilt wird und welchen Anteil diese Stände an den Ämtern haben. Daraus ergibt sich die Frage, welche die beste Verfassungsform für die Mehrzahl der Staaten und der Menschen ist. Ein Staat sollte am besten aus ebenbürtigen und gleichen Menschen bestehen, die eine starke Gemeinschaft bilden. Auf dieser Basis sollte die Verfassung aufgebaut werden. Wichtig ist es, im Staat ein ausgewogenes Verhältnis von Armen und Reichen zu haben. Es darf den Wohlhabenden nicht zu viel zugestanden werden, weil sonst das Volk aufbegehrt. Die drei wichtigsten Dinge, die in einer Verfassung geklärt sein müssen und die ihre Güte ausmachen, sind:

  1. eine Behörde, die über die öffentlichen Belange wacht,
  2. die Berufung der Beamten,
  3. die Festlegung ihrer Aufgaben sowie die Rechtsprechung.

Die Bedeutung der Stabilität

Die Stabilität der Verfassung ist in Gefahr, wenn ein Ungleichgewicht im Staat besteht. Dieses kann in den verschiedenen Staatsformen unterschiedliche Ursachen haben: Die Regierung kann gewalttätig sein; das Volk kann aufbegehren, weil es Angst vor Strafen hat; oder es sind Angehörige unterschiedlicher Stände oder Familien im Staat, die sich nicht vertragen. Auch kleine Ursachen wie z. B. ein Ehebruch können einen Aufruhr zur Folge haben, wenn verschiedene Familien Partei ergreifen. In Demokratien kommt es häufig wegen schlechter Führer zur Revolution, ebenso in Oligarchien, weil die Regierenden ihre Herrschaft auf eine noch kleinere Zahl von Führern beschränken wollen. Der Erhalt der Verfassung wird u. a. gewährleistet durch Rechtssicherheit, kluge Amtsführung, gerechte Ämterverteilung, strenges Vorgehen gegen Bereicherung und Amtsmissbrauch sowie durch gerechte Steuern. Wer Regierungsämter ausüben will, muss treu zur Verfassung stehen, gerecht sein und fähig, seine Amtspflichten auszuüben. Die kurzlebigsten Staatsformen sind die Oligarchie und die Tyrannis.

Der vollkommene Stadtstaat

Der Staat muss eine ausreichende materielle Grundlage haben. Die Einwohnerzahl sollte überschaubar sein, sein Gebiet günstig gelegen, zum Meer genauso wie zum Land. Es muss genügend Nahrung vorhanden sein, dazu Handwerkerkünste, Waffen, ein gewisser materieller Wohlstand, sowohl für den täglichen Bedarf wie für den Krieg. Es muss auch ein Götterkult gegeben sein und eine oberste Instanz, die regelt, was für die Gemeinschaft gut und gerecht ist. Die Bürgerschaft soll nach den historisch gewachsenen Klassen unterteilt werden. Die bürgerlichen Rechte sind gleichbedeutend mit dem Recht, Waffen zu tragen. Beratend tätige Bürger übernehmen im Alter auch das Priesteramt. Nur Bürger dürfen Land besitzen. Nicht alle Mitglieder der Staatsgemeinschaft werden gleichermaßen das Ziel des Staates, die vollkommene Tugend, erreichen. Bauern, Handwerker und Tagelöhner haben keine bürgerlichen Rechte. Nicht nur die Bevölkerungszusammensetzung, auch die geographische Lage des Staates ist wichtig. Wasserversorgung und Windverhältnisse sind aus Rücksicht auf die Gesundheit zu beachten. Ein Stadtstaat braucht günstig gelegene Ausgänge, die gleichzeitig in Kriegszeiten schwer zugänglich sein müssen. In die Stadt gehören der Markt und die Kultstätte, wobei die Häuser der Priester und der wichtigsten Bürger in der Nähe liegen sollten.

Die Ethik des Staates

Ziel des Staates ist die Verwirklichung des vollkommenen und glücklichen Lebens. Es ist unstrittig, dass alle Bürger nach Glückseligkeit (Eudaimonie) streben. Die einen können sie erreichen, die anderen nicht. Manche suchen sie auch nicht auf dem richtigen Weg. Die Glückseligkeit setzt den vollkommenen Gebrauch der Tugend voraus. Gerechte Handlungen sind tugendhaft, ebenso Handlungen, die Ehre und Besitz zum Ziel haben. Durch Anlage, Gewöhnung und Einsicht wird Tugendhaftigkeit erreicht. Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Die Seele ist in eine tugendhafte und eine tugendlose Hälfte geteilt. Damit die tugendlose Seite nicht die Oberhand gewinnt, muss man die Bürger von Geburt an zu einem tugendhaften Leben erziehen.

Erziehung zur Tugend

Der Gesetzgeber muss sich um die Erziehung kümmern und Gesetze erlassen, damit die Menschen im Sinne der Verfassung erzogen werden. Da kein Bürger sich selbst angehört, sondern Teil des Staates ist, geschieht die Erziehung in Hinblick auf das Gemeinwohl. Die Erziehung soll für alle gleich sein. Das gilt jedoch nur für die Freigeborenen. Man soll nicht alles lernen, sondern nur das Nützliche und Unentbehrliche. Es gibt edle und unedle Tätigkeiten. Letztere - dazu gehören Handwerkskünste und Lohnarbeit - machen den Freigeborenen untauglich für ein tugendhaftes Dasein, denn sie führen zu unruhigem Denken. Auch eine allzu intensive Beschäftigung mit der Wissenschaft kann denselben schlechten Effekt haben. Wichtig ist das Spiel, das zur Erholung von der Arbeit dienen soll. Nicht Arbeit, sondern Muße ist das Ziel des Lebens. In der Erziehung sind vor allem vier Dinge wichtig: die Grammatik und das Zeichnen, die Gymnastik und die Musik.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Politik des Aristoteles ist kein Werk aus einem Guss. Über die ursprüngliche Textgestalt und die Anordnung der diversen staatstheoretischen Schriften, die in diesem Werk versammelt sind, streiten sich die Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Die Politik setzt sich aus acht Büchern oder Kapiteln zusammen. Das letzte Buch blieb unvollendet. Im ersten Kapitel bezieht sich der Philosoph indirekt auf seine berühmte Schrift Die Nikomachische Ethik (benannt nach seinem Sohn Nikomachos), in der es u. a. um die Glückseligkeit, die Tugenden und die Gerechtigkeit geht. Die Politik besteht teilweise aus von Aristoteles veröffentlichten Schriften, teilweise aus Vorlesungsmitschriften von seinen Schülern. Daher gibt es Widersprüche und Wiederholungen, manche Argumentationsketten reißen ab. Aristoteles ist ein an der Realität orientierter Philosoph, der sehr viele - auch historische - Beispiele anbringt, um seine Thesen zu beweisen. So gab es in Athen eine berühmte Sammlung von 158 Verfassungen, die Aristoteles sichtete und aus denen er vor allem in den Kapiteln vier bis sechs schöpfte, die die empirischen Bücher genannt werden. Auffallend sind auch die vielen Beispiele, die das naturwissenschaftliche Detailwissen des Philosophen verraten. Aristoteles geht von der politischen Situation aus, die er in den verschiedenen Staaten vorfindet. Erst im siebten und achten Kapitel führt er seine eigene Theorie der vollkommenen Staatsform und der Erziehung der Staatsbürger aus. Aufgrund der geschilderten Textstruktur ist Aristoteles’ Politik kein in sich geschlossenes, flüssig und leicht zu lesendes Werk.

Interpretationsansätze

  • Aristoteles’ Politik steht in enger Verbindung zu einem seiner anderen Hauptwerke, der Nikomachischen Ethik. Darin heißt es, das höchste Staatsziel, die Glückseligkeit, könne nur durch ethische Tugenden erreicht werden. Deren Hauptmerkmal ist, dass sie jeweils die Mitte zwischen zwei Extremen verkörpern ("goldene Mitte").
  • Die Auffassung des Aristoteles, der Staat sei etwas Naturgegebenes, wurde mehrfach kritisiert, u. a. im 17. Jahrhundert durch den englischen Staatstheoretiker Thomas Hobbes. Dieser sah den Staat im Gegenteil als ein Kunstprodukt, errichtet zum Ziel der Sicherheit der Bürger.
  • Aristoteles kritisiert in der Politik die Theorie seines Lehrers Platon und versucht sie unter Hinweis auf realpolitische Erfahrungen zu widerlegen. Diese Platonkritik verkennt aber, dass Platon in seiner Politeia viel weniger als Aristoteles darauf aus war, eine unmittelbar zu verwirklichende Staatsform zu beschreiben. Platon ging es vielmehr um ein Ideal, eine Utopie.
  • Aristoteles’ Vorstellung vom Staat ist, verglichen mit heutigen, komplexen Staatskonstrukten, eher simpel strukturiert und daher nur bedingt auf heutige Verhältnisse übertragbar. Er beschreibt eine überschaubare Staatsform: einen Stadtstaat (Polis), in dem jeder jeden kennt. Auch seine Vorstellung der Demokratie - die er ablehnt - ist nicht identisch mit der heute üblichen.
  • Die Sklaverei und die Ungleichheit von Mann und Frau waren für Aristoteles und seine Zeitgenossen naturgegeben. Der Philosoph strebte keine Veränderung dieses Status quo an, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Herrscher ihre Macht nicht missbrauchen.
  • Trotz dieser für heutige Ohren unrühmlichen Ansichten gilt Aristoteles manchen als Ahnherr des politischen Liberalismus, weil er in seinem Verfassungssystem Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit betont.

Historischer Hintergrund

Die politische Philosophie im alten Griechenland

Die philosophische Auseinandersetzung über Politik ist eine Erfindung der Griechen. Für den Dichter Homer war die Rechtsordnung noch heilig: Sie kam von den Göttern und wurde von ihnen geschützt. Doch bei den griechischen Tragödiendichtern Aischylos, Sophokles und Euripides sowie bei den Geschichtsschreibern Herodot und Thukydides lässt sich beobachten, wie der Logos (die Vernunft) zunehmend den Mythos (die Legende) ablöst. Das politische Denken der Griechen befasste sich vor allem mit dem Zusammenleben in der Polis, d. h. im damals üblichen Stadtstaat wie etwa Athen oder Sparta.

Platon wollte in seinen Schriften Staat und Gesetze auf eine ideale Staatsform und Verfassung hinaus. Sein Schüler Aristoteles zielte dagegen, mehr in der Realität verhaftet, auf den besten aller möglichen Staaten. Zu seinen Lebzeiten war die Blütezeit der Polis - das antike Griechenland war in viele, meist kleine Stadtstaaten geteilt - bereits vorbei. Athen hatte seit dem Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) seine Vormachtstellung an Sparta abgegeben. In der Zeit nach Aristoteles’ Tod verlor die Polis auch in der politischen Ideenwelt an Bedeutung. Mit der Eroberung Persiens verlagerte Alexander der Große, der eine Zeit lang Schüler des Aristoteles war, das politische Schwergewicht vom griechischen Mittelmeerraum in den Osten; Griechenlands Stadtstaaten verloren an Bedeutung. Nach Alexanders Tod im Jahr 323 v. Chr. zerfiel sein Reich in drei große Dynastien. Die Philosophen beschäftigten sich nun nicht mehr so sehr mit dem Leben in einer staatlichen Gemeinschaft, sondern, wie die Stoiker und die Epikureer, eher mit der Gestaltung des individuellen Lebens.

Entstehung der Politik

Es ist nicht bekannt, in welcher Reihenfolge die einzelnen Bücher von Aristoteles’ Politik entstanden sind. Vermutlich kam es während des zweiten Aufenthalts des Philosophen in Athen (ab 334 v. Chr.), also in jener Zeit, als Aristoteles dort seine Philosophenschule gründete, zu einer grundlegenden Revision der Schriften, die dem Werk zugrunde liegen. Die Politik kann demnach als ein Spätwerk Aristoteles’ gelten. Er selbst hat es nicht publiziert, vielmehr geht die Forschung davon aus, dass ein Bearbeiter nach dem Tod des Philosophen die heutige Struktur des Werkes zusammengestellt hat. Der antike Textherausgeber hat dabei wohl mit einem halben Dutzend verschiedener Vorlesungsmitschriften von Schülern Aristoteles’ gearbeitet, was die Uneinheitlichkeit des Textes erklären hilft. Die Absicht des Philosophen ist jedoch klar: Aristoteles’ Schriften, in denen er die staatliche Gemeinschaft betont, sind als Reaktion auf die im 4. Jahrhundert um sich greifende Unzufriedenheit der Athener mit ihrem Staat zu verstehen. Viele Athener betrachteten den Staat damals als mühsame Last, ohne die es sich besser leben ließe.

Wirkungsgeschichte

Aristoteles gilt als Erfinder der praktischen Philosophie und neben Platon als der wirkungsmächtigste griechische Philosoph. Seine Schriften über Logik und Ethik hatten weit reichende Wirkung, und an seiner Politik kommt kein politischer Theoretiker vorbei. Die Begriffe, die Aristoteles verwendet, wie z. B. Staat und Demokratie, werden heute zwar inhaltlich anders definiert. Dennoch werden Aristoteles’ Thesen noch immer in Universitätsseminaren von Philosophen, Politikwissenschaftlern, Historikern, aber auch von Soziologen und Juristen diskutiert. Aristoteles’ Lehre war für die ausgehende Antike, vor allem aber für die mittelalterlichen Scholastiker (Albertus Magnus, Thomas von Aquin u. a.) von größter Bedeutung. Die Scholastiker nannten ihn einfach nur "den Philosophen", weil er für sie die reinste Form der Philosophie verkörperte. Eine besondere Bedeutung hatte Aristoteles auch für die islamische bzw. die arabische Philosophie. Aristoteles’ Gesamtwerk wurde um 800 n. Chr. ins Arabische übersetzt.

In Europa kam es erst mit den Werken des englischen Staatstheoretikers Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert zu einem Bruch mit den aristotelischen Thesen. Diese wurden zunehmend durch die rationalistisch-empirischen Politiktheorien abgelöst. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - vor dem Hintergrund der Entstehung totalitärer Diktaturen und eines allgemeinen Wertrelativismus - haben jedoch Vertreter normativ-wertender politischer Theorien wie Leo Strauss und Hannah Arendt versucht, an die aristotelische Staatstheorie anzuknüpfen. Sie betonten die überzeitlichen Werte des klassischen Werkes, an denen sich politisches Denken und Handeln orientieren sollte. Heute weisen sich vor allem solche Politiker und Wissenschaftler als Aristoteliker aus, die Werte wie Familie, Tugend und Maßhalten verteidigen.

Über den Autor

Aristoteles wird 384 v. Chr. in Stageira auf der makedonischen Halbinsel Chalkidike geboren. Er entstammt einer angesehenen Familie und hat von früher Jugend an Zugang zum naturwissenschaftlichen Wissen seiner Zeit. Sein Vater ist Leibarzt des makedonischen Königs. Auch Aristoteles soll Arzt werden und beginnt bereits als Jugendlicher seine Studien an Platons Akademie in Athen. Dort verbleibt er fast 20 Jahre, erst als Schüler, später als Forscher und Lehrer. Als nach Platons Tod dessen Neffe Speusippos zum Nachfolger bestimmt wird, verlässt Aristoteles Athen und geht ins kleinasiatische Assos (in der heutigen Türkei) an den Hof des Hermias, eines früheren Mitschülers, mit dem er befreundet ist. Er heiratet dessen Nichte und Adoptivtochter Pythias. Fünf Jahre später, 342 v. Chr., wird Aristoteles zurück an den Hof Philipps von Makedonien gerufen, um den jungen Kronprinzen Alexander, der später als „der Große“ in die Geschichte eingehen wird, zu unterrichten. Nach der Ermordung Philipps wird Alexander 335 v. Chr. makedonischer König, und Aristoteles kehrt nach Athen zurück, wo er das Lykeion gründet. Diese Bildungsstätte wird auch als die Schule der Peripatetiker (Wandelschule) bekannt, weil die Gespräche zwischen Schülern und Lehrern oft beim Spazieren in den schattigen Laubengängen auf dem Schulgelände stattfinden. Aristoteles befasst sich mit fast allen Wissenschaften und Künsten, er verfasst Werke zu so unterschiedlichen Wissensgebieten wie Physik, Chemie, Biologie, Zoologie, Botanik, Psychologie, Politikwissenschaft, Metaphysik, Ethik, Logik, Geschichte, Literatur und Rhetorik und setzt dabei auf mehreren Gebieten wichtige Grundpfeiler für die westliche Philosophie. Nach Alexanders Tod im Jahr 323 v. Chr. muss Aristoteles Athen wegen der starken antimakedonischen Stimmung verlassen. Wie vor ihm Sokrates wird er offiziell der Gottlosigkeit angeklagt. Daraufhin zieht er sich auf das Landgut seiner Mutter in Chalkis auf der griechischen Insel Euböa zurück. Dort stirbt er 322 v. Chr. im Alter von 62 Jahren.


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